Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

Im Parkhaus

In allen großen Shopping-Malls stehen der motorisierten Kundschaft unterirdische Parkhäuser zur Verfügung. In einem engen Parkhaus kommt das korrekte Ein- und Ausparken jedoch oft einem Kunststück gleich und damit dennoch alles schnell und reibungslos vonstatten geht, gibt es Parkplatzeinweiser. Sie zeigen den Kunden freie Parkplätze und dirigieren die Fahrzeuge umsichtig selbst in noch so schmale Parklücken. So wird verhindert, dass man versehentlich das Auto eines anderen rammt oder Bekanntschaft mit einem Betonpfeiler macht. Für ihre oft unentbehrlichen Dienste bedankt man sich mit fünfzig Centavos oder einem Dollar.

Eine Kollegin erzählte meiner Frau eine bestürzende Geschichte: Eines Tages besuchte sie die Scala – das ist eine der großen Einkaufsmeilen in Cumbayá – und im dortigen Parkhaus wurde sie Zeugin eines Unfalls. Ein anderer Kunde fuhr seinen Wagen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die unterirdische Parkanlage. Erlaubt sind höchstens fünfzehn Kilometer pro Stunde, doch ich selbst habe schon erlebt, wie Fahrer ihre Wagen mit sechzig oder mehr durch die Gänge peitschten. Man hört Motoren aufheulen und Reifen quietschen und wenn man sich nicht rechtzeitig zwischen den parkenden Autos in Sicherheit bringt, ist es um einen geschehen. In vielen Parkhäusern hat man vorsorglich alle zwanzig, dreißig Meter Schwellen auf die Fahrbahn montiert, um die Raser auszubremsen. Dennoch lebt man als Fußgänger gefährlich und ich habe mir deshalb schon vor langer Zeit angewöhnt, immer ganz am Rande der Fahrbahn zu laufen.

Während also einer der Kunden des Einkaufszentrums damit beschäftigt war, die Leistungsgrenzen seiner Maschine zu testen, muss er einen der Einweiser übersehen haben. Zwar tragen die Leute Warnwesten, die sie aussehen lassen wie Feuermelder, und daher ist es eigentlich unmöglich, dass man sie übersieht – vorausgesetzt, man hält sich an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten –, doch wenn man mit Sechzig durch die unterirdischen Katakomben heizt und nicht unbedingt über das Reaktionsvermögen eines Jedi verfügt, kann es schon einmal vorkommen, dass man plötzlich eine neonfarbene Warnweste auf dem Kühlergrill hat.

Der Wagen erfasste den Einweiser und der Mann flog in hohem Bogen durch die Luft, wobei er sich wie ein Zirkusartist in mehreren Salti überschlug. Wie nicht anders zu erwarten, landete er höchst unsanft auf dem Beton. Die Canaille hinter dem Lenkrad erachtete den Vorfall als nicht einmal gravierend genug, um wenigstens zu halten und sich nach dem Befinden des Mannes zu erkundigen, im Gegenteil, man gab Gas, als wäre nichts geschehen, und im nächsten Augenblick war der Wagen verschwunden. Der Parkplatzeinweiser rappelte sie wieder auf, klopfte sich den Staub von der Uniform und versah seinen Dienst, als würde er jeden Tag solch einen Stunt vollführen. Ohne blaue Flecken wird er sicher nicht davongekommen sein, doch es war geradezu ein Wunder, dass er sich bei dieser Karambolage nicht sämtliche Knochen im Leib gebrochen hat.

Autofahrer, die keinerlei Rücksicht nehmen (es sei denn, aus Furcht um ihren teuren Wagen) und von denen weder Einsicht bei einem Fehlverhalten zu erwarten ist noch Bedauern im Falle, dass ein anderer zu Schaden kommt, begegnet man hierzulande leider weit häufiger als in Deutschland. Für einige der reicheren Kunden der Shopping-Malls sind Menschen wie die Einweiser lediglich Existenzen am äußersten Rand des eigenen Bedeutungshorizonts. Für manch einen sind sie im Grunde kaum existent, es sei denn, sie bieten sich als Hilfswillige an, als Dienstboten, deren Schicksal es ist, Leuten mit höherer Bestimmung, zu denen man sich natürlich selbst zählt, zu dienen. Man billigt ihnen den Status von Domestiken zu, doch als Individuen mit genau denselben Rechten, die man nur zu gern bei jeder Gelegenheit lautstark für sich in Anspruch nimmt, sieht man sie nicht.

Der Einweiser schien seinen Platz zu kennen, denn weder informierte er seine Vorgesetzten über den Vorfall, noch stellte er Strafanzeige. Er schwieg – ganz sicher auch, weil er fürchten musste, seinen Job zu verlieren, denn welcher Arbeitgeber beschäftigt schon gern Querulanten: Von nicht wenigen hierzulande wird es immer noch als ungehörig angesehen, wenn jemand von „ganz unten“ auf seine Rechte pocht.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Parkplatzeinweiser sogar noch glaubte, er sei selber schuld. Und selbst wenn er den Fahrer angezeigt hätte, dessen teurer Anwalt würde ihn wahrscheinlich als verantwortungslosen Menschen und Trinker dargestellt haben und darüber hinaus hätte er auch noch glaubhaft machen können, dass der Mann sich in voller Absicht vor das Auto seines unbescholtenen Klienten gestellt habe, nur um diesem zu schaden. Ich bin dieses dünkelhafte Gehabe so leid. Die Klassengegensätze in Berlin mögen nicht weniger ausgeprägt sein als hierzulande, doch zumindest erhalten Leute vom Schlage jenes Autofahrers manchmal die Antwort, die sie verdienen.

Einhundert Posts

Rich Boys

Hier in Ecuador besucht unser Sohn die British School Quito. Er ist dreisprachig aufgewachsen und eine seiner Muttersprachen ist Englisch. Es war uns ein Herzensanliegen, diese Sprachfähigkeit wenn nicht zu fördern, so doch wenigstens zu erhalten und deshalb schrieben wir ihn an jener hochgeachteten Institution ein. Nun war Bildung noch nie umsonst zu haben – Fleiß und nicht unbeträchtliche finanzielle Aufwendungen, zumindest in weiten Teilen der Welt, sind der Preis. Die British School versteht sich als elitäre Privatinstitution und der Gedanke an die Höhe des Schulgeldes kann einen so manche Nacht um den Schlaf bringen. Gerade in einem Land wie Ecuador, in dem eine gute Ausbildung bis auf den heutigen Tag noch immer das Privileg der Wohlhabenden ist, merkt man, was Bildung wirklich wert ist, und vor allem, wie viel es kostet, sie zu erlangen.

Die British School wie auch die anderen renommierten Auslandsschulen in Ecuador (wie etwa die deutsche, die amerikanische oder die französische Schule) werden von Kindern besucht, deren Eltern ein Vermögen dafür aufwenden, ihren Sprösslingen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. In der Regel können sich die Familien diese Ausgaben, die sich für nur ein Kind vom Kindergarten bis zum Abitur auf den Gegenwert eines Einfamilienhauses belaufen, auch wirklich leisten. Nicht selten jedoch bringen Familien mit einem kleineren Budget große Opfer, damit auch ihre Kinder in den Genuss des fast exklusiven Vorrechts weniger Gutbetuchter gelangen können. Man glaubt, die horrenden Ausgaben würden sich am Ende bezahlt machen, da man eine gute Ausbildung als das Sprungbrett für eine erfolgreiche und vor allem in finanzieller Hinsicht lukrative Karriere betrachtet.

Die meisten der Familien, deren Kinder solche exklusiven Privatschulen besuchen, müssen sich aber um Geld keine Sorgen machen, denn oft handelt es sich um die sogenannten oberen Zehntausend, um den geschlossenen Zirkel einer Geld- und Funktionselite, die dieses Land nach wie vor unter ihrer Kontrolle hält. Man hat es mit Leuten wie dem CEO von McDonalds für ganz Lateinamerika zu tun oder dem Besitzer sämtlicher KFC-Restaurants im Lande (und noch einiger weiterer Ketten) oder einem der größten Milchproduzenten, dessen Produkte man in jedem Supermarkt findet. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen und auch diejenigen, die keinen besonderen Rang in der Forbes-Liste für Ecuador beanspruchen können, sind immer noch wohlhabend genug, um einen angesehenen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

Einmal war mein Sohn ins Haus eines seiner Klassenkameraden eingeladen. Das Anwesen des Freundes befindet sich, wie hierzulande üblich und notwendig, in einer teuren und daher exklusiven Wohnanlage – exklusiv deshalb, weil jeder, dem die paar hunderttausend Dollar fehlen, um entweder ein Grundstück zu kaufen oder um sich die horrenden Mieten leisten zu können, automatisch davon ausgeschlossen ist, hier zu wohnen. Unsere Urbanisation in Miravalle ist fest in der Hand von Leuten, die man getrost dem reichsten einen Prozent dieses Landes zurechnen kann. Damit ist diese Wohnanlage schon ziemlich exklusiv. Es gibt aber Siedlungen, die selbst dies noch in den Schatten stellen, und jeder, der dort wohnt, kann als eine Art Krösus angesehen werden, dem alles unter den Händen zu Dollarscheinen wird.

In solch einer Anlage lebt der Freund meines Sohnes. Das Haus der Familie kostete dem Vernehmen nach 1,5 Millionen Dollar. Das mag angesichts des hochpreisigen Wohnumfeldes vielleicht als gar nicht so viel erscheinen, doch wenn man hört, dass die Immobilie bereits nach einem Jahr abbezahlt war, weiß man, mit wem man es zu tun hat. Selbstredend bestand der Fuhrpark ausschließlich aus deutschen Luxusautos – man weiß deutsche Ingenieurskunst eben zu schätzen.

Apropos Auto: Es gibt tatsächlich Menschen, die für jeden Tag der Woche ein Auto haben. Auch wenn es an dieser Stelle gut gepasst hätte – ich habe mir diese Anekdote keineswegs ausgedacht: Ein anderer Mitschüler meines Sohnes erzählte ihm einmal, dass seine Familie seinerzeit Zeit sieben Autos besessen hätte, für jeden Tag der Woche eines. Da man davon ausgehen muss, dass Autos im Bereich der oberen Mittelklasse ab einem Preis von fünfzigtausend Dollar angeboten werden, kann man sich leicht selbst ausrechnen, mit welchen Wertkonzentrationen man es in den Garagen der Reichen zu tun hat (und nicht nur dort). Nicht selten besteht der Fuhrpark sogar nur aus Luxuswagen. Da ist es kein Wunder, dass man sich hinter Mauern und Stacheldraht einigelt wie in einer belagerten Festung.

Es sind vor allem die Kinder dieser Leute, welche die British School und die anderen teuren Auslandsschulen besuchen; für den gewöhnlichen Ecuadorianer stellen diese Bildungstempel eine regelrechte Tabuzone dar. Man ist es fast leid, immer wieder in dieselben Gesichter zu blicken, aber es ist eine nur allzu offensichtliche und von niemandem verleugnete Tatsache, dass an Orten wie diesem stets nur der geschlossene Kreis der Gutbetuchten zusammenfindet, allesamt Angehörige einer durch Besitz und Einfluss geadelten Schicht, die über der Gesellschaft liegt wie Mehltau. Der Besuch solcher Bildungseinrichtungen stellt damit zugleich auch die unerlässliche Initiation in jene weitverzweigten Netzwerke des Wohlstands und des Wohlwollens dar, deren man sich später als Erwachsener wie selbstverständlich bedient, um Vermögen und Einfluss zu mehren. Der Eintritt in die Ivy League exklusiver Schulen ist die Weihe zu einem Schicksal von Bedeutung.

Ecuador ist ein Land der Klassengegensätze und des Klassendünkels. Menschen am unteren Ende der Einkommensskala werden von vielen Reichen nicht als gleichwertig angesehen. Man schätzt ihre Dienste und beschäftigt sie auch gern als Angestellte, doch man würde sich schwerlich herablassen, sich mit ihnen gemein zu machen. Zwischen Arm und Reich liegen Welten; die Grenzen verlaufen nicht nur entlang materieller Verwerfungen, die Verständigung stoppt auch vor Hindernissen, welche Brüche mentaler Art markieren. Es stellt schon eine seltene Ausnahme dar, wenn es doch einmal vorkommt, dass Brücken der Verständigung die tiefen Gräben überwinden.

Als Angehöriger einer in jeder Hinsicht bevorrechteten Klasse wird man von Kindheit an daran gewöhnt, dass Empleadas, also Hausangestellte, für alle Arbeiten zuständig sind, mit denen behelligt zu werden, eine Person von Stand als unter ihre Würde erachtet. Kinder aus wohlhabenden Haushalten werden nicht selten durch den hauseigenen Chauffeur von der Schule abgeholt und im blitzblank geputzten Heim wartet schon die Empleada mit dem Essen.

Eines Tages forderte ein Lehrer die Schüler nach dem Ende der Unterrichtsstunde auf, die Stühle hochzustellen. Wohl an keiner deutschen Schule hätte sich aus diesem berechtigten Wunsch jemals ein Problem ergeben. Ganz im Gegenteil, viele Eltern würden wahrscheinlich sogar den Umstand begrüßen, dass ihre Sprösslinge auch einmal selbst mit anpacken müssen, anstatt sich, wie zuhause nicht selten üblich, immer nur bedienen zu lassen. Ich selbst könnte die Stühle gar nicht zählen, die ich während meiner Schulzeit hochgestellt habe, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich es widerwillig getan hätte.

Hier in Ecuador wird jene vermeintliche Selbstverständlichkeit leicht als Angriff auf die Integrität und den sozialen Status eines Angehörigen der Oberschicht verstanden. Menschen, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt sind, Angestellte mit aus ihrer Sicht niederen Arbeiten zu beauftragen, empfinden es natürlich als Zumutung, wenn man sie bittet, bei einer leichten Aufgabe zur Hand zu gehen.

Aber es waren nicht die Schüler, die sich über diese „Behandlung“ beschwerten, sondern deren Eltern: Einige entblödeten sich tatsächlich, bei der Schulleitung ganz offiziell einen Nachlass bei den Schulgebühren zu fordern, da ihre Kinder gezwungen würden, die Arbeit von Dienstpersonal zu verrichten. Schließlich wäre es ihr Geld, von dem die Gehälter der Angestellten der Schule bezahlt würden. Warum also sollten ihre Kinder eine Arbeit tun, für die doch Dienstboten zur Verfügung stehen.

Am Ende musste die Schule nachgeben, denn immerhin alimentiert das Geld dieser Leute den Schulbetrieb, und nur ein Narr würde die Hand beißen, die ihn füttert. Merken diese Menschen eigentlich noch, was sie da von sich geben? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemals über sich und ihren Platz in der Welt nachdenken. Ich fürchte, ihr Verhalten wird der nächsten Generation als Beispiel dienen und die Kinder werden das prätentiöse Anspruchsdenken der Eltern imitieren. Man kann nur hoffen, dass Bildung den unerträglichen Klassendünkel eines Tages aufheben wird. Und Bildung ist das, was diese Kinder erhalten.

Markttag in El Quinche

El Quinche ist eine kleine Stadt nordwestlich von Quito. Von Quito aus gelangt man mit dem Auto dorthin, indem man der Ausschilderung zum Flughafen folgt, dann aber, statt weiter geradeaus auf der Route zum Airport zu bleiben, nach Osten Richtung Cayambe abbiegt.

Eigentlich gibt es keinen besonderen Grund, nach El Quinche zu fahren, es sei denn, ein starkes religiöses Bedürfnis zieht einen dorthin oder man möchte den berühmten Markt besuchen, der immer Sonntags abgehalten wird. Wir wollten auf den Markt, wenn auch das religiöse Spektakel, das alljährlich in der zweiten Novemberwoche zu Ehren der Virgen de El Quinche veranstaltet wird und das über achthunderttausend Pilger in die Stadt zieht, ein Ereignis ist, das einmal mit eigenen Augen zu schauen, ein ganz besonderes Erlebnis sein muss. Aber dies war nur ein normaler Sonntag und außer der sonntäglichen Messe ist es vor allem der Wochenmarkt, der die Leute in Scharen in die Stadt zieht.

Der Grund, der uns veranlasste, den Markt zu besuchen, ist ganz prosaisch: Seit unserer Ankunft in Quito leidet meine Frau an der Höhe und wir suchten nach einem Mittel, das Abhilfe schafft. Zwar ist sie Ecuadorianerin, aber sie stammt von der Küste, und die Leute der Costa sind ein ganz anderer Menschenschlag als die an die dünne Luft und die eisige Kälte gewöhnten Hochlandbewohner. Es kommt nicht selten vor, dass sie an hohem Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und Herzrasen leiden, obwohl sie doch, solange sie im Tiefland lebten, völlig gesund waren.

Streng medizinisch betrachtet, habe ich keine Probleme mit der Höhe, dennoch macht mir die dünne Luft manchmal zu schaffen: Wenn ich trainiere, muss ich viel längere Pausen einlegen als in Berlin, denn nach einer anstrengenden Übung bekomme ich manchmal einfach keine Luft mehr und mein Atem geht dann keuchend wie der eines asthmatischen Kettenrauchers beim Reha-Sport. Besonders schlimm ist es, wenn wir nach Quito fahren, das noch einmal achthundert bis tausend Meter höher liegt als Cumbayá.

Auf dreitausend Metern Höhe kann es einem sehr wohl passieren, dass plötzlich die Luft weg ist, wenn man nur ein paar Treppen steigt. Manchmal reicht es schon, einen langen Satz zu sagen, und in der Mitte merkt man auf einmal, dass einem die Luft ausgeht. Dann unterbricht man japsend und wie ein neunzigjähriger Zigarren-Connoisseur muss man erst einmal gierig Sauerstoff in die Lungen saugen, um weitersprechen zu können. Wenn ich mich mehrere Stunden in Quito aufhalte, beginnen meine Augen in der trockenen Höhenluft manchmal so furchtbar zu brennen, dass ich sie kaum noch offen halten kann. Vorsichtshalber nehme ich mir immer ein Fläschchen künstliche Tränen mit, aus dem ich mir hin und wieder etwas in die Augen träufele. Die Einheimischen, die Quiteños, haben mit diesen Problemen natürlich nicht zu kämpfen. Nur dem Zugereisten macht die Höhe zu schaffen.

Zwar kann sich der Organismus den neuen Bedingungen anpassen, doch gelingt ihm dies nur unvollkommen und auch nur vorübergehend. Um den niedrigeren Sauerstoffgehalt der Höhenluft effizienter nutzen zu können, vermehren sich genau wie bei einem Topathleten im Höhentrainingslager die roten Blutkörperchen, wenn man sich eine gewisse Zeit in der Höhe aufhält. Dieser Vorgang ist aber leider reversibel und sobald man wieder ins Flachland zurückkehrt, geht die Anpassung verloren. Um den menschlichen Organismus dauerhaft an das Leben in der Höhe zu gewöhnen, bedarf es des ununterbrochenen Aufenthalts in dünner Luft während dreier Generationen. Ich bezweifle aber, dass mein Sohn und seine Kinder für immer im Andenhochland leben wollen.

Meine Frau hat in der großen Höhe nicht nur mit Luftnot, sondern oft auch mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern auch eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität, denn nicht selten fühlt man sich regelrecht krank. Um solchen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenzutreten, greift man in Ecuador weit häufiger als in Deutschland auf bewährte Naturheilmittel zurück: Kräutermischungen, Tinkturen, Pasten, Pulver, Salben finden bei gesundheitlichen Beschwerden mindestens genauso häufig Anwendung wie die Produkte der Pharmaindustrie. Die meisten Ecuadorianer sind arm und viele können sich die teuren Medikamente aus der Apotheke nicht leisten. Wer schon einmal gezwungen war, einen größeren Posten in den hiesigen Apotheken zu kaufen, wird nie wieder über die gierige deutsche Apothekerzunft schimpfen.

Viele Menschen in den ärmeren Gegenden und gerade auf dem Lande verlassen sich noch immer auf Heilmittel, welche eine freigiebige Natur ihnen in großer Fülle zur Verfügung stellt. Sie schöpfen dabei aus einem reichen Schatz überlieferten pharmakologischen Wissens, das seine Ursprünge in den indigenen Kulturen des Hochlandes hat. Als meine Frau einige ihrer Bekannten fragte, ob es denn nicht ein natürliches Mittel gäbe, von dem zuverlässig Abhilfe bei Höhenkrankheit zu erwarten sei, antworteten sie unisono: Cocablätter.

Die Blätter des Cocastrauches werden im Andenhochland seit Jahrtausenden konsumiert. Der Genuss hat überhaupt nichts Anrüchiges an sich, wie mancher Europäer oder Gringo vermutet, sobald er nur das Wort „Coca“ hört. Coca half der indigenen Bevölkerung seit jeher, eisige Höhen und schwerste körperliche Strapazen zu ertragen. Man wird die Blätter, die man kaut, oder aus denen man Tee brüht, auch wohl kaum mit dem kristallinen Pulver gleichsetzen dürfen, das sich so mancher Berliner Partygast zum Auftakt des Abends auf der Toilette seines Lieblingsklubs durch die Nase zieht.

Man kann ein gepflegtes Bier trinken oder man kann eine Flasche Wodka auf Ex kippen. Beides ist Alkohol, eine erwiesenermaßen gefährliche Droge mit hohem Suchtpotential, jedoch wird sie gesellschaftlich akzeptiert, weil ihr Konsum Teil der kulturellen Tradition ist. Dennoch besteht zwischen dem gepflegten Pils und der Flasche Wodka auf Ex ein Unterschied und wer schon einmal einen Abend im Kreise von Leuten verbracht hat, die sich gern und willig dem Suff ergeben, weiß auch, worin er besteht.

Coca war schon immer Alltagsdroge und Volksmedizin, nicht anders als das Bier in Bayern oder der Schoppen Wein im Rheinland, und daher sollte man eigentlich annehmen, dass im Andenland Ecuador niemand am Konsum Anstoß nimmt. Man wundert sich nur, warum es so schwer ist, überhaupt irgendwo an Cocablätter zu kommen. Ich vermute, die Globalisierung und der übermächtige Einfluss westlicher Wertvorstellungen, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Drogen erlaubt sein sollen, hat die Cocapflanze mit einem Bann belegt, der sich gegen die Interessen der Andenländer und vor allem gegen ihre kulturellen Traditionen richtet. Aber Bekannte hatten uns einen Tipp gegeben: Man könne Cocablätter auf dem sonntäglichen Markt in El Quinche kaufen. Bei der ersten Gelegenheit machten wir uns auf nach El Quinche.

Wer mit dem Wunsch nach Ecuador kommt, etwas Authentisches zu erleben, etwas, das sich dem verfälschenden Einfluss des internationalen Tourismusbetriebs bis heute entzogen hat, der sollte die einheimischen Märkte wie etwa jenen in El Quinche besuchen. Vom Standpunkt eines an den Warenüberfluss der westlichen Welt gewöhnten Konsumenten hat der Markt in El Quinche kaum etwas zu bieten, das dem Reisenden nicht auch von zuhause bekannt wäre. Abgesehen von weißlichen fetten Käferlarven, die man zu medizinischen Zwecken konsumieren soll, gibt es nicht viel, das man nicht auch auf dem Wochenmarkt einer beliebigen Großstadt in Europa finden könnte (das Interesse an den Käferlarven hielt sich sehr in Grenzen und solange wir uns auf dem Markt aufhielten, war der Stand leer). Die Leute gehen nach El Quinche, um Waren des täglichen Bedarfs zu kaufen, und da hier alles um Welten billiger ist als in den modernen Shopping-Malls nach westlichem Standard, hat man es mit einem Andrang zu tun wie bei einer Völkerwanderung.

Faszinierend für den Besucher aus dem säkularen Mitteleuropa ist die symbiotische Verbindung aus religiösem Ereignis und geschäftlicher Aktivität, die sich aus einer fernen vormodernen Zeit bis in die Gegenwart gerettet zu haben scheint: Viele Menschen kommen in die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen oder um der Virgen Ehre zu erweisen oder schlicht, um ihr ein Anliegen vorzutragen, für das man die Hilfe oder den Segen der Heiligen zu gewinnen hofft. Da man aber schon einmal den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen hat – nur die wenigsten scheinen mit dem eigenen Auto angereist zu sein –, kann man die Gelegenheit auch gleich nutzen, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.

Niemand findet etwas dabei, dass der Markt, der sich wie ein feindliches Heerlager fast in der ganzen Stadt ausgebreitet hat, in Sichtweite der Kirche abgehalten wird, in die es die Gläubigen an diesem Sonntag in dichten Scharen zum Gottesdienst zieht. Vor der Kirche haben die Devotionalienhändler ihre Stände aufgebaut: Man kann Heiligenfiguren, die Jungfrau von El Quinche, das Jesuskind oder unheilabwehrende Anhänger für das Auto oder die Wohnung kaufen.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn den Platz vor der Kirche haben wenigstens ein Dutzend Händler für sich in Beschlag genommen und alle bieten dasselbe Warensortiment. Doch fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen, müssen die Händler nicht – oft begegnet man in der Menge Besuchern des Gottesdienstes, die Christusfiguren, welche sie gerade erstanden haben, oder Figuren der Heiligen im Arm halten, als wären es ihre eigenen Kinder.

Während im Innern der Kirche der Gottesdienst stattfindet, nimmt an einem Seitenportal eine Ordensschwester die Weihwasserspende vor: Sie taucht einen Strauß Blumen in das Gefäß mit dem geweihten Wasser und verteilt es dann über die Menge als wollte sie auf die Köpfe einschlagen. Die Menschen empfangen den Regen im uralten Gestus der Anbetung, mit verzückten Gesichtern und erhobenen Armen.

Wir schlendern ziellos auf dem Markt und dem Kirchplatz umher, denn eigentlich haben wir kein dringliches Anliegen, dessentwegen wir nach El Quinche gekommen wären. Die Gelegenheit scheint günstig und so mache ich immer wieder Fotos. Allerdings ist es kein wirklich angenehmes und vor allem kein sicheres Unterfangen, in der Masse der Marktteilnehmer eine teure Kamera zu zücken. Sobald ich den Apparat heraushole, richten sich mindestens zehn Augenpaare darauf – neugierig, fragend, voller Verwunderung oft, nicht selten misstrauisch. Ich genieße sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit, als hätte ich in einem aufsehenerregenden Akt der Zurschaustellung damit begonnen, mich splitterfasernackt auszuziehen. Kaum einmal gelingt es mir, unentdeckt zu bleiben – nicht dass die Leute Anstoß daran nehmen würden, dass man sie fotografiert, es scheint nur noch nie vorgekommen zu sein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, denn man weiß nie, ob sich hinter diesem Interesse allein schiere Neugier verbirgt oder etwas anderes. Ich habe keine Lust, es herauszufinden und lasse die Kamera alsbald wieder in der Tasche verschwinden. Erst jetzt fällt mir auf, dass kein einziger der Markt- oder Kirchbesucher eine Kamera oder ein Handy oder sonst irgendetwas, das man für wertvoll erachten könnte, für jedermann sichtbar mit sich führt. Ich lasse mich durch den Augenschein überzeugen, dass es einen gewichtigen Grund dafür geben muss, und für den Rest des Tages bleibt die Kamera in der Tasche.

Wir erinnern uns daran, dass wir auf den Markt gekommen sind, um Cocablätter zu kaufen. Meine Frau fragt aufs Geratewohl eine der Obstverkäuferinnen in der Markthalle, die sich doch eigentlich auskennen müssten. Die Frau sagt, sie wisse nicht, wo man so etwas kaufen könne, und guckt uns dabei an, als hätten wir ihr soeben ein unsittliches Angebot gemacht. Auch beim nächsten, den wir mit unserer Frage behelligen, haben wir kein Glück, aber immerhin gibt man uns den Tipp, es doch einmal beim Naturista (eine Art Laden für Naturprodukte) eine Straße weiter zu versuchen. Aber selbst dort erleben wir eine Enttäuschung und wir fangen allmählich an zu glauben, wir seien einer Ente aufgesessen, als man uns sagte, dass man die begehrten Blätter in El Quinche kaufen könne.

Aber mir ist noch ein anderer Gedanke gekommen: Es könnte auch sein, dass man uns einfach nichts verkaufen wollte. Es kommt immer wieder vor, dass Reisende, die es nach exotischen Abenteuern hungert, sich mit Hilfe der lokalen Flora eine Reise ins psychedelische Orbit zu verschaffen suchen. Da ich unzweifelhaft wie ein Gringo aussehe und nach Meinung der Leute wie ein Hippie dazu, ist der Schluss natürlich unausweichlich, ich wäre allein deshalb nach Ecuador gekommen sei, um mir einen Trip zu verpassen, dass es nur so raucht im Oberstübchen.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da wurde man entweder für einen Hippie, für einen Headbanger oder einfach nur für schwul gehalten, wenn man als Mann das Haar schulterlang trug. Noch 1992, also zu einer Zeit, da die Inquisition seit Menschengedenken abgeschafft und die Hexenverbrennung eingestellt war, musste ich mir am Flughafen von einem Polizisten sagen lassen, ich solle mir das Haar kürzen. Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest ein wenig, und wenn man heutzutage lange Haare hat, sehen die Leute in einem nur mehr jemanden, der halt gerne kifft.

Die Leute sahen uns so misstrauisch an, als wären wir zwei Hippies, die sich mit Cocablättern einen Trip ins Nirwana verschaffen wollen. Vielleicht hätte ich außer Sicht bleiben und meine Frau den Einkauf allein erledigen lassen sollen, denn mit mir im Schlepptau konnte man glauben, ich schicke sie als Strohmann vor, damit sie mir die begehrten Drogen verschaffe. Die Menschen, durch alle nur vorstellbaren kriminellen Umtriebe sensibilisiert, stellen sich die verrücktesten Dinge vor, und wenn sie jemanden sehen, der auf den ersten Blick schon verrät, dass er nicht hierher gehört, fällt es wahrscheinlich leicht zu glauben, diese Person habe es auf Drogen abgesehen.

An diesem Sonntag war ich übrigens der einzige Besucher des Marktes weit und breit, der nicht wie ein Einheimischer aussah. Die Stadt war einheitlich mit Ecuadorianern bevölkert und da fällt man natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. El Quinche ist eben nicht Berlin, wo man als Batman verkleidet herumlaufen könnte, und die Leute würden einfach so tun, als hätten sie es nicht bemerkt.

Damit die Reise nicht ganz umsonst wäre, kauften wir noch ein paar nützliche Dinge ein, bevor wir die Rückfahrt antraten: ein neues Schneidebrett, Obst und etwas Kuchen. Das Schneidebrett kostete fünf Dollar und liegt so schwer in der Hand wie ein Kricket-Schläger. Zwar kann ich die Qualität nicht beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um gute Ware handelt. Doch getreu der ecuadorianischen Tradition versuchte meine Frau zu handeln, um so den Preis noch ein wenig zu drücken. Aber sie war an diesem Tag nicht recht bei der Sache und hatte offenbar auch keine Lust, sich auf das mühselige Feilschen einzulassen, und deshalb blieb es am Ende bei fünf Dollar. Ich fand, wir hätten einen guten Kauf gemacht, doch meine Frau meinte, fünf Dollar seien immer noch viel zu viel. Ich bin sicher, meine Schwiegermutter hätte der armen Verkäuferin das Brett für drei Dollar abgeschwatzt.

El Quinche war zwar eine Enttäuschung – zumindest in Hinsicht auf die Hoffnung, dort Cocablätter zu finden –, aber eine Woche später sollten wir doch noch Glück haben: Wir besuchten den Cotopaxi-Nationalpark – ein überwältigendes Erlebnis, von dem noch zu berichten sein wird. Am Eingang legten wir einen kurzen Stopp ein. Es war weniger laues Interesse, das uns ins dortige Besucher-Zentrum zog, als vielmehr die drängende Notwendigkeit, präventiv die letzte zivilisierte Toilette für wie weiß wie lange Zeit aufzusuchen, bevor wir uns in die wilde Vulkanlandschaft hinauswagten.

Wir schauten uns ein wenig an den Ständen um und völlig unerwartet entdeckten wir dort Produkte aus Coca. Die englische Sprache hat für solche freudigen Entdeckungen aus heiterem Himmel das Wort Serendipity erfunden – pleasant surprise. Und das war es in der Tat: eine freudige Überraschung. Wir kauften zwei Päckchen getrockneter Blätter und eine mit Cocaextrakt angereicherte Salbe, die natürlich nur zu äußeren Anwendung bestimmt ist. Glaubt man der Beschreibung auf der Dose, lassen sich mit dem Wunderelixier alle Beschwerden von Muskelkater bis Liebeskummer zuverlässig behandeln.

Einige Tage später ließ mich mein niedriger Blutdruck ein wenig schwächeln und ich sah die Gelegenheit gekommen, das Hausmittel der alten Andenvölker auszuprobieren: Wer nun erwartet, er würde nach dem Genuss einiger Cocablätter wie ein abgeschossenes Moorhuhn mit Kreuzen in den Augen auf dem Sofa liegen und rosa Elefanten würden um seinen Kopf flattern, der irrt. Mein Herz schlug ein wenig schneller, mein Kopf fühlte sich ein wenig leichter an und mir war ein wenig wohler zumute; irgendwie fühlte ich mich vitaler.

Da würde jeder echte Pothead bloß abfällig lachen und der mondäne Berliner Partygast würde darüber sowieso nur das weiß gepuderte Näschen rümpfen. Eine große Tasse schwarzer Kaffee ist vielleicht sogar noch potenter, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es nicht allein der belebenden Wärme des Getränks zu verdanken ist, dass ich eine tonisierende Wirkung verspürte. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um Cocatee handelt, würde ich meinen Lebtag lang geglaubt haben, ich hätte Salbeitee getrunken.

Auf dem Tütchen mit den Cocablättern sieht man übrigens Evo Morales, den Präsidenten Boliviens, ein Cocablatt ganz leger in die Kamera halten. Man stelle sich den Skandal vor, ein ranghoher europäischer Politiker ließe sich so ablichten! Zwar weiß jeder um die zerstörerische Wirkung von Alkohol, dennoch muss man die Politprominenz nicht zweimal bitten, wenn es darum geht, sich auf dem Oktoberfest publikumswirksam in Szene zu setzen. Sag mir, welche Drogen du nimmst, und ich sage dir, woher du kommst. Drogen sind eben auch Teil der Kultur, und wie der Alkohol in Deutschland, so erhält hierzulande Coca das präsidiale Gütesiegel. Denn als erster indigener Präsident ist Evo Morales zugleich auch ein Förderer der indigenen Landeskultur. Und Coca gehört seit Jahrtausenden zu dieser Kultur – trotz des Banns, den der Westen der uralten Kulturpflanze auferlegt hat.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Flucht aus Cumbayá

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachten wir an der Küste. Wenn man es freundlich meinte, würde man Cumbayá (wo wir derzeit wohnen) als eine ruhige, beschauliche Kleinstadt bezeichnen. Nicht ganz so wohlgesinnte Zeitgenossen könnten allerdings behaupten, der Ort sei ein sterbenslangweiliger und dazu noch potthässlicher Vorstadtflecken, in dem der unüberbietbare Höhepunkt eines jeden Wochenendes in einem Besuch der Shopping-Mall bestünde. Halleluja! An einem ruhigen Samstag oder Sonntag, von denen es immer viel zu viele zu geben scheint, möchte man sich vor Langeweile am liebsten die Kugel geben. Und wenn man schon an ausnahmslos jedem Wochenende in eine Lebenskrise verfällt, mag man sich leicht ausmalen, wie es an den Feiertagen aussieht. Selbstmord oder Flucht scheinen da die einzigen Alternativen zu sein, denn Alkohol ist leider viel zu teuer.

Der 24. Dezember ist hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag. Man hat nicht den Eindruck, dass das Gros der Leute sonderliche Anstrengungen unternimmt, um das Fest zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Die meisten scheinen kaum genug Geld zu haben, um sich die notwendigsten Dinge des Lebens zu leisten. Für Extraausgaben bleibt da in der Regel kaum etwas übrig und so feiert man in ganz bescheidenem Rahmen, kaum anders als man etwa den Freitagabend nach einer langen harten Wochen genießen würde. Noch an Heiligabend mussten wir einen wichtigen Auslandsanruf tätigen und auch noch einige Seiten ausdrucken. Da wir Auslandsanrufe nicht von unserer Wohnung aus führen können und der Drucker auch nicht funktioniert, suchten wir den erstbesten Cybershop in der Stadt auf. Wir waren nicht sicher, ob wir nicht noch einmal am nächsten Tag (das wäre der 25. Dezember) anrufen müssten, aber die Besitzerin des Ladens versicherte uns, das sei überhaupt kein Problem; wie jeden Tag habe sie ab 6:30 Uhr geöffnet. Meine Frau wunderte sich und fragte sie neugierig, ob sie denn nicht feiere. Die Cyber-Frau schaute sie bloß verständnislos an und frage dann zurück, was sie denn feiern solle. Ich glaube, die arme Frau wohnt in ihrem Laden.

Für die Alteingesessenen ist es oft schwer, sich durchs Leben zu schlagen, aber nicht jeder in der Stadt muss sich darum sorgen, wie er den nächsten Tag übersteht. Cumbayá hat in den letzten Jahren viele Pelucones angezogen. So nennen die Leute spöttisch das neureiche Gesindel, welches die Grundstücke in der Stadt billig aufgekauft hat und das nun mit seinen protzigen Häusern und seinen dicken Luxuskarossen jedermann die eigene Bedeutung vor Augen zu führen versucht – nagelneue Wagen der Marke Porsche sieht man hier weit öfter im Straßenbild als in Berlin, obwohl der Verkaufspreis für die preiswertesten Modelle bei über 150.000 Dollar liegt. Ganz davon abgesehen ist so ein tiefliegendes Auto auf den hiesigen Straßen mit ihren alle paar hundert Meter willkürlich eingefügten Schwellen einfach unpraktisch.

Wer Geld hat, gönnt sich zu den Feiertagen auch etwas und da die Reichen nach Cumbayá drängen wie die hungrigen Humboldt-Kalmare zum Fischkadaver, werden die teuren Supermärkte und Spezialitätengeschäfte an den Festtagen regelrecht überschwemmt von aufgebrezelten Señoras und ihrem Dienstpersonal. Den übervollen Einkaufswagen lässt man sich vom Bediensteten des Supermarkts bis vor das Auto schieben und dann überwacht man mit Argusaugen, dass die Einkäufe auch ja ordentlich verstaut werden – man kann einfach niemandem trauen. Gerade Lebensmittel, und ganz besonders solche Dinge, die hierzulande nicht unbedingt Teil der traditionellen Esskultur sind, wie zum Beispiel Schinken, italienische Salami, europäischer Käse oder Schweizer Schokolade kommen preislich dem nahe, was man in Berlin für eine kleine Dose Kaviar verlangen würde. Doch wer es sich leisten kann, das Konsumverhalten der europäischen gehobenen Mittelklasse zu kopieren, würde es fast als Schmach empfinden zu verzichten. Und so kann ein Feiertagseinkauf leicht mit drei-, vierhundert Dollar oder mit noch mehr zu Buche schlagen, alkoholische Getränke nicht mit eingerechnet. Aber was soll´s – wer hat, der hat.

Am 25. Dezember brachen wir nach Bahía auf. Wir hatten schon am Vortag alle Besorgungen für die Reise gemacht, denn wir gingen fest davon aus, dass die Geschäfte zu Weihnachten geschlossen bleiben würden. Doch wir hatten uns getäuscht. Zwar herrschte auf den Straßen nur wenig Verkehr, aber fast sämtliche Läden, einschließlich der Supermärkte, schienen geöffnet zu haben, als wäre es ein ganz normaler Arbeitstag. Nichts deutete darauf hin, dass Weihnachten war – keine Chöre, die fröhlich Weihnachtschoräle schmetterten, keine Studenten, die, als Weihnachtsmänner verkleidet, kleine Kinder belästigten, keine Sammelbüchsen und tränenreiche Spendenaufrufe. Es war warm, die Sonne schien und Weihnachtsdekoration fand sich nur so spärlich in der Stadt, dass man sie glatt übersehen konnte. Würde man nichts von Weihnachten wissen und hätte man noch nie davon gehört, dass man an diesem Tag die Geburt des Heilands feiert, wäre es gut möglich, dass der Tag vorüberginge und man hätte von einem der bedeutendsten Feste der Christenheit kaum etwas bemerkt – und das in einem katholischen Land! Im Gegensatz dazu kann man im heidnischen Berlin all dem Frohlocken, dem ununterbrochenen Weihnachtsgesang und dem Besinnlichsein kaum entrinnen, so gern man es auch manchmal möchte.

Apropos Weihnachtsmänner: Der Weihnachtsmann – in Deutschland der Superstar jedes Weihnachtsfestes – lässt sich hierzulande nur selten sehen. Das mag daran liegen, dass sich Papa Noël, so sein Name, getreu dem amerikanischen Vorbild zu mitternächtlicher Stunde, wenn jedermann in tiefem Schlaf liegt, durch Schornsteine und Kamine zwängen muss (dabei gibt es hier im Land nicht einmal Schornsteine – armer Papa Noël). Anders als in Deutschland, wo man dem Rauschebart um die Weihnachtszeit in so ziemlich jeder Einkaufsmeile begegnen kann, sieht man die Rotjacke hier nie – er ist ja immer nachts unterwegs; kein Auf-dem-Schoß-sitzen, kein Wangentätscheln, keine mahnenden Worte, keine ängstlich hingemurmelten Weihnachtsgedichte, um den gestrengen Rauschebart gnädig zu stimmen. Studenten verlieren eine lukrative Einnahmequelle, obwohl ich kaum glaube, dass die Studierenden hierzulande es nötig haben, als Weihnachtsmänner verkleidet kleine Kinder zu erschrecken. Wer studiert, noch dazu an einer teuren Privatuniversität, wie sich eine in der Stadt befindet, hat reiche Eltern. Da kommt der Weihnachtsmann nur als Spender erlesener Gaben, nicht als Bittsteller.

Auch Weihnachtsbäume sieht man selten. Weihnachten ohne Weihnachtsbaum ist in Deutschland einfach undenkbar. Da würde man das Fest lieber ganz ausfallen lassen als auf die festlich geschmückte Tanne zu verzichten. Zwar bin ich in einem atheistischen Elternhaus groß geworden, aber zum Fest musste immer ein Baum her, und er durfte auf keinen Fall zu klein sein. Oft waren die Bäume so groß, das mein Vater das sperrige Geäst erst zurechtstutzen musste, damit sie überhaupt ins Zimmer passten. Hier am Äquator gibt es keine Nadelwälder und da der Christbaum, wenn man es recht bedenkt, eine ganz heidnische Angelegenheit ist, die im erzkatholischen Ecuador nie so recht hat Fuß fassen können, sind die Leute auch gar nicht erpicht darauf, sich einen Baum in die gute Stube zu stellen. Ohnehin müsste man in Ermangelung echter Bäume mit Abies plastica (der Plastiktanne) Vorlieb nehmen, denn auf eine so absonderliche Idee, sich etwa eine Palme ins Haus zu stellen, käme wohl niemand. Ein Baum zu Weihnachten ist eher etwas für die Gutbetuchten, die es, wie in so vielem, dem nordamerikanischen Vorbild gleichzutun versuchen.

Tropische Weihnachten

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Bald ist Weihnachten, aber die rechte Stimmung will einfach nicht aufkommen. Am Tag ist es oft so warm wie in Berlin an einem heißen Julitag. Um die Mittagszeit scheint die Sonne mit einer Kraft, dass man glaubt, die Haut würde einem geröstet. Im Freien hält man es nicht lange aus und nur zu gern flüchtet man in das kühle Innere der Einkaufszentren. Die Parkplatzeinweiser vor dem Supermarkt müssen sich dick mit Sonnencreme, Sonnenschutzfaktor fünfzig, einschmieren, damit sie nicht verbrennen. Manchmal regnet es am Nachmittag – das ist für diese Jahreszeit durchaus nicht ungewöhnlich –, aber nach einer halben Stunde ist alles schon wieder vorbei. Erst gegen Abend, nach Sonnenuntergang, sinken dann die Temperaturen wegen der Höhe merklich ab und man ist froh darüber.

Die Malls und die Geschäfte sind nun weihnachtlich dekoriert und man hat den Eindruck, die Leute stürzten hier nicht anders als andernorts in einen wütenden Kaufrausch, um all die teuren Geschenke für Menschen zu besorgen, die sie nicht leiden können. Der Weihnachtstrubel wartet auch hier mit den üblichen Exzessen auf: Als Besucher der Malls wird man bis an die Grenze des Wahnsinns (und manchmal darüber hinaus) mit Weihnachtsevergreens beschallt und es ist wahrlich die Hölle.

Neulich habe ich meine Frau nach Quito gefahren, weil sie im „Quicentro“ (das ist die größte Mall in der Stadt) einige wichtige Besorgungen machen wollte. Natürlich dauerte alles wieder eine gefühlte Ewigkeit und ich hätte am Ende nicht sagen können, ob ich drei Stunden oder drei Jahre in dem labyrinthischen Einkaufszentrum verbrachte. Die Leute kauften ein, als gelte es, vor dem Jüngsten Gericht schnell noch die letzten Besorgungen für die Ewigkeit zu machen. Dabei ergoss sich unablässig der süßliche Brei aus Weihnachtssongs in mein Ohr und richtete nicht wiedergutzumachende Schäden an meinen Synapsen an. Es würde mich nicht wundern, wenn man die bedauernswerten Insassen von Guantanamo mit „Jingle Bells“ folterte. Nach nur drei Stunden war ich bereit, alles zu gestehen, nur es sollte endlich aufhören!

Cumbayá ist ein kleiner Ort und der Weihnachtswahnsinn erreicht bei weitem nicht die Ausmaße wie in Berlin, wo man sich angesichts der wilden Konsumorgie fast schon schuldig fühlt, wenn man nichts verschenkt. Aber obwohl die Stadt so klein ist, gibt es drei Shopping-Malls. Vielleicht ist das der Grund, warum das panische Gedränge ausbleibt: in den riesigen Einkaufspassagen verlaufen sich die Massen und es geht eher gemächlich zu.

Außerhalb der Malls würde man kaum bemerken, dass Weihnachten vor der Tür steht. Sporadisch sieht man Lichterketten oder auch einmal die Lichter-Silhouette eines Weihnachtsbaumes hinter einem Wohnzimmerfenster; mancher festlich gestimmte Autofahrer montiert sich gern Rentiergeweihe aus Plüsch an seinen Wagen (das ist das Äquivalent zur roten Weihnachtsmannmütze, mit der Weihnachtsenthusiasten sich in Berlin während der Festtage zu schmücken pflegen). Doch das ist fast schon alles. Gäbe es keine Kalender, könnte man Weihnachten glatt verschlafen. Sicherlich würde man sich angesichts der lustigen Plüschgeweihe an den Autos ein wenig wundern und vielleicht würde man um den geistigen Zustand der Fahrer fürchten (wenn ihre Fahrweise nicht schon dafür sorgte), doch darüber hinaus hätte man kaum Anhaltspunkte, anhand derer man erkennen könnte, dass die festliche Zeit begonnen hat.

Wenn man sich in unserer Wohnanlage umschaut, möchte man glauben, die Leute unternehmen ihr Möglichstes, um das Weihnachtsfest zu verhindern: In der Lobby unseres Wohnhauses hat man einfach ein paar Lichter in den Ficus neben der Eingangstür gehängt und voilà – schon fühlt es sich ganz weihnachtlich an! Kaum einmal sieht man festliche Dekorationen, von geschmackvollen Festtags-Arrangements ganz zu schweigen, und wenn doch, dann sind es allenfalls die üblichen bunten Lichterketten, die man lieblos ans Vordach hängt. Weihnachten in einem Atom-U-Boot unter dem Packeis des Polarmeeres könnte kaum trister sein.

Echte Weihnachtsbäume habe ich noch nirgends gesehen, aber etwas anderes wäre auch eine Überraschung in einem tropischen Land, in dem es keine Nadelwälder gibt, aus denen man die Bäume holen könnte. Manchmal sieht man stattdessen künstliche Weihnachtsbäume, aber der Weihnachtsschmuck aus Plastik ist sehr teuer und ich bezweifle, dass es viele gibt, die einen Christbaum in ihrer Wohnung stehen haben. Der Weihnachtsbaum hat hier keine Tradition und der Brauch ist erst unter dem Einfluss der Vorbilder aus dem Norden hierher gelangt. Angesichts der sommerlichen Temperaturen wirkt der festlich geschmückte Nadelbaum für meinen Geschmack ohnehin fehl am Platze, gerade so wie die Palme an der winterlichen Strandbar in Berlin.

Hier, nahe dem Äquator, fühlt man sich, als sei man im Sommerurlaub, als mache man Ferien auf einem tropischen Eiland und als würden diese Ferien niemals enden – nicht, dass ich die Kälte und das schlechte Wetter vermisse, aber über ein wenig besinnliche Stimmung würde ich mich dennoch freuen. Ich fürchte aber, die weiße Weihnacht meiner Kindheit bleibt nur eine schöne Erinnerung. Wir werden nach Bahía an den Stand fahren – wenn es denn schon Sommer sein soll, dann richtig: mit Sonne, Sand und Meer und Piña coladas bis zum Alkoholkoma (bei mir wären das dann genau drei). Besinnungslos statt besinnlich, möchte man da sagen.

Weihnachtsgruß

Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.