Forscherruhm

Im Gegensatz zu vielen anderen uralten Namen, mit denen sich die Landschaft in diesem Teil der Welt schmückt, weiß man nicht genau, was Chimborazo eigentlich bedeutet. Etymologische Forschungen konnten ein wenig Licht in die Sache bringen: Demnach heißt Chimborazo entweder „Eisige Frau“ oder „Eisiger Thron Gottes“ oder schlicht „Bergeis“. Den indigenen Bewohnern der Gegend gilt der Vulkanriese seit jeher als heiliger Berg und in ihren Mythen nennen sie ihn ehrfurchtsvoll Taita Chimborazo, Vater Chimborazo.

Im Juni des Jahres 1802 versuchten Humboldt und sein Reisegefährte Bonpland, den Gipfel von Gottes eisigem Thron zu erreichen. Damals glaubte man noch, der Chimborazo sei der höchste Berg des Planeten, und ihn zu bezwingen wäre – abgesehen vom wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn – eine Ruhmestat, deren man für alle Zeit gedenken würde. Doch Humboldt scheiterte, wenn auch auf geradezu triumphale Weise, und der Aufstieg verhalf ihm zu dem Ansehen, eines der großen Abenteuer im Dienste der Wissenschaft unternommen zu haben.

Zu seiner Ehrenrettung wäre anzufügen, dass er wohl kaum höher hätte aufsteigen können mit einer Ausrüstung, wie sie ihm damals zur Verfügung stand. Darüber hinaus wusste man nichts von Höhenakklimatisierung und der Höhenkrankheit sollte man lange nach Humboldt überhaupt erst einen Namen geben. Und so war Humboldts Expedition nicht nur ein Forschungsabenteuer, sondern zugleich auch ein lebensgefährlicher Trip in eisige Höhen.

Humboldt konnte sich bis zu seinem Lebensende damit trösten, dass er den Höhenrekord hielt. Er war damit ein früher Vorreiter der Alpinistik, denn die Begeisterung für das Bergsteigen kam erst ein Menschenleben nach ihm so recht in Mode. Zu seiner Zeit zeigten die Landkarten noch mehr weiße Flecken, als sie selbst der munterste Forschungsreisende in einem ganzen langen Reiseleben hätte besuchen können. Hätte Humboldt geglaubt, dass es anderswo noch einen höheren Berg gäbe, er würde ihn wahrscheinlich bestiegen haben. Zumindest hätte er es versucht. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Von den Achttausendern des Himalaya konnte der preußische Wissenschafts-Abenteurer zwar noch nichts wissen, aber so ganz lag er dennoch nicht falsch, als er davon ausging, dass der südamerikanische Eisriese der höchste Berg der Welt sei: Moderne geodätische Messungen haben ans Licht gebracht, dass der Gipfel des Chimborazo von allen Punkten auf der Erdoberfläche am weitesten vom Mittelpunkt des Planeten entfernt liegt. Damit ist der Berg zugleich der Ort auf der Erde mit der geringsten Schwerkraft und der Unterschied ist nicht nur messbar, sondern sogar beträchtlich: Zusammen mit den Fliehkräften, die durch die Erdrotation verursacht werden, wiege ich rund ein Kilo weniger als in höheren Breiten. In der Tat fühle ich mich fast schwerelos, als ich – wie Humboldt – an den Rockfalten der Eisigen Frau in die Höhe zu klimmen versuche.

Ganz wie der preußische Forschungsreisende muss auch ich unter dem Gipfel aufgeben, allerdings aus ganz anderen Gründen (nicht, dass ich wirklich vorgehabt hätte, als erster Gipfelbezwinger in kurzen Hosen Humboldt den Ruhm streitig zu machen). Die Faszination für den Chimborazo sollte sich Humboldt übrigens Zeit seines Lebens erhalten: Auf dem Gemälde, mit dem er sich zum letzten Mal, kurz vor seinem Tode, porträtieren ließ, sieht man den weißen Eisdom im Hintergrund. Dass Humboldt sich seinen Berg auf dem Bild wünschte, dazu mag auch ein wenig Eitelkeit beigetragen haben, denn schließlich kann sich nicht jeder rühmen, er hätte den höchsten Berg der Welt um ein Haar bezwungen.

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