Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

In Trümmern

Welche Verwüstungen das Erdbeben angerichtet hat, sollten wir am Abend mit eigenen Augen sehen. Bahía liegt unter einem Hügel und als wollten die Bewohner der Stadt sich des Schutzes einer höheren Macht versichern, haben sie vor Jahren auf dem Gipfel einen Turm in der Form eines christlichen Kreuzes errichten lassen. Kostspielige Glaubensakte dieser Art lösen hierzulande keinerlei öffentliche Diskussion aus – die Atheisten sind hoffnungslos in der Unterzahl. Doch dem Monument mag weniger ein Glaubensbekenntnis zugrunde liegen als vielmehr der Wunsch, der Stadt ein Wahrzeichen zu verschaffen, das mehr Touristen auf die Halbinsel lockt.

Nach dem Beben ist „La Cruz“ (die Gegend rund um das Kreuz) weiträumig zerstört. Vor dem Erdbeben war die Bergspitze dicht bebaut, überall wohnten Familien, doch nun liegt alles in Trümmern, als hätte jemand eine Bauklötzerstadt mit ein paar mutwilligen Fußtritten zum Einsturz gebracht. Nicht ein einziges Haus hat die Erdstöße auch nur halbwegs aufrecht überstanden. Alles ist in einen riesigen Schuttberg verwandelt.

Schon auf dem Weg hinauf zur Spitze hatten wir Viertel durchquert, die allein aus Notquartieren zu bestehen schienen. Die Menschen dort leben in Zelten oder hausen in provisorischen Unterkünften, die aussehen wie große Metallschachteln. Das Leben spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Für Privatsphäre gibt es keinen Platz und selbst Intimstes wird oft nur durch einen Vorhang vor den Blicken der Straße verborgen. Als wir vorbeifahren, werden wir ungeniert begafft – außer Gaffen gibt es nichts zu tun und die Straße ist die einzige Sensation. Die Blicke sind mir unangenehm, denn sie scheinen mich zu fragen, wie es mir gut gehen kann, da sie doch leiden müssen.

Auf dem Berg finden sich nur noch Trümmer, von den einstigen Bewohnern keine Spur. Eine Treppe, die seeseitig auf die Anhöhe hinaufführt, ist in der Mitte gespalten, als wäre sie mit einer Axt zerteilt worden. Zudem hat sich der Beton gefährlich geneigt und wahrscheinlich hat nicht viel gefehlt, und alles wäre den Berg hinuntergerutscht. Das Kreuz selbst steht zwar noch als einsames Mahnmal der Zerstörung, aber die eiserne Treppe, über die man zur Aussichtsplattform hinaufsteigen konnte, hängt darin wie ein Pendel, das sich lose geschlagen hat: Ich kann sehen, wie die Konstruktion hin und her schwingt. Hochzusteigen wäre schierer Wahnsinn. Ein Spalt im Beton erweckt den Eindruck, um Haaresbreite wäre das Fundament mitsamt dem Turm und den Nebengebäuden als Trümmerlawine auf die Stadt gestürzt.

Meine Frau bricht in Panik aus, weil ich die Kamera noch immer offen sichtbar mit mir herumtrage. Doch hier oben ist niemand, der sie mir wegnehmen könnte. Wir sind allein. Ich begreife, es gibt keinen Grund, diesen Ort zu besuchen, denn alles, was man findet, sind Tod und Zerstörung. Ein Hund streunt einsam durch die Trümmer. Es herrscht eine Stille wie nach einer heftigen Schlacht; eine große Ruhe geht von dieser apokalyptischen Szenerie aus. Ich fühle mich wie ein Eindringling, denn ich habe den Eindruck, ich störe den Frieden, der sich gleich einem Leichentuch über diesen Schutthaufen gebreitet hat. Wir bewegen uns sehr vorsichtig und verlassen den Berg, so schnell wir können.

Begegnung am Kanal

Der Kauf eines Hauses will reiflich überlegt sein und bevor man solch einen Schritt wagt, sollte man sich gut informieren. Gucken ist unverbindlich und Fragen verpflichtet auch noch nicht zum Kauf. Aber man kann schon einmal eine Menge in Erfahrung bringen und manchmal ist so eine Besichtigungstour auch eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen. Wir hatten gehört, dass der Sohn eines berühmten Einwohners der Stadt eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadtgrenzen errichten lasse. Unsere Neugier war geweckt und wir wollten uns einmal ansehen, wie so etwas aussieht. Wir ließen uns daher für eine Objektbesichtigung vormerken und fuhren hin.

Die neue Siedlung befindet sich einige Autominuten außerhalb von Bahía. In der Stadt selbst ist gutes Bauland in den letzten Jahren rar geworden und leere Baugrundstücke gibt es schon seit langem nicht mehr. Zwar hört man immer wieder, dass Leute verkaufen wollen, doch gerade in der jüngsten Zeit hat die Stadt eine Art Immobilienfieber befallen und jeder, der eine sechsstellige Zahl korrekt auf ein Blatt Papier schreiben kann, fühlt sich bemüßigt, unverschämte Forderungen zu stellen, sobald man fragt, wie viel sein Grundstück wohl koste. Ich weiß nicht, ob jemand diesen Leuten schon einmal Realitätsverlust attestiert hat – mittlerweile scheint der Grad der Wahrnehmungsverzerrung ein klinisches Stadium erreicht zu haben.

Die Preise sind geradezu abenteuerlich. Für dieselbe Summe könnte man sich in Berlin ein kleines, aber feines Apartment leisten. Doch Bahía ist nicht Kalifornien oder die Costa del Sol, ja nicht einmal Guayaquil. Es handelt sich immer noch um denselben winzigen Flecken am Rande des Pazifiks, dessen Einwohner vor gut zwanzig Jahren die erste Verkehrsampel bestaunten wie das achte Weltwunder. Manchmal glaubt man, die Leute seien nicht mehr bei Trost, wenn sie annehmen, jemand würde ihnen ihr winziges Grundstück mit einem alten Haus darauf tatsächlich für den Fabelpreis abkaufen, den sie sich in einer tropischen Mondnacht bei Zuckerrohrschnaps und Bier herbeiphantasiert haben.

Die neue Wohnanlage wird auf Brachland errichtet, außerhalb von Leonidas Plaza, der quirligen Vorstadt von Bahía. Das Grundstück ist überwältigend groß – an der längeren Seite misst es sicher an die zweihundert Meter – und wenn man am Eingangstor steht, fühlt man sich fast so klein wie ein Gesandter aus dem Barbarenlande vor den Pforten der Verbotenen Stadt. Die Straße führt direkt vor dem Tor vorbei, doch die Siedlung ist immer noch weit genug von der Stadt entfernt, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, man befände sich mittendrin.

Auf der gegenüberliegenden Seite grenzt die Anlage an ein Grundstück der Katholischen Universität. Diese Lehreinrichtung ist eine der besten privaten Hochschulen des Landes und wer hier studiert darf sich glücklich schätzen (und seinen reichen Eltern danken), denn allein schon der Besuch der berühmten Alma Mater stellt sicher, dass man sich nach dem Abschluss zur Elite des Landes zählen darf.

Das der Universität gehörende Grundstück ist noch vollkommen unerschlossen – das allgegenwärtige Grün wuchert uferlos bis zum Horizont – und da es sich zudem noch um ein Naturschutzgebiet handelt, besteht wenig Anlass zu der Befürchtung, dass sich daran jemals etwas ändern wird – also schöne Aussichten für Häuslebauer, die beim Morgenkaffee die freie Aussicht in die Natur genießen wollen. Ein gewaltiger Zaun aus armdicken Gitterstäben, wie man sie sonst nur im Zoo an den Gehegen der gefährlichsten Kreaturen findet, markiert die Grenze.

Nachdem der Wachschutzmann unsere Namen erfragt und uns eingelassen hat, können wir einen ersten Eindruck gewinnen. Überall in Bahía hört man über diese neue Wohnanlage reden. Wir spazieren ziellos umher, doch wirklich viel kann man freilich nicht sehen: Kaum mehr als ein Dutzend Häuser ist bis dato fertiggestellt, dazu stehen noch die Mustertypen, die man braucht, um Interessenten den Mund wässrig zu machen. Auch an Bäumen fehlt es noch: überall nur staubtrockene, kahle Erde. Der Ort erinnert sehr an eine Großbaustelle, auf welcher der Baubetrieb momentan zum Erliegen gekommen ist, weil der Investor gerade Konkurs angemeldet hat. Doch hier verhält es sich ausnahmsweise einmal anders.

Wir laufen gerade durch die Anlage und schauen uns die neuen Häuser und die ebenfalls neuen und schön gepflasterten Straßen an, als uns Rodrigo wie zufällig über den Weg läuft. Natürlich ist das kein Zufall, denn er bewohnt derzeit eines der Musterhäuser und selbstverständlich ist ihm unser Besuch vom Wachmann pflichtschuldig gemeldet worden. Rodrigo ist ein alter Freund – ich habe ihn 1992 zum ersten Mal getroffen – und sein Sohn ist der eigentliche Spiritus rector hinter dem Projekt, dessen erste Resultate wir gerade Gelegenheit haben, in Augenschein zu nehmen. Rodrigo ist mit einer alten Schulfreundin meiner Frau verheiratet und seinerzeit galt er, wie man hört, als der Schwarm von ganz Bahía. Er ist seit unserem letzten Treffen vor einigen Jahren deutlich gealtert, aber ja, er sieht immer noch gut aus, und zwar trotz der schweren Krankheit, von der er erst kürzlich genesen ist.

Rodrigo entstammt einer alten, einflussreichen Familie, die in der Gegend seit langem begütert ist. Ecuador, so könnte man glauben, ist voll von alten Familien und wohin man sich auch wendet, auf Schritt und Tritt begegnet einem irgend ein alter Titel, der seinem Träger Bewunderung und Vorrechte einträgt. Aber der Eindruck täuscht natürlich, denn es können immer nur wenige sein, die Vermögen und Privilegien unter sich aufteilen.

Doch man sollte nicht ungerecht sein: Gerade von Rodrigo wissen die Leute nur Gutes zu berichten. Man sagt, er hätte viele gute Dinge für die Stadt getan, und wer ihn kennt, möchte dies nur allzu gern glauben. Er ist dafür bekannt, dass er so manchem half, der in eine verzweifelte Lage geraten war. Und man weiß auch, dass er Freunde niemals im Stich lässt.

Nur zu oft begegnet man unter den Eliten dieses Landes jenem kalten Standesdünkel, der Distanz schafft zwischen den Welten der Besitzenden und der Habenichtse. Doch solches gekünstelte Gehabe liegt Rodrigo völlig fern; er ist immer ganz er selbst und man achtet und respektiert ihn gerade deswegen. Nie würde man erleben, dass er etwa mit seinen Angestellten anders verkehrte als mit Geschäftspartnern – ein Charakterzug mit Seltenheitswert. Menschenfreundlichkeit und Natürlichkeit prägen seinen Charakter und sie sind der Quell seiner Beliebtheit – etwas, das man beileibe nicht allen Angehörigen der Oberschicht nachsagen kann.

Rodrigo lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu führen. Während wir uns die Musterhäuser anschauen, erklärt er, dass, wenn alles vollendet wäre, einmal hundert Wohneinheiten auf dem Gelände stehen würden. Auch werde man bald die Begrünung in Angriff nehmen. Die Hauseigentümer könnten selber entscheiden, welche Bäume sie auf ihrer Parzelle gepflanzt haben möchten. Es sei auch möglich, die Farbe zu wählen, in der das Haus später erglänzen soll.

Es gibt drei Typen von Häusern; sie sind unterschiedlich groß und die Preise sind entsprechend gestaffelt. Die mittlere Variante spricht uns am meisten an. Das Haus verfügt über zwei Etagen und drei Schlafzimmer sowie über ein sehr großes helles Wohnzimmer und eine schöne Wohnküche. Überdies gibt es eine Garage, doch man könnte den Wagen auch einfach auf der Straße abstellen, denn die Anlage wir rund um die Uhr bewacht. Der Komplettpreis für solch ein Haus beträgt 85.000 Dollar und der erste Spatenstich erfolgt, sobald der Klient dreißig Prozent der Gesamtsumme angezahlt hat.

Rodrigo erläutert, dass beim Bau nur qualitativ hochwertige Materialien Verwendung fänden und dass man Techniken einsetze, wie sie etwa in Deutschland Standard seien. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Anlage einmal aussehen würde, wenn alles fertig wäre – wahrscheinlich kaum anders als eine propere deutsche Vorstadtsiedlung, in welcher der Mittelstand seinen Traum vom Glück verwirklicht hat: schnurgerade Reihen von Serien-Einfamilienhäusern mit schönen Einbauküchen und Carports; das Grauen als Mittelstandsidylle.

Hier in Ecuador, zumal in Bahía, fallen solche altbackenen Spießerträume auf fruchtbaren Boden. Die Leute sehnen sich geradezu verzweifelt nach der vermeintlich schönen heilen Welt des fernen Europa. Ein Haus, ordentlich in Reih und Glied neben anderen Häusern, von denen es sich auch beim dritten Mal Hingucken kaum unterscheiden ließe, hübsch herausgeputzte Vorgärten und argwöhnisch blickende Nachbarn sind für die meisten die Essenz des Glücks schlechthin und die unentbehrlichen Requisiten eines erfüllten Lebens. Jeder mag die Vollendung finden, die ihm beliebt.

Doch es gibt nicht viele Alternativen. In Ecuador findet man Landstriche von atemberaubender Schönheit und tatsächlich wäre es möglich, Land zu kaufen und sich ein Haus zu bauen. Man sollte vor solchen Utopien Reißaus nehmen. Trotz aller Veränderung zum Besseren prallen in diesem Land immer noch extreme soziale Gegensätze aufeinander und Gewaltkriminalität ist leider einer der bestimmenden Faktoren des Lebens. Solche Blütenträume von einem autarken Glück in der bezaubernden tropischen Landschaft würden dem Alltag nicht lange standhalten. Es bedarf nicht viel Phantasie, das Bild zu vervollständigen.

Die Wohnanlage verfügt über ein ausgedehntes Gemeinschaftsareal, das für alle Arten sportlicher Aktivitäten gerüstet ist: Es gibt einen Fußballplatz mit Kunstrasen, einen Tenniscourt, wie er selbst einen verwöhnten Profi zufriedenstellen würde, und einen großen Swimmingpool. Mitten durch die Anlage führt ein Graben von den Dimensionen des Panamakanals. Mir war keineswegs klar, dass es auf dem Areal der Siedlung Bewässerungsprojekte mit megalomanischem Anspruch gibt. Ein Brückenbogen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil spannt sich anmutig über den Canyon.

Wenn alles erst einmal in das tropische Paradies verwandelt ist, das den Bauherren vorschwebt, wird man glauben, man wandle durch einen blühenden Lustgarten – oder so ähnlich. Rodrigo meint, das Gelände sei durch Überschwemmungen bedroht und um die Gefahr abzuwenden, habe man den Entwässerungskanal angelegt, ein Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen. Ich frage mich, wie groß die Bedrohung wohl sein mag, wenn es eines mehrere Meter tiefen Kanals bedarf, um sie abzuwenden? Der Graben scheint geeignet, darin Mammuts zu fangen oder um als Deponie für den Müll der Stadt aus den letzten zehn Jahren zu dienen. Der Anblick verursacht ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wir plaudern noch ein wenig, wie man eben so plaudert, wenn man sich über die Jahre aus den Augen verloren hat. Über seine Krankheit spricht Rodrigo nicht, aber er meint, es sei nun alles wieder in Ordnung. Es gehe ihm gut. Zumindest ist er am Leben und das ist viel, wenn man den Gerüchten, die eine Zeitlang in Umlauf waren, Glauben schenken möchte.

Wir kommen schnell auf das Erdbeben zu sprechen, das Bahía wie die gesamte Küste getroffen hat. Auf einigen der Wege zeigen sich Verwerfungen und die Einfassung des Schwimmbeckens ist herausgebrochen, als hätte sie jemand mit dem Vorschlaghammer vorsätzlich herausgesprengt. Rodrigo zeigt auf eines seiner Musterhäuser, durch dessen Fassade sich ebenfalls Risse ziehen. Es sei jedoch nichts eingestürzt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt; die Statik wäre jedenfalls nicht betroffen. Vielleicht spricht das für die gute Bauausführung oder für die „deutschen“ Standards. Ich kann es nicht beurteilen.

Rodrigo verabschiedet sich. Er sieht aus, als hätte er eine Verabredung zum Tennis auf dem nagelneuen Platz in seiner Anlage. Er ist etwas schlanker als ich ihn in Erinnerung habe, aber er sieht sportlich aus. Er scheint ruhiger geworden zu sein und vielleicht auch gelassener. Augenscheinlich geht es ihm gut. Ich freue mich darüber von ganzem Herzen und ich gönne ihm seinen Frieden.

Wir sind natürlich neugierig und natürlich ist die Auskunft des Investors keinen Pfifferling wert, wenn man seinen Sachverstand nicht auch noch durch eine zweite Meinung stärkt. Der Cousin meiner Frau, einer der Eigentümer und Betreiber des „Buenavista Place Hotel“, kennt sich aus mit Immobilien – notgedrungen. Gerade in einer Gegend, die regelmäßig von Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, ist man auf kundigen Rat angewiesen.

Der Vetter stellt rundheraus in Frage, dass man durchgängig hochwertige Baumaterialien verwendet hätte, wie man behauptet, doch dass ein tiefer Flutgraben durch die Anlage verlaufe, sei einfach nur besorgniserregend. Wenn er zu entscheiden hätte, welcher der sicherste Platz für ein Haus sei, würde er eine Stelle wählen, die möglichst hoch liegt und vor allem möglichst weit entfernt vom Graben.

Zumindest wissen wir nun, dass der Graben kein stiller Wasserarm ist, der in einen Seerosenteich mündet, auf dem sich Liebespaare in Schwanenhalsbarken ein romantisches Stelldichein geben. Wir erfahren darüber hinaus, dass es die Wohnanlage schon seit vier Jahren gibt, aber erst der kleinste Teil der Parzellen sei verkauft. Vielleicht hat der Stillstand auf der Baustelle also doch etwas zu bedeuten. Ich kann es nicht wirklich glauben, dennoch will es mir nicht gelingen, die ungute hellseherische Ahnung abzuschütteln, die sich an mich klammert wie ein Alp.

Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Der Hafen am Ende der Welt

Heute muss man sich nicht mehr ein Fischerboot am Strand von Bahía suchen, wenn man zur Isla Corazón übersetzen möchte. Man überquert die Brücke, welche die Mündung des Río Chone in gerader Linie überspannt, und wenn man die Festlandseite erreicht hat, folgt man der Straße nach Süden. Schon nach wenigen Kilometern gelangt man zu einem Flecken namens Puertobelo.

Der poetische Name gibt Anlass zu den schönsten Hoffnungen, aber um in diesem Ort mehr zu sehen als bloß eine Ansammlung von Hütten, bedarf es schon einer überschäumenden Phantasie. Mir drängte sich der Eindruck auf, Puertobelo sei der letzte Hafen vor dem Ende der Welt. Der Fortschritt scheint an diesem Ort vorbeigegangen zu sein und auch die Brücke, über die das Leben und neue Ideen zur Halbinsel fließen, hat ihn nicht beflügeln können. Puertobelo ist ein von der Zeit vergessenes Dorf am Pazifik, wie es viele in Ecuador geben mag.

Doch der erste Eindruck täuscht und wer die Leute nicht fragt, dem bleibt das Geheimnis verborgen: Bis 1998 war Puertobelo ein wichtiger Ausfuhrhafen für landwirtschaftliche Produkte der Region. Schiffe machten an den Kais in Sichtweite der Mangroveninsel fest. Die Fracht wurde entlang der Küste bis nach Manta verschifft. Als wir den Hafen besuchten, lag aber nicht ein einziges Schiff vor Anker. Die Wasserstraße zwischen Hafen und Insel wirkte wie ausgestorben. Man sah keine Fischer, keine Boote, nicht einmal Touristen. Die weite, leere Wasserfläche glänzte magisch in der grellen tropischen Sonne. Auf der anderen Seite lag zum Greifen nahe die Isla Corazón, still und unberührt wie ein wildes Eden.

Bis 1998 war Puertobelo auf den Karten der Küstenschifffahrt als wichtiger Hafen vermerkt, doch dann kam El Niño und unaufhörliche sintflutartige Regenfälle suchten die Küstenregion heim. Die Wassermassen spülten Unmengen an Sedimenten in die Flussmündung. Lag die Wassertiefe im Hafen vor 1998 bei durchschnittlich 25 Metern, so sind es jetzt gerade einmal fünf bis sieben Meter. Für Schiffe, wie sie für den Transport auf dem Meer nötig wären, reicht die Wassertiefe mittlerweile nicht mehr aus. Die Transportrouten haben sich verlagert und Puertobelo gerät immer mehr in Vergessenheit.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.

Neues zum Erdbeben

Im Lichte neuer Informationen scheint die erste Prognose, wonach Bahía das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden hätte, wohl hinfällig. Man geht inzwischen davon aus, dass achtzig Prozent der Stadt verwüstet sind. Viele Häuser stehen noch, aber man muss annehmen, dass die Statik gelitten hat und dass man sie früher oder später wird abreißen müssen. Die meisten Städte der Küstenregion sind betroffen. Auch Manta, die große Hafenstadt am Pazifik, soll erhebliche Schäden davongetragen haben. Präsident Rafael Correa hat seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig beendet und ist umgehend in die Regionen des Landes gereist, die am stärksten von den Auswirkungen des Bebens betroffen sind. Es heißt, als er die Verheerungen in Manta sah, sei er den Tränen nahe gewesen.

Manche Städte, wie Pedernales, sind vollkommen zerstört worden. Es gibt viele Todesopfer zu beklagen. In Canoa ist das Hotel „Canoa Beach“ eingestürzt. Dabei wurden Hotelgäste, unter ihnen Schweden, Dänen, Italiener, Amerikaner und auch Deutsche, verschüttet. Viele von ihnen sind offenbar noch am Leben, aber sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie könnten gerettet werden und man hofft und bangt, dass in der nächsten Zeit Hilfe eintreffen wird. Da auch Deutsche zu den Opfern gehören, wurde die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland informiert und gebeten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Menschen zu helfen. Der ecuadorianische Staat ist angesichts des Ausmaßes der Katastrophe schlicht überfordert. Die Behörden tun, was in ihren Kräften steht, doch oft reichen die Kräfte einfach nicht aus.

Hilfe gelangt nur schwer in die betroffenen Regionen. Viele Gegenden sind von der Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten und es drohen Epidemien. Die Regierung hat Hilfskonvois organisiert, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Leider haben in der Stunde der größten Not immer auch die skrupellosesten Elemente einer Gesellschaft Konjunktur. Dann ist die Zeit der Verbrecher, der Spekulanten und der unmoralischen Geschäftemacher gekommen. Dass Häuser und Geschäfte geplündert werden, erachtet man dabei noch als das geringste Übel. Man hört jedoch davon, dass einige Konvois von Banden überfallen worden seien: Wegelagerer zwangen die Helfer und Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihnen die Hilfsgüter auszuhändigen. Wer sich da weigert, den Anordnungen Folge zu leisten, hat entweder zu viele Actionfilme gesehen oder ist einfach nur dumm. Man weiß nicht, ob man aus schierer Not stiehlt, weil man die Hilfsgüter dringend zur Eigenversorgung benötigt, oder ob man die Gelegenheit für das große Geschäft wittert. Vieles ist denkbar und nur wenig davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Es tut mir in der Seele weh, Bahía so am Boden zu sehen. Ich kenne die Stadt nun schon seit vielen Jahren und es war immer schön zu erleben, wie der Fortschritt Einzug hielt und wie die Stadt sich mit den Jahren veränderte, ohne dass sie ihren unverwechselbaren Charakter einbüßte. Bahía hatte sich durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch stets seinen Charme bewahrt. Es wird lange dauern, bis die Stadt wieder zu ihrer alten Heiterkeit zurückfindet. Ich hoffe sehr, dass ihre Einwohner sich nicht entmutigen lassen, denn so klein die Stadt auch sein mag, Bahía hat Bedeutung: Ein Ecuador ohne Bahía de Caráquez wäre ein sehr viel ärmeres Land.

Die meisten Informationen, auf die ich mich stütze, habe ich über Facebook bezogen. Ich mag Facebook nicht und es ist daher auch nicht mein Account, über den Nachrichten zu mir gelangen, sondern der meiner Frau. Es scheint, sie steht mit halb Ecuador in Verbindung und die Nachrichten gehen bei ihr in solch dichter Folge ein, dass ich fast glaube, ihr Notebook sei einer der großen Knotenpunkte des Cyberkosmos. Für die Richtigkeit der Angaben kann ich freilich nicht garantieren, denn niemand von uns ist bisher in der Küstenregion gewesen und hat die Verheerungen mit eigenen Augen gesehen. Was ich weiß, habe ich letztlich von anderen erfahren. Denn das ist wohl der Segen und auch der Fluch unserer Welt – nämlich dass wir alles wissen können, doch dass wir es von anderen erfahren müssen.

[Anmerkung: Die Bilder wurden von meiner Frau knapp zwei Wochen nach dem Beben aufgenommen.]

Pazifische Sonnenuntergänge

Wir waren auf Reisen. Ausgangspunkt unserer Grand Tour de Ecuador war Bahía de Caráquez. Nicht zum ersten Mal zog es uns zur Küste und eigentlich ist Bahía bei jeder Reise – ganz gleich, welches Ziel wir auch ansteuern – immer unser erster Anlaufpunkt. Ecuador ist zwar ein Land in den Tropen, doch besteht zwischen Costa und Sierra mindestens ein so großer Unterschied wie zwischen dem winterlichen Berlin und dem sonnenverwöhnten Neapel. Aber nicht nur Geographie und Klima bewirken, dass Küste und Gebirge als zwei völlig verschiedene Welten empfunden werden, auch die Mentalität der Leute unterscheidet sich und vielleicht ist doch nicht alles falsch an der alten, im Kehricht der Studierstuben vergessenen Idee, dass das Klima den Charakter beeinflusst.

Ich habe nie verstehen können, warum man statt an die liebliche Amalfiküste oder zum mythischen Kreta, im Sommer zum kalten Nordkap pilgern muss. Norwegen hat sicher seinen Reiz, aber wenn man aus einem kalten Land kommt – und Deutschland ist nun einmal ein kaltes Land (man frage die Ecuadorianer!) – sehnt man sich nach Wärme, nach Sonne und nach der Leichtigkeit des Südens mit seiner kultivierten Lebensart und seinen freundlichen Menschen. Ich habe nie begriffen, dass man nichts dabei fand, wenn der Berliner Sommer grau, kalt und verregnet wäre, hätte man doch nur einen wunderbaren Goldenen Herbst zu erwarten!

Ich brauche Wärme, Sonne und freundliche Menschen um mich. Die Küste hat in vielerlei Hinsicht die Leichtigkeit und die Leichtlebigkeit der mediterranen Kultur geerbt. Manch einer mag zu der nicht ganz unbegründeten Auffassung neigen, sie habe auch ihren Leichtsinn geerbt, aber das ist ein anderes Thema. Nachdem sie einmal mit Italienern zu tun gehabt hatte, wunderte sich meine Frau, die von der Küste stammt, dass die Leute von der Apenninenhalbinsel den Costeños in ihrer ganzen Art sehr ähnlich seien. Das ist einer der Gründe, warum ich so gern an die Küste fahre.

Wie üblich fuhren wir über Santo Domingo und wie üblich ließ es sich mein Schwiegervater nicht nehmen, uns zum Essen einzuladen. Der Mann hat offenbar einen Spenderkomplex, aber irgendwie ist er nett und ich kann ihn gut leiden. Bei Pedernales stießen wir auf die Küste und von dort braucht man noch einmal neunzig Minuten bis Bahía. Wir fuhren auf der hervorragend ausgebauten Küstenstraße nach Süden und da es schon spät geworden war, konnten wir der Sonne dabei zusehen, wie sie gleich einem auf die Erde stürzenden Himmelskörper zunächst allmählich und dann immer schneller dem Horizont entgegensank.

Als wir San Vicente erreichten (das ist die Stadt auf der Festlandseite jener Bucht, auf deren anderer Seite Bahía de Caráquez liegt), hing die orange-rote Feuerkugel der Sonne nur eine Daumenbreite über dem Meereshorizont. Wir hielten an einem Aussichtspunkt und sahen gebannt dabei zu, wie der glühende Sonnenball in nur wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pazifiks zerschmolz. Noch minutenlang füllte Abendrot den Himmel. Von jenseits des Horizonts setzte das sinkende Tagesgestirn das Firmament mit letzter Kraft in Brand. Wie im Widerschein einer kataklysmischen Vulkaneruption glühten die Wolken in einem feurigen Orange.

Nicht anders als das berühmte Macondo, ist Bahía ein Ort der Geschichten und der Mythen, wobei sich nur selten mit einiger Sicherheit bestimmen lässt, was davon wahrer ist – Mythos oder Geschichte. Denn mancher Mythos ist wirklich wahr, wohingegen nicht wenige Geschichten wohl mehr auf die überschäumende Einbildungskraft der Leute zurückzuführen sind. Eine wahre Geschichte von fast schon Shakespeareschen Ausmaßen erzählt vom Schicksal der Rupertis, einer berühmten Familie der Stadt.

An einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang ließen wir uns ohne ersichtliches Ziel durch die Stadt treiben. Bahía hat viele berühmte, von Mythen und Geheimnissen umwitterte Orte, denn anders als das skeptische Berlin mit seiner alles hinterfragenden, fast schon lästerlichen Vernunft lebt die Stadt am Pazifik von den Geschichten am Rande des Irrationalen. Und die wahren Geschichten erkennt man daran, dass sie verrückter sind als die erfundenen es je sein könnten. Wir fuhren durch die Stadt und als der Tag sich anschickte, im Goldgewand des Abends in den Pazifik zu tauchen, kamen wir plötzlich zu der Ruine eines Hauses auf der Spitze eines Hügels hoch über dem Meer.

Ähnlich dem Palazzo eines vornehmen Geschlechts im Italien der Renaissance erhob sich über der Stadt einst die strahlende Residenz der Rupertis. Die Familie hatte das repräsentative Anwesen erst kürzlich errichten lassen und mit dem neuen Haus sollte sich eine glückliche Zukunft verbinden. Doch das Schicksal folgte nicht dem geraden Weg des Glücks, sondern schlug eine Abzweigung ein, die zu einem dunklen, trostlosen Ort führte.

Das Verhängnis drängte in das Leben der Familie mit der Macht des Schicksals in einer griechischen Tragödie: Eines Tages fand man den Vater tot im Bett, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. Es gab keine Indizien, die einen Schluss zuließen, wer hinter dem Mord steckte; auch ein Motiv ließ sich nicht ermitteln. Zusammen mit ihren drei Kindern lebte die Mutter weiter in dem Haus bis zu jenem verhängnisvollen Tage, etwa zwei Jahre später, da man auch sie tot in ihren Gemächern fand. Auch sie wurde erschossen und wieder fand sich nicht die geringste Spur. Die Morde sind bis heute ein Rätsel und alles, was man darüber hört, sind die verrückten Geschichten, die sich die Leute in den Straßen Bahías zuraunen.

Schicksalsschläge wie diese hätten wohl jeden aus der Bahn geworfen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte, die als Tragödie begann, auch als Tragödie endete. Wie ein tausend Tonnen schwerer Güterzug, der ohne Bremsen einen Berg hinunterrast, und der erst in einer Katastrophe zum Stehen kommt, musste das Vermögen der Familie verschleudert und die Leben der Kinder vollständig ruiniert werden, ehe die Waagschalen des Schicksals wieder ins Gleichgewicht kamen.

Man kann einem Menschen, der einen traumatischen Verlust erlitten hat, nicht vorwerfen, dass er den Schmerz in jeder nur möglichen Weise zu betäuben versucht. Doch leider findet man auf diesem Weg keine Erlösung, denn wenn die Betäubung nachlässt, erleidet man nur immer wieder dieselbe Qual. Am Ende aller Wege steht man am Abgrund und ob man noch einen Schritt weiter geht, ist die letzte Entscheidung, die man im Leben zu treffen hat.

Die Kinder hatten in geschäftlichen Dingen leider nicht das Geschick der Eltern geerbt und so verzettelten sie sich in teils waghalsigen, teils törichten Unternehmungen, die das riesige Vermögen der Familie in nur wenigen Jahren vernichteten. Nachdem alle Konten geplündert und noch der letzte Notgroschen verschleudert war, ließ sich der standesgemäße Lebensstil, den man als Angehöriger einer honorigen Familie gewohnt war, nicht länger aufrechterhalten und der unaufhaltsame Abstieg ging in den freien Fall über.

Mit dem Verlust des Vermögens fielen die Schranken des Anstands und als handelte es sich um einen namenlosen Leichnam am Straßenrand fledderte man auch noch die letzten Überbleibsel dessen, was einst der Ruhm und der ganze Stolz der Familie war: Alles von Wert wurde aus dem Haus fortgeschafft. Möbel, Türen, Fenster, Bodenbeläge, Armaturen und Installationen wurden entfernt und eilig verhökert, als gelte es, die eigene Seele aus dem Fegefeuer freizukaufen. Am Ende blieben von dem strahlenden Anwesen nur die kahlen Mauern. Die Zeit und Plünderer rissen auch sie bis auf die Fundamente nieder. An den Resten nagt die salzige Meeresluft und allmählich zerfällt alles zu Staub.

Die Kinder haben überlebt. Ähnlich Suchtpatienten, die nach Jahren ruchloser Exzesse ein schweres Fieber befällt und die, nachdem die Fiebermären ausgestanden sind, friedlich ihrer Genesung entgegenschlafen, führen sie heute ein ruhiges, unscheinbares Leben abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vielleicht träumen sie manchmal von ihrem früheren Leben und man könnte es ihnen nicht verübeln, wenn sie es sich zurückwünschten.

Doch eine Rückkehr ist unmöglich, denn die Vergangenheit ist ausgelöscht: Vom Vermögen der Familie ist nichts geblieben als Erinnerung. Und auch ihr Ruf ist dahin, getilgt in Exzessen jeglicher Art und zur Legende verteinert mit den Jahren. Nur die alten Geschichten sind noch da, die sich die Leute auf den Straßen Bahías erzählen, Geschichten von Reichtum, Neid und Rache, Geschichten von Intrige und Mord. Manche dieser Geschichten sind so verrückt, dass man sie kaum glauben möchte, aber wahrscheinlich sind sie wahr, so wie alle Mythen irgendwie wahr sind.

Das Grundstück, auf dem sich einst das stolze Anwesen der Familie erhob, ist heute verwaist. Der warme Pazifikwind streicht um die Ruine und Unkraut sprießt aus den Mauerritzen. Dabei befindet sich die Immobilie in bester Lage und jeder, der ein wenig Geschäftssinn hat, müsste sich eigentlich die Finger danach lecken: Die Spitze des Hügels bietet eine grandiose Aussicht auf den Ozean und allabendlich könnte man von der Terrasse aus den pazifischen Sonnenuntergang bewundern. Auf der anderen Seite streift der Blick über die Dächer Bahías und man schaut herab auf die Stadt wie ein Fürst vom Altan seines Palastes.

Es verwundert, dass noch niemand Interesse an dem Grundstück angemeldet hat, aber die Leute sind abergläubisch. Man meint, ein Fluch liege über dem Ort, und jedem, der die Kühnheit besitze, eine so offensichtliche Tatsache zu ignorieren, indem er dort ein Haus errichtet, werde es nicht anders ergehen als den Vorbesitzern. Mit Logik hat das natürlich nichts zu tun, aber wie soll man den Leuten mit Vernunft kommen, wenn höhere Mächte im Spiel sind.

Wir fuhren weiter zur Strandpromenade auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Stadt. Dort versammelt sich jeden Abend eine bunte Gesellschaft aus Einheimischen und Urlaubern, um bei Musik und ausgelassener Stimmung den Sonnenuntergang zu feiern. Die Sonnenuntergänge am Pazifik sind spektakulär wie sonst kaum ein Naturereignis und die Leute sind so fröhlich, dass man fast meinen könnte, die Sonne ginge nur alle paar Jahre unter. Aber wann nimmt man sich schon einmal Zeit für solche Dinge? Wie oft im Leben hat man die Silberscheibe des Vollmonds gesehen und wie oft wird man noch Gelegenheit dazu haben? Wann hat man zum letzten Mal vor dem Abendrot ausgeharrt bis das letzte Licht erlischt und die Sterne heraufziehen? Und wann käme man schon auf die Idee, den Sonnenuntergang zu feiern? Da feiert man öfter den eigenen Geburtstag.

Am Rande der feiernden Menge tauchte plötzlich ein Jogger in voller Fitnessmontur auf: die windschnittige Kleidung des Profiathleten auf den eher weichlichen Leib gepresst, Stirnband, Fitnesstracker, sündhaft teure Laufschuhe. Doch er schleppte sich eher müde durch den Abend, als dass er leichtfüßig dem Sonnenuntergang entgegeneilte. In der Regel beherrschen die Läufer am Morgen die Szene, Abends sieht man sie jedoch nie. „Guck mal, ein Jogger!“ bemerkte ich, denn der Läufer, der sich keuchend auf der Promenade entlangschleppte, nahm sich mit seinem Leidensausdruck unter all den jungen, fröhlichen Gesichtern sehr fremd aus.

Ein kurzer Blick reichte meiner Frau, um sich zu vergewissern, dass sie den Mann kannte. Wie nebenbei bemerkte sie, es handele sich um einen bekannten Drogenabhängigen der Stadt – früher jedenfalls wäre er dafür bekannt gewesen. Aber offenbar hat er sein Leben von Grund auf geändert, denn schließlich machen einen Drogen nicht jünger. Doch Spaß scheint ihm das neue Leben nicht zu machen: Ich sah ihn später wie das traumatisierte Opfer eines Flugzeugabsturzes völlig lethargisch auf den Stufen vor seinem Haus sitzen. Eine Schweißpfütze hatte sich zwischen seinen Füßen gebildet. Er guckte in die Gegend mit dem vollkommen leeren Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht begreifen kann, in welche Richtung sich sein Leben gewendet hatte.

An diesem Abend hatten sich ungewöhnlich viele Surfer am Strand versammelt. Sie schwammen wie die Seeotter auf der spiegelnden Oberfläche des Meeres und warteten auf die perfekte Welle. Ein warmer auflandiger Wind türmte die Brandung zu langen Wellenkämmen, die diagonal gegen die Küste rollten. Meist verharrten die Surfer bewegungslos im Wasser, aber wenn es einmal eine Welle schaffte, die Brandungszone zu überwinden, ohne zu Schaum zu zerfallen, warf sich ein Dutzend von ihnen zugleich auf die Bretter und paddelte der Welle wie auf Kommando davon. Wenn sie die Welle zu fassen bekam, sprangen sie auf das Brett und die Woge trug sie Richtung Strand. Das war keine Physik mehr, das war reine Magie. Die geschicktesten Surfer ritten die Welle, bis der Wellenkamm zusammenbrach und dann hechteten sie übermütig wie spielende Delfine in die brodelnden Wassermassen, nur um Augenblicke später als braungebrannte junge Meeresgötter aus der Gischt emporzutauchen.

Dann kam der Höhepunkt des Abends als die Sonne die Oberfläche des Meeres berührte. Alle folgten nun in atemloser Spannung dem Schauspiel und selbst die Surfer stellten für einen Moment ihre Jagd nach der perfekten Welle ein. Als die glühende Kupferscheibe unter den Horizont tauchte, brach die Menge in frenetischen Jubel aus. Die Menschen schickten dem Tag einen letzten Gruß hinterher und verabschiedeten das Tagesgestirn mit einem ausgelassenen Vale. In wenigen Minuten war es vorüber: Der Ozean verschluckte den letzten Rest flüssigen Goldes und die Welt erstrahlte in der ganzen Pracht des Abendrots, ehe sie in das mit Sternen gesprenkelte Gewand der Nacht schlüpfte. Wie ein Weltenbrand brach die Abenddämmerung über den Himmel und mit einem Mal schien es viel stiller geworden zu sein.

Doch am Strand ging die Party weiter und man feierte den Tag und das Leben bis in die späten Nachtstunden. Und auch am nächsten Tag würde die Sonne untergehen und die Bewohner Bahías werden dann wieder feiern, als wäre es der erste Sonnenuntergang seit Anbeginn der Zeit.

Besuch aus der Zukunft

Am Neujahrstag fuhren wir von Bahía aus nach Cañaveral, einem Ort auf dem Troncal del Mar, einer sumpfigen Landzuge nördlich von Pedernales. Cañaveral ist für seine fast unberührten tropischen Palmenstrände berühmt, und wäre man Regisseur und suchte nach einem Drehort, an dem man die Landung der ersten Europäer vor fünfhundert Jahren glaubhaft nachstellen könnte, würde man an diesem paradiesischen Küstenstrich fündig.

Der Strand war nur spärlich mit Einheimischen bevölkert; Touristen – Ausländer wie Ecuadorianer gleichermaßen – sah man nirgendwo. Es gab auch keine parkenden Autos und es schien, wir wären die einzigen, die mit dem eigenen Wagen angereist waren. Unter diesen Umständen wollten wir das Auto nicht gern unbewacht stehen lassen, zumal uns seit unserer Ankunft ein Dutzend Einheimischer anstarrte, als wären wir die Superstars in irgendeiner der ständig durch den Äther dudelnden Telenovelas.

Doch wir waren an diesem Tag nicht die einzigen Exoten in der Nähe des Strandes und vor allem nicht die merkwürdigsten: Nur wenige Meter entfernt hatte das ecuadorianische Äquivalent einer Bikergang eine kurze Rast eingelegt. Die Biker sahen zwar so gefährlich aus wie ihre amerikanischen oder europäischen Vettern, von denen die Presse immer wieder Unangenehmes zu berichten weiß, aber ich glaube, dass es sich um gesetzte Leute handelte, denen es ein Bedürfnis ist, in der Freizeit den Easy Rider in sich zu entdecken.

Hierzulande können sich nicht viele eine Harley leisten – und vor allem muss man einen diebstahlsicheren Unterstellplatz haben, andernfalls hat man nicht lange Freude an der teuren Maschine – und deshalb liegt der Schluss nahe, dass es sich keineswegs um Outlaws, sondern ganz im Gegenteil um Angehörige der Oberschicht handelte (das ist das eine reiche Prozent oder sogar noch weniger, das die Geschicke dieses Landes und seiner Bewohner bestimmt).

Gerade so, als müsste man sich beweisen, dass man trotz dieses nicht unerheblichen Mankos ein echter Biker sei, hatte man es bei der Garderobe arg übertrieben. Das authentische Mitglied irgendeines Motorradklubs käme sicher niemals auf die Idee, sich in etwas anderem sehen zu lassen als in Lederjacke und Weste. Doch diese Leute waren ausstaffiert wie die Figuren in Mad Max, und zwar nicht wie die Mitglieder in Toecutters Gang, sondern eher wie die Gefolgsleute des Humungus: Überall sah man mit Stacheln und Nieten besetztes Leder. Manche der Kombis waren regelrecht mit Protektoren überladen, so dass man gern glauben wollte, ihre Träger beabsichtigten, an einem postapokalyptischen Death-Race teilzunehmen. Meist waren die Fahrer Männer und in nur allzu bekannter Macho-Manier ließen sie die überwiegend sexy gekleideten Mitfahrerinnen auf den Platz hinter sich schlüpfen. Doch eine Frau fuhr selber und ihr Outfit erinnerte mich wirklich an Aunty Entity.

Ich wusste nicht, ob ich mich nun fürchten oder ob ich in Lachen ausbrechen sollte. Selbst wenn ich diesen Leuten in einer so verrücken Stadt wie Berlin begegnet wäre, hätte ich mit mir ringen müssen, sie ernst zu nehmen. Aber in einem Land wie Ecuador waren sie schon fast mehr als ein bloßes Kuriosum. Sie kamen mir vor wie eine Anomalie, denn an dem einsamen pazifischen Palmenstrand wirkten sie wie Zeitreisende aus einer fernen apokalyptischen Zukunft: Ein Defekt an ihrer Zeitmaschine hatte sie in das falsche Jahrhundert katapultiert, wo sie nun auf ewig gestrandet waren zwischen Einheimischen, die sie nicht anders anstarrten als die Angehörigen eines Eingeborenenstammes im Amazonas-Urwald, die zum ersten Mal Besuchern aus der Welt der Weißen begegnen.

Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.