Secuestro express

Der Erfindungsreichtum des kriminellen Milieus macht immer wieder staunen, denn es gibt kaum etwas, das findige Verbrecherhirne nicht ertüftelt hätten, und es scheint eine unumstößliche Regel zu sein, dass man immer erst dann von den genialen Geistesblitzen der Kriminellen erfährt, wenn es zu spät ist und man selbst oder jemand, den man kennt, den ausgeklügelten Machenschaften zum Opfer gefallen ist.

Einen Quantensprung im Entführungsfranchise, vergleichbar nur mit der Einführung des Strahltriebwerks im Flugzeugbau, bedeutet der sogenannte Secuestro express, die „Express-Entführung“. Gewöhnliche Entführungen, wie man sie etwa aus Somalia kennt, haben den Nachteil, dass man ein Opfer finden muss, das den Aufwand tatsächlich lohnt. Welches Lösegeld wollte man denn etwa von einem Toilettenpächter verlangen (es sei denn, der Mann ist Millionär und das Pachtbusiness ist nur sein etwas exzentrisches Hobby)? Im Falle Somalias ist es dagegen nicht schwer, ein Opfer zu finden, das Profit verspricht, denn jeder, der auf einem Schiff vor der Haustür vorbeifährt, ist in der Tat wohlhabender als die Entführer. Außerdem besteht ein nicht geringes Risiko für die Kidnapper, da der Entführte über Tage oder Wochen gefangengehalten werden muss. Eine Verwicklung der Polizei scheint umso wahrscheinlicher, je länger die Entführung dauert.

Die Express-Entführung schafft da Abhilfe. Mit dem Epitheton „Express“ schmücken sich normalerweise solch nützliche Dinge wie die Express-Reinigung, die Express-Reparatur oder der Express-Lift. Positiv ist an dieser Art der Entführung allein, dass man dem Gastgeber nicht über Tage, Wochen oder gar Monate als unfreiwilliger Hausgast zur Last fällt. Ist die Unternehmung zur Zufriedenheit der Entführer ausgegangen, darf man damit rechnen, schon nach ein paar Stunden wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Kennzeichen jeder Express-Entführung ist, dass das Opfer stets in den letzten Stunden vor Mitternacht entführt wird oder sogar nur wenige Minuten vor Anbruch des neuen Tages. Damit wird sichergestellt, dass man die Konten des Opfers gleich zweimal bis zum Tageslimit schröpfen kann.

Das Schöne am Secuestro express aus der Sicht der Entführer ist, dass die Zielperson keineswegs erst durch hartnäckige Überzeugungsarbeit in ein Auto komplimentiert werden muss, denn die Täter sind ganz unauffällig mit dem Taxi unterwegs. Und Hand aufs Herz: Wer würde in einer dunklen Nacht, noch dazu in einer nicht sonderlich einladenden Gegend nicht lieber das vermeintlich sichere Taxi nehmen als den von Gestalten und merkwürdigem Gelichter heimgesuchten Bus? Damit man keine böse Überraschung erlebt, hat man ein sogenanntes Taxi amigo. Das ist ein Taxifahrer, den man kennt und dem man vertraut, und wenn man einmal ein Taxi braucht, empfiehlt es sich, stets nur das Taxi amigo zu rufen.

Doch manchmal verleiten einen die Umstände zur Unvorsichtigkeit und man steigt in ein Taxi, dessen Betreiber keineswegs nur nach Taxameterstand abrechnen. Hat der arglose Passagier erst einmal im Fond Platz genommen, unternimmt die Reiseleitung, die bei Gelegenheit zusteigt, mit ihm eine Tour durch die Stadt. Doch das ist schon ein merkwürdiger City-Trip, denn die meisten Sehenswürdigkeiten werden ausgelassen und die Reiseroute beschränkt sich doch sehr einseitig auf den Besuch diverser Bankautomaten. Dort lässt der Tourveranstalter immer wieder Geldbeträge auszahlen – vermutlich zur Abgeltung der Honorare für die Tour-Guides. Ist das Tageslimit ausgeschöpft, wartet man bis nach Mitternacht und schon geht die Reise weiter; Verzögerungen werden nicht geduldet, denn die Leute wollen schließlich etwas geboten bekommen für ihr sauer Erspartes. Der Trip ist beendet, wenn sämtliche Kreditkarten gesperrt und die Taschen der Kriminellen gefüllt sind. Der unfreiwillige Tourist wird, sofern er nur artig ist und sich nicht über das Tourprogramm und die Reiseleitung beschwert, unversehrt in die Nacht entlassen. Vom weiteren Nachtprogramm wird er sicher mangels Liquidität Abstand nehmen wollen.

Eine Cousine meiner Frau wurde einmal in Guayaquil Opfer eines Secuestro express. Wie jedermann in Ecuador hatte auch sie ein Taxi amigo, aber an diesem Abend muss es wohl schierer Leichtsinn gewesen sei, der sie dazu verleitete, nicht das vertrauenswürdige Taxi zu rufen, sondern in den erstbesten Wagen zu steigen, der sich anbot. Unterwegs fragten sie die Entführer, was sie denn so mache. Sie gab sich ganz naiv und log, sie sei nur eine einfache Empleada und arbeite im Haushalt einer Familie (Empleadas sind die Angestellten in Privathaushalten). Hausangestellte gelten hierzulande nicht als Großverdiener und offenbar wusste die Entführte ein solches schauspielerisches Talent zu entfalten, dass die Kidnapper ihr tatsächlich glaubten. Den Entführern muss schlagartig klargeworden sein, dass der Aufwand nicht lohnt, und sie ließen sie gehen, noch ehe man sie unsanft zu einer Abhebung überredet hatte. Es war ihr Glück, dass die Kriminellen die Enttäuschung über das entgangene Salär nicht an ihrem Opfer ausließen.

Nicht immer aber gehen solche Entführungen so glimpflich aus wie in diesem Fall, denn unter den Entführern findet sich weit häufiger der brutale Abschaum der Gosse als der Gentleman-Ganove, der sein Opfer an der nächsten Bushaltestelle mit einem Handkuss, Kleingeld für die Heimfahrt und dem guten Rat, doch ja vorsichtig zu sein, in die Freiheit entlässt. Eine deutsche Austauschlehrerin musste vor Jahren diese traumatische Erfahrung machen. Leider hatte sie nicht so viel Glück wie die Cousine meiner Frau und mit der Gewalt einer lebensbedrohenden psychischen Katastrophe trat genau jener Horror in ihr Leben, den eine erwachsene Vorstellungskraft sich angesichts der Umstände leicht auszumalen imstande ist.

Solche Entführungen kommen immer wieder vor und man kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und versuchen, gefährliche Situationen zu meiden, aber vollkommenen Schutz gibt es leider nicht. Als wir vor vier Jahren, aus Deutschland kommend, in Guayaquil landeten, holte uns mein Schwager vom Flughafen ab. Es war schon dunkel und schwarze Nacht schloss den Flughafen ein wie ein Berg aus Kohlestaub. Ich wunderte mich, warum wir, nachdem wir die letzten Kontrollen passiert hatten, in der Lobby des Flughafens warteten wie in Erwartung irgendeines messianischen Ereignisses, statt einfach nach draußen zu gehen, um ein Taxi herbeizurufen.

Guayaquil ist eines der unsichersten Pflaster in ganz Ecuador, denn die Klassengegensätze prallen nirgendwo mit solcher geradezu schon elementaren Gewalt aufeinander wie hier. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptstadt des Verbrechens gibt, dann ist die vor Leben pulsierende Hafenstadt die unangefochtene Metropole des Landes. Am Abend ein sicheres Taxi zu finden, kommt da fast schon einem Kunststück gleich. Aber schließlich hatte der Schwager doch Erfolg. Nach welchen Kriterien er das Taxi aussuchte, bleibt für mich aber vollkommen rätselhaft. Doch wer hier schon immer lebt, hat einen ganz anderen Blick für die Gefahren des Alltags entwickelt. Mit seiner Wahl lag er jedenfalls goldrichtig, denn schließlich blieb uns die nächtliche Rundfahrt zu den Bankautomaten der Stadt erspart.

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