Secuestro express

Der Erfindungsreichtum des kriminellen Milieus macht immer wieder staunen, denn es gibt kaum etwas, das findige Verbrecherhirne nicht ertüftelt hätten, und es scheint eine unumstößliche Regel zu sein, dass man immer erst dann von den genialen Geistesblitzen der Kriminellen erfährt, wenn es zu spät ist und man selbst oder jemand, den man kennt, den ausgeklügelten Machenschaften zum Opfer gefallen ist.

Einen Quantensprung im Entführungsfranchise, vergleichbar nur mit der Einführung des Strahltriebwerks im Flugzeugbau, bedeutet der sogenannte Secuestro express, die „Express-Entführung“. Gewöhnliche Entführungen, wie man sie etwa aus Somalia kennt, haben den Nachteil, dass man ein Opfer finden muss, das den Aufwand tatsächlich lohnt. Welches Lösegeld wollte man denn etwa von einem Toilettenpächter verlangen (es sei denn, der Mann ist Millionär und das Pachtbusiness ist nur sein etwas exzentrisches Hobby)? Im Falle Somalias ist es dagegen nicht schwer, ein Opfer zu finden, das Profit verspricht, denn jeder, der auf einem Schiff vor der Haustür vorbeifährt, ist in der Tat wohlhabender als die Entführer. Außerdem besteht ein nicht geringes Risiko für die Kidnapper, da der Entführte über Tage oder Wochen gefangengehalten werden muss. Eine Verwicklung der Polizei scheint umso wahrscheinlicher, je länger die Entführung dauert.

Die Express-Entführung schafft da Abhilfe. Mit dem Epitheton „Express“ schmücken sich normalerweise solch nützliche Dinge wie die Express-Reinigung, die Express-Reparatur oder der Express-Lift. Positiv ist an dieser Art der Entführung allein, dass man dem Gastgeber nicht über Tage, Wochen oder gar Monate als unfreiwilliger Hausgast zur Last fällt. Ist die Unternehmung zur Zufriedenheit der Entführer ausgegangen, darf man damit rechnen, schon nach ein paar Stunden wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Kennzeichen jeder Express-Entführung ist, dass das Opfer stets in den letzten Stunden vor Mitternacht entführt wird oder sogar nur wenige Minuten vor Anbruch des neuen Tages. Damit wird sichergestellt, dass man die Konten des Opfers gleich zweimal bis zum Tageslimit schröpfen kann.

Das Schöne am Secuestro express aus der Sicht der Entführer ist, dass die Zielperson keineswegs erst durch hartnäckige Überzeugungsarbeit in ein Auto komplimentiert werden muss, denn die Täter sind ganz unauffällig mit dem Taxi unterwegs. Und Hand aufs Herz: Wer würde in einer dunklen Nacht, noch dazu in einer nicht sonderlich einladenden Gegend nicht lieber das vermeintlich sichere Taxi nehmen als den von Gestalten und merkwürdigem Gelichter heimgesuchten Bus? Damit man keine böse Überraschung erlebt, hat man ein sogenanntes Taxi amigo. Das ist ein Taxifahrer, den man kennt und dem man vertraut, und wenn man einmal ein Taxi braucht, empfiehlt es sich, stets nur das Taxi amigo zu rufen.

Doch manchmal verleiten einen die Umstände zur Unvorsichtigkeit und man steigt in ein Taxi, dessen Betreiber keineswegs nur nach Taxameterstand abrechnen. Hat der arglose Passagier erst einmal im Fond Platz genommen, unternimmt die Reiseleitung, die bei Gelegenheit zusteigt, mit ihm eine Tour durch die Stadt. Doch das ist schon ein merkwürdiger City-Trip, denn die meisten Sehenswürdigkeiten werden ausgelassen und die Reiseroute beschränkt sich doch sehr einseitig auf den Besuch diverser Bankautomaten. Dort lässt der Tourveranstalter immer wieder Geldbeträge auszahlen – vermutlich zur Abgeltung der Honorare für die Tour-Guides. Ist das Tageslimit ausgeschöpft, wartet man bis nach Mitternacht und schon geht die Reise weiter; Verzögerungen werden nicht geduldet, denn die Leute wollen schließlich etwas geboten bekommen für ihr sauer Erspartes. Der Trip ist beendet, wenn sämtliche Kreditkarten gesperrt und die Taschen der Kriminellen gefüllt sind. Der unfreiwillige Tourist wird, sofern er nur artig ist und sich nicht über das Tourprogramm und die Reiseleitung beschwert, unversehrt in die Nacht entlassen. Vom weiteren Nachtprogramm wird er sicher mangels Liquidität Abstand nehmen wollen.

Eine Cousine meiner Frau wurde einmal in Guayaquil Opfer eines Secuestro express. Wie jedermann in Ecuador hatte auch sie ein Taxi amigo, aber an diesem Abend muss es wohl schierer Leichtsinn gewesen sei, der sie dazu verleitete, nicht das vertrauenswürdige Taxi zu rufen, sondern in den erstbesten Wagen zu steigen, der sich anbot. Unterwegs fragten sie die Entführer, was sie denn so mache. Sie gab sich ganz naiv und log, sie sei nur eine einfache Empleada und arbeite im Haushalt einer Familie (Empleadas sind die Angestellten in Privathaushalten). Hausangestellte gelten hierzulande nicht als Großverdiener und offenbar wusste die Entführte ein solches schauspielerisches Talent zu entfalten, dass die Kidnapper ihr tatsächlich glaubten. Den Entführern muss schlagartig klargeworden sein, dass der Aufwand nicht lohnt, und sie ließen sie gehen, noch ehe man sie unsanft zu einer Abhebung überredet hatte. Es war ihr Glück, dass die Kriminellen die Enttäuschung über das entgangene Salär nicht an ihrem Opfer ausließen.

Nicht immer aber gehen solche Entführungen so glimpflich aus wie in diesem Fall, denn unter den Entführern findet sich weit häufiger der brutale Abschaum der Gosse als der Gentleman-Ganove, der sein Opfer an der nächsten Bushaltestelle mit einem Handkuss, Kleingeld für die Heimfahrt und dem guten Rat, doch ja vorsichtig zu sein, in die Freiheit entlässt. Eine deutsche Austauschlehrerin musste vor Jahren diese traumatische Erfahrung machen. Leider hatte sie nicht so viel Glück wie die Cousine meiner Frau und mit der Gewalt einer lebensbedrohenden psychischen Katastrophe trat genau jener Horror in ihr Leben, den eine erwachsene Vorstellungskraft sich angesichts der Umstände leicht auszumalen imstande ist.

Solche Entführungen kommen immer wieder vor und man kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und versuchen, gefährliche Situationen zu meiden, aber vollkommenen Schutz gibt es leider nicht. Als wir vor vier Jahren, aus Deutschland kommend, in Guayaquil landeten, holte uns mein Schwager vom Flughafen ab. Es war schon dunkel und schwarze Nacht schloss den Flughafen ein wie ein Berg aus Kohlestaub. Ich wunderte mich, warum wir, nachdem wir die letzten Kontrollen passiert hatten, in der Lobby des Flughafens warteten wie in Erwartung irgendeines messianischen Ereignisses, statt einfach nach draußen zu gehen, um ein Taxi herbeizurufen.

Guayaquil ist eines der unsichersten Pflaster in ganz Ecuador, denn die Klassengegensätze prallen nirgendwo mit solcher geradezu schon elementaren Gewalt aufeinander wie hier. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptstadt des Verbrechens gibt, dann ist die vor Leben pulsierende Hafenstadt die unangefochtene Metropole des Landes. Am Abend ein sicheres Taxi zu finden, kommt da fast schon einem Kunststück gleich. Aber schließlich hatte der Schwager doch Erfolg. Nach welchen Kriterien er das Taxi aussuchte, bleibt für mich aber vollkommen rätselhaft. Doch wer hier schon immer lebt, hat einen ganz anderen Blick für die Gefahren des Alltags entwickelt. Mit seiner Wahl lag er jedenfalls goldrichtig, denn schließlich blieb uns die nächtliche Rundfahrt zu den Bankautomaten der Stadt erspart.

Kriminelle Kulturen

Kriminalität ist in Ecuador eine Realität, genauso wie Cuy asado oder Schlangestehen vor der Bank oder überfüllte KFC-Restaurants oder hochgesicherte Wohnghettos für die Gutbetuchten. Die Menschen haben sich mit dieser Realität in der einen oder anderen Weise arrangiert – sei es, dass sie auf der Seite derjenigen stehen, die um ihren hart erarbeiteten Besitz bangen müssen und um ihre und ihrer Familie Unversehrtheit, sei es, dass es sich um Menschen handelt, die eine lukrative Einkommensquelle darin gefunden haben, andere unter Androhung oder unter Einsatz von Gewalt um eben diesen bitter errungenen Besitz zu bringen. Fast jeder hierzulande kann eine Geschichte dazu erzählen – entweder aus eigenem Erleben oder aus den Erfahrungen der nächsten Verwandten, aus den Schilderungen der Freunde, den Berichten von Bekannten und Arbeitskollegen.

Sicherheit ist in Ecuador ein hohes Gut. Sie hat eine ganz andere Bedeutung als in Europa, in Berlin zumal, obwohl die Stadt den Ruf hat, der schlimmste Sündenpfuhl seit Babel zu sein, und obwohl sie von nicht wenigen als ein Hort des Verbrechens angesehen wird: Banden-, Schlepper- und Drogenkriminalität suchen die Metropole heim; Berlin ist Schauplatz einer ausufernden Schattenwirtschaft, die durch den allgegenwärtigen und fast schon legendären Berliner Filz noch befeuert wird wie das Fegefeuer durch die Freveltaten der Sünder.

Doch im Vergleich zu den düstersten Orten in Ecuador ist Berlin geradezu eine Stadt des Friedens, der Ruhe und der Sicherheit, ein Idyll, in dem man selbst noch in der dunkelsten Nacht sorglos spazieren gehen könnte, und man müsste keinen Augenblick lang um sein Leben fürchten. Solcher Anwandlungen sollte man sich hier in Ecuador besser enthalten, und wer des Nachts die eigenen vier Wände für einen Spaziergang zu verlassen wünscht, weil er meint, dass die frische Abendluft seine Gedanken läutert, sollte dies nur innerhalb der mit Stacheldraht bewehrten Mauern einer bewachten Wohnanlage tun.

Selbstverständlich kann man auch in Berlin Opfer werden, aber die Gründe, die letztlich als Auslöser der Gewalttat dienen, sind ganz andere als etwa in Guayaquil oder Quito: Oft ist der äußere Anschein entscheidend. In Berlin suchen sich Täter in der Regel Opfer aus, denen sie sich überlegen glauben. Zeigt man Stärke und lässt sich nicht einschüchtern oder sucht man sich Hilfe bei umstehenden Personen oder Mitreisenden, schrecken viele Täter zurück.

In Ecuador gehen die Kriminellen ihrem Gewerbe in einer viel professionelleren Weise nach und vor allem mit der damit notwendigerweise einhergehenden größeren Entschlossenheit. Die Opfer werden kühl nach Kosten-Nutzen-Erwägungen ausgesucht und natürlich spielt bei der Auswahl auch das zu erwartende Risiko eine Rolle: Eine mit Mauern, Kameras und Wächtern gesicherte Wohnanlage ist da ein viel weniger lohnendes Ziel als etwa ein allein stehendes Haus am Ende einer einsamen Straße.

Professionalität zeigt sich auch in der Art, wie Gewalt eingesetzt wird, nämlich als ein Mittel zum Zweck, selten jedoch als Zweck an sich. Zum Exzess kommt es, wenn die Täter glauben, das Opfer widersetze sich den in ihren Augen legitimen Anstrengungen, sich den Besitz desselben anzueignen. Was einen dagegen in Berlin immer wieder schockiert, sind die sinnlosen Gewaltexzesse, die dazu noch in aller Öffentlichkeit stattfinden. Menschen werden aus nichtigem Anlass beinahe zu Tode geprügelt und manchmal sind wirklich Todesopfer zu beklagen. Der aufmerksame Zeitungsleser ist darüber natürlich immer im Bilde, denn die einschlägige Journaille berichtet in größtmöglicher Aufmachung.

In Berlin kann man Abends mit seinem Tablet-Computer entspannt in der U-Bahn sitzen und man muss auch nicht fürchten, Opfer einer Gewalttat zu werden. Dennoch gibt es natürlich keine unumstößliche Garantie, dass man auch wirklich unbehelligt bleibt, doch die Wahrscheinlichkeit für eine Begegnung der unangenehmen Art ist sehr, sehr gering. Sollte es aber dennoch vorkommen – und zwar entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeit –, dass man aus heiterem Himmel von fünf Typen zusammengeschlagen wird, dann geschieht dies wahrscheinlich nicht wegen des Tablets, sondern weil man wie ein Nerd aussieht und damit automatisch den Anschein erweckt, man sei das perfekte Opfer. Das ist natürlich überhaupt kein Trost, schon gar nicht für das Opfer, aber anders als in Ecuador, wo es allem Anschein nach ein regelrechtes Berufsverbrechertum gibt, das schon bei dem geringsten Anschein von Gegenwehr um sein Einkommen fürchtet und darum zu zügelloser Gewalt als Mittel der Existenzsicherung greift, ist man im reichen Teil Europas noch Welten von jenem abstoßenden Niveau der Enthemmung entfernt.

In vielen Ländern Lateinamerikas existiert eine regelrechte Kultur der Gewalt, die sich hauptsächlich aus den extremen sozialen Gegensätzen speist. Die Brutalität und Verrohung der Täter geht weit über das hinaus, was in Berlin überhaupt nur vorstellbar scheint. Gewaltexzesse, vor allem in ihrer extremen Form, sind in Berlin eher die Ausnahme als die Regel, wenn auch dank einer sensationslüsternen und unverantwortlichen Presse leicht der Eindruck entstehen kann, man sei von Mördern und Dieben regelrecht umzingelt. Aber das ist natürlich nicht der Fall und in aller Regel ist man jederzeit und überall sicher, selbst dann, wenn man wie ein Nerd aussieht.

Täter in Berlin ticken anders als Täter in Ecuador: Einmal war ich Nachts mit dem Damenfahrrad meiner Frau unterwegs (man kann darüber geteilter Ansicht sein, aber ich beteure, meine Absichten waren grundsolide). Als ich am Alexanderplatz vor einer roten Ampel stoppte, hielt ein Wagen neben mir. Der Fahrer kurbelte ohne erkennbaren Anlass das Fenster herunter und brüllte: „Ey, du Opfer!“ Da er mich auf einem Damenrad sitzen sah, erweckte ich wohl den Anschein, dass ich mir diese Behandlung gefallen lassen würde. Meine Antwort bestand in einem Schwall unflätiger, haarsträubender und vor allem ausgesuchter persönlicher Beleidigungen, die ich in einem deutlich drohenden Habitus vortrug. Damit hatte der Möchtegern-Bully wohl nicht gerechnet, denn er sagte kein Wort mehr und suchte schleunigst das Weite. Zugegeben, diese Begegnung hätte auch anders ausgehen können, aber die Begebenheit illustriert, dass mancher nur deshalb zum Täter wird, weil er glaubt, die Gelegenheit sei günstig und das Risiko minimal – was könnte ein Typ auf einem Damenrad einem denn schon antun?

Im Vergleich mit solchen fast schon komödiantischen Wortgefechten ist Ecuador ein Land auf der dunklen Seite der Welt. Hierzulande kann es passieren, dass man im Wortsinne für eine Handvoll Dollar umgebracht wird (oder wegen einer Handvoll Dollar) – entweder, weil man jemandem im Wege ist und diese Person einen Sicario, einen Auftragskiller anheuert, der jegliches erdenkliche Mittel einsetzt, um das Problem aus der Welt zu schaffen, oder weil man etwas besitzt, das Kriminelle unter allen Umständen an sich bringen möchten. Entsteht auch nur der leiseste Verdacht, dass man sich von seinem Besitz nicht freiwillig zu trennen beabsichtigt, dass man sich erdreistet, Widerstand zu leisten, wird man getötet – einfach so, weil die Täter glauben, ein Recht dazu zu haben, und wenn sie schon sonst nichts besitzen, dann wenigstens dieses Recht, das ihnen niemand streitig machen darf.

Die Höflichkeit der Leute, denen man im Alltag begegnet, täuscht darüber hinweg, dass die Hemmschwelle für schwerste Gewaltverbrechen viel niedriger liegt als in einem Land der Ersten Welt mit seiner noch halbwegs intakten Zivilgesellschaft und einer bis dato noch leidlich funktionierenden Strafverfolgung. Jeder, der hier lebt, ist gut beraten, diese Tatsache niemals zu vergessen.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Cuy asado mit Promis

Am Nachmittag verlassen wir Mindo. Nach den Feiertagen möchte alles nur schnell nach Hause und der Verkehr auf den gut ausgebauten Straßen spült uns zurück nach Quito. Als ich, meinen Gedanken nachhängend, so dahinfahre, gewahre ich plötzlich aus den Augenwinkeln ein bekanntes Gesicht. Ich stoppe fünfzig Meter weiter auf einem staubigen Parkplatz und meine Frau nimmt die Kamera, um ein paar Fotos zu schießen. Ich bleibe lieber im Auto, denn die Gegend macht ganz den Eindruck, als könnte man damit rechnen, zwei gefüllte Geldbörsen vorzufinden statt einer, wenn man zum Wagen zurückkehrt.

Tatsächlich grinst Andrew Zimmern von der Plakatwand herab und in der Hand hält er etwas, wofür seine Show „Der Alles-Esser“ berühmt ist: exotic food. Wir sind in Ecuador und natürlich muss es ein Cuy sein, ein Meerschweinchen – das sind die süßen quiekenden Flauschbällchen, bei deren Anblick Kinderaugen ganz feucht werden und die man in Deutschland in jeder Zoohandlung kaufen kann. Er hätte auch im Urwald fette Käferlarven essen können, aber das gibt es schon genug und die Leute verlangen nach immer neuen Sensationen. Hier nun steckt das Cuy am Spieß und ich kann mich nicht dafür verbürgen, dass Zimmern es nicht schon wie einen Lolly abgeleckt hat, bevor die Aufnahme gemacht wurde. Jedenfalls guckt er ganz so, als würde er die Requisite gleich nach dem Shooting verspeisen wollen.

Ich habe später gegoogelt, um mehr herauszufinden, nicht über das Meerschweinchen, über Zimmern. Ich dachte immer, er sei nur so ein lustiger dicker Mann, der komische Dinge isst und es damit auch zu einiger Popularität gebracht hat, aber in Wahrheit scheint er der Besitzer und CEO seines eigenen Food-Imperiums zu sein. Und sein Unternehmen ist keineswegs klein: Zimmern ist einfach omnipräsent und mindestens die Hälfte des Internets ist mit seinen Shows sowie seinen zahlreichen Geschäftsaktivitäten ausgelastet (den restlichen Platz brauchen die Bilder, auf denen man ihn sehen kann).

Aber die Amerikaner lieben nun einmal Food-Shows, obwohl in diesem Land kaum noch jemand selber kocht, und der Verzehr einer Spezialität wie etwa Cuy mag vielen fast schon so exotisch vorkommen wie die Münchener Weißwurst. Man gruselt sich nur zu gern, wenn man dabei im eigenen Heim gemütlich vor dem Fernseher sitzen kann. Solange die Pizza von der freundlichen Fastfoodkette um die Ecke pünktlich geliefert wird, ist die Welt in Ordnung. Den Rest sollen ruhig die anderen essen – und natürlich Zimmern.

Mindo: Stadt in den Bergen

Als wir so gemütlich am Tisch sitzen und unseren Kaffee genießen, während draußen der Regen auf die Stadt niederfällt, wird uns klar, dass Mindo doch eine recht künstliche Welt ist, die sich auf Gedeih und Verderb dem Tourismus verschrieben hat. Aber es gibt auch keine Alternative und gäbe es eine, hätten die Bewohner die Chance vielleicht auch ergriffen. Ich glaube allerdings, der Ort würde noch immer in seinem Dornröschenschlaf dahinschlummern, und er wäre auch nie daraus erwacht, wenn Scharen von lärmenden Touristen ihn nicht aus seinem Koma erlöst hätten. Für die Menschen kann man nur hoffen, dass der Traum von einem besseren Leben, der sich für sie erfüllt zu haben scheint, niemals ein Ende haben wird.

Die Berge versperren den Horizont, nirgendwo vermag man weiter zu blicken als bis zum nächsten Gipfel und nirgendwo in Mindo hat man den offenen Ausblick, den die Seele manchmal braucht, um sich frei zu fühlen. Die Berge erheben sich gleich unüberwindlichen Wächtern, die jeden daran hindern, diesen Ort je wieder zu verlassen. Oft ist der Himmel bedeckt und die Wolken hängen so tief wie die Bäuche nasser Bettlaken. Nicht selten liegt Nebel schwer wie eine alte Federdecke im Tal und dann verschwinden selbst die wachenden Berge in einem grauen Nirwana.

Verweilt man länger in Mindo, kann einen leicht das Gefühl beschleichen, man wäre eingesperrt; klaustrophobische Naturen könnten sogar zu Panikattacken neigen. Vielleicht aber empfinden die Bewohner die Enge der Berge und des Himmels als Geborgenheit – jedenfalls muss es einen Grund geben, der sie in ihrer Heimat hält. Ich kann nichts in Mindo entdecken, das mich zum Bleiben einlädt. Im Gegenteil, je länger ich hier verweile, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre von Mauern umstellt und diese Mauern rückten immer näher.

Schweizer Kaffee

Zurück von den Schmetterlingen suchen wir uns in Mindo ein ruhiges Plätzchen, an dem wir als verwöhnte Kinder der Zivilisation einen gepflegten Kaffee genießen und die Seele baumeln lassen können. Im erstbesten Café, an dem wir vorbeifahren, werden wir fündig. Die Betreiber sind offenbar Schweizer, wie man unschwer an der eidgenössischen Fahne am Eingang erkennen kann, und ich hege daher die Hoffnung, dass man einen guten Kaffee serviert. Ich werde nicht enttäuscht, denn der Kaffee ist wirklich gut. Später gehe ich zum Tresen und bestelle noch eine zweite Tasse. Ich spreche die Besitzerin auf Deutsch an und sie antwortet mit unverkennbar Schweizer Akzent.

Ich frage mich, warum es so viele Schweizer nach Ecuador zieht. Vielleicht sind es die Berge, denn die Hoffnung auf ein wohlgeordnetes Leben, das mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks abrollt, kann es wohl kaum sein. Aber man begehrt ja bekanntlich immer gerade das, was man nicht hat, und vielleicht ist es die tägliche Dosis Chaos, an der man Gefallen gefunden hat und von der man nun nicht mehr lassen kann.

Diese merkwürdigen Gringos

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Verkaufsstand des Kokosmannes, der uns den Weg zum Schmetterlingshaus gezeigt hatte. Wir nehmen einen Coco helado und genießen das erfrischende Getränk. Trotz des Regens, der am Nachtmittag zunächst als Nieselschauer einsetzt und sich dann zum Plattern verstärkt, ist es tropisch warm. Der Verkäufer posiert gern für ein Foto und ich stelle mich mit meiner Kokosnuss dazu. Die Aufnahme erhält mit Sicherheit einen bevorzugten Platz im Gringo-Reisealbum. Wir setzen uns mit unserem Coco ins Auto und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause – nicht, dass unser Trip nach Mindo bis hierher so abenteuerlich gewesen wäre, dass wir unbedingt eine Pause nötig gehabt hätten. Es ist nur manchmal schön innezuhalten und einfach nur zu beobachten.

Ein älteres Paar kommt des Weges, beide unverkennbar Gringos und beide in der komisch-grotesken Unisex-Uniform der Hobbyornithologen: khakifarbenes Tropen-Outfit, das direkt aus dem Fundus von „Hatari“ zu stammen scheint; der Hosenbund der Shorts bis unter die Achseln geschnallt, so dass zumindest der Mann wie eine schlankere Ausgabe von Higgins, dem Verwalter auf Robin Masters Anwesen in „Magnum“, wirkt. Die Wanderstiefel mit unverwüstlicher Profilsohle und die fein säuberlich gerollten Socken über den dünnen Waden vervollständigen das Bild. Vor der Brust baumeln Feldstecher und dazu noch Kameras. In Gürteltaschen sind weitere Extras verstaut, die sicher dazu dienen, das Überleben in Extremsituationen zu gewährleisten – vielleicht greift ja einmal ein Vogelschwarm an, durch den Anblick der Hobby-Vogelkundler bis aufs Blut gereizt. Mit Extremsituationen hat man es in diesem Land wahrhaftig täglich zu tun! Da ist es beruhigend, wenn man das entsprechende Abwehrmittel immer griffbereit hat. Ich glaube, so mancher Ecuadorianer würde sich bekreuzigen wie beim Anblick des Leibhaftigen, wenn er jenes Grauen im Doppelpack unversehens zu Gesicht bekäme.

Abenteuer auf dem Río Mindo

Nur einen Katzensprung vom Schmetterlingshaus entfernt, befindet sich die Rafting-Station. Ich musste mich belehren lassen, dass man nur dann vom Rafting sprechen kann, wenn die Wildwasser-Argonauten auch die Möglichkeit haben, das Gefährt, dem sie sich anvertrauen, selbst zu steuern. Sitzt man jedoch auf einem Traktorreifen, ist diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt vorhanden. Man nennt die Tätigkeit dann folglich auch nicht Rafting, weil man ja nicht auf einem Raft, einem Floß sitzt, sondern Tubing (Tube – Schlauch). Sechs solcher Reifen werden nach Art eines Kohlenstoffmoleküls zusammengeschnürt, der siebte Reifen kommt in die Mitte.

Am Río Mindo geht es zu wie am Riesenrad auf dem Rummelplatz, wenn die Vergnügungssüchtigen sich in die Gondeln drängen: Sobald ein Floß besetzt ist, wird es der Strömung anvertraut, aber schon folgt das nächste und so könnte es wahrscheinlich fort gehen bis in alle Unendlichkeit, wenn nicht irgendwann die Nacht hereinbrechen würde. Auf jedem der Gummiflöße klammert sich ein halbes Dutzend todesmutiger Tubonauten an die Reifen, doch es geht eher gemächlich den Fluss hinunter, von abenteuerlicher Wildwasserfahrt keine Spur. Irgendwo, ein paar Hundert Meter unterhalb der Einstiegsfurt, zieht man die kreischende Fahrtgemeinschaft wieder ans Ufer; die Flöße finden auf Pickups den Weg zurück zum Ausgangsort und mit der Rückfuhre wird gleich frisches menschliches Cargo zur Tubing-Station gebracht.

Als ich mich der Station nähere, um Fotos zu schießen, werde ich gleich ein paarmal von den „Bootsführern“ gefragt, ob ich mitfahren will. Man scheint es zu glauben, denn schließlich sehe ich aus wie ein Gringo und damit scheine ich geradezu prädestiniert für Abenteuer dieser Art. Nicht wenige sind sichtlich verstört, als ich dankend ablehne. Ich mache ein paar Fotos. Am Ufer drängen sich Leute in Schwimmwesten so dicht wie die Mähnenrobben auf den Felsklippen vor Feuerland.

Ein paar der Abenteuerwilligen haben sich Go-pros an den Kopf geschnallt, kleine Kameras, mit denen man festhalten kann, was man gerade sieht. Man kann sagen, was man will, aber mit so einer Linse an der Stirn sieht man einfach nur lächerlich aus. Im besten Falle würde man für einen Borg gehalten werden, aber ich glaube nicht, dass es hierzulande viele Trekkies gibt, die den Spaß auch verstehen könnten. Die meisten, die das Wagnis eingehen, sich den Fluss hinuntertragen zu lassen, scheinen Ecuadorianer zu sein. Überhaupt sieht man nur sehr wenige Touristen, die man für Ausländer halten könnte, und wenn, dann sind sie sofort als solche zu erkennen – als hätte man ihnen ein Mal auf die Stirn tätowiert.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.

Lustige Karnevalszeit

Die Menschen reisen aus ganz verschiedenen Gründen: Manche suchen das Abenteuer, das sie in ihrem Alltag vermissen; andere hoffen im Fremden das Gewohnte wiederzufinden; wieder andere möchten ihre Schaulust befriedigen. Für mich kann eine Reise ruhig beschwerlich sein (zumindest bis zu einem gewissen Grad), am Ziel aber – und mag es auch noch so weit entfernt sein – möchte ich doch nur immer wieder in einem schönen Café landen und bei Latte macchiato und Chocolate-Chip-Cookies einen magischen Sonnenuntergang über einem unberührten tropischen Paradies genießen … oder die majestätische Ruhe über einer menschenleeren Eiswüste … oder die donnernde Brandung an einem wilden ozeanischen Gestade.

Leider findet man so selten Cafés in Eiswüsten und an einsamen Küsten. Eigentlich möchte ich mich ein wenig wie die Besucher des Restaurants am Ende des Universums im „Hitchhikers Guide to the Galaxy“ fühlen: Man sitzt in angenehmer Begleitung gemütlich beim Essen und lässt sich von der grandiosen Show bezaubern – immerhin wird man Zeuge des Anfangs, und zwar des Anfangs von so ziemlich allem. So viel muss es aber gar nicht sein. Das einsame Meeresufer würde mir schon reichen. Ich glaube, man wird zum Snob, wenn man zu viele Reiseführer liest.

Es ist Karnevalszeit und auch Mindo gibt sich willig dem Schabernack hin. Die Hauptstraße ist dicht bevölkert und viele der Leute haben ihre Cariocas dabei – zur Karnevalszeit die Waffe der Wahl. Cariocas sind Sprayflaschen, die mit Schaum gefüllt sind. Anlässlich des Karnevals ist es üblich, dass vorbeikommende Passanten gnadenlos eingeseift werden, und wenn man selber keine Carioca zur Hand hat, mit der man Vergeltung üben könnte, ist man einfach nur das willkommene Opfer. Ich halte die Fenster geschlossen, denn die Kombattanten nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihre Opfer an dem Spaß teilhaben wollen oder nicht. Ein paarmal prallen die Attacken an der Scheibe ab und ich bin froh, dass ich im Auto sitze.

Vor uns fährt ein Truck und auf der Ladefläche sitzt ein Mädchen, nicht älter als vierzehn. Die Wagen rollen wie bei einem Autokorso im Schritttempo auf der Hauptstraße entlang und das Opfer sitzt wie auf dem Präsentierteller. Diese Gelegenheit lassen sich die bösen Jungs aus der Gegend natürlich nicht entgehen. Sie seifen das arme Ding so unerbittlich ein, dass das Mädchen am Ende wie ein Schneemann aussieht. Die Jungs aber haben ihren Spaß und lachen sich fast kaputt.

Wir halten kurz auf der Hauptstraße, denn meine Frau will Eintrittskarten für das Schmetterlingshaus und die Kolibri-Station besorgen. Mindo wird in diesen Tagen von Touristen geradezu überschwemmt, aber die Stadt scheint sich gut auf den Ansturm vorbereitet zu haben, denn es gibt kaum eine Straße, in der man einmal kein Hotel oder Hostal findet. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Einheimischen wohnen, denn die ganze Stadt scheint ausschließlich aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés zu bestehen.

Während wir so am Rande der Hauptstraße stehen, die Warnblinklichter vorsorglich eingeschaltet (so ist es hierzulande üblich, auch wenn man keinen Unfall hatte oder eine Reifenpanne), kommt der Dorfpolizist auf uns zu und macht uns mit strenger Miene darauf aufmerksam, dass das Parken auf der Hauptstraße, übrigens der einzigen im Ort, verboten sei. Er sieht unglücklich aus, wahrscheinlich schlägt ihm der ganze Trubel aufs Gemüt – daher auch die schlechte Laune. Wir fahren eine Straße weiter und warten auf meine Frau, die schon nach kurzer Zeit mit den Tickets auftaucht. Sie ist so fröhlich, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.