Nächtliche Rochaden

Guayaquil empfängt uns mit tropischem Flair und überschießender Lebensfreude. Das ist nicht die Karibik, aber ein wenig fühlt man sich doch an die Havanna-Club-Werbung erinnert (ich hätte auch Bacardi schreiben können, aber ich mag Embargo-Lobbyisten nun einmal nicht). Vergessen ist der Trübsinn der Berge mit seinen dunklen Tälern und seinen schweigenden Menschen. Wir wissen, unser Weg wird schon bald wieder in die Anden führen, doch für den Augenblick genießen wir die tropische Stimmung in dieser sehr lebendigen Stadt. Guayaquil scheint voll von Sonne und guter Laune. Wem da nicht vor Freude das Herz aufgeht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Wir kommen im Intercontinental am Parque Centenal unter, direkt im Zentrum der Stadt. Der Parque Centenal ist der berühmte Park, in dem die Leguane frei über die Rasenflächen spazieren, auf die Palmen klettern und stoisch auf Denkmälern hocken, während sie den Rentnern beim Füttern der Tauben zuschauen. Ich hatte immer geglaubt, die grünen Kriechtiere lebten schon immer in der Grünanlage und wären sozusagen die natürlichen Bewohner, doch am Abend werden sie von Angestellten der Stadt eingesammelt wie der Müll. Im ersten Licht des Tages setzt man sie wieder aus, damit sie sich unter dem Reiterstandbild des Libertador in der Sonne wärmen können.

Da Tiere im Hotel nicht erlaubt sind, muss der Hund im Auto übernachten. Die Wagen der Hotelgäste stehen auf einem Hof, der von himmelhohen Mauern und Häuserwänden eingefasst wird. Die Stellfläche ist winzig, aber in einer schieren logistischen Meisterleistung gelingt es den Angestellten, die Autos so zu platzieren, dass nicht nur alle Wagen tatsächlich einen Parkplatz finden, sondern dass Gäste, die abreisen möchten, ihre Autos auch pünktlich auf die Minute in der Auffahrt in Empfang nehmen können.

Damit dieses Kunststück gelingt, vollführt der Parkservice die ganze Nacht Rochaden: Die Wagen müssen ständig umgeparkt werden – von ganz hinten schafft man die Autos nach vorn und von vorn nach hinten. Wir öffnen die Wagenfenster einen Spalt breit und die Angestellten des Parkplatzes kümmern sich sogar noch um den Hund, damit er sich im Auto nicht so allein fühlt. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und wahrscheinlich ist so eine Nachtschicht auf dem Hotelparkplatz auch nicht so aufregend, dass man sich nicht noch an einer Ablenkung erfreuen könnte. Ohnehin muss der Wagen mehrmals umgesetzt werden – für den Hund ist das alles sehr aufregend.

Wir beabsichtigen, nur eine Nacht in Guayaquil zu bleiben. Zwar verdiente diese großartige Stadt einen längeren Besuch, doch steht uns wieder einmal nur wenig Zeit zur Verfügung und wie immer gibt es mehr zu sehen, als wir in ein paar Tagen bewältigen könnten. Aber unsere Eile hat einen Grund: Wir sind nicht allein unterwegs. Wenn man Gäste hat, stellt man die eigenen Wünsche bekanntlich gern zurück und außerdem hat man auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber, denn schließlich soll er sich wohlfühlen und der Besuch soll ihm als einzigartig schönes Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben. So ist es unvermeidlich, dass Stadtausflüge ganz automatisch immer wieder zu denselben Attraktionen führen – dem Berlin-Besucher würde man ja auch viel lieber das Brandenburger Tor zeigen, statt den S-Bahnhof Marzahn.

Am Ende bleibt es also bei einer kurzen Besichtigungstour durch Las Peñas, dem nostalgischen Vorzeigeviertel der Stadt, bei einem Spaziergang entlang der imposanten Promenade am Río Guayas und bei einem ungeplanten Besuch im Wendy´s. Bis auf die kulinarische Entgleisung, ist uns die Stadttour keineswegs neu. Erst vor wenigen Monaten besuchten wir Las Peñas und die Promenade. Aber ich empfinde deshalb überhaupt kein Bedauern und ich freue mich fast wie ein Kind darauf, diese Ort noch einmal zu sehen.

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