Ecuador ist nicht nur ein Bananenimperium – das Land ist der weltgrößte Exporteur –, sondern gilt auch als der größte Produzent von Edelkakaos. Edelkakaos machen nur etwa fünf Prozent der gesamten Weltproduktion aus, aber davon bestreitet Ecuador allein schon drei Fünftel. Kakao hat seit der Erringung der Unabhängigkeit von Spanien immer wieder die Geschicke des Landes bestimmt, doch die Zeiten, da mächtige Kakaobarone sich in die Politik einmischten und versuchten, dem Land ihren Willen aufzuzwingen, sind lange vorbei. Heute heißt der Kakao Öl und die Förderung ist fest in staatlicher Hand.
Bei der Herstellung von Schokolade verlässt man die eingetretenen Pfade: Statt auf Massenware zu setzen, hat man sich auf Sortenschokoladen, vorzugsweise aus Edelkakao, spezialisiert. Die letzten Jahre haben einen wahren Kakaoboom gesehen. Dutzende Labels, die Handwerksschokoladen aus erlesenen Kakaosorten vertreiben, sind buchstäblich aus dem Boden geschossen. Oft handelt es sich um Manufakturen, in denen ein Großteil der Arbeit noch tatsächlich von Hand erledigt wird.
Ein schönes Beispiel ist „Cacao & Cacao“, ein Unternehmen, das eine Kette kleiner Cafés in Quito betreibt. Man kann dort edle Schokoladen und hochwertige ecuadorianische Kaffees aus eigener Röstung kaufen, aber der eigentliche Star ist die heiße Schokolade, die so gut ist, dass man nach dem Genuss schon fast sein Leben überdenken möchte. Als meine Frau mich vor der Tasse sitzen und versonnen die Rose anstarren sah, die der Barrista in den Schaum gezaubert hatte, mochte sie wohl glauben, ich wäre versucht, eine Wahl zwischen ihr und der Schokolade zu treffen. Ich gestehe, ich hatte noch eine zweite Tasse, doch dann war die Liaison beendet – nur eine schnelle Affäre, mein Schatz, nichts Ernstes.
Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals begegnete einem ein gänzlich anderes Land und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich wunderte und wie bestürzt ich darüber war, dass man nirgendwo hochwertige Schokolade aus einheimischer Herstellung kaufen konnte. Zwar fand man in den Regalen der Supermärkte auch schon damals die Produkte der großen internationalen Produzenten wie Nestlé oder Hershey, aber die Vielfalt der Sorten aus einheimischer Produktion, wie sie der Schokoladenliebhaber heute genießen kann, suchte man vergeblich.
„Manícho“ gab es natürlich schon viel länger, wahrscheinlich sogar schon zu Zeiten der Clovis-Leute, und die genaue Lage der Mine, in der Schokoladensüchtige die Tafeln mit bloßen Händen aus dem Gestein kratzen, ist nach wie vor ein streng gehütetes Geheimnis. Manícho ist eine Vollmilchschokolade mit gerösteten Erdnüssen (Maní y Chocolate – Manícho), nichts Besonderes also, aber ich liebe den Stoff, der mich schon so manches Mal vor dem Hungerkoma bewahrt hat.
Ich kann bezeugen, dass man mit einem Manícho im Bauch auch die größte Herausforderung besteht, die dem Reisenden in diesem an Herausforderungen nicht armen Land begegnen kann: den Besuch der Shopping-Mall mit der Partnerin. So ein Manícho baut auf und hebt die Stimmung. Und einen Stimmungsaufheller braucht man unbedingt, wenn man fühlt, dass einem zwischen Boss und Banana Republic (was für ein passender Name im Land der Banane) allmählich der Verstand abhanden zu kommen droht.
Neben Andrés Gómez und Jefferson Pérez waren in meinem Bewusstsein stets drei Dinge verankert, für die Ecuador berühmt ist: Bananen, Kaffee, Kakao. Wie Manícho gab es natürlich auch Bananen oder Guineos, wie sie hierzulande genannt werden, schon lange und seit der Erfindung des Kühltransports ist Ecuador zum weltgrößten Exporteur der gelben Früchte aufgestiegen. So mancher ecuadorianische Austauschlehrer im Ausland musste sich schon von seinen Schülern fragen lassen, ob er in der Bananenkiste eingereist sei (Wir haben so gelacht, während meine Frau mit verkniffenem Mund daneben stand und grollte). Aber das ist eine der vielen Wahrheiten dieses Landes: Ecuador, das sind vor allem Bananen (und neuerdings auch Öl).
Kakao und Kaffee haben erst in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Auf meiner ersten Reise 1992 war es unmöglich, irgendwo guten Kaffee zu bekommen, und ich weiß noch genau, wie enttäuscht ich darüber war. Merkwürdig genug, schien dieses Manko keinen Ecuadorianer wirklich zu bekümmern. Heute ist das natürlich anders: Kaffeehaus-Ketten breiten sich im ganzen Land aus und gepflegte Cafés, aus denen einem der köstliche Duft frisch gerösteter Bohnen so unwiderstehlich wie eine Überdosis Pheromone in die Nase steigt, finden sich mittlerweile zumindest in jeder größeren Stadt (siehe auch meinen Blogpost „Leder, Pilger und Kaffee“).
Die Edelkakaos, die auf den fruchtbaren Böden des Landes gedeihen, werden überwiegend zu nicht weniger edlen Handwerksschokoladen oder zu Sortenschokoladen verarbeitet. Wie beim Kaffee bestimmen nämlich Sorte, Bodenqualität und Klima das Aroma. Beim Wein spricht man vom Terroir, bei Kakao haben sich solche subtilen Unterscheidungskriterien aber nicht eingebürgert, auch bedingt durch den Umstand, dass Schokolade aus industrieller Massenfertigung die feinen Nuancen des Aromas entbehrt. Doch es sind nur die Connoisseure, die solche Feinheiten zu schätzen wissen. Dem Schokoladensüchtigen kommt es lediglich darauf an, seine Synapsen mit der täglichen Dosis Glück zu fluten, die der Genuss des theobrominhaltigen Stoffes verheißt.
Ganz überwiegend handelt es sich bei den Chocolates artesanales, den Handwerksschokoladen, um dunkle Sorten, die einen unverfälschten Schokoladengenuss gestatten, ohne den im wahrsten Sinne des Wortes bitteren Nachgeschmack, den man beim Verzehr von Industrieschokoladen aus Massenproduktion oft zu gewärtigen hat – dunkle Sorten aus Edelkakao schmecken erstaunlich mild und vermögen selbst eingefleischte Liebhaber der Vollmilchschokolade zu verführen.
Solche edlen Genüsse haben natürlich ihren Preis, aber bevor man sich darüber echauffiert, darf man nicht vergessen, dass Schokolade ein Genuss- und kein Grundnahrungsmittel ist und deshalb nur zu seltenen Anlässen und in kleinen Mengen genossen wird. Wer es sich leisten kann und leisten möchte, darf die Edeldroge natürlich auch gleich tafelweise essen, was umso leichter fallen wird, da Manufakturschokoladen meist nur als handliche Vierzig-Gramm-Tafeln angeboten werden.