Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

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