Im Lichte neuer Informationen scheint die erste Prognose, wonach Bahía das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden hätte, wohl hinfällig. Man geht inzwischen davon aus, dass achtzig Prozent der Stadt verwüstet sind. Viele Häuser stehen noch, aber man muss annehmen, dass die Statik gelitten hat und dass man sie früher oder später wird abreißen müssen. Die meisten Städte der Küstenregion sind betroffen. Auch Manta, die große Hafenstadt am Pazifik, soll erhebliche Schäden davongetragen haben. Präsident Rafael Correa hat seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig beendet und ist umgehend in die Regionen des Landes gereist, die am stärksten von den Auswirkungen des Bebens betroffen sind. Es heißt, als er die Verheerungen in Manta sah, sei er den Tränen nahe gewesen.
Manche Städte, wie Pedernales, sind vollkommen zerstört worden. Es gibt viele Todesopfer zu beklagen. In Canoa ist das Hotel „Canoa Beach“ eingestürzt. Dabei wurden Hotelgäste, unter ihnen Schweden, Dänen, Italiener, Amerikaner und auch Deutsche, verschüttet. Viele von ihnen sind offenbar noch am Leben, aber sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie könnten gerettet werden und man hofft und bangt, dass in der nächsten Zeit Hilfe eintreffen wird. Da auch Deutsche zu den Opfern gehören, wurde die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland informiert und gebeten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Menschen zu helfen. Der ecuadorianische Staat ist angesichts des Ausmaßes der Katastrophe schlicht überfordert. Die Behörden tun, was in ihren Kräften steht, doch oft reichen die Kräfte einfach nicht aus.
Hilfe gelangt nur schwer in die betroffenen Regionen. Viele Gegenden sind von der Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten und es drohen Epidemien. Die Regierung hat Hilfskonvois organisiert, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen.
Leider haben in der Stunde der größten Not immer auch die skrupellosesten Elemente einer Gesellschaft Konjunktur. Dann ist die Zeit der Verbrecher, der Spekulanten und der unmoralischen Geschäftemacher gekommen. Dass Häuser und Geschäfte geplündert werden, erachtet man dabei noch als das geringste Übel. Man hört jedoch davon, dass einige Konvois von Banden überfallen worden seien: Wegelagerer zwangen die Helfer und Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihnen die Hilfsgüter auszuhändigen. Wer sich da weigert, den Anordnungen Folge zu leisten, hat entweder zu viele Actionfilme gesehen oder ist einfach nur dumm. Man weiß nicht, ob man aus schierer Not stiehlt, weil man die Hilfsgüter dringend zur Eigenversorgung benötigt, oder ob man die Gelegenheit für das große Geschäft wittert. Vieles ist denkbar und nur wenig davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
Es tut mir in der Seele weh, Bahía so am Boden zu sehen. Ich kenne die Stadt nun schon seit vielen Jahren und es war immer schön zu erleben, wie der Fortschritt Einzug hielt und wie die Stadt sich mit den Jahren veränderte, ohne dass sie ihren unverwechselbaren Charakter einbüßte. Bahía hatte sich durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch stets seinen Charme bewahrt. Es wird lange dauern, bis die Stadt wieder zu ihrer alten Heiterkeit zurückfindet. Ich hoffe sehr, dass ihre Einwohner sich nicht entmutigen lassen, denn so klein die Stadt auch sein mag, Bahía hat Bedeutung: Ein Ecuador ohne Bahía de Caráquez wäre ein sehr viel ärmeres Land.
Die meisten Informationen, auf die ich mich stütze, habe ich über Facebook bezogen. Ich mag Facebook nicht und es ist daher auch nicht mein Account, über den Nachrichten zu mir gelangen, sondern der meiner Frau. Es scheint, sie steht mit halb Ecuador in Verbindung und die Nachrichten gehen bei ihr in solch dichter Folge ein, dass ich fast glaube, ihr Notebook sei einer der großen Knotenpunkte des Cyberkosmos. Für die Richtigkeit der Angaben kann ich freilich nicht garantieren, denn niemand von uns ist bisher in der Küstenregion gewesen und hat die Verheerungen mit eigenen Augen gesehen. Was ich weiß, habe ich letztlich von anderen erfahren. Denn das ist wohl der Segen und auch der Fluch unserer Welt – nämlich dass wir alles wissen können, doch dass wir es von anderen erfahren müssen.
[Anmerkung: Die Bilder wurden von meiner Frau knapp zwei Wochen nach dem Beben aufgenommen.]