Exodus zum Dritten

Unsere nächste Wohnung befand sich in einer kleinen Apartment-Anlage in Tumbaco, einer Gemeinde östlich von Cumbayá. Es war uns ein wichtiges Anliegen, eine Wohnung zu finden, die nicht mit dem pflegeintensiven Parkett ausgestattet war. Diese hatte bloß Teppich, aber wie die Vermieterin unserer alten Wohnung ein zwanghaftes Verhältnis zu ihrem Holzfußboden offenbart hatte, so enthüllte diese nun eine geradezu erotische Leidenschaft für ihren Teppich und einen ausgewachsenen Putzfimmel dazu.

Man kann die Apartments wochen- oder monatsweise mieten oder auch für länger und als Langzeitmieter würde man erwarten, dass man von jedweden Belästigungen durch den Vermieter verschont bliebe. Wir fühlten uns aber zeitweise, als hätten wir uns als gerade geduldete Gäste auf der Couch seines Wohnzimmers einquartiert.

Diese Frau hatte tatsächlich die Unverfrorenheit, während unserer Abwesenheit die Wohnung aufzusuchen und die Fenster zu öffnen, um, wie sie anschließend erklärte, für gute Belüftung zu sorgen. Feuchtigkeit setze sich an den Wänden ab und dies könne zu Schimmel führen. Sie heischte fast um Verständnis, als sie mir sagte, dass ich doch sicher nicht die Wände streichen wolle. Soweit käme es noch! Auch schien sie zu glauben, sie könnte bestimmen, wann und wie wir die Wohnung zu reinigen hätten: Tagelang stand demonstrativ der Staubsauger vor unserer Tür, bis ich mich dann doch einmal erbarmte und ihn so geräuschvoll wie möglich benutzte, als ich die Frau in ihrer Wohnung nebenan wusste.

Wir hatten bis Ende des Monats bezahlt, aber als die Vermieterin erfuhr, dass wir ausziehen wollten, drängte sie uns, die Wohnung bereits zwei Tage vor Ende der Mietfrist zu verlassen. Wir wollten ihrem Wunsch so schnell wie möglich entsprechen und daher packten wir in aller Eile unsere Sachen zusammen und verstauten alles bei Freunden. Am Abend luden wir die letzten Habseligkeiten ins Auto. Wir waren entschlossen, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nur der Schlüssel musste noch abgegeben werden.

Auf der Treppe lief mir die Vermieterin zufällig über den Weg. Ich händigte ihr ohne weitere Formalitäten die Schlüssel aus, drehte mich um und war im Begriff zu gehen. Sie hielt mich aber zurück und bestand darauf, dass wir erst den Teppich besichtigten, um gemeinsam festzustellen, wie teuer eine Reinigung wäre. Als ich dies ablehnte und ich ihr sagte, dass ich jetzt gehen müsste, ließ sie die Maske fallen und erklärte, die Teppichreinigung koste fünfzig Dollar und dieselbe Summe würde noch einmal für die Möbel fällig. Ich sagte, im Mietvertrag stünde nichts von einer Teppich- oder Möbelreinigung und außerdem sei der Teppich immer noch in dem Zustand, in dem wir ihn vorgefunden hatten. Sie behauptete freilich, die Hundehaare müssten mühsam entfernt werden und das koste eben Geld – als ob gründliches Saugen nicht ausreichen würde.

Sie erging sich noch eine ganze Weile darüber, wie teuer die Reinigung der Wohnung wäre und sie ging nicht davon ab, dass wir dafür aufzukommen hätten. Ich hörte ihr zunächst ruhig zu, aber schließlich riss mir dann doch der Geduldsfaden. Ich entschuldigte mich, ich müsste jetzt wirklich los. Um die Sache abzuschließen, sagte ich ihr, ich hätte ihrem Mann die Nummer unserer Anwältin gegeben. Wenn es noch offene Fragen gäbe, sei von nun an unser Rechtsbeistand dafür zuständig.

Der Redefluss der Vermieterin stoppte abrupt. Sie sah mich völlig entgeistert an. Es schien, meine Worte brauchten einige Zeit, um bis in ihr Bewusstsein vorzudringen. „Ihr habt eine Anwältin?“ fragte sie ungläubig. In Ecuador müsse man so etwas haben, entgegnete ich forsch. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ging einfach. Sie stand einen Augenblick sprachlos, aber dann rief sie mir wütend hinterher, dass es bestimmt meine Frau gewesen sei, die mich zu dieser Sache „angestiftet“ habe. Nun ja, schon möglich. Ich grinste still in mich hinein.

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