Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Cuy asado mit Promis

Am Nachmittag verlassen wir Mindo. Nach den Feiertagen möchte alles nur schnell nach Hause und der Verkehr auf den gut ausgebauten Straßen spült uns zurück nach Quito. Als ich, meinen Gedanken nachhängend, so dahinfahre, gewahre ich plötzlich aus den Augenwinkeln ein bekanntes Gesicht. Ich stoppe fünfzig Meter weiter auf einem staubigen Parkplatz und meine Frau nimmt die Kamera, um ein paar Fotos zu schießen. Ich bleibe lieber im Auto, denn die Gegend macht ganz den Eindruck, als könnte man damit rechnen, zwei gefüllte Geldbörsen vorzufinden statt einer, wenn man zum Wagen zurückkehrt.

Tatsächlich grinst Andrew Zimmern von der Plakatwand herab und in der Hand hält er etwas, wofür seine Show „Der Alles-Esser“ berühmt ist: exotic food. Wir sind in Ecuador und natürlich muss es ein Cuy sein, ein Meerschweinchen – das sind die süßen quiekenden Flauschbällchen, bei deren Anblick Kinderaugen ganz feucht werden und die man in Deutschland in jeder Zoohandlung kaufen kann. Er hätte auch im Urwald fette Käferlarven essen können, aber das gibt es schon genug und die Leute verlangen nach immer neuen Sensationen. Hier nun steckt das Cuy am Spieß und ich kann mich nicht dafür verbürgen, dass Zimmern es nicht schon wie einen Lolly abgeleckt hat, bevor die Aufnahme gemacht wurde. Jedenfalls guckt er ganz so, als würde er die Requisite gleich nach dem Shooting verspeisen wollen.

Ich habe später gegoogelt, um mehr herauszufinden, nicht über das Meerschweinchen, über Zimmern. Ich dachte immer, er sei nur so ein lustiger dicker Mann, der komische Dinge isst und es damit auch zu einiger Popularität gebracht hat, aber in Wahrheit scheint er der Besitzer und CEO seines eigenen Food-Imperiums zu sein. Und sein Unternehmen ist keineswegs klein: Zimmern ist einfach omnipräsent und mindestens die Hälfte des Internets ist mit seinen Shows sowie seinen zahlreichen Geschäftsaktivitäten ausgelastet (den restlichen Platz brauchen die Bilder, auf denen man ihn sehen kann).

Aber die Amerikaner lieben nun einmal Food-Shows, obwohl in diesem Land kaum noch jemand selber kocht, und der Verzehr einer Spezialität wie etwa Cuy mag vielen fast schon so exotisch vorkommen wie die Münchener Weißwurst. Man gruselt sich nur zu gern, wenn man dabei im eigenen Heim gemütlich vor dem Fernseher sitzen kann. Solange die Pizza von der freundlichen Fastfoodkette um die Ecke pünktlich geliefert wird, ist die Welt in Ordnung. Den Rest sollen ruhig die anderen essen – und natürlich Zimmern.

Mindo: Stadt in den Bergen

Als wir so gemütlich am Tisch sitzen und unseren Kaffee genießen, während draußen der Regen auf die Stadt niederfällt, wird uns klar, dass Mindo doch eine recht künstliche Welt ist, die sich auf Gedeih und Verderb dem Tourismus verschrieben hat. Aber es gibt auch keine Alternative und gäbe es eine, hätten die Bewohner die Chance vielleicht auch ergriffen. Ich glaube allerdings, der Ort würde noch immer in seinem Dornröschenschlaf dahinschlummern, und er wäre auch nie daraus erwacht, wenn Scharen von lärmenden Touristen ihn nicht aus seinem Koma erlöst hätten. Für die Menschen kann man nur hoffen, dass der Traum von einem besseren Leben, der sich für sie erfüllt zu haben scheint, niemals ein Ende haben wird.

Die Berge versperren den Horizont, nirgendwo vermag man weiter zu blicken als bis zum nächsten Gipfel und nirgendwo in Mindo hat man den offenen Ausblick, den die Seele manchmal braucht, um sich frei zu fühlen. Die Berge erheben sich gleich unüberwindlichen Wächtern, die jeden daran hindern, diesen Ort je wieder zu verlassen. Oft ist der Himmel bedeckt und die Wolken hängen so tief wie die Bäuche nasser Bettlaken. Nicht selten liegt Nebel schwer wie eine alte Federdecke im Tal und dann verschwinden selbst die wachenden Berge in einem grauen Nirwana.

Verweilt man länger in Mindo, kann einen leicht das Gefühl beschleichen, man wäre eingesperrt; klaustrophobische Naturen könnten sogar zu Panikattacken neigen. Vielleicht aber empfinden die Bewohner die Enge der Berge und des Himmels als Geborgenheit – jedenfalls muss es einen Grund geben, der sie in ihrer Heimat hält. Ich kann nichts in Mindo entdecken, das mich zum Bleiben einlädt. Im Gegenteil, je länger ich hier verweile, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre von Mauern umstellt und diese Mauern rückten immer näher.

Schweizer Kaffee

Zurück von den Schmetterlingen suchen wir uns in Mindo ein ruhiges Plätzchen, an dem wir als verwöhnte Kinder der Zivilisation einen gepflegten Kaffee genießen und die Seele baumeln lassen können. Im erstbesten Café, an dem wir vorbeifahren, werden wir fündig. Die Betreiber sind offenbar Schweizer, wie man unschwer an der eidgenössischen Fahne am Eingang erkennen kann, und ich hege daher die Hoffnung, dass man einen guten Kaffee serviert. Ich werde nicht enttäuscht, denn der Kaffee ist wirklich gut. Später gehe ich zum Tresen und bestelle noch eine zweite Tasse. Ich spreche die Besitzerin auf Deutsch an und sie antwortet mit unverkennbar Schweizer Akzent.

Ich frage mich, warum es so viele Schweizer nach Ecuador zieht. Vielleicht sind es die Berge, denn die Hoffnung auf ein wohlgeordnetes Leben, das mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks abrollt, kann es wohl kaum sein. Aber man begehrt ja bekanntlich immer gerade das, was man nicht hat, und vielleicht ist es die tägliche Dosis Chaos, an der man Gefallen gefunden hat und von der man nun nicht mehr lassen kann.

Diese merkwürdigen Gringos

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Verkaufsstand des Kokosmannes, der uns den Weg zum Schmetterlingshaus gezeigt hatte. Wir nehmen einen Coco helado und genießen das erfrischende Getränk. Trotz des Regens, der am Nachtmittag zunächst als Nieselschauer einsetzt und sich dann zum Plattern verstärkt, ist es tropisch warm. Der Verkäufer posiert gern für ein Foto und ich stelle mich mit meiner Kokosnuss dazu. Die Aufnahme erhält mit Sicherheit einen bevorzugten Platz im Gringo-Reisealbum. Wir setzen uns mit unserem Coco ins Auto und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause – nicht, dass unser Trip nach Mindo bis hierher so abenteuerlich gewesen wäre, dass wir unbedingt eine Pause nötig gehabt hätten. Es ist nur manchmal schön innezuhalten und einfach nur zu beobachten.

Ein älteres Paar kommt des Weges, beide unverkennbar Gringos und beide in der komisch-grotesken Unisex-Uniform der Hobbyornithologen: khakifarbenes Tropen-Outfit, das direkt aus dem Fundus von „Hatari“ zu stammen scheint; der Hosenbund der Shorts bis unter die Achseln geschnallt, so dass zumindest der Mann wie eine schlankere Ausgabe von Higgins, dem Verwalter auf Robin Masters Anwesen in „Magnum“, wirkt. Die Wanderstiefel mit unverwüstlicher Profilsohle und die fein säuberlich gerollten Socken über den dünnen Waden vervollständigen das Bild. Vor der Brust baumeln Feldstecher und dazu noch Kameras. In Gürteltaschen sind weitere Extras verstaut, die sicher dazu dienen, das Überleben in Extremsituationen zu gewährleisten – vielleicht greift ja einmal ein Vogelschwarm an, durch den Anblick der Hobby-Vogelkundler bis aufs Blut gereizt. Mit Extremsituationen hat man es in diesem Land wahrhaftig täglich zu tun! Da ist es beruhigend, wenn man das entsprechende Abwehrmittel immer griffbereit hat. Ich glaube, so mancher Ecuadorianer würde sich bekreuzigen wie beim Anblick des Leibhaftigen, wenn er jenes Grauen im Doppelpack unversehens zu Gesicht bekäme.

Abenteuer auf dem Río Mindo

Nur einen Katzensprung vom Schmetterlingshaus entfernt, befindet sich die Rafting-Station. Ich musste mich belehren lassen, dass man nur dann vom Rafting sprechen kann, wenn die Wildwasser-Argonauten auch die Möglichkeit haben, das Gefährt, dem sie sich anvertrauen, selbst zu steuern. Sitzt man jedoch auf einem Traktorreifen, ist diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt vorhanden. Man nennt die Tätigkeit dann folglich auch nicht Rafting, weil man ja nicht auf einem Raft, einem Floß sitzt, sondern Tubing (Tube – Schlauch). Sechs solcher Reifen werden nach Art eines Kohlenstoffmoleküls zusammengeschnürt, der siebte Reifen kommt in die Mitte.

Am Río Mindo geht es zu wie am Riesenrad auf dem Rummelplatz, wenn die Vergnügungssüchtigen sich in die Gondeln drängen: Sobald ein Floß besetzt ist, wird es der Strömung anvertraut, aber schon folgt das nächste und so könnte es wahrscheinlich fort gehen bis in alle Unendlichkeit, wenn nicht irgendwann die Nacht hereinbrechen würde. Auf jedem der Gummiflöße klammert sich ein halbes Dutzend todesmutiger Tubonauten an die Reifen, doch es geht eher gemächlich den Fluss hinunter, von abenteuerlicher Wildwasserfahrt keine Spur. Irgendwo, ein paar Hundert Meter unterhalb der Einstiegsfurt, zieht man die kreischende Fahrtgemeinschaft wieder ans Ufer; die Flöße finden auf Pickups den Weg zurück zum Ausgangsort und mit der Rückfuhre wird gleich frisches menschliches Cargo zur Tubing-Station gebracht.

Als ich mich der Station nähere, um Fotos zu schießen, werde ich gleich ein paarmal von den „Bootsführern“ gefragt, ob ich mitfahren will. Man scheint es zu glauben, denn schließlich sehe ich aus wie ein Gringo und damit scheine ich geradezu prädestiniert für Abenteuer dieser Art. Nicht wenige sind sichtlich verstört, als ich dankend ablehne. Ich mache ein paar Fotos. Am Ufer drängen sich Leute in Schwimmwesten so dicht wie die Mähnenrobben auf den Felsklippen vor Feuerland.

Ein paar der Abenteuerwilligen haben sich Go-pros an den Kopf geschnallt, kleine Kameras, mit denen man festhalten kann, was man gerade sieht. Man kann sagen, was man will, aber mit so einer Linse an der Stirn sieht man einfach nur lächerlich aus. Im besten Falle würde man für einen Borg gehalten werden, aber ich glaube nicht, dass es hierzulande viele Trekkies gibt, die den Spaß auch verstehen könnten. Die meisten, die das Wagnis eingehen, sich den Fluss hinuntertragen zu lassen, scheinen Ecuadorianer zu sein. Überhaupt sieht man nur sehr wenige Touristen, die man für Ausländer halten könnte, und wenn, dann sind sie sofort als solche zu erkennen – als hätte man ihnen ein Mal auf die Stirn tätowiert.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.

Lustige Karnevalszeit

Die Menschen reisen aus ganz verschiedenen Gründen: Manche suchen das Abenteuer, das sie in ihrem Alltag vermissen; andere hoffen im Fremden das Gewohnte wiederzufinden; wieder andere möchten ihre Schaulust befriedigen. Für mich kann eine Reise ruhig beschwerlich sein (zumindest bis zu einem gewissen Grad), am Ziel aber – und mag es auch noch so weit entfernt sein – möchte ich doch nur immer wieder in einem schönen Café landen und bei Latte macchiato und Chocolate-Chip-Cookies einen magischen Sonnenuntergang über einem unberührten tropischen Paradies genießen … oder die majestätische Ruhe über einer menschenleeren Eiswüste … oder die donnernde Brandung an einem wilden ozeanischen Gestade.

Leider findet man so selten Cafés in Eiswüsten und an einsamen Küsten. Eigentlich möchte ich mich ein wenig wie die Besucher des Restaurants am Ende des Universums im „Hitchhikers Guide to the Galaxy“ fühlen: Man sitzt in angenehmer Begleitung gemütlich beim Essen und lässt sich von der grandiosen Show bezaubern – immerhin wird man Zeuge des Anfangs, und zwar des Anfangs von so ziemlich allem. So viel muss es aber gar nicht sein. Das einsame Meeresufer würde mir schon reichen. Ich glaube, man wird zum Snob, wenn man zu viele Reiseführer liest.

Es ist Karnevalszeit und auch Mindo gibt sich willig dem Schabernack hin. Die Hauptstraße ist dicht bevölkert und viele der Leute haben ihre Cariocas dabei – zur Karnevalszeit die Waffe der Wahl. Cariocas sind Sprayflaschen, die mit Schaum gefüllt sind. Anlässlich des Karnevals ist es üblich, dass vorbeikommende Passanten gnadenlos eingeseift werden, und wenn man selber keine Carioca zur Hand hat, mit der man Vergeltung üben könnte, ist man einfach nur das willkommene Opfer. Ich halte die Fenster geschlossen, denn die Kombattanten nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihre Opfer an dem Spaß teilhaben wollen oder nicht. Ein paarmal prallen die Attacken an der Scheibe ab und ich bin froh, dass ich im Auto sitze.

Vor uns fährt ein Truck und auf der Ladefläche sitzt ein Mädchen, nicht älter als vierzehn. Die Wagen rollen wie bei einem Autokorso im Schritttempo auf der Hauptstraße entlang und das Opfer sitzt wie auf dem Präsentierteller. Diese Gelegenheit lassen sich die bösen Jungs aus der Gegend natürlich nicht entgehen. Sie seifen das arme Ding so unerbittlich ein, dass das Mädchen am Ende wie ein Schneemann aussieht. Die Jungs aber haben ihren Spaß und lachen sich fast kaputt.

Wir halten kurz auf der Hauptstraße, denn meine Frau will Eintrittskarten für das Schmetterlingshaus und die Kolibri-Station besorgen. Mindo wird in diesen Tagen von Touristen geradezu überschwemmt, aber die Stadt scheint sich gut auf den Ansturm vorbereitet zu haben, denn es gibt kaum eine Straße, in der man einmal kein Hotel oder Hostal findet. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Einheimischen wohnen, denn die ganze Stadt scheint ausschließlich aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés zu bestehen.

Während wir so am Rande der Hauptstraße stehen, die Warnblinklichter vorsorglich eingeschaltet (so ist es hierzulande üblich, auch wenn man keinen Unfall hatte oder eine Reifenpanne), kommt der Dorfpolizist auf uns zu und macht uns mit strenger Miene darauf aufmerksam, dass das Parken auf der Hauptstraße, übrigens der einzigen im Ort, verboten sei. Er sieht unglücklich aus, wahrscheinlich schlägt ihm der ganze Trubel aufs Gemüt – daher auch die schlechte Laune. Wir fahren eine Straße weiter und warten auf meine Frau, die schon nach kurzer Zeit mit den Tickets auftaucht. Sie ist so fröhlich, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.

Die Mitte der Welt

Von Quito aus fuhren wir auf der Panamericana Norte zunächst Richtung San Antonio de Quito, einem Vorort der Hauptstadt am äußersten nördlichen Ende. Es ist verblüffend, wie schnell sich die Landschaft verändert: Die Gegend um Cumbayá ist grün und ganze Landstriche wirken geradezu lieblich, fast schon mediterran, doch hier, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, sieht man allein kahle Berge, an deren Flanken sich schwärzliche Reste von Vegetation klammern gleich den verkohlten Hautresten an einem gerösteten Meerschweinchen. Das Land sieht aus, als wäre erst kürzlich eine verheerende Feuersbrunst darüber hinweggerollt und von dem üppigen Garten Eden, den der Besucher unter dem Tropenhimmel zu finden erwartet, blieben nur Ruß und Staub. Das einzige Lebendige in dieser toten Landschaft ist der sich ständig verändernde Himmel mit seinen Dramen aus Wolken und Licht. Doch ich habe Fotos von 1992, als ich Ecuador zum ersten Mal besuchte, und schon damals erschien die Gegend genauso karg und wüst wie heute.

In Quito ist billiges Bauland knapp und hier wie auch in anderen Vororten der Stadt ziehen sich die Wohnviertel mehrere hundert Meter an den Flanken der Berge hinauf; manchmal sieht es so aus, als wären die Häuser bloß Schwemmgut, von einer Tsunami-Welle auf die Hänge geworfen. Man hat es ausnahmslos mit einfachen Betonkästen zu tun, zwei Fenster und eine Tür sind wie Augen und Mund die Öffnungen nach draußen. Die Behausungen haben alle dieselben Proportionen und ihre Besitzer fanden es angezeigt, dem tristen Beton durch einen Anstrich in bunten Pastelltönen einen fröhlicheren Anschein zu geben.

Die Bebauung ist nicht sehr dicht und die Front der Häuser zeigt immer zur Talseite, so dass durch schieren Zufall ein geordnetes Muster entsteht. So hat man manchmal den Eindruck, jemand hätte versucht, ein abstraktes Kunstwerk zu schaffen, indem er bunte Schuhkartons in der Einöde verstreute. Manche der Häuser stehen in schwindelerregender Höhe und der Ausblick von dort muss atemberaubend sein. Allerdings habe ich keine Straßen gesehen, die dorthin führen, so dass ihre Bewohner sich wahrscheinlich jeden Tag die steilen Hänge hinaufschleppen müssen. In der dünnen Höhenluft Quitos komme ich manchmal schon außer Atem, wenn ich nur ein paar Treppen steige. Die Leute, die auf den Hängen wohnen, müssen unglaublich fit sein.

Die Straße nach Mindo führt direkt am Monument „Mitad del Mundo“ vorbei, der „Mitte der Welt“. Gleich gegenüber befindet sich das futuristische Hauptquartier der Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), der Union der südamerikanischen Nationen. Man hätte kaum eine passendere Stelle zum Versammlungsort der Länder eines ganzen Kontinents bestimmen können als diesen Punkt direkt auf dem Äquator. Tatsächlich bedeutet Quito, der Name der Hauptstadt, in der Sprache des Volkes der Quitu-Cara, das die Gegend bis zur Ankunft der Spanier bewohnte, „Mitte der Welt“.