Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.

Unter Irren

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Zeit und Muße gefunden habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Aber das Leben ist hier so verrückt und nimmt einen derart in Anspruch, dass man nur selten dazu kommt, sich um die angenehmen Dinge zu kümmern. Man hat manchmal den Eindruck, man sei von Irren umgeben. Aber vielleicht täuscht die Wahrnehmung, vielleicht ist dieser Eindruck ganz falsch und es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Vielleicht bin in Wirklichkeit ja ich derjenige, der verrückt geworden ist und habe es nur nicht gemerkt. Die Irren in der geschlossenen Anstalt, die glauben, sie seien Napoleon, halten sich sicher auch nicht für verrückt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und wir hatten kaum Zeit, Atem zu holen. Aber alles der Reihe nach.

Ein neuer Mitbewohner

Mein Sohn wünscht sich schon seit Jahren einen Hund. Bisher konnten wir ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, denn unsere Berliner Wohnung ist nicht gerade groß und auch noch einen Hund darin zu halten, hätte unsere Nerven und wahrscheinlich die des Hundes zu sehr strapaziert. Hier in Ecuador bewohnen wir eine neue, sehr geräumige Wohnung. Platz wäre also da. Zudem ist der Boden in Wohnzimmer, Küche und Bad gefliest. Wenn also wirklich einmal etwas daneben geht, ist das kein großes Malheur. Sollte es irgendwo überhaupt möglich sein, unserem Sohn den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dann wohl hier. Wir freundeten uns also mit dem Gedanken an, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied würden begrüßen dürfen.

Man darf sich nichts vormachen – ist so ein Tier erst einmal im Haus, schließt man es sogleich ins Herz, ganz egal wie ablehnend man ihm am Anfang auch begegnet sein mag. Unser Sohn wollte nun unbedingt einen Mops haben, weil Möpse eben klein sind und leicht in der Wohnung gehalten werden können. Er hatte sich ein wenig in die Idee verrannt und war auch nicht bereit, Alternativen in Betracht zu ziehen. Wir erkundigten uns sogleich nach Preisen. Jeder, der schon einmal einen Hund besessen hat oder sich ein wenig mit Rassehunden auskennt, weiß, dass ein Welpe aus einer Zucht auch seinen Preis hat. Die günstigste Offerte belief sich dann immer noch auf dreihundert Dollar und wir fragten uns, warum es ausgerechnet ein teurer Rassehund sein muss. Wir waren hin und hergerissen, ob wir wirklich so viel Geld für ein Haustier ausgeben sollten. Schließlich wünschte sich unser Sohn so sehr einen Hund, so sehr, dass er sogar gewillt war, morgens früher als sonst aufzustehen, um mit ihm Gassi zu gehen. Das Verlangen nach einem Hund muss wirklich groß sein, wenn er zu solch einem Opfer bereit ist.

Am Ende vertagten wir die Entscheidung. Manchmal ist es das Beste, man wartet einfach ab und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie der Zufall so spielt, fand sich bald eine Lösung: Die Besitzerin des Cyber-Shops hat eine Bekannte, die Hunde hält (vielleicht ist es auch eine Verwandte – ich sehe da nicht so richtig durch). Eine der Hündinnen hatte gerade einen Wurf und die Leute fragten sich, was sie mit so vielen Hunden anfangen sollten. Das Beste wäre, sie einfach zu verschenken! So reifte die Idee heran, einen der Welpen zu uns zu nehmen.

Vorletzten Freitag besuchte mein Sohn zusammen mit meiner Frau, die einem Schwätzchen nie abgeneigt ist, die Leute, um sich die Hunde anzusehen und vielleicht einen auszuwählen, den man mitnehmen könnte. Ich blieb zuhause und rechnete nicht damit, dass unser Sohn so schnell mit einem Hund wiederkommen würde, zumal meine Frau dieser Vorstellung eher reserviert gegenübersteht. Am Ende trat dann genau das ein, womit niemand gerechnet hatte, was man aber hätte voraussehen müssen: Als ich die Tür öffnete, stand mein Sohn freudestrahlend vor mir, in beiden Händen eine große Kiste und darin befand sich ein haariges Etwas, das entfernt an eine Kuh in Miniatur erinnerte.

Der Welpe ist acht Wochen alt, fast so winzig wie ein Meerschweinchen und hat ein Fleckenmuster wie die Milka Kuhflecken. Er hört auf den Namen Titan – sicherlich weil er so furchteinflößend wirkt. Die meiste Zeit des Tages verschläft er. Er rollt sich dann auf seiner Kuschelmatte zusammen und gibt keinen Mucks von sich. Wenn ich am Computer sitze und schreibe, legt er sich auf meine Füße und schläft ein. Das ist der bravste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist so lieb, dass er nicht mal bellt. Nur wenn er einmal zufällig sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe sieht, fängt er an zu springen und zu kläffen, aber das ist eher drollig. Leider ist er noch nicht stubenrein und was er wirklich gut kann, ist fressen, Wasser lassen und Häufchen machen. Jedes Mal, wenn ich eine der Tretminen in der Wohnung sehe, bin ich heilfroh, dass der Boden gefliest ist. In den nächsten Wochen wollen wir aber versuchen, ihn stubenrein zu bekommen. Wir haben schon eine Leine mit einem winzigen Geschirr daran gekauft. Neulich haben wir es ihm angelegt – er hielt währenddessen ganz still – und als wir ein bisschen mit ihm herumliefen, schien er sich nicht daran zu stören. So ein lieber Hund!

Eile mit Weile

In der letzten Woche ist endlich ein lang gehegter Traum wahr geworden. So muss man es fast beschreiben, denn nachdem wir so lange auf einen Internetanschluss hatten warten müssen, schickte der Netzanbieter endlich seine Leute vorbei, um die dafür nötige Kabelbox installieren zu lassen. Ein versierter Mitarbeiter hätte sicher gereicht, aber es kamen ihrer gleich vier und es dauerte ungefähr zwei Stunde, bis die Kabel gelegt und die Anschlüsse an der Wand befestigt waren. Merkwürdigerweise hat der Hauseigentümer zwar an jeder Wand zwei Steckdosen anbringen lassen, aber es befindet sich nur ein Telefonanschluss in der Wohnung und zwar ausgerechnet in der hintersten Ecke des Schlafzimmers. Die Installateure meinten, wenn ich die Box woanders hängen haben möchte, müssten sie die Kabel durch die Wohnung legen. Ich entschied mich dann aus ästhetischen Gründen doch dafür, das Telefon in die hinterste Ecke der Wohnung zu verbannen.

Ich war allein zuhause, meine Frau war arbeiten und meinen Sohn hatte ich zur Schule gebracht. Die Leute des Internetanbieters begnügten sich nicht damit, die Kabelbox einfach zu installieren, wie es sich gehört, sondern stellten mir zig Fragen, die ich, mangels ausreichender Spanisch-Kenntnisse, gar nicht beantworten konnte. Ich musste passen, aber hätte ich mich auch verständlich ausdrücken können, so würde ich sie wahrscheinlich doch nicht verstanden haben, denn meistens ging es um technische Details, und es gibt keine Sprache, in der ich dazu kompetent hätte Stellung nehmen können. Am Ende ging es dann doch, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage beantwortet hätte, und am Abend hatten wir endlich Internet.

Einige Tage später kam dann noch der Telefon-Mann. Er war wie vom Schlag gerührt, als er die Kabelbox an der Wand hängen sah, denn man hatte ihn beauftragt, Internet und Telefon zu installieren. Er suchte dann in sämtlichen Zimmern die Wände nach irgendwelchen Anschlüssen ab, kratzte sich konsterniert am Kopf und war mit seinem Latein schließlich am Ende. Er murmelte etwas davon, dass er eine Box holen müsste und dass er wiederkommen würde. Weder holte er die Box, noch kam er jemals wieder. Dafür kamen am nächsten Tag noch einmal drei Mitarbeiter derselben Firma und installierten endlich den Telefonanschluss.

Was jetzt noch fehlt, ist das Fernsehen, um die langen ereignislosen Abende zu überstehen. Mittlerweile habe ich fast alle Bücher, die ich mir mitgebracht habe, ausgelesen und Lektüre-Nachschub kommt wahrscheinlich erst in einigen Wochen, wenn unser Container aus Deutschland eintrifft. Vorsorglich habe ich mir einen nicht eben kleinen Fundus an Büchern eingepackt. Darunter ist vieles, das ich mir irgendwann einmal gekauft habe, das ich aber nie gelesen habe, weil ich bisher keine Zeit hatte. Aber vielleicht hatte ich so wenig Zeit, weil ständig der Fernseher lief. Die Tage in Berlin haben mich meist so sehr erschöpft, dass ich mich oft nur noch nach Bequemlichkeit und Entspannung sehnte. Was gibt es Schöneres, als sich in einen gemütlichen Sessel zu fläzen und durch das Abendprogramm zu zappen.

Der Schock zum Wochenende

Letzten Samstag war wieder einmal der große Einkaufswahnsinn angesagt. Wir mussten nach Quito, um Dinge zu kaufen, die es hier in Cumbayá nicht gibt. Zum Beispiel brauchten wir unbedingt einen Wäschetrockner, denn schließlich ist es kein Zustand, wenn ständig die ganze Wohnung mit nasser Wäsche verhängt ist. Da wir immer noch kein Auto haben – die Lieferung kann sich nur noch um Wochen verzögern –, nahmen wir Taxis und den Bus. Am Ende dauerte alles wieder länger, als wir ursprünglich geplant hatten, denn ist man einmal dabei, unentbehrliche Dinge zu kaufen, fallen einem gleich tausend andere Sachen ein, die mindestens genauso unentbehrlich sind.

Nachdem wir aus Quito zurückgekehrt waren, musste meine Frau einer Klinik in der Innenstadt Cumbayás noch einen Besuch abstatten, um die Ergebnisse ihrer letzten Blutuntersuchung zu erfahren. Sie litt seit Tagen unter Durchfällen und die Ärzte vermuteten eine Infektion. Wir verbrachten noch mindestens eine Stunde in der Klinik. Meine Frau wurde ohne Befund (weder Viren noch Bakterien ließen sich nachweisen) nach Hause geschickt. Der Arzt gab ihr ein Rezept, auf das sie in der Apotheke ein Durchfallmittel erhalten würde. Wir suchten noch die Apotheke auf, um das Rezept einzulösen. Nach einem skeptischen Blick auf den Zettel meinte die Apothekerin, dass dieses Durchfallmittel seit zwei Jahren nicht mehr vertrieben werden dürfe und folglich auch nicht im Bestand der Apotheke zu finden sei. Sie gab meiner Frau stattdessen ein anderes Medikament. Da es schon dunkel wurde, nahmen wir uns ein Taxi und fuhren nach Hause. Wir hatten das Haus gegen zwölf Uhr Mittags verlassen. Nach über sechs Stunden Besorgungsmarathon kehrten wir glücklich erschöpft mit unseren Einkäufen heim.

Vor dem Haus empfing uns ein Blitzlichtgewitter in Blau und Rot. Zwei oder drei Polizeiwagen parkten vor dem Eingang, einige Polizisten standen herum und die Bewohner der Wohnanlage erwarteten uns draußen. Alle schauten uns an, als wären wir in irgendetwas verwickelt, von dem wir als einzige nichts wussten. Wir stiegen aus dem Taxi und fragten, was passiert sei. Man sagte uns, es sei eingebrochen worden. Wie sie uns dabei ansahen, wussten wir, dass es die Diebe auf unsere Wohnung abgesehen hatten. Dennoch stürmten wir die Treppe nach oben in der Hoffnung, nein, in der unerschütterlichen Erwartung, dass sich alles als ein Alptraum erweisen würde, den man vergessen hat, sobald man aufwacht. Doch die Ahnung trügt nie und die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Es kam genauso, wie wir befürchtet hatten: Die Wohnungstür aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen, die Schränke durchwühlt. Noch wie betäubt, sprachlos, doch mit rasendem Herzschlag prüften wir, was noch da war und was fehlte. Nach unserer verzweifelten Inventur war klar, dass die Diebe genau wussten, was mitzunehmen lohnte. An unseren Reisepässen waren sie nicht interessiert. Wichtige Papiere und Dokumente lagen immer noch fein säuberlich geordnet an ihrem Platz. Selbst Bargeld verschmähten sie, denn die Sparbüchse unseres Sohnes, die immerhin 150 Dollar enthielt, war nicht angetastet worden. Was fehlte, waren die Laptops von uns dreien sowie ein dazugehöriger Kühler, eine Kamera, das Handy meines Sohnes und zwei teure File-cabinets meiner Frau.

Was macht man in solch einer Situation? Die Szene wirkte surreal. Ich hatte den Eindruck, ich wäre gar nicht anwesend, sondern schaute mir von irgendeinem Ort weit entfernt einen Film an, der zufällig von mir und meiner Familie handelte. Vier Polizisten standen in unserem Wohnzimmer und stellten Fragen: Wann wir das Haus verlassen hätten, ob uns etwas aufgefallen sei, welche Dinge wir vermissen würden. Ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei nahm den Fall auf und kümmerte sich um die Spurensicherung, die darin bestand, mit der Handy-Kamera Fotos von dem zerstörten Türschloss zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass er häufig Fälle wie diesen zu bearbeiten hätte. Anders als seine Polizeikollegen trug er keine Uniform. Er trat vielmehr so auf, wie man es von den coolen Cops in den Filmen US-amerikanischer Provenienz erwartet: Jeans und Sneakers, schwarze Adidas-Jacke über dem bulligen Oberkörper, das Haar kurz geschoren und ein Brillantstecker im Ohr.

Der Polizist hörte sich ruhig und nicht ohne Mitgefühl unsere Sicht der Dinge an: Wenn man sich an den üblichen ecuadorianischen Preisen orientiert, belief sich der materielle Schaden auf etwa viertausend Dollar. Das ist nicht wenig, zumal wir nicht wohlhabend genug sind, um solche Verluste mal eben aus der Portokasse zu ersetzen. Was aber noch schwerer wiegt als der finanzielle Aderlass ist der Verlust wichtiger, ja unersetzbarer Arbeitsmaterialien: Meine Frau hatte mit ihrem Laptop sämtliche Schulunterlagen verloren und war der Verzweiflung nahe. In den File-cabinets befanden sich weitere wichtige Materialien für die Unterrichtsvorbereitung – über Jahre ausgearbeitet, zusammengestellt und archiviert. Mein Sohn braucht seinen Laptop für die Schule. Wir hatten ihm extra einen für tausend Dollar hier in Ecuador gekauft. Das hört sich nach viel an, man muss aber bedenken, dass Computer und insbesondere Laptops hierzulande manchmal doppelt so teuer sind wie in den USA. In der British School wird vernetzt mit „Google Classroom“ gearbeitet; ohne einen eigenen Laptop ist es schlichtweg einfach unmöglich, an Materialien zu kommen oder überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Ein Laptop war daher ein absolutes Muss. Das Gerät war gerade ein paar Tage alt, also nagelneu, und mein Sohn, der von uns dreien wohl am meisten von Computern versteht, hatte gerade damit begonnen, einige unverzichtbare Programme zu installieren, als die Diebe zuschlugen. Und ich schließlich brauche meinen Laptop zum Schreiben. Die Kamera, eine teure Lumix, war gerade ein Jahr alt. Meine Frau hatte sich schon immer eine gute Kamera gewünscht und sie schließlich eigens dafür gekauft, um sie nach Ecuador mitzunehmen; sie wollte „schöne Bilder“ machen. Schöne Bilder macht sie jetzt wahrscheinlich auch – es ist bittere Ironie, dass sie nun für immer in Ecuador bleiben wird. Ich hoffe nur, dass die Kriminellen nicht allzu viel Freude an der Kamera haben. In ihrer Eile haben sie das Ladekabel und den Transformator übersehen. Meine Frau hatte die Lumix in Europa gekauft und europäische Ladekabel sind hier in Ecuador nur schwer zu bekommen. Ich fürchte, sobald der Akku leer ist, wird man die Kamera entweder wegwerfen oder alle verwertbaren Teile ausschlachten und den Rest unauffällig entsorgen.

Leider hatte mein Sohn sein Handy im selben Rucksack verstaut, in dem sich auch der Computer befand. Die Diebe schütteten hektisch die Schulbücher und Hefter auf den Boden, stopften den Computer hinein und nahmen den Rucksack mit. Dabei merkten sie offenbar nicht, dass sich darin ein eingeschaltetes Handy befand. Gleich nach unserer Ankunft versuchte die Polizei, das Handy über Satellit zu orten. Sie wurde auch schnell fündig, doch leider konnte der Standort nur mit einem Radius von zweihundert Metern bestimmt werden. Das Handy befand sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe des Quicentro Sur im Süden der Stadt. Leider ist das Areal dicht bebaut und man hätte schon mehrere Teams in das dichte Gassengewirr schicken müssen, um den genauen Standort ausfindig zu machen. Bloß wegen einiger Computer würde die Polizei wohl kaum Männer und Ressourcen verschwenden. Am nächsten Tag versuchte man wieder eine Ortung, doch diesmal hatte man keinen Erfolg. Wahrscheinlich hatten die Diebe das Handy entdeckt und die Sim-Karte entfernt.

Nach einer Stunde war die Polizei wieder weg und wir waren allein. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dies könnte ein ganz normaler Samstagabend sein. Wir könnten einen Film gucken oder Musik hören, lesen oder uns unterhalten. Nichts von alledem schien an diesem Abend möglich. Da es im Augenblick nichts zu tun gab, hatten wir alle Zeit der Welt und schon ging das Grübeln los: Warum? Warum wir? Warum heute? Warum sind wir nicht früher nach Hause gekommen? Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt und man tut sich selbst einen Gefallen, sie gar nicht erst zu stellen. Man braucht eine Beschäftigung, um sich von solch nutzlosen wie quälenden Gedanken abzuhalten.

Um uns abzulenken, schauten wir uns noch einmal in aller Ruhe – so ruhig man eben nach solchen Ereignissen sein kann – die Einbruchsspuren an: Die Wohnungstür war offenbar mit einem Brecheisen aufgestemmt worden. Soviel konnte selbst ich als kriminaltechnischer Laie erkennen. Den Spuren nach zu urteilen, mussten die Diebe nur ein einziges Mal ansetzen, dann flog die Tür auch schon ihn hohem Bogen auf. Jetzt war mir auch klar, warum sie der Gewalteinwirkung so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte: Zwar sind die Wände aus undurchdringlichem Beton, aber der Türrahmen besteht aus Pressholz und Pappe. Das ist keine Übertreibung, die Beweise waren eindeutig: Unter einer ca. fünf Millimeter dünnen Holzblende, die dem Türrahmen ein schweres und massives Aussehen verleiht, verbirgt sich ein dünner Rahmen aus Pressholz, dasselbe wie man es für Ikea-Möbel verwendet. Der Pressholzrahmen wurde einfach mit Montageschaum in der Tür fixiert. Unebene Stellen wurden mit Pappe ausgeglichen (ganz recht, dieselbe Pappe, aus der man Schuhkartons macht). Darüber wurde dann die dünne Blende genagelt, die dem Rahmen den Anschein von Massivholz verleiht. Selbstverständlich kann solch ein Türrahmen keiner hohen Belastung standhalten (wer schon einmal Ikea-Möbel in handliche Stücke zerbrochen hat, weiß, dass ein paar gezielte Tritte reichen, um einen ganzen Schrank zu demolieren).

Zum Teil muss man dem Hausbesitzer die Schuld geben, dass es zu den geschilderten Ereignissen kommen konnte, denn er hat es offenbar versäumt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Das Haus ist nagelneu und es ist auch schön anzusehen, eine regelrechte Augenweide ist es, aber was nützt dies, wenn Kriminelle ohne jeden Widerstand und dazu noch mitten am Tage eindringen und die Bewohner bestehlen können. Zumindest würde man erwarten dürfen, dass die Wohnungstür den unerwünschten Eindringlingen das Leben schwer macht. Man sieht, dass die Wohnung in großer Eile durchsucht worden ist, denn wäre man gründlich gewesen, hätte man auch den Tablet-Computer meiner Frau entdeckt, der unter einem Papierstapel lag. Hätte die Tür sich nur fünf Minuten dem gewaltsamen Eindringen widersetzt – was man von einer ordentlichen Tür wohl erwarten kann –, wären die Diebe wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abgezogen, denn im Erdgeschoss befanden sich zu jener Zeit Anwohner, die durch den Krach alarmiert worden wären. So aber reichte es, das Brecheisen anzusetzen, einmal kräftig zu ziehen und – plong! – schon stand die Tür offen. Das war nicht einmal laut genug, um die Bewohner der Parterre-Wohnungen aufhorchen zu lassen. Als die Polizei sie befragte, gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts gesehen oder gehört hätten.

Unsere Wohnung war nicht die einzige, die an diesem Samstagnachmittag ausgeraubt wurde. Auch die Nachbarwohnung war aufgebrochen worden, auch dort hatten die Diebe alles Wertvolle mitgenommen. Die Bewohnerin, eine junge Frau, studiert Filmkunst an der hiesigen Universität. Ihr Vater ist der Bürgermeister von Otavalo. Die Diebe wussten ganz genau, was sich lohnt: Auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer stand ihr Mac. Der materielle Schaden wäre zu verkraften, zumal ihr Vater einen gut bezahlten Posten bekleidet, aber unglücklicherweise hatte sie ihre Abschlussarbeit, einen Film, an dem sie seit anderthalb Jahren arbeitete, auf der Festplatte gespeichert. Sie war leider so unvorsichtig, keine Kopie anzufertigen, und deshalb ist nun all die Arbeit zunichte geworden. Sie heulte wie ein Schlosshund und ich konnte ihr die Verzweiflung, die Enttäuschung und die Wut nachfühlen. Mir ging es auch nicht anders, doch dauerte es erst einmal eine ganze Weile, bis sich die Ereignisse in mein Bewusstsein gegraben hatten. Mein Verstand sträubte sich noch immer, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Noch immer klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, man würde die Computer wiederfinden und alles würde sich noch einmal zum Guten wenden. Ich wünsche ihr Glück und hoffe, dass sie ihren Abschluss dennoch schafft.

Meine Frau war völlig aufgelöst, denn sie hatte all ihre Unterrichtsmaterialien, die Arbeit von Jahren, verloren. Der Hausbesitzer und Vermieter weilte gerade mit seiner Familie in den USA und so waren nur seine Söhne und seine Schwiegermutter gekommen, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Meine Frau war verständlicherweise sehr erregt und warf dem Besitzer vor, er hätte durch den Einbau minderwertiger Türen die Sicherheit der Hausbewohner gefährdet. Die Schwiegermutter, ein fette Matrone, entgegnete schnippisch, ob meine Frau denn denke, sie (also die Vermieter) hätten den Einbruch verübt. Meine Frau sagte ihr ganz ruhig ins Gesicht, dieses Gespräch sei absurd und warf die Tür zu (oder zumindest das, was von der Tür noch übrig war). Später freilich erfuhren wir, dass die Frau selbst schon einmal Opfer eines Überfalls wurde. Man hatte ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten und sie beraubt. Die Leute hier nehmen solche Ereignisse mit einer Gleichgültigkeit hin, dass es einen nur wundert. Beraubt zu werden, ist Teil des Lebens und Kriminalität wird fast schon als selbstverständlich wahrgenommen. Nahezu jeder kann eine Geschichte erzählen, und eine ist schrecklicher als die andere.

Man könnte einwerfen, warum solch ein Aufruhr wegen einiger Laptops? Schließlich wurde niemand verletzt, niemand kam zu Schaden und das ist doch das Wichtigste. Ja, das ist das Wichtigste. Demgegenüber verliert alles andere an Bedeutung. Natürlich überlegt man immer, was man falsch gemacht haben könnte, durch welche Unvorsichtigkeit man unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gerieten wir schon allein deshalb ins Blickfeld der Kriminellen, weil wir ein schönes neues Haus bewohnen und weil wir (d.h. mein Sohn und ich) wie Gringos aussehen. Das sind Merkmale, die einen aus der Masse herausheben und die geeignet sind, die Leute glauben zu machen, man sei reich. Die Ironie ist, dass wir es gar nicht sind. Wir leben zur Zeit buchstäblich von der Hand in den Mund. Jeder Dollar, der verdient wird, ist am Ende des Monats quasi verdampft. Wenn man annähernd so leben will, wie man es aus Europa gewohnt ist, wenn man also eine schöne Wohnung haben möchte und wenn man den Anspruch hat, die Kinder auf eine gute Schule zu schicken, ist das Geld rasend schnell ausgegeben. Die Lebenshaltungskosten sind hierzulande einfach unvorstellbar hoch und selbst für bescheidene Rücklagen ist fast gar kein Geld übrig. Man darf auch nicht vergessen, dass Ortslehrkräfte an den deutschen Auslandsschulen, wie etwa meine Frau, viel schlechter bezahlt werden als die Auslandslehrkräfte, die doppeltes Gehalt beziehen. Befände sich meine Frau in einer solch vorteilhaften Lage, würden wir einfach in den nächsten Elektronikladen fahren und ein paar Laptops kaufen. Das wäre nur zu schön, doch leider schert sich die Realität nicht um Wunschträume.

Unerwartete Hilfe

Noch am selben Abend rief meine Frau ihren Vater an und aufgelöst in Tränen berichtete sie ihm, was sich zugetragen hatte. Sie sagte ihm, dass sie sämtliche Materialien verloren hätte, dass wir die Computer mit unserem letzten Geld gekauft hätten und dass nun alles fort sei und wir nicht wüssten, was wir tun sollten. Ihr Vater hörte sich ihre Schilderung ruhig an und lud uns dann zu sich ein. Er bot an, uns allen neue Laptops zu kaufen. Als ich das hörte, war ich zunächst einmal sprachlos. Ich fragte mich, warum er das tun sollte, aber dann wurde mir klar, dass es ihm wohl ein Herzensbedürfnis war, uns zu helfen. Ich war beschämt und ich hätte verstanden, wenn er allein seiner Tochter oder seinem Enkel einen neuen Laptop kaufen würde. Mir wäre wohler gewesen, ich hätte mir selbst einen kaufen können, mit meinem eigenen Geld. Einer von uns hätte nach Miami fliegen, bei Best-Buy drei Laptops holen und schon am nächsten Tag zurückkehren können. Das hätte wahrscheinlich sogar noch weniger gekostet als die Geräte hier im Lande zu kaufen. Warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Das Abenteuer, in dieses Land zu kommen und uns hier einzurichten, hat unsere finanziellen Mittel restlos erschöpft. Alles ist viel teurer als wir uns hatten vorstellen können, sehr viel teurer sogar. Von unserer einstmals üppig gefüllten Reisekasse ist allein die Erinnerung geblieben. Warum sollten wir also ein so großzügiges Angebot nicht annehmen? Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl, denn die Computer sind unverzichtbar: Meine Frau könnte ihrer Arbeit nicht nachgehen und mein Sohn könnte nicht die Schule besuchen. Der einzige, der wirklich darauf verzichten könnte, ohne berufliche Konsequenzen fürchten zu müssen, wäre ich.

Wir verbrachten die Nacht auf den Sonntag unruhig und taten kaum ein Auge zu. Die beschädigte Tür hatten wir notdürftig mit Möbeln verstellt – für einen beherzten Einbrecher hätte diese Sicherung wohl kein Hindernis dargestellt. Am nächsten Morgen erschien die Matrone mit einem Handwerker, um die beschädigte Tür reparieren zu lassen. Die Reparatur bestand eigentlich nur darin, dass ein dünnes Stahlblech in den Türrahmen gesetzt und verschraubt wurde. Die verbogenen Riegel wurden notdürftig begradigt und – hoppla! – schon war die Tür repariert. Die Instandsetzung dauerte gerade einmal zwanzig Minuten und ich wunderte mich, ob alle in diesem Land verrückt geworden sind, oder ob ich der einzige bin, der spinnt.

Der Vater lebt in Santo Domingo, einer Stadt, die man von Quito aus mit dem Bus in etwa fünf Stunden erreichen kann. Die Straße führte hinauf in die Berge und als wir Quito verließen, konnten wir von hoch oben auf die südlichen Stadtbezirke hinabblicken. Es sah aus, als hätte sich eine graue Häuserlawine in das Tal ergossen, gerade so, als wäre ein mit grauen Lego-Steinen gefüllter Eimer in der Badewanne ausgeschüttet worden. Irgendwo dort befanden sich jetzt unsere Laptops. Ich trauerte meinem Dell Bradley nach. Wir waren wie füreinander gemacht. Bei Best-Buy hatte ich 540 Dollar bezahlt. Das ist nicht viel für einen Laptop. Sicherlich gibt es weit bessere und leistungsstärkere Geräte, aber mir genügte dieser. Nun war er weg und ich musste es hinnehmen.

Am Abend trafen wir in Santo Domingo ein. Die Stadt wirkte genauso ungastlich wie bei unserem ersten Besuch und ich fürchte, sie wird uns auch nicht einladender erscheinen, wenn wir sie noch öfter besuchen. Der Vater meiner Frau holte uns vom Busbahnhof ab. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und deshalb kam er nicht wie üblich mit dem eigenen Wagen, sondern ließ sich von einem guten Freund chauffieren. Zuhause angekommen, wurde auch schon das Abendessen serviert. Es gab frische Blutwurst, Longaniza. Meine Frau liebt die deftige Spezialität und langte ordentlich zu. Mir war der Appetit auf der langen Fahrt vergangen. Außerdem rumorte es merkwürdig in meinem Magen und deshalb hielt ich es für klüger, mit einem Tee Vorlieb zu nehmen.

Am nächsten Morgen, es war ein Montag, fuhren wir mit dem Auto in eine Gegend, in der vor allem Fabriken und Lagerhäuser angesiedelt zu sein schienen. Die Straßen waren menschenleer. Auf einem vollkommen verwaisten Parkplatz hielten wir. Vor einem großen Tor standen einige Personen und schienen auf etwas zu warten. Kein Türschild verriet, was hinter dem mit Stahlplatten bewehrten Eingangstor zu finden wäre. Als wir dann endlich eingelassen wurden, fanden wir uns im Lager eines Elektronikimporteurs wieder. Fernseher, Computer und Drucker standen, fabrikneu verpackt, auf dem Boden oder lagen zur Ansicht auf Tischen. Die Laptops hatte man in Vitrinen untergebracht. Wir schauten uns ein wenig um und versuchten in Erfahrung zu bringen, welche Leistungsparameter die Geräte aufzuweisen hätten und vor allem wie viel sie kosteten. Man fragte uns, ob wir das Betriebssystem mit oder ohne Garantie wünschten. Wir wunderten uns – was soll das denn für eine Frage sein? Wir fanden, dass die Computer im Vergleich zu den Geräten im normalen Elektronikgeschäft nicht preiswerter wären, und entschlossen uns daher, zu Computron zu fahren.

Computron ist die hiesige Kette für Elektronikartikel. Wir fanden rasch drei Laptops, die uns gefielen, und ließen sie uns einpacken. Vorher lud der Angestellte noch das Office-Paket auf die Festplatte. Mein Schwiegervater zahlte stillschweigend. Beschämt verließen wir den Laden. Um das Maß unserer Beschämung voll zu machen, lud er uns auch noch zum Mittagessen ein. Vielleicht sollte ich mir aber gar nicht so viele Gedanken machen und es als das nehmen, was es ist: ein Akt der Großzügigkeit. Es fällt mir leichter, sein Geschenk anzunehmen, wenn ich mir vorstelle, dass er einfach nur ein großzügiger Mann mit einem noblen Charakter ist. Wie man hört, hat er schon öfter Freunden aus der Patsche geholfen, und auch gegenüber seinen Angestellten soll er sich sehr anständig verhalten. Man mag dies für eine Selbstverständlichkeit halten, aber hierzulande kommt es nicht oft vor, dass ein Chef sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter kümmert. Die Leute vertrauen ihm und schätzen seine Art. Vielleicht gibt es nicht mehr viele Menschen wie ihn auf der Welt. Man kann froh sein, dass sie noch nicht ganz ausgestorben sind.

Zurück nach Cumbayá

Unsere wertvolle Fracht wollten wir nicht den normalen Linienbussen anvertrauen. Wir bestellten uns ein Express-Taxi. Das ist ein Pkw oder ein Kleinbus mit einem Fahrer und drei bis fünf Passagieren. Diese Art zu reisen ist zwar ein wenig teurer als der normale Bus, dafür ist man aber auch schneller am Ziel und meistens fährt man viel bequemer. Wir fuhren in die Nacht hinein und unterwegs begann es zu regnen. Auf der Autopista begegnete uns wieder der Wahnsinn, den man üblicherweise auf dieser Route erwarten kann: Vor uns verlor ein Pkw auf der regennassen Straße die Haftung, wurde in eine 180-Grad-Drehung geschleudert und geriet auf die Gegenfahrbahn. Höhere Mächte oder der Zufall wollten es, dass just in diesem Augenblick einmal kein dichter Gegenverkehr auf der Gegenspur entlangrollte, und die Insassen des Wagens kamen mit dem Schrecken davon. Etwa auf halber Stecke passierten wir eine Unfallstelle; der Unfallwagen war wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht worden. In einer engen Kurve kam uns ein Sattelschlepper entgegen. Er fuhr auf unserer Spur, doch im letzten Augenblick lenkte er zurück. Wären wir nur ein wenig schneller gefahren, hätte es leicht zur Katastrophe kommen können. Dass wir noch lebten, war entweder Vorsehung oder reines Glück. Ich bin geneigt, letzterem den Vorzug zu geben.

Einmal machten wir an einer Tankstelle mitten in den Bergen Rast. Um uns herum türmten sich bewaldete Bergketten zu einem atemberaubenden Panorama. Dann ging es weiter und als wir höher in die Berge hinaufkamen, wurden wir bald von dichtem Nebel eingeschlossen. Es war wie in einer Waschküche, man konnte kaum dreißig Meter weit blicken. Unser Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, schaltete die Scheinwerfer ein und hielt die Spur. Die geänderte Wetterlage und die schlechte Sicht schienen jedoch einige Fahrer nicht davon abzuhalten, ihren gewohnten Fahrstil beizubehalten. Manch einer fuhr ohne Licht und es war ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unfälle gab. Einmal überholten wir in dichtem Nebel einen Motorradfahrer, der es nicht für nötig befand, durch Licht auf sich aufmerksam zu machen. Dazu war er noch schwarz gekleidet. Er schien zu glauben, dass er die eklatanten Sicherheitsmängel durch langsames Fahren auf dem Standstreifen ausgleichen könnte. Ich frage mich, warum man in diesem Land den Wahnsinnigen Autos und Motorräder gibt statt sie einzusperren.

Neue Überraschungen in Cumbayá

Am nächsten Tag, einem Dienstag, mussten wir wieder zur gewohnten Zeit, also kurz nach Sieben, das Haus verlassen, denn meine Frau wollte pünktlich in der Schule sein. Leichter gesagt als getan: Das Schloss der Haustür hatte sich verklemmt und ließ sich auch trotz größter Kraftanstrengung nicht mehr drehen. Die Tür zur Parketage war ebenfalls verschlossen, denn auch hier hatte das billige Schloss seinen Geist aufgegeben und der Riegel ließ sich nicht mehr zurückschieben. Die Mängel waren seit längerer Zeit offensichtlich, aber bekanntlich muss erst etwas Schlimmes geschehen, bevor Abhilfe geschaffen wird. Wir waren im Treppenhaus eingesperrt, denn aus dem Fenster unserer Wohnung im zweiten Obergeschoss zu springen, ist für jemanden, der kein Artist ist, doch etwas riskant. Meine Frau oszillierte zwischen Wut- und Tobsuchtsanfällen, weil in diesem Haus nicht einmal so einfache und selbstverständliche Dinge funktionierten. In unserer Not klopften wir bei der Mieterin unter uns an die Tür. Sie öffnete noch halb verschlafen im Schlafanzug. Wir fragten sie, ob wir aus ihrem Schlafzimmerfenster klettern dürften. Sie erkannte unsere Lage und hatte nichts dagegen.

Kaum waren wir aus dem Haus, begegneten wir schon dem nächsten Hindernis: Angesichts der Tatsache, dass die Diebe ohne großen Widerstand zu finden, in die Wohnanlage eindringen konnten, hatte der Besitzer angeordnet, die Türen mit Vorhängeschlössern zu sichern. Es dauerte geraume Zeit bis sich endlich jemand fand, der einen Schlüssel hatte. In der Zwischenzeit wurde von allen Seiten viel geschrien und geschimpft und es wurden Drohungen ausgesprochen. Der Chihuahua einer der Besitzerinnen eines Hauses innerhalb der Wohnanlage kläffte meine Frau an und versuchte sie zu beißen. Der Köter ist klein und zerbrechlich wie ein Rehkitz, doch bellt er jeden an, der sich auch nur auf fünfzig Meter nähert. Eigentlich hört man ihn den ganzen Tag bellen als wäre er von Sinnen. Wenn man mich fragt, gehört der Hund zum Hundepsychiater oder eingeschläfert. So früh am Morgen hatte die Besitzerin das Tier frei in der Anlage herumlaufen lassen und meine Frau, deren Nerven mittlerweile blank lagen, war nahe daran, die dauerkläffende Töle mit einem Tritt in die Hundehölle zu schicken.

Wir nahmen ein Taxi. Der Fahrer an diesem Morgen war uns gut bekannt, denn er hatte uns schon öfter zur Deutschen Schule bzw. zur British School gefahren. Auf der Calle Santa Inés muss er wohl für einen Augenblick unkonzentriert gewesen sein, denn er touchierte ganz leicht den vor ihm stehenden Audi A4. Es gab wieder einmal Stau und die Kolonne kam nur im Schritttempo voran. Eigentlich war es kein echter Auffahrunfall, sondern nur ein leichtes Anstoßen an der Stoßstange. Der Fahrer des Audi sprang jedoch wie ein geölter Blitz aus dem Wagen. Von meinem Platz im Font des Taxis konnte ich ihn genau sehen: Straff gebügelter grauer Anzug, akkurat gebundene Krawatte, die Haare platt gegelt, teure Sonnenbrille. Der Taxifahrer blieb sitzen und versuchte mit dem Mann zu reden, doch der zückte gleich sein Handy und rief seinen Anwalt an.

Ich versuchte zu erkennen, ob der Schaden an seinem Auto ein solch extremes Verhalten rechtfertigte, doch ich konnte nichts entdecken. Die Stoßstange wirkte unversehrt, keine Beule, keine Delle. Vielleicht hatte der Lack einen Kratzer davongetragen, aber würde man deshalb gleich seinen Anwalt anrufen? Während diese gebügelte Canaille ihrem Rechtsbeistand das „Verbrechen“ meldete, stieg die Tochter aus dem Auto, ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Uniform der Deutschen Schule. Ich hasse dieses reiche Pack, das glaubt, besser als der Rest der Menschheit zu sein, weil es Anzug und Krawatte trägt, ein teures deutsches Auto fährt und das eigene Kind auf eine exquisite Schule schickt. Der Taxifahrer ist ein einfacher Mann, der sich, wie die meisten in diesem Land, irgendwie durch den Alltag schlägt und zu überleben versucht. Mit ein wenig gutem Willen hätte man sich gütlich einigen können, denn der Schaden war nur sehr gering – wenn es überhaupt einen Schaden gab. Doch Audi wollte keine Einigung. Leute seiner Sorte sind es gewohnt, Menschen wie den Taxifahrer als Untergebene zu betrachten: Man pflegt nur dann mit ihnen Umgang, wenn sie im Haus die Böden schrubben oder die Toiletten reinigen. Ich weiß nicht, wie die Sache endete. Jedenfalls machte Audi mit seinem Handy eifrig Fotos vom Nummernschild des Taxis und von dem „Schaden“ an seinem wertvollen deutschen Wagen. Der Taxifahrer fürchtete das Schlimmste und wahrscheinlich hat er wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, denn solches Geschmeiß wie Audi bewegt nur zu gern alle Hebel, um den „Pöbel“ in die Schranken zu weisen.

Wenn der Tag schon einmal schlecht angefangen hat, warum sollte er dann besser enden? Als wir zuhause ankamen, ließ sich das Schloss unserer Wohnungstür nicht mehr öffnen. Es klemmte. Die Riegel hatten sich durch die gewaltsame Türöffnung verzogen und schließlich so verkeilt, dass man ihn nicht mehr zurückziehen konnte. Die Tür saß fest wie zugeschweißt. Sicherlich hätte ich mir mit einem kräftigen Tritt Zugang zur Wohnung verschaffen können, doch dann hätte der Besitzer darauf bestanden, dass ich die Tür bezahle. Zum Glück waren an diesem Tag Handwerker im Haus. Der Besitzer ließ in aller Eile jene Sicherheitsmängel beheben, die der Einbruch offengelegt hatte. Er schickte einen Schlosser zu uns nach oben, um die Tür zu öffnen. Der Mann mühte sich redlich, aber auch Expertenhände vermochten die Tür nicht aufzubekommen. Ironisch schlug ich vor, doch das Schloss einfach aufzubohren. Der Schlosser entgegnete schlagfertig, genau das habe er gerade in diesem Moment auch vorschlagen wollen. Wir warteten dann noch einmal geschlagene zwei Stunden bis das Schloss endlich nachgab. Zwar kann ich die Fähigkeiten des Mannes als Schlosser nicht beurteilen, aber ganz sicher ist er der miserabelste Dieb, von dem man je gehört hat. Der Einbau eines neuen Schlosses war dann allerdings in ein paar Minuten erledigt.

Wir werden uns nach einer neuen Wohnung umsehen müssen, denn das Haus, in dem wir zur Zeit wohnen, ist nicht sicher – trotz aller Bemühungen des Hausbesitzers, diesen Zustand zu ändern. Seine Anstrengungen kommen zu spät. Wir und unsere Nachbarin werden ausziehen. Für den Besitzer der Anlage ist das ein finanzieller Verlust, zumal er nicht so schnell Nachmieter finden wird, wenn sich herumspricht, dass schon zweimal eingebrochen worden ist (vor vier Wochen drangen Unbekannte in die Parketage ein). Schon oft hat man davon gehört, dass immer wieder dieselben Häuser heimgesucht werden. Wenn es einmal etwas zu holen gab, warum dann nicht auch beim zweiten Mal? Wir wollen kein Risiko eingehen und wer sagt uns, dass wir beim nächsten Mal so glimpflich davonkommen?

Fazit

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bestohlen worden, aber dies ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Wir hoffen, dass wir bald ein Heim finden werden, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir sicher sind. Gewiss kann man nie vollkommene Sicherheit erwarten, weder in Ecuador, noch in Deutschland. Das ist etwas, das es nicht gibt und auch nicht geben kann. Dennoch sollte man sämtliche möglichen Vorkehrungen treffen, damit man solche bitteren Erfahrungen gar nicht erst machen muss. Das ist man sich und den Menschen schuldig, die man liebt.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.

Fitnesstraining in Ecuador

Immer wieder das leidige Thema „Fitness“ (komme eben einfach nicht los davon, da ich lange Jahre als Trainer gearbeitet habe): Ich bin auf der Suche nach einem Fitness-Studio. Da wir nahe der Hauptstadt wohnen, sollte man meinen, dass es nicht allzu schwer sein kann, ein Studio zu finden, das erstens eine hinreichende Ausstattung an Hanteln aufzuweisen hat, so dass ein gutes Training garantiert ist, und das zweitens nicht allzu teuer ist. Das zweite Kriterium muss man insofern einschränken, da alles, einfach alles in Ecuador unglaublich teuer ist. Der Preis sollte sich also am unteren Level des hiesigen Niveaus orientieren, vorausgesetzt, das Studio ist so eingerichtet, dass zumindest die elementarsten Voraussetzungen für ein gutes Training erfüllt werden. Hört sich nicht so an, als ob ein solches Studio schwer zu finden wäre? Ich war überrascht, wie schwer es ist, überhaupt ein Studio zu finden.

Vor einigen Tagen besuchte ich das „Physique“, ein Fitness-Studio im größten Einkaufszentrum Cumbayás. Ich hatte hohe Erwartungen, vielleicht zu hohe, denn nachdem ich die offerierte Probestunde absolviert hatte, war klar, dass man mich nicht als neues Mitglied gewinnen würde. Vor allem fehlten Langhanteln, mit denen erst ein gutes, effektives Training möglich ist, und zudem schreckte mich der Preis ein wenig ab (46 Dollar) – für so wenig Training so viel zu verlangen, erschien mir fast schon unverschämt. Ich war zuversichtlich, dass ich in der Stadt ein Studio finden würde, das etwas preiswerter wäre und das die Geräte zur Verfügung stellte, die ich brauchte und die ich aus allen Studios, in denen ich in Berlin trainiert hatte, kannte.

Im Internet machte ich die Adressen und Telefonnummern der hiesigen Studios ausfindig. Mangels ausreichender Spanischkenntnisse ließ ich meine Frau anrufen und Erkundigungen einholen. Viele der Studios führen schon die Bezeichnung Wellness im Namen. Wellness gemahnt immer an Entspannung und Wohlfühlatmosphäre. Wo es Wellness gibt, möchte man sich eigentlich nicht anstrengen, sondern ausruhen und es sich gut gehen lassen. Die Bilder auf den Websites ließen das Schlimmste befürchten: Man sieht Saunalandschaften, Spinning-, Yoga- und Pilates-Räume, in denen Menschen glücklich lächelnd bei Streching und Atemübungen ihre Erfüllung finden. Menschen in Bademänteln lümmeln in skandinavischen Freizeitmöbeln. Zwar sieht man auf den Bildern schöne Körper, aber Hanteln, mit deren Hilfe sie zweifelsfrei geformt wurden, sieht man nicht. Ich habe keine Lust auf diesen Wellness-Mist und ich frage mich ernsthaft, ob ich in diesem Land der einzige bin, der einfach nur trainieren möchte.

Ich dachte, noch schlimmer kann es eigentlich nicht kommen, bis ich die Preise zu hören bekam. Manche der Studios lassen sich ihren Service mit bis zu achtzig Dollar pro Monat vergolden. Ich meinte schon, das „Physique“ sei teuer, aber mit seinen 46 Dollar monatlichem Beitrag gehört es wohl eher zu den preislich günstigeren Einrichtungen.

Auf dem Weg von unserer Wohnung im Sektor Santa Inés ins Zentrum von Cumbayá fährt der Bus an einem Studio vorbei. Ich nahm die Gelegenheit wahr und warf einen Blick hinein und wenn ich schon mal da war, konnte ich ja auch die Preise erfragen. Das Studio – ich sträube mich, es so zu nennen – war alt und abgeranzt jenseits aller Vorstellungskraft. In Deutschland würde man es schon aus hygienischen Gründen schließen müssen, von den sonstigen Mängeln einmal abgesehen. Eigentlich bestand es nur aus einem großen Raum, in den verschiedene Trainingsmaschinen, Hanteln, Matten etc. wahllos hineingestopft waren. Es war eng wie in einer Abstellkammer und ich weiß nicht, wie es möglich sein soll, eine Übung auszuführen, ohne den Nebenmann zu behindern.

Man liegt mit der Vermutung sicher nicht falsch, dass die Geräte niemals einer technischen Überprüfung hatten standhalten müssen. Zu behaupten, sie hätten ihren Dienst getan, wäre eine gelinde Untertreibung, denn eigentlich gehörte sämtliches Inventar verschrottet: Die Hantelstangen sind von jahrzehntelanger intensiver Nutzung verbogen und haben Rost angesetzt. Die Gewichtscheiben gleichen frühgeschichtlichen Lochankern, wie sie die Unterwasserarchäologie manchmal vor den mediterranen Küsten ans Licht bringt. Die Trainingsmaschinen quietschen und knarren, als würden sie gleich zusammenbrechen. Ich hätte Bedenken, sie mit hohen Gewichten zu beladen. Ich würde mehr Vertrauen in ihre Sicherheit und Haltbarkeit haben, hätte ich sie eigenhändig zusammengeschweißt – und ich habe noch nie in meinem Leben ein Schweißgerät in der Hand gehalten! Es gibt sicher heroischere Arten, von der Bühne des Lebens abzutreten, als von einem Plattenstapel begraben zu werden.

Alles in allem würde man denken, dass solche grottigen Studios selbst hier in Ecuador längst der Vergangenheit angehören müssten. Doch sie erfreuen sich regen Zuspruchs: Es war später Nachmittag und das „Studio“ war rappelvoll. Ein Blick genügte und ich wusste, dass ich dort auf keinen Fall trainieren würde. Mehr zum Spaß frage ich nach dem Preis – dreißig Dollar wollte der Besitzer pro Monat dafür haben. Wofür eigentlich? Vielmehr müsste jeder, der in dieser lebensgefährlichen Bruchbude trainieren will, einen Risikoausgleich bekommen.

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man hier in Ecuador ein einigermaßen ansprechendes Studio zu einem halbwegs vernünftigen Preis finden kann. Ausnahmen gibt es allerdings: Das Studio in Bahía, das ich wegen seines ganz eigenen Charmes, der an ein Home-Gym denken ließ, für eine Ausnahme hielt, entpuppt sich im Lichte der neuen Erfahrungen als ganz und gar nicht so übel. Der Besitzer versteht offenbar etwas von Training und hat das Studio dementsprechend eingerichtet – nichts Überflüssiges, nur das Notwendigste – und der Preis ist auch akzeptabel: 1,50 Dollar kostet die Tageskarte, 25 Dollar der Monat. Wer im Urlaub einmal trainieren möchte, dem sei ein Abstecher hierher empfohlen. Das Studio befindet sich schräg gegenüber dem Hotel Italia. Man kann es kaum verfehlen, denn ständig schallt Musik in solch infernalischer Lautstärke heraus, dass man glaubt, der Besitzer versuchte sich die Gäste mit dieser Art der Folter willenlos gefügig zu machen. Bei mir hätte es fast geklappt.

Die Situation auf dem Fitness-Markt in Ecuador gleicht jener in Deutschland in den achtziger Jahren: Es gibt wenige große Studios, deren Fokus eher auf Wellness, denn auf Training ausgerichtet ist. Man zahlt hohe monatliche Gebühren, die mit einem breitgefächerten Bespaßungs-Angebot begründet werden. Menschen, die den Pool oder den Handtuchservice gar nicht nutzen wollen, müssen dennoch jene horrenden Beiträge entrichten, denn eine andere Möglichkeit, gut zu trainieren, gibt es nicht. Daneben existiert eine Anzahl kleiner Studios, deren Standard im besten Fall als gerade akzeptabel beschrieben werden kann. In Berlin gab es früher auch solche Studios. Die meisten hatten jedoch einen schweren Stand, denn die Konkurrenz der Großketten wie McFit setzte ihnen immer mehr zu und zwang sie schließlich zur Aufgabe.

Hier in Ecuador kann von Konkurrenz auf dem Fitness-Markt keine Rede sein. Im Prinzip können Studios fast jeden Preis nehmen und die Kunden akzeptieren ihn und zahlen fleißig. Achtzig Dollar sind für einen Großteil der Ecuadorianer schlichtweg unerschwinglich und so trifft sich in den elitären Fitness- und Wellness-Tempeln die Hautevolee, einfache Leute sieht man jedoch nur selten.

Wie man hört, gibt es in Quito mehr und vor allem bessere Studios als in Cumbayá. Ich hoffe, dabei handelt es sich nicht um ein Gerücht. Ich fürchte jedoch, dass hierzulande alles seinen Preis hat und ich vermute, dass man unter fünfzig Dollar kein ordentliches Studio findet.

Ecuador ist für Investoren ein noch wenig beackertes Feld. Auf dem Fitness-Sektor ließe sich noch einiges bewegen: Ein gut eingerichtetes, sauberes, kompetent geführtes Studio, dessen Augenmerk auf dem Training liegt, wäre mit Sicherheit profitabel. Für dreißig Dollar im Monat würden die Leute einem die Tür einrennen, denn es gibt einfach nichts Vergleichbares. Die Idee, Training – und sonst nichts – zu einem relativ günstigen Preis anzubieten, ist bis hierher, auch mangels Konkurrenz, einfach noch nicht vorgedrungen. Gute Voraussetzungen also für Leute mit Geld und Ideen. Ich halte mich bereit für ernstgemeinte Angebote von seriösen Investoren!

Leibesertüchtigung

Gestern habe ich in Cumbayá zum ersten Mal ein Fitness-Studio besucht. Ich kann einfach nicht ohne Sport leben. Für jemandem, der noch nie bewusst Sport getrieben hat und der körperlicher Betätigung eher reserviert gegenübersteht, mag es schwer einzusehen sein, was so toll daran ist, in ein Sportstudio zu gehen: Menschen schwitzen und schnaufen, man muss sich bewegen und es ist anstrengend. Zwar halte ich es nicht mit dem großen Arnold Schwarzenegger, der seinerzeit auf dem Gipfel seines sportlichen Ruhmes meinte, Gewichte stemmen verschaffe ihm ein Gefühl, das er wörtlich als Orgasmus beschrieb, aber ganz Unrecht hat er natürlich nicht, denn nach einem guten Workout fühlt man sich einfach nur phantastisch. Nach einem guten Training ist die Welt in Ordnung, alle Sorgen haben sich – zumindest für eine Weile – in Luft aufgelöst und man fühlt sich einfach nur gut. Studien haben übrigens ergeben, dass Gewichte stemmen eine ähnlich positive Wirkung auf die Stimmung hat wie die gängigen Psychopharmaka.

Meine Frau und mein Sohn hatten einige Tage zuvor schon einmal ein Probetraining absolviert und lobten das Studio in den höchsten Tönen. Als alter Fitness-Profi war ich natürlich skeptisch, denn was der Laie als gut befindet, muss das Auge des Experten noch lange nicht erfreuen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Tatendrang mit ihnen zum Studio gefahren, ungeduldig der Dinge harrend, die auf mich warteten.

Das Studio mit dem vielversprechenden Namen „Physique“ befindet sich in der obersten Etage der größten Shopping-Mall Cumbayás, des Centro Comercial San Francisco. Wir hatten für den Abend einen Probetermin vereinbart. Wir kamen etwas später, aber niemand nahm uns die Verspätung übel, denn erstens sind wir in Ecuador und zweitens versprachen sich die Angestellten des Studios offenbar eine Provision für den Fall, dass wir einen Vertrag unterschrieben. Da wird man nicht so kleinlich sein und genau auf die Uhr sehen.

Die Mall ist so riesig, dass man schon zehn Minuten benötigt, um vom einen Ende zum anderen zu laufen. Das Einkaufszentrum ist praktisch neu, aber Käufer sah man an diesem Abend kaum. Die Flure lagen fast völlig verwaist, manche Geschäfte sind leer und andere stehen vor der Geschäftsaufgabe, was unschwer an den stark reduzierten Preisen abzulesen ist. Es heißt, das Centro Comercial sei ein gigantischer Flop und auf absehbare Zeit würde es sich nicht rentieren. Man munkelt, dass man es vielleicht sogar wieder schließen werde. Die Investitionen wird man wohl abschreiben müssen. Ich kann nicht allzu viel Mitleid mit den Bauherren empfinden.

Bevor wir zum Studio fuhren, haben wir noch schnell einen Cyber-Shop besucht (landläufig Cyber genannt – „Sieber“ ausgesprochen). Da wir selber noch keinen Internetanschluss in den eigenen vier Wänden haben und meine Frau ihr Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft hat, ist das die einzige Möglichkeit, sicher ins Internet zu kommen. Am Ende dauerte es länger als geplant, was eigentlich nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist, und dann musste ich auch noch meine Sportsachen holen. Zwar liegt der Cyber-Shop nur ca. zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber man muss eine Steigung emporklimmen, um dorthin zu gelangen – auf zweitausend Metern Meereshöhe eine sportliche Herausforderung. Kaum zurück, fiel mir ein, dass ich meine Maus im Shop vergessen hatte. Meine Frau und mein Sohn saßen bereits im Bus, der startbereit wartete. Ich hatte wenig Hoffnung, die Maus an meinem Computerplatz wiederzufinden. Seit ich denken kann, erzählte mir meine Frau wahre Horrorgeschichten über die Kriminalität im Lande und da ich mich nicht auskenne, war ich gewogen, ihr zu glauben. Mittlerweile denke ich, sie übertreibt. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich werden Dinge gestohlen, aber ich bin überzeugt, die meisten Ecuadorianer sind so ehrlich wie meine Nachbarn in Berlin [Anmerkung des Autors: Nach einem Jahr Ecuador war ich gezwungen, meine Meinung gründlich zu revidieren. Siehe auch hier und hier.]

Als ich in die Tür des Cyber-Shops haste – ich muss immer den Kopf einziehen, weil der Türsturz so niedrig ist –, überreicht mir die Besitzerin die Maus, noch bevor ich etwas sagen kann. Der Laden ist voll und irgendjemand hat sie ihr gegeben. Sie lächelt und ich bedanke mich artig. Dann renne ich zum Bus und springe in den Einstieg, während der Fahrer schon Gas gibt – gerade noch geschafft.

Das Fitness-Studio macht einen ordentlichen Eindruck. Alles ist sauber und gepflegt, die Trainingsgeräte sind neu und die Trainer grüßen freundlich. Es gibt einen Cardiobereich, ein Areal für Freihanteln und eine Etage höher befindet sich eine Laufbahn. Es gibt einen Kurs- und einen Spinningraum. Die Geräte sind von Techno-Gym, einem renommierten italienischen Hersteller. Müsste man das „Physique“ mit einem bekannteren Studio vergleichen, würde man am ehesten das Fitness First heranziehen: Optik und Ausstattung sind ähnlich und auch die Trainer zeigen dasselbe debile Dauerlächeln. So weit, so gut.

Das Studio firmiert als Wellness-Club. Demzufolge steht nicht das Training, sondern das Wohlfühlen im Vordergrund. Es liegt mir fern, die Kompetenz der Trainer in Frage zu stellen – sicher verstehen sie ihr Handwerk –, wenn ich aber ein Studio besuche, ist mir nicht wichtig, ob die Trainer mich grüßen oder ob es einen Handtuchservice gibt. Mich interessiert vielmehr, wie gut das Trainingsangebot ist: Gibt es die Möglichkeit, Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken und Klimmzüge auszuführen – das ist, was mich interessiert. Das „Physique“ verfügt weder über einen Platz für Kniebeuge bzw. fürs Kreuzheben, noch über eine Klimmzugstange. Sicher, es gibt einen Spinningraum, es gibt Kurse, es gibt eine Sauna und eine Laufbahn. Aber brauche ich das alles? Ich will Hanteln, kein Wellness. Die meisten der Trainierenden sehen eher wie sportelnde Büromenschen aus, Leute, die einmal pro Woche ihr Alibitraining absolvieren. Man sieht ihnen nicht an, das sie Sport treiben. Und von den durchtrainierteren Besuchern haben zwar einige einen relativ gut entwickelten Oberkörper vorzuweisen, die Beine sind jedoch dünn. Wie sollten sie auch anders aussehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Oberschenkel so zu trainieren, wie es sich gehört.

Meine Frau war ganz enttäuscht, als ich ihr eröffnete, dass das Studio nicht für mich geeignet sei. Außerdem fand ich den Preis viel zu hoch: 46 Dollar wären pro Monat zu entrichten. Das würde sich für mich nicht lohnen, denn schließlich möchte ich das Wellnessprogramm gar nicht in Anspruch nehmen. Warum sollte ich also dafür zahlen?

Es gibt in Cumbayá noch weitere Studios. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, einige von ihnen zu besuchen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und ich hoffe, dass ich dort das finde, was ich suche: Eisen.

Zeit

In Ecuador gehen nicht nur die Uhren anders – hier ist einfach alles anders. Viele Dinge sind gut so wie sie sind; an manche Dinge muss man sich erst gewöhnen; an andere wird man sich nie gewöhnen (Siehe auch hier!).

Sehr gut gefällt mir der entspannte Lebensstil, den die Menschen hier pflegen. Ein Freund meines Schwagers (Jorge, genannt Jorgito) gab mir einmal einen Rat: In Ecuador funktioniere zwar nicht alles so reibungslos wie in Deutschland und auch könne man nicht erwarten, dass alles von Anfang bis Ende geregelt sei, aber dennoch kann man ein unbeschwertes Leben führen, wenn man die Dinge nur einfach auf sich zukommen lässt und abwartet. Man wird immer wieder Problemen begegnen, die einem zunächst unüberwindlich erscheinen. Aber man muss Ruhe bewahren, das ist das Allerwichtigste, und Geduld haben – am Ende regelt sich alles von selbst. Ganz falsch sei es zu versuchen, etwas zu erzwingen. Wenn man es schafft, Ruhe zu bewahren, kann man in Ecuador sehr gut und vor allem sehr entspannt leben, ohne Terminstress und ohne Alltagshektik.

Wie oft habe ich, wenn ich meinen Sohn morgens in Berlin zur Schule fuhr, Menschen hinter der Bahn her rennen sehen: Aktentasche unterm Arm und spurten, was das Zeug hält. Hier habe ich noch nie jemanden rennen sehen – weder nach dem Bus, noch zum Spaß. Selbst in Quito, der Hauptstadt, haben es die Leute nicht eilig. Eigentlich haben sie es niemals eilig, nirgendwo. Man nimmt sich für alles Zeit und vor allem braucht alles seine Zeit. Wenn man zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse ansteht, wundert man sich, wie lange es dauert, bis man endlich dran ist. Dabei sind 15 Kassen geöffnet und an allen stehen lange Schlangen. Die Ecuadorianer haben die sprichwörtliche Arschruhe, niemand würde sich darüber beschweren, dass es so lange dauert, und niemand regt sich darüber auf. Man hat Zeit.

Ich finde es ja schön, ohne Termine zu leben und ich genieße es, immer so viel Zeit zur Verfügung zu haben, wie ich eben brauche. Manch einer, der es von Deutschland her gewohnt ist, seinen Tag auf die Sekunde durchzutakten, hat da am Anfang Probleme. Man wird hierzulande kaum erleben, dass man Termine pünktlich wahrnimmt. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren doch einiges getan und die Leute sind nun in der Regel pünktlich, zumal wenn es sich um Geschäftstermine handelt. Im privaten Bereich nimmt man es mit der Zeit auch weiterhin nicht allzu genau. Auf Handwerker oder Möbellieferungen wartet man entweder bis zum Sanktnimmerleinstag oder aber ausgerechnet dann steht jemand vor der Tür, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnet. Und wenn die Leute tatsächlich einmal pünktlich kommen, ist man fast schon überrascht. Zeit ist in den Tropen ein viel dehnbarer Begriff als in Deutschland und man sollte sich beizeiten abgewöhnen, die Dinge zu streng zu sehen.

Was besonders ins Auge sticht, wenn man durch die Städte fährt, ist der Eindruck des Halbfertigen, des Provisorischen: Viele Gebäude sehen so aus, als seien sie nie fertig gebaut worden, als hätten die Bauleute einfach ihre Maschinen stehen lassen und wären von einem Tag auf den anderen abgezogen. So bleiben Häuser unverputzt, die oberen Etagen stehen auf Jahre hinaus als Bauruinen leer, aus den Dächern ragen die Stahlarmierungen, als hätte man vergessen, ein weiteres Stockwerk aufzuführen. Man weiß nicht, ob den Besitzern das Geld ausgegangen ist oder ob sie einfach keine Lust mehr haben weiterzubauen oder ob sie mit dem desolaten Zustand sogar zufrieden sind – wer weiß. Oft sieht es so aus, als störten sich die Bewohner gar nicht daran, dass ihr Heim wie eine Baustelle aussieht.

Dieselbe Einstellung kann man zuweilen auch in manchen Wohnungen beobachten. Alle meine Bekannten in Berlin haben stets Mühe und Sorgfalt darauf verwandt, die eigenen vier Wände möglichst wohnlich und gemütlich zu gestalten. Hierzulande kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Schlafzimmer nur mit Bett, Schrank, Stuhl und Leuchtstoffröhre an der Decke eingerichtet ist. Ich empfinde eine solch spartanische Einrichtung als nicht sehr gemütlich, aber das ist ja auch nur meine Meinung und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man muss vielleicht berücksichtigen, dass sich der Großteil des Lebens in der Öffentlichkeit abspielt und auch die Familie nimmt einen viel bedeutenderen Platz als in Deutschland ein. Demgegenüber treten solche trivialen Dinge wie eine schöne Wohnungseinrichtung in den Hintergrund. Außerdem gibt es hier keinen Winter, den man in einer mollig warmen und gemütlichen Wohnung zu überstehen hätte. Und manchmal ist eine schöne Wohnung auch eine Frage des Geldes: So mancher Gutbetuchte hierzulande gestaltet sein wie eine Festung gesichertes Anwesen mit exquisitem Interieur zu einem geschmackvollen und schönen Heim für seine Familie. Davon können Familien mit schmalerem Geldbeutel oft nur träumen.

Polnische Haferflocken

Heute haben wir unseren Wocheneinkauf gemacht. Es gibt mehrere Supermarktketten, die um die Gunst der mehr oder weniger betuchten Kundschaft buhlen. Wir fuhren extra nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás etwas weiter östlich –, weil wir hofften, den hohen Preisen in Cumbayá ausweichen zu können. Die preiswerteren Supermärkte sind Tia und Santa Maria; wer einmal richtig Geld ausgeben möchte, sollte Supermaxi oder Mi Comisariato besuchen. Da es in Cumbayá keinen Santa Maria gibt, fuhren wir mit dem Taxi nach Tumbaco.

Wie Cumbayá ist Tumbaco eine kleine Gemeinde östlich von Quito. Von Cumbayá aus sind es noch einmal zehn Minuten bis ins Zentrum von Tumbaco. Im Gegensatz zu Cumbayá, in dem das viele Geld, das in den letzten Jahren in die Gemeinde hineingeflossen ist, zu einer Explosion der Mietpreise geführt hat, ist Tumbaco noch unberührt geblieben vom allgemeinen Landkaufrausch. Alles ist eine Nummer kleiner: Im Zentrum gibt es noch kuschlige kleine Geschäfte (tiendas), in denen der Besitzer persönlich hinter der Ladentheke steht. Die großen Malls haben noch nicht die Innenstadt unter sich begraben und auch die Agenten der Globalisierung, die transnationalen Ketten sind im Stadtbild noch nicht so präsent wie in der Nachbargemeinde. Der unvermeidliche Colonel Sanders lächelte uns freilich gleich am Ausgang des Supermarktes entgegen.

Das Zentrum Cumbayás sieht aus wie das Zentrum irgendeiner wohlhabenden amerikanischen Kleinstadt. Alles ist bis zu einem gewissen Grade auswechselbar und die Shopping-Malls wirken ohnehin so, als seien sie geklont worden. Tumbaco dagegen hat sich seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Man fragt sich, wie lange es so bleiben wird, denn je stärker die Grundstückspreise in Cumbayá anziehen, umso mehr Menschen wird es in das billigere Tumbaco ziehen.

Die Fahrt dauerte etwa zehn Minuten und kostete 3,50 Dollar. Als wir angekommen waren, fiel uns ein, dass wir ruhig mit dem Bus hätten fahren können, denn da hätte jeder von uns nur 25 Cents für die Fahrt bezahlt (da zeigt sich der Sparfuchs!). Zurück nach Cumbayá mussten wir natürlich ein Taxi nehmen – mit vollen Einkaufstaschen im vollbesetzten Bus auf kurvenreicher Strecke unterwegs zu sein, ist nicht gerade ein Vergnügen.

Das Santa Maria ist ein riesiger Supermakt, in dem es einfach alles gibt, abgesehen vielleicht von Quark und Roggenmischbrot. Überhaupt sucht man Roggen vergeblich. Ich glaube, würde man danach fragen, könnten die Leute hier nichts damit anfangen. Wie – man bäckt Brot nicht aus Weizen? Kurios, diese Deutschen. Merkwürdig genug, gibt es Gerste zu kaufen, und zwar nicht etwa geschrotet oder zu Mehl vermahlen, sondern als Korn. Wer braucht denn sowas? Erstaunlich ist auch die unglaubliche Auswahl an Haferflocken – ganze Regale sind ausschließlich für Haferfocken reserviert. Als ich das erste Mal im Jahre 1992 nach Ecuador kam, aß man die Haferflocken nicht, sondern man verkochte sie zu Schleim, den man dann eiskalt mit Fruchtsäften mixte. Das hört sich etwas merkwürdig an, aber das auf diese Weise hergestellte dickflüssige Getränk, das man nach der Marke „Quaker“ nannte, schmeckt an heißen Tagen sehr gut und erfrischt ungemein.

Quaker gibt es übrigens immer noch, aber seit damals sind Dutzende Marken dazugekommen, und alle werben um die Gunst des ecuadorianischen Konsumenten. Um ein besonderes Gütezeichen scheint es sich zu handeln, wenn die Ware mit dem Attribut „polnisch“ versehen wird. Man wirbt ausdrücklich mit polnischen Haferflocken (Avena polaca). Was polnischen Hafer so besonders macht, will mir zwar nicht in den Sinn, aber wer behauptet, dass Werbung immer einen Sinn ergibt. Wir nahmen zwei große Packungen Haferflocken mit, jedoch nicht die polnischen, weil wir unsere Gaumen erst allmählich auf die Geschmacksexplosion vorbereiten wollen.

Am Ende schieben wir unseren Einkaufswagen mit banger Erwartung zur Kasse. Nachdem alles durch den Scanner gezogen wurde, steht auf der Kassenanzeige die Zahl 130. Das ging mal eben ins Geld! Wir hatten gehofft, im Santa Maria könnten wir etwas preiswerter einkaufen, aber schließlich stellte sich heraus, dass Tia doch billiger ist und nicht Santa Maria, wie wir irrigerweise annahmen. Meiner Frau gefällt Tia nicht, denn die Märkte sind kleiner und enger und die Auswahl an Lebensmitteln ist auch nicht so groß wie im Santa Maria (Ich weiß gar nicht, ob es dort polnische Haferflocken gibt). Wenigstens haben wir jetzt erst einmal alles, was man in einer Küche als Grundausstattung an Essbarem haben sollte – Yummie!

Ach ja, ich brauchte eine neue Zahnbürste und da in meinem Kopf immer noch der Aldi-Preis herumspukte, glaubte ich, auch hier würde ich den Artikel für kleines Geld bekommen. Ich kaufte die billigste Bürste im Doppelsparpack und bezahlte dafür fünf Dollar. Heißt es nicht, man solle auf keinen Fall bei der Zahnpflege sparen? Bis zum nächsten Einkauf!

Crossfit und Paläo

Ich bin auf der Suche nach einem Studio. Wenn man die körperliche Anstrengung nicht bewusst sucht, bewegt man sich hier so gut wie gar nicht. Das einzig Anstrengende ist das Shoppen – ständig muss man in Taxis steigen, aus Taxis aussteigen, Straßen überqueren, Shoppingcenter nach den Läden durchsuchen, in denen man einkaufen möchte. Ich hasse shoppen, am Abend bin ich immer wie gerädert. Aber es gibt unglaublich viele Dinge, die man braucht, wenn man seine Bleibe ein klein wenig wohnlicher gestalten möchte.

Direkt im Zentrum von Cumbayá, dort, wo die größte Shopping-Mall, sämtliche Automarken, Banken und alle teuren Restaurants ihren Standort haben, bin ich über ein Crossfit-Studio gestolpert. Ich war sowieso auf der Suche nach einem Studio. Zwar bin ich kein großer Fan dieser Art des Trainings, aber man kann ja mal einen Blick hineinwerfen: Das Studio ist groß wie die Turnhalle einer Schule; den Boden hat man komplett mit robusten Gummimatten ausgelegt. In der Mitte des Raumes hängen vier Paar Turnerringe von der Decke. Im hinteren Teil befinden sich mindestens zwanzig Klimmzugstangen in den unterschiedlichsten Höhen. Etwas am Rand stehen zwei Dutzend Langhanteln fein säuberlich sortiert in einem Rack und davor befinden sich bunte Plattenstapel, die aussehen wie geschichtete Buttercremetorten. Alles ist neu, vieles scheint noch unbenutzt und der ganze Raum riecht nach frischem Gummi, dass einem fast übel wird. Ich frage den Angestellten, der nicht so aussieht, als würde er viele Klimmzüge schaffen, wie teuer es sei, hier zu trainieren. Die Tageskarte kostet sieben Dollar, der Montsbeitrag beläuft sich auf 75 Dollar. Da bleibt mir fast die Spucke weg: 75 Dollar für ein paar Hanteln? In Berlin würde man nicht einmal für die Premium-Mitgliedschaft so viel bezahlen. Die Preise sind einfach nur abenteuerlich, aber das hat man davon, wenn man ausgerechnet dort trainieren möchte, wo sich das Geld konzentriert.

Nur ein paar Meter weiter sehe ich einen Laden, über dessen Tür groß der Schriftzug „Paleo-Training“ prangt. Ich bin neugierig. Ich kenne die Paläo-Diät und ich habe auch schon von Paläo-Training gehört, aber dass es eigens dafür Studios gibt, ist mir neu. Ich schaue kurz rein, um einen Eindruck zu erhalten: In einer ansonsten fast leeren Halle steht ein Parkour aus aufgebockten Baumstämmen. Die Teilnehmer des Kurses, der gerade veranstaltet wird, springen abwechselnd über die Baustämme oder kriechen darunter hindurch. Ich bin nicht sehr begeistert. Das Training erinnert mit an meine Zeit als Leistungssportler. Athletiktraining sah oft genauso aus, nur hatten wir keine Baumstämme zur Verfügung. Hürden unterschiedlicher Höhe taten es auch. Ich konnte dieses Training damals schon nicht leiden und ich mag es jetzt noch viel weniger. Dass es Leute gibt, die dafür Geld ausgeben, um von einem Drill-Instructor bis zur Erschöpfung über die Strecke getrieben zu werden, verwundert mich immer wieder. Aber wie heißt es so schön: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.