Martialische Aufmärsche

Der 10. August ist in Ecuador ein Feiertag. In Bahía lassen es die Menschen eher ruhig angehen. Die Geschäfte haben jedoch geöffnet, denn es sich viele Touristen in der Stadt und die Geschäftsleute versprechen sich guten Umsatz. Man kann einkaufen oder Essen gehen wie an jedem anderen Tag des Jahres. Wir besuchten gerade eine Großtante meiner Frau (die Familien sind hier unglaublich weit verzweigt und alle Mitglieder wohnen im selben Ort), als die Truppen des örtlichen Armeekommandos direkt unter dem Balkon des Hauses der Tante vorbeiparadierten. Es mögen insgesamt um die fünfhundert Soldaten gewesen sein und alle waren in voller Kampfmontur angetreten. Sie waren ausgerüstet mit schwerem Marschgepäck und sie waren natürlich bewaffnet – was ist denn ein Soldat ohne seine Waffe! Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sie für eine Parade bis an die Zähne aufmunitioniert hatte – Schüsse, auch Salutschüsse, wurden jedenfalls nicht abgefeuert.

Die Hauptstraße des Ortes war zuvor für den Verkehr weiträumig gesperrt worden. Am Rande der Straße hatte man ein Zelt für die Honoratioren aufgebaut und davor befand sich eine kleine Rednertribüne. Natürlich war der Bürgermeister der Stadt anwesend nebst weiteren wichtigen Persönlichkeiten in Zivil. Darüber hinaus hatten sich noch höhere Chargen des Militärs eingefunden, darunter der Kommandeur jener Abteilung, die in den Straßen der Stadt angeteten war. Er hielt eine patriotische Rede, die – nach seiner Gestik zu urteilen – vor markigen Floskeln nur so strotzte. Unter dem Zeltdach saß auch ein Offizier in strahlendweißer Marineuniform. Bevor aber die an solchen Tagen üblichen Reden gehalten wurden, ließ man die Soldaten, die schon so unter der Hitze zu leiden hatten, noch Übungen abhalten, die wohl den stählernen Willen der Truppe manifestieren sollten: Da wurde das Bajonett aufgepflanzt, Kampfstellung eingenommen und gebrüllt, dass man meinte, die Truppe probe schon mal den Sturmangriff auf die Stadt. Die Tante meinte, soetwas hätte man noch nie in den Straßen Bahías gesehen.

Der martialische Aufmarsch könnte damit zusammenhängen, dass für den 13. August ein landesweiter Streik geplant ist. Eine Abordnung der indigenen Bevölkerung hat einen Marsch auf Quito unternommen, um der Regierung ihr Anliegen vorzutragen. Worum es genau geht, weiß ich nicht zu sagen, denn hier in Bahía lebt man wie auf einer der Inseln der Seligen; wichtige Nachrichten finden ihren Weg hierher erst mit Verspätung. Die Regierung fürchtet, die Situation könnte außer Kontrolle geraten und sie scheint es für geboten zu halten, der Bevölkerung klarzumachen, dass man dies nicht zulassen werde. In Ecuador können vermeintlich harmlose Anlässe zum Sturz ganzer Regierungen führen. In der Vergangenheit mussten schon Regierungen unter dem Druck der Straße zurücktreten oder wurden schlicht aus dem Amt gejagt – man stelle sich vor, soetwas wäre in Deutschland möglich. Gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten hat es in der Vergangenheit schon einen Putschversuch gegeben, der jedoch ziemlich lächerlich war und der letztendlich scheiterte, weil die Armee loyal blieb.

Der Aufmarsch der Armee dauerte vielleicht eine Stunde. Es herrschte eine unangenehme, drückende Hitze und mancher Soldat nutzte die Gelegenheit und schob seinen schwachen Kreislauf vor, um dem Spektakelt fernbleiben zu dürfen. Während die Kameraden in Habachtstellung und mit ernsten Gesichtern den Reden lauschten, sah man jene Schwänzer mit ihrer Marschausrüstung und ihrer Waffe in den kleinen Lokalen oder am Bürgersteig sitzen und Eis essen oder etwas trinken oder einen Snack vertilgen. Sie plauderten mit den Passanten und blickten auf die Vorgänge, die sich direkt vor ihren Augen abspielten, als gehörten sie gar nicht dazu. Dann, ganz plötzlich, war der Spuk vorbei; die Truppe rückte wieder ab, das Zelt wurde abgebaut, die Straßensperren entfernt und es war, als wäre nichts passiert.

Am Abend gehen meine Frau, mein Sohn und ich zusammen aus. Mit meiner Frau durch die Stadt zu flanieren, ist ein sehr zeitaufwändiges Vergnügen, denn alle paar Schritte begegnet ihr jemand, den sie kennt – und da die Stadt klein ist, kennt sie fast alle ihre Bewohner. Die Höflichkeit gebietet, dass man ein wenig Konversation betreibt, nach dem Befinden fragt, sich nach den Kindern erkundigt usw. Das ist alles sehr schön, doch am Ende kommt man nie dort an, wo man eigentlich hin will. Alles dauert ewig, denn es ist fast unmöglich, ohne solche erzwungenen Zwischenstopps zum Ziel zu gelangen. Die Leute haben Zeit, niemand hat es hier je eilig. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Wir haben kaum das Haus verlassen, da laufen wir an einem Restaurant vorbei und genau in diesem Moment tritt der Besitzer vor die Tür. Sein Name ist Miguelangel und natürlich kennt er meine Frau. Er ist etwa 1,90 Meter groß und etwa so angezogen, wie man sich einen New-Age-Sektenchef vorstellt. Als ich ihn so sah, musste ich sofort an Stromberg, den Bösewicht aus einem der Bond-Filme, denken. Seine Art ist nicht unangenehm, aber er ist Maitre eines Restaurants und man merkt, dass er den Umgang mit Gästen über Jahre eingeübt hat: Er ist überaus freundlich, leutselig und durch kleine Gesten erwirbt er sich schnell das Vertrauen seines Gegenübers. So klopft er jedem dauernd auf die Schulter, Frauen fasst er gern an der Hand, und auch sonst legt er eine auffallend patriarchalische und zugleich leutselige Attitüde an den Tag. Ich fühle mich irgendwie an den Großen Zampano erinnert. Für seine 73 Jahre hat er sich bemerkenswert gut gehalten. Er erfreut sich noch immer einer unglaublichen Haarpracht, in der gerade erst einige silberne Strähnchen schimmern. Sein Bruder ist übrigens Arzt und er hat schon mehrmals für das Bürgermeisteramt kandidiert. Der Bruder, obwohl älter, sieht sogar noch jünger aus. Beide stammen aus einer der besseren Familien der Stadt und beide sind stadtbekannt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir wieder wegkommen. Wir müssen versprechen, ihn irgendwann wieder zu besuchen.

Der Onkel meiner Frau betreibt einen kleinen Baustoffhandel in Leonidas Plaza. Das ist eine Art Vorstadt von Bahía de Caráquez, ein paar Kilometer landeinwärts. Innerhalb einer Woche wurde er zweimal überfallen. Die Diebe kamen mit gezogener Waffe und zwangen ihn, ihnen die Tageseinnahmen auszuhändigen. Die Polizei tut nichts. Viele im Ort mutmaßen, dass die Diebe mit den Gesetzeshütern unter einer Decke stecken. Natürlich ist das nur so ein Gerücht, das durch keinerlei Beweise erhärtet werden kann. Der Grund für die Überfälle sind meist Drogen und die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität. Das Problem ist nicht neu – als meine Frau noch zur Schule ging, hatte die Stadt bereits ein Drogenproblem und es waren und sind nicht nur die Angehörigen der ärmeren Schichten, die Drogen nehmen. Auch Kinder der reicheren Familien greifen zu verbotenen Substanzen und nicht wenige haben sich damit die Zukunft verbaut und letztlich ihr Leben zerstört.

Die Täter, so hört man, kommen aus Bahía. So viel scheint sicher; man weiß, wer sie sind, und dennoch unternimmt die Polizei nichts dagegen. Das ist für die Leute schwer zu verstehen. Vielleicht glaubt man deshalb, die Polizei würde auch noch an den Raubüberfällen verdienen. Vor einigen Tagen lief eine Cousine meiner Frau an der Standpormenade entlang. Sie hatte ihr Handy dabei und hielt es auch noch gut sichtbar in der Hand. Ein Motorrad brauste heran, der Fahrer entriss ihr blitzschnell das Handy und raste davon. Ich habe von dem Wunsch Abstand genommen, mit der Kamera durch die Stadt zu laufen und Bilder zu machen. Niemand trägt hier in der Öffentlichkeit Kameras oder Handys. Ich glaube, ich richte mich nach den Einheimischen. Der Onkel ist mit den Nerven übrigens ziemlich fertig und er erwägt ernsthaft, sein Geschäft an den Nagel zu hängen. Man kann es ihm nicht verdenken.

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