Papallacta ist ein kleines Städtchen, das verlassen im Talgrund zwischen hohen Bergen liegt. Es gibt nicht viel zu entdecken und kaum etwas zu sehen. Der Strom der Touristen fließt zuverlässig an diesem Ort vorbei, denn die eigentliche Attraktion sind die Thermen. Wir hielten kurz und ich kaufte mir eine Tüte Caña de azucar, geschnittenes Zuckerrohr. Man kann den süßen Saft auskauen und tatsächlich erinnert der Geschmack ein wenig an braunen Rohrzucker. Schade, dass man frisches Zuckerrohr nicht in Deutschland bekommt.
Die Thermen liegen etwas oberhalb der Stadt und wenn man dorthin gelangen möchte, muss man eine Ausfahrt nehmen. Die Hauptstraße kerbt sich durch den Ort wie ein Messer durch eine Torte und die Ausfahrt schwingt sich irgendwann unvermittelt als scharfe Rechtskurve in die Höhe. Nicht wenige verpassen sie und ist man erst einmal vorbeigefahren, kann man nicht wieder zurück. Vielmehr ist man gezwungen, einer schmalen Einbahnstraße zu folgen, einer Schotterpiste, die zunächst um die steile Flanke eines Berges herumführt und schließlich in einen Rundkurs mündet. Man braucht eine Viertelstunde, ehe man wieder am Ausgangspunkt angelangt ist. Doch eigentlich ist das kein Drama, weil die Strecke eine Vielzahl landschaftlicher Glanzpunkte bietet, und am Ende ist man sogar froh darüber, diesen idyllischen Abzweig gefunden zu haben.
Einige Besucher ignorierten freilich die Schilder, drehten und befuhren die Straße als Geisterfahrer. Ich weiß nicht, wie es ihnen überhaupt gelingen konnte zu wenden, denn die Straße war so schmal, dass man schon in die Büsche fahren musste, wenn man einem entgegenkommenden Fahrzeug nur ausweichen wollte. Zwar setzten sie sich der Gefahr aus, den steilen Hang herunterzustürzen (oder andere über die Klippen zu schieben), aber zumindest hatte man wieder unglaublich viel Zeit gespart. In den menschenleeren Anden kommt es nämlich auf jede Minute an. Que gente!
Als wir dann endlich auf dem Parkplatz der Thermen eintrafen, ahnten wir bereits, dass dies kein vergnüglicher Ausflug mit unbeschwertem Badespaß werden würde: Der Parkplatz war so dicht zugestellt wie die Parkfläche vor dem Olympiastadium während des Pokal-Endspiels. Ich kurbelte den Wagen durch die engen Gassen bis ich fast schon aufgeben wollte, als ich wundersamerweise doch noch einen freien Platz fand – offenbar der letzte weit und breit.
Wir spazierten ein wenig durch die Anlage. Die Thermen erweckten ganz den Eindruck eines touristischen Knotenpunktes. Das Gelände war so überlaufen wie die Stadtparks in Berlin zu Ostern, wenn die Leute zur Eiersuche ausschwärmen. Die weitaus meisten Besucher schienen Ecuadorianer zu sein, wenn man auch hin und wieder in der Menge die typischen Attribute des abenteuernden Auslandstouristen ausmachen konnte: Cargohosen, Trekkingstiefel und der große Wanderrucksack, vorzugsweise in Tarnfarben. Viel Vergnügen bereitet so ein Ausflug nicht, zumal man manchmal das Gefühl hat, wie ein Lachs zur Laichwanderung inmitten eines dichten Stroms aus Lachsen zu schwimmen.
Wir ließen uns mit der Menge treiben und irgendwann standen wir vor dem Eingang zu den Thermalbädern. Ich schickte meine Frau vor, weil ich keine Lust auf Kuscheln zwischen fremden Leibern hatte. Die Wartezeit betrug zwei bis drei Stunden. Mehrere Dutzend Besucher hatten sich vor uns angemeldet und zwei bis drei Stunden war natürlich nur eine Schätzung. Es hätte auch länger dauern können.
Von der überfüllten Lobby aus warfen wir einen Blick ins Innere, um abzuschätzen, ob sich die lange Warterei überhaupt lohnen würde: Man sah ein halbes Dutzend flacher Becken, in denen die Menschen erschlafft wie nach einer römischen Orgie lagen. Wahrscheinlich hatte sie das heiße Thermalwasser regelrecht paralysiert, denn sie trieben so bewegungslos in den Pools wie die Olive im Martini. Man sah überwiegend Ältere die arthritischen Leiber in diesen Quell der ewigen Jugend tauchten, wohl in der Hoffnung, dass das warme, mineralreiche Wasser ihren steifen Gliedern die Geschmeidigkeit der Jugend wiederzugeben vermöchte. Der Bäderbereich erinnerte an die Saunalandschaft irgendeiner großen Therme in Brandenburg, aber darüber hinaus gab es eigentlich nicht viel, dessentwegen ein Besuch gelohnt hätte. Ach ja, Handtuchservice gab es auch.
Wir entschieden uns dagegen zu warten. Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich noch ein zweites Bad, und diese Anlage erinnert eher an ein richtiges Schwimmbad. Hier können Kinder auch einmal toben, ohne den Unmut der älteren Badegäste zu erregen. Und man ist auch nicht gehalten, die ganze Zeit über im Wasser zu sitzen, als wäre man eine Kaulquappe. Wir warfen einen Blick hinein – normaler Badebetrieb; nichts, was man nicht schon Hunderte Male an Berlins Seen und in seinen Schwimmbädern erlebt hätte. Doch in Ecuador gibt es keine öffentlichen Badeanstalten und nur Verrückte oder Selbstmörder würden auf die Idee kommen, sich in die kalten Seen der Anden zu werfen. Eine Badekultur, wie man sie etwa aus Berlin mit seinen vielen Freibädern gewohnt ist, kennt man hier nicht, und wenn man doch einmal ins Wasser will, muss man schon an die Strände des Pazifiks fahren.
Ein großes Schwimmbecken ist für viele fast schon eine Sensation. Nicht für mich – im Sommer kann ich jeden Tag an den Orankesee fahren und im Winter könnte ich immer noch eines der zahlreichen Schwimmbäder in der Stadt besuchen. Papallacta liegt ziemlich hoch in den Bergen und deshalb kam es uns zuweilen recht kühl vor. Wenn man nicht frieren will, muss man eben doch dauernd im warmem Wasser sitzen, und nach einer Stunde hat man dann ohnehin genug. Mir war die Lust auf Freibad vergangen. Ihren Mienen konnte ich ablesen, dass meine Frau und mein Sohn nicht anders empfanden.
Wir suchten an diesem Tag noch ein Restaurant auf und spazierten noch ein wenig durch die Bäderanlage. Wirklich viel zu sehen gab es eigentlich nicht. Der Reiseführer hatte insofern die Wahrheit verkündet, als die ganze Anlage bis zur letzten Fliese internationalem Standard entspricht. Ein Tourist aus Europa oder aus den USA findet hier dasselbe angenehme Ambiente vor, wie er es für eine ähnliche Einrichtung zuhause erwarten könnte. Man war so sehr bemüht, die Bäderanlage internationalen Maßstäben anzugleichen, dass man sich fragt, was hier eigentlich noch ecuadorianisch sein soll. Man könnte Urlaub in irgendeinem Wellness-Hotel im Spreewald machen und würde kaum einen Unterschied feststellen (abgesehen natürlich von der Landschaft). Auch die Preise würden sich wahrscheinlich kaum unterscheiden, denn für eine Übernachtung in einem der kleinen Hotels zahlt man um die zweihundert Dollar. Dafür darf man dann aber auch die hauseigenen Pools nutzen, die jedoch oft so klein sind, dass sie eher großen Badewannen gleichen.