Über den Pass

Von Papallacta hatten wir gehört, dass es sich um die schönsten Thermalquellen des ganzen Landes handeln soll. Abgesehen davon, dass Superlative in mir immer eine gesunde Skepsis wachrufen, kann man über solch ein Urteil durchaus geteilter Meinung sein. Viele meinen, Baños sei unübertroffen, aber nach Baños sollten unsere Wege vielleicht nicht mehr führen. Einmal zumindest wollten wir eine echte Therme in diesem an Vulkanen reichen Lande besuchen – umso besser, wenn es sich da gleich um die angeblich schönste handelte.

Von Cumbayá aus benötigt man mit dem Auto gerade eine Stunde nach Papallacta. Mein Reiseführer, den ich mir vorsorglich aus Deutschland mitgenommen hatte, obwohl ich ja eigentlich kein Tourist bin, empfahl den Besuch ausdrücklich (Wenn man sich nur immer auf Reiseführer verlassen könnte!), merkte jedoch an, dass die Bäder fast immer überlaufen seien und empfahl deshalb den Besuch unter der Woche. Wenn wir auch keine großen Erwartungen hegten, hofften wir zumindest, dass die enthusiastischen Beschreibungen des Travel-Guides die Wirklichkeit nicht allzu zu sehr beschönigten. Kurzentschlossen fuhren wir also nach Papallacta.

Bis nach Papallacta ist es nicht weit und auf der Karte erscheint die Strecke als ein Katzensprung, kaum die Spanne eines Zolls, den man leicht mit Daumen und Zeigefinger abmessen kann. Ich hatte freilich die Höhenangabe auf halber Strecke übersehen und erst auf den zweiten Blick stach mir die vierstellige Ziffer ins Auge. Die Straße führt hinauf in die Ostkordillere und am Scheitelpunkt ist man auf fast 4.100 Meter aufgestiegen. Nur wenige Menschen gelangen in ihrem Leben in solche alpinen Höhen und dazu musste ich noch nicht einmal das Auto verlassen. So hoch war ich noch nie über dem Meeresspiegel und wie ein Skipper, der Kap Hoorn umrundet hat, sich stolz Kaphoornier nennen darf, wird man wahrscheinlich automatisch Mitglied irgendeines Stratosphärenvereins, wenn man diesen Pass überwindet. Ich warte immer noch auf die Einladung.

Die Straße führt geradewegs nach Osten. Von unserer Haustür in Miravalle aus fährt man immer geradeaus und über Cumbayá, Tumbaco und Pifo gelangt man schließlich zur Passhöhe. Man hat die Autopista erst kürzlich ganz neu ausgebaut und wir glitten förmlich über den Asphalt, der so glatt war, als hätte man eigens für uns einen Teppich ausgelegt. Hinter Pifo verliert die Landschaft allmählich alle Siedlungsspuren und das Gelände steigt immer steiler an. Manchmal hat man den Eindruck, die Erdoberfläche wäre gegen die Richtung der Gravitation gekippt und irgendwie wirkt alles „schief“.

Nach mehreren langen Steigungen schien die schwachbrüstige Maschine unseres Wagens an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen, doch dank des hervorragenden Zustandes der Straße gelangten wir dann doch relativ schnell zum Pass. Es gibt nur einen kurzen Streckenabschnitt, an dem noch gebaut wird. Dort führt die Autopista dicht unterhalb einer Felswand entlang. Immer wieder stürzen Felslawinen auf die Straße und Arbeiter sind mit schweren Maschinen zugange, um auch diesen Abschnitt alsbald wieder in einen perfekten Zustand zu versetzen. Am Scheitelpunkt der Strecke gönnten wir dem Motor, der zuletzt in der dünnen Luft wie ein Ertrinkender gejapst hatte, erst einmal eine Rast.

Immer wieder überholten wir Radfahrer, die sich schaukelnd die Steigung hinaufquälten. Auch sie schienen ihre Belastungsgrenze erreicht zu haben (und einige hatten sie wahrscheinlich schon überschritten), doch ausgerechnet auf der Passhöhe sieht man so viele Laienpedaleure wie sonst nirgendwo auf den Straßen. Nicht wenige zeigten eine solch erbarmungswürdige Leidensmiene, dass man schon glauben wollte, sie versuchten die Imitatio Christi. Es muss eine unbeschreibliche Plackerei sein, die unendliche Steigung auf fast viertausend Metern Höhe mit dem Rad zu bewältigen. Manch einer dieser Freizeitsportler hat sicher eine ausgeprägte pathologische Affinität zu allen Arten von Leiden. Aber man muss den Schmerz schon lieben, denn sonst würde man diese Folter wohl kaum freiwillig auf sich nehmen.

Am Scheitelpunkt der Strecke, direkt an der Straße, steht eine kleine Kapelle mit einer Statue der Madonna darin. Die meisten Reisenden machten hier Rast, um dem Auto und sich selbst eine Erholung vom anstrengenden Aufstieg zu gönnen. Nicht wenige statteten der Jungfrau einen Besuch ab, einfach, um sie zu sehen, oder um zu beten – es ist sicher kein Fehler, sich für die Fahrt auf gefährlichen Straßen himmlischen Schutzes zu versichern.

Am Straßenrand sah man Radfahrer in voller Profimontur ihre Maschinen checken. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, stand mancher der Hobbypedaleure kurz vor dem Zusammenbruch. Man wartete erst einmal ab, bis sich die Vitalwerte aus dem Bereich akuter Lebensgefahr wieder auf ein normales Niveau eingepegelt hatten. Ein schnelles Bittgebet kann da manchmal Wunder wirken, zumal die nächste Rettungsstelle mit Sicherheit weiter entfernt ist als die Hilfe der Mutter Gottes.

Wir vertraten uns ein wenig die Beine. Meine Frau und mein Sohn bewegten sich aber kaum einige Schritte vom Auto fort, denn schon bei der kleinsten Anstrengung bekam man Atemnot. Ein kalter Wind strich zudem beständig über den Pass und in der dünnen Luft begann man leicht zu frösteln. Auf der Suche nach Motiven lief ich ein Stück die Autopista entlang. Schon nach wenigen Sekunden fing mein Herz wie verrückt an zu pumpen und als ich ein Stück rannte, hatte ich einen Eindruck davon, wie man sich beim Waterboarding fühlen muss.

Am Pass befindet man sich tatsächlich an einem Scheitelpunkt, denn folgte man der Autopista von hier nach Osten, gelangte man irgendwann in den Amazonas-Urwald. Auf dem Grat der Kordillere verläuft zudem die Grenze zwischen den Provinzen Pichincha und Napo. Die Provinz jenseits der Anden ist natürlich nach dem Río Napo benannt und auch, wenn man hier noch ganz unter dem Eindruck des Gebirges steht, beschwört allein schon der Name „Napo“ vor Feuchtigkeit dampfenden Dschungel und träge braune Gewässer unter lichtundurchlässigem Blätterdach herauf.

Wir haben uns fest vorgenommen, den Konquistadoren, Forschern und Abenteurern zu folgen. Eine Tour in das Amazonastiefland gilt als beschlossene Sache und es wäre wirklich ein unverzeihliches Versäumnis, wenn wir Ecuador verlassen würden, ohne wenigstens einmal in das grüne Herz dieses Planeten hinabgestiegen zu sein. Unser Weg wird uns dann wieder hinauf zum Pass von Papallacta führen, doch das nächste Mal werden wir unserer Bestimmung folgen, bis sich die Straße im undurchdringlichen Dickicht des Waldes verliert (oder in Coca am Ufer des Río Napo endet).

Von der Passhöhe aus ließen wir uns von der Autopista durch die zerklüftete Landschaft des Hochgebirges hinab ins Tiefland führen. Freilich würden wir der Route nur bis zu den Thermen von Papallacta folgen, dem immer noch das Flair eines Andenstädtchens anhaftet, denn das einer Urwaldstadt. Eine Anhöhe gestattete den Blick über eine in Berge und Täler gefaltete Landschaft. Die Autopista lag wie ein dünner Lebensfaden am Fuße einer himmelwärts strebenden Felswand. Das schräg einfallende Sonnenlicht schnitt ein wild bewegtes Relief in das zerfurchte Gestein. Man sah Autos die dünne Linie der Straße entlangkriechen, winzig wie Blattläuse auf einem Grashalm.

Regime Change

Unser Gastgeber wirkte auf Anhieb sympathisch, so sympathisch, dass man ihm den Politiker gern verzeihen wollte. Nachdem wir die Kartons abgeladen und in seiner Garage untergestellt hatten, bat er uns ins Haus. Hierzulande wird noch der Tradition einer ursprünglichen Gastfreundschaft gehuldigt und man würde es schlicht als unanständig ansehen, einen Besucher an der Haustür zurückzuschicken. Sein Haus, eine strahlende Residenz im Gewand postmodernistischer Zurückhaltung, hatte sicher mehrere Millionen Dollar gekostet, wie übrigens alle Häuser innerhalb der Mauern dieser Suburbanisation. Ein magischer Vollmond ging gerade über dem Dachgiebel auf. Die Szene wirkte so irreal wie die extravaganten Sehnsuchtsbilder in einem Immobilienkatalog für Superreiche.

Wir nahmen auf den schönen Sofas vor dem Kamin Platz. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet. In der Dekoration ließ sich ein verhaltener Minimalismus erkennen, und an den Wänden hingen Kunstwerke, wie man sie wohl kaum auf dem Flohmarkt finden würde. Ein Bild gefiel uns besonders und meine Frau fragte nach dem Künstler. Wir googelten später, um mehr herauszufinden. Wir überschlugen, dass die Kunst, die allein in diesem Raum an den Wänden hing, gut zwanzigtausend Dollar wert war, vielleicht sogar noch mehr, denn der Künstler lebt nicht mehr und man darf davon ausgehen, dass seine Werke ständig an Wert gewinnen.

Wir unterhielten uns auf Englisch, dem einzigen Idiom, das alle gut genug sprachen, um darin eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Die Frau unseres Gastgebers ist Amerikanerin und er selbst spricht ein perfektes Englisch, das jedoch den harten spanischen Akzent nicht ganz verhehlen kann. Um das Eis zu brechen, ergingen wir uns ein wenig in Smalltalk. Wir plauderten über Kunst – und über die schönen Bilder, die es an den Wänden zu bestaunen gab, ließ sich auch trefflich reden – und über einiges andere, Dinge, die man schnell wieder vergessen hat.

Der Verlauf des Gesprächs bot unserem Gastgeber dann aber doch Gelegenheit, recht schnell zur Sache zu kommen: Als meine Frau meinte, dass sein Name ihr irgendwoher bekannt sei, erklärte er, dass sie ihn wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Mesa gehört habe; er sei darin Mitglied. Er fügte scherzhaft hinzu, er wäre somit ihr Boss, und das war keineswegs nur ein ironisches Bonmot, um das Gespräch aufzulockern, sondern es war die Wahrheit, nur eben in einen Witz und in ein sympathisches Lächeln verpackt. Die Mesa ist das, was in den USA das School board ist, also das Gremium, das die großen Entscheidungen in der Schulpolitik trifft. Selbstverständlich kann einer derart einflussreichen und mächtigen Körperschaft nur ein erlauchter Personenkreis angehören. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

Ich werde stets hellhörig, wenn man mir erzählt, man entstamme einer alten Familie, denn was man damit wirklich zu sagen versucht, ist, dass man eigentlich reich sei und dass man es schon gewesen sei zu einer Zeit, für die die meisten Menschen nicht einmal die Namen ihrer Vorfahren anzugeben wüssten. Einen langen Stammbaum hinter sich zu haben, ist aber kein Verdienst, sondern allenfalls Gunst des Schicksals oder doch eher reiner Zufall.

Ich habe gegoogelt – ich konnte einfach nicht widerstehen, zumal unser Gastgeber ja selber ins Gespräch eingebracht hatte, dass er einer Familie mit Herkommen entstamme: alter spanischer Kolonialadel aus Quito und reich begütert. Der Name ist bekannt. In Deutschland ist ein Name wie der andere und allenfalls ein „Von“ vor dem Nachnamen verleiht seinem Träger den schwachen nostalgischen Glanz einer vermeintlich besser geordneten Welt. Hierzulande sagt der Name aber viel über die soziale Stellung einer Person aus und manche Namen haben einen schöneren Klang als andere. Und der Name unseres Gastgebers ist für ecuadorianische Ohren schon fast ein Engelschoral.

Unser Gastgeber ist Anwalt und er strebt eine politische Karriere an. Seit Kurzem kandidiert er für einen Wahlkreis in Quito. Ich konnte nicht herausbekommen, für welche Partei er eigentlich ins Rennen geht, aber aus seinen Äußerungen wurde klar, in welche Richtung sein politisches Engagement zielt: Von der derzeitigen Regierung sprach er nur als „Regime“. Regimen haftet der Ruch des Unrechts und der Gewalt an und selbstverständlich ist es eine ehrenhafte Tat, sie zu beseitigen, vor allem, wenn man edle Ziele verfolgt. Er sprach davon, dass man (wer auch immer dies sein soll) die Demokratie (was immer das sein soll) „reinstallieren“ wolle. Ich wagte einzuwenden, dass der derzeitige Präsident sich dem Votum des Volkes in drei Wahlen habe stellen müssen, und in den letzten zwei hätte er sogar im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Mehr demokratische Legitimation kann man eigentlich kaum haben.

Unseren Gastgeber focht das nicht an: Die Regierung hätte ihre Leichen im Keller. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, und er sah sich zu einer Erklärung genötigt. Die Regierung führe Listen mit über drei Millionen Wählern, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt – Phantome, Geister, Harvey der Hase. Bei einer Einwohnerzahl von sechzehn Millionen würde man mit solch einem Stammkapital natürlich jede Wahl gewinnen, ganz gleich, wie sehr sich die Opposition auch anstrengen mag. Ich konnte es nicht glauben, doch er beharrte, es sei die Wahrheit. Den Beweis blieb er natürlich schuldig, aber ich erwartete auch nicht, dass er die gefälschten Wählerlisten in diesem Augenblick aus der Schreibtischschublade ziehen würde.

Man muss dazu wissen, dass in Ecuador die Wahl Staatsbürgerpflicht ist. Wer wählt, erhält darüber einen amtlichen Nachweis. Ohne diesen Nachweis kann man auf verschiedenen staatlichen Stellen ernste Probleme bekommen und dann benötigt man eine Freistellung, eine Art Ablassbrief, der wiederum bestätigt, dass alle Schuld beglichen sei und dass man ab sofort wieder in dieselben Rechte eingesetzt sei wie jemand, der seiner Staatsbürgerpflicht brav nachgekommen ist.

Da jeder Wahlberechtigte also wählen muss, denn andernfalls hätte er Sanktionen zu gewärtigen, ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung nahe einhundert Prozent liegt – das dürften schon fast realsozialistische Quoten sein. Drei Millionen zusätzliche Wähler würden da natürlich auffallen. Doch keine Wahlbeobachterkommission hat je beanstandet, dass die Wahlen im Land nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprochen hätten, wie er für demokratische Wahlen als angemessen erachtet wird.

Ich wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht weiter kommentieren. Meine Frau verwies darauf, dass die derzeitige Regierung das Land wie kaum eine Regierung zuvor vorangebracht hätte. Zum ersten Mal – man möchte sagen, seit Menschengedenken – hat man den Eindruck, die jahrzehntelange Erstarrung, in der sich das Land befunden hatte, wäre beendet und Ecuador hätte doch noch seine Ausfahrt in die Zukunft gefunden. Meine Frau verwies auf Infrastrukturprojekte, die das Land völlig umgestaltet hätten, auf die Bildungs- und Justizreform, auf die Reform des Ämterapparates und nicht zuletzt darauf, dass dieser verschlafene Flecken namens Ecuador, dieses letzte Stückchen Erde am äußersten Ende der Welt endlich einen Zugang zur Moderne gefunden hätte.

Alle diese Dinge sind wahr und jeder, der das Land im Abstand von mehreren Jahren besucht hat, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Unser Gastgeber hatte darauf nur zu entgegnen, dass alle diese Werke die Pflicht der Regierung gewesen seien, die Pflicht jeder Regierung, die den Anspruch erhebt, ein Land verantwortungsvoll zu führen und die auch über die Fähigkeiten verfügt, dieser Aufgabe nachzukommen. Eine solche Argumentation führt geradezu zwingend zu dem Schluss, dass es allen Vorgängerregierungen entweder am Willen mangelte, das Land zum Besseren zu verändern, oder dass man schlicht unfähig war und deshalb scheitern musste. Führer, so fügte er enigmatisch hinzu, würden stets für ihre schlechten Taten in Erinnerung bleiben. Er ließ offen, was er damit meinte, aber seine Worte schwebten wie ein Verdikt im Raum.

Wir sprachen noch ein wenig über die Zukunft. Unser Gastgeber ging davon aus, dass die derzeit im Amt befindliche Regierung auch die nächsten Wahlen gewinnen werde – dank ihrer drei Millionen Phantomwähler. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass man sie vielleicht auch deshalb gewählt und zweimal im Amt bestätigt hatte, weil alle vorangegangen Regierungen das Wohlergehen der großen Mehrheit im Lande sträflich vernachlässigt hatten, und zwar über Jahrzehnte.

Rafael Correa, der derzeitige Amtsinhaber, wird 2017 zurücktreten. Die Opposition wittert Morgenluft, doch die meisten halten sie nicht für die Alternative, die das Land weiter voranbringen könnte. An der Spitze der Bewegung steht ein Banker und die Leute spotten, er unterhalte ein gut gefülltes Konto in der Steueroase Panama. Dass sich dieser Mann als Anwalt der einfachen Leute ausgibt, ist wirklich lächerlich, aber allein mit den Stimmen der reichen Elite (die ihm, wie ihre Herzen, ohnehin schon zufliegen) könnte er keine Wahl gewinnen. Viele im Lande fürchten, mit einem Sieg der Opposition würde das Land einen Rückfall in die Zeiten dreister Klientelpolitik erleben, da eine raffgierige Elite sich dank ihrer Beziehungen und dank ihres Einflusses die lukrativsten Pfründen zu sichern verstand. Wenn man sich die jüngste Geschichte Ecuadors anschaut, sind diese Ängste nicht ganz unbegründet.

Unser geschätzter Gastgeber schien nicht besonders erfreut über den Umstand, dass nach der nächsten Wahl ein Mann wie Lenín Moreno das Präsidentenamt übernehmen könnte, doch er lächelte die bittere Pille einfach weg. Moreno war unter Correa bis Mitte 2013 Vizepräsident, aber seitdem ist es ruhig um ihn geworden und eigentlich hegt man keine großen Erwartungen mehr für seine politische Zukunft. Seit einem Raubüberfall 1998 sitzt er im Rollstuhl und er war der erste hohe Amtsträger mit einer Behinderung in ganz Lateinamerika. Im Jahre 2012 wurde er wegen seines Engagements für Behinderte sogar als Kandidat für den Friedens-Nobelpreis gehandelt (den Preis hat dann aber die EU erhalten – wofür eigentlich?).

Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gastgeber den Ex-Vizepräsidenten überhaupt ins Spiel brachte, aber er schien ihn als einen möglichen und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt anzusehen. Vielleicht ist das aber nur eine taktische Finte, um die Leute zu ängstigen, so dass sie es sich überlegen und ihre Stimme im letzten Moment doch noch dem Banker mit dem Auslandskonto geben. Wenn man unseren Gastgeber so reden hörte, hätte man glauben können, mit einem Rollstuhlfahrer als Präsidenten setze man das Schicksal der Republik aufs Spiel. Denn auf den Gesundheitszustand Morenos anspielend, meinte er mit besorgter Miene, er könnte im Amt sterben und er beschwor damit den Alptraum eines Staatsnotstandes herauf. Woher er seine ärztliche Weisheit nahm, weiß ich nicht zu sagen, aber wenn dem so wäre und tatsächlich jeder, der im Rollstuhl sitzt, in akuter Lebensgefahr schwebte, wäre zumindest im Falle Schäubles noch zu hoffen.

Im übrigen meinte er, Moreno sei ein „funny guy“ – vielleicht spielte er auf die Lachtherapie an, durch die es ihm gelang, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren, nachdem ihn die Ärzte schon abgeschrieben hatten. Ob aber jemand, dessen offenbar einzige Qualität darin zu bestehen scheint, „lustig“ zu sein, als Präsident eine gute Figur abgäbe, mag man bezweifeln, ganz abgesehen davon, dass er ein todkranker Mann sei – jedenfalls nach der Meinung eines Laiendoktors.

Man ist ganz hin und hergerissen zwischen der persönlichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes, der zudem noch überaus sympathisch wirkt, und seinen Aussagen, die man wohl weniger als persönliche Meinung zu werten hat, sondern vielmehr als knallharte politische Agenda ansehen muss. All die Schlagworte, die er an diesem Abend bemühte, um sein Missbehagen gegenüber der Regierung zum Ausdruck zu bringen, kamen mir verdächtig bekannt vor: Regime, Wahlen manipuliert (auch wenn er das explizit nicht so sagte), Demokratie reinstallieren.

Es braucht keinen genialen Politstrategen, um daraus ein griffiges Programm zu schmieden, welches das Potential hat, als politischer Brandbeschleuniger zu wirken. NGOs spielen nach wie vor eine zweifelhafte Rolle in der ecuadorianischen Politik und es würde mich keineswegs überraschen, wenn unser Gastgeber den Segen und die Unterstützung mächtiger Schirmherren gewonnen hätte.

Regime haben leider keinen guten Leumund und wenn man eine rechtmäßig gewählte Regierung nur lange genug so tituliert, hängt man ihr eine Zielscheibe um, auf die man sich in aller Ruhe einschießen kann. Denn es ist ein Verbrechen, eine legitime Regierung zu stürzen, aber es ist legitim, ein Regime zu beseitigen. Eine neue, eine bessere Ordnung ist denkbar und sie ist sogar wünschenswert und vor allem ist sie gerecht – zumindest wenn man Propagandisten vom Schlage unseres Gastgebers glaubt. Wäre dem wirklich so, hätten die Menschen sich doch längst für eine andere Führung entschieden, denn schließlich ist Ecuador nach allgemeinem Dafürhalten keine Diktatur, und auch wenn man eine Regierung als Regime bezeichnet, heißt das natürlich nicht, dass sie wirklich eines wäre. Zu schade, dass man sich das Volk, das einen wählen soll, nicht aussuchen kann.

[Anmerkung: Lenín Moreno wurde vom linken Lager – wie von unserem Gastgeber vorausgesehen – tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt. Im April 2017 hat er die Stichwahl gegen den Banker Guillermo Lasso denkbar knapp gewonnen. Wie ebenfalls vorhergesehen, behaupteten die Verlierer, die Wahlen seien manipuliert worden. Gleichsam als Beweis führten sie die völlig anderslautenden Prognosen an. Unabhängige Wahlbeobachter konnten jedoch keine Manipulationen feststellen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahl korrekt abgelaufen sei. Prognosen der dem konservativen Lager nahestehenden Info-Institute hatten Lasso zunächst deutlich vor Moreno gesehen, so dass sich für viele mittlerweile die Frage erhebt, ob nicht eher hier eine gezielte Manipulation vorliegt, welche dem konservativen Lager im Falle einer Niederlage einen bequemen Vorwand bieten würde, die Wahl anzufechten. Die Opposition bestreitet dies und erklärt, sie wolle das Wahlergebnis in jedem Falle überprüfen lassen.]

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

Landesspezialitäten

Auf der Rückfahrt von Cochasquí kamen wir durch Guayllabamba. Das ist eine kleine Stadt nördlich von Quito, nur eine Katzensprung von der Panamericana entfernt. Die Hauptstraße des Ortes ist förmlich gepflastert mit Restaurants, Kantinen und Imbissständen und nicht wenige der Reisenden, die auf der Panamericana unterwegs sind, machen hier Station, um zu essen. Wir fuhren nicht bis in die Stadt hinein, sondern besuchten ein Restaurant kurz hinter der Abfahrt der Autopista, das „Guayllabambeñito“. Das Lokal breitet sich in einem riesigen Speisesaal aus, aber es war Mittagszeit und tatsächlich waren nahezu alle Tische besetzt.

Wir bestellten eine der Spezialitäten der Gegend: Fritada. Dazu gab es Chicha, das traditionelle Getränk der Anden, ein aus vergorenem Mais hergestelltes gelbliches Gebräu. Chicha schmeckt säuerlich-prickelnd und erinnert ein wenig an vergorenen Apfelsaft. Erfrischend und lecker – man darf nur nicht daran denken, dass die Gärung in alter Zeit eingeleitet wurde, indem man die Maische einmal ordentlich im Mund durchspülte und sie anschließend in ein großes Gefäß spuckte, in dem das Maisbier dann reifen musste, bis es sein volles Aroma entwickelt hatte. Heute ist die traditionelle Herstellung nicht mehr üblich und man ist ausnahmsweise einmal froh darüber, dass alte Traditionen gelegentlich aussterben. Darauf nahmen wir einen großen Schluck Chicha!

An den Eisen

Ich wollte wieder einmal „ordentlich“ trainieren. Wer schon je versucht hat, in den eigenen vier Wänden seinen Leib zu stählen, weiß, dass das Training im trauten Heim lange nicht dieselbe Güte hat wie ein Workout in einem richtigen Studio. Man ist immer zu nah an seinen Gewohnheiten und zwischen Sessel und Couch will nicht die Rechte Stimmung fürs Gewichtestemmen aufkommen: Immer überlegt man, ob man noch einen Satz Curls macht, oder ob man an den Kühlschrank geht und sich etwas Leckeres zu essen holt; ob man sich noch einmal durch Ausfallschritte quält oder sich nicht doch lieber auf das schöne weiche Sofa wirft. In einem Studio ist man solcher nur allzu menschlichen Versuchungen enthoben und hat man den beschwerlichen Weg zur Stätte des Ruhmes erst einmal zurückgelegt, gibt es nichts, was dann noch zwischen der eigenen Entschlossenheit und den Eisen steht.

In Cumbayá gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Orten, die sich euphemistisch als „Studio“ bezeichnen. Viele davon verfügen allerdings nur über einen einzigen Kursraum, in dem irgendein Zirkeltraining veranstaltet wird. Andere wirken so heruntergekommen wie die speckigen und in Schweißduft getauchten Hinterhofverliese, denen man im Berlin der Neunziger hier und da noch begegnen konnte. Unwillkürlich muss ich immer an die Szene in „Rocky“ denken, in der Balboa wie wahnsinnig auf Rinderhälften einprügelt. Man möchte in solchen Studios eigentlich nichts anfassen, am allerwenigsten die Hanteln, die nicht nur so aussehen, als wären sie durch viele Hände gegangen und noch nie gereinigt worden. Da könnte man auch gleich mit Rinderhälften trainieren. Das wäre auch hygienischer.

Alle Studios in Cumbayá sind wahnwitzig teuer. Für die Beiträge, die hier für einen Monat erhoben werden, könnte man sich in Berlin fast schon in einen Nobelclub einmieten. Dabei lässt die Ausstattung oft zu wünschen übrig und in manchem schicken Studio gibt es nicht einmal Hantelständer, etwa um Kniebeugen auszuführen, oder Klimmzugstangen. Dafür aber werden jede Menge sinnloser Kurse angeboten und man fragt sich, wer so etwas haben möchte. Kniebeugen scheinen hingegen unbekannt zu sein und so begegnet man immer wieder Trainierenden mit dicken Armen und bemitleidenswert dünnen Oberschenkeln. Wie richtig trainiert wird, wissen offenbar die wenigsten, wahrscheinlich nicht einmal die Trainer.

Merkwürdig genug, erlebt Cumbayá, ja, das ganze Land, derzeit einen Crossfit-Boom ohnegleichen. Überall schießen Crossfit-Studios aus dem Boden und die meisten sind nicht einmal schlecht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und funktional und das Equipment ist oft nagelneu. Freilich bietet ein Crossfit-Studio lange nicht die Möglichkeiten, die man in einem konventionellen Studio erwarten kann. Crossfit erfreut sich dennoch ungeheurer Beliebtheit, obwohl auch hier die Preise alles andere als angemessen sind.

Bei uns in der Nähe befindet sich „Nouba Crossfit“, einer der zahlreichen Triebe am Stamme der Crossfit-Bewegung. Die Räumlichkeiten des Studios erwecken eher den Eindruck einer Schulsporthalle denn den eines Gyms. Eigentlich handelt es sich nur um einen großen Raum mit hoher Decke und einem Gummifußboden, der an die Ausnüchterungszelle der Bahnhofspolizei gemahnt. Alles ist äußerst karg eingerichtet und auf Funktionalität abgestimmt. Die Wände hat man weiß gestrichen und sonst gibt es eigentlich nicht viel, woran sich das Auge festhalten könnte. Das Equipment ist überschaubar: Langhanteln, Kugelhanteln, Medizinbälle, Klimmzugstangen und zwei Ruderergometer. Trainiert wird vor allem mit Langhanteln. Die Kettlebells habe ich noch nie zum Einsatz kommen sehen, ebenso wenig die Medizinbälle.

Wenn ich in einem Crossfit-Studio trainiere, beschränkt sich mein Workout mangels anderer Möglichkeiten auf Kniebeugen, Kreuzheben, Klimmzüge, Rudern und Schulterdrücken. Das ist eine ganze Menge und mehr als ausreichend, um ein anspruchsvolles und gutes Workout zu gewährleisten. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Trainingsgewichte zu maximieren, mir kommt es vielmehr darauf an, in jeder Wiederholung eine saubere Übungsausführung zu gewährleisten, denn schließlich werden die Gelenke mit den Jahren nicht besser. Wichtig ist, dass man ein gutes Muskelgefühl hat und ein guter Pump nach dem Training ist allemal mehr wert als die Befriedigung darüber, es wieder einmal allen im Studio gezeigt zu haben.

In den Pausen beobachte ich immer die Crossfitter (mangels anderer Ablenkungen). Eine Crossfit-Einheit dauert dreißig Minuten und wird unter Anleitung eines Trainers in der Gruppe absolviert. Alle halbe Stunde kommt eine neue Gruppe ins Studio. Die Stärke variiert, doch in der Regel kann man mit bis zu zwanzig Teilnehmern rechnen. Das ist nicht wenig und das Studio kann sicher gut davon leben, denn jeden Tag werden gut ein Dutzend Kurse angeboten. Jeder der Teilnehmer zahlt siebzig Dollar pro Monat – für zwei Trainingseinheiten pro Woche à dreißig Minuten (das entspricht etwa der durchschnittlichen Trainingsrate) erachte ich eine solche Summe als maßlose Übertreibung.

Ich habe eigentlich nichts gegen Crossfit an sich und hin und wieder übernehme ich Elemente daraus auch in mein Training, aber wenn man dem Treiben so zuschaut, muss man ernstlich um die Gesundheit so manches Kursteilnehmers fürchten. Ich weiß nicht, warum es Trainer gibt – ein Trainer ist immer im Kurs anwesend –, wenn die Leute am Ende viel zu große Lasten mit elend schlechter Technik zu heben versuchen. Aber anscheinend geht es beim Crossfit nicht darum, ein Gewicht mit korrekter Technik zu bewältigen, sondern nur darum, ein möglichst schweres Gewicht mit welcher Technik auch immer zur Hochstrecke zu bringen – wenn es sein muss, auch ganz ohne Technik. Man wundert sich manchmal nur, warum nicht alle paar Minuten irgendeine Bandscheibe herausploppt.

Die meisten der Kursteilnehmer sind jung und junge Gelenke verzeihen bekanntlich noch so manche Torheit. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man in den Kursen niemanden sieht, der die Vierzig überschritten zu haben scheint. Wenn ich bei „Nouba Crossfit“ trainiere, bin ich oft der mit Abstand Älteste, aber ich bin ja auch kein Crossfitter und deshalb halte ich mich lieber fern von Übungen, mit denen man sich die Gelenke in Windeseile ruiniert. Nur beim Snowboarden geht es wahrscheinlich noch schneller.

Um ihre Gelenke scheinen sich die Teilnehmer der Kurse aber weit weniger Sorgen zu machen als ich: Wenn sie Kniebeugen machen, sieht man sie auch noch die letzten Zentimeter bis auf die Fersen herabsinken, als würden sie sich in Postion bringen, ihre Notdurft zu verrichten. Und wenn das Gewicht zu schwer ist, was nicht selten der Fall zu sein scheint, versuchen sie sich mit Schwung nach oben zu federn.

Wirklich bedrohlich wird es beim Kreuzheben: Der Rundrücken und Knie, die unter der Last wie beim Foxtrott nach innen einknicken, sind fast die Norm. Dabei bewegen die Leute Gewichte, die wirklich beachtlich sind. Ich frage mich ein ums andere Mal, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun. Aber sie scheinen davon überzeugt zu sein. Der Teamgeist befeuert ihr ruchloses Tun: Wenn es einem gelingt, sein Gewicht mit haarsträubender Technik zu heben, applaudieren die anderen, als hätte er wirklich eine Leistung vollbracht, die verdiente, gewürdigt zu werden.

An Tagen, an denen Kniebeugen ausgeführt werden, bricht die Hälfte unter der Last zusammen. Viele kommen aus der Hocke nicht mehr hoch und müssen die Hantel nach hinten abwerfen. Manch einen habe ich schon mit der Last im Kreuz auf die Knie fallen sehen und wann immer ich diese mittlere Katastrophe erlebe, will mir scheinen, jetzt seien die Bänder wirklich hinüber. Kaum auf dem Boden, kippen die Leute mit der Hantelstange nach hinten um wie die Limbo-Tänzer. Schon der gesunde Menschenverstand müsste diesen treuen Crossfit-Adepten sagen, dass ein Knie, sofern es sich nicht um eine haltbare Titan-Prothese handelt, solch eine Misshandlung keineswegs ein ganzes Leben lang aushält. Von all dem Gewichtewerfen scheppert und knallt es in der Halle, als würden die Arbeiter einer Eisengießerei plötzlich Amok laufen und Eisenbahnräder herumschleudern.

Ich vermute, viele der jetzt noch agilen Crossfitter werden mit vierzig Gelenke wie Pinocchio die Marionette haben und spätestens mit fünfzig wird der Orthopäde ihr bester Freund sein (und vielleicht auch ihr einziger, weil sie ohne ihre Krücken nirgendwo mehr hinkommen). Doch wenn ich meine Kniebeugen mache und dabei die Wiederholungen langsam ausführe, mit dem Gesäß nicht bis zum Boden heruntertauche und davon Abstand nehme, die Knie vollständig durchzustrecken, ernte ich Blicke, als wäre ich der Idiot und sie die Olympioniken. Aber die Zeit arbeitet für mich – und gegen sie.

Ich weiß nicht, ob diese Leute schon einmal von Trainingsmethodik gehört haben. Außer, dass man offenbar bei jeder Gelegenheit versucht, maximale Gewichte zu verwenden, habe ich noch keine Methode erkennen können. Einen sah ich einmal Wallballs mit einem schweren Medizinball ausführen (das war das einzige Mal, dass ich jemanden mit einem Medizinball trainieren sah). Er stieß den Ball zwanzig Minuten lang fast ununterbrochen die Wand hinauf. Nach zehn Minuten atmete er wie ein Asthmatiker, dem man die Katze zum Streicheln in den Arm gelegt hat, und gegen Ende bekam er regelrechte Erstickungsanfälle. Er stöhnte wie ein Schmerzpatient, dem das Morphium ausgegangen ist.

Sicher kann ein Workout, das die gesamte Körpermuskulatur beansprucht, ungeheuer anstrengend sein, aber nachdem er seine „Übung“ beendet hatte, lag er eine Stunde lang komatös auf der Matte. Weder bewegte er sich, noch schien er ansprechbar – für mich ein klarer Fall für den Rettungssanitäter. Doch man ließ ihn einfach am Rande der Matte liegen wie ein benutztes Handtuch und beachtete ihn nicht weiter. Später hatte er sich wieder erholt, zumindest war er ansprechbar und er kam auch wieder aus eigener Kraft auf die Beine, doch er wankte aus dem Studio, als hätte er nicht Bälle sondern Tequilas gestemmt.

Ganz so schlimm würde ich es natürlich nicht treiben, aber nachdem ich während eines Zeitraumes von einigen Monaten keine Kniebeugen hatte ausführen können, fand ich, es wäre eine ganz fabelhafte Idee, es mit zehn Sätzen à zehn Wiederholungen nach Art einer German-High-Volume-Einheit zu versuchen (wahrscheinlich habe ich mich doch vom Enthusiasmus der Crossfitter anstecken lassen). Das Gewicht war recht niedrig (achtzig Kilo) und wider Erwarten kam ich erstaunlich leicht durch die Sätze. Fast war ich versucht, die Last zu steigern.

Zum Glück habe ich es nicht getan, denn die nächsten drei Tage litt ich an Ganzkörperschmerzen wie ein Alkoholiker auf kaltem Entzug. Jeder einzelne Muskel tat weh, nicht nur die Oberschenkel, und ich wusste kaum, wie ich nachts liegen sollte. Ich bewegte mich durch die Wohnung wie ein steinalter Greis – vielleicht ein Vorgeschmack auf später. Doch das war nur die gerechte Strafe für Unbesonnenheit. Manche Dinge sollte man eben überlegt angehen und gerade im Training ist weniger manchmal eben doch mehr (aber nicht nur im Training).

Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

Das Auto

Unser“ Auto ist eigentlich nicht ganz richtig, denn technisch gesehen gehört der Wagen der Bank, über die wir den Kauf finanziert haben. In Deutschland ist der Kauf eines neuen Autos eine Routineangelegenheit, denn schließlich wollen die Autohersteller ihre Produkte unters Volk bringen und jeder, der noch ganz bei Trost ist, würde sich kaum auf ein Geschäft einlassen, bei dem er siebentausend Dollar Anzahlung und monatliche Raten von fast tausend Dollar zu leisten hätte. Aber hier sind das die gewöhnlichen Konditionen und die Leute kennen es auch gar nicht anders.

Autokauf

In Ecuador hat man keine Wahl, denn ein Gebrauchtwagen ist oft noch teurer als ein neues Auto. Zudem beschlich uns das Gefühl, dass der Händler, der inmitten seiner Autos saß wie eine Spinne im Netz, ganz entschieden versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Aber welcher Autohändler würde das nicht versuchen, wenn zwei arglose Fliegen – Pardon – Kunden in seinen Salon spaziert kämen.

Ein Neuwagen erschien uns immer noch als die beste Option. Kein Auto zu haben, wäre zwar auch möglich, aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir auch etwas vom Lande sehen. Um an manche der Ort zu gelangen, die wir besucht haben, hätte man schon fast ein Abenteurer sein müssen. Ich bin aber eher der Sofa-Abenteurer und eine Expedition ins Unbekannte stößt für mich dort an Grenzen, wo man zu beschwerlichen Busreisen und stundenlangen Fußmärschen gezwungen ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, so ein Abenteuertrip sollte immer in einem gemütlichen Café enden.

Es hatte Wochen gedauert, bis wir schließlich eine Bank fanden, die sich nach den üblichen inquisitorischen Erkundigungen, wie es um unsere Solvenz bestellt sei, bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Von den Konditionen muss man nicht reden – in Deutschland wäre man da lieber gleich Fußgänger geblieben oder hätte das Geldinstitut wegen sittenwidriger Kreditgeschäfte angezeigt, hier aber ist solcher Wucher die Norm und die Leute sind so abgestumpft, dass sie sich darüber auch gar nicht mehr aufregen.

Nach wochenlangem Bangen, nach zähen Verhandlungen und unzähligen gewonnenen Schlachten im Papierkrieg wurde uns die Finanzierung schließlich gewährt – wie gesagt, Wucher wäre eine angemessenere Bezeichnung. Nach allem, was wir an bürokratischem Ungemach hatten erdulden müssen, um den Wagen endlich zu bekommen, glaubten wir tatsächlich, es wäre ein Leichtes, ihn wieder zu verkaufen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, welch enormen Kraftakt es bedeuten würde, das Auto wieder loszuwerden.

Hindernisse beim Versuch, ein Auto zu verkaufen

Zuerst versuchten wir die traditionelle Methode: Man klebt einen Zettel an die Scheibe mit der Aufschrift „Se vende“ (zu verkaufen) mit einer Telefonnummer darunter. Mit ein wenig Glück hat man den Wagen in ein paar Tagen verkauft, so glaubten wir zumindest. Tatsächlich meldeten sich schon bald Interessenten, doch sobald sie hörten, dass das Auto eigentlich der Bank gehöre, wurden sie plötzlich merkwürdig still, verdächtig still. Die Floskel, mit der das Gespräch dann üblicherweise beendet wurde, lautete: „Ich melde mich wieder“. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde.

Als ein nicht unerhebliches Hindernis beim Versuch, das Auto zu verkaufen, stellte sich die Tatsache heraus, dass der Wagen über eine Automatik verfügt. Hierzulande fährt man in der Regel mit der traditionellen Schaltung und Automatik wird schon deshalb nicht gern angenommen, weil sie nur mit Aufpreis zu beziehen ist. Hinzu kommt, dass viele Leute nur unzureichend informiert sind: Nicht wenige glauben allen Ernstes, dass die Automatik, wie uns ein Interessent weiszumachen versuchte, dem Getriebe ernstlich schade. Viel eher sind da wohl Schäden durch unsachgemäßes Schalten zu befürchten. Wenn man den Leuten als Erwiderung eröffnet, dass man in den USA im Grunde nichts anderes als Automatik fahre, erntet man einen Blick, als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Nicht nur manchmal kommt man sich vor, als sei man hinter dem Mond gelandet.

Einmal unternahmen wir eine Reise – hin und wieder soll es dabei vorkommen, dass man die heimatlichen Gefilde weit hinter sich lässt. Man riet uns, die Verkaufsanzeige lieber vom Auto zu entfernen. Sie sei nur eine Einladung für Diebe. Denn am Nummernschild kann man erkennen, aus welcher Provinz ein Fahrzeug stammt. Ein „P“ steht für Pichincha; das ist die Provinz rund um Quito. Anderswo könnten gewisse Kreise ein Nummernschild aus einer weit entfernten Provinz als Einladung zu Geschäften ganz anderer Art verstehen. Wir waren keineswegs erpicht auf eine „unvergessliche“ Begegnung der besonderen Art und entfernten die Anzeige.

Ein Inserat wird aufgegeben

Wir mussten einsehen, so kamen wir nicht weiter. Wir beschlossen daher, es bei einem professionellen Portal mit einer Annonce zu versuchen. Aus irgendeinem Grund, der sich – wie so viele Gründe hier im Lande – auf mysteriöse Weise der Kenntnis selbst der klügsten Köpfe entzieht, war es nicht möglich, die Anzeige online aufzugeben. Das war wirklich bedauerlich, denn nun waren wir gezwungen, den weiten Weg nach Quito und durch Quito in Kauf zu nehmen. Ich fahre nicht gern in der Hauptstadt, denn zum einen kenne ich mich nicht aus und zum anderen sind die Straßen immer verstopft. Ständig steht man im Stau und nirgendwo findet man einen Parkplatz. Selbst eine Fahrt um den Block ist manchmal schon eine Tortur. Ich fahre eigentlich nur nach Quito, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und diesmal war dies der Fall.

Aber wir hatten Glück, denn wir fanden das Büro des Anzeigenportals fast auf Anhieb und in der Nähe gab es sogar noch freie Parkplätze. Obwohl es sich um eine Plattform für Gebrauchtwagen handelt, heißt das Portal merkwürdigerweise „Patio tuerca“ (Patio – Hof, Tuerca – Schraubenmutter). Selbstverständlich wurden wir an der Tür von einem Wachmann in Empfang genommen, der wie zum Kampfeinsatz an der Front gerüstet war. Die Mitglieder eines erprobten Antiterror-Kommandos hätten kaum martialischer aussehen können. Nachdem man unsere Personalien festgestellt hatte, wurden wir durch die Sicherheitsschleuse dirigiert. Im Gebäude erwartete uns ein kleiner Warteraum mit bequemen Sofas. Der Publikumsverkehr hielt sich in Grenzen und so dauerte es auch gar nicht lange, bis wir an einen freien Mitarbeiter verwiesen wurden.

Der Raum, den wir nun betraten, erinnerte an ein Callcenter: An etwa einem Dutzend Computertischen hockten überwiegend junge Männer mit Headset. Wie es schien, waren sie schwer beschäftigt – sie sprachen in ihre Headsets, tippten Daten ein, nahmen Recherchen vor, berieten und plauderten auch manchmal mit den Kunden am anderen Ende der Leitung. Wenn man gerade einmal nichts zu tun hatte – was jedoch nur selten vorkam –, schwätzte man mit den Kollegen. Dem Anschein nach waren die meisten kaum älter als Anfang Zwanzig. Es gab auch ein paar junge Frauen unter den Angestellten, doch die übergroße Mehrheit waren Männer und alle waren jung.

Jetzt wurde mir auch klar, warum man solch scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte: Dies war nicht der einzige Raum mit Computern darin, sondern das ganze Haus war vom Erdgeschoss bis unters Dach mit Technik vollgestopft. Die Rechner in diesem Raum wirkten nagelneu und sicher belief sich der Wert der elektronischen Ausstattung im ganzen Gebäude auf einige Hunderttausend Dollar. Nichts, was irgendeinen Wert hat – und sei er noch so gering –, darf man hierzulande unbeaufsichtigt lassen. Selbst die Klodeckel in den öffentlichen Toiletten werden abgeschraubt, denn findigen „Unternehmern“ versprechen sie ein gutes Geschäft. Was für ein Geschäft das allerdings sein soll, bleibt mir ein Rätsel.

Mir bleibt ebenfalls ein Rätsel, warum wir die Anzeige nicht online aufgeben konnten. Ich finde es ja schön, wenn ein Dienstleister den persönlichen Kontakt zu seinen Kunden sucht, aber in den Räumlichkeiten von „Patio tuerca“ durften wir uns davon überzeugen, dass man ein Inserat selbstverständlich online aufgeben kann. Warum sollte man sich die Mühe machen, ein Callcenter auf dem neuesten Stand der Technik zu unterhalten, wenn ein potentieller Inserent am Ende doch persönlich erscheinen muss?

Dieses Land steckt voller Rätsel und bei nicht wenigen davon scheint es sich um Mysterien zu handeln, die sich auf ewig einer vernünftigen Erklärung verschließen, genau wie die Trinität oder die Wiederauferstehung im Fleische oder die jungfräuliche Geburt. Der Geist der Aufklärung hat einen viel zu sehr daran gewöhnt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt – wenn schon nicht in der Realität, dann ganz sicher in der Theorie. Hier ist das nicht so und es gibt Fragen, die ohne Antwort bleiben, weil es keine Antwort gibt (manche Fragen stellt man darum lieber gar nicht erst). Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verläuft die Demarkationslinie zwischen Vernunft und Irrationalität. Was der Verstand aber nicht fassen kann, das muss man glauben. Vielleicht sind deshalb die Kirchen in diesem Land immer voll.

Der junge Mann, der unsere Anzeige aufnahm, war so überaus freundlich und zuvorkommend, dass es mir fast schon verdächtig vorkam. Aber vielleicht war es einfach nur seine Art, freundlich zu sein, während er uns durch den Fragenkatalog lotste, der so dick wie das Telefonbuch von Quito zu sein schien. Meist handelte es sich um technische Details zu Motor, Getriebe oder Fahrwerk. Ich musste fast immer passen – ich bin Autofahrer, kein Kfz-Meister. Doch den Mitarbeiter des Anzeigenportals bekümmerte dies keineswegs und wo wir versagten, da nahm er eben den Eintrag an unserer Statt vor. Geduldig führte er uns durch den Katalog.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die Anzeige aufzugeben und zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast davon überzeugt, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, persönlich vorbeizukommen. Ich glaube, angesichts so vieler Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, hätte ich Stunden vor dem Online-Formular gesessen und am Ende wäre meine Anfrage doch unbeantwortet geblieben, weil ich unverzichtbare Felder nicht hatte ausfüllen können.

Während ich so dasaß und meinen Blick über die Computertische und die Köpfe der vielbeschäftigten Mitarbeiter schweifen ließ, geriet plötzlich eine Wand mit dem Logo von „Patio tuerca“ in mein Blickfeld. Das Logo ist ein stilisiertes Lenkrad, welches an drei Stellen durchbrochen ist, als wäre es dort zerschnitten worden. Die Segmente sind durch geschweifte Bögen mit der Lenksäule verbunden. Das ganze erinnert an einen dreiflügeligen Propeller, dessen Blätter sich durch die Rotation verbogen haben als wären sie aus Gummi. In Comics werden Propeller immer so dargestellt.

Während ich verträumt auf die Wand starrte, wollte mir zunächst durchaus nicht klarwerden, dass es sich um das Logo des Anzeigenportals handelte. Für einen Augenblick hielt ich es tatsächlich für das Zeichen der Arischen Bruderschaft und tatsächlich rätselte es in meinem Hirn, was die Verfechter einer weißen Suprematie ausgerechnet in Ecuador zu suchen hätten. Dann aber las ich den Firmenschriftzug, doch es dauerte immer noch eine ganze Weile, bis mein in Tagträumen gefangener Verstand ihn mit dem Logo in Zusammenhang brachte.

Kaufinteressenten

Nachdem die Anzeige geschaltet war, meldete sich fast jeden Tag ein neuer Interessent, doch sobald wir ihm zu verstehen gaben, dass der Wagen der Bank gehöre, war der Deal geplatzt: Es sei viel zu kompliziert, den Vertrag umzuschreiben und außerdem dauere es viel zu lange. Die meisten wollten das Auto aber sofort mitnehmen. Einer ließ sich dann aber doch auf das Unternehmen ein und meine Frau fuhr mit ihm zur Bank.

Dort erhielt sie eine Abfuhr, die sich gewaschen hat: Die wichtigtuerische Mitarbeiterin des Kreditinstituts, die sich gebärdete, als sei sie die Kaiserin von Kontolandia, erging sich über die Angelegenheit im unerträglichsten Finanz-Fachchinesisch. Weder meiner Frau noch dem Interessenten gelang es herauszubekommen, was sie eigentlich zu sagen versuchte. Nur so viel war am Ende klar: Es würde etwa zwei Monate dauern, den Vertrag umzuschreiben. Es schien sich also keineswegs, wie wir bisher angenommen hatten, um einen simplen Finanzierungsvertrag zu handeln, sondern um ein umfängliches internationales Vertragswerk, zu dessen Änderung erst von höchster Stelle eine Expertenkommission einberufen werden musste. Man kann dem Interessenten nachfühlen, dass er alle Lust verlor, so lange auf sein Auto zu warten.

Leider erwartet man von der Menschheit immer das Höchste und also keineswegs klüger geworden durch eine Erfahrung, von der man wünscht, sie wäre einem erspart geblieben, wiederholte sich das ganze Spiel noch ein weiteres Mal: Wieder war es dieselbe Mitarbeiterin und wieder war der Interessent durch ihre hochherrschaftliche Attitüde derart eingeschüchtert, dass er schleunigst das Weite suchte. Es war sinnlos, auf ein Entgegenkommen des Geldinstituts zu hoffen, da dieses doch schon elementare Kundenfreundlichkeit vermissen ließ.

Wir trafen die Interessenten immer auf dem Parkplatz an der Tankstelle vor unserer Wohnanlage, denn schließlich möchte man die Ware gern in Augenschein nehmen, bevor man sie kauft. Einer gab uns den guten Tipp, wir sollten potentielle Interessenten auf keinen Fall zu einer Probefahrt einladen: Oft dient Kriminellen, die sich als Käufer ausgeben, die Spritztour nur dazu, herauszubekommen, wo der Verkäufer wohnt. Hat man dies in Erfahrung gebracht, kann man das Haus beobachten und so feststellen, wann sich ein Einbruch lohnt – man muss wirklich immer mit allem rechnen und vor allem darf man sich niemals zu sicher fühlen.

Ein anderer Interessent bemängelte, dass das Radio fehle. Wir mussten es ausbauen lassen, weil es seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt hatte. Derweil blieben wir wochenlang ohne Radio und – was auf Quitos Straßen viel schwerer ins Gewicht fällt – ohne Navi. Dabei fiel der Service unter die Garantieleistungen und es zeugt schon von einem ganz besonderen Verständnis, was Service ist, Kunden eine halbe Ewigkeit auf ein neues Gerät warten zu lassen (erst ein paar Tage, bevor wir das Auto endgültig abgeben sollten, installierte man das neue Radio).

Die Leute sind überaus misstrauisch und sie glauben einem nicht, selbst wenn man noch so sehr beteuert, dass das Auto tatsächlich über ein Navi verfüge, nur dass man es erst wieder einbauen lassen müsse. Der Mann versuchte den Preis zu drücken, indem er dreist behauptete, die Reparatur des Radios würde ihn zusätzliche achthundert Dollar kosten, dabei hatten wir das Gerät doch für gerade einmal zweihundert gekauft. Man hat den Eindruck, hierzulande versucht einen jeder für dumm zu verkaufen. Ständig fühlt man sich über den Tisch gezogen. Argwohn und Wachsamkeit sind einfach notwendig, will man nicht dauernd das Nachsehen haben. Das Misstrauen unter den Menschen ist so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie diese Gesellschaft überhaupt noch funktionieren kann.

Geldtransfer

Von der Bank war also keine Hilfe zu erwarten. Wir gewannen im Gegenteil den Eindruck, man lege uns so viele Steine wie nur möglich in den Weg. Ein anderes Verfahren musste deshalb zum Ziel führen: Der Käufer zahlte uns die Gesamtsumme und wir lösten den Vertrag bei der Bank ab. Die Idee klingt einfach, doch hierzulande kann es ein echtes Problem sein, eine größere Summe auf ein anderes Konto zu transferieren. Alle Geldbeträge über fünftausend Dollar fallen unter das Geldwäschegesetz und die Überweisung einer höheren als der genannten Summe muss zunächst von der Bank geprüft werden. Wird der Transfer für ordnungsgemäß befunden, stellt das Geldinstitut einen sogenannten Cheque certificado (einen zertifizierten Scheck) oder einen Cheque de gerencia (einen durch das Management autorisierten Scheck) aus und die Transaktion kann ihren Lauf nehmen.

Eine Interessentin wollte das Auto wirklich kaufen und tatsächlich brachte sie das Geld auf. Ihre Bank bestätigte die Summe durch einen Cheque certificado. Nun behielt sich aber unsere Bank vor, die Überweisung noch einmal selbst zu prüfen – sicher ist sicher. Diese zusätzliche Überprüfung hätte anderthalb Tage in Anspruch genommen. Die Interessentin war jedoch nicht bereit, diese Zeit abzuwarten. Sie wollte das Auto sofort mitnehmen.

Wir hätten ihrem Wunsch gern entsprochen, wenn sie uns nur eine notariell beglaubigte Erklärung unterschrieben hätte, in der sie bestätigte, dass sie den Wagen tatsächlich erhalten habe. Denn im Falle, dass der Scheck geplatzt wäre – etwa wenn durch die Prüfung Unregelmäßigkeiten offengelegt worden wären –, würde sie zwar das Auto erhalten haben, wir jedoch hätten nicht einen Cent gesehen. Und dann hätte sich ein Drama darum entwickelt, wie wir den Wagen wohl wiederbekommen sollen.

Um solche vermeidbaren Schwierigkeiten auszuschließen, muss man sich absichern. Doch die Frau wollte beides nicht – weder hatte sie vor, eine notarielle Erklärung zu unterschreiben, noch wollte sie die anderthalb Tage abwarten. Das Geschäft platzte. Wahrscheinlich brachte sie uns genauso viel Misstrauen entgegen wie wir ihr. Man kann es ihr nicht verübeln.

Abschied vom Auto

Am Ende gelang es uns dann doch noch, den Wagen zu verkaufen. Alle Hürden wurden erfolgreich genommen und der Käufer wartete sogar noch die anderthalb Tage ab, bis unsere Bank die Überweisung geprüft hatte (er vertraute offenbar darauf, dass wir in dieser Zeit nicht mit dem Auto und seinem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwanden). Wir waren froh, dass wir den Wagen endlich loswurden, aber als der Käufer dann in unsere Wohnanlage kam, um das Auto mitzunehmen, war mir schon ein wenig schwer ums Herz.

Ich empfinde dem Auto gegenüber nicht mehr Anhänglichkeit als gegenüber unserem Kühlschrank oder der Sofaecke. Ich bin da eher pragmatisch: Das Auto ist für mich eine Maschine, die es einem erlaubt, bequem von A nach B zu reisen. Und dennoch, wir haben so viele wundervolle Orte besucht und so viele schöne Dinge erlebt und vieles davon wäre nicht möglich gewesen ohne unseren Wagen. Viele Erinnerungen hängen an diesem Auto und nun, da es verkauft ist, habe ich den Eindruck, die Gegenwart wäre um ein Stück ärmer. Fast kommt es mir so vor, als ende ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben, und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es nur ein Auto ist, eine Maschine, die es einem erlaubt, von A nach B zu reisen.

Das Auto ist Teil der Geschichte unseres ecuadorianischen Abenteuers. Aber jede Geschichte muss notwendigerweise einmal zu einem Ende kommen, so wie unsere Zeit in Ecuador irgendwann einmal vorüber sein wird.

Simple Dinge

In Ecuador muss man ständig auf Überraschungen gefasst sein, doch handelt es sich in den allermeisten Fällen nicht um die Art unerwarteter Begegnung, die einen veranlassen könnte, beglückt auszurufen: „Ach, ist das schön!“ Meist reibt man sich verdutzt die Augen und fragt sich, ob das, was einem gerade widerfährt, wirklich wahr sein kann.

Meine Frau und ich unterhielten uns einmal über Argentinien: wie schön es doch wäre, irgendwann einmal dorthin zu reisen, einfach um das Land kennenzulernen, es von Buenos Aires bis nach Feuerland, von den Anden bis zum Atlantik zu durchqueren; welch ein großartiges Gefühl es doch sein müsste, in das ganz eigene Flair am Río de la Plata einzutauchen und die vielfältigen Aromen dieser einmaligen kulturellen Melange in sich einzusaugen. Meiner Frau gefiel diese Idee sehr und wie sie so darüber nachsann, meinte sie plötzlich verträumt und nicht ohne Bewunderung, eigentlich vereine Argentinien das Beste aus beiden Welten – Europa und Lateinamerika. Ihr kluger Gedanke forderte mich unweigerlich zu einem Bonmot heraus: Wenn dem so sei, dann vereine Ecuador nur das Schlechteste aus Lateinamerika in sich.

Das war wirklich böse und ich versichere hoch und heilig, ein solches Pauschalurteil entspricht keineswegs der Wahrheit, genauso wenig wie es meine wirkliche Meinung widerspiegelt. Es hat nur gerade so gut gepasst und da meine Frau ihr Land gegen alle Anfeindungen – ganz gleich, ob treffend oder nicht – stets wütend wie eine ecuadorianische Jeanne d’Arc verteidigt, regt sich eben manchmal der Funke eines diabolischen Widerspruchsgeistes in mir. Natürlich entfachte meine Provokation sofort einen Sturm der Entrüstung, der sich jedoch bald wieder legte, da ich meine Entgegnung als das offenbarte, was sie war – als etwas abgeschmackten Witz.

Doch die Empörung hätte heftiger ausfallen können und vor Jahren wäre sie es auch. Ich hatte zufällig einen Nerv getroffen, denn in jeder Übertreibung steckt nun einmal ein Körnchen Wahrheit. Meine Frau sieht natürlich, dass es Dinge in diesem Land gibt, die selbst dem größten Patrioten nicht behagen könnten, und man müsste schon gewaltige Scheuklappen tragen, um alles nur immer wunderbar zu finden. Je länger sie hier lebt, um so deutlicher nimmt sie solche Defizite auch selbst wahr und desto eher ist sie bereit, sich dies auch einzugestehen. Es ist nie ein erhebender Moment, Ideale zerrinnen zu sehen.

Abgesehen von den schlimmsten Tyranneien, gibt es auf der Welt wahrscheinlich kein Land, das man ausschließlich in düsteren Farben malen könnte. Ganz gewiss gehört Ecuador nicht zu diesen Ausnahmen. Selbstverständlich hat dieses Land seine guten Seiten, doch welche Antwort man bekommt, hängt auch davon ab, wen man fragt: Unter den Angehörigen der Oberschicht scheint es jedenfalls zum guten Ton zu gehören, ausnahmslos schlecht über Ecuador zu reden und zwar umso mehr, je höher man auf der Vermögensleiter emporgestiegen ist. Man hat den Eindruck, alles ist besser als das eigene Land, aber das mit Abstand Schlimmste und überhaupt die Wurzel allen Übels sei die derzeitige Regierung, der man nicht weniger als teuflische Böswilligkeit unterstellt.

Aber ich schweife ab. Es sind die kleinen Dinge, die einem die größten Kopfschmerzen bereiten und die einem die meiste Kraft rauben und über die man sich vor allem am meisten ärgert. Das vermeintlich Einfache, das, von dem zumindest in der Theorie angenommen werden darf, man könne es im Handumdrehen erledigen, erweist sich in der Praxis nur allzu oft – viel zu oft – als Herausforderung von geradezu herkulischen Ausmaßen.

Angesichts der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, mit denen man sich unversehens konfrontiert sieht, steht man so manches Mal kurz davor, den Verstand zu verlieren und manchmal wünscht man es sich sogar (oder wie Bernd das Brot es ausdrücken würde: „Kann mich jetzt bitte jemand bewusstlos schlagen!“). Es ist, als entpuppte sich die Montageanleitung für den Seifenhalter am Ende als detaillierte technische Beschreibung, wie man einen Quantencomputer zusammenbaut. Dabei möchte man doch kein Expansionsmodell des Universums berechnen, sondern sucht einfach nur einen Platz für die Seife. Nicht anders erging es uns, als wir versuchten, unser Auto zu verkaufen.

Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.