Laut Clausewitz sei es möglich, die Entscheidung auf dem Schlachtfeld zu erzwingen, indem man an einem eng begrenzten Abschnitt der Front die Truppenstärke derart erhöht, dass man dem Feind mit vielfacher Übermacht entgegentritt und er schließlich weichen muss. Die Verantwortlichen bei „Netlife“, unserem Internetanbieter, müssen Clausewitz gelesen haben: Montag morgen, pünktlich um 8:30 Uhr waren die Legionen angetreten, das Internet zu bezwingen. Der Internetanbieter warf diesmal seine kampferprobten Eliteeinheiten und dazu noch die Reserve in die Schlacht. Gemäß dem Clausewitzschen Axiom waren nicht bloß drei, auch nicht vier, wie bei den letzten Versuchen, sondern gleich fünf kampfgestählte Veteranen aufmarschiert, den Gegner niederzuringen. Wir hatten nur zwei Monate auf diesen Tag warten müssen, doch endlich, endlich war es soweit.
Die Truppe legte sich auch gleich mächtig ins Zeug und entfernte, kaum dass sie aufs Schlachtfeld (unsere Wohnung) marschiert war, alle Kabelboxen und alle Kabelverkleidungen. Selbst die Wechselsprechanlage für die Eingangstür wurde fachmännisch in ihre Einzelteile zerlegt. Mit diesem Zug hatte der Feind, so schlau er auch sein mag, offenbar nicht gerechnet und auch nicht mit dem folgenden, denn kaum waren die Verkleidungen entfernt, wurde die Offensive erst einmal gestoppt. Ich ging davon aus, dass die Vorgehensweise der Schlachtexperten einem ausgeklügelten strategischen Plan folgte.
Die nächsten Stunden vergingen in Müßiggang, doch es war die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm, welche die erfahrene Truppe selbstverständlich nutzten würde, um den letzten entscheidenden Angriff vorzubereiten. Meist standen die „Netlife“-Legionäre gelangweilt in unserer Wohnung herum und warteten. Der Eindruck täuschte natürlich und nur mir als Laien musste es so vorkommen, als ob die alten Frontschweine bloß Däumchen drehten. Doch der nächste Zug war schon vorbereitet und fünf Stunden verrannen in Windeseile.
Dann, es war mittlerweile fast zwei Uhr, hatte das Oberkommando offenbar den Befehl zum Vorstoß erteilt und die Bodentruppen begannen, hektisch Aktivität zu entfalten. Die Stunden müßigen Wartens entpuppten sich am Ende doch als der raffinierte taktische Zug, den ich die ganze Zeit vermutete hatte. „Netlife“ hatte leichtes Spiel, denn nachdem der Feind erst einmal eingelullt war, wurde er nun durch ein gleichermaßen unerwartetes wie blitzschnell ausgeführtes Manöver überrumpelt: Mit versierten Handgriffen legte man einen Kabelkanal auf die Wand und die Kabelbox wurde angeschlossen. Fertig!
Ich konnte es kaum glauben – nach nur fünfeinhalb Stunden hatten wir endlich Internet. Aber noch war die Schlacht nicht gewonnen, denn es würde noch einmal eine weitere Stunde bangen Wartens vergehen müssen, bis die Verbindung freigeschaltet wurde. Der Feind hatte eine Schlacht verloren, aber er gab sich noch lange nicht geschlagen. Listig spielte er seinen letzten Trumpf aus: Als ich am Abend ins Internet zu gehen versuchte, erhielt ich die mit einem fetten Ausrufezeichen versehene Meldung „Internet limitado“. Das bedeutete, dass die Kabelbox zwar einwandfrei funktionierte, es aber kein Internet gab. Zwei Tage später hatte der Hund, offenbar ein Mitglied der Fünften Kolonne, sämtliche Glasfaserkabel gefressen.
Fast schien es, der so hart errungene Sieg war zunichte gemacht, doch dem wiedererstarkenden Feind durfte in diesen entscheidenden Augenblicken keine Atempause gegönnt werden. Der feindliche Spion wurde umgehend in der Küche interniert und das Kriegsgericht verurteilte ihn zu Snackentzug. Noch einmal warf das „Netlife“-Hauptquartier zwei seiner besten Krieger in die Schlacht und diesmal hatte der geschwächte Feind keine Chance. Der Sieg war so vollständig, dass er sofort jeden weiteren Widerstand einstellte. Nimm das, Internet!
Anmerkung: Eigentlich bestand die ganze Arbeit in der Verlegung von ca. 150 Zentimeter Glasfaserkabel und dem Anschluss der Kabelbox. Dafür schickte „Netlife“ fünf Mitarbeiter. Die Ausführung der Arbeiten nahm insgesamt fünfeinhalb Stunden in Anspruch.