Ich gehe trainieren – eigentlich eine Wahnsinnsidee, denn in Bahía herrscht brütende Hitze. Doch hierzulande schert sich niemand um Temperaturen, es sei denn, es ist kalt, und zwar richtig kalt, und 16 Grad (plus, wohlgemerkt) gelten an der Küste schon als die Grenze unterhalb derer kein menschliches Leben mehr möglich ist. Die meisten haben in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen und ich glaube, sie können sich auch nicht recht vorstellen, wie es sich in der Eiseskälte lebt. An Wärme sind sie aber gewöhnt.
Das Studio befindet sich nur wenige Schritte vom Haus der Tante entfernt. Trotz der Hitze ist es erwartungsgemäß voll und die Jugend der Stadt stählt ihre Körper vorzugsweise mit schweren Hanteln. Ich habe das Studio kaum betreten, da fange ich auch schon an zu schwitzen als wäre ich in eine Sauna geraten. Alle Räumlichkeiten sind mit Lautsprechern gespickt, als wäre dies kein Sportstudio, sondern irgendein Tanzschuppen, und die Musik, die ständig aus den Boxen dröhnt, ist so laut, dass man ernstlich um sein Gehör fürchten muss. Eine Oase relativer Ruhe ist lediglich die Dachterrasse, aber auch hier ist der Lautstärkepegel noch hoch genug, dass man sich förmlich anbrüllen müsste, um sich verständlich zu machen. Einen positiven Effekt hat die ohrenbetäubende Lautstärke: Das Gedröhne macht aggressiv und bringt einen damit in genau die richtige Stimmung, die man für ein gutes Workout braucht.
Der Besitzer erkennt mich und grüßt freundlich. Er sieht etwas schläfrig und schlapp aus; wahrscheinlich hat ihn die Hitze schon weichgekocht. Ich gebe ihm die 1,50 Dollar für den Besuch des Studios und beginne damit, mich aufzuwärmen – eine Unternehmung, die mir angesichts der tropischen Temperaturen ein wenig sinnlos erscheint. Nach nur zehn Minuten bin ich in Schweiß gebadet und ich fühle mich so schwach, dass ich am liebsten nach Hause gehen und mich willenlos ins Bett schmeißen würde. Aber Training ist nun einmal Training und Ausreden zählen da bekanntlich nicht. Also bleibe ich und lasse es etwas langsamer angehen.
Allmählich komme ich dann doch in Fahrt und mein Kreislauf kommt mit den tropischen Temperaturen immer besser zurecht; wenn ich länger an einer Stelle verweile, bildet sich auf dem Boden sofort eine Schweißpfütze. Mein Shirt klebt mir wie ein nasser Waschlappen auf dem Leib. Mein Kreislauf ist noch nicht an die Hitze gewöhnt und ich habe mehrmals das Gefühl, mir würde schwarz vor Augen. Meine Lunge pfeift wie eine altertümliche Herzlungenmaschine. Ich muss längere Pausen als sonst einlegen, damit ich nicht zusammenbreche.
Während ich ausruhe, kann ich die anderen Trainierenden beobachten: Nur wenige scheinen wirklich zu wissen, was genau sie da eigentlich tun. Die Möchtegerns nehmen viel zu große Gewichte und wenn man ihnen dabei zuschaut, wie sie sie zu heben versuchen, hat man das ungute Gefühl, jeden Augenblick wäre man gefordert, Erste Hilfe zu leisten. Ein paarmal denke ich, gleich ist die Bandscheibe weg, aber am Ende passiert doch nichts. Glück gehabt – ein junger Körper verzeiht so manche Torheit. Für gewöhnlich greift der Besitzer ein, redet der sportelnden Jugend ins Gewissen und zeigt, wie es richtig geht. Aber heute hat er offenbar keine Lust, den bequemen Sessel zu verlassen, in dem er wie festgeklebt sitzt. Die mörderische Hitze lähmt auch den stärksten Willen.
Die lokale Fitnessqueen gibt sich wieder einmal die Ehre: hautenge Leggings im Tarnmuster und dazu das passende Stirnband, Sport-BH in Neonpink. Sie macht Crunches mit einer 20-Kilo-Platte und in der Tat ist ihr Sixpack so hart, dass eine Messerklinge daran zerbrechen würde. Anschließend pumpt sie immer wieder Sätze von mehreren Dutzend Liegestützen, ihre Zehenspitzen ruhen erhöht auf einer Bank und ihr Körper ist hart und gespannt wie eine Stahltrosse. Ich bin mir nicht sicher, ob einer der Typen im Studio es ihr gleichzutun könnte, trotz der dicken Arme, die man gern und oft zur Schau stellt. Mir scheint, sie hat die Vierzig schon überschritten, aber von Altersdegeneration hat dieser Körper noch nie etwas gehört.