Surfer und ungewöhnliche Jobs

27. Dezember: Weihnachten ist vorbei und das Leben folgt allmählich wieder seinem gewohnten Rhythmus – wenn es je davon abwich. Wir fahren nach Canoa. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwar ist es immer noch genauso warm wie an den vorangegangenen Tagen, aber der Himmel hat sich mit einer dicken Schicht aus grauen Wolken bedeckt und hin und wieder fallen ein paar Regentropfen. Es war mittlerweile fast Mittag geworden und unsere erste Station führte uns unweigerlich ins „Bambú“. Eigentlich wollten wir erst baden und dann essen, aber gegen ein so elementares körperliches Verlangen wie es Hunger nun einmal darstellt, lässt sich eben nicht ankommen. Außerdem war die Verführung einfach zu groß und das Lokal war um diese Zeit noch relativ leer, so dass wir einen guten Tisch ergattern konnten.

Mein Sohn bestellte für sich die ausgezeichnete Hühnchen-Lasagne, meine Frau nahm einen Salat und ich begnügte mich, da ich eigentlich gar keinen Hunger verspürte, mit einem geradezu göttlichen Batido de coco (einem dicken, süffigen Kokosshake). Wenn die Kokosnuss eine Bestimmung hat, dann doch wohl die, als Shake im „Bambú“ zu enden! Ein großes Kelchglas hätte sicherlich gereicht, um den Magen zu füllen, aber keineswegs um den Appetit zu stillen. Deshalb genoss ich noch ein zweites Glas. Danach fühlte ich mich dann allerdings wie eine Stopfgans und das reichhaltige Getränk sättigte mich für den ganzen Tag. Meine Frau, durch ihr Salätchen durchaus noch nicht gesättigt, bestellte sich dann aus Neugier auch noch einen Shake und auch sie war begeistert, wie unglaublich lecker er schmeckte. Als sie ihren Batido schlürfte, meinte sie, Coco sei eher eine Speise der Armen; Reiche würden die nahrhafte Nuss verschmähen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass jemand diesen unglaublichen Shake zurückweisen könnte.

Am Tisch neben uns hatte eine junge Familie Platz genommen. Der Vater sah aus wie ein Gangster-Rapper und benahm sich auch so: Er trug eine bunte Cap, eine schwarze Sonnenbrille verdunkelte seine Augen und er hatte die ganze Zeit Ohrstöpsel im Ohr – selbst ich konnte die Musik hören, obwohl er einige Meter entfernt saß. Dann kam das Essen, für ihn jedoch kein Grund, die Hörer aus den Ohren zu nehmen oder die Mütze abzunehmen, geschweige denn die Sonnenbrille. Während er aß, hatte er auch noch Zeit, die neuesten WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy zu checken und darauf zu antworten. Seine Frau und seine kleine Tochter saßen wie ein paar Fremde mit am Tisch. Wie peinlich muss man denn sein, ehe man es selber merkt?

Das Meer vor Canoa war so herrlich und schien so ursprünglich wie beim ersten Mal, da ich diesen Ort besucht hatte. Die Flut lief ein und türmte die Wassermassen zu zwei Meter hohen Wellen, auf deren Kämmen Schaumkronen glitzerten. Die Brecher rollten weit auf den Sand. Der Strand selbst war an diesem Tag nicht übermäßig mit Badegästen gefüllt. Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die Schulen hatten Ferien und wer es sich leisten kann, fuhr an die See, um unbeschwerte Tage am Strand zu genießen. Dennoch wirkte der Strandbetrieb eher beschaulich und ich wunderte mich darüber – was könnte einen denn daran hindern, diesen wundervollen Ort zu besuchen?

An diesem Tag sah man viele Surfer und im Gegensatz zu ihren Kollegen in Long Beach, New York, vermochten diese Leute die Wellen wirklich zu reiten. In Long Beach hatte man etwa neunzig Prozent des Strandes als Surfer-Beach deklariert und an den Abschnitten, die den Surfern vorbehalten waren, sorgte die Strandaufsicht dafür, dass man dem Wasser auch ja nicht zu nahe kam. Ein paar Wagemutige versuchten ihr Glück in den nicht sehr hohen Wellen, aber meist lagen sie eher unter dem Brett, als dass es ihnen gelungen wäre, länger als zwei Sekunden darauf zu stehen. Hier in Canoa scherte sich niemand darum, ob Surfer und Schwimmer sich vertrugen, und an manchen Abschnitten des Strandes, an denen man besonders viele Bretter sah, war es ratsam, stets auf der Hut zu sein, damit einem nicht der Kopf von so einem dahinjagenden Brett von den Schultern getrennt wurde. Aber die Surfer waren verträgliche Leute und machten gern Platz und suchten sich ein anderes Revier, wenn sie sahen, dass zu viele Schwimmer im Weg waren.

Manche der Wellenreiter waren echte Könner: Sie ruderten zweihundert Meter auf die See hinaus und wenn sie dort, wo das Meer sich wie ein Berg aufzutürmen begann, eine Welle erwischten, ließen sie sich von ihr mit einer Leichtigkeit, um die man sie nur beneiden kann, bis zum Strand tragen. Einen jungen Surflehrer erkannte ich wieder. Seine bevorzugte Klientel sind dralle und immer weißhäutige Touristinnen, die er bäuchlings aufs Brett legt und dann durch die Wellen schiebt, dass sie nur so kreischen. Das ist sicherlich ein Job, für den sich in keinem Job-Center der Welt eine aussagekräftige Beschreibung finden ließe.

Am Nachmittag zog der Himmel immer mehr zu und dann begann es zu regnen. Der Regen war wie eine warme Dusche und obwohl ich bald völlig durchnässt war, fror ich kein bisschen. Man behielt die nassen Sachen einfach an und irgendwann würde die Sonne sie wieder trocknen. Bei einem Strandspaziergang kamen uns Einheimische auf Pferden entgegen. Sie fragten uns, ob wir auch einmal über den Strand reiten wollten. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen und das war wohl eher ein handzahmes Pony, das auch bloß brav im Schritt ging. Ich lehnte ab. Ein Stück weiter kamen uns Jungs auf Crossmaschinen entgegengeknattert. Sie versuchten mit den Reifen Kreise in den Sand zu ziehen, aber scheiterten jedes Mal jämmerlich. Um ein Haar wäre der eine von ihnen sogar gestürzt. Überhaupt schienen sie die Maschinen nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben und wir hielten vorsichtshalber Abstand.

Die Flut türmte das Meer immer weiter auf. Wenn man im Sand saß und über den Strand zum Wasser blickte, hatte man den Eindruck, das Meer würde sich in einer gewaltigen Flut erheben und alles Land verschlingen. Unter dem grauen Himmel erschienen die Wassermassen wie ein schwarzer Berg, der sich mit ungezügelter Gewalt auf das Land warf. Der tiefhängende graue Himmel bewirkte, dass der Horizont tatsächlich höher zu liegen schien als das Land. Man fühlt förmlich, welch ungeheure Kraft dem Ozean innewohnt.

Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und höchste Zeit für den Aufbruch. Wir verabschiedeten uns von Canoa und fuhren zurück nach Bahía. Von der Brücke aus, die das weite Delta des Río Chone überspannt, warfen wir einen letzten Blick auf einen fast schwarzen Pazifik unter einem bleigrauen Himmel.

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