Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

Ein Schiff und ein Versprechen

Wir steigen die 444 Stufen wieder hinab und bummeln über die Uferpromenade. Wie es die Vorsehung will, befindet sich die Tía Juanita in der Stadt und meine Frau ist so erpicht darauf, sie und ihre Cousine zu treffen, als hätte sie deren Gegenwart ein halbes Leben lang schmerzlich entbehren müssen. Es scheint, man unternimmt nur deshalb weite Reisen, um immer wieder dieselben Menschen zu treffen, nur eben an verschiedenen Orten. Die Begegnung hat etwas von einem hochoffiziellen Regierungstreffen an sich und erst nachdem den Formalitäten, nach denen ein solch offizielles Treffen verlangt, Genüge getan ist, dürfen wir unseren Weg fortsetzen.

Nicht weit entfernt liegt die „Guayas“ am Kai vertäut, das Segelschulschiff der ecuadorianischen Marine. Das trübe Wasser des Flusses bewegt sich träge um ihren Bug. Blätter, Zweige und manchmal ganze Stämme treiben langsam am schlanken Rumpf des majestätischen Schiffes vorbei. Die „Guayas“ ist ein schönes Schiff, aber vielleicht empfindet man es nur so, weil Segelschiffe wie kaum ein anderes von Menschenhand geschaffenes Vehikel zum Sinnbild für Abenteuer und Romantik geworden sind. Zwar gehören diese Dinge einer fast vergessenen Vergangenheit an, genauso wie die Blutrache und der Frauenraub, dennoch glaubt man sie in diesem stolzen Schiff aufs Schönste verkörpert zu sehen.

Hin und wieder gibt sich die Marine die Ehre und dann darf man das Schiff sogar betreten. Alle sind herzlich zur Besichtigung eingeladen, auch solche ausgewiesenen Landratten wie wir. Der Kapitän und seine Offiziere begrüßen die Besucher an der Gangway. In ihren weißen Galauniformen erwecken sie ein wenig den Eindruck, sie hätten sich soeben vom Set der Serie „Love-Boat“ davongestohlen. Während der Kapitän jeden Besucher militärisch knapp mit Ehrenbezeugung und die Damen sogar mit Handkuss begrüßt, passt die Mannschaft auf, dass sich keiner der Besucher unter Deck verirrt – wahrscheinlich ist man nicht mehr dazu gekommen, die Kajüten aufzuräumen. Und wer es doch wagen sollte, die geheiligten Gesetze der christlichen Seefahrt zu brechen, wird eben Kiel geholt.

Anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 bot sich uns die seltene Gelegenheit zu einem Rundgang auf der „Guayas“. Leider können wir das Schiff an diesem Tag nur vom Ufer aus bestaunen. Der Anblick ist wirklich beeindruckend. Wie erst muss es sein, wenn das Schiff unter vollen Segeln durch die Wellen gleitet!

Wir sind am Ende unserer Besichtigungstour und die Zeit drängt wieder einmal unerbittlich. Bis zum Abend wollen wir in Cuenca sein. Wir nehmen ein Taxi zurück zum Hotel, wo der Wagen auf einem sicheren Parkplatz schon startbereit auf uns wartet. Sich mit dem eigenen Auto durch den dichten Verkehr zu quälen, käme angesichts der zu erwartenden Strapazen einer Strafe gleich. Das Taxi kostet nicht einmal zwei Dollar und außerdem kennt der Fahrer den Weg (ich aber nicht).

Wir verstauen ein paar letzte Gepäckstücke im Wagen und dann rollen wir auch schon Richtung Cuenca, neuen Abenteuern entgegen. Doch als wir von Guayaquil Abschied nehmen, sind wir ein wenig traurig. Ich empfinde Wehmut, jener Stadt Lebewohl zu sagen, die ich doch eben erst zu entdecken begonnen habe, deren Duft und deren Klang ich gerade erst kennenlernen durfte. Es ist ein Abschied, der das Versprechen einer Rückkehr heraufbeschwört: Wir werden wiederkommen, irgendwann, und dann werden wir mehr Zeit haben, die große, verlockende und aufregende Stadt am Río Guayas zu entdecken.

Fürsten der Welt in Las Peñas

Wir haben nicht viel Zeit, aber wir wollen die Stadt nicht verlassen, ohne eines ihrer Glanzstücke besichtigt zu haben. Guayaquil hat viele Attraktionen zu bieten, doch das Viertel „Las Peñas“ kann mit Sicherheit als der Höhepunkt einer jeden Besichtigungstour betrachtet werden. Das berühmte Viertel befindet sich oberhalb der Uferpromenade am Río Guayas. Aber dem Besucher, der die phantastische Aussicht über die Stadt und das Delta des Flusses genießen will, wird auch einiges abverlangt, denn um bis auf den Gipfel des Berges zu gelangen, an dessen Flanken „Las Peñas“ emporwächst, muss man insgesamt 444 Stufen erklimmen. Jede einzelne Stufe ist nummeriert, so dass der sportliche Flaneur stets im Bilde ist, welches Quantum an Qual ihm noch bevorsteht.

Die Hitze ist an diesem Tag so unerträglich wie an allen Tagen. Sobald man die kühle Hotellobby verlassen hat, rinnt einem der Schweiß aus allen Poren, und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. In „Las Peñas“ begegnen uns zwei ältere Herren, beide offenbar Bewohner des Viertels und beide von der gesetzt würdevollen Art, wie sie für Senioren hierzulande als üblich und unerlässlich empfunden wird. Sie unterhalten sich angeregt, während sie Seit an Seit durch die schön renovierten Gassen schlendern. Ihre Hemden und sogar die Hosen sind vorn und hinten so vollständig durchgeschwitzt, dass man glauben könnte, sie hätten gerade an einer Wasserschlacht teilgenommen. Das tut ihrer Würde aber keinen Abbruch, denn ganz gleich, ob Hoch oder Niedrig – schwitzen muss hier jeder.

„Las Peñas“ ist einer der ältesten Stadtteile Guayaquils und man hat in den letzten Jahren weder Kosten noch Mühen gescheut, um die traditionelle Architektur wieder instand zu setzen, nachdem sie in jahrzehntelanger Dekadenz dahingedämmert war. Das Viertel wurde von Grund auf erneuert. Dabei hat man es jedoch glücklicherweise vermieden, den Stadtteil in ein Schaukästchen für Touristen zu verwandeln, und so leben in dem traditionsreichen Viertel bis heute die angestammten Bewohner.

Man wünschte, dass noch mehr Städte auf solch umsichtige Weise saniert würden, aber oft regiert der Pragmatismus klammer Kassen oder einfach nur Ignoranz und die historisch wertvolle Bausubstanz weicht gesichtsloser Zweckarchitektur. Das ist schade, aber leider nicht zu verhindern, solange die Menschen kein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ihre historischen Monumente einen Wert haben, der weit über das hinausgeht, was sich in Dollar und Cent bemessen lässt.

Wir klimmen mühsam die Stufen empor. Die Hitze macht uns den Aufstieg zur Qual, doch für die Mühen werden mit mit einem atemberaubenden Blick auf den Río Guayas und die Stadt an seinem Ufer belohnt. Etwa alle fünfzig Stufen gelangt man zu einer Plattform, auf der wir einen kurzen Moment lang verweilen, und während wir ruhen und die Schweißbäche einzudämmen versuchen, die uns unaufhörlich aus allen Poren brechen, genießen wir den Ausblick.

Wir begegnen an diesem Tag kaum einmal jemanden, der aussieht wie ein Tourist. Hin und wieder trifft man einen Bewohner des Stadtteils, doch die meisten scheinen es angesichts der Temperaturen vorzuziehen, im kühlen Innern ihrer Häuser zu verweilen. Alle fünfzig Meter grüßt uns ein Polizist. Ich weiß nicht, wie die Leute es den ganzen Tag lang in der prallen Sonne aushalten, noch dazu in dicker schwarzer Montur und mit kugelsicherer Weste. Die Gesetzeshüter wirken auch gar nicht wie der einfache Schutzmann von der Ecke, sondern erinnern eher an die Mitglieder einer Antiterroreinheit. Ich will hoffen, dass ich mich täusche.

Wir fühlen uns so sicher wie man sich nur fühlen kann: Es ist überhaupt kein Problem, die Kamera hervorzuholen und Bilder zu machen. Niemand beobachtet einen und vor allem ist da niemand, dem es ein ernstes Anliegen zu sein scheint, die Kamera immer schön im Auge zu behalten. Es gibt kaum Leute auf der Straße und wenn man doch einmal jemanden trifft, ist es nicht selten ein netter Polizist, der einem höflich den Weg weist. Wir sind uns bewusst, dass die Polizei ihre Leute nicht zum Spaß auf den Hügel beordert hat, und wir schätzen den Dienst, der es uns erlaubt, einen entspannten Vormittag in den Gassen von „Las Peñas“ zu verbringen.

Dann endlich haben wir auch die 444ste Stufe genommen und wir befinden uns an der höchsten Stelle des Viertels. Eine milde Brise empfängt uns auf dem Gipfelplateau und verschafft uns ein wenig Kühlung. Der Anblick, der sich uns bietet, ist einfach nur atemberaubend. Die Schlussszene eines James-Bond-Films oder einer Romanze könnte hier spielen. Der Blick streift bis zu den äußersten Rändern der Stadt, die wie eine Fata Morgana im Dunst des Flussdeltas verschwimmen. Stromaufwärts sieht man eine Insel, die wie ein Floß auf dem Wasser zu treiben scheint. Auf beiden Seiten wird sie von den mächtigen Armen des Río Guayas umflossen. Dort liegt Durán, eine Vorstadt der Hafenmetropole. Brücken spannen sich als filigrane Viadukte über die Wasser. Der Anblick ist so unwirklich, dass man an einen Traum glauben könnte, würde man nicht den sengenden Stachel der Hitze spüren und würde einem nicht unaufhörlich der Schweiß von der Stirn tropfen.

Auf dem Gipfel des Hügels gibt es einen Leuchtturm und eine kleine Kirche. Man findet die Überreste der Kasematten jener Festung, in der einst die Küstenbatterie untergebracht war. Von hier aus war es den Kanonieren möglich, das ganze Delta des Río Guayas unter Feuer zu nehmen und deshalb wurde die Festung immer wieder beharrlich gegen jeden Angreifer verteidigt. Der Märtyrer des Vaterlandes sind Legion.

In unmittelbarer Nähe steht der Leuchtturm. Wenn man die Aussichtsplattform unter dem Leuchtfeuer betritt, hat man den Eindruck, man stehe auf dem Gipfel der Welt und die Erde breite sich unter einem aus gleich einer Morgengabe, die nur darauf warte, dass man von ihr Besitz ergreife. Der Anblick ist so über alle Maßen schön, dass man leicht vergisst, wie viele Gefahren dem Reisenden begegnen in der Stadt am Fluss, die gleich einer betörenden Vision daliegt am Fuße jenes Hügels, der sich wie eine heilige Akropolis über die Köpfe der Menschen erhebt.

Frischer Wind am Río Guayas

Unser Hotel befindet sich in der Nähe der Avenida Quito. Das ist eine Straße, über die der Autoverkehr auf acht Spuren dahinfließt, und zwar auf acht Spuren in jede Richtung! Am Morgen sind die Straßen noch leer, doch ab Mittag kann man erleben, dass selbst sechzehn Spuren nicht ausreichen, den Verkehr der Stadt aufzunehmen. Man fragt sich verwundert, wie viele Autos nötig sind, damit all die Fahrspuren von einer einzigen kompakten Blechwalze verstopft werden können.

Man möchte dies für Wahnsinn halten, aber irgendwie scheint es symptomatisch für eine Stadt, die in allem das Extrem sucht. In Guayaquil fühlt man sich immer ein wenig an New York erinnert. Die Straßen sind nach dem gleichen regelmäßigen Muster wie in Manhattan angelegt und die quirlige Atmosphäre spiegelt wie in der Metropole am Hudson River den allgegenwärtigen Wunsch nach Veränderung wider.

Ich habe Guayaquil immer als einen heißen, brodelnden Moloch empfunden, nicht als eine Stadt, in der man gern leben möchte. Doch jetzt, da ich diesen Ort neuerlich besuche, fühle ich mich auf eigenartige Weise hingezogen zu der Stadt am Río Guayas. Ich fühle Sympathie für diesen außergewöhnlichen Ort, und ich weiß, dass ich die Stadt mag, und zwar gegen meinen Willen und wahrscheinlich auch gegen meine bessere Einsicht.

Guayaquil ist so ganz anders als das beschauliche Quito mit seinem architektonischen Erbe aus der Kolonialära und seinem steifen konservativen Vermächtnis. Eingezwängt zwischen Bergen, lässt die Hauptstadt die weite Perspektive des Geistes vermissen. Neue Ideen müssen sich langsam ihren Weg durch die Berge suchen und sie gelangen nur allmählich zu den Menschen, die lieber am Althergebrachten festhalten, als dass sie es zuließen, ihren Alltag durch neue Einsichten erschüttern zu lassen. Quito ist stockkonservativ und es hat ein schier unüberwindliches Beharrungsvermögen – so mancher Reformer und so mancher Revolutionär hat sich an der Stadt schon die Zähne ausgebissen.

Guayaquil ist eine Hafenstadt und wie bei allen großen Städten am Meer fühlt man den frischen Wind neuer Ideen und weltumstürzender Ansichten durch die Gassen wehen. Die Meeresbrise macht den Kopf frei und befruchtet das Denken. Denn der Ozean hat einen weiteren Horizont als die Berge und der Samen, der von jenseits des Meeres in die Stadt getragen wird, findet einen günstigeren Nährboden, um zu keimen und zu sprießen. Guayaquil war immer das Zentrum (und nicht Quito), von dem aus neue Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen fanden. Durch die Jahrhunderte war die Stadt ein Hort des Aufruhrs und der Revolution und ein wenig von diesem rebellischen Geist hat sich durch die Zeit gerettet. Ich bin gern in Guayaquil und ich bedauere, dass ich die Stadt so lange Zeit unterschätzt habe, denn Guayaquil ist ein großartiger Ort für Ideen.

Spaziergang mit Hund

Am nächsten Tag gehe ich schon am frühen Morgen mit dem Hund Gassi. Die Geschäfte sind noch geschlossen und die Straßen sind wie ausgestorben. Obwohl wir uns im Stadtzentrum befinden, begegnen mir keine Fußgänger. Ich fühle mich ein wenig verloren, denn ich bin ganz allein. Ich könnte nackt durch die Straßen laufen und niemand würde es bemerken. Der Autoverkehr fließt nur dünn auf den viel zu breiten Straßen dahin. Nach der langen anstrengenden Nacht braucht die Stadt Zeit, um wieder in ihren gewohnten Rhythmus zurückzufinden. Wo sind nur all die Nachtschwärmer geblieben? Wahrscheinlich liegen sie ohnmächtig in ihren Betten. Die Stadt fühlt noch immer die Nachwirkungen der nächtlichen Exzesse und erst allmählich erwacht sie aus ihrem Delirium.

Ich versuche einen Flecken Rasen zu finden, auf dem der Hund sein Geschäft verrichten kann, und ich laufe deshalb die Straßen rund um das Hotel ab. Doch meine Suche ist aussichtslos, denn alle Bürgersteige sind durchgehend gepflastert. Es gibt keine Blumenrabatten oder Straßenbäume, keine Rasenstreifen und keine Beete. Der Hund kann sein Geschäft nämlich nur auf Rasen verrichten und wenn Tiere genauso wie Menschen Marotten haben, dann hat dieser Hund ganz bestimmt einen Tick.

Wir laufen an die zwei Kilometer und der Hund markiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Revier, ganz so, als gehörte die Stadt ihm. Denn solange er auf einsamer Flur ist, gebärdet er sich, als sei er der Chef. Kommen aber Rivalen in Sicht, will er nur schnell auf den Arm genommen werden, ganz besonders dann, wenn die Artgenossen ihm körperlich überlegen sind. Am Ende finden wir doch noch eine winzige Erdscholle, kaum größer als ein Fußabtreter, und da endlich lässt der Hund sich herbei zu tun, weswegen wir den morgendlichen Spaziergang unternommen haben.

Abends in Guayaquil

Wir nähern uns Guayaquil, doch wir merken es nur daran, dass die Straße sich allmählich mit Autos füllt. Als wir dann nach fünf Stunden endlich die Vororte erreichen, ist der Verkehr so dicht, wie man es in der Stunde nach Feierabend wohl für jede Metropole, vielleicht mit Ausnahme von Pjöngjang, erwarten kann. Die Randgebiete der großen Städte auf der ganzen Welt unterscheiden sich offenbar nur unwesentlich voneinander, und so fahren wir vorbei an auswechselbarer Industrie- und Zweckarchitektur, ehe wir die Viertel mit den Wohnquartieren erreichen.

Das Navi führt uns sicher durch das Gedränge des abendlichen Berufsverkehrs. Einmal jedoch zweigen wir falsch ab und wir sind gezwungen, einen Umweg von mehreren Kilometern in Kauf zu nehmen, inklusive einer längeren Fahrt durch einen der städtischen Tunnel. Schließlich aber schaffen es in die Innenstadt und mit ein wenig Glück finden wir unser Hotel. Meine Frau hatte online gebucht und so sind die Formalitäten schnell erledigt, ehe wir endlich die wohlverdienten Annehmlichkeiten eines Hotels des gehobenen Standards genießen dürfen: Ich werfe mich auf das bequeme Bett, lasse die Klimaanlage laufen und erfreue mich an der geistlosen Zerstreuung durch das Fernsehen.

Wir nehmen das Abendessen im Hotelrestaurant ein. Mittlerweile hat sich die Nacht auf die Stadt herabgesenkt und das ist die Zeit, in der sich die Bürgersteige beleben, die Restaurants füllen und die Menschen ausschwärmen, um das breitgefächerte Angebot an Vergnügungen aller Art zu genießen, welche die Hafenstadt am Pazifik ihren Einwohnern und Gästen so großzügig offeriert.

Die lange Fahrt hat mich jedoch restlos erschöpft und so aufregend und abenteuerlich es auch sein mag, durch das nächtliche Guayaquil zu streifen, ich bin an diesem Abend glücklich, dass ich mit Bett und Fernseher Vorlieb nehmen darf. So bleiben mein Sohn und ich am Ende im Hotel, während meine Frau und unser Gast sich rüsten, Guayaquil das Fürchten zu lehren (wer hier allerdings wen das Fürchten lehrt, wird sich noch zeigen müssen).

Während mein Sohn und ich es uns vor dem Fernseher gemütlich machen, durchstreifen meine Frau und unser Gast die nächtliche Stadt. Da man schon einmal hier ist, möchte man sich auch nichts entgehen lassen. Das Abenteuer währt jedoch nur kurz und nach zwei Stunden sind die beiden Schlachtenbummler wieder zurück. Ich weiß nicht, ob sie gefunden haben, wonach sie suchten, aber die Erschöpfung lähmt uns nun alle gleichermaßen und wir sinken ins Bett, kaum dass die heiße, pulsierende Nacht an der Mündung des Río Guayas begonnen hat.

Nach Guayaquil

Von Bahía geht es mit dem Auto nach Guayaquil. Wir machen einen kurzen Abstecher nach Montecristi, um Hamacas, also Hängematten, und andere Flechtarbeiten zu kaufen, denn dafür ist die Stadt bekannt. Da Montecristi ohnehin auf dem Weg liegt, wollen wir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Während meine Frau und unser Gast ihr Glück an der Hauptstraße mit ihren Dutzenden von Geschäften versuchen, harren mein Sohn und ich tapfer am Auto aus.

Es macht mir nichts aus, einfach nur herumzusitzen und zu warten, denn zum einen erweckt die Gegend ganz den Eindruck, als wäre es keine gute Idee, den Wagen längere Zeit unbewacht stehen zu lassen, und zum anderen mache ich mir überhaupt nichts aus Einkaufen. Ich kann die Leidenschaft mancher Leute nicht verstehen, die es magisch zu Einkaufszentren und Geschäften zieht und die erst dann davon genug haben, wenn ihr Budget restlos ausgeschöpft ist.

Ich gehöre eher zu den Typen, die entweder irgendwo gelangweilt herumsitzen oder aber einfach bloß genervt sind – doch immer mit unverkennbarer Leidensmiene –, während ihre Partner exzessiv der Einkaufsleidenschaft frönen, einer, wie mir scheint, typisch weiblichen Leidenschaft. Schlimmer kann es nur werden, wenn man dann auch noch genötigt wird, ein Geschmacksurteil abzugeben, denn einfach zu schweigen, ist natürlich kein Verhalten, für das man Verständnis erwarten darf. Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis; bei jedem Schritt ist daher allergrößte Vorsicht geboten, denn ein falsches Wort genügt und der Tag ist ruiniert.

Schon nach einer Stunde taucht das gutgelaunte Einkaufsduo wieder auf, bepackt mit Hängematten, Körben und allerlei sonstigen Flechtarbeiten. Dafür würde man in Berlin ein Vermögen ausgeben müssen, hier aber bekommt man alles zum Spottpreis; ich habe nicht gefragt, aber wahrscheinlich hat alles zusammen weniger als hundert Dollar gekostet. Es ist mittlerweile schon Mittag und die Zeit drängt und daher reicht es diesmal auch, dass ich die Einkäufe nur kurz lobe. Ich erinnere stattdessen daran, dass es Zeit sei aufbrechen, wenn wir Guayaquil noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen – ich fahre Nachts nur ungern auf unbekannten Straßen.

Nachdem die Einkäufe sicher im Wagen verstaut sind, steht der Reise nichts mehr im Wege. Unser Auto ist bis unter das Dach beladen und erst nachdem Rucksäcke, Taschen und Koffer ganz neu nach Art eines kubischen Puzzles arrangiert worden sind, findet sich auch Platz für die neuesten Anschaffungen. Dann aber sitzen wir alle glücklich im Auto und die Reise kann beginnen.

Unsere Route führt über mehrspurige Highways, die so neu aussehen, als hätte man sie eigens für uns gebaut. Rechts und links der Straße erstrecken sich grüne Weiden so weit das Auge reicht. Das Land ist platt wie ein Pfannkuchen und nur selten wird die eintönige Szenerie von einer Baumgruppe oder einem kleinen Wäldchen aufgelockert. Hin und wieder verlieren sich Häuser oder kleine Weiher in der pastoralen Weite.

Das Land wirkt so fruchtbar und unberührt wie die Landschaften der heilen Öko-Werbe-Welt. In der Tat begegnen wir immer wieder Rinderherden, die im Schatten von Bäumen und Buschwerk Schutz vor der tropischen Hitze suchen, die das Land und seine Bewohner lähmt. Ob die Tiere glücklich sind, kann man nicht sagen, aber was sollte so eine Kuh denn schon anderes wünschen als eine Herde, in der sie sich geborgen fühlt, üppige grüne Weiden und Frieden. Von allem hat sie hier mehr als genug.

Stadtrundfahrt mit Tía Tocha

An unserem letzten Abend in Bahía de Caráquez wollen wir das „Sorbetito“ besuchen. Ein Sorbete ist eigentlich ein Shake, ganz gleich, ob man ihn mit oder ohne Milch mixt, und „Sorbetito“ ist die Verkleinerungsform davon, ein kleiner Shake gewissermaßen. Es würde überraschen, wenn ein Lokal, das so heißt, für etwas anderes berühmt wäre als für seine Milchmixgetränke. Wir hatten schon viel Gutes über das „Sorbetito“ berichten hören und an diesem Abend wollen auch wir uns endlich einmal selbst davon überzeugen, dass das Lob gerechtfertigt ist.

Das „Sorbetito“ befindet sich nicht in Bahía, sondern in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht). Obwohl man einräumen muss, dass San Vicente sich in den letzten Jahren von einem unansehnlichen Flecken, den der Reisende in der Regel so schnell wie möglich zu verlassen wünscht, zu einer schöneren Stadt herausgeputzt hat, ist Bahía die bei weitem attraktivere der beiden Geschwister an der Mündung des Río Chone. Bahía ist recht klein, aber dennoch versprüht es städtisches Flair und es besitzt einen gewissen Charme, dem der Besucher nur zu gern erliegen möchte.

Doch wenn es um das gastronomische Angebot geht, hat San Vicente einiges zu bieten. Die Baheños selbst fahren nur zu gern in die Nachbargemeinde, in deren Restaurants man so gut und vor allem so preiswert essen kann. Seit eine Brücke das Delta des Río Chone überspannt und die beiden Städte über die Bucht hinweg wie eine Nabelschnur verbindet, ist das auch leicht möglich: Eine Fahrt mit dem Auto zur anderen Seite dauert gerade ein paar Minuten.

Im geschwätzigen Bahía spricht sich schnell herum, dass wir den Abend mit einem Besuch im „Sorbetito“ einzuläuten gedenken (später zeigt sich, dass das Einläuten eher ein Ausklingen ist, denn für den Rest des Abends sollte uns der Fernseher mit seiner Magie der bunten Bilder in Bann schlagen). Die Großtanten meiner Frau sind schon sehr alt und sie verlassen nicht mehr so oft das Haus wie früher. Ihr größtes Vergnügen besteht darin, abends vor der Tür zu sitzen und ein Schwätzchen zu halten. Wer zufällig vorbeikommt, gesellt sich einen Augenblick lang zu ihnen und so erfahren sie immer, was es Neues in der Stadt gibt. Wahrscheinlich ist ihnen durch einen Besucher zu Ohren gekommen, dass wir ausgehen wollen.

Es sind ihrer drei: Tía Tocha, Tía Vicenta und Tía Juanita. Tía Juanita war von allen dreien stets die Unternehmungslustigste und sie reist auch jetzt noch gern, da sie auf die Neunzig zugeht, und sie schreckt auch vor langen beschwerlichen Busfahrten nicht zurück, sofern ihr nur jemand Gesellschaft dabei leistet.

Tía Vicenta fällt das Gehen mittlerweile so schwer, dass sie die meiste Zeit im Haus verbringt. Sie war früher Krankenschwester und ich erinnere mich, dass sie mir anlässlich unserer ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 fachmännisch eine Spritze in den Allerwertesten verabreichte (so etwas vergisst man nie!). Ich litt damals an diversen Tropenkrankheiten – nicht an allen auf einmal, sondern immer hübsch nacheinander – und ich musste mich deshalb gleich mehrmals in ärztliche Behandlung begeben. Tía Vicenta übernahm dann die „Detailarbeit“. Ich kann mich rühmen, sie alle gehabt zu haben, darunter solch erlesene Menschheitsplagen wie Dengue und eine recht milde Form von Typhus. Der Arzt jedenfalls versicherte, sie sei milde, was den Typhus aber nicht davon abhielt, mich zwei Tage lang ununterbrochen auf dem Lokus festzuhalten.

Die dritte schließlich, Tía Tocha, ist stolze Bahieña und sie hat daher wenig Veranlassung, die Stadt zu verlassen, in der zudem ihre ganze Familie lebt. Wie die anderen beiden Tanten ist sie mittlerweile fast Neunzig. Die Beine bereiten ihr zunehmend Probleme und weite Strecken kann sie nicht mehr zu Fuß zurücklegen. So kommt sie nur selten in der Stadt herum und alles, was sie erfährt, erfährt sie von Leuten, die sie vor der Haustür trifft oder die sie besuchen kommen.

Als Tía Tocha davon hört, dass wir das „Sorbetito“ besuchen möchten, will sie auch mit. Sie kommt so selten unter Leute und ergreift deshalb nur zu gern jede sich bietende Gelegenheit, das Haus zu verlassen. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir die Tía mitnehmen, und im Auto reservieren wir für sie den Beifahrersitz. Ein paar Cousins und Cousinen meines Sohnes fahren ebenfalls mit, aber die Kinder brauchen nicht viel Platz oder werden, wie hierzulande üblich, gleich Gepäckstücken unter der Heckklappe verstaut.

Die Sonne schickt sich gerade an, im Ozean zu versinken, als wir vor dem Restaurant vorfahren. Ich parke den Wagen direkt vor dem Eingang und helfe der Tía aus dem Sitz. Das „Sorbetito“ ist im Grunde nur ein kleines Eckgrundstück, das von einem Zaun umgrenzt wird. Im vorderen Teil, der zur Straße weist, befindet sich eine Art Pavillon mit einer Bar darin, auf deren Tresen man drei oder vier elektrische Mixer sieht. Auf dem Grundstück stehen mehrere Bankreihen, die nach Art der Sitzgelegenheiten an Autobahnrastplätzen überdacht sind. Die Gäste nehmen auf Sitzmöbeln Platz, die an Campinggestühl erinnern.

Neben Sorbetes, also Shakes, serviert das „Sorbetito“ noch eine Auswahl an Sandwiches und Hotdogs. Mein Sohn und sein Cousin bestellen die ausgezeichneten Hotdogs und die Tía Tocha gelüstet es nach einem Sandwich, das sie dann so genussvoll verspeist, als hätte sie dieses Vergnügen seit langer Zeit entbehren müssen. Dazu trinkt sie ganz stilecht eine Cola. Der Arzt hat ihr süße Softdrinks strengstens verboten, aber Tía Tocha liebt nun einmal die klebrige Limonade und sie kann der Versuchung einfach nicht widerstehen.

Ich halte mich derweil an die Shakes. Die Shakes sind geeist und erinnern in ihrer festen cremigen Konsistenz an die Milchshakes bei McDonalds. Um den vielen Bestellungen nachzukommen, arbeiten die Leute hinter den Mixern im Akkord. Nicht weit von uns entfernt nehmen ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und Schnurrbart und seine Frau Platz. Der agile Kellner begrüßt den Besucher mit „Herr Richter“, doch der honorige Gast bestellt ganz schlicht ein Sandwich, das er mit einem Shake herunterspült. Seine Frau isst nichts. Sie sitzt nur steif auf ihrem Stuhl und schaut etwas pikiert dabei zu, wie der Richter sein Sandwich genießt.

Ich bestelle einen Schoko-Shake, denn leider erliege ich den Einflüsterungen meines Sohnes. Der Sorbete de chocolate ist nicht schlecht, wirklich nicht, doch nachdem ich den Mora-Shake probiert habe, bereue ich fast, dass ich so ein Schokoladen-Freak bin und reflexartig alles esse oder trinke, was nur irgendwie nach Schokolade aussieht oder riecht.

Mora ist die Maulbeere. Die Mora ist in Ecuador so weit verbreitet wie Erdbeeren zur Sommerzeit in Deutschland. Man kann die fast schwarzen Beeren praktisch überall kaufen. Verarbeitet werden sie zu Eis oder Saft und Mora-Geschmack ist hier so gewöhnlich wie Erdbeere in Deutschland. Aber ihre wahre Bestimmung hat die Mora in den Shakes des „Sorbetito“ gefunden. Diese Shakes sind einfach nur göttlich. Der Becher kostet gerade einen Dollar und ich trinke an diesem Abend drei. Danach zittere ich zwar vor Kälte, als hätte ich Schüttelfrost, aber mein Bauch ist gefüllt mit cremiger Glückseligkeit in Mora-Geschmack.

Die Tía Tocha möchte sich noch ein wenig in San Vicente umsehen. Sie war seit Jahren nicht mehr dort und da man die Stadt in der letzten Zeit großzügig verschönert hat, gibt es viel Neues zu sehen. Wir rollen langsam auf den nächtlichen Straßen San Vicentes dahin. Die Gegend an der Seeseite ist dicht bevölkert – die Menschen genießen die milde tropische Nacht und den Blick auf das auf der anderen Seite der Bucht gelegene Bahía.

Wir fahren weiter zu einem Aussichtspunkt wenige hundert Meter außerhalb der Stadt, doch zu dieser späten Stunde ist der Ort verwaist wie die Oberfläche des Mondes. Nicht ein einziger Besucher hat sich an diesen Platz über dem Meer verirrt, dabei treibt es die Leute am Tage in Scharen hierher. Es ist so dunkel wie es in einer mondlosen Nacht nur sein kann. Wir werfen einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Lichter-Silhouette Bahías, die jenseits der Bucht in der Dunkelheit schwimmt. Dann fahren wir zurück.

Nach der Katastrophe

Niemanden, der fähig ist, auch nur ein wenig Mitleid zu empfinden, lassen die Geschehnisse der letzten Tage kalt. Die Folgen des Erdbebens sind so schrecklich, dass es nur gerechtfertigt wäre, diesen Blog dem Bericht darüber zu widmen. Das ist keineswegs ironisch oder gar zynisch gemeint, denn das Ausmaß der Zerstörung und das dadurch hervorgerufene Leid verdienten, dass die Welt davon erfährt.

Doch bei allem Mitgefühl denen gegenüber, die Angehörige und Freunde verloren haben, die eine unerbittliche Natur über Nacht mit nichts weiter als der Kleidung am Leib in die Obdachlosigkeit getrieben hat und denen das Beben alle Brücken in ein normales Leben zerstört hat, auf dass sie den Straßen der Hoffnungslosigkeit in eine ungewisse Zukunft folgen müssen – Odyssea americana ist dem Leben verpflichtet, und zwar dem Leben in allen seinen Facetten. Und das Leben, von dem zu berichten sein wird, geht weiter, trotz der schrecklichen Ereignisse in Ecuador und anderswo auf der Welt. Denn dass die Katastrophe nicht die ganze Welt in den Untergang gerissen hat, entbindet nicht von der menschlichen Pflicht, um die Toten zu trauern und denen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Ich will von Ereignissen berichten, die vor dem Erdbeben stattgefunden haben. Sofern von der Costa und von Bahía die Rede ist, wird man in meinen Schilderungen deshalb eine glücklichere Welt vorfinden, eine Welt, die sich allem Anschein nach in der sicheren Überzeugung wiegte, die heitere Abfolge unbeschwerter Tage würde nie ein Ende nehmen. Doch es musste alles einmal enden, nur wann die schreckliche Stunde eintreten würde, konnte niemand voraussehen. Mein Bericht aus einer Zeit, die gerade einmal einige Wochen zurückliegt, ist zugleich auch die Beschreibung einer Vergangenheit, die es nicht mehr gibt. Denn das alte Bahía ist zerstört und es wird nie wieder auferstehen.

An Quito und seinen Einwohnern ist die Katastrophe indes spurlos vorübergegangen. Nichts hat sich verändert und ich sitze hier an meinem Computer und fabuliere von der Welt da draußen, als hätte es nie ein Erdbeben gegeben. Wenn mich dann die Meldungen von der Küste erreichen, habe ich fast den Eindruck, ich befände mich auf einer Insel der Ruhe und des Friedens inmitten eines tosenden Ozeans der Zerstörung.