Nach der Katastrophe

Niemanden, der fähig ist, auch nur ein wenig Mitleid zu empfinden, lassen die Geschehnisse der letzten Tage kalt. Die Folgen des Erdbebens sind so schrecklich, dass es nur gerechtfertigt wäre, diesen Blog dem Bericht darüber zu widmen. Das ist keineswegs ironisch oder gar zynisch gemeint, denn das Ausmaß der Zerstörung und das dadurch hervorgerufene Leid verdienten, dass die Welt davon erfährt.

Doch bei allem Mitgefühl denen gegenüber, die Angehörige und Freunde verloren haben, die eine unerbittliche Natur über Nacht mit nichts weiter als der Kleidung am Leib in die Obdachlosigkeit getrieben hat und denen das Beben alle Brücken in ein normales Leben zerstört hat, auf dass sie den Straßen der Hoffnungslosigkeit in eine ungewisse Zukunft folgen müssen – Odyssea americana ist dem Leben verpflichtet, und zwar dem Leben in allen seinen Facetten. Und das Leben, von dem zu berichten sein wird, geht weiter, trotz der schrecklichen Ereignisse in Ecuador und anderswo auf der Welt. Denn dass die Katastrophe nicht die ganze Welt in den Untergang gerissen hat, entbindet nicht von der menschlichen Pflicht, um die Toten zu trauern und denen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Ich will von Ereignissen berichten, die vor dem Erdbeben stattgefunden haben. Sofern von der Costa und von Bahía die Rede ist, wird man in meinen Schilderungen deshalb eine glücklichere Welt vorfinden, eine Welt, die sich allem Anschein nach in der sicheren Überzeugung wiegte, die heitere Abfolge unbeschwerter Tage würde nie ein Ende nehmen. Doch es musste alles einmal enden, nur wann die schreckliche Stunde eintreten würde, konnte niemand voraussehen. Mein Bericht aus einer Zeit, die gerade einmal einige Wochen zurückliegt, ist zugleich auch die Beschreibung einer Vergangenheit, die es nicht mehr gibt. Denn das alte Bahía ist zerstört und es wird nie wieder auferstehen.

An Quito und seinen Einwohnern ist die Katastrophe indes spurlos vorübergegangen. Nichts hat sich verändert und ich sitze hier an meinem Computer und fabuliere von der Welt da draußen, als hätte es nie ein Erdbeben gegeben. Wenn mich dann die Meldungen von der Küste erreichen, habe ich fast den Eindruck, ich befände mich auf einer Insel der Ruhe und des Friedens inmitten eines tosenden Ozeans der Zerstörung.

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