Kritiker in eigener Sache

Sind meine Berichte viel zu kritisch? Sicher sehen andere, die ebenfalls Erfahrungen in diesem Land gesammelt haben (oder deren ganz persönliches Abenteuer noch andauert), die Dinge anders, aber ich kann nur immer wieder betonen, dass dies meine ganz persönliche Sicht ist. Man sagt mir manchmal, ich würde nichts Gutes zu berichten wissen. Ich denke, das entspricht nicht der Wahrheit, aber ein jeder kann sich ja leicht selbst ein Bild machen: Wer diesen Blog aufmerksam liest, wird sehr wohl bemerken, dass meine Texte überwiegend positiv gefärbt sind.

Ich kann es mir jedoch manchmal einfach nicht verkneifen, ein wenig über die Eigenheiten dieses Landes und seiner Menschen zu lästern – es juckt mich dann geradezu in den Fingern, ein unerfreuliches Erlebnis in eine Anekdote zu verwandeln. Wenn man aus einer persönlichen Niederlage einen Witz macht, ist dies immer noch besser, als sich durch Ärger das Leben verleiden zu lassen. Schreiben kann so gleichzeitig Seelen-Therapie sein, und manche Dinge muss man einfach herauslassen, sonst würde man verrückt.

Letztlich schreibe ich ja keinen Reiseführer, der schon deshalb nur positiv berichtet, weil dessen Autor ein Anliegen verfolgt, nämlich möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, in dem Land Urlaub zu machen, das er in seinem Werk anpreist. Aber Schönfärberei ist auf Dauer einfach nur langweilig. Ich wollte in jedem Fall vermeiden, dass meine Texte langweilig sind. Ich denke, eine kleine Spitze an der richtigen Stelle ist für einen Text, was für die Suppe das Salz ist. Es ist mir ein Herzensanliegen, in meinen Posts eine grundsätzlich positive Sicht zu artikulieren, denn dies ist die Art, wie ich dieses Land und seine Menschen wahrnehme. Aber man könnte in einem Paradies leben – es sind immer die Nadelstiche, die man am deutlichsten spürt.

Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ein Nachtrag in Sachen Internet 3

Laut Clausewitz sei es möglich, die Entscheidung auf dem Schlachtfeld zu erzwingen, indem man an einem eng begrenzten Abschnitt der Front die Truppenstärke derart erhöht, dass man dem Feind mit vielfacher Übermacht entgegentritt und er schließlich weichen muss. Die Verantwortlichen bei „Netlife“, unserem Internetanbieter, müssen Clausewitz gelesen haben: Montag morgen, pünktlich um 8:30 Uhr waren die Legionen angetreten, das Internet zu bezwingen. Der Internetanbieter warf diesmal seine kampferprobten Eliteeinheiten und dazu noch die Reserve in die Schlacht. Gemäß dem Clausewitzschen Axiom waren nicht bloß drei, auch nicht vier, wie bei den letzten Versuchen, sondern gleich fünf kampfgestählte Veteranen aufmarschiert, den Gegner niederzuringen. Wir hatten nur zwei Monate auf diesen Tag warten müssen, doch endlich, endlich war es soweit.

Die Truppe legte sich auch gleich mächtig ins Zeug und entfernte, kaum dass sie aufs Schlachtfeld (unsere Wohnung) marschiert war, alle Kabelboxen und alle Kabelverkleidungen. Selbst die Wechselsprechanlage für die Eingangstür wurde fachmännisch in ihre Einzelteile zerlegt. Mit diesem Zug hatte der Feind, so schlau er auch sein mag, offenbar nicht gerechnet und auch nicht mit dem folgenden, denn kaum waren die Verkleidungen entfernt, wurde die Offensive erst einmal gestoppt. Ich ging davon aus, dass die Vorgehensweise der Schlachtexperten einem ausgeklügelten strategischen Plan folgte.

Die nächsten Stunden vergingen in Müßiggang, doch es war die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm, welche die erfahrene Truppe selbstverständlich nutzten würde, um den letzten entscheidenden Angriff vorzubereiten. Meist standen die „Netlife“-Legionäre gelangweilt in unserer Wohnung herum und warteten. Der Eindruck täuschte natürlich und nur mir als Laien musste es so vorkommen, als ob die alten Frontschweine bloß Däumchen drehten. Doch der nächste Zug war schon vorbereitet und fünf Stunden verrannen in Windeseile.

Dann, es war mittlerweile fast zwei Uhr, hatte das Oberkommando offenbar den Befehl zum Vorstoß erteilt und die Bodentruppen begannen, hektisch Aktivität zu entfalten. Die Stunden müßigen Wartens entpuppten sich am Ende doch als der raffinierte taktische Zug, den ich die ganze Zeit vermutete hatte. „Netlife“ hatte leichtes Spiel, denn nachdem der Feind erst einmal eingelullt war, wurde er nun durch ein gleichermaßen unerwartetes wie blitzschnell ausgeführtes Manöver überrumpelt: Mit versierten Handgriffen legte man einen Kabelkanal auf die Wand und die Kabelbox wurde angeschlossen. Fertig!

Ich konnte es kaum glauben – nach nur fünfeinhalb Stunden hatten wir endlich Internet. Aber noch war die Schlacht nicht gewonnen, denn es würde noch einmal eine weitere Stunde bangen Wartens vergehen müssen, bis die Verbindung freigeschaltet wurde. Der Feind hatte eine Schlacht verloren, aber er gab sich noch lange nicht geschlagen. Listig spielte er seinen letzten Trumpf aus: Als ich am Abend ins Internet zu gehen versuchte, erhielt ich die mit einem fetten Ausrufezeichen versehene Meldung „Internet limitado“. Das bedeutete, dass die Kabelbox zwar einwandfrei funktionierte, es aber kein Internet gab. Zwei Tage später hatte der Hund, offenbar ein Mitglied der Fünften Kolonne, sämtliche Glasfaserkabel gefressen.

Fast schien es, der so hart errungene Sieg war zunichte gemacht, doch dem wiedererstarkenden Feind durfte in diesen entscheidenden Augenblicken keine Atempause gegönnt werden. Der feindliche Spion wurde umgehend in der Küche interniert und das Kriegsgericht verurteilte ihn zu Snackentzug. Noch einmal warf das „Netlife“-Hauptquartier zwei seiner besten Krieger in die Schlacht und diesmal hatte der geschwächte Feind keine Chance. Der Sieg war so vollständig, dass er sofort jeden weiteren Widerstand einstellte. Nimm das, Internet!

Anmerkung: Eigentlich bestand die ganze Arbeit in der Verlegung von ca. 150 Zentimeter Glasfaserkabel und dem Anschluss der Kabelbox. Dafür schickte „Netlife“ fünf Mitarbeiter. Die Ausführung der Arbeiten nahm insgesamt fünfeinhalb Stunden in Anspruch.

Ponchos in Genf

Es war spät geworden und eigentlich hatten wir unseren Trip nach Cotacachi als Tagesreise geplant. Doch eingedenk unserer Erfahrungen wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, bei Dunkelheit zurückzufahren. Nachts mit dem Auto durch die Anden zu fahren, ist ein Abenteuer, das jedem empfohlen sei, der den Nervenkitzel der ganz großen Herausforderung sucht. Wir wollten nicht zurück nach Cumbayá und in Cotacachi hatten wir alles gesehen, was man gesehen haben sollte, doch Otavalo lag nur einen Katzensprung entfernt. Mit dem Auto schafft man die Strecke in nicht mehr als fünfzehn Minuten. Also machten wir uns auf nach Otavalo, um dort zu übernachten und vielleicht auch den berühmten Markt zu besuchen, der hier jedes Wochenende abgehalten wird.

Otavalo ist ein kleines hübsches Städtchen, dessen Einwohner sich vor allem auf Textilarbeiten spezialisiert haben. Darüber hinaus kann man noch schöne Kunstgewerbearbeiten bewundern und natürlich auch kaufen. Als wir eintrafen, war man auf dem Markt bereits damit beschäftigt, die Stände abzubauen. Seit ich den Ort das erste Mal besucht hatte – mir scheint, es war vor einer Ewigkeit –, war der Markt über die Plaza mayor hinaus wie eine Wucherung in die Stadt hineingewachsen. Weite Teile der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, weil Händler dort dicht an dicht ihre Marktstände aufgebaut hatten. Feilgeboten wurden alles, was geschickte Hände nur zu weben, zu klöppeln oder zu stricken vermochten, und wer einen erstklassigen Poncho erstehen möchte, um sich einmal wie ein waschechter Hochlandbewohner zu fühlen (oder wie ein Idiot – es kommt nur darauf an, wo man das Kleidungsstück trägt), ist hier genau an der richtigen Adresse.

Man sagt, die Bewohner der Stadt, die Otavaleños, hätten dank konsumfreudiger Touristen ihr Geschäft so groß aufziehen können, dass nicht wenige von ihnen steinreich geworden seien. In der Tat sind es vor allem Touristen, die auf dem Markt kaufen, aber das Gros bilden dabei die Ecuadorianer und nicht die Ausländer. Die sieht man zwar häufig und auch hört man gar nicht so selten Deutsch (merkwürdigerweise immer mit unverkennbarem Schweizer Akzent), doch ist der Markt in der Regel so gut besucht, dass die paar Nicht-Ecuadorianer gar nicht ins Gewicht fallen.

Wir schlenderten noch ein wenig durch die Kunstgewerbegalerien. Es gibt viele schöne Dinge zu kaufen und man könnte wirklich ein Vermögen dalassen und würde es nicht bereuen, sofern man eines hat, das man verschwenden kann. Kein Wunder, dass die Stadt – anders als viele andere ecuadorianische Städte – so aufgeräumt, so sauber und so ordentlich wirkt. Die Bürgersteige sind in der gesamten Innenstadt mit bunten Kacheln ausgelegt; die Straßen sind so gut gepflastert wie in nur irgendeinem properen Städtchen Mitteleuropas; die Fassaden der Häuser sind in ordentlichem Zustand und selbst die alte Barockkirche an der Plaza mayor ist adrett renoviert und strahlt so schön und sauber, als wäre sie gerade erst hingebaut worden. In einem Land wie Ecuador und wahrscheinlich an den meisten Orten dieser Welt sind solche profanen Dinge keineswegs selbstverständlich, und umso mehr ist man erstaunt und freut sich, wenn man ihnen dann doch unvermutet begegnet. Durch den Markt und das Textilgeschäft wurde Otavalo wohlhabend, und das merkt man der Stadt auch an.

Nachdem die Händler ihre Zelte abgebaut hatten, fuhr die Müllabfuhr durch die nächtlichen Straßen und sammelte den Unrat des Tages ein. Von überall her konnte man das Lied der Müllautos hören, das wie ein Kinderlied aus einer antiken Spieluhr klang. Die Müllmänner arbeiteten im Akkord, um die Straßen in Rekordzeit blitzsauber zu räumen: Während die Laster unter klingendem Spiel langsam durch die nächtlichen Gassen rollten, turnten die Müllmänner wie Reitakrobaten um die Maschine, sammelten in einem schier wahnwitzigen Tempo den Müll vom Bordstein und schleuderten ihn in den Container. Nach zwei Stunden klingender Kinderlieder waren die Straßen so sauber als hätte der Markt mit Abertausenden von Besuchern nie stattgefunden.

Meine Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, ist in der Sierra eine Fremde geblieben. Die kulturellen Unterschiede und vor allem die Mentalitätsunterschiede zwischen Sierra und Costa sind so groß, dass man glauben könnte, es handelte sich um Bewohner verschiedener Länder, die dazu noch auf weit entfernten Kontinenten liegen. Sie meinte einmal, sie könne nicht verstehen, warum die Serranos in Deutschland immer jammerten, denn im Grunde seien sie nicht viel anders als die Deutschen oder zumindest entsprächen sie genau dem Klischee, das man den Deutschen immer gern anhängt: sie seien wortkarg, humorlos und arbeitsam. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Costeños das genaue Gegenteil dessen verkörpern – so behauptet man zumindest. Die Serranos sagen ihren ungeliebten Vettern von der Küste nach, dass diese immer nur feiern wollten, vom Arbeiten hingegen hielten sie nicht allzu viel. Meine Frau ist selbstverständlich eine Ausnahme – falls an der Sache etwas dran sein sollte.

Wir suchten ein Hotel für die Nacht und meine Frau, die schon einmal vor ein paar Jahren in Otavalo übernachtet hatte, empfahl uns das „Indio Inn“. Das „Indio Inn“ ist eines der besten Hotels am Ort und wird von Otavaleños, also Einheimischen, geführt. Man muss wissen, dass „Indio“ eigentlich ein Schimpfwort ist. „Indio“ steht für Rückständigkeit, Unbildung, Unterdrückung und ist der Name, den die vermeintlich bessere Hälfte der Gesellschaft dem vermeintlichen Bodensatz gegeben hat. Niemand würde sich freiwillig als „Indio“ bezeichnen, wenn man jedoch auf die ethnischen Wurzeln anspielt, spricht man von „Indigenas“.

Als ich im Jahre 1992 Ecuador besuchte, wurde gerade der fünfhundertste Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gefeiert. Natürlich bot dieses Jubiläum nicht für alle Ecuadorianer Anlass zu grenzenloser Freude, besonders nicht für jene Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit noch heute von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind. Ich erinnere mich, dass wir gerade mit dem Taxi unterwegs waren, als wir plötzlich in eine Demonstration gerieten. Die Teilnehmer des Aufmarsches prangerten nicht weniger als Völkermord und fünfhundert Jahre Unterdrückung an. Meine Frau fragte den Taxifahrer, was für eine Bewandtnis es mit dem Protestzug hätte, und der Fahrer antwortete, wie wohl die Mehrheit geantwortet haben würde: Er wisse nicht, was diese Indios eigentlich wollen.

Seit damals hat sich viel verändert, vor allem in der Mentalität der Leute. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich Menschen stolz ihrer indigenen Abkunft rühmen – und dass sie ein Hotel betreiben. Als meine Frau zum ersten Mal im „Indio Inn“ übernachtete, war sie ganz begeistert, dass so etwas in Ecuador möglich ist. Die Bewegung der Indigenen hat in den letzten Jahren einen leidenschaftlichen Aufschwung genommen und jene seit so langer Zeit unterdrückten Menschen sind mit deutlich gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung hervorgegangen. Man muss sagen, ihr Erfolg hat dem Land gut getan.

An dieser Erfolgsgeschichte hat sicher auch der Tourismus mitgestrickt: Wer nach Ecuador kommt, will etwas Landestypisches und Authentisches sehen und möchte zugleich den Kitzel des Exotischen spüren. Die Vielfalt der einheimischen Kulturen bedient dieses Bedürfnis und die Touristen sind auch gern bereit, dafür Geld auszugeben. So hat die einst verachtete Kultur der Indigenen eine Aufwertung erfahren, und es ist jetzt sogar möglich, dass ein Hotel einen Namen trägt, den man noch vor gar nicht langer Zeit allein dann auszusprechen pflegte, wenn man damit eine Herabwürdigung meinte.

Am Ende war unsere Begeisterung doch nicht groß genug, um uns davon zu überzeugen, die Nacht im „Indio Inn“ zu verbringen. Nach Otavalo zu kommen, war das Ergebnis eines spontanen Entschlusses, aber achtzig Dollar wollten wir dann doch nicht für ein bisschen Spontaneität opfern. Und schließlich waren wir nicht der schönen Hotels wegen gekommen. Otavalo ist gut auf den Ansturm der Touristen eingerichtet (der Markt zieht Tausende jedes Wochenende hierher). Die Stadt ist geradezu gespickt mit Hotels und ein Zimmer für die Nacht zu finden, ist deshalb kein großes Kunststück. Wir zogen nur eine Straße weiter und dort fanden wir unsere Bleibe. Das Zimmer, das uns der Nachtportier anbot, war sauber, die Betten bequem und es gab HBO – was will man mehr? Und das alles für nur dreißig Dollar!

Nachdem wir eingecheckt hatten, gingen wir noch einmal auf die Straße, um ein wenig durch die abendliche Stadt zu schlendern. Wie es der Zufall so will, trafen wir auf zwei Kolleginnen meiner Frau, die eine Ecuadorianerin, die mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, die andere Schweizerin. Man kam sofort ins Plaudern und ehe man sich´s versah, hatte man sich schon zum fröhlichen Umtrunk verabredet. Ich kam mir ein bisschen vor wie das fünfte Rad am Wagen und verabschiedete mich unter einem Vorwand, zumal ich die einmalige Gelegenheit nutzen wollte, um bis in die Puppen fernzusehen.

Zuhause in Cumbayá haben wir kein Fernsehen und nach Monaten der Abstinenz giert man regelrecht nach der Glotze – selbst Werbung verschafft einem da schon ein Hochgefühl. Während meine Frau genüsslich Piña coladas mit den Kolleginnen schlürfte, machten mein Sohn und ich es uns im Bett bequem und zappten uns durch das nächtliche Fernsehprogramm. Nichts geht über einen Fernsehabend unter Jungs: Niemand beschwert sich über Gewaltorgien oder versucht einen mit didaktischer Raffinesse über die psychischen Folgen exzessiven Fernsehkonsums aufzuklären. Über die Mattscheibe flimmerten Mord und Totschlag und zu so einem spaßigen Happening fehlten eigentlich nur noch die opulente, fleischlastige Abendmahlzeit und natürlich das Bier.

Bis zum Mittag des nächsten Tages wollten wir zurück in Cumbayá sein. Meine Frau nutzte den Morgen, um dem Markt noch schnell einen Besuch abzustatten. Sie kaufte zwei schöne T-Shirts und war rechtzeitig zum Frühstück wieder zurück. Otavalo befindet sich in der Nähe der Laguna San Pablo, eines recht großen Sees hoch in den Anden. Schon auf der Fahrt nach Cotacachi hatten wir von der Autopista aus einen Blick auf die majestätische Wasserfläche erhaschen können. Nun wollten wir einen kurzen Abstecher zum Ufer machen, auch um herauszufinden, ob sich ein Wochenendaufenthalt am Wasser lohnen könnte.

Über eine einsame Landstraße gelangten wir zu einem Parkplatz vor einer Art Pier, auf dem ein Restaurant stand. Wir waren die einzigen Besucher. Der Pier sah so hinfällig aus, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, wann ihn die Wasser des Sees samt dem Restaurant verschlingen würden. Ein zweiter Pier, auf dem einmal ein Hotel oder auch ein Restaurant gestanden haben mochte, war bereits ins letzte Stadium des Verfalls übergegangen: Eine morsche Holzruine, von der sich gerade noch erahnen ließ, was sie einmal darstellte, hielt sich, wie es schien, mit verzweifelter Anstrengung eben so über dem Wasserspiegel. Ein scharfer Windstoß – die vermoderten Stützbalken würden nachgeben und der Pier fände sein nasses Grab im See.

Das Wasser des Sees war kristallklar; am Grund wogte Seegras. Die Sonne brannte als wäre sie der Erde noch nie so nahe gewesen. Der Morgen setzte das Bergpanorama in ein ätherisches Licht. Man hätte glauben können, dort irgendwo, jenseits des Sees, befinde sich das Tor nach Shangri La. Am liebsten wäre ich gleich in den See gesprungen und zu seinem Grund getaucht, doch die Laguna San Pablo befindet sich im Hochgebirge und das reine, klare Wasser sieht nicht nur so aus, als ob es sich aus den frostkalten Gletscherbächen der Berge speiste.

Wir stellten uns vor den See und machten Fotos. Als wir zum Parkplatz zurückkehrten, lagerten dort zwei Frauen in der Tracht der Indigenen. Ihre Gesichter waren von Falten zerfurcht, als hätten darin geologische Kräfte in Äonen ihre Spuren hinterlassen. Sie erschienen mir steinalt wie mythische Wahrsagerinnen. Man bettelte uns freundlich um etwas Geld an und ich gab ihnen alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte. Vielleicht sagten sie mir dafür ein günstiges Schicksal voraus.

Auf der Rückfahrt nahmen wir den Umweg um den See. Die schön gepflasterte Landstraße, auf der es sich so bequem fahren ließ, wich bald einer abenteuerlichen Buckelpiste. Offenbar war in diese Gegend noch kein Straßenbautrupp vorgedrungen. Am jenseitigen Ufer des Sees zogen sich die Dörfer in langer Reihe hin. Eigentlich war es nur ein einziges Dorf, dessen Häuser sich an der Hauptstraße entlangreihten wie Perlen an einer Schnur. Zwischen Seeufer und Bergen gibt es nicht viel Platz und so ist die Umgehungsstraße oft die einzige Verkehrsader im Ort.

Ich bezweifle, dass je ein Tourist aus dem Ausland diese Gegend besucht. Rund um den See findet sich nicht die geringste Spur einer touristischen Infrastruktur, und alles was man über die sonstige Infrastruktur mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sie nicht existiert. Wir haben gehört, dass es irgendwo ein schönes Restaurant geben soll, von dem aus man einen wundervollen Blick über den See hat. Manch einer behauptet sogar, man komme sich vor wie in Genf. Die Leute übertreiben gern. Leider haben wir das Lokal verpasst und wir fanden auch keine Muße, erst umständlich danach zu suchen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Die Straße führte oberhalb des Sees in den Ausläufern der Berge entlang und von hier oben hatte man einen guten Blick auf das Seeufer und die Lagune: Der Berg senkte sich ziemlich steil bis zum See ab. Dort aber, wo er das Niveau des Wasserspiegels erreichte, ging er in einen breiten sattgrünen Ufersaum über, der aus der Ferne so wirkte wie eine angenähte Bordüre aus grünem Samt. Als wir so auf der engen, mit Schlaglöchern gespickten Straße durch die Dörfer zuckelten, entdecken wir plötzlich rechter Hand die Zufahrt zu einem Ferienressort. „Cabañas“, also kleine Bungalows, war auf einem Schild zu lesen. Wir hielten und unser Blick folgte der Zufahrtsstraße immer weiter bis zum Seeufer hinab und tatsächlich: auf dem moosgrünen Ufersaum, unmittelbar am Wasser, warteten niedliche Ferienbungalows auf die Gäste. Aus der Ferne sahen sie den Häuschen aus dem Monopoly-Spiel zum Verwechseln ähnlich. Ganz reizend, würde der Connoisseur sagen.

Es muss schön sein, mit einem guten Schoppen im Glas gemütlich auf der Terrasse zu sitzen, und dabei den Blick über den See schweifen zu lassen. Vielleicht kommt es einem ja wirklich ein bisschen so vor, als sei man in der Schweiz und vielleicht ist es Heimweh, das die vielen Schweizer in diese Gegend zieht. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Schweizer vorgeht.

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.

Auf unbekannten Straßen

Am Donnerstag müssen wir dann aber wirklich wieder zurück nach Quito, denn die Schule hat bereits begonnen und uns fällt keine sinnvolle Ausrede ein, die unserem Sohn erlaubt hätte, noch länger dem Unterricht fernzubleiben. Ursprünglich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber am Ende sind alle Pläne für die Katz, denn die Wirklichkeit bringt sich immer gerade dann unangenehm in Erinnerung, wenn man am wenigsten damit rechnet. Es waren noch letzte Besorgungen zu machen und das Packen dauerte wieder einmal den ganzen Vormittag. Mein Einwand, dass ich auf keinen Fall Nachts fahren wolle, weil die Strecke viel zu gefährlich sei, wurde geflissentlich überhört und so musste es erst Mittag werden bis wir endlich Richtung Quito aufbrechen konnten. Die Schwiegermutter begleitete uns. Sie wollte sehen, wie ihre Tochter lebt, und außerdem beabsichtigte sie, bei dieser Gelegenheit gleich ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen. Ich ahnte, diese Fahrt würde meine Kräfte bis zum Äußersten beanspruchen.

In der Nähe Santo Domingos lebt ein alter Studienkollege meiner Frau und obwohl abzusehen ist, dass wir Quito erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, muss erst noch ein Zwischenstopp bei besagtem Ex-Kommilitonen eingelegt werden. Ich fahre ungern bei Dunkelheit durch die Anden. Die Straßen sind schon am Tage gefährlich genug, Nachts aber verlangt die Strecke einem alles ab und nach ein paar Stunden Fahrt durch die Berge, inklusive Passhöhen von über dreitausend Metern, ist man am Ende seiner Kräfte – physisch wie mental. Meine Frau telefoniert noch einmal und René, so der Name des ehemaligen Mitstudenten, sagt, das Essen würde bei unserem Eintreffen schon bereitstehen. Wer kann da schon Nein sagen!

René wohnt irgendwo auf dem Campo, d. h. auf dem Land, und seine Adresse ist so schwer zu finden, dass selbst das Navi mit seinem Latein am Ende ist. Wir verabreden uns deshalb zehn Kilometer hinter einem markanten Verkehrskreisel. Er sei nicht zu verfehlen, meint René, aber wir haben so unsere Erfahrungen mit Verkehrskreiseln und schon aus Angst, die Stelle wieder zu verpassen, wittern wir wie die Eichhörnchen ständig in alle Richtungen. Entgegen allen Erwartungen finden wir den Kreisel auf Anhieb und alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist Kilometer zählen. Ich schaue genau auf den Kilometeranzeiger und tatsächlich, gerade als die Ziffern zur Zehn Komma Null umschalten, sehe ich René winkend und lächelnd am Straßenrand stehen. Wir begrüßen uns kurz und weiter geht es über eine mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste. René fährt einen Pickup mit Allradantrieb und wahrscheinlich ist ein geländegängiges Fahrzeug auch nötig. Ich wage mir kaum auszumalen, wie die Wege bei Regen aussehen. Die Straße führt durch eine Art pastorale Idylle. Kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit bändigt die wild wuchernde Natur. Plötzlich halten wir vor einem stählernen Flügeltor von geradezu zyklopischen Ausmaßen. Wir stehen davor wie die Besucher des „Jurassic Park“, aber natürlich sind wir nur zum Essen gekommen und nicht als die Mahlzeit. Es steht aber nichts zu befürchten, denn René ist einer der freundlichsten Zeitgenossen, die ich kenne. Er öffnet das Tor und wir rollen auf den Hof.

René wohnt so, wie man sich gemeinhin vorstellt, dass ein Großagrarier leben müsste: Der flache Gebäudekomplex von gewaltigen Ausmaßen thront auf der Anhöhe wie das Hauptquartier eines Generalobersten. Rundherum breitet sich eine verwilderte Hügellandschaft aus. Eine Meute furchteinflößender Wachhunde patrouilliert argwöhnisch um das Haus und verbellt jeden Einbrecher. Wir dürfen passieren, aber nur weil René die Hunde zurückhält. Er führt uns ins Wohnzimmer des Hauses, einen Raum von den Ausmaßen eines Audienzsaals. In dessen Mitte befindet sich gleich einer Insel der Ruhe eine bequeme Sitzgruppe. Wir lassen uns erschöpft in die weichen Polster fallen. Vitrinen und Bilder schmücken die Wände. Um wirklich zu glauben, man befände sich im Herrenhaus einer großen Hacienda, fehlt eigentlich nur der Kamin mit dem ausgestopften Stierkopf an der Wand darüber. Doch in einem Land, in dem immer sommerliche Temperaturen herrschen, sind Kamine wohl fehl am Platze. Und René ist kein Rinder-, sondern ein Hühnerbaron. Und wie sähe denn ein Huhn über dem Kamin aus!

Unser Gastgeber hat in Deutschland Landwirtschaft studiert und reüssiert seit Jahren als Hühnerzüchter. Ich habe noch nie zuvor einen Leibhaftigen Hühnerbaron getroffen und René muss herzlich lachen, als er den Ausdruck hört. Ich frage ihn, ob wir uns die Ställe anschauen dürfen und während seine Frau das Essen zubereitet, machen wir einen kurzen Spaziergang. Wir schlagen den Weg über einen holprigen Sandpfad ein. Es geht bergab und dann bergauf und nachdem wir uns unter einem Dornendickicht hindurch gebückt haben, öffnet sich plötzlich der Blick: Wir schauen über ein weites, von sattgrünem Gestrüpp überwuchertes Hügelland. Aus der dichten Vegetation erheben sich vier kastenförmige Gebäude, jedes von den Ausmaßen einer Kaserne. Wir befinden uns oberhalb der Anlage und schauen aus der Vogelperspektive herunter. An einigen Stellen hat man die Dachluken geöffnet und darunter herrscht heilloses Gewimmel: Jeder der kleinen weißen Punkte ist ein Huhn. Es müssen Tausende sein. Über den Hügeln hört man ihr Gegacker, das einem tausendstimmigen geschwätzigen Chor gleicht.

Die Hügelketten steigen wie eine Theaterkulisse sanft zum Horizont hin an. Gleich dem Rand eines Suppentellers rahmen sie eine Senke ein, in deren Mitte Renés Hühnerfarm liegt. Die Kämme der weiter weg liegenden Höhenzüge nehmen uns die Fernsicht. Die Hügel breiten sich vor uns aus wie Sandrippen an einem Strand und die vier Gebäude, jedes so lang wie ein Fußballfeld, wirken darin wie Fremdkörper. Ich frage René, ob das alles ihm gehöre und mache dazu eine ausschweifende Geste bis hin zu den entferntesten Hügeln. Und dieser bescheidene Mann nickt etwas schüchtern. Das Areal ist riesig, geradezu gigantisch und es fällt mir schwer zu glauben, dass René, wie er sagt, nur eine kleine Nummer im Hühnerbusiness ist. Er erzählt mir, er habe zur Zeit sechzigtausend Hühner, um aber als Großproduzent zu gelten, müsse man mindestens dreihunderttausend Tiere besitzen. Das sind eine Menge Vögel!

Ich erzähle ihm, dass der Vater eines der Klassenkameraden meines Sohnes der größte Hühnerproduzent Ecuadors sei. Der Mann gehöre zu den Top-Lieferanten für KFC (das ist der Colonel) in ganz Lateinamerika und überdies sei er auch noch Eigentümer des „El Español“, einer Kette von Deli-Restaurants. René nickt abermals – ja, er kenne ihn. Wahrscheinlich geht es in in seiner Branche zu wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Sicherlich trifft man sich alljährlich auf den einschlägigen Fachmessen und bebauchpinselt sich auf den Verbandsfeiern.

Als wir zurückkehren, wartet schon das Essen auf uns. Es gibt Reis mit – wer hätte es ahnen können! – Hühnchen. Wir setzen uns an den Tisch, der die Ausmaße einer Rittertafel hat. René und ich nehmen jeweils am Kopfende Platz und wir müssen laut sprechen, damit unsere Stimmen die Worte über die große Entfernung tragen. Von meinem Platz aus kann ich die Küche sehen – sie ist so groß wie unsere ganze Wohnung in Berlin und mit so viel Kücheninventar ausgestattet, dass leicht zwei Dutzend hungriger Landarbeiter verköstigt werden könnten. Hier ist einfach alles riesig, doch selbst noch das größte Anwesen verliert sich in der weithin leeren Landschaft. Renés Frau kümmert sich offenbar um das Haus, was angesichts von dessen Größe keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, es ist weniger fordernd, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, als diesen Pharaonenpalast von einem Haus zu verwalten. Sie ist von der herzlich-zupackenden Art der Landfrauen, obwohl ich mich nicht dafür verbürgen könnte, dass sie wirklich vom Lande stammt. Aber vielleicht wird man so, wenn man nur lange genug auf dem Campo gelebt hat. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen und wir langen ordentlich zu. Das Essen ist lecker – kein Wunder, dass René Bauch angesetzt hat, seit ich ihn das letzte Mal sah.

Nach dem Essen plaudern wir noch ein wenig, aber wir können nicht lange bleiben. Schon bald wird es dunkel und ich bin ein wenig besorgt, weil uns der schwierigste Teil der Strecke noch bevorsteht. In einigen Wochen wollen wir uns wieder treffen, diesmal bei uns in Cumbayá, und neben René sind all die anderen „Ossis“ eingeladen. Die Ecuadorianer, die in der DDR studiert haben, nennen sich selbst immer scherzhaft „Ossis“. Meine Frau möchte eine Nostalgie-Party veranstalten und sie hat deshalb Bockwürste, Gewürzgurken im Glas und noch vieles mehr mitgebracht, das an die alte Zeit erinnert. Ein halbes Dutzend Leute werden der Einladung wohl folgen und wir sind jetzt schon gespannt, was sie zu erzählen haben.

Wir verabschieden uns bald und René öffnet uns das Tor. Die Wachhunde umkreisen argwöhnisch unser Auto. Ein letzter Abschiedsgruß und dann geht es wieder auf die Autopista. Zwar hoffen wir, dass wir die Berge vor Einbruch der Dunkelheit überwunden haben werden, aber die Zeit ist zu knapp. Ich verkneife mir einen rechthaberischen Einwand und stelle mich mental schon einmal auf eine lange und anstrengende Nachtfahrt ein. Ich entschließe mich, die nördliche Route nach Quito auszuprobieren. Diese führt nicht über Santo Domingo sondern über San Miguel de los bancos. Wir hoffen so, dem Regen, dem Nebel und den tückischen Serpentinen mit ihren starken Steigungen und Gefällen zu entgehen.

Unsere Reise steht unter einem guten Stern: Wir haben noch mehr als zwei Stunden Tageslicht, die Straße ist in exzellentem Zustand und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Einmal fahren wir eine Stunde oder länger am Stück, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet wäre. Die Straße führt durch sanft geschwungene grüne Hügel unter einem blaue Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. Wir fahren durch winzige Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben, und die wir schon wieder vergessen, als wir die letzten Häuser passieren. Die Straße zieht sich in immer neuen Schwüngen durch das Grün der Hügel. Alles ist ruhig, friedvoll und einfach nur schön. Die Landschaft ist der Traum von einer Idylle, wie er nur dem Kopf eines Großstadtmenschen entspringen kann. Mir kommt der Gedanke, hier vielleicht einmal Urlaub zu machen, doch ich verwerfe sofort diese Weltfluchtidee des Großstädters in mir. Wie sollte man sich hier versorgen – ich hatte seit Stunden nicht ein Geschäft gesehen – und vor allem, was sollte man hier eigentlich tun? Außer der schönen Landschaft gibt es absolut nichts; wir sahen nicht einmal Menschen. Die meisten Einheimischen sind froh, wenn sie der Tristesse und der Armut ihrer Dörfer entrinnen können. Nur der Reisende von weither ist der Wirklichkeit fern genug, um mit dem Blick des Romantikers in der Einöde ein Paradies zu erkennen.

Wir waren nun schon über zwei Stunden unterwegs und so schlagartig, als hätte sich ein Vorhang gesenkt, kam die tropische Nacht über uns. Wir hatten noch kaum die Hälfte geschafft und mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, schien sich die Strecke zum zwei zu verlängern. Auf der Karte sehen beide Routen – die südliche über Santo Domingo und die nördliche über San Miguel de los bancos – etwas gleich weit aus, tatsächlich aber benötigt man auf der nördlichen Strecke fast zwei Stunden mehr bis Cumbayá. Bei Tage mag dies noch angehen, denn die Straßen sind in gutem Zustand und die nördliche Strecke ist viel weniger gefährlich als die südliche. Während der ganzen Fahrt war es trocken und auch der Nebel blieb uns erspart, was dem Umstand zu danken ist, dass die Strecke nicht so hoch in die Tierra fría hinaufführt wie die Route über Santo Domingo. Für diesen Komfort muss man jedoch mehr Zeit einplanen. Bei Tag macht es sogar richtig Spaß, diese Route zu befahren, bei Nacht kann es jedoch passieren, dass man unversehens in einen Alptraum gerät.

Es war stockdunkel. Ohne das Licht der Scheinwerfer hätte ich die Hand vor Augen nicht sehen können. Hin und wieder kamen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die meisten der Fahrer schienen nicht zu wissen, dass man das Licht auch abblenden kann, und nach jeder dieser Begegnungen sah ich für Sekunden nur noch grüne Punkte. Ich fuhr langsam, so langsam, dass man mich einige Male überholte, aber die Straße war wegen der Dunkelheit und auch wegen der schlechten Kennzeichnung stellenweise kaum noch zu erkennen. Als wäre ich hypnotisiert, hielt ich die Augen die ganze Zeit starr auf den Seitenstreifen gerichtet, der einzigen Orientierungshilfe in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Plötzlich, als hätte die Nacht sie verschluckt, waren die Fahrbahnmarkierungen verschwunden. Im Licht der Scheinwerfer versuchte ich die Straße auszumachen, doch im nächsten Augenblick bäumte sich der Wagen auf wie ein bockendes Pferd und sprang ein paarmal wie wild auf und ab. Wir wurden hart in die Sitze gestaucht und dann hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl von Schwerelosigkeit, wie wenn man mit dem Auto über einen Hügel rast und wenn man die Kuppe erreicht, zieht es einem die Eingeweide nach oben und es ist, als tanzten Schmetterlinge im Bauch. Doch das verheißungsvolle Gefühl entpuppte sich als Täuschung, denn die Fahrt endete mit einem großen Plumps.

Der Motor lief noch, die Scheinwerfer brannten auch noch und die Airbags hatten nicht ausgelöst. Um uns herum breitete sich tiefschwarze Nacht aus, die durch die Scheinwerfer eher noch verstärkt wurde, als dass das Licht sie durchdringen konnte. Alles ging so schnell, doch meine Schwiegermutter hatte noch Zeit, die Mutter Gottes und sämtliche Heiligen um Hilfe anzurufen. Und es hat etwas genutzt! Ich hörte ihre Worte in meinem Kopf nachhallen und ich musste fast lachen, als ich daran dachte, dass wir vielleicht nur deshalb noch am Leben waren, weil der Himmel mich, den Atheisten, verschmäht hatte. Ich spürte überhaupt keine Angst, obwohl ich doch Angst haben sollte. Stattdessen überkam mich eine geradezu meditative innere Ruhe wie sonst nur nach der Neujahrsansprache unserer Bundeskanzlerin.

Da niemand verletzt war – alle saßen noch angeschnallt und mit perplexem Gesichtsausdruck auf ihren Sitzen –, konnte ich mich um den Wagen kümmern. Meine Frau meinte, da lägen Teile. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Sobald ich die Tür geöffnet hatte, versanken meine Füße im Matsch. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Wagen in einer Schlammpfütze gelandet war. Rundherum verstreut lagen Teile von Kotflügeln, Scheinwerfer, eine zerbrochene Stoßstange, Radkappen. Ich stakte auf Zehenspitzen um den Wagen herum, doch ich konnte keinen Schaden feststellen. Bis auf die Tatsache, dass das Auto verdreckt war wie nach einer Tauchfahrt durch einen Schlammgeysir, schien alles in Ordnung. Die Teile, die ich im Matsch liegen sah, stammten nicht von uns. Sehr wahrscheinlich waren wir nicht die einzigen, und ganz sicher nicht die ersten, die in diese gemeingefährliche Falle tappten.

Was war geschehen? Die Straße hatte sich gegabelt und ich hatte mich für den falschen Abzweig entschieden. In der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, ob auf dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, gerade gebaut wurde oder man den Abzweig einfach stillgelegt hatte. Jedenfalls waren zehn Meter hinter der Gabelung einige Sandhügel aufgeschüttet worden. Über den letzten davon hatte es uns wie auf einer Sprungschanze hinausgetragen und der Wagen war in die dahinter liegende Schlammpfütze geplumpst. Ob die Straße noch weiter ging, konnte man wegen der Dunkelheit nicht erkennen. Sie verlor sich irgendwo an der Flanke eines Hügels im Gebüsch.

Jedenfalls mussten wir wieder zurück. Ich legte also den Rückwärtsgang ein – der Wagen reagierte wie gewohnt –, umfuhr die Sandhügel und setzte zurück auf die Hauptroute. Erst jetzt wunderte ich mich, warum man vor dem toten Abzweig keinen Warnhinweis angebracht hatte. Sonst pflegt die Verkehrspolizei aus unerfindlichen Gründen an den unmöglichsten Stellen Kegel aufzustellen. Warum sie das tut, bleibt ein ungelöstes Rätsel, denn die willkürlichen Absperrungen behindern eher den Verkehr, als dass sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. In diesem Fall hätte sich eine Markierung als nützlich erweisen können, zumal wir nicht die ersten gewesen zu sein scheinen, die sich für die falsche Ausfahrt entschieden hatten. Aber man darf den Leuten hier nicht mit Logik kommen. Ich habe schon oft daran gedacht, dass man vielleicht einer anderen Art Logik folgt, die zu erkennen, ich bloß noch keinen Sinn entwickelt habe. Das kommt aber alles noch – da bin ich mir ganz sicher!

Der restliche Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Auf dem allerletzten Abschnitt kurz vor Quito gerieten wir hinter einen Laster, der eine schwere Ladung Holzbohlen transportierte. Die meiste Zeit zuckelte er mit allenfalls vierzig Kilometern pro Stunde durch die Nacht. Ein dickes Seil, mit dem wohl ursprünglich die Ladung gesichert war, schleifte hinter ihm her und pendelte wie ein Treibanker von einer Straßenseite zur anderen. Ich hätte ihn gern überholt, aber nach acht Stunden Fahrt und nachdem wir nur knapp der Katastrophe entronnen waren, hatte ich keine Nerven mehr, an ihm vorbeizuziehen. Die Straße war ziemlich schmal und durch die vielen Serpentinen konnte man den Gegenverkehr erst im allerletzten Moment erkennen. Mehrmals überholte man mich, doch ich war keineswegs darauf erpicht, es selbst zu versuchen, denn einige Male hatte ich den Eindruck, der Zusammenstoß wäre unausweichlich. Doch dann, im letzten Moment, zog der Überholende mit verzweifelter Verwegenheit vor den Laster und der Aufprall wurde nur um Zentimeter vermieden. Auch wenn es ein wenig länger dauerte, schafften wir es schließlich sicher nach Hause, und an diesem Abend war ich darüber so froh wie noch nie.

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.

Immer wieder Canoa

Am 3. November ist die ganze Stadt auf den Beinen, um sich die Parade anlässlich der Erhebung Bahías zum Kanton im Jahre 1875 anzuschauen. Der Aufzug hat Tradition und die Einwohner der Stadt säumen nicht nur die Uferpromenade, auf der die Parade stattfindet, sondern nehmen selber in großer Zahl am Umzug teil: Jede Schule marschiert mit einer eigenen Abordnung. Schüler und Lehrer haben sich herausgeputzt, um auf diesem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu glänzen. Die Parade dauert den ganzen Vormittag, denn jede noch so kleine Behörde oder Institution entsendet ihre Teilnehmer. Man sieht die Bomberos, die örtliche Feuerwehr, stolz in ihren Uniformen durch die jubelnde Menge marschieren. Eine Abordnung der Streitkräfte paradiert zackig über das Pflaster, dass die Sohlen nur so knallen – einfache Soldaten in Kampfmontur; Scharfschützen im Fransentarn, das Gewehr wie ihr Baby im Arm wiegend; bullige Typen der Marine-Infanterie, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehen; Offiziere, die zum Gruß stolz den Paradesäbel präsentieren.

Die Straßen sind dicht gesäumt mit Schaulustigen. Salsa-Rhythmen dringen aus den Laufsprecherboxen und die Leute haben sichtlich Spaß am Marschieren und Präsentieren und am Zuschauen. Oft werden die Abordnungen von jungen Frauen in knappen Kleidern und hohen Schuhen angeführt. Sie sind Fahnenträgerinnen oder sollen wohl einfach nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele haben sich bunte Schärpen umgelegt, die sie als Gewinnerinnen irgendeiner Misswahl oder als exzellente Studentinnen ausweisen. Die Marschkolonnen werden mit Jubel- und Hochrufen empfangen und die Paradeteilnehmer genießen ihre momentane Aufmerksamkeit. Als die Parade beendet ist, verläuft sich die Menge keineswegs. Die meisten bleiben an der Promenade, wo bis in die Nachtstunden hinein Volksfeststimmung herrscht.

Später holten wir den Wagen mit dem Vorsatz ab, nach Canoa an den Strand zu fahren. Es war einer jener Tage, die so heiß sind, dass man glaubt, lebendig gebraten zu werden. Wir hatten Ferien und wer käme da schon auf die Idee, in seiner tristen Wohnung hocken zu bleiben, zumal bei solch einem Wetter! Wir konnten es kaum erwarten, nach Canoa zu gelangen – was für ein herrlicher Strand! Doch bevor wir uns in die Brandungswellen stürzen konnten, bekundeten zwei Drittel der Teilnehmer unserer Badepartie, dass sie Hunger verspürten, großen Hunger sogar. Selbstverständlich mussten erst die drängenden leiblichen Bedürfnisse befriedigt werden, bevor die Badelust gestillt werden konnte. Das „Bambú“ lag nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt – wir hatten mit Mühe und Not noch einen freien Platz ergattern können. Ein sonnenverbrannter älterer Herr, offenbar der Angestellte des kleinen Restaurants, vor dem unser Wagen stand, gab zu erkennen, dass er auf das Auto aufpassen würde. Es war klar, dass wir uns später für diesen Service erkenntlich zeigen würden, denn wo sich viel Volk tummelt, hat die Zunft der Diebe ein gutes Auskommen.

Der hungrige Teil unserer Reisegruppe stärkte sich erst einmal ausgiebig im „Bambú“, denn schließlich verleiht so ein voller Magen, vor allem wenn er mit fettreicher Nahrung gefüllt ist, genug Auftrieb, um in den Meeresbrechern nicht unterzugehen. Ich habe gelesen, Haie hätten keine Schwimmblase und der Auftrieb werde allein durch die Fettleber erzeugt. Vielleicht ist es beim Menschen ja ähnlich. Es war heiß wie in einem Backofen, nur die stramme Meeresbrise brachte ein wenig Erfrischung. An Essen war wegen der Hitze nicht zu denken und so begnügte ich mich mit einem Kaffee, während mein Sohn Spaghetti Carbonara und meine Frau eine dicke Suppe mit Käse orderten. Mein Sohn hat offenbar den Magen der Ecuadorianer geerbt, denn ganz gleich wie heiß es auch sein mag, so ein ordentliches Mittagessen besteht immer aus der Heiligen Dreifaltigkeit von Suppe, Hauptgericht und Dessert. Dabei sind die Suppen oft so gehaltvoll, dass man leicht auf das Hauptgericht verzichten könnte. Meine Frau nahm noch einen Cocos-Flan zum Dessert und ich bestellte noch einen Kaffee – die Hitze machte träge und müde und ich hoffte, dass das Koffein meinen Kreislauf ankurbeln würde.

Bekannten, gleich ob prominent oder nicht, begegneten wir diesmal nicht. Anlässlich unseres letzten Besuchs in Canoa waren wir der halben Hautevolee Bahías förmlich in die Arme gelaufen. Meiner Frau war es recht und sie nutzte die Gelegenheit zum fröhlichen Plaudern. Diesmal gab es nichts zum Tratschen und wahrscheinlich hatte sie wieder einmal ihre Vorahnungen, denn sie hatte sich vorsorglich ein Buch mitgenommen, damit ihr die Zeit nicht zu lang würde.

Was für ein herrlicher Strand! Es herrschte Ebbe und auf dem sechzig, siebzig Meter breiten Streifen aus feinem Sand versammelte sich die übliche Standgesellschaft. Sehen und gesehen werden, lautet das Motto. Man kann deutlich erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steht, denn an dieser Stelle steigt der Sand zu einem zwei, drei Meter hohem Wall an. Bei Ebbe liegt davor ein Glacis von fünfzig und weiter hinauf an der Küste von hundert Metern Breite. Die letzte Flut hat dort den Sand geglättet und verfestigt, so dass er sich ideal eignet, um darauf Fußball zu spielen. Und so sieht man verschiedentlich junge Männer gekonnt Bälle kicken. Mancher Strand-Adonis ist darunter: gravitätisch lässt er den Ball von der hantelgestählten Brust abtropfen und lässig passt er ihn zu seinen Mitspielern weiter.

Eine junge Frau geniert sich kein bisschen, nur wenige Meter von mir entfernt Liegestütze zu machen (und sie kann Liegestütze!). Später stemmt sie sich ächzend in den Seitstütz. Zwischen den Trainingssätzen hakt sie immer wieder den BH ihres Bikinis auf, um ein Maximum an Sonne einzufangen. Und in der Tat brennt die Sonne an diesem Tag, als wollte sie den Ozean verdampfen. Der Himmel ist stahlgrau und nur in der Nahe des Zenits sieht man eine Andeutung von Blau, dennoch gleißt das Tagesgestirn wie eine Magnesiumfackel. Das Licht ist so unerbittlich hart, dass einem die Augäpfel schmerzen, wenn man den Blick über Meer und Sand schweifen lässt. Vom Ozean her weht eine steife Brise und die Brecher werfen sich unermüdlich auf den Strand. Die Luft ist warm wie der Strahl eines Heißluftgebläses, aber das Meer verheißt Abkühlung.

Wir werfen uns lustvoll den Wellen entgegen. Das Meer ist einfach wunderbar und genau richtig temperiert, um den lieben langen Tag darin auszuharren. Wir möchten das Wasser am liebsten gar nicht mehr verlassen. Aber natürlich hat uns das fortwährende Auf und Ab nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir nur allzu gern wieder an den heißen Strand zurückkriechen. Mir ist schon ganz schwindelig von den vielen Hechtsprüngen und dem Tauchen und in meinem Kopf rauscht es wie in einer Meeresmuschel. Als uns der heiße Sand die Sohlen verbrennt, sind wir doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir wagen uns noch mehrmals ins Meer, aber jedes Mal kehren wir ein wenig ermatteter zurück. Nach ein paar Stunden bin ich wie genudelt; Meer und Sonne haben mich ausgelaugt. Mein Körper sehnt sich nach Kühle und Schatten und meine Kehle lechzt nach einem kalten Pils.

Es sind Ferien und der Strand ist gut gefüllt mit Urlaubern aus der Sierra – man erkennt sie sofort am blassen Teint. Auf dem Kamm des Flutwalls haben geschäftstüchtige Hoteliers Strandzelte und Liegestühle aufgebaut. Da wir nicht den ganzen Tag in der brennenden Sonne sitzen wollen, mieten wir uns eines der Zelte; fünf Dollar kostet der Tag. Von der Anhöhe aus hat man einen guten Überblick über den Strand und das Meer. Zwei Surfer stehen scheinbar gelangweilt herum, die Bretter lässig unter die muskulösen Arme geklemmt. Man findet sie wahrscheinlich an jedem tropischen Strand der Welt und ihr Habit ist auch immer das gleiche: Die äußerst knapp geschnittenen Shirts lassen genug gebräunte Haut sehen, um sich ohne große Anstrengung auch den Rest vorstellen zu können; dazu die quietschbunte Badehose und die obligatorische Sonnenbrille für die Coolness. Etwas Lokalkolorit verleiht der Afro. Wenn das wirklich Surfer sind – die Bretter lassen es vermuten –, dann sind das sie merkwürdigsten Surfer, die ich je gesehen habe, denn statt aufs Meer zu schauen, um nach der perfekten Welle zu suchen, haben sie nur Augen für die üppigen Strandschönheiten. Sie stehen geschlagene zwei Stunden im heißen Sand, aber weder gelingt es ihnen, eine Welle zu erhaschen, noch schaffen sie es, eine der Schönen zu mehr als einem kurzen Flirt zu verführen. Zumindest haben sie als Trost noch etwas mehr Bräune abbekommen. Vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal – mit dem Surfen und den Schönen.

Wir laufen am Strand ein Stück nach Norden. Schon nach ein paar Minuten haben wir den Trubel hinter uns gelassen und wir sind fast die einzigen auf dem hundert Meter breitem Sandstreifen. Nach zwanzig Minuten gelangen wir an eine kleine Bucht. In dem Geröll hinter dem Strand haben sich Berge von Treibgut verfangen wie Krill in den Barten eines Wals. Nach Norden hin steigt das Niveau immer weiter an, so dass sich die Küste stellenweise zu regelrechten Cliffs auftürmt. Die Bucht selbst wird an ihrem nördlichen Ende von schroffen Felsformationen begrenzt, die ein gutes Stück in die Meeresbrandung hineinragen. Bei Ebbe ist das Wasser so flach, dass man einfach hindurchwaten kann, um die Felsen zu umrunden.

Eine einsame Felsnadel, stark wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht vor der Küste und trotzt den Elementen. Bei Niedrigwasser könnte man hinlaufen, doch reicht einem der Meeresspiegel bis zur Brust, und dann muss man auch noch die fast senkrechte Felswand erklimmen, um zur Spitze zu gelangen. Einige Wagemutige haben dies tatsächlich getan und winken von der Höhe herab übermütig den Strandspaziergängern zu. Die Flut läuft ein und am Fuß des Felsens bricht sich schäumend die Brandung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie wieder zurückkommen wollen. Wir laufen zurück. Als wir die Felsen umrunden, steht ein alter fetter Mann breitbeinig wie ein Feldmarschall auf der Anhöhe und glotzt die Mädchen in ihren Bikinis an, dass ihm fast der Sabber aus dem Mund läuft.

Irgendwann ist auch der schönste Strand einfach nur zu heiß und zu sandig. Wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Bahía. Es ist später Nachmittag, aber es sieht nicht danach aus, als würde sich der Strand bald leeren oder als würde der Ort je zur Ruhe kommen. Wie man hört, sei es wegen der vielen Partys ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur eine Nacht durchzuschlafen. Ganz gleich, wann man nach Canoa fährt, die Stadt erweckt immer den Anschein, als hätten hier gerade die Ferien begonnen. Sicher macht dies einen Teil ihres Reizes aus und die Leute kommen hierher, um in die entspannte Atmosphäre einzutauchen und die gestresste Seele baumeln zu lassen. Wir drücken dem Mann vom Restaurant, der so gut auf unser Auto aufgepasst hat – immerhin wurde nichts gestohlen –, noch ein paar Dollar in die Hand. Er freut sich. Erschöpft, aber glücklich geht es zurück nach Bahía.

Familientreffen

Der Tag sollte noch eine Überraschung bereithalten: Irgendwann rief der Vater meiner Frau an, um mitzuteilen, dass er wieder wohlauf sei. Natürlich freuten wir uns, dass es ihm besser ging, denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und mit Erkrankungen dieser Art sollte man nicht scherzen, zumal es in den tropischen Breiten Krankheitserreger gibt, mit denen Bekanntschaft zu machen, nicht sehr vergnüglich ist. Als meine Frau ihrem Vater sagte, dass wir uns gerade in Bahía befänden, verkündete er ohne eine Sekunde zu zögern, dass er noch heute zu uns kommen wolle. Wir könnten am Abend mit seinem Eintreffen rechnen.

Das war nun wirklich eine Überraschung und ein seltenes Beispiel blitzartiger Genesung. Meine Frau grübelte so angestrengt, dass ich ihre Gedanken förmlich hören konnte. Sie fragte sich, was der Entschluss ihres Vaters wohl zu bedeuten hätte. Anders als Männer, behaupten Frauen ja immer (und besonders gern hinterher), Vorahnungen zu haben, und ich glaube, wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie alles rückgängig gemacht. Aber jetzt war es heraus und wir konnten dem Schwiegervater, da er so guter Stimmung war, wohl kaum raten, er solle lieber in Santo Domingo bleiben. Das ungute Gefühl aber wollte nicht verfliegen.

Wir verabredeten uns für den Abend im „Muelle Uno“. Das ist ein Restaurant an der Buchtseite der Stadt, direkt am Wasser gelegen, und der Name ist auch passend, denn er bedeutet nichts anderes als Pier. Viele Restaurants der Stadt liegen direkt an der Bucht – die See ist viel ruhiger als an der Pazifikseite und die besorgten Restaurantbesitzer fürchten zu Recht die Naturgewalten. Sturmfluten haben immer wieder die Uferpromenade unter Wasser gesetzt und Palmen fortgerissen. Auf der Pazifikseite gibt es an der Promenade, die direkt am Strand vorbeiführt, eigentlich nur ein Restaurant. Von weitem würde man den schlichten weißen Bau für eine Strandbar halten, doch gibt es dort den besten Langustensalat an der ganzen Küste. Das Restaurant hat jeden Tag nur wenige Stunden um die Mittagszeit geöffnet – nur so lange, wie es frische Languste gibt. In der Feinschmeckerabteilung des KaDeWe müsste man für solch ein Gericht ein kleines Vermögen hinblättern. Auch hier ist das Vergnügen infolge Überfischung und gestiegener Nachfrage nicht ganz billig, aber zumindest ist es auch für den normalen Geldbeutel erschwinglich.

Als wir am Restaurant eintrafen, erwartete uns der Vater meiner Frau bereits. Er wirkte gesund und geradezu revitalisiert nach seiner kurzen schweren Erkrankung und wir wunderten uns über seine Agilität. Zu unser aller, vor allem aber zur Überraschung meiner Frau, erschien der Vater nicht allein (das war die Vorahnung!). Im Schlepptau hatte er gleich noch seinen ältesten Sohn, dessen Frau sowie deren halbwüchsige Töchter, und einen alten Freund, dessen Frau und dessen halbwüchsige Töchter. Uns begleitete nur der Cousin meines Sohnes, der Neffe meiner Frau. Insgesamt zählten wir nun zwölf Personen. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich zu freuen, dass wir uns endlich einmal trafen, nachdem der Schwiegervater allen von uns erzählt hatte. Wir machten uns miteinander bekannt und heiterer Stimmung begaben wir uns ins Restaurant.

Das „Muelle Uno“ bietet vor allem lokale Gerichte in großer Auswahl. Die Küche Manabís, das ist die Küstenprovinz, in deren Zentrum Bahía de Caráquez liegt, ist abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche Ecuadors und die meisten Einheimischen halten sie für die beste des ganzen Landes. Das mag damit zusammenhängen, dass über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse über das Meer in die Region gelangt sind. Die Bewohner der Provinz haben diese Neuheiten stets begierig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Selbstverständlich lud der Schwiegervater alle ein. Da zeigte sich wieder ganz der großzügige Spender, der er ist, und etwas anderes hätte er auch gar nicht akzeptiert.

Die meisten am Tisch langten ordentlich zu, bestellten Grillplatten, Fischsuppen, Berge von Reis und Gemüse, dazu noch Vorspeisen und Getränke. Man hatte den Eindruck, sie hätten in Vorbereitung auf diesen Abend seit Tagen gefastet, so gewaltig waren die Portionen, die sie orderten. Ich verspürte allenfalls leichten Appetit und wollte mich deshalb mit etwas ganz Einfachem begnügen. Also bestellte ich ein preiswertes Gericht, von dem ich glaubte, man würde es in einer bescheideneren Portion servieren.

Dann kam das Essen. Man brachte mir einen Teller, der fast begraben wurde unter drei gewaltigen Scheiben gegrilltem Rindfleisch. Es war gerade noch genug Platz für den Salat. Ich wunderte mich, denn ich hatte Menestra con arroz y carne, also Linsen mit Reis und Fleisch, bestellt. Von Reis und Linsen fand sich aber keine Spur. Doch dann kam noch ein zweiter Teller, auf dem sich ein Berg Reis türmte, hoch wie der Mount Everest, der zudem noch von einem Meer aus Linsen umspült wurde. Ich fragte mich, wer es fertigbringt, solche wahnwitzigen Portionen zu verspeisen. Ein Blick auf die Teller der anderen Gäste belehrte mich, dass es in der Tat keine kleinen Portionen gab – das waren Mahlzeiten für hungrige Sumo-Ringer, nicht für Normalmenschen. Die meisten schafften nur die Hälfte, den Rest ließen sie sich einpacken. Mein Gericht hatte gerade 4,50 Dollar gekostet, aber dafür war ich jetzt auch für die ganze Woche satt. Und es war wirklich gut. Ich genoss das Fleisch mit ein wenig Ají, einer scharfen Soße aus Zwiebeln und Chili. Das Essen war so lecker, dass akutes Suchtpotential bestand, und ich musste mich regelrecht zwingen aufzuhören, ansonsten hätte ich wohl weiter gegessen bis ich geplatzt wäre.

Mein Schwiegervater ist nicht nur spendabel, sondern er ist auch ein Mann, der sich um den Zustand der Welt sorgt, und der ihre derzeitige Verfassung als nicht sehr befriedigend empfindet. Er selbst bezeichnet sich als Marxist und er ergriff freudig meine Hand – geradezu wie die eines Verbündeten –, als ich im Tischgespräch offenbarte, dass ich Atheist sei. Man wundert sich nur, dass es hierzulande so wenige wie ihn gibt. Man muss kein besonders geschultes Auge haben, um die enormen Klassenunterschiede zu sehen und die Ungerechtigkeit, auf der sie gründen. Jedermann mit einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden erkennt, dass Veränderungen notwendig, ja, unausweichlich sind, wenn diese Gesellschaft in Frieden leben will. Man würde erwarten, dass viel mehr Menschen diese Überzeugung teilen, zumal einem die Tatsachen förmlich ins Auge springen, aber die Reichen hierzulande kümmern sich nur um ihren Besitz und sie würden ihn jederzeit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die berechtigten Ansprüche der Besitzlosen verteidigen.

Apropos Weltrevolution: Als waschechter Salonrevolutionär und als glühender Bewunderer der russischen Revolution hat mein Schwiegervater seinen Erstgeborenen selbstverständlich Lenin genannt. Für europäische Ohren klingt das natürlich äußerst merkwürdig, aber hierzulande sind solche aus der jüngsten Weltgeschichte entlehnten Vornamen nicht ungewöhnlich. Auf vorangegangen Reisen bin ich schon einem Stalin und sogar einem Hitler begegnet – das sind Namen, die im deutschen Standesamt alle Alarmglocken schrillen lassen würden, doch hier stört sich niemand an ihnen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Menschen hierzulande weiß, wer Lenin war und wahrscheinlich wüsste kaum einer etwas Gescheites über die Oktoberrevolution zu sagen. Eigenartig ist nur, dass es so wenige Bolivars oder Sucres gibt, also Menschen, die man nach den Heroen des Kontinents benannt hat. Mir ist jedenfalls noch keiner begegnet.

Es ist eine Ironie, dass Lenin, ich meine Lenin 2 (nicht den Berufsrevolutionär und Theoretiker der Weltrevolution), so gar nichts von einem Umstürzler an sich hat. Er gebärdet sich zwar wie ein linker Intellektueller und macht ganz den Eindruck eines streitbaren Salondiskutanten, aber in Wahrheit ist er ein Sybarit, wie man ihn lange suchen müsste. Als Genussmensch aus Leidenschaft verbringt er seine ganze Freizeit mit der unermüdlichen Suche nach guten Restaurants, die er dann besucht, um zum einen natürlich das gute Essen zu genießen und zum anderen um Freunde und Verwandte mit seinem nie versiegenden Redefluss zu beglücken. Menschen, die es verstehen zu genießen – die sowohl an gutem Essen als auch an der Gesellschaft anderer Menschen Gefallen finden –, sind mir allemal lieber als jene grimmigen Revolutionäre, die nur zu gern bereit wären, für den Himmel auf Erden die Menschheit durch die Hölle zu schicken.

Lenin hatte an diesem Abend übrigens eine interessante Geschichte zu erzählen: In erster Ehe war er mit einer Wittmer verheiratet, einer Nachfahrin deutscher Einwanderer. Die Wittmers hatten sich, neben anderen Deutschen, auf Floreana, einer der kleineren Inseln im Galapagos-Archipel, mit dem Ziel niedergelassen, dort nicht weniger als ein ganz neues Leben zu beginnen. Und in der Tat war es ein neues Leben, das sie auf dem öden Eiland fanden; es war nur nicht das Leben ihrer Träume. Fast alle Auswanderer waren Suchende, die auf der Insel eine Art Elysium zu finden hofften. Die meisten sind am Ende gescheitert, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Der Traum von Autarkie und einem selbstbestimmten Leben ließ sich nicht verwirklichen. Nur die Wittmers fanden ein Auskommen: sie bauten ein Hotel. Es war eine ihrer Enkelinnen, die Lenin heiratete.

Lenin erzählte an diesem Abend noch viel über die Galapagos-Inseln und es war interessant, die Geschichte einmal aus der Perspektive ihrer Bewohner zu hören. Über Floreana und ihre deutschen Bewohner gibt es übrigens einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „The Galapagos Affair. Satan Came to Eden“ (erschienen 2013). Eigentlich wurde ich nur wegen des Films hellhörig, als Lenin von seiner ersten Ehe zu erzählen begann und dabei erwähnte, dass seine Frau von Floreana stamme. Familiengeschichten dieser Art interessieren mich sonst eigentlich nicht.

Wir ließen den Abend in einer Strandbar nahe dem Hotel meines Schwiegervaters bei Bier und Cocktails ausklingen. Rechtzeitig kam uns in den Sinn, dass wir das Auto für die Nacht an einem sicheren Ort unterstellen mussten. Lenin erbot sich sogleich, es doch einfach bei ihm zu lassen. Er hat ein Ferienhaus in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht) und da wir uns ohnehin gerade hier befanden, könnten wir das Auto auch gleich dalassen. Er bot sich sogar an, uns von San Vicente nach Bahía zu fahren. Gern willigten wir ein. Lenins Haus hat einen riesigen ummauerten Hof, auf dem man mit Leichtigkeit dreißig Fahrzeuge abstellen könnte. Er meinte, das Grundstück gehöre nicht ihm, sondern einer Frau, die zur Zeit in Florida lebe. Wenn es nach ihm ginge, würde er Ferienwohnungen darauf errichten lassen und diese für gutes Geld vermieten, doch die Eigentümerin hat kein Interesse und so ist die einmalige Chance vertan. Auf dem Grundstück wuchert derweil das Unkraut.