Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.

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