Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Manta: Santa Marianita

Maria Vicenta will uns nicht von Manta Abschied nehmen lassen, ohne uns an einen weiteren spektakulären Strand geführt zu haben. Auf einer Piste, deren Asphalt so unberührt scheint, als wäre er erst in der Nacht zuvor gegossen worden, fahren wir nach Santa Marianita. An diesem wie an allen Tagen scheint die Sonne aus einem feindlich blauen Himmel unerbittlich auf das ausgedörrte Land. Zwischen grellem Sonnenschein und Schatten gibt es keine Nuancen und das Gleißen über der Fahrbahn ist so stark, dass einem die Augäpfel schmerzen. Zwar weiß jedes Schulkind, dass sich Wärme und Licht aus dem nuklearen Feuer im Innern der Sonne speisen, doch erst hier möchte man es wirklich glauben. Die Sonne am tropischen Himmel ist ein anderer Stern als die kühle silbrige Scheibe, die sich im Nebeldunst des Nordens verbirgt, und man bekommt ihre Kraft zu spüren als eine dem Menschen feindlich gesinnte Naturgewalt.

Wir fahren vorbei an ockerfarbenen Hügeln, an Dornengestrüpp und ausgedörrter Erde. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet sich der Blick auf den Ozean. Sein Anblick ist wie eine alles überwältigende Offenbarung. Das Blau des Meeres unter dem allgewaltigen Himmel ist unbeschreiblich – so wie man sich den Pazifik in seinen Träumen immer vorgestellt. In diesem Augenblick scheint es mir nicht mehr verwunderlich, dass die Alten Himmel und Meer von Gottheiten bevölkert glaubten. Doch selbst ein Gott müsste weichen vor der Majestät des Anblicks und auch ein noch so betörender Traum könnte unmöglich bestehen vor der Kraft dieses Bildes.

Santa Marianita ist kein unentdecktes Paradies, sondern eines, zu dem die Annehmlichkeiten moderner Infrastruktur wie zeitgenössischer Konsumkultur gefunden haben: Es gibt Parkplätze, einige Strandbars, mehrere kleine Pensionen und nicht einmal eine Handvoll Restaurants wartet in den Hügeln hinter dem Strand auf Gäste. Nichts von alledem ist auf Massenandrang ausgelegt. Am Strand selbst geht es sehr ruhig zu. Die meisten Gäste lümmeln in den Bars oder Restaurants, nur einige Verwegene werfen sich in die Wellen, andere sieht man erste vorsichtige Schritte mit dem Kite machen. Obwohl Meer und Strand geradezu zum Badevergnügen einladen (aber wann tun sie das nicht!), sieht man weit weniger Badewillige als an einem beliebigen Ostseestrand bei schlechtem Wetter. Die Leute können den Strand an ausnahmslos jedem Tag des Jahres genießen – da würde man irgendwann auch das Paradies über haben.

Es gibt erstaunlich viele Kiter an diesem Strandabschnitt, doch einen echten Profi sucht man vergeblich unter ihnen. Die besten sind allenfalls passable Amateure. Die meisten aber, die sich in die Gurte schnallen lassen, stellen sich so linkisch an, dass man in ihnen sofort den Anfänger erkennt. Ihrem blassen Teint nach zu urteilen, handelt es sich um Touristen. Die einheimischen Ausbilder legen ihnen die Geschirre an und der warme auflandige Wind füllt die bunten Schirme und lässt sie in den Himmel steigen. Ein eigenes Brett bekommen die Eleven aber noch nicht unter die Füße, denn erst einmal müssen sie lernen, mit dem Schirm über den Strand zu gehen und dabei sollen sie ein Gefühl für das Segel und die Launen des Windes entwickeln. Peinliche Missgeschicke, wie an anderen Stränden, wo Kiter in spe schon einmal bäuchlings hundert Meter über den Sand geschleift werden, wissen die Instruktoren zu verhindern. Jedenfalls ist mir kein Strandbesucher begegnet, dessen Bauch die verräterischen Brandspuren aufwies. Wie ich höre, kostet ein Kite-Kurs gerade dreihundert Dollar, und ich bin versucht, es zu wagen. Es muss einfach herrlich sein, allein mit der Kraft des Windes scheinbar schwerelos über die Wellen zu gleiten.

Während mein Sohn und ich uns kühn wie die Galapagos-Leguane ins Meer werfen, machen es sich meine Frau und ihre Freundin in einer der Strandbars bequem. Wie üblich haben sie viel zu bereden und das große Bier, das ich vor Maria Vicenta stehen sehe, scheint ihre Zunge noch mehr als sonst zu lösen. Meine Frau braucht solch einen Zungenlöser natürlich nicht. Sie kann auch so stundenlang reden, aber ich werde den Verdacht nicht los, der Barmann habe ihr eine Überdosis Aufputschdrogen in den Fruchtsaft gerührt. Doch Redseligkeit entspricht dem Naturell der Küstenbewohner und wer noch nicht erlebt hat, was es heißt, von einer Wortlawine ausgeknockt zu werden, der sollte die Madrina meiner Frau (also ihre Patentante) kennenlernen. Diese Frau kann schneller sprechen als ein Maschinengewehr zu schießen vermag, und zu allem Unglück kann sie es auch noch länger, viel länger. Widerstand ist zwecklos und eigentlich kann man die Wortflut nur wie eine Naturkatastrophe über sich ergehen lassen und hoffen, dass man alles ohne größeren Schaden übersteht (posttraumatische Störungen sind natürlich nicht auszuschließen).

Die Wellen werfen meinen Sohn und mich mit unbändiger Gewalt umher. Ein paarmal ziehen mich die Brecher unter Wasser: Man hört nur noch Rauschen und das Geräusch rollender Kiesel. Es ist finster wie am Grunde der Tiefsee. Im Bruchteil einer Sekunde verliert man jede Orientierung, und man kommt sich vor, als säße man mit verbundenen Augen in einer Achterbahn. Oft weiß man nicht, ob man kopfüber wie eine gekenterte Boje in der Dunkelheit treibt. Doch dann, als würde man von einem Wal ausgespuckt gleich einem unverdaulichen Happen, wird man wie ein Korken an die Oberfläche gespült und erst jetzt gibt es wieder Oben und Unten. Die Wasserwand rollt weiter auf den Strand, doch prustend und lachend und gierig nach Luft schnappend erwartet man schon die nächste Woge.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.

Manta: Am Pool

Nach einem langen Tag am Strand ist man rechtschaffen erschöpft. Man könnte tatsächlich glauben, man hätte ein bedeutendes Werk vollbracht, obwohl man doch gar nichts getan hat, außer sich in die Wellen zu werfen und in der Sonne zu baden. So ein Tag am Strand ist wie eine Lossprechung von aller Sündenschuld und man fühlt sich befreit, als wäre man von jeglichen Bürden des Lebens erlöst und hätte nur noch dessen Belohnungen zu erwarten. Und obwohl die Glieder ermattet sind vom Spiel mit den Kräften des Meeres, ist einem ganz leicht ums Herz, denn das reinigende Bad hat etwas von der Seele gewaschen, das schwer und drückend auf ihr lag wie der Goldstaub in der Legende von El Dorado.

Man sagt, der Ozean kenne keine Vergangenheit und er habe auch keine Erinnerung, und das ist die Wahrheit: Die Stimmen, die einem weismachen, dass man durchs Leben laufen müsse, so schnell einen die Füße tragen, sind im Donnern der Brandung kaum mehr als ein leises Wispern, das schließlich verstummt, lauscht man dem Klang der Wellen nur lange genug. Wenn man Abends am Meer sitzt und eine laue Brise wehrt heran und über einem spannt sich das bestirnte Firmament, bedeutet Zeit gar nichts, aber das Leben alles. Und nie fühlt man sich so lebendig wie in diesem kurzen Augenblick.

Im Haus von Maria Vicenta, der besten Freundin meiner Frau, geht es manchmal ein wenig drunter und drüber: Noch immer steht das Geschirr vom Mittagessen auf dem Tisch und in der Küche türmen sich neben der Spüle Berge von schmutzigen Tellern, Töpfen und Pfannen. Zwar gibt es wie in allen wohlhabenderen Häusern eine Haushälterin, doch es scheint, sie hat im Augenblick andere Sorgen, und auch ist das Haus nicht gerade so klein, dass sich alle anfallenden Arbeiten – angefangen vom Bettenmachen, Wäschewaschen, Bügeln über Staubsaugen, Wischen, Bohnern bis hin zu Putzen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen – im Handumdrehen erledigen ließen.

Meine Frau hat ein Herz aus Gold und niemals würde sie einem Bedürftigen ihre tatkräftige Hilfe versagen, und so lässt sie es sich nicht nehmen, selbst anzupacken, um diesen Augiasstall von einer Küche wieder auf Vordermann zu bringen. Während sie sich emsig wie eine Ameise durch Berge von schmutzigem Geschirr arbeitet, sieht man die Haushälterin fröhlich winkend das Haus verlassen. Solche Hausgäste wünscht man sich, die nach dem Essen auch noch aufräumen und abwaschen, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu nötigen muss.

Am Abend wollen die Jungs noch zum Pool der Wohnanlage. Wir haben zwar den ganzen Tag am Strand verbracht und die Sonne hat mich dermaßen ermattet, dass ich mein Hirn auf Leerlauf schalten und mich nur noch willenlos vor die Glotze schmeißen möchte, doch Kinder können ja bekanntlich immer dann unbändige Energien freisetzen, wenn Erwachsene an den Grenzen ihrer physischen und vor allem ihrer psychischen Leistungsfähigkeit angekommen sind. Maria Vicenta meint, die Wohnanlage sei sicher und es wäre überhaupt kein Problem, wenn die Kinder allein zum Pool gingen. Ich bin ganz ihrer Meinung.

Doch meine Frau fürchtet, mit der Dunkelheit sei die beste Zeit für das Verbrechen gekommen und daher müsse man besonders achtsam sein – als würden die einschlägigen Vertreter der Branche auf die Nacht warten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie ersucht mich dringend, die Kinder zu begleiten und auch am Pool zu bleiben, um aufzupassen. Bin ich der Bademeister? Aber diese dringlichen amtlichen Ersuchen haben so etwas Förmliches, dass man sich nur schwer widersetzen kann, gerade so, als bekäme man von einem Polizisten gesagt, dass man gefälligst woanders parken solle. Am Ende fahren wir mit dem Auto, obwohl sich der Pool nur eine kurze Strecke vom Hause Maria Vicentas entfernt befindet. Man könnte in wenigen Minuten bequem zu Fuß dorthin gelangen, aber mit dem Auto sei es eben sicherer.

An diesem Abend ist der Pool voll mit Kindern unterschiedlichen Alters. Die Nacht ist so warm, dass man auch nicht frieren würde, wenn man stundenlang im Wasser bliebe und die nasse Kleidung anschließend anbehielte, was die meisten der Kinder auch tun. Als wir am Pool eintreffen, mögen an die zwanzig Badenden das Wasser bevölkern. Erwachsene sieht man weit und breit nicht. Ich habe mir ein Buch mitgebracht und setze mich an den Beckenrand. Ich tue so, als hätte ich zufällig nichts anderes zu tun, dabei wartet doch im Haus unserer Gastgeberin der Fernseher auf mich und die Freuden des Pay-TV. Irgendwann kommt ein Wächter auf dem Motorrad vorbei, checkt kurz die Lage und dreht wieder ab.

Gleich neben dem Pool befindet sich ein kleiner Kiosk. Eigentlich ist der Laden direkt in den Pool integriert und nach zwei Seiten offen: Auf der dem Becken abgewandten Seite befindet sich ein ganz normaler Verkaufsstand für Eis, Schokolade, Snacks und Getränke. Auf der Seite, die zum Pool blickt, ragt eine Bar wie der Bug eines Schiffes in das Bassin hinein und die Badegäste können heranschwimmen und sich ganz mondän die Drinks gleich im Wasser servieren lassen. An diesem Abend sind aber nur Kinder im Pool, die nur wenig an Cocktails, dafür aber mehr an Wasserschlachten interessiert sind. Die Kiosk-Frau ist mit den Nerven am Ende und als sich wieder einmal ein Schwall Wasser von einer der zahlreichen Arschbomben über sie ergießt, kreischt sie hysterisch und schimpft mit den Kindern, die sich nicht benehmen können. Als wir dann später gehen, bestelle ich noch Eis für die Jungs. Die arme Frau ist so durchnässt, als hätte sie selbst an der Wasserschlacht teilgenommen.

Als ich so am Pool sitze und versuche, mich in meine Lektüre zu vertiefen, glaube ich plötzlich, jemanden Russisch sprechen zu hören. Tatsächlich unterhalten sich einige der Kinder miteinander auf Russisch. Ich bin neugierig und versuche zu überschlagen, wer noch alles Russisch spricht und ich komme darauf, dass es mindestens die Hälfte der Kinder ist. Gegen Ende kommen dann auch noch drei der russischen Mütter zum Pool, um sich ein wenig zu entspannen. Sie bringen eine Flasche Wein mit und Pappbecher und plaudern angeregt miteinander, während ihre Sprösslinge weiter den Kiosk unter Wasser setzen. Maria Vicenta erzählt uns später, dass mehr als die Hälfte der Bewohner der Urbanisation entweder Russen oder Kroaten seien. Viele von ihnen betrieben ihre eigenen Unternehmen, sie hätten zum Beispiel Hotels oder Yoga-Schulen. Einige von ihnen kenne sie sehr gut und mit manchen sei sie sogar befreundet. Warum sie nach Ecuador gekommen sind, darüber sagt Maria Vicenta aber nichts.

Manta ist eine sehr lebendige Stadt und eine Stadt, die sich in einer Phase dramatischen Wachstums befindet. An allen Ecken wird gebaut und überall sieht man (noch) leere Grundstücke, auf denen Werbetafeln großartige Bauprojekte ankündigen, die man schon sehr bald ins Werk zu setzen verspricht. Die Infrastruktur wird mit Hochdruck erneuert und die meisten Straßen in Manta und seiner Umgebung sind entweder in den letzten Jahren überhaupt erst ganz neu entstanden oder frisch asphaltiert worden. Maria Vicenta meint, viel Narko-Geld sei dabei im Spiel, und seit die Amerikaner im Jahre 2009 ihre Luftwaffenbasis räumen mussten, weil die Regierung es ablehnte, ihnen den Pachtvertrag zu verlängern, hätte die Geldwäsche geradezu epidemische Ausmaße angenommen.

Die Schattenwirtschaft bleibt für den normalen, gesetzestreuen Bürger größtenteils unsichtbar. Nur manchmal, so Maria Vicenta, tauche die Spitze des Eisbergs auf, wenn, wie erst kürzlich geschehen, eine der kriminellen Größen der Stadt eine Hochzeit für zehn Millionen Dollar ausrichtet. Die Leute können eben nicht aus ihrer Haut und statt stillzuhalten und sich des unredlich erworbenen Reichtums im privaten Rahmen zu erfreuen, gebärden sie sich wie die Barockfürsten und werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Dass das Gesetz ihnen schnell auf die Schliche kommt, ist angesichts solchen Leichtsinns sicher kein Zufall.

Manta: Leben hinter Mauern und zweimal Strand

Die Urbanisation Manta Beach liegt direkt am Highway und wenn man sich nähert, glaubt man zunächst, es handele sich nicht um einen Wohnpark, sondern um eine wichtige militärische Einrichtung, denn die Zufahrt ist gesichert, als würden hinter den Mauern nicht Menschen leben, sondern Atomsprengköpfe gelagert oder ein Arsenal tödlicher Biowaffen. In den USA habe ich Militärbasen gesehen, die weniger gut bewacht wirkten als der Eingang zu dieser Siedlung. Maria Vicenta, die Freundin meiner Frau, holt uns am Tor ab und wir fahren zu ihrem Haus.

Das Areal ist innerhalb der schützenden Mauern weiträumig bebaut und die ganze Anlage ist groß wie eine Kleinstadt. Die Grundstücke um jedes Haus sind so riesig, dass nirgendwo zwei Häuser aneinanderstoßen, und oft ist sogar Platz genug, dass ein Dutzend Leute dazwischen Fußball spielen könnten. Alles wirkt ein bisschen kahl, denn das trocken-heiße Klima verhindert, dass Bäume wachsen. Hier und da kämpft eine Palme gegen die Trockenheit und den Staub an, aber dort, wo Grundstücke verlassen stehen oder noch nicht erschlossen sind, sieht man nichts als staubtrockene Erde und Dornengestrüpp.

Die Vorgärten müssen auf den obligatorischen Rasen verzichten und manch einer, der sich damit nicht abfinden kann, versucht der Natur zu trotzen, indem er sich Kunstrasen vor dem Haus ausrollen lässt. Der Plasterasen ist so grün, dass es schon in den Augen sticht, und im Kontrast zu den teuren Häusern erscheint er nur um so billiger. Die Wohnanlage indes gehört zu den teuersten und exklusivsten der Stadt. Maria Vicenta versichert, es gäbe überhaupt nur eine Siedlung, die noch teurer sei. Die Häuser, die wir sehen, würden jedem Vorstadt-Nobelviertel in Deutschland zur Ehre gereichen.

Bis das Mittagessen fertig ist, dauert es noch eine Weile und so macht unsere Gastgeberin den Vorschlag, an die Playa de murcielago, den Fledermausstrand, zu fahren. Murcielago Beach ist einer der prominentesten Strände der Stadt und will man den Reiseführern glauben, der einzige Strand innerhalb der Stadtgrenzen, an dem man dank Strandpatrouille nicht fürchten muss, dass einem die Unterhosen nebst anderen Dingen abhanden kommen, während man sorglos im Meer schwimmt. Der Sohn Maria Vicentas arbeitet bei der Strandaufsicht und so müssen wir auch nicht die übliche Taxe für die Benutzung des Parkplatzes entrichten.

Die Playa de murcielago bietet alles, was sich der an den Komfort karibischer Ressorts gewöhnte Strandurlauber nur wünschen kann: Um eine große Plaza einen Steinwurf hinter dem Sandstrand reiht sich ein Dutzend Restaurants, deren Schlepper hungrige Spaziergänger mal marktschreierisch, mal höflich-reserviert in die auf Massenansturm ausgelegten Fresstempel zu locken versuchen. Zwischen den Restaurants finden sich die üblichen Souvenirshops und die unvermeidlichen Boutiquen, in denen Strandkleidung und Accessoires feilgeboten werden.

Es gibt eine unscheinbare Kaffeerösterei, welcher aber ein so verführerischer Duft nach frisch gerösteten Bohnen entströmt, dass man sofort Lust auf eine schöne Tasse Kaffee bekommt. Doch an diesem Tag herrscht eine infernalische Hitze und das einzige, wonach man sich nach einer Stunde auf dem heißen Sand wirklich sehnt, ist Schatten und ein kühles Blondes. Mitten auf der Plaza steht das Zelt eines Tätowierers, in dem sich der abenteuerlustige Strandbesucher das unvermeidliche Tribal oder einen neckischen Delfin zum Andenken stechen lassen kann. Für jedes noch so kleine Bedürfnis der zahlreichen Besucher an diesem Tag ist gesorgt, doch die eigentliche Sensation an der Playa de murcielago ist das Meer: Der Pazifik ist türkisblau und der Horizont scheint unter dem Azur des Himmels geradezu in eine jenseitige Welt entrückt. Wann im Leben sieht man schon einmal solches Blau!

Nach dem Mittagessen soll es nicht bei einer Stippvisite am Strand bleiben. Maria Vicenta fragt uns, welche Art Strand wir bevorzugen würden: den ruhigen, einsamen oder lieber einen solchen, wo sich Jubel, Trubel und der übliche Konsum ein Stelldichein geben. Ohne zu überlegen entscheiden wir uns für das Friedvolle. Nach zwanzigminütiger Fahrt über frisch gepflasterte Highways, über deren heißem Asphalt die Fata Morgana wabert, erreichen wir einen Strand außerhalb der Stadt. Man könnte mit dem Auto geradewegs ins Meer fahren, doch wir sind ja keine Barbaren und deshalb parken wir den Wagen ein wenig oberhalb des Strandes neben einer windschiefen Palmstrohhütte, dem einzigen Hinweis am ganzen Strand, dass Menschen diesen Planeten bewohnen. Nicht viele Besucher haben am Nachmittag hierher gefunden – kaum ein halbes Dutzend Autos parkt oberhalb des Strandes neben der Hütte. Die wenigen Besucher verlieren sich geradezu in der Einsamkeit des über einen Kilometer langen Sandstrandes.

Ockerfarbene Berge, rau und kahl wie die Abhänge eines Mondkraters, umschließen den Strand gleich dem gezackten Rand einer Muschelschale. Und in der Tat scheint es dem Auge, als schmiege sich der Sandstreifen an die Berge wie das glatte Innere der Muschel an den gewölbten Rand der Schale. Die Pazifikküste macht bei Manta einen scharfen Bogen und der Strand verläuft daher nicht in Nord-Süd- sondern in Ost-West-Richtung. Das westliche Ende der Bucht wird von einem Vorgebirge begrenzt, dessen äußerste felsige Ausläufer an eine Sphinx erinnern, die wie die Wächterin des Meeres über den Wellen thront und deren steinernes Antlitz hinaus auf den weiten Horizont des Ozeans gerichtet ist.

Ich sitze im warmen Sand und schaue den Jungs beim Herumtollen in den Wellen zu. Einmal gehe ich mit ins Wasser – das Meer reißt einen mit Gewalt von den Beinen und wirbelt einen herum, dass man glaubt, man würde nie wieder auftauchen. Ich lasse mich am Strand von der Sonne trocknen und schaue den Wellen dabei zu, wie sie sich matt legen und den Sand mit einem glänzenden Firnis überziehen. Noch herrscht Ebbe und der Strand ist so breit, dass ein ganzes Fußballfeld darauf Platz hätte.

Ein altes Ehepaar hat sich Campingstühle aufgebaut. Die Eheleute sitzen Hand in Hand wie frisch Verliebte vor der überwältigenden Szenerie des Meeres und warten auf den pazifischen Sonnenuntergang. Eine Joggerin läuft leichtfüßig an mir vorbei. Bei jedem Schritt vibriert die papierdünne Haut über den Muskelsträngen ihres Bauches. Ihre eng anliegende Sportkleidung und das zu einem dicken Zopf geflochtene Haar gemahnen an Lara Croft. Ich muss schmunzeln, aber sie nimmt nicht einmal Notiz von mir, obwohl sie auf Armeslänge an mir vorbeiläuft. Ihr Tempo ist mörderisch, sie fliegt förmlich über den Strand, aber ich höre sie nicht einmal atmen. Wie fit man sein kann. In der Ferne werfen sich ein paar Teenager quietschend vor Vergnügen in die Brandung. Auf dem Spiegel des Meeres ziehen weiße Jachten und Fischerboote vorüber.

Der Zivilisation zu entfliehen ist ein sinnloses Unterfangen; man könnte versuchen, selbst noch zu den entferntesten, gottverlassenen Orten der Welt zu entkommen, man würde dennoch eingeholt. Gibt es irgendein Paradies, das nicht besudelt worden wäre? Manchmal muss man sich wirklich fragen, wer eigentlich die Barbaren sind – die sogenannten Wilden oder diejenigen, die sich für zivilisiert halten?

Ich habe einen Bekannten, der in der Reisebranche arbeitet, und der das Reisen zu fernen, unbekannten Orten über alles liebt. Reisen ist seine Leidenschaft. Schon von Jugend an erforschte er die ganze Welt und irgendwann erfüllte er sich seinen großen Traum: Tahiti. In Tahiti hörte er Einheimische von einer geheimen Insel sprechen, einem Ort, der dem gewöhnlichen Touristen für immer verwehrt bleibt. Er machte sich auf die Suche nach dieser Insel und schließlich, nach vielen Mühen und Gefahren, fand er sie. Er überredete einen Fischer, ihn überzusetzen, und als er dann an dem menschenleeren weißen Sandstrand angelangt war und im kühlen Schatten eines einsamen Palmenhains rastete, vernahm er plötzlich Stimmen auf dem angeblich menschenleeren Eiland. Er folgte den Stimmen und dann verstand er sogar, was sie sagten, und als er nahe genug war, so dass er alles ganz genau hören konnte, wurde seine Verwunderung nur um so größer. Und dann begriff er und da erst zerbarsten all seine Hoffnungen und was blieb, war Enttäuschung, schwärzer als die dunkelste Ohnmacht, und sein vor Leidenschaft hämmerndes Herz wäre fast daran erstickt, wenn ihn nicht sein eigenes hysterisches Lachen erlöst hätte: Die Worte, achtlos in die Einsamkeit von Meer, Sonne, Wind gesprochen, drangen mit einem unverkennbar sächsischen Zungenschlag an sein Ohr. (Ich schwöre, die Geschichte ist nicht erfunden – soviel zu den Netzen der Zivilisation)

Natürlich war der Strand, an dem wir unseren Nachmittag verbrachten, kein wirklich unentdecktes Land, dessen Koordinaten auf der Landkarte etwa nur ein weißer Fleck markiert hätte. Und so blieb es nicht aus, dass man auch hier von den üblichen nervigen Abgesandten der Zivilisation behelligt wurde: Einer der Besucher des Strandes hatte sämtliche Türen seines Wagens sowie die Heckklappe geöffnet und dann die Stereoanlage auf volle Lautstärke gestellt. Aus den Boxen, die groß genug waren, um ein ganzes Stadion zu beschallen, dröhnte Partysalsa der schlimmsten Sorte. Ich wollte eigentlich den Strand und den Klang des Meeres genießen, doch dieses bescheidene Vergnügen blieb mir dank dieses Idioten versagt. Die einzige Maßnahme, um den Tag noch zu retten, hätte wohl darin bestanden, den Möchtegern-DJ mit dem Basie windelweich zu prügeln – einfach so, aus purer Lust und natürlich aus erzieherischen Gründen! Denn man weiß ja: Erziehung ist alles. Leider hatte ich zufällig keinen Basie dabei. Schade.

Am entferntesten Ende des Strandes sah man einen SUV nur wenige Meter entfernt von den Wellen im Sand stehen. Zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Der Polizeiwagen hielt neben dem motorisierten Strandbesucher und man sah, wie der Halter des Fahrzeuges und der Polizist in eine angeregte, um nicht zu sagen, in eine heftige Diskussion gerieten. Wahrscheinlich machte der Gesetzeshüter den Mann darauf aufmerksam, dass es nicht gestattet sei, den Strand mit dem Auto zu befahren. Der Mann antwortete wahrscheinlich, wozu hätte er sich denn ein allradgetriebenes Auto gekauft, wenn er damit nicht einmal über den Strand fahren dürfe. Das bisschen Motoröl könne doch wohl kaum dem riesigen Ozean schaden, und überhaupt sei so ein Biotop nur gesund, wenn es beständig durch Umweltveränderungen herausgefordert werde. Um also einen wirklichen Beitrag für die Umwelt zu leisten, müsste eigentlich an Ort und Stelle ein kompletter Ölwechsel vorgenommen werden. Und da das allein bei einem so gewaltigen Ozean keinesfalls ausreichend sei (immerhin handele es sich um den Pazifik!), könne man ja gleich noch die alte Batterie im Meer entsorgen … Der Polizist und der SUV-Fahrer diskutierten noch eine ganze Weile. Leider konnte man überhaupt nichts hören, weil die Entfernung und das Donnern der Wellen jedes Geräusch erstickten. Manchmal wünscht man sich, der Punisher würde sich öfter melden. Gelegenheit, sein gerechtes Werk zu verrichten, gäbe es jedenfalls genug – in Ecuador wie anderswo.

Im Licht der untergehenden Sonne ließ sich ein junges Hochzeitspaar vor der Kulisse einer steil aufragenden Felswand fotografieren: er im schwarzen Anzug, sie im blütenweißen Brautkleid mit Schleier und Brautstrauß. Beide lächelten gegen die sinkende Sonne an, aber die geologischen Schichtungen im Hintergrund, die von Jahrmillionen des Wechsels von Land und Meer, Hitze und Kälte, Regen und Trockenheit erzählten, degradierten das Glück des jungen Paares zu nicht mehr als einem kurzen Augenblick, kaum länger als ein einziges schnelles Blinzeln in einem langen Menschenleben.

Manta: In Ostasien mit James Dean

Diesmal fuhren wir mit dem eigenen Auto und das Navi führte uns über die glänzend ausgebauten Straßen in nur anderthalb Stunden nach Manta. Eigentlich wollten wir einen kurzen Abstecher nach Rocafuerte machen, einer kleinen Stadt auf halbem Wege zwischen Bahía und Manta, aber obwohl ich den Namen der Stadt ins Navi eingab, führte uns das launische Gerät zielsicher daran vorbei. Manchmal bin ich nahe daran zu glauben, dieses Navi hat ein eigenes Bewusstsein, und Routen, die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagen (wer weiß schon, was in so einem elektronischen Hirn vorgeht), werden einfach ignoriert. In Rocafuerte wollten wir Süßigkeiten kaufen, denn die Stadt ist unter allen Süßmäulern berühmt für ihre Dulces, kleine süße Sünden, von einfachem Gebäck bis hin zu aufwändig verarbeitetem Konfekt. Doch das süße Leben musste bis zu unserer Rückreise warten.

Die Strecke zwischen Bahía und Manta ist sehr schön und die Fahrt hat etwas von einer Landpartie: Das Autofahren ist ein reines Vergnügen, denn die Straßen sind in hervorragendem Zustand. Meist ist auch nicht viel Verkehr unterwegs, so dass man von den üblichen Belästigungen durch andere Verkehrsteilnehmer weitgehend verschont bleibt. Man fährt durch ländliche Gebiete, die – so hat es den Anschein – von moderner Infrastruktur noch kaum berührt worden sind. Dennoch gibt es eine ganze Menge zu sehen, denn alle paar Kilometer wechselt die Landschaft und man hat den Eindruck, hinter jeder Wegbiegung ist der Ausblick noch schöner.

Einmal hielten wir in der Nähe Charapotós (das ist ein Ort auf der Stecke), um Fotos zu schießen: Reisfelder erstreckten sich bis zum Horizont und auf den schnurgeraden Rainen zwischen den Feldern, kleinen Wällen, die verhindern, dass das Wasser abfließt, wuchsen Palmen in den azurblauen Himmel. Auf den Feldern wateten die Bauern durch das knöcheltiefe, schlammige Wasser und pflanzten Stecklinge. Um sich vor der heißen Sonne zu schützen, hatten sie sich dick eingemummelt. Das Tagesgestirn schien mit einer Kraft, dass man innerhalb kürzester Zeit regelrecht verbrannt wäre, wenn man nicht jede noch so kleine Hautstelle mit Kleidung bedeckt hätte. Die Landschaft wirkte so ursprünglich und friedlich wie die bukolische Idylle aus der Feder nur irgendeines schwärmerischen Romantikers. Hätte man keine Ahnung, wo man sich befände, könnte man wegen der Reisfelder leicht der Vorstellung erliegen, man sei irgendwo in Südostasien. Ich war nie in Vietnam oder Kambodscha, aber Jahrzehnte ungezügelten Fernsehkonsums haben meinen Gehirnwindungen die Ikonografien des Medienzeitalters unauslöschlich eingeprägt: Einen Augenblick lang erwartete ich tatsächlich, einen Huey-Helikopter über die Wipfel der Palmen brausen zu sehen.

Eingedenk unserer Erfahrungen vor drei Jahren hatten wir damit gerechnet, dass wir gut drei Stunden benötigen würden, um Manta zu erreichen. Wir waren regelrecht verblüfft und zugleich freudig überrascht, als wir schon nach der Hälfte der Zeit an die Stadtgrenze gelangten. Dabei hatten wir uns nicht einmal sehr beeilt, sondern – ganz im Gegenteil – unterwegs noch Zeit gefunden, anzuhalten und die malerische Landschaft zu fotografieren.

Mit jedem Kilometer, mit dem wir uns der Stadt näherten, schien es wärmer zu werden. Die Einheimischen meinen, Manta sei eine der wärmsten Städte in Ecuador und tatsächlich, wenn man aus dem klimatisierten Auto steigt, hat man das Gefühl, man sei an die Ausläufer einer Wüste gelangt: Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Land nieder und der Wind war so heiß und trocken, dass man meinte, das Fleisch würde einem am Knochen gedörrt. Auch die Landschaft hatte sich verändert und den höheren Temperaturen und vor allem der Trockenheit angepasst: Kurz vor Manta hatte das Land ein fast wüstenartiges Gepräge angenommen und beiderseits der Autopista sah man nur noch karge, allenfalls mit Dornbüschen und Sukkulenten bewachsene Erdhügel. Die Klimaveränderung wird durch den Humboldtstrom verursacht, der ungefähr auf der geografischen Breite von Manta in den Pazifik abknickt.

Die Urbanisation Manta Beach, in der die Freundin meiner Frau lebt, ist nicht leicht zu finden. Wir halten an einer Tankstelle und fragen einen der Angestellten. Der junge Mann scheint zu glauben, er sei so eine Art James Dean in irgendeinem amerikanischen Roadmovie: Die Stirn unter den nachlässig zurückgekämmten Haarsträhnen ist beständig in rebellische Falten geworfen, die Kippe hängt lässig im Mundwinkel zwischen den aufgeworfenen Lippen. Mit einer Coolness, die er sich von seinem Vorbild abgeschaut haben könnte, holt er sein Handy hervor und erklärt uns auf Google Maps, wie wir zu der Urbanisation gelangen, die sich auf der anderen Seite der Stadt befindet: Wir sollten die Ausfallstraße nehmen, die um die Stadt herumführt, alles andere wäre zu dieser Tageszeit einfach nur Wahnsinn. Er zoomt in die Karte und erklärt ein-, zwei-, und ich weiß nicht mehr wie viele Male mit einer schieren Engelsgeduld, welche Abzweigungen wir nehmen müssten und worauf wir zu achten hätten. Nach einer so sorgfältigen, ja idiotensicheren Unterweisung scheint es fast unmöglich, dass wir uns verfahren. Als wir uns verabschieden, ist er gerade dabei, sich eine neue Kippe anzustecken (und er arbeitet an einer Tankstelle!). Wir bedanken uns, er aber nickt bloß und nimmt einen tiefen Zug. Als wir abfahren, hat er sich bereits des nächsten hilfsbedürftigen Reisenden angenommen.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)

Mein Schatz: Der Führerschein

Die Tante hatte meiner Frau erzählt, dass man in Bahía für zweihundert Dollar den Führerschein erwerben könne. Wie in fast jedem Land der Welt, ist das Führen eines Fahrzeuges auch in Ecuador nur mit einer gültigen Lizenz gestattet. Eine begrenzte Zeit darf man mit dem deutschen Führerschein ganz legal auf ecuadorianischen Straßen fahren, aber danach ist man gehalten, eine ecuadorianische Fahrerlaubnis vorzulegen, wenn man von den hiesigen Gesetzeshütern ersucht wird, sich als Führer eines Fahrzeugs auszuweisen. Da spielt es denn auch keine Rolle, dass man schon viele Jahre im Besitz eines europäischen Führerscheins ist. Gegen diese Regelung ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, wenn man denn den ecuadorianischen Führerschein erwerben könnte, ohne durch allzu große bürokratische Hürden daran gehindert zu werden.

Andere Länder, andere Führerscheinprüfungen

Wie einfach es anderswo sein kann, sieht man am Beispiel USA: Wir haben einige Zeit in Texas gelebt und ich habe dort auch den Führerschein gemacht. Ich möchte jedem, der die Staaten bereist – und sei es nur im Urlaub –, nahelegen, den Führerschein zu erwerben, denn nirgendwo auf der Welt bekommt man ihn so leicht und nur selten ist er so preiswert. In Texas ist der Erwerb der Lizenz eine ganz einfache Angelegenheit, die man etwa an einem beliebigen Nachmittag in nicht einmal einer Stunde erledigen kann: Man fährt mit dem eigenen Auto (oder dem Mietwagen) zu einem der zahlreichen Büros des Texas Department of Public Safety und legt dort zunächst die theoretische Prüfung ab. Dazu muss man am Computer dreißig Fragen zu den Verkehrsregeln beantworten; die Antworten sind als multiple choice vorgegeben. Achtzig Prozent davon (oder waren es nur siebzig?) müssen richtig beantwortet sein, damit die Prüfung als bestanden gelten kann. Doch keine Sorge, die Fragen sind leicht und man kann die Prüfung so oft wiederholen, wie man möchte. Wahrscheinlich hätte man schon eine gute Chance zu bestehen, wenn man einfach nur rät.

Viel lernen muss man eigentlich nicht, denn es gibt weit weniger Verkehrsregeln als in Deutschland und die Anzahl der Verkehrszeichen ist allzu überschaubar: Das Texas Drivers Handbook ist eine schmale Broschüre von vielleicht vierzig Seiten, von denen sich etwa die Hälfte allein schon mit der Fahrzeugsicherheit beschäftigen. Um die Prüfung ablegen zu können, muss man nicht einmal des Englischen mächtig sein, denn der Fragenkatalog steht in mindestens zehn Sprachen zur Verfügung.

In einer Viertelstunde hat man die Theorie geschafft und sogleich geht es auf die Strecke zur praktischen Prüfung: Mit dem eigenen Wagen fährt man fünf Minuten in Schrittgeschwindigkeit durch verwaiste Wohngebiete; auf den Straßen tut sich ungefähr so viel wie an einem Sonntagmorgen fünf Uhr in irgendeinem Flecken in Vorpommern. Einmal muss man vorwärts einparken und einmal rückwärts. Die Parklücke ist ist groß genug, dass man darin einen Laster bequem abstellen könnte. Ein weiteres Viertelstündchen muss man sich noch gedulden, dann ist man stolzer Besitzer einer Texas Drivers Licence und alles in allem hat man dafür gerade einmal 27 Dollar bezahlt (Preis von 2007). Ausnahmslos jeder kann den Führerschein erwerben, man muss nicht einmal im Besitz einer legalen Aufenthaltserlaubnis sein. Mit einem beliebigen amtlichen Dokument, mit dem man sich ausweisen kann, macht man die Beamten des Department of Public Safety schon glücklich.

Eine Enttäuschung und fünf Typen im Unterhemd

In Ecuador ist der Erwerb des Führerscheins nicht ganz so einfach, vor allem gibt es im Vorfeld jede Menge bürokratische Hürden zu überwinden. Aber die Tante hatte uns Mut gemacht und warum sollte nicht einmal irgendetwas einfach sein, wo doch alles andere immer so verdammt umständlich ist. Am 28. Dezember fuhren wir also in aller Frühe zusammen mit der Tante zur lokalen Führerscheinstelle in Leonidas Plaza (das ist die Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts).

Um 8:30 Uhr öffnet das Büro und wir waren pünktlich auf die Sekunde vor der Tür. Es erwies sich als etwas schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden, denn die Straßen waren förmlich zugeparkt mit den Autos der Anwohner und der Besucher der Führerscheinstelle. Wir fuhren in eine staubige Nebenstraße und stellten den Wagen dort ab. An einer Ecke lungerten fünf Typen in Unterhemden herum und glotzten uns an, als wären wir die Sensation in irgendeiner Freakshow. Es war morgens halb Neun und die Leute sahen nicht so aus, als kämen sie gerade aus der Nachtschicht oder als warteten sie auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Erst jetzt bemerkten wir, dass außer uns niemand sonst in der Straße parkte. Die Tante meinte, einer solle vorsichtshalber im Wagen zurückbleiben, während sie zum Büro ginge, um Erkundigungen einzuholen. Meine Frau blieb im Auto und ich begleitete die Tante zur Anmeldung des Führerscheinbüros.

Die Anmeldung des Führerscheinbüros erwies sich als ein Bretterverschlag auf dem Gehsteig, kaum größer als eine Telefonzelle. Der Verschlag stand direkt vor dem Eingang des Büros und ich wunderte mich, warum der Anmeldung nicht erlaubt sein sollte, im Gebäude selbst zu residieren. Gleich der Kartenverkäuferin auf einem Rummelplatz, thronte in dem winzigen Häuschen eine sorgfältig zurechtgemachte junge Frau. Sie war ziemlich stark geschminkt und hatte eine recht üppige Figur, so dass ihr Gesäß kaum in den engen Verschlag passte. Sie trug ein hautenges kurzes Kleid, das ihre Rundungen noch betonte (Schönheitsideale in den Tropen unterscheiden sich erheblich von denen in den gemäßigten Breiten). Ihre Nägel waren aufwendig manikürt wie bei den Vorzimmerdamen in einem exklusiven Spa. Mit einem geradezu betörenden Augenaufschlag gab sie uns zu verstehen, dass sie ganz Ohr sei.

Sie hörte sich geduldig und sehr aufmerksam das Anliegen der Tante an und die Tante legte ihr das Problem auch äußerst wortreich dar – die spanische Sprache ist sehr viel besser als das Deutsche geeignet, noch den einfachsten Sachverhalt in einer geradezu biblischen Wortflut zu ertränken. Die junge Frau nickte immer wieder, um uns zu verstehen zu geben, dass sie die ganze Tragweite des Problems erkannt hätte. Nachdem die Tante ihre Erklärung beendet hatte, meinte die Empfangsdame, dass man den Führerschein keinesfalls einfach so erwerben könne, nur weil man ihn haben wolle. Die lakonische Feststellung bremste unseren Enthusiasmus ganz erheblich. Man dürfe, so fuhr sie fort, die Prüfung, die übrigens dreihundert Dollar koste, nur ablegen, wenn man eine gültige Cedula de identidad vorweise, das ist eine ID-Card, das Äquivalent zum Personalausweis.

Damit konnten wir unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems erst einmal begraben, denn mein Antrag auf einen legalen Aufenthaltsstatus, welcher in der Erteilung eines Visums münden würde, war noch bei den Ämtern anhängig. Sämtliche Unterlagen befanden sich bei unserer Anwältin, die den Fall nach Kräften vorantrieb, wie sie nicht müde wurde zu behaupten. Erst nachdem das Visum erteilt worden wäre, könnte ich eine Cedula de identidad, also eine ID-Card, beantragen. Und hätte ich erst einmal die Cedula, wäre es mir möglich, die Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich den europäischen Führerschein schon seit vielen Jahren besaß.

Zumindest in der Theorie war der Weg vorgezeichnet und das Ziel schien in greifbarer Nähe. Es würde nur etwas mehr Zeit erfordern, dorthin zu gelangen, und ich ahnte, es würde mich noch jede Menge Nerven kosten, Nerven vor allem. Aber ich hatte nicht mit den Fallstricken des bürokratischen Apparates gerechnet, und dies wäre nicht Ecuador, wenn der Gesetzesdschungel, der kaum weniger dicht als der wirkliche Regenwald zu sein scheint, nicht noch eine tückische Fußangel für den willigen Führerscheinaspiranten bereitgehalten hätte.

Der Morgen war erst einmal gelaufen, aber mehr konnten wir in der Sache im Augenblick nicht tun. Als wir zum Auto zurückkehrten, hockten die fünf Typen im Unterhemd immer noch an der Ecke. Sie starrten ununterbrochen unseren Wagen an und es hatte den Anschein, als beredeten sie etwas konspirativ unter sich. Meine Frau, die die ganze Zeit über im Auto geblieben war, gruselte sich schon und sie war froh, als wir endlich wieder verschwinden konnten. Wir hatten jede Menge Zeit – in Bahía hat man immer mehr als genug davon – und so beschlossen wir, Fatima und Giovanni einen Besuch abzustatten.

Fatima und Giovanni: Shrimps und Bullies

Fatima und Giovanni sind alte Freunde. Meine Frau kennt sie natürlich sehr viel länger als ich und sie ist sogar die Patin ihrer Kinder. Ich traf die beiden zum ersten Mal im Jahre 1992. Damals versuchte Giovanni sein Glück als Shrimpzüchter. Er fuhr uns mit dem Boot hinaus in die Mangrove und zeigte uns die Shrimpfarm, die er verwaltete. Es war an diesem Tag brütend heiß und die Mosquitos machten förmlich Jagd auf jede ungeschützte Hautstelle. Wächter mit Shotguns patrouillierten um die Becken, damit des Nachts niemand heimlich die wertvollen Krebstierchen abfischte.

Im Schlamm unter einer Hütte, in der Arbeitsgeräte und Futter für die Shrimps deponiert waren, wimmelte es nur so von Krabben. Mit ihren Scheren stopften sich die kaffeebraunen Tierchen unaufhörlich Futterreste und Exkremente der Shrimps zwischen die Mandibeln und sie hatten sich schon so fett gefressen, dass die größten von ihnen die Ausmaße eines Handtellers erreichten. Giovanni fing ein Dutzend und kochte sie in einem rostigen Eimer. Meine Frau ließ sich den Panzer aufbrechen und pickte dann den Inhalt genüsslich heraus. Das Innere so einer Krabbe erinnert an ein aufgeschnittenes Herz: Man sieht Ligamente und feine Muskelstränge. Alles glänzt feucht wie der Kern einer frischen Mandel. Merkwürdigerweise hatte ich in diesem Augenblick so gar keinen Appetit mehr.

Die Shrimpindustrie hatte 1992 in Ecuador gerade seit einigen Jahre Fuß gefasst und der Boom, der während der nächsten Jahre über die gesamte Küstenregion wie eine Flutwelle schwappen sollte, war gerade erst im Aufwind begriffen. Viele, die zu jener Zeit ins Shrimp-Business einstiegen, machten ein Vermögen. Oft wurden die Becken für die Shrimpaufzucht ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen angelegt. Es kam häufig vor, dass nicht einmal eine amtliche Genehmigung vorlag und nicht wenige der Farmen waren schlicht illegal. Das Land zahlte einen hohen Preis im Tausch für den Wohlstand einiger Weniger: Fast an der gesamten Küste verschwanden die Mangrovenwälder und weite Bereiche der Küstenprovinzen sind noch heute mit Antibiotika und Exkrementen aus den Shrimp-Becken verseucht.

Wir treffen Giovanni vor dem Haus. Mit dem kurzgeschorenen Schädel, dem einprägsamen Profil und dem markanten Kinn erinnert er mich immer ein wenig an Mussolini, aber er ist ein ruhiger, freundlicher Zeitgenosse und hat so gar nichts Diktatorisches an sich. Sein Haus ist wie eine Festung mit meterhohen Maschendrahtzäunen gesichert und überall sieht man Stacheldraht. Das ist nicht gerade die beste Wohngegend und ein jeder, der hier lebt, versucht, sein Eigentum zu schützen, so gut es eben geht. Giovanni bittet uns ins Haus.

Im geräumigen Wohnzimmer treffen wir auch Fatima. Sie erzählt, dass die Kinder bald in Russland studieren werden. Sie haben ein Stipendium bekommen und zur Zeit seien sie eifrig damit beschäftigt, in Kolumbien Russisch zu lernen. Den Spracherwerb müssten sie aus eigener Tasche bezahlen und in Kolumbien kostet ein Intensivkurs viel weniger als anderswo.

Als Fatima hört, dass man schon einmal unsere Wohnung aufgebrochen und uns bestohlen hat, erzählt sie ihre Geschichte: Sie ist Lehrerin und die Gegend, in der sie und Giovanni leben, zählt nicht gerade zu den Stadtteilen, in denen man für einen ruhigen Abendspaziergang vor die Tür gehen würde. Eines Tages sei sie auf der Straße von einem ihrer ehemaligen Schüler ausgeraubt worden. Es gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit dazu, die eigene Lehrerin zu berauben. Haben diese Leute denn überhaupt keinen Anstand? Man könne dagegen gar nichts tun, meint Fatima, denn in der Gegend kennt natürlich jeder jeden und die Leute haben Angst, dass die Kriminellen ihnen noch weit schlimmere Dinge antun würden, als bloß die Geldbörse und das Handy zu rauben, wenn man sie auch noch bei der Polizei anzeigte.

Ein zweites Hindernis bei der Strafverfolgung ist eine eigenartige Gesetzeslage, welche die Beweislast ausschließlich dem Opfer auferlegt: Der Bestohlene bzw. der Beraubte muss beweisen, dass er Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist. Selbst wenn dies gelänge – es könnte ja Augenzeugen geben –, muss man, falls das Diebesgut sicherstellt wurde, darüber hinaus auch noch beweisen, dass die Sachen einem tatsächlich gehören. Bei einem Handy mag dies noch möglich sein, nicht aber bei Geld oder teurer Markenkleidung.

Die meisten Leute zeigen Diebstähle und Überfälle gar nicht mehr an, denn die Polizei tut ja ohnehin nichts. Das ist auch eine Art, die Statistik zu schönen. Viele sehen die Gesetzeshüter, die doch die Bürger verteidigen und vor Übergriffen schützen sollten, eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Fatima meint, damit man nicht ständig ausgeraubt werde, müsse man sich mit den Kriminellen gut stellen, sich mit ihnen anfreunden. Jeder kenne diese Leute, denn sie seien ja Nachbarn. Die Polizei müssen sie jedenfalls nicht fürchten und so können sie seelenruhig weiter die Leute in der Gegend terrorisieren.

Zum Abschied schenkt uns Giovanni noch eine ganze Tüte voll Mangos. Auf dem Nachbargrundstück, das seit einiger Zeit verlassen steht, wächst ein riesiger Mangobaum – ich hatte gar nicht gewusst, dass Mangobäume so groß werden können. In der ausladenden Krone hängen dicht an dicht die reifen Früchte. Hin und wieder sieht man eine Mango herunterfallen. Man muss sie nur noch vom Boden auflesen – und essen. Schon aus der Tüte duften die Mangos so verführerisch, dass einem die Sinne schwinden, und sie sollten auch nicht lange liegen bleiben, denn sie verderben sehr schnell und müssen deshalb bald gegessen werden. Es ist kaum Mittagszeit, da ist von den süßen Früchten schon nichts mehr übrig. Die wirklich guten Mangos bekommt man nur an der Küste und da wir hier nicht immer sein können und die Erntesaison ohnehin nur kurz ist, nutzen wir jede Gelegenheit, um die köstlichen Früchte zu genießen.

Noch eine Enttäuschung und weitere bürokratische Kabalen

Der Tante geht die Sache mit dem Führerschein nicht aus dem Kopf und so dirigiert sie uns noch zu einem Notar, um zu erfragen, ob man die Führerscheinprüfung ablegen könne, auch wenn man nur einen Reisepass besitze. Die Klimaanlage hat das Büro des Notars auf frostige Temperaturen heruntergekühlt. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin und erteilt Auskünfte oder wimmelt unliebsame Gäste ab; ansonsten scheint sie sich den ganzen Tag zu langweilen. Nein, erklärt die nette Vorzimmerdame, ein Reisepass reiche nicht aus. Um die Führerscheinprüfung abzulegen, müsse man unbedingt im Besitz einer Cedula de identidad, also einer ID-Card, sein.

Die Tante zeigt uns später ihre Cedula und erst bei dieser Gelegenheit fällt uns auf, dass Bürokratenhirne noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu der begehrten Lizenz ersonnen haben: Auf jeder Cedula sind die sogenannten „Credenciales“ vermerkt, die im Grunde nichts anderes bedeuten als eine Wertung des Bildungsstandes. „Superior“ heißt, dass man mindestens einen Schulabschluss vorweisen kann, „inferior“ steht für das genaue Gegenteil. Wenn man es milde sagen wollte, drückt letztere Kategorie aus, dass die so bezeichnete Person keine höhere Bildung besitzt, doch in Wahrheit steht „inferior“ als Synonym für Analphabetismus.

Nach Meinung der Behörden könne jemand, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, unmöglich eine Führerscheinprüfung ablegen. Der Gedanke, dass man dem Prüfling die Fragen auch vorlesen könnte, ist offenbar noch niemandem gekommen, und überhaupt will mir nicht recht einleuchten, warum ein Analphabet nicht fähig sein sollte, ein Fahrzeug zu führen. Aber das ist nun einmal die Realität: Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt in Ecuador keinen Führerschein. Und ob jemand als Analphabet zu gelten hat, entscheidet ein kleines Wörtchen auf der Cedula.

Nun könnte man einwenden, es sei doch ganz einfach herauszufinden, ob eine Person Analphabet ist oder nicht: Man lässt sie einen Text vorlesen oder etwas aufschreiben. Aber so leicht lassen sich Bürokraten nicht hinters Licht führen. Die Schriftprobe ist unzulässig und der Anwärter muss durch Originalzeugnisse bzw. Urkunden beweisen, dass er tatsächlich einen Schul- oder Universitätsabschluss hat und somit kein Analphabet ist, denn kann er es nicht, hat er automatisch als solcher zu gelten (Es soll ja schon Fälle gegeben haben, in denen Menschen trotz Schulabschluss Analphabeten blieben).

Nun trägt man nur in den seltensten Fällen seine Abschlusszeugnisse mit sich herum. In Deutschland braucht man sie eigentlich nur, wenn man sich für einen Job bewirbt. Dass man lesen und schreiben kann, wird hingegen überall als selbstverständlich vorausgesetzt. In Ecuador hat der bürokratische Irrsinn dafür gesorgt, dass es Menschen gibt, die seit Jahren ohne Führerschein Auto fahren, obwohl sie einen Schul- oder sogar einen Universitätsabschluss haben und obwohl sie seit Jahrzehnten im Besitz des Führerscheins eines anderen Landes sind (und als ob dies alles überhaupt eine Rolle beim Autofahren spielen würde!). Doch die enthemmte Bürokratie hat sie als Analphabeten eingestuft, weil sie nicht beweisen konnten, dass sie keine sind, und wer nicht lesen und schreiben kann, der darf auch kein Fahrzeug führen.

Gern treiben rachsüchtige Bürokraten dieses Spiel mit Gringos oder anderen Ausländern. Ich kann darin überhaupt keinen Sinn sehen, einzig den, dass man endlich einmal Gelegenheit hat, den vermeintlich Schuldigen die vielen Demütigungen heimzuzahlen, denen man als Inhaber eines ecuadorianischen Passes bei Sicherheits- und Zollkontrollen auf US-Flughäfen häufig ausgesetzt ist.

Wir machten uns natürlich berechtigte Sorgen und meine Frau rief sofort unsere Anwältin an. Diese beruhigte uns dann aber. Sie meinte, erst einmal dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich das Visum erhielte (ach so?), und dann könnte ich überhaupt erst die Cedula de identidad beantragen. Ich hätte also noch genug Zeit, irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich kein Analphabet sei.

Die Anwältin erinnerte uns bei dieser Gelegenheit daran, dass ich außerdem noch mein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen hätte, damit mein Visaantrag endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Ich habe das Führungszeugnis in Deutschland beantragt und mir teuer, weil gut versichert, nach Ecuador schicken lassen. Selbstverständlich muss das Original vorgelegt werden, denn ich könnte mir ja auch ein blütenreines Führungszeugnis gefälscht haben. Wenn man etwas nach Ecuador schickt, empfiehlt es sich, die Sendung gut zu versichern, andernfalls kann man sie auch gleich in den Müll werfen. Warum man unbedingt ein Führungszeugnis braucht? Ich glaube kaum, dass die paar Kriminellen aus dem Ausland die Verbrechensstatistik noch merklich nach oben treiben könnten.

Von all dem Ärger über so viel bürokratischen Schwachsinn müssen wir uns erst einmal am Strand erholen. Gegen drei Uhr läuft die Flut ein und als wir uns in die Wellen werfen, sind die Sorgen im Nu vergessen.

Partys und Invasionen

Den Nachmittag hätte ich am liebsten damit verbracht, im Bett zu liegen und meine narkotische Abhängigkeit vom Fernsehen durch stundenlangen Dauerkonsum noch weiter zu verstärken. Leider zwangen uns dringende gesellschaftliche Verpflichtungen, der Droge fürs Erste zu entsagen: Die Großtante meiner Frau, Tía Juanita, feierte ihren 88sten Geburtstag und alle Verwandten waren natürlich zur Party eingeladen und damit verpflichtet, sich sehen zu lassen. Insbesondere galt dies für meine Frau, die immer so tut, als würde sie von den eigenen Verwandten in einem Akt der Vendetta erschossen werden, wenn sie auch nur einer einzigen der zahlreichen Familienfeiern fernbliebe. Ich bin zwar nur angeheiratet, aber da ich im Urlaub war und im Grunde nichts zu tun hatte (außer fernzusehen), konnte ich schlecht anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Außerdem ist mein Gesicht zu bekannt, als dass ich mich einfach verstecken könnte, denn ich bin der einzige Gringo in der Familie (und eigentlich bin ich gar kein Gringo, sondern Alemán).

Mein Sohn maulte, er hätte keine Lust, auf diese Rentnerparty, und mit Schmollgesicht verkündete er, er werde auf keinen Fall gehen. Ich kann verstehen, dass sich alles in ihm sträubte, denn noch immer wirkte das Trauma nach, das er bei einem unserer Jahre zurückliegenden Ferienbesuche erlitten hatte: Meine Frau hatte ihn damals auf eine Veranstaltung des örtlichen Rentnerklubs mitgenommen. Ihre Großtante, die Tía Juanita, war zur „Königin der Rentner“ gewählt worden und aus diesem Anlass wurde eine Party gegeben. Die Rentner hierzulande haben eigene Klubs, in denen sie sich regelmäßig treffen, um ihren Exzessen zu frönen (Kaffee, Kola und Plätzchen sind die Drogen der Wahl und lateinamerikanische Schnulzen aus den Fünfzigern gestalten das musikalische Programm).

Auf besagter Seniorenparty hatte Julia Querola, die Stimmungskanone unter den Verwandten, unseren Sohn spontan auf die Tanzfläche gezogen. Natürlich hätte dies für jedes Kind ein Erlebnis mit traumatischen Folgen bedeutet. Mein Sohn war damals neun Jahre alt, aber er war gar nicht scheu, die Aufforderung anzunehmen, zumal er sich in diesem Augenblick, da aller Augen auf ihn gerichtet waren, schlecht verstecken konnte. Nachdem das Eis aber erst einmal gebrochen war, hatte er sich in seinem bunten Guayaquil-Shirt auf der Tanzfläche geschüttelt wie Señor Salsa höchstpersönlich. Immerhin fließt zur Hälfte lateinamerikanisches Blut in seinen Adern und im Gegensatz zu seinem Vater gehen ihm die Rhythmen mit einer Leichtigkeit in die Beine, dass man nur neidisch werden kann. Die Senioren waren natürlich entzückt, ja, regelrecht begeistert, so dass sie am Ende sogar Beifall spendeten. Seit dieser Tanzeinlage kennt ihn die ganze Stadt. Er selbst will natürlich nicht mehr auf die Episode angesprochen werden, aber die Alten in Bahía lieben ihn dafür.

Es bedurfte schlagkräftiger Argumente, um unseren Sohn zu erweichen, uns auf die Geburtstagsparty zu begleiten. Immerhin wurde an diesem Abend Lasagne serviert und wer außer Garfield und meinem Sohn konnte schon einer guten Lasagne widerstehen? Zwar hatte er schon zu Mittag eine Lasagne im „Bambú“ verputzt, aber das sei eben das Mittagessen gewesen und dies sei jetzt das Abendessen, wie er nicht müde wurde zu betonen – der anscheinend im Kopf meiner Frau eingebaute Kalorienrechner hatte den von unserem Sohn während des Tages konsumierten Brennwert überschlagen und Alarm ausgelöst. Doch letztlich zählten Kalorien wenig, wenn es um den 88sten Geburtstag der Tía ging. Widerwillig, und nur wegen des Essens, erklärte sich unser Sohn einverstanden, auf die Party mitzukommen, aber er wollte allenfalls so lange bleiben, bis serviert worden wäre. Danach müsse er zurück nach Hause, um Fernsehen zu gucken. Diesmal war ich ausnahmsweise einmal ganz seiner Meinung.

Die Party war schon eine Weile im Gange, als wir im Haus der Tía Juanita eintrafen. „Party“ ist vielleicht ein zu großer Euphemismus, denn als wir die Treppe hinaufstiegen und das Wohnzimmer betraten, empfing uns eine Versammlung recht betagter Damen; die meisten waren wohl schon selbst im Alter der Jubilarin. Stühle und Sessel waren wie bei einem Tanzvergnügen im Seniorenstift entlang der Wände platziert worden und obwohl das Wohnzimmer so geräumig ist wie ein Salon, war gerade noch Platz für das Buffet mit dem Geburtstagskuchen und den Dulces, also den Süßigkeiten, von denen es so reichlich gab, das man schon vom Anblick Diabetes bekam. Da wir viele der Gäste kannten – meine Frau kannte natürlich alle –, dauerte die Begrüßung wieder einmal ewig, und wir schritten das Spalier der Damen ab, als wären wir Gesandte auf einem offiziellen Empfang und müssten dem komplett versammelten diplomatischen Korps unsere Aufwartung machen. Wir schüttelten Hände, küssten staubige Wangen und lächelten dazu artig. Niemand sollte sich beleidigt fühlen, weil man ihn versehentlich übersehen hatte.

Im Haus der Tía Juanita waren wohl an die zweitausend Lebensjahre versammelt und unsere paar Jährchen fielen dabei gar nicht ins Gewicht, weil wir fast die Jüngsten waren. Ein paar Mädchen, wohl Großnichten oder sogar Urgroßnichten (?) der Tía, lümmelten gelangweilt in den Sesseln und vertrieben sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten zu posten („Ist so langweilig. Hoffe, ich kann bald wieder verschwinden.“). Man sah ihnen an, dass sie litten und sich nach dem Ende sehnten. Aber vorbei war es noch lange nicht, denn an die vierzig Gäste oder sogar noch mehr mochten sich zur Geburtstagsfeier eingefunden haben und alle mussten noch beköstigt und unterhalten werden. Obwohl der Salon einen Balkon hat, sämtliche Türen geöffnet waren und die Deckenventilatoren mit Höchstleistung liefen, war es heiß wie in einem Backofen und allein schon beim Sitzen rann einem der Schweiß in Sturzbächen vom Körper. Viele der Damen zückten nun ihre Fächer und fingen an zu wedeln. In der Küche wirbelten derweil die fleißigen Helferinnen und bereiteten das Essen für die Gäste.

Schon am Morgen, nachdem meine Frau angekündigt hatte, dass wir die Geburtstagsparty der Großtante besuchen wollten (Wollten? Wer hatte gesagt, dass ich will?), hatte ich sehr behutsam versucht, Einspruch dagegen ihre Pläne einzulegen. Doch meine Frau, mit ihrem leichten Hang zum Dramatischen, entkräftete meine äußerst stichhaltigen Argumente mit einer emotionalen Großoffensive und tat so, als müsste die Party tatsächlich ausfallen, wenn wir sie nicht dorthin begleiteten. Der letzte, der gewollt hätte, dass die Party ausfällt, wo sich doch alle so sehr darauf freuten, bin doch wohl ich! Am Ende zeigte sich, dass mein Sohn, ich und ihr Onkel die einzigen männlichen Gäste waren. Wir saßen wie Fremdkörper unter all den älteren Damen, von denen einige sich tatsächlich zu wundern schienen, ob wir uns verirrt hatten. Andere männliche Familienangehörige hatten es offenbar vorgezogen, irgendeine wichtige und gleichermaßen unaufschiebbare Verpflichtung vorzuschützen, um dem Grauen fernbleiben zu dürfen. Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.

Onkel Fausto (der Bruder meiner Schwiegermutter) machte von uns dreien noch die beste Figur. In seinen mit Bügelfalten versehenen Jeans, mit seinem blütenreinen, frisch gestärkten Hemd, dem akkurat gekämmten Haar und dem feschen Schnurrbart, der stets fachmännisch getrimmt ist, wirkt er immer wie der Gentleman vom Lande. Es ist bewundernswert, wie er angesichts der Folter Haltung bewahrte. Während mir der Schweiß übers Gesicht lief und ich mich gequält auf dem unbequemen Stuhl wand, saß er aufrecht wie ein ungekrönter König und er wirkte dabei zugleich vollkommen entspannt, gerade so, als könnte er sich nichts Angenehmeres vorstellen, als seine Zeit auf Geburtstagspartys älterer Damen zuzubringen. Mit legerer Würde unterhielt er sich mit seinen Sitznachbarn. Er spricht immer auf eine sehr bedächtige und kluge Art, dass es den Anschein hat, er beleuchte die Argumente seines Gegenüber zunächst von allen Seiten, bevor er antwortet. Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, nicht zu schwitzen, zumal in dieser Hitze, die durch den Dunst aus der Küche, die auf Hochbetrieb arbeitete, sogar noch verstärkt wurde. Man sah bei ihm nicht eine Schweißperle, wo doch die Gesichter aller anderen nur so glänzten. Ist das nun die schiere Coolness oder jahrelange Übung?

Schließlich wurde die Lasagne serviert. Wir hatten fast eine Stunde auf diesen Augenblick gewartet, aber ich fand es einfach zu heiß für ein so gehaltvolles Essen. Meinen Sohn hielt die Hitze jedoch nicht davon ab, seinen Teller in Windeseile leerzuessen – als wäre er durch tagelange Entbehrungen ausgehungert und Lasagne das einzige, durch das er wieder zu Kräften kommen könnte. Und er aß sogar noch die Portion meiner Frau, welche die Hitze und der Kalorienrechner im Kopf davon abhielten, mehr als nur den Salat anzurühren. Nachdem er aufgegessen hatte, machte er mir unauffällig Zeichen zu gehen. Gerade war Julia Querola dabei, das Geburtstagskind auf die Tanzfläche zu ziehen, und mit ihm ein kleines Geburtstagstänzchen anzustimmen, und mein Sohn fürchtete wohl, dass ihm das gleiche Unglück widerfahren könnte. Julia Querola ist von Beruf Sängerin und so etwas wie die Stimmungskanone der Familie. Oft singt sie zu den Liedern auf der Party und sie hat eine wirklich schöne Stimme. Wir aber hatten unsere Pflicht getan und schlichen uns unbemerkt davon. Als ich das Haus der Tía Juanita verließ, war ich schweißgebadet.

Eine Stunde später, mein Sohn und ich genossen gerade das abendliche Fernsehprogramm auf HBO, klingelte es an der Tür. Nichtsahnend öffnete ich – die Schwiegermutter war da und sie war nicht allein gekommen. Sie brachte fast ein Dutzend Leute mit, alles Familienmitglieder. Damit war es erst einmal vorbei mit dem gemütlichen Fernsehabend im tiefgekühlten Schlafzimmer. Invasionen dieser Art sind in Bahía so üblich, dass sie einen eigenen Namen haben: Man nennt solcherart Überfälle „Reunión“, also ein zwangloses Zusammensein mit der Familie oder mit Freunden. Als hätten sie sich verschworen, kommen dabei die Gäste häufig in Mannschaftsstärke und sie laden sich auch immer selbst ein. Die Etikette verlangt nicht, dass der Besucher sich anmelden muss; die Gastgeberpflicht des Besuchten gebietet jedoch, dass man die Gäste einlässt und ihnen die besten Plätze anbietet. Die Gäste erwarten keinesfalls, dass Essen serviert wird, noch dass man Getränke bereitstellt. Man ist gekommen, um zu plaudern. Mehr verlangt man nicht. Und so lümmelt man schließlich in den bequemen Sesseln und plaudert.

Unter den Gästen ist auch der Onkel; wir hatten ihn schon auf der Geburtstagsparty getroffen und offenbar hat auch er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, um die Feier zu verlassen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass der alte Charmeur es auf eine weit elegantere Art getan hat als wir, wo unser Abgang doch eher einer Flucht glich. Der Onkel hatte bis vor Kurzem einen Baustoffhandel betrieben, aber nun überlegt er, ob er das Geschäft aufgeben soll, denn erst vor ein paar Wochen ist er ausgeraubt worden. In seiner ruhigen Art erzählt er, dass einer der Kriminellen ihm eine Waffe an den Kopf gehalten habe, während der andere ihm ein Messer gegen die Rippen gedrückt hätte. Zweihundert Dollar erbeuteten die Diebe. Das ist nicht viel Geld und dafür das Leben zu riskieren, wäre die größte Torheit. Alle stimmen ihm zu. Ein Patentrezept, wie man die ausufernde Kriminalität in den Griff bekommen könnte, hat aber niemand. Man redet noch ein wenig über dies und jenes, und nach einer Stunde sind die Gäste so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.