Berühmte Gipfelstürmer

Wir nähern uns dem Chimborazo mit fast derselben leidenschaftlichen Entschlossenheit wie der berühmte Forschungsreisende, dessen Andenken sich für den Rest der Menschheitsgeschichte mit dem Namen des Vulkans verbunden hat: Kein Geringerer als Alexander von Humboldt, preußischer Aristokrat und im Nebenberuf Universalgelehrter, wagte im Jahre 1802 zusammen mit seinem Reisegefährten Aimé Bonpland den Aufstieg. Wenn das verwegene Unternehmen auch angesichts der Monumentalität der Aufgabe scheitern musste – vor allem infolge der Unzulänglichkeit der Ausrüstung wie fehlender Höhenanpassung –, hat doch Humboldt mit dem heroischen Aufstieg seinen Namen für alle Zeit im Gedächtnis der Menschheit verewigt.

Als Humboldt vor über zweihundert Jahren das in weiten Teilen noch unerforschte Spanisch-Amerika bereiste, gab es natürlich keine Panamericana, keine Autos und keine Hotels, wie wir sie heute kennen. Wenn die Reisenden es gut trafen, durften sie sich der Gastfreundschaft eines reichen Landbesitzers erfreuen oder eines Beamten, der sich durch sein Entgegenkommen der Fürsprache des prominenten Reisenden zu versichern hoffte.

Humboldt war ein Gast, den man gern begrüßte, denn nicht nur der Ruf des berühmten Forschers eilte ihm voraus, er hatte auch ein unfehlbares Gespür dafür, was sich als Gast ziemte: Ausführlich – mit preußischer Gründlichkeit geradezu – berichtete er von seinen Abenteuern; vor allem aber verstand er Forschung als spannende und höchst unterhaltsame Story zu präsentieren. Seine Gastgeber waren hellauf begeistert und Wissenschaft sollte nie wieder so amüsant sein.

Viele Gegenden des amerikanischen Kontinents waren jedoch so spärlich besiedelt, dass die Expedition oft unter freiem Himmel genächtigt haben dürfte. Das Reisen in jener Zeit war überaus beschwerlich und allerorten lauerten Gefahren; von Komfort, wie er uns Heutigen selbstverständlich ist (und wie wir ihn auch erwarten), konnte keine Rede sein. Reisen, das war vor allem Abenteuer – damals sehr viel mehr noch als heute.

Angesichts der Strapazen, wie sie Humboldt und seine Mitstreiter zu gewärtigen hatten, mag eine mehrstündige Autofahrt auf der Panamericana geradezu lächerlich anmuten. Doch man wird dabei in Rechnung stellen müssen, dass es uns nicht nur an Gewöhnung mangelt, Härten und Widrigkeiten aller Art klaglos zu ertragen, sondern mit Sicherheit auch an der geradezu aberwitzigen Entschlossenheit Humboldts, die er in seinen Unternehmungen nicht nur einmal unter Beweis stellte. Der Mann war ein Besessener, der nicht davor zurückschreckte, um einer Erkenntnis willen das eigene Leben in die Waagschale zu werfen.

Von Ingapirca aus folgen wir der Panamericana nach Norden. Unser Ziel ist Riobamba, die größte Stadt jener Anden-Provinz, die den Namen des Chimborazo trägt – wir nehmen es als gutes Omen. Wer sich gern von Vulkanen und der fremdartigen Landschaft zu ihren Füßen bezaubern lässt, könnte in keinem anderen Land der Welt ein bereitwilligeres Feld für seine Leidenschaft finden. Ecuador ist wie gemacht für den unternehmungslustigen Hobby-Vulkanologen, zumal er zu den meisten der feuerspeienden Berg auf gut ausgebauten Straßen gelangt.

Von Nord nach Süd, entlang der Achse der Anden, schlängelt sich die Panamericana. Viele der Vulkanriesen kann man von der berühmten Straße aus sogar sehen, und die, die dem Auge verborgen bleiben, erreicht man bequem mit dem Auto. Eine seltene Ausnahme bildet der Sumaco, der in einem Schutzgebiet mitten im Urwald liegt; um dorthin zu gelangen, sollte man sich für einen dreitägigen fordernden Fußmarsch wappnen. Doch oft führen die Straßen sogar direkt bis zum Fuße des Berges oder, wie im Falle des Chimborazo, bis hinauf zu den Ausläufern der Gipfelgletscher – sofern man ein Auto hat, das mit Schotterstraßen und moderaten Steigungen fertig wird.

Wächter des Sonnentempels

Am Tage, an dem wir Cuenca Lebewohl sagen, spannt sich ein makellos blauer Himmel über die Anden. Fast könnte man glauben, es sei ein Gott, der auf dieser himmlischen Leinwand seiner Schöpfung die reine Idee von Blau offenbare. Das menschliche Auge, an allgegenwärtige Unvollkommenheit gewöhnt, sucht nach der kleinsten Unregelmäßigkeit, um darin Halt zu finden. Doch es gibt nichts, woran es sich klammern könnte, und so irrt der Blick unstet umher und endet doch wieder auf der Erde.

Es dauert geraume Zeit, bis wir aus der Stadt herausgefunden haben. Es scheint, an allen Ecken wird gebaut und zusätzlich zum Straßenbahnprojekt, dessen Umsetzung die gesamte Innenstadt blockiert, ist man auch noch ziemlich energisch damit zugange, die Ausfallstraßen zu erneuern. Ständig stößt man auf Hindernisse, die Hauptverkehrstrassen sind gesperrt, und bis wir die schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Umleitung gefunden haben, vergeht wieder einmal viel Zeit.

Währenddessen fahren wir immer wieder im Kreis; es scheint uns wie Neo zu ergehen, als er einen Weg aus dem Metro-Tunnel des Trainman sucht. Selbst Google Maps, unser allwissender Cicerone und Führer durch alle Lebenslagen, kann natürlich nicht sämtliche Sperrungen in einer Provinzstadt irgendwo in den Anden kennen. Der freundliche Monopolist kennt mich zwar besser als ich mich selbst, aber uns aus dieser nicht sehr großen Stadt zu führen, damit tut er sich schwer. Wir haben fast den Eindruck, Cuenca will uns nicht gehen lassen an diesem wundervollen Tag mit seinem blauen, blauen Himmel.

Doch der Zufall ist ausnahmsweise einmal auf unserer Seite und schließlich finden wir doch die Panamericana, die uns geradewegs nach Norden führt, zum Chimborazo, Humboldts Schicksalsberg. Doch zuerst machen wir Station in Ingapirca: Bei Sonnenschein wirkt die Ruine des Sonnentempels noch viel eindrucksvoller. Majestätisch hebt sich das massive Gemäuer gegen den ätherisch blauen Himmel ab. Alles erscheint viel wirklicher als bei Regen, wenn die Ruinen, die Landschaft und der Himmel ineinander zu verschmelzen scheinen wie Wasserfarbe in einem traurigen Gemälde. Doch hoch in den Anden muss man immer mit Wetterkapriolen rechnen und das letzte Mal, da wir diesen Ort besuchten, schüttete der Himmel wahre Sturzbäche über unseren Köpfen aus.

Im hellen Licht des Tages gewinnt die Wirklichkeit an Kontur und wie nur bei wenigen Gelegenheiten gelingt es dem Besucher sich vorzustellen, wie die einst in pures Gold gekleideten Wände des Tempels vor den Augen des Inka im Sonnenglanz erstrahlt sein mögen. Wir spazieren mit der Sicherheit und Gelassenheit des erfahrenen Besuchers durch die Anlage. Die Erklärungen des Führers – niemand darf die Ruinenstätte ohne Guide betreten – rauschen an uns vorbei wie das Säuseln des Windes, der um die Mauern des Tempels streicht. Wir halten uns ein wenig abseits der Gruppe, die sich im Mauergeviert des Sonnentempels zu einem Erlebnis-Gruppenfoto aufbaut, wie man es zu Millionen im Internet finden kann. Man fragt, ob ich mich dazustellen wolle, aber warum sollte ich mich zusammen mit wildfremden Menschen fotografieren lassen, um dann auf deren Facebookseite als Staffage in die Kamera zu grinsen?

Denkmalschutz ist relativ neu in Ecuador – zumindest wenn man das Alter der zu beschützenden Stätten in Relation zu den Bemühungen um deren Schutz setzt. Erst in den letzten Jahren hat das bedrohte präkolumbianische Erbe im ecuadorianischen Staat einen mächtigen Hüter gefunden. Vorbei sind die Zeiten, da der abenteuerlustige Besucher die Mauern des Tempels ersteigen durfte, ohne dass ihn eine staatliche Behörde, geschweige denn der kraftlose Hausherr, daran hätten hindern wollen.

Das Land bemüht sich sehr um den Erhalt seines kulturellen Erbes, dessen Wert die breite Öffentlichkeit aber erst in jüngster Zeit erkannt hat. In manchen Gegenden wird die Plünderung archäologischer Stätten und Kunstraub auch heute noch als kaum mehr denn ein Kavaliersdelikt erachtet. Doch hier in Ingapirca nimmt der Staat seine Verantwortung sehr ernst und man ist sogar darum bemüht, die in den letzten Jahrzehnten angerichteten Schäden so gut es geht zu beheben.

Auf einer Wiese unterhalb der Tempelplattform sehen wir Gesteinsquader liegen, fein säuberlich ausgerichtet in Reih und Glied. Unser Führer erklärt, dass es sich bei den Blöcken um Teile der Tempelanlage handele. Die Steine wären von den Bewohnern der Gegend seit Jahrzehnten zum Bau von Häusern und Stallungen verwendet worden. Natürlich war das kein Diebstahl und auch kein Vandalismus (allenfalls Archäologen oder Kunsthistoriker hätten die rohe Tat als solchen betrachtet), denn lange existierte nicht einmal ein Gesetz, das die Zerstörung unersetzbarer historischer Stätten unter Strafe stellte. Die Ruinen galten den meisten lange Zeit wohl kaum mehr als ein Haufen alter Steine, die man jedoch, da sie schon behauen waren, vorzüglich als Baumaterial nutzen konnte.

Die Regierung hat einen Aufruf gestartet und die Menschen gebeten, die Steine wieder zurückzubringen. Und tatsächlich sind die Quader, die einst von den besten Steinmetzen der Inkas in Form gehauen wurden, um der Verherrlichung eines Gottes zu dienen, wieder zurückgekehrt, gerade so, als erinnerten sie sich daran, wo ihr angestammter Platz sei. Und da liegt es nun, das Erbe der Vorfahren, wie zum Spalier angetreten und darauf wartend, endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen. Ich will hoffen, dass man die Steine freiwillig zurückgebracht hat, aus Einsicht, aber irgendwie will es mir nicht so ganz gelingen, daran zu glauben.

Es wird sicher noch viele Jahre dauern, die Blöcke wieder an ihren alten Platz zu befördern, und den Archäologen wird dieses Puzzle bestimmt noch so manches Kopfzerbrechen bereiten. Sie sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, trotz leistungsfähiger Computer. Doch lässt sich wohl kaum auch nur ein einziges Beispiel finden, durch das der Beweis angetreten werden könnte, dass es leichter ist, etwas wieder zusammenzufügen als es zu zerstören.

Als wir die Ruinenstätte durch einen Hohlweg verlassen, werfe ich einen Blick zurück. Im Gegenlicht hebt sich der Tempel noch viel schärfer gegen den Himmel ab und die Mauern, in Schatten getaucht, umgibt eine geradezu mystische Aura. Ein Angehöriger des Wachschutzes steht am Rande der Plattform aus fugenlos zusammengefügten Quadern und wie ein einsamer Verteidiger gegen eine Übermacht von Feinden will er nicht von seinem Platz weichen. Ich lasse geraume Zeit verstreichen, um ihm die Chance zu geben, endlich zu verschwinden, doch er bleibt wie angewurzelt stehen und beäugt mich aufmerksam, gerade so, als fürchtete er, ich könnte zurückkommen und Steine aus der Mauer stehlen.

Zuerst ärgere ich mich, weil ich den Tempel einmal ganz ohne Menschen in ein Foto bannen möchte, doch als ich dann ein paar Aufnahmen mache, will mir scheinen, die winzige menschliche Figur am Rande der Plattform sei so etwas wie der unsterbliche Wächter dieses Heiligtums: Durch die Zeiten hindurch hütet er die Wohnstätte des Sonnengottes.

Der Himmel hat sich mittlerweile bedeckt und ein paar vereinzelte Wattewolken schwimmen gemächlich wie Treibeisschollen durch das Blau. Manchmal schieben sie sich für Sekunden vor die blendend weiße Sonnenscheibe. Dann gleißen sie silbrig und scheinen von innen heraus zu glühen und wenn die Wolken dann weiterziehen, ist es, als habe der Gott geblinzelt.

Malts und Shakes

Nachdem wir uns eine Zeitlang in den Ruinen des Inka-Palastes von Pumapungo verloren haben und uns durch die Säle des Museums der Zentralbank haben treiben lassen, sind wir ermattet von so viel Kultur, aber vor allem tun uns die Füße weh. Leicht vergisst man, wie anstrengend ein Museumsbesuch sein kann: Minutenlang verharrt man vor den Vitrinen, versunken in die Betrachtung eines Exponats, ehe man seinen Weg gedankenverloren fortsetzt, aber kaum ist man ein paar Schritte gegangen, da zieht das nächste Schaustück die Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann sind drei Stunden vorbei, doch die Zeit scheint in einem einzigen Augenblick verflogen. Nur die Füße brennen.

Es ist schon Nachmittag und nach dem schmackhaften, aber nicht sehr üppigen Frühstück im Hotel sehnen wir uns nach einer opulenten Vesper. So wie wir hergefunden haben, lassen wir uns wieder zurück treiben – ohne klares Ziel und ohne sonderlichen touristischen Ehrgeiz. Vor Hunger halb entkräftet, schwanken wir auf der Calle larga, einer der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum entgegen. Die Calle larga verläuft nördlich des Río Tomebamba und auf der Karte spreizt sie sich wie das Bein eines Zirkels vom Fluss ab. Die Straße führt auf geradem Wege direkt ins Zentrum der Stadt. Natürlich wollen wir nicht den ganzen Weg bis zum Hotel zurücklegen, ohne vorher gegessen zu haben, zumal wir fürchten, unterwegs an Entkräftung dahinzuscheiden.

Entlang der Calle larga reiht sich ein Restaurant an das andere. Nahezu an jeder Ecke könnte man einkehren, doch offenbar hat unsere Auszehrung noch nicht den Grad erreicht, da es einem egal ist, in welcher Form die dringend benötigten Kalorien zugeführt werden: Sobald wir vor der Tür eines Lokals anlangen, entspinnt sich ein ums andere Mal eine angeregte Diskussion darüber, ob es nicht lohnender wäre, lieber noch ein Stück weiter zu laufen, um zu sehen, was die nächste Adresse für uns bereithalte.

Wahrscheinlich ist es nur eine Auswirkung des Hungerdeliriums, ein klarsichtiges Halluzinieren infolge akuten Blutzuckerabfalls, aber wie ein Blitzstrahl (und völlig unvorbereitet) trifft mich in diesem Moment die Erkenntnis, dass der Merowinger völlig recht hat: Das Wissen um die Kausalität ist die einzige Freiheit im Leben – zu wissen, warum etwas geschieht. Ich sehe die anderen diskutieren und ich verstehe, warum es nichts zu essen gibt.

Wir laufen weiter und wie ich uns kenne, wären wir auch noch den ganzen übrigen Tag durch die Stadt marschiert, ein Zug der Elenden auf der Suche nach etwas Essbarem. Wenn es niemand sonst tut, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Mittlerweile hat sich der Fokus meiner Gedanken auf solche hochkalorischen Extravaganzen wie Cheeseburger oder Eiscreme verlegt oder auf Burger und Eiscreme oder Burger mit Eiscreme. Angesichts des lebensbedrohlichen Energieabfalls werden alle höheren Funktionen eingestellt; das Denken ist auf seine Urinstinkte reduziert.

Mit Tunnelblick wanke ich durch die Calle larga. Plötzlich stehe ich vor einem Schild mit der Aufschrift „Bagels“. Ich denke nicht nach – die wenigen Glukosemoleküle, die noch durch mein System zirkulieren, reichen gerade aus, um die Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten. Es ist der reine kreatürliche Instinkt, der mich kurzerhand nach rechts durch die Tür schwenken lässt. Ich verschwende nicht einen einzigen Gedanken daran, was mich dahinter erwarten könnte.

Wir durchschreiten die Pforte zu einer anderen Welt. Nachdem wir Hunger und Elend nur knapp entronnen sind, erwartet uns ein Schlaraffenland, ein schwelgerisches Eldorado für alle, die das Kalorienzählen verabscheuen und denen Schlagsahne ein Lebenselixier bedeutet. Der Zufall hat uns in ein amerikanisches Café geführt ober vielmehr in ein Café, das von einer Amerikanerin geführt wird. Der Laden ist urgemütlich und macht Lust, länger zu verweilen, um sich mit Kalorien in ihrer leckersten Form den Bauch zu füllen.

Wir stürzen uns auf die Speisekarte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Die Bestellung ist aberwitzig: Bald türmen sich auf dem Tisch Berge saftiger Toasts aus dem Grill und Bagels, aus denen der Creme cheese so üppig hervorquillt wie die Hüftrollen, die der Genuss des ringförmigen Backwerks verheißt; vor unseren Augen breitet sich ein buntes Potpourri von Lemon-, Apple- und Maracuja-Pies aus; ein Cesar Salad, der sich wie der Komposthaufen in einer Gärtnerei mittlerer Größe ausnimmt, türmt sich in der Schüssel.

Die Mixer surren ununterbrochen – es scheint, unsere Bestellung hat sie an die Grenze ihrer Kapazität getrieben – und als dann schließlich mein Chocolate-Malt auf dem Tisch steht, kann ich mein Glück kaum fassen: Das Glas ist riesig wie ein Meisterschaftspokal und sein Inhalt fließt über den Rand wie dickflüssige Magma über die Hänge eines Vulkans. Die Monstrosität wird zudem noch von einem Sahnehäubchen gekrönt. Die Besitzerin des Cafés stellt mir sogar den Mixbecher daneben – er ist immer noch gut zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, ich bin im Himmel.

Der Malt, den ich bestellt habe, ist so dick, dass ich ihn selbst mit größter Anstrengung kaum durch den Strohhalm bekomme. Ein ganzes Kilo Schokoladeneis muss darin verarbeitet worden sein. Es dauert ewig, bis ich mein Glas und auch den Mixbecher bis auf den Grund geleert habe, aber danach bin ich so satt, als hätte ich eine Zwei-Liter-Einscreme-Box allein ausgelöffelt. Ich koste also lediglich von dem Maracuja-Pie, der ein so intensives und angenehmes Maracuja-Aroma verströmt, wie es nur mit frisch verarbeiteten Früchten gelingt. Gerade ist Saison und kaufen kann man die sauren Früchte nahezu überall.

Nach dem mächtigen Shake fühlte ich mich so schwer, als wäre ich mit dem Hosenboden am Stuhl festgeschraubt. Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden und der warme Abglanz von Glückseligkeit liegt in ihren Augen, während der Kalorienexzess sie mit angenehmer Schläfrigkeit schlägt. Alle sind der Meinung, es hat sich gelohnt. Die besten Empfehlungen gibt eben manchmal der Zufall.

Die Besitzerin des Cafés ist Amerikanerin und sie ist überaus nett und vor allem ist sie sehr gesprächig. Während sie die Bestellung entgegennimmt, kommen wir ins Plaudern. Da ich das Glück habe, endlich einmal eine Expertin zu treffen, nutze ich die Gelegenheit und stelle ihr die eine Frage, die mir schon seit langem den Schlaf raubt: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Malt und einem Shake? Die Chefin erklärt, im Grunde sei beides dasselbe, nur werde beim Malt etwas malted barley, also gemälzte Gerste, hinzugesetzt, was dem Shake eine malzige Note verleihe. Damit wäre auch diese existenzielle Frage ein für allemal beantwortet.

Manchmal kann man sich nur wundern, mit welcher Entschlossenheit und welchem Enthusiasmus manche Menschen sich einer Aufgabe verschreiben: Die Besitzerin des Cafés mag gut und gerne in einem Alter sein, in dem man in Deutschland den wohlverdienten Ruhestand zu genießen pflegt. Es ist sicher nicht leicht, jeden Tag zehn, zwölf Stunden auf den Beinen zu sein – freiwillig, wohlgemerkt. Dafür muss man das, was man tut, wirklich lieben. Ich glaube, dass die Café-Besitzerin nicht weniger als das Glück gefunden hat, ihre ganze private Insel der Glückseligkeit. Alles an diesem Ort strahlt jene Sorgfalt, Hingabe und Leidenschaft aus, die man nur dann aufzubringen bereit ist, wenn man sich seiner Arbeit mit Liebe widmet. Ich denke, das ist die einzige Weise, auf die es sich zu arbeiten lohnt. Alles andere ist Geldverdienen.

An einem der Tische sitzt ein weißhaariger alter Amerikaner. Er scheint eine Art Faktotum zu sein und ich wette, man trifft ihn fast immer hier an, auf seinem Stammplatz. Hin und wieder wirft er der Besitzerin einen launigen Kommentar zu. Man sieht dieser Tage viele alte Amerikaner in Ecuador – manche verzehren mehr schlecht als recht ihre Rente, andere betreiben Cafés.

Mir will es als regelrecht paradox erscheinen, dass ausgerechnet die Amerikaner, die doch bis zum Aufstieg von Starbucks und Konsorten über keine eigene Kaffeekultur verfügten (zumindest über keine, die diesen Namen verdiente), nun die Kultur der Coffee-Shops in alle Welt tragen. Es ist faszinierend, wie ein Land mit so wenig eigener Tradition sich aller Traditionen bemächtigt, mit ihnen experimentiert und sie der Welt um ein Vielfaches multipliziert wieder zurückgibt.

Oft hat man den Eindruck, der geschäftliche Erfolg sei nur möglich, weil man gleichsam das tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Gemütlichkeit und natürlich nach gutem Essen so vorzüglich zu bedienen versteht. In der Tat ist so ein Coffee-Shop gemütlich, der Kaffee ist gut und man fühlt sich wohl. Es scheint, die Amerikaner haben einen siebten Sinn für solche lebenswichtigen Banalitäten und wo auch immer sie sich niederlassen, beginnen sie sofort geschäftstüchtig damit, ihre Netzwerke zu knüpfen. Da viele Amerikaner Ecuador zu ihrem Wohnsitz erkoren haben, sind die Maschen dieses Netzes nirgendwo allzu groß.

Wir fragen die Besitzerin ein wenig aus – nicht, dass wir sie nötigen müssten, unsere Fragen zu beantworten: Sie sagt, sie stamme aus Minnesota. Wir haben einige Jahre in Texas gelebt, und auch wenn für jemanden aus dem Norden Amerikas Texas als ein Land der Hillbillies erscheinen muss, freut sie sich doch zu hören, dass wir uns gern an unsere Zeit in den Staaten zurückerinnern.

Unser Sohn, der auch in den USA aufgewachsen ist und Englisch deshalb wie ein Amerikaner spricht, fühlt sich sofort wie zuhause. Er plaudert mit der Chefin, als würde man sich schon eine Ewigkeit kennen, und er fühlt sich dabei sichtlich wohl und ist auch ein wenig stolz, dass man ihn wie einen Erwachsenen behandelt. Ich bewundere die spielerische Leichtigkeit, mit der er die unsichtbare Grenze zwischen den Kulturen überwindet. Natürlich ist er sich dessen gar nicht bewusst, ich hingegen, der ich erst als Erwachsener in anderen Kulturen gelebt habe, bewege mich durch ein weites Niemandsland, passiere unsichtbare Grenzkontrollen und das Büro des Zolls. Fremde Kulturen sind faszinierend und in ihnen zu leben, hat seinen Reiz, heimisch aber fühlt man sich nur selten – es sei denn, man ist ihnen durch die Kindheit innig verbunden.

Wir verlassen das Café in gehobener Stimmung und wir fragen uns, warum es so etwas nicht in Quito oder gar in Cumbayá gibt. Doch im selben Augenblick, da wir uns diese Frage stellen, wissen wir die Antwort. Wahrscheinlich sind die Gewerbemieten dort so exorbitant hoch, dass es kaum jemand wagt, seine schwer verdienten Ersparnisse zu investieren. Und außerdem, wer möchte schon sein Leben in einem so trostlosen Ort wie Cumbayá beschließen. Etwas ähnliches wie das „Windhorse Café“ – so der Name des Lokals, in dem man uns so vorzüglich bewirtet hat – habe ich in Cumbayá noch nie gesehen und ich glaube, man wird noch sehr lange darauf warten müssen. Wir sind jedenfalls froh, dass der Zufall uns hierher geführt hat – ins Schlaraffenland der Toasts und Bagels und Pies und Cakes, ins süße Wunderland der Malts und Shakes.

Präkolumbianische Bürokraten und das Blut in den Adern der Welt

Cuenca ist eine Stadt, die man sich erwandern muss, und da sie recht klein ist, bietet sich die Erkundung zu Fuß geradezu an. Das Auto nützt einem wenig, denn die Straßen sind eng und Parkplätze rar. Dem geübten Spaziergänger aber eröffnen sich mannigfaltige Möglichkeiten zum Entdecken und Staunen. Zu Fuß durchquert man den Ort in kaum einer halben Stunde, doch es lohnt, sich Zeit zu nehmen, denn überall gibt es etwas zu sehen und ständig zieht es einen weiter, zur nächsten Entdeckung. Eine Erkundungstour durch Cuenca kann alles Mögliche sein, nur eines ist sie nie – langweilig.

Cuenca ist wie geschaffen für lange Spaziergänge: Man flaniert im Schatten der schmucken alten Bürgerhäuser und schreitet durch majestätische Arkaden und Tore. Das Auge erfreut sich an prachtvollen Kirchen und alten Klöstern oder ertrinkt unversehens in einem Blumenmeer, wenn einen der Zufall in manchen der kolonialen Innenhöfe führt. Ausstellungen erfreuen die Sinne und Museen belehren den wissbegierigen Besucher darüber hinaus noch über Geschichte und Kultur. Was will man mehr!

Hat man genug von Sinnenrausch und Geistesschwere gleichermaßen, kehrt man ein in eines der zahlreichen Restaurants und Cafés. Das gute Essen stärkt den Leib und der Kaffee, der auch gehobenen Ansprüchen genügt, lässt so manche Sorge rasch verfliegen. Das Wetter harmoniert aufs Beste mit den Plänen selbst des ambitioniertesten Spaziergängers: Weder ist es zu kalt, noch zu heiß. Die Sonne blickt herab von einem azurblauen Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. [Siehe auch einige ältere Posts (diesen und folgende), die ich anlässlich unseres ersten Besuchs in der Stadt verfasst habe. En Blick in die Galerie lohnt sich ebenfalls.]

Pumapungo

Von unserem Hotel aus, den „Cuenca Suites“, findet man bei einem romantischen Spaziergang immer entlang des beschaulichen Río Tomebamba wie von selbst zu den Ruinen des Inkapalastes von Pumapungo. Der Tomebamba durchschneidet die Stadt an ihrem südlichen Saum und wenn man nach Osten geht, muss man dem Fluss nur immer am nördlichen Ufer folgen. Nach zwanzig Minuten zu Fuß erwartet den Besucher die Ruinenstätte auf einer Erhebung über dem Flusstal.

Im Namen des Flusses hat sich das Erbe der Cañaris bewahrt. Die Vorgängerin des heutigen Cuenca war einst eine bedeutende Stadt der Cañari-Kultur. Erst wenige Jahrzehnte vor der Unterwerfung des Inka-Reiches durch die Spanier haben die Inkaherrscher sie gewaltsam ihrem Imperium einverleibt. Unter den Inkas wuchs der Ort zum wichtigsten Knotenpunkt der Administration für die nördlichen Regionen des Reiches. Der Name, unter dem die Stadt in jener Zeit Berühmtheit erlangte, war Tomebamba.

Während des Bürgerkrieges nahm die Stadt Partei für Huáscar, der mit seinem Bruder Atahualpa darüber im Streit lag, wer das Reich regieren solle. Atahualpa sah dies als Verrat an, und nachdem er über seinen Bruder und Thronrivalen triumphiert hatte, übte er grausam Rache: Er schickte seine Generäle und ließ Tomebamba von einer Armee belagern. Die Stadt wurde blutig erobert und ihre Einwohner größtenteils ermordet. Der Inkaherrscher ließ die Gegend so gründlich verwüsten, dass sie bis zur Ankunft der Spanier unbewohnt blieb. Die neuen Herren sollten nur wenige Jahre, nachdem sie ihrerseits die Inkas bezwungen hatten, an eben jener Stelle eine Stadt gründen. Im Gedenken an ihre iberische Heimat verliehen sie ihr den Namen Cuenca.

Das Herz Tomebambas war ein architektonischer Komplex namens Pumapungo (Quechua für „Tor des Puma“). In den Gebäuden, von denen sich außer den Fundamenten nichts erhalten hat, waren der Regierungssitz sowie die Verwaltung für die nördlichen Regionen des Inkareiches untergebracht. Der Komplex wird immer als „Palast“ bezeichnet, viel wahrscheinlicher aber ist, dass hier die Bürokraten regierten. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts führte man unter der Leitung des deutschen Archäologen Max Uhle auf dem Gelände Ausgrabungsarbeiten durch und die Vergangenheit, durch Eroberung und Völkermord für Jahrhunderte ausgelöscht, wurde unter dem Spatenstich des Archäologen wieder lebendig.

Längst hat sich über weite Teile des einstigen Verwaltungssitzes der Inkas das moderne Cuenca ausgebreitet. Auf dem Areal weiter zum Fluss hin steht heute das imposante Museum der Zentralbank, in dessen Ausstellungsräumen die archäologischen Schätze der Region präsentiert werden. Im Hof des massiven Betonbaus kann man auch noch heute dem Grabungsleiter Max Uhle begegnen – seine Bronzebüste erinnert daran, dass er es war, der Pumapungo entdeckte und mit nie versiegendem Engagement und Sachverstand dem Vergessen entriss.

Pumapungo mag einst ein wichtiger Verwaltungssitz gewesen sein, doch der Zustand, in dem es sich heute befindet, ist enttäuschend: Kein einziges Gebäude hat auch nur leidlich intakt bis in die Gegenwart überdauert. Was sich dem Besucher darbietet, sind die kläglichen Relikte einer zerstörten Kultur, Teile eines Puzzles, die sich nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Erhalten haben sich allein die Grundmauern. Die steinernen Relikte ragen eine Elle aus dem Rasen heraus, der das gesamte Areal gleich einem Grabtuch bedeckt. Dem Archäologen mögen die Überreste manches über die Erbauer verraten, doch der Laie vermag aus dem Gartenzaun seines Nachbarn mehr herauszulesen als aus den Jahrhunderte alten Artefakten. Die Zeugnisse der Vergangenheit bleiben stumm.

Damit der Besucher nicht ganz so hilflos über das Gelände irren muss, haben die Archäologen eines der Gebäude rekonstruiert. So recht kann man sich freilich nicht vorstellen, wie die Menschen in dem kleinen und dunklen Haus gelebt haben mögen. Obwohl die Wände mit einem roten Anstrich versehen und mit Verzierungen geschmückt sind, wirkt das Innere kahl und unwohnlich. Vielleicht waren die Wände einst mit schön geknüpften Teppichen behangen und an der Herdstelle knisterte behaglich ein Feuer. Es ist schwer, sich in eine Welt hineinzufühlen, von der kaum mehr erhalten ist, als ein paar Steine unter der Grasnarbe. Den anderen Besuchern scheint es ähnlich zu ergehen: Sie schauen sich interessiert um und machen Fotos mit ihren Handys. Ihr Gesichtsausdruck verrät aber, dass sich keiner von ihnen in die fremde Welt der Vorfahren zurückwünscht.

Spanisches Silber

Das Museum bietet einen guten Querschnitt durch die Geschichte Ecuadors. Einen Schwerpunkt bilden freilich die Exponate aus der Region um Cuenca. Ein Tag reicht beileibe nicht aus, um alles zu sehen, und obwohl die Ausstellung alles andere als langweilig ist, hat der interessierte Besucher nach einigen Stunden dann doch genug von Tongefäßen, Amuletten und Schrumpfköpfen.

Die Münzsammlung zieht mich magisch an. Obwohl ich den Eindruck habe, das Museum sei an diesem Tag gut besucht, verlieren sich die Schaulustigen im Halbdunkel zwischen den Vitrinen. In dem schummrig erleuchteten Saal schimmern die Gold- und Silberstücke aus den Münzstätten der spanischen Kolonien so verheißungsvoll wie die Monstranz im Tabernakel. Als ich das Münzkabinett betrete, fragt mich der bewaffnete Wächter, woher ich komme. Ich sage es ihm und er notiert es in einem Büchlein. Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder doch lieber beunruhigt sein sollte, denn immerhin bin ich der einzige, der auf den ersten Blick nicht wie ein Ecuadorianer aussieht, und ich bin auch der einzige, den der Wächter fragt. Ich hätte gern Fotos gemacht, aber das Fotografieren ist im Museum streng verboten und außerdem weiß man jetzt, woher ich komme.

Angesichts seiner nur geringen Bedeutung in der Welt von heute vergisst man leicht, dass Spanien einst ein weltumspannendes Imperium war, dessen Monarchen sich ein kurzes Goldenes Zeitalter lang zurecht als Könige der Welt fühlen durften. Schon Kaiser Karl V., der in Spanien als Carlos I. regierte, sah sich als Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne im Wortsinne nie unterging, und unter seinen Nachfolgern wurden die Grenzen noch einmal beträchtlich erweitert. In der Tat war Spanien das erste Weltreich der Neuzeit, dessen Besitzungen sich – tausende Kilometer vom Mutterland entfernt und durch Ozeane von ihm getrennt – auf alle damals bekannten Kontinente erstreckten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht erzitterte die ganze Welt vor dem Marschtritt der Tercios, der unbesiegbaren spanischen Regimenter.

Doch die Spanier waren nicht nur Eroberer, sondern auch Administratoren und ein Reich von einer Ausdehnung, wie sie den Zeitgenossen kaum vorstellbar war, musste regiert und letztlich verwaltet werden. Das weltliche Interesse der katholischen Majestäten erschöpfte sich in den Kolonien aber vor allem in einem strengen Fiskalismus. Mit der zunehmenden globalen Machtfülle Spaniens erwuchsen dem spanischen König eine Vielzahl gefährlicher Rivalen, deren Ehrgeiz in dauernden Kriegen gezügelt werden musste.

Kriege sind teuer und manchmal können sich selbst die mächtigsten Imperien die Kosten einfach nicht leisten. Der Staatsbankrott war das Damoklesschwert, das über allen Unternehmungen der iberischen Herrscher schwebte, doch glücklicherweise waren die Kolonien der Neuen Welt reich an Silber. Das aus den Bergen geschürfte Edelmetall diente dazu, Flotten zu bauen, den Armeen auf den zahlreichen Schlachtfeldern rund um den Erdball den schuldigen Sold auszuzahlen und vor allem – zumindest bis zum nächsten Staatsbankrott – die Gläubiger abzufinden, denen sich die spanische Krone unentrinnbar verpflichtet hatte.

Damit das Silber leichter in Umlauf gelangen konnte, begann man in den amerikanischen Kolonien schon früh damit, Münzen zu prägen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein treten diese frühen Geldstücke aber zunächst als etwas in Erscheinung, in dem man kaum mehr als einen Klumpen Silber erkennen kann. Der Edelmetallgehalt und das Gewicht wurden zwar exakt bestimmt und man versah die Silberstücke zudem mit einer Prägung, ihre Form aber lässt eher an einen missratenen Cookie denken, denn an eine Münze, wie man sie heute kennt.

Diese Peso de a ocho genannten Prägestücke sollten lediglich als Handelswährung dienen, bestimmt für den vorübergehenden Zahlungsverkehr. Doch sie erfreuten sich so großer Nachfrage (vor allem in Asien und später in Nordamerika), dass sie sich fest als Zahlungsmittel etablierten. Peso de a ocho bedeutet soviel wie „mit dem Gewicht von acht“, nämlich Reales. Da er dem Joachimsthaler (nach der Münzstätte in Böhmen), kurz Thaler genannt, nachempfunden war, firmierte der Peso de a ocho später in Nordamerika (dort Piece of eight geheißen) auch als Spanish milled Dollar oder schlicht als Spanischer Dollar. Als solcher blieb er in den USA bis 1857 legales Zahlungsmittel. Sogar das Symbol für den US-Dollar soll auf die spanische Vorlage zurückgehen: die Säulen des Herakles mit dem Spruchband „Plus ultra“, dem Motto der spanischen Monarchen.

Im Münzkabinett kann der Besucher die besten Stücke aus allen Jahrhunderten des spanischen Weltreiches bestaunen. Der berühmte Peso de a ocho ist viele Dutzend Male in den verschiedensten Prägungen vertreten. Die einstige Weltwährung blieb, lange nachdem die spanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, auch in den jungen amerikanischen Republiken die vorherrschende Münze. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein orientierte sich das Münzsystem am spanischen Vorbild und nahm Anleihen beim spanischen Münzfuß. Silbermünzen nach Art des Peso de a ocho wurden bis in die dreißiger Jahre des Jahrhunderts geprägt und dienten in einigen der Staaten Lateinamerikas noch als Zahlungsmittel, als sie im Mutterland Spanien längst durch eine Münzreform abgeschafft waren.

Die im Museum versammelten Schätze vermitteln einen Eindruck vom Reichtum der spanischen Kolonien in Amerika. In Piratenfilmen, wie sie in den letzten Jahren vor allem mit der skurrilen Figur des Jack Sparrow populär geworden sind, sieht man die Helden mit der Augenklappe die Hände gierig in Truhen voller Goldmünzen tauchen. Glaubt man Hollywood, scheint dies eine der liebsten Beschäftigungen von Piraten gewesen zu sein, neben dem Entern von Schiffen und dem Saufen, selbstverständlich von Rum.

Die echten Piraten hatten weit weniger Anlass, sich vor Freude mit Rum volllaufen zu lassen (wahrscheinlich taten sie es eher aus Frust), denn der Transport des Silbers war in Geleitzügen organisiert und bis auf ganz wenige Ausnahmen gelang es den Freibeutern praktisch so gut wie nie, ein Schatzschiff in ihre Hände zu bekommen. Da verlegte man sich lieber gleich darauf, Städte in Spanisch Amerika zu plündern. Kaum einem der Fans solcher Filme ist darüber hinaus bewusst, dass es sich bei der Piratenbeute in Wirklichkeit viel eher um Silber, nämlich um spanisches Silber, gehandelt haben dürfte – Silber aus den amerikanischen Kolonien, jenes Silber, das einmal das Blut in den Adern der Welt war.

Trucks auf Abwegen

Gegen halb Drei sind alle glücklich im Auto versammelt und wir können nach Cuenca aufbrechen, der nächsten Station unserer Reise. Google, der hilfreiche Internetmonopolist, führt uns sicher aus der Stadt und ins Gebirge, das sich schon wenige Kilometer hinter der Küstenebene drohend in den Himmel erhebt. Auf halber Strecke nach Cuenca, irgendwo auf der gewundenen Autopista, zwischen einem Wegschrein der Jungfrau und einer einsamen Raststätte oberhalb der malerischen Berglandschaft, zwingen uns die vorausfahrenden Wagen zu einem Stopp. Zunächst begreife ich nicht, was geschehen ist, doch dann sehe ich, dass sich am Ausgang einer Kurve auf der Gegenspur ein Unfall ereignet hat.

Ein weißer Truck hat sich überschlagen. Anhand der Unfallspuren lässt sich leicht auf den Hergang schließen: Wahrscheinlich hat der Fahrer die Kurve zu eng genommen, so dass das rechte Vorderrad in den Graben geriet. Der Wagen neigte sich immer stärker zur Seite; schon fräste sich der Kotflügel in die Böschung und dann kippte er über, rutschte noch ein Stück auf dem Dach und blieb liegen, die Räder hilflos in die Luft gestreckt. Der Unfall muss sich nur Sekunden zuvor ereignet haben, denn als wir eintreffen, drehen sich die Räder noch. Weitere Fahrzeuge halten und bald ist eine bunte Schar von Schaulustigen und Helfern am Unfallort versammelt.

Irgendwann versucht man, den Wagen mit vereinten Kräften wieder umzudrehen, doch das Unterfangen ist aussichtslos. Es gelingt den Hilfswilligen lediglich, den schweren Pickup ein wenig auf dem Dach zu drehen. Einer hilft besonders eifrig, aber erst spät erfahre ich, dass es sich um den Fahrer handelt. Offenbar ist ihm nichts passiert, doch seine übertriebene Agilität und seine fahrigen Bewegungen deuten darauf hin, dass er unter Schock steht. Niemand empfiehlt ihm Ruhe, niemand möchte bis zum Eintreffen der Polizei warten, und ich wette, wäre es gelungen, den Wagen wieder auf die Räder zu drehen, hätte unser Fahrer seinen Weg fortgesetzt, als wäre nichts geschehen. Die Ordnungshüter lassen derweil auf sich warten. In beiden Richtungen vom Unfallort aus gibt es auf viele Kilometer keine Siedlungen, nur Berge und Wolken und Einsamkeit.

Wir fahren weiter – helfen können wir ohnehin nicht. Die Sonne nähert sich allmählich der zerklüfteten Horizontlinie. Am liebsten möchten wir hinter jeder Wegbiegung anhalten, um das großartige Panorama in ein Foto zu bannen. Leider gibt es nirgends Haltebuchten oder Parkplätze und einfach irgendwo stehenzubleiben auf der Autopista, die über keinen Seitenstreifen verfügt, wäre geradezu lebensgefährlich. Ein Unfall an diesem Tag reicht uns und so haben wir nur zweimal Gelegenheit zu eindrucksvollen Fotos.

Wir treffen in Cuenca bei völliger Dunkelheit ein. Doch Google-Maps lässt uns nicht im Stich – wir finden die „Cuenca Suites“ so leicht, dass ich mich zu fragen beginne, warum wir in unserem alten Auto ein Navi haben mussten, das uns fast öfter in die Irre als zum Ziel führte. Die „Cuenca Suites“ gehören nicht eben zu den preiswertesten Etablissements in der Stadt (aber gewiss zu den angenehmsten). Wir buchen jedoch online und tatsächlich gelingt es uns, ein Sonderangebot zu ergattern.

Unsere erste Mahlzeit in der Stadt nehmen wir im „Angelus“ ein, einem American Deli gegenüber der Kirche. Wir sind seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen und für den nächsten Tag sind wieder welterschütternde Unternehmungen geplant. Ich zappe mich noch ein wenig durch das reichhaltige Fernsehangebot – die Freuden des Pay-TV sind inklusive – ehe mir die Fernbedienung vor Müdigkeit fast aus der Hand fällt. Cuenca erwartet uns.

Hundenarren

Am nächsten Tag bezwingen wir die 444 Stufen, die uns hoch hinauf nach Las Peñas führen. Obwohl das Viertel so etwas wie das Schaukästchen der Stadt ist und normalerweise Touristen in Scharen hierher pilgern, sind wir an diesem Tag allein. Außer einigen Anwohnern, die heimlich aus der Tür lugen, und den unentbehrlichen Polizisten, die für Sicherheit sorgen, begegnen wir niemandem. Erst oben auf dem Gipfel, unter dem Leuchtturm, sehen wir wieder Touristen; Ausländer finden sich freilich nicht unter ihnen. Wir machen Fotos und steigen durch die verschlungenen Gassen des Viertels zum Ufer des Río Guayas hinab.

Die Uferpromenade macht einen belebteren Eindruck, doch viel ist auch hier nicht los. Die Leute fotografieren sich vor dem Guayaquil-Schriftzug und Kinder versuchen, auf die monumentalen Buchstaben zu klettern. Seit unserem letzten Besuch hat man die Lettern mit den Farben der Stadt geschmückt: Himmelblau und Weiß. Das Banner mit den Sternen war sogar einmal die Nationalfahne des Landes bevor die bolivarianische Trikolore in Rot, Blau, Gelb – die Farben Gran Colombias – es wieder ablöste. Überall in den Straßen sieht man die Fahne Guayaquils wehen und fast könnte man den Eindruck gewinnen, die stolzen Guayaquileños zögen ihr Sternenbanner der Trikolore vor.

Der Hund ist von dem stundenlangen Spaziergang erschöpft und möchte sich nur immerfort hinsetzen. Aber noch können wir ihm keine Rast gönnen, erst müssen wir wieder zurück zum Hotel. Später im Auto hat er es dann ruhig und bequem. Auf der Promenade sind keine Hunde erlaubt und so fordern uns die schmucken Politessen ein ums andere Mal auf, das Tier zu tragen. Mittlerweile sind jedoch auch wir mit jener Renitenz gegen jede Art Gesetz infiziert, wie sie für die Bewohner dieses Landes typisch ist, und deshalb tragen wir den Hund auch gerade so lange, wie die wachsamen Augen des Gesetzes auf uns ruhen. Schließlich wiegt das Tier acht Kilo und mit der Zeit werden einem die Arme lahm.

Als wir schließlich das Hotel erreichen, fällt den Jungs wie aus heiterem Himmel ein, dass sie unbedingt noch einen Milchshake bräuchten, andernfalls könnten sie nicht abreisen. Die Drohung ist ernst. Wir könnten sie freilich einfach hier lassen, aber wer soll sich dann um den Hund kümmern? Es trifft sich gut, dass wir in der Nähe einen Wendy´s gesehen haben. Nur kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo das gewesen sein soll, doch unser Freund Google-Maps hilft uns wieder einmal aus der Patsche. Ich warte mit dem Hund vor dem Laden (Hunde dürfen nicht hinein), während die anderen die Shakes ordern. Der Laden ist so voll, als würde man gerade Baconator mit extra crispy Bacon verschenken. Es dauert geraume Zeit, bis die Jäger wieder mit ihrer Beute auftauchen. Ich harre derweil geduldig vor dem Eingang aus.

Man glaubt gar nicht, wie viele Leute man trifft, wenn man mit einem Hund vor dem Fast-Food-Restaurant steht – kaum einer, der ihn nicht zu streicheln versuchte oder nach seinem Namen fragte. Und der Hund ist glücklich, dass er so viel Aufmerksamkeit bekommt: Zwei ältere Damen, beide klein, übergewichtig, stark geschminkt, auf den Köpfen monströs auftoupierte Frisuren, heben den Hund auf, herzen ihn, drücken in an ihren Busen und knuffen ihn so liebestoll, dass mir wirklich Bange wird und ich schon fürchte, sie könnten ihn zerquetschen. Es scheint, sie wollten ihn nie wieder hergeben – oder aufessen – und tatsächlich können sie sich nur mit Mühe losreißen. Bereits im Gehen begriffen, drehen sie sich immer wieder um, werfen dem Hund Kusshände zu und winken ihm hinterher wie verliebte junge Dinger.

Ein Typ, der aussieht wie der Geldeintreiber des lokalen Mobs, streichelt das Tier. Er hält sich gar nicht erst damit auf, meine Erlaubnis einzuholen. Nach einer Weile fragt er mich wie beiläufig, ob der Hund einen Namen hätte. Er lüftet lässig die Sonnenbrille und ein eisiger Blick trifft mich. Ich sage ihm, wie der Hund heißt – das ist ja kein Geheimnis –, aber im selben Augenblick fühle ich, dass dies ein Fehler war, denn ich glaube nicht, dass der Hund sich Schutzgeldzahlungen leisten kann, zumal er von uns nur Leckerlis bekommt.

Tischlein, deck dich!

Am Tage unserer Ankunft in Guayaquil ist es schon reichlich spät und wir überlegen, wo wir noch etwas essen könnten, ohne unsere Reisekasse übermäßig zu strapazieren. Zwar gibt es ein hübsches Hotelrestaurant, doch die Preise sind eher abschreckend. Rechtzeitig fällt meiner Frau ein, dass sie anlässlich eines länger zurückliegenden Besuches in der Stadt in einem Restaurant zu Mittag aß, das ihr sehr gefallen hätte, und das sie uns nun wärmstens empfiehlt. Ein alter Bekannter lud sie damals zum Essen ein und offenbar hat das Mahl bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Jedenfalls erinnert sie sich noch an den Namen des Lokals: „Las Menestras de la Pocha“. Wir kämpfen uns durch den dichten abendlichen Stadtverkehr, doch dank Google-Maps finden wir das Restaurant tatsächlich auf Anhieb.

Die Gegend erweckt nicht gerade den Eindruck, als ob es eine gute Idee wäre, hier bei Dunkelheit spazieren zu gehen, aber in einer Stadt wie Guayaquil kann man sich wahrscheinlich nur in der Shopping-Mall, in der Hotel-Lobby oder im Wartesaal des Flughafens völlig sicher fühlen. Es ist spät am Abend und die Straßen der großen Hafen-Metropole sind erfüllt von Leben. Man hat den Eindruck, niemand in dieser Stadt müsste je schlafen.

Trotz der späten Stunde ist das Restaurant fast bis auf den letzten Platz besetzt. Der Laden erweckt eher den Anschein einer Kantine. Das Interieur ist einfach und zweckmäßig gestaltet, aber alles ist sehr sauber. Da das Lokal sich selbst Nachts eines geradezu fabelhaften Zuspruchs erfreut, dürfen wir für das Essen nur das Beste hoffen. Ein Tisch ist noch frei und wir stürzen uns darauf wie die Piranhas auf die blutige Beute. In der Sekunde, in der wir uns setzen, drückt uns der agile Kellner auch schon die Menü-Karte in die Hand. Das ist nicht die Art Lokal, in das man seine Angebetete beim ersten Rendezvous ausführen würde. Zum Glück kenne ich meine Frau schon ein wenig länger. Doch wir haben Hunger und wir wollen satt werden und dafür sind wir genau am richtigen Fleck gelandet.

Serviert werden, wie der Name verrät, ausschließlich Menestras, also Linsen- und Bohnengerichte. Ein Teller, das sind immer wahlweise Linsen oder Bohnen, weißer Reis und eine ordentliche Portion Fleisch vom Grill. Zur Auswahl stehen Rind, Schwein, Huhn oder Meeresfrüchte. Zugegeben, das Essen sieht in dieser unabänderlichen Dreifaltigkeit recht uniform aus und es kommt auch ziemlich schlicht daher. Auf den Tellern finden sich keine aufwendigen Dekorationen, kein Salat, kein Schnickschnack. Wir sind gespannt.

Obwohl der Laden nun bis auf den letzten Platz besetzt ist und die Bestellungen im Akkord eingehen, scheint dem Personal Eile fremd zu sein. Die Kellner bewegen sich mit aristokratischer Würde zwischen den Gästen, nehmen mit unbewegtem Gesicht Bestellungen entgegen und zaubern das Essen in solch atemberaubender Geschwindigkeit auf die Tische, dass es fast schon an Zauberei grenzt. Wenn man ihnen eine Weile dabei zuschaut, wie sie sich – steif aufgerichtet, das Kinn stolz in die Höhe gereckt – mit der Grazie von Tänzern von Tisch zu Tisch schwingen, gewinnt man fast den Eindruck, ihre Bewegungen folgten einer ausgeklügelten Choreografie. Leider bleibt einem nie viel Zeit, das Treiben zu beobachten, denn kaum hat man seine Wahl getroffen, ist das Essen auch schon da.

Wir brauchen bestimmt dreimal so lange, unser Essen aus dem ziemlich übersichtlichen Angebot auszuwählen, wie der Kellner benötigt, die Bestellung entgegenzunehmen und zu servieren. Kaum zwei Minuten sind vergangen, da stehen die Teller auch schon auf dem Tisch. Das Essen dampft. Die Bestellung hat uns fast überfordert, unser Kellner erweckt indes den Eindruck, die Arbeit sei für ihn kaum mehr denn ein verspieltes Hobby: Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schreitet er würdevoll wie ein zufälliger Flaneur durch den Gästeraum. Nichts entgeht seinem scharfen Blick, jeder Wink eines Gastes erweckt seine Aufmerksamkeit und findet eine prompte Antwort. Ich bin beeindruckt.

Das Essen liegt recht unspektakulär auf dem Teller und eigentlich erwarten wir nicht viel, aber als die Bohnen in der cremigen Soße, das herzhaft gegrillte Rindfleisch und ein dampfender Schneeberg von Reis meine Geschmacksknospen küssen, verwandle ich mich augenblicklich in einen Fresssüchtigen. Ich kann nicht eher aufhören zu essen, ehe alles vollständig verputzt ist oder ich geplatzt bin. Glücklicherweise ist der Teller irgendwann leer und ich bin einfach nur satt, glücklich satt. Bedauerlicherweise verbietet die moderne Etikette das Tellerablecken.

Das Essen war ausgezeichnet und auch nicht allzu teuer. Wirklich preiswert kann man aber in Ecuador seit der Einführung des Dollars nirgendwo mehr essen. Die Preise unterscheiden sind nur dahingehend von denen in Berlin, dass man oft den Eindruck hat, hier wäre alles sogar noch um mehr als bloß einen Tick teurer. Die Betreiber des „Las Menestras de la Pocha“ müssen sich ums Geschäft jedenfalls keine Sorgen machen: Der Laden läuft so gut, als wäre er inmitten einer Typhus-Pandemie der letzte Ort, an dem es noch saubere Nahrung gibt.

Das Erfolgsrezept ist klar: Man beschränkt sich auf einfache Bohnen- und Linsengerichte und bietet diese in hervorragender Qualität an. Das Konzept geht auf, denn zur Mittagszeit und am Abend stürmen die Leute den Laden förmlich. Das ist kein Restaurant, sondern eine Geldmaschine. Ich wette, die Betreiber sind längst Millionäre und genießen den wohlverdienten Ruhestand an irgendeinem Palmenstrand in Miami, der Schweiz Lateinamerikas.

[Anmerkung: Gern hätte ich ein paar Fotos beigesteuert, doch es ist kein ganz ungefährliches Vorhaben, in einer großen Stadt wie Guayaquil eine Kamera für jedermann sichtbar mit sich zu führen. Nur zu leicht erregt man Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist wirklich das Letzte, was man sich wünschen könnte. Man sollte sich die Leute von hier zum Vorbild nehmen: Niemand zeigt in der Öffentlichkeit sein Handy oder sein Tablet oder protzt mit einer teuren Kamera. Dafür gibt es gute Gründe und es ist nur klug, nie zu vergessen, wo man sich gerade befindet.]

Nächtliche Rochaden

Guayaquil empfängt uns mit tropischem Flair und überschießender Lebensfreude. Das ist nicht die Karibik, aber ein wenig fühlt man sich doch an die Havanna-Club-Werbung erinnert (ich hätte auch Bacardi schreiben können, aber ich mag Embargo-Lobbyisten nun einmal nicht). Vergessen ist der Trübsinn der Berge mit seinen dunklen Tälern und seinen schweigenden Menschen. Wir wissen, unser Weg wird schon bald wieder in die Anden führen, doch für den Augenblick genießen wir die tropische Stimmung in dieser sehr lebendigen Stadt. Guayaquil scheint voll von Sonne und guter Laune. Wem da nicht vor Freude das Herz aufgeht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Wir kommen im Intercontinental am Parque Centenal unter, direkt im Zentrum der Stadt. Der Parque Centenal ist der berühmte Park, in dem die Leguane frei über die Rasenflächen spazieren, auf die Palmen klettern und stoisch auf Denkmälern hocken, während sie den Rentnern beim Füttern der Tauben zuschauen. Ich hatte immer geglaubt, die grünen Kriechtiere lebten schon immer in der Grünanlage und wären sozusagen die natürlichen Bewohner, doch am Abend werden sie von Angestellten der Stadt eingesammelt wie der Müll. Im ersten Licht des Tages setzt man sie wieder aus, damit sie sich unter dem Reiterstandbild des Libertador in der Sonne wärmen können.

Da Tiere im Hotel nicht erlaubt sind, muss der Hund im Auto übernachten. Die Wagen der Hotelgäste stehen auf einem Hof, der von himmelhohen Mauern und Häuserwänden eingefasst wird. Die Stellfläche ist winzig, aber in einer schieren logistischen Meisterleistung gelingt es den Angestellten, die Autos so zu platzieren, dass nicht nur alle Wagen tatsächlich einen Parkplatz finden, sondern dass Gäste, die abreisen möchten, ihre Autos auch pünktlich auf die Minute in der Auffahrt in Empfang nehmen können.

Damit dieses Kunststück gelingt, vollführt der Parkservice die ganze Nacht Rochaden: Die Wagen müssen ständig umgeparkt werden – von ganz hinten schafft man die Autos nach vorn und von vorn nach hinten. Wir öffnen die Wagenfenster einen Spalt breit und die Angestellten des Parkplatzes kümmern sich sogar noch um den Hund, damit er sich im Auto nicht so allein fühlt. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und wahrscheinlich ist so eine Nachtschicht auf dem Hotelparkplatz auch nicht so aufregend, dass man sich nicht noch an einer Ablenkung erfreuen könnte. Ohnehin muss der Wagen mehrmals umgesetzt werden – für den Hund ist das alles sehr aufregend.

Wir beabsichtigen, nur eine Nacht in Guayaquil zu bleiben. Zwar verdiente diese großartige Stadt einen längeren Besuch, doch steht uns wieder einmal nur wenig Zeit zur Verfügung und wie immer gibt es mehr zu sehen, als wir in ein paar Tagen bewältigen könnten. Aber unsere Eile hat einen Grund: Wir sind nicht allein unterwegs. Wenn man Gäste hat, stellt man die eigenen Wünsche bekanntlich gern zurück und außerdem hat man auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber, denn schließlich soll er sich wohlfühlen und der Besuch soll ihm als einzigartig schönes Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben. So ist es unvermeidlich, dass Stadtausflüge ganz automatisch immer wieder zu denselben Attraktionen führen – dem Berlin-Besucher würde man ja auch viel lieber das Brandenburger Tor zeigen, statt den S-Bahnhof Marzahn.

Am Ende bleibt es also bei einer kurzen Besichtigungstour durch Las Peñas, dem nostalgischen Vorzeigeviertel der Stadt, bei einem Spaziergang entlang der imposanten Promenade am Río Guayas und bei einem ungeplanten Besuch im Wendy´s. Bis auf die kulinarische Entgleisung, ist uns die Stadttour keineswegs neu. Erst vor wenigen Monaten besuchten wir Las Peñas und die Promenade. Aber ich empfinde deshalb überhaupt kein Bedauern und ich freue mich fast wie ein Kind darauf, diese Ort noch einmal zu sehen.

Ein Herz und eine Gruft

Wir sagen Bahía Lebewohl und reisen weiter nach Süden, nach Guayaquil, der großen pulsierenden Hafenstadt am Río Guayas. Unterwegs machen wir einen Abstecher nach Montecristi, das in Ecuador wegen zweier Dinge berühmt ist, im Rest der Welt aber kaum für eines davon: Montecristi ist die Geburtsstätte Eloy Alfaros, des berühmten und gemeinhin verehrten Präsidenten, der vor über hundert Jahren die liberale Revolution einleitete. Aber nicht nur berühmte Präsidenten stammen aus Montecristi, sondern auch der Panama-Hut.

Eloy Alfaro war bis 1911 Präsident Ecuadors. Erst nach langen wechselvollen Kämpfen gelang es ihm, die Ordnung des Landes auf der Grundlage moderner verfassungsrechtlicher Normen zu verankern. Die strikte Trennung von Kirche und Staat war dabei die größte Errungenschaft und gilt als einer der Marksteine der liberalen Revolution. Sie eröffnete Freiräume für eine Entwicklung, wie sie unter der paternalistischen Diktatur der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Die unwiderrufliche Trennung hat die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes jedoch nicht davon abbringen können, sich auch weiterhin als Katholiken zu bekennen.

In Ecuador kennt natürlich jeder Eloy Alfaro – Grund, ihn zu lieben, haben aber bei weitem nicht alle. Unter der Präsidentschaft Rafael Correas, des derzeitigen Amtsinhabers (er wird noch bis 2017 regieren), hat man oberhalb von Monecristi ein Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Generals sowie einen Plenarsaal errichten lassen. Dem architektonischen Ensemble, das einsam wie ein Eremitenkloster am Fuße der Berge thront, verlieh man den stolzen Namen Ciudad Alfaro. Hätten Nationen ein Herz, wäre es gewiss dieser Ort, über den der Geist eines ecuadorianischen Märtyrers wacht.

Ein, zweimal im Jahr werden hier, gewissermaßen am Reliquienschrein der Nation – der zugleich der Nabel des modernen nationalen Selbstbildes ist – symbolische Parlamentssitzungen abgehalten. Man darf bezweifeln, dass alle Abgeordneten in den Überbleibseln des grausam hingemordeten Präsidenten einen Quell der Inspiration sehen.

Wie der Zufall es will, ist Correa ein entfernter Verwandter des großen Generals. Nicht wenige halten dies für ein denkbar schlechtes Omen, da Alfaro selbst vor einem blutigen Staatsstreich nicht zurückschreckte, um seine politische Agenda durchzusetzen. Der derzeitige Präsident versteht sich zwar als ideologischer Erbe, aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn schließlich hat er sich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde vom Volk in freier Wahl dreimal hintereinander mit großer Mehrheit ins Amt gewählt. Nicht jeder freilich möchte sich mit dieser Wahrheit abfinden.

Nur wenige Schritte vom Sitzungsort entfernt, lädt die Stätte mit den sterblichen Überresten des Generals zu einem Besuch ein. Ihre letzte Ruhe fanden die Gebeine in einer schlichten Marmorkiste zu Füßen einer Monumentalstatue, die den Präsidenten als kraftstrotzenden Heiland und Heroen zeigt. Vor dem Mausoleum ist indes sein größtes Werk zu bestaunen: die Eisenbahn.

Die Strecke, die einst von den Hafenstädten am Pazifik bis hinauf in die Anden führte, war seinerzeit eine technische Meisterleistung, würdig eines großen Führers und als solcher hat sich dieser stolze Mann wohl auch Zeit seines Lebens empfunden. Durch das Bahnprojekt standen Costa und Sierra zum ersten Mal in direktem Kontakt und die neuen Transportmöglichkeiten förderten die Entwicklung des Landes wie nie zuvor. Eloy Alfaro hat ein wichtiges Kapitel Geschichte geschrieben, aber bekanntlich findet jeder große Mann die Gegner, die er verdient. Am Ende haben sie ihn zu Fall gebracht. Sein Vermächtnis aber besteht bis heute fort.

Die andere Sache, mit der sich Montecristi einen Namen gemacht hat, sind natürlich Panama-Hüte. Die traditionelle Kopfbedeckung, die aus den Fasern einer endemischen Grasart, der Paja Toquilla, hergestellt wird, hat jedoch mit dem Land in Zentralamerika, nach dem sie benannt ist, etwa soviel zu tun wie der Hamburger mit der Stadt an der Elbe.

Panama-Hüte werden auch heute noch auf traditionelle Weise hergestellt, doch mittlerweile sind Hüte von guter Qualität unerschwinglich geworden und wohl auch ein wenig aus der Mode. Wer würde heutzutage schon zweitausend Dollar für einen Hut ausgeben, nur damit er ihn dann am Strand spazieren tragen kann? Ein unerwarteter Regenguss und das edle Stück taugt ohnehin nur noch als Dichtungsmaterial für Abwasserleitungen. Gerade noch eine Handvoll Hutflechter, die sich auf ein Werk von solch hoher Kunstfertigkeit versteht, widersetzt sich dem Trend. Aber wahrscheinlich kann man die Kunden, welche die exquisite Qualität zu schätzen wissen und die die ebenso exquisiten Preise für dieses handwerkliche Meisterwerk zu zahlen bereit sind, mittlerweile auch an einer Hand abzählen.

Wir besuchen die Ciudad Alfaro, die an diesem Tag wirkt, als wäre sie in einen Schlaf des Vergessens gesunken. Der Schlag des Herzens in der Brust dieser Nation gleicht dem Puls eines Patienten, der vorübergehend in ein Koma gefallen ist. Als einzige Besucher verlieren wir uns geradezu auf dem riesigen Parkplatz vor dem Mausoleum. Wir streifen ziellos umher, spazieren durch die Gärten, besteigen die Kuppel des Grabmals und lassen uns von der sakralen Atmosphäre in seinem Innern gefangen nehmen. Ein grauer Himmel hängt schwer über den Bergen und der Stadt.

Später fahren wir die Hauptstraße Montecristis ab, auf der sich Geschäft an Geschäft reiht. Ich habe den Eindruck, wir sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass heute auch nur einer der Händler irgendein Geschäft macht. Auch uns steht nicht der Sinn nach Flechtarbeiten und Hängematten. Nirgendwo kann man Flechtarbeiten guter Qualität günstiger kaufen, aber wir haben schon mehr Hängematten und Körbe als wir im ganzen Leben je brauchen könnten. Und so verlassen wir Montecristi mit seiner nationalen Andachtsstätte mit nichts weiter als Erinnerungen und ein paar Fotos.

Bahía por siempre y para siempre

Der Tag, an dem wir von Bahía Abschied nehmen, ist grau und trüb. Meer und Himmel verschmelzen miteinander, so dass das Auge zwischen den Elementen kaum zu unterscheiden vermag. Fast scheint es, die Welt wäre in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, da Himmel und Meer noch nicht voneinander geschieden und alles noch Eins war. Der Ozean brandet donnernd gegen die Küste und es fällt mir nicht leicht, das Gefühl der Melancholie zu bezwingen, das mich beim Gedanken an den Abschied so schmerzlich überkommt. Es ist das letzte Mal, dass wir den Pazifik sehen. Ein blinder Himmel hängt gleichgültig über der Stadt, die so leer wirkt, als hätten die Menschen ihr für immer den Rücken gekehrt.

Wir verlassen Bahía in dem Gefühl, dass es keine Rückkehr geben wird. Gefühle können bekanntlich täuschen – und ich hoffe sogar, dass ich mich irre –, aber der Morgen, an dem wir aus der Stadt fortgehen, lässt uns zurück mit der quälenden Gewissheit eines endgültigen Abschieds, eines Abschieds ohne Wiederkehr.

Unser Entschluss steht fest und die Entscheidung ist bereits vor langer Zeit gefallen: Wir werden Ecuador verlassen. Unsere innige Verbundenheit mit der Stadt und ihren Menschen, mit der Familie und den Freunden vermag nichts daran zu ändern – sie macht uns den Abschied nur schwerer. Selbst der noch so starke Wunsch, die unbeschwerte Zeit möge niemals enden, kann nicht verhindern, dass wir am Ende des Tages in Guayaquil sein werden und nur wenige Wochen später in Berlin. Die Zeit vergeht und irgendwann ist auch dieses Stück Leben, von dem man glaubte, es würde ewig dauern, einfach bloß vorbei.

Unsere Zeit in Ecuador mag fast abgelaufen sein, doch unser Abenteuer muss erst noch seinen würdigen Abschluss finden. Das letzte Kapitel unserer Reise wartet darauf, geschrieben zu werden. So viel in diesem Land harrt noch der Entdeckung, so viel muss noch mit eigenen Augen geschaut werden, in so viel Erleben muss noch geschwelgt werden. Ein ganzes Leben reichte dafür kaum aus, geschweige denn dieses eine, viel zu kurze Jahr, das uns für Erkundungen zur Verfügung stand, und das sich nun unerbittlich seinem Ende neigt.

Bevor wir zurückkehren auf die andere Seite der Welt, wollen wir ein letztes großes Unternehmen wagen, das der donnernde Schlussakkord unserer Odyssee sein soll. Es wird die letzte Reise sein, die wir in Ecuador unternehmen. Manche der Wege, auf denen wir das Land durchqueren werden, sind uns bereits vertraut, andere werden wir erkunden.

Von Bahía aus folgen wir der Küste in südlicher Richtung und nach einem kurzen Zwischenstopp in Montecristi, wo wir der Ciudad Alfaro einen neuerlichen Besuch abstatten, führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Guayaquil und 444 Stufen hinauf über die Stadt. Über die Pässe der Cordillere gelangen wir nach Cuenca, wo wir Orte besuchen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und kulinarischer Genüsse teilhaftig werden, die niemand hier vermutet hätte. Ingapirca wird eine vertraute Station auf unserem Weg sein, doch von hier an folgen wir der abenteuerlichen Route ins Unbekannte.

Riobamba liegt noch an der Panamericana. Von diesem verschlafenen Andenstädtchen nimmt auch der Weg seinen Ausgang, auf dem wir zum Chimborazo reisen, den höchsten Berg Ecuadors. Unser unwiderstehlicher Aufstieg wird uns bis in die eisigen Höhen der Tierra helada führen und weder die Elemente – Wind und frostige Temperaturen – noch unsere lachhaft dilettantische Ausrüstung werden den Gipfelsturm vereiteln. Ein übellauniger Parkranger wird uns stattdessen zur Umkehr anhalten.

Von den windigen Gletscherhöhen aus führt unser Weg geradewegs in den Urwald: Bei Ambato, das wieder an der Panamericana liegt, zu der wir zurückkehren, nachdem wir den Chimborazo um ein Haar bezwungen haben, vollführen wir einen Schwenk nach Osten ins Amazonas-Tiefland, vorbei am berühmten Baños. In Puyo umfängt uns zum ersten Mal der Regenwald in verschwenderischer Pracht und von hier aus geht es zu unserer nächsten Etappenstation nach Tena, das als das eigentliche Tor zum Oriente gilt. Durch dichten Wald führt die Reise weiter nach Norden und über Baeza finden wir schließlich glücklich zurück ins vertraute Cumbayá.

Wir sind viel gereist, wir haben viel gesehen und viele Orte in Ecuador besucht, aber mein Herz hängt an Bahía. Am liebsten hätte ich das ganze Jahr hier verbracht. Doch unsere Besuche konnten immer nur Stippvisiten bleiben, kaum länger als ein paar Tage, und dann kehrten wir schon wieder in den Alltag zurück.

Bahía ist eine Stadt, wie man keine zweite in Ecuador findet. Die ganz besondere Atmosphäre lässt sich nur schwer beschreiben und wer hier noch nie gewesen ist, kann nicht verstehen, worin die Faszination dieses Ortes liegt. Aber jemand, der in seinem Leben noch nie das Meer gesehen hat, vermag sich ja auch nicht vorzustellen, wie machtvoll der Ozean nach seiner Seele greift, bis er ihn dann mit eigenen Augen sieht. Bahía wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Bahía de Caráquez, du Schöne – wir werden dich vermissen.