Weltraumhunde

Der Bericht über unser ecuadorianisches Abenteuer wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch ein paar Worte über Titan, den vierbeinigen Immigranten im Flokati, verlieren wollte. Dem Wunsch einer aufmerksamen Leserin nachzukommen, sehe ich deshalb kaum als Pflicht an, um so mehr aber als Vergnügen. Wie immer verlangt der Text Sitzfleisch, denn schon ein paar karge Zeilen in einem Notizbuch öffnen Schleusen, durch die eine Flut aus Erinnerungen über den Verfasser hereinbricht. Zumindest hoffe ich, dass der vergnügliche Teil bei der langen Lektüre nicht zu kurz kommt.

Der Hund fliegt zuerst. Wie die berühmten Weltraumhunde, die selbstlosen Kundschafter, die das Feld für den Entdeckerruhm des Menschen bereiten, darf Titan vor uns die Reise antreten. Gern hätten wir unseren vierbeinigen Hausgenossen mit nach Florida genommen, der letzten Station unserer amerikanischen Odyssee, doch der bürokratische Aufwand würde sich dadurch nur in einem Ausmaß vergrößert haben, das man getrost als Wahnsinn bezeichnen kann.

Obwohl es sich nur um einen kleinen Hund handelt, nicht um einen kosmischen Botschafter, sind die Kosten nicht von dieser Welt: Ausgezahlt in Spanischen Silberdollars, hätte die Summe ausgereicht, den Titel eines Granden zu erwerben sowie das dazugehörige Schloss und die Ländereien oder Kolumbus nach China zu schicken (und derart komfortabel ausgestattet, wäre er dort wahrscheinlich sogar angekommen). Der Hund reist mit unseren Gästen nach Berlin. Schweren Herzens überlassen wir ihn der Obhut des Flugpersonals.

Alles muss seine Ordnung haben. Der Entschluss, einen Hund nach Deutschland einzuführen, will reiflich überlegt sein, denn es ist keineswegs damit getan, ihn bei der Fluggesellschaft anzumelden. Der deutsche Amtsschimmel lauert bereits mit hinterhältigen Fußangeln und bevor man dem Airline-Mitarbeiter die Transportkiste mit dem geliebten Tier aushändigen darf, gilt es, so manche Hürde im bürokratischen Parkour zu nehmen. Ganz auf sich allein gestellt, sähe man sich außerstande, dieses Bravourstück zu Wege zu bringen. Doch es gibt Hilfe: Tierärzte haben sich auf solche verzweifelten Fälle spezialisiert. Für die Dienstleistung wird natürlich Geld verlangt, aber man gibt dieses Geld gern aus, denn man ist froh, der Gefahr entronnen zu sein, zwischen den Fußnoten der Amtsformulare allmählich den Verstand zu verlieren.

Damit die deutsche Hundepopulation nicht durch eingeschleppte Seuchen dahingerafft wird, muss vor der Einreise der Nachweis erbracht werden, dass der vierbeinige Immigrant gesund ist. Von unserem Tierarzt haben wir den Namen einer Veterinärin in Erfahrung gebracht, die sich auf die Ausfuhr von Hunden spezialisiert hat. Leider befindet sich ihre Praxis auf dem Dorf. Der Ort, dessen Name mir wieder entfiel, sobald ich ihn gehört hatte, versteckt sich in einem grauen Google-Maps-Niemandsland und auch unser Navi ist im Labyrinth der drei Dorfstraßen überfordert. Wir finden die Praxis dennoch und als wir die ländliche Gegend sehen, wird uns klar, warum man als Tierarzt ausgerechnet hier residieren möchte: Hier lebt die Kundschaft. Als kosmetischer Chirurg mit Ambitionen würde man sicher auch lieber eine Klinik am Kudamm unterhalten statt in der brandenburgischen Pampa.

Dem Hund wird Blut abgezapft, doch an den zappelnden Beinchen, die zudem noch von einem dichten Pelz bedeckt sind, lassen sich Adern gar nicht so leicht aufspüren. Es bedarf mehrerer Versuche, bis endlich ein paar Tropfen das Reagenzglas füllen. Titan weint wie ein kleines Kind und es bricht einem das Herz, ihn leiden zu sehen. Doch es ist schnell vorbei – anders als die Leiden, die nun folgen sollen.

Die Blutprobe muss in einem Labor analysiert werden. Aber in einer so wichtigen Angelegenheit wie dem Wohlergehen einer ganzen Nation möchte man natürlich absolute Gewissheit. Die Untersuchung darf daher nur in solchen Einrichtungen vorgenommen werden, die offizielle deutsche Stellen ihres uneingeschränkten Vertrauens für würdig erachten. Sämtliche Labore in Lateinamerika fallen da natürlich aus – angesichts der bedenklichen Mengen Coca, Salsa und Lustig-Tralala eigentlich kein Wunder. Die Blutprobe muss weit reisen, sehr weit, bis ins ferne Kansas in den USA.

Allein die Blutuntersuchung kostet achthundert Dollar. Einen Transportbehälter braucht der Hund natürlich auch, denn einen Platz in der Economy-Class wird man ihm wohl kaum anbieten. Titan ist zwar klein, doch die Box, die uns die Angestellte des Petshops empfiehlt, hat die Ausmaße eines Kühlschranks und der Hund nötigt uns, sie zu kaufen. Während uns die Frau mit den technischen Raffinessen des Transportbehälters langweilt, nutzt der Hund die Gelegenheit, überall im Laden seine Marken zu hinterlassen. Der Gedanke, dass er in seiner Einzelkabine mit Sicherheit bequemer reist als die menschlichen Ölsardinen, die man portionsweise in die Holzklasse pfercht, tröstet uns ein wenig über den Preis hinweg. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dem Hund die zweihundert Dollar in Rechnung zu stellen: Er macht sich nicht viel aus Geld und aus Reisen schon gar nicht.

Apropos Rechnung: Unsere Bilanz hat mittlerweile Schlagseite wie ein sinkendes Schiff. Ausgaben für diverse Zertifikate kommen hinzu und natürlich auch noch ein Flugticket. Wenn man bedenkt, dass die Reise über Kontinente und Ozeane führt, ist es mit zweihundert Dollar fast schon wieder preiswert. Alles in allem belaufen sich die Aufwendungen für den Hund auf gut tausendzweihundert Dollar (und dabei sind die Leckerlis noch gar nicht mit eingerechnet). Liebe ist zwar selbstlos, aber selten kostenlos und sinnlos ist es, darüber zu jammern: Wir hätten es ja doch nicht übers Herz gebracht, den Hund zurückzulassen. Titan gehört zur Familie und Familienangehörige lässt man nun einmal nicht im Stich. Gesetzt den Fall, das Schicksal verlangte, dass einer zurückbliebe – in Augenblicken des Zorns würde ich vielleicht darüber nachdenken, ob es ausgerechnet der Hund sein muss …

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