The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

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