Am Berg

Der Hausberg Quitos ist der Pichincha. Der Vulkan erhebt sich nahe der Stadt und kann auch von alpinistischen Laien ohne Bergausrüstung bestiegen werden. Es gibt zwei Gipfel: Rucu Pichincha (rucu bedeutet auf Quechua „alt“, also der alte Pichincha) liegt näher an der Stadt und steigt bis auf 4.690 Meter auf. Im Jahre 2005 wurde an seinen Hängen eine Seilbahn in Betrieb genommen, die seinerzeit als die höchstgelegene Anlage der Welt galt. Die Endstation befindet sich in knapp viertausend Metern Höhe auf einem Cruz Loma geheißenen Hügel an der Ostflanke des Berges. Der zweite Gipfel, Guagua Pichincha (guagua – „jung“), erhebt sich sogar fast 4.800 Meter. Er liegt nur etwa fünf Kilometer westlich des Rucu Pichincha, aber anders als seinen Bruder kann man ihn von Quito aus nicht sehen.

Die Talstation der Seilbahn befindet sich in 3.050 Metern Höhe. Von Quito aus reist man bequem mit dem Taxi an. Wegen der vielen Kurven und Steigungen, die es zu bewältigen gilt, dauert die Fahrt etwa eine halbe Stunde. Wir bezahlten sieben Dollar, aber später sollten wir herausfinden, dass es einen Shuttle-Service gibt, der einen vom Zentrum aus direkt bis zur Station befördert. Für die Fahrt muss man gerade einmal fünf Dollar berappen, doch leider wissen nur wenige Eingeweihte, dass es einen solchen Service gibt, denn auf der Website der Seilbahn und auch auf den einschlägigen Tourismus-Seiten erfährt man darüber nichts. Während wir am Fuße des Berges ein Taxi zu bekommen versuchten, das uns wieder zurück nach Quito bringen würde, begegnete uns zufällig der Shuttle-Bus. Der Vorteil gegenüber dem Taxi besteht darin, dass man um den Preis nicht feilschen muss – die Tarife werden gut sichtbar auf einer Tafel ausgewiesen.

An diesem Tag herrschte nicht viel Betrieb an der Basisstation des TelefériQo, der Seilbahn Quitos. Das mag an der frühen Stunde gelegen haben oder daran, dass wir uns einen Wochentag für unsere Expedition zum Berg ausgesucht hatten. Man konnte unschwer erkennen, dass die Seilbahnstation auf Massenandrang ausgelegt ist – eine Batterie von Drehkreuzen wartete auf Besucherschwärme –, doch an diesem Morgen spazierte kaum eine Handvoll Bergtouristen durch die Halle. Eine Angestellte des Sicherheitsdienstes gab uns den guten Tipp, vorher die Toilette aufzusuchen, denn auf dem Pfad, der zum Gipfel führt, finden sich weder stille Örtchen noch gibt es Bäume oder Büsche, die Deckung bieten könnten. Im Hauptgebäude der Talstation, gleich neben dem Eingang, befindet sich zudem eine medizinische Station, die darauf spezialisiert ist, Schwindelanfälle, Herzrasen und Atemnot zu behandeln. An diesem Tag blieb das Krankenzimmer aber leer.

Die Fahrt zur Cruz Loma, einem Hügel, der wie ein Erker auf der Flanke des Vulkans sitzt, ist schon für sich genommen ein Erlebnis: Die Gondeln sind recht klein – sie bieten maximal sechs Personen Platz – und in der rundum verglasten Kabine hat man das Gefühl, man gleite schwerelos über die Hänge des Berges. An der Talstation sieht man noch Bäume wachsen, steigt man aber höher, begegnet einem erst dichtes Buschwerk, dann aber nur noch stachelige Wiesen, durch die Wellen gehen, wenn der Wind um den Berg streicht. Einige der Gondeln sind mit Fahrradhaltern ausgerüstet, so dass der des Lebens überdrüssige Extrem-Biker sein Rad ohne Anstrengung bis auf viertausend Meter befördern kann. Von der Bergstation aus führt eine holprige Piste an der Flanke des Vulkans hinunter nach Quito und an diesem Tag schien so mancher wagemutige Pedaleur gesonnen, das Schicksal herauszufordern.

Nach etwa einer Viertelstunde hat man es geschafft: Man ist an der Bergstation auf fast viertausend Metern Höhe angelangt, und nun sollte man sich erst einmal Zeit nehmen, um sich zu akklimatisieren. Es ist spürbar kühler geworden, die Luft ist dünner und ohne es zu merken, atmet man tiefer als sonst. Solange die Sonne scheint, und man sich nicht viel bewegt, fühlt man sich gut, doch bei schlechtem Wetter sinken die Temperaturen rapide (oft fegt dazu noch ein kalter Wind um den Berg) und dann ist man gut beraten, wetterfeste, wärmende Kleidung zu tragen.

Man sollte sich am Anfang auch nicht zu schnell bewegen, denn man gerät leicht außer Atem und wenn man die Höhe nicht gewohnt ist, wird einem manchmal sogar schwindelig. Jede Verrichtung braucht länger als im Tal. Man sollte den Tag daher durchaus ruhig angehen. Hier oben ist es keine Schande, sich wie in Zeitlupe zu bewegen und nur die üblichen Leistungswilligen müssen immerzu hektisch gegen die Uhr kämpfen. Eine weit schlimmere Schmach wäre es freilich, würde man mit der Seilbahn zurück zur Krankenstation geschickt! Aber vielleicht wäre es auch nicht gar zu unangenehm, sich in die Obhut der Krankenschwestern zu begeben …

Von der Bergstation aus erreicht man in einem etwa vierstündigen Fußmarsch den Gipfel des Rucu Pichincha. Die meisten Touristen blieben aber in der Nähe der Seilbahn, wo es ein Restaurant gibt und wo ein Besucherzentrum den Andrang der Gipfelaspiranten erwartet. Man hat einen Ausblick, wie er einem nur selten im Leben gewährt wird. Die Aussicht ist berauschend: Eingezwängt zwischen Bergen liegt einem das Häusermeer Quitos zu Füßen. Man fühlt sich wie ein Eroberer, dem sich die Welt unterworfen hat. Als wäre man ein Gott, der, wie die alten Völker glaubten, auf einem Berg thront, kann man die ganze Stadt von Norden nach Süden mit einem einzigen Blick erfassen.

Einige waren freilich nicht wegen des atemberaubenden Ausblicks auf den Berg gekommen. Schon in der Talstation waren mir Besucher in sportiver Bergausrüstung aufgefallen. Ich spottete, so sähe man doch nur aus, wenn man Grönland in Rekordzeit durchqueren wollte oder die Taklamakan. In der Tat erschien es mir eigenartig, sich solcherart ausgerüstet am Stadtrand Quitos sehen zu lassen. Ich stellte mir einen Augenblick lang vor, man würde, gewappnet wie für eine Kamtschatka-Expedition, in Erkner in die S-Bahn steigen. Zumindest sähe man sich der Frage ausgesetzt, ob im Schaltkasten noch alles korrekt verdrahtet sei. Hier in Quito hat man sich längst an den bizarren Anblick gewöhnt, aber es sind immer Ausländer, die sich in den Augen der Einheimischen unmöglich machen.

Sobald sich die Türen der Gondel öffneten und man wieder festen Boden unter den Füßen spürte, vergewisserten sich jene abenteuernden Freizeitalpinisten durch einen Blick auf die Uhr, dass man noch exakt in der Zeit lag. Wie es schien, wollte man nicht eine Sekunde vergeuden, und sofort begann dann auch das Rennen: Mit wahnwitziger Geschwindigkeit stiefelten sie hinauf zum Gipfel, der sich zum Greifen nahe am Ende eines Felsgrats zu erheben schien.

Bei den agilen Wanderern handelte es sich erstaunlich oft um den Typus des rüstigen Rentners – hagere Gestalten im fortgeschrittenen Alter, denen die Strapazen vergangener Expeditionen ins Gesicht geschrieben standen: Die von der Höhenstrahlung verbrannte Haut spannte sich wie der trockene Balg einer Mumie um den kantigen Schädel. Zumindest hat die Auszehrung den Vorteil, dass man auch noch nach hundert Jahren leicht identifiziert werden könnte, wenn sie einen in der Eisgrotte fänden, in der man sich eben mal zum Ausruhen hingesetzt hat. Die haltbare Gore-Tex-Kleidung und die Bergstöcke aus unzerstörbarem Titan wären dann noch immer wie neu.

Wir liefen anderthalb Stunden bergan. Der Weg zum Gipfel des Rucu Pichincha führt über einen gewundenen Felsgrat. Bergsteigerische Fähigkeiten werden aber nicht abverlangt; nur gutes Schuhwerk ist nötig sowie ein gewisses Maß an körperlicher Fitness. Auf über viertausend Metern erschöpft man schnell und deshalb sollte man alle paar Dutzend Meter eine Pause einlegen, damit sich der Kreislauf wieder beruhigen kann. Während wir die Aussicht genossen, überholten uns rüstige Senioren in bunter Allwetter-Bergausrüstung. Mit ihren Bergstöcken staksten sie in großer Hast an uns vorbei und ich fragte mich, warum sie es so eilig hatten, schließlich würden sie den Gipfel auch noch in den nächsten paar Stunden an exakt der Stelle vorfinden, an der ihr GPS ihn auswies.

Wir kamen bis zum Mast einer Hochspannungsleitung auf vielleicht 4.300 Metern Höhe. Bis zum Gipfel würde man sicher noch zwei Stunden benötigen, aber es begann nun zu regnen und ohnehin hatten wir nicht vorgehabt, den Berg zu besteigen. Die Gitterkonstruktion des Hochspannungsmastes stand so einsam und fremd in der Landschaft wie ein verlassener menschlicher Außenposten auf einem fernen Planeten. Der Regen verstärkte sich und ein eisiger Wind strich nun über die Hänge des Berges und wehte uns die Tropfen ins Gesicht. Ich fror und fast wünschte ich, ich trüge die warme wasserdichte Gore-Tex-Kleidung der Bergsenioren (fast war ich versucht, Abbitte zu leisten, weil ich so gemein über sie gelästert hatte). Doch zur Bergstation der Seilbahn war es nicht weit und der Regen ließ schon wieder nach, kaum dass er begonnen hatte.

An der Seilbahn angekommen, machten wir noch ein paar Fotos und ließen das beeindruckende Panorama der Bergwelt auf uns wirken. Im Restaurant nahmen wir einen Snack ein und dann fuhren wir mit dem Shuttle-Bus zurück nach Quito. Schon nach weniger als einer Stunde fanden wir uns inmitten des dichten Verkehrs im Zentrum der Stadt wieder. Der Berg aber stand majestätisch über dem Tal und andere würden nun von dort auf ein Quito blicken, das ihnen wie ein Siegerpeis zu Füßen lag.

Nur eine Übung

Der Berg hatte Quito seit Wochen in Atem gehalten. Immer wieder war davon die Rede, dass er jeden Moment ausbrechen könne, und die Stadt hatte für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen: Die Einwohner wurden angewiesen, Trinkwasser und Nahrung für mindestens drei Tage vorrätig zu halten. In vielen Supermärkten sahen die Getränkeabteilungen bald aus, als hätte man sie geplündert. Außerdem wurde die Anschaffung von Atemmasken empfohlen. Schon nach kurzer Zeit waren sie überall ausverkauft und angesichts der Menge an OP- und Filter-Masken, mit denen sich die Leute ausstatteten, hätte man glauben können, die weltweite Zombie-Apokalypse sei nun doch noch eingetreten.

Die meisten aber, mit denen wir sprachen, begegneten den Warnungen der Geologen mit der typisch ecuadorianischen Gelassenheit: Es wir schon nicht so schlimm kommen, hörte man immer wieder sagen. Aber die Bedrohung ist dennoch sehr real, denn Aschewolken können sich – wie schon vielfach in der Vergangenheit geschehen – so dicht über die Stadt legen, dass Dächer einstürzen. Für die tiefer gelegenen Wohnquartiere steht zu befürchten, dass Lahare, Schlamm-Geröll-Lawinen, durch die Täler rollen und ganze Urbanisationen einfach ausradiert werden. Die Gefahrenzonen sind auf einschlägigen Karten ausgewiesen und die Bewohner der gefährdeten Bereiche werden durch ein Frühwarnsystem verständigt und können sich dann in Sicherheit bringen. Viele werden nicht freiwillig gehen wollen, denn die leerstehenden Häuser sind ein lohnendes Ziel für Einbrecher.

Die Schule meines Sohnes, wie alle Schulen in Quito, führt regelmäßig Evakuierungsübungen durch. Der Koordinierungsaufwand ist nicht unbeträchtlich, denn viele der Kinder wohnen in Urbanisationen, die weit von der Schule entfernt sind, und ihre Eltern müssen im Notfall erst eine zeitraubende Anfahrt bewältigen, ehe sie die Kinder abholen können. Damit keines der Kinder versehentlich zurückbleibt oder Eltern und Kinder getrennt werden, hat die Schule sich ein etwas umständliches Prozedere einfallen lassen, bei dem man den Namen des Kindes auf einen Zettel schreibt, diesen durch die Tür reicht, worauf einem dann das Kind wie ein Paket ausgehändigt wird. Zwar besuchen nur dreihundert Schüler die British School Quito, aber man kann sich leicht ausmalen, wie lange es dauert, dreihundert Kinder einzeln durch die Tür zu schicken.

Einmal nahm ich an einer Notfallübung teil – man kann sich nicht vorstellen, welche geradezu grotesken Szenen sich vor dem Eingang der Schule abspielten. Und dies war nichts weiter als eine Routineübung! Mitarbeiter der Schule standen vor der Tür und verteilten Zettel, auf denen man den Namen des Kindes notieren sollte. Den größten und kräftigsten Lehrer hatte man direkt vor der Tür postiert (die Schüler nennen ihn ob seiner Leibesfülle respektlos Albondiga – Fleischklops). Sein massiger Leib versperrte wie ein Pfropfen den Eingang und so war es den Wartenden unmöglich, in die Schule zu gelangen. Ohne Zweifel würden einige der Eltern die Schule gestürmt haben, hätten sie sich nur an dem Wächter vorbeidrängeln können. Es herrschte ein ziemliches Durcheinander und mich beschlich das unangenehme Gefühl, im Ernstfall würde die panische Masse selbst einen so standfesten Torwächter beiseite schieben, als wäre er bloß ein Pappkamerad.

Der Türwächter rief die Namen der Kinder aus, was manchmal sehr lustig war, da er als Englischsprecher die spanischen Namen mit englischer Aussprache versah. An der Tür wurden die Kinder den wartenden Eltern ausgehändigt. Man schien zu glauben, sie seien aus Porzellan, denn man schickte sie durch ein Spalier aus Lehrern und jeder legte ihnen beschützend die Hände auf und schob sie behutsam weiter, als könnten sie plötzlich nicht mehr aus eigener Kraft laufen.

Manche der Mütter erschienen zu dieser simplen Katastrophen-Übung aufgebrezelt, als würde sie der Präsident der Republik persönlich empfangen. Als sie dann nach langem Warten endlich wieder ihre Kinder in den Arm nehmen durften, riefen sie mit zitternder Stimme „Mi hijo!“ (Mein Sohn!) oder „Mi hija!“ (Meine Tochter!). Es klang so bitterlich, dass man fast glaubte, ein grausames Schicksal hätte Mutter und Kind getrennt und erst jetzt, nach Jahren des Hoffens und Bangens, hätte das Glück sie wieder vereint. Manch eine der gutsituierten Hausfrauen, allesamt Angehörige der Oberschicht, schien wirklich den Tränen nahe. Ich habe so meine Zweifel, ob ihnen mit ein paar therapeutischen Ohrfeigen geholfen wäre. Ich fürchte, wenn man wie sie nur lange genug in der Stratosphäre schwebt, verliert man irgendwann auch den letzten Rest an Bodenhaftung. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich glaube, man muss beten, dass der Cotopaxi niemals ausbricht.

Ein Tempel für die Menschheit

Wenn man nach Quito reist, lohnt es sich, der Capilla del Hombre einen Besuch abzustatten. Auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt, ist die „Kapelle“ kein wirklich sakrales Gebäude, denn sie ist erdacht und erbaut als ein der Verehrung des Menschen gewidmeter Tempel und sie ist deshalb auch keinem höheren Wesen geweiht als dem Menschen selbst. Die Capilla del Hombre ist das Werk Oswaldo Guayasamíns, des bis dato bedeutendsten und einflussreichsten Künstlers Ecuadors. Guayasamín selbst betrachtete die Kapelle immer als sein Hauptwerk, doch ihre Vollendung sollte er nicht mehr erleben: Erst im Jahre 2002, drei Jahre nach seinem Tod, wurde der Bau feierlich eröffnet.

Informationen zu Leben und Werk Oswaldo Guayasamíns kann man aus jeder einschlägigen Enzyklopädie ziehen. Die Schaffensperiode des Künstlers überspannt fünfeinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tode im Jahre 1999. Mit einem Oeuvre von mehreren Tausend Werken, die meisten davon Gemälde, gehört Guayasamín mit Sicherheit zu den produktivsten bildenden Künstlern überhaupt. Die meisten seiner Bilder befinden sich im Besitz der „Fundación Guayasamín“, einer von ihm selbst gegründeten Stiftung, die sein Werk und sein Erbe verwaltet. Das Grundstück mit der Capilla del Hombre und dem Privathaus des Künstlers ist ebenfalls Eigentum der Stiftung.

Auf dem Parkplatz vor der „Fundación Guayasamín“ standen an diesem Tag gerade einmal drei oder vier Autos. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem Andrang, der an jedem einzelnen Tag der Woche im Quicentro, der größten Shoppingmeile der Stadt, herrscht. Aber hinter den Pforten des Stiftungsgeländes wartet auch nur Kunst auf den Besucher und nicht Gucci. So fanden wir uns dann fast allein auf dem riesigen Areal wieder und an diesem Tag begegnete man auf dem Gelände mehr Wächtern und Gärtnern als Besuchern. Aber ich empfand die Stille als sehr angenehm, denn man konnte überall umherstreifen und wurde von niemandem dabei gestört.

Gerade fand eine Führung statt und wir schlossen uns der Gruppe an. Mit uns waren es gerade einmal sieben Teilnehmer und darüber hinaus begegneten wir niemandem. Die Führung fand auf Englisch statt, denn bei der Gruppe der Kunstinteressierten handelte es sich größtenteils um Amerikaner, wie man unschwer aus dem breiten Akzent ersehen konnte. Man kann die Capilla als eine Art Kunstgalerie oder einen Kunsttempel unter anderem Namen ansehen, doch einige der Leute, die mit uns zusammen durch die Säle schlenderten, hatten sich ausstaffiert, als wollten sie gleich im Anschluss zu einer Expedition in die unerforschten Regionen des Amazonas-Regenwaldes aufbrechen. In einem Kosmonautenanzug oder mit einer Taucherausrüstung hätte man sicher kaum mehr auffallen können.

Ecuador gilt eben noch immer als einer der abenteuerlichsten Flecken auf diesem Planeten und in der Wildnis ist gute Ausrüstung nun einmal alles. Irgendwo in den Urwäldern des Oriente, der östlichsten Region des Landes, könnte man noch Verständnis für Trekkingstiefel, Cargohosen in Khaki, Tool-Westen und Ranger-Hüte aufbringen. Aber hier, in der Hauptstadt, im Zentrum Quitos? Es würde mich nicht wundern, hätten sie sich auch noch ihr Bushcraft-Messer an den Leib geschnallt – zur Abwehr von Jaguaren wie zudringlichen Einheimischen gleichermaßen.

Kaum hatte ich das Innere der Capilla del Hombre betreten, da begann ich auch schon eifrig Fotos zu schießen. Doch ich kam gerade noch dazu, zweimal auf den Auslöser zu drücken, da machte mich die Führung freundlich darauf aufmerksam, dass das Fotografieren sowohl in der Capilla als auch in den Räumlichkeiten des Wohnhauses des Künstlers untersagt sei. Ich hatte das Verbotsschild, das ohne jeden Zweifel am Eingang angebracht war, leider übersehen und die Belehrung wohl auch überhört. Die anderen Teilnehmer der Führung sahen mich strafend und auch ein wenig peinlich berührt an, dass ich die Etikette auf solch eklatante Weise verletzt hatte. Ich hätte ihnen mit einer gewissen Berechtigung entgegenhalten können, dass es die Regeln des Anstands und erst recht die des guten Geschmacks verletze, wie zur Safari gerüstet in einem Kunsttempel zu erscheinen. Das einzige gelungene Bild aus dem Innern der Kapelle findet sich übrigens in der Galerie.

Der Bau erinnerte mich auf seltsame Weise an einen parsischen Feuertempel, zumal in seinem Zentrum eine ewige Flamme brennt. Nicht, dass ich schon je ein zoroastrisches Heiligtum besucht hätte, ich hatte nur plötzlich den Eindruck, so müsse es in seinem Innern aussehen. Wie man auf den Fotos erkennen kann, ist der Baukörper streng kubisch mit einem quadratischen Grundriss. Darüber thront eine Kuppel. Außen ist diese wie ein Konus gestaltet, doch im Innern wölbt sich über den Betrachter ein Kuppelgewölbe mit einem Oculus im Zenit. Es gibt zwei Geschosse – eines auf ebener Erde und ein zweites darunter, einer Krypta ähnlich. Im Zentrum, direkt unter dem Auge der Kuppel, brennt die ewige Flamme.

An den Wänden hängen Gemälde von oft monumentalen Ausmaßen. Das größte, eine Allegorie auf das Ringen zwischen Spanien und Lateinamerika, misst von einer Seite zur anderen geschätzte zehn Meter (vielleicht auch weniger, jedenfalls wirkt es so groß wie eine Kinoleinwand). Wie ein riesiges Altarbild hängt es an prominenter Stelle im Hauptraum und wahrscheinlich nicht zufällig hat man den Eindruck, man stehe vor einer gewaltigen Ikonostase.

Auf fast allen Bildern sind jedoch Menschen dargestellt, doch oft fällt es schwer, in den gequälten, zerstückelten, geschundenen Leibern überhaupt noch etwas Menschliches zu erkennen. Der künstlerische Gestaltungswillen hat sich hier mit äußerster Expressivität entladen und nur zu oft sieht der Betrachter in dem Schlachthaus auf der Leinwand bloß eine Reflexion der schrecklichsten Facetten der beunruhigenden Realität seiner eigenen Welt.

Die Capilla del Hombre ist dem Leiden und dem Schmerz der ganzen Menschheit gewidmet und deshalb sind es auch nicht Heilige oder Engelswesen, die im seligen Reigen über das Kuppelgewölbe ziehen, sondern Menschen, denen Furchtbares angetan wurde: Man sieht skelettierte Gestalten, blass wie Würmer, die sich in verzehrendem Sehnen nach dem Licht strecken. Es wurde ihnen genommen, als man sie in die Dunkelheit eines Berges verbannte wie die Verdammten, die im innersten Kreis der Hölle ihre Sündenschuld büßen. Doch diese menschlichen Schattenwesen im Schlund des Tartaros sind ohne Schuld. Das sind die Sklaven von Potosí, des Cerro rico, des Berges, auf dessen Reichtümern das Spanische Imperium gründete und von dem aus die ganze Welt einst mit Silberpesos überschwemmt wurde. Der Oculus im Gewölbe dient als ein Sinnbild der Sonne, zu der diese lebenden Toten streben gleich dem Getier, das aus den Tiefen des Meeres zum Licht emporsteigt. Ich konnte mich nicht des Eindrucks entziehen, dies sei ein Totentanz, und vielleicht hat der Künstler diese Metapher mit Absicht zitiert.

Das ist keine Kunst, die man sich in die eigenen vier Wände hängen würde. Niemand möchte seinen Blick auf geschundene und zerstückelte Leiber richten, wenn er, gemütlich am Kamin sitzend, sich seinen wohlverdienten Sherry hinter die befrackte Brust kippt. Man verlässt die Capilla in gedrückter Stimmung: So viel Leid und Schmerz, wie im Fokus einer Linse an einem einzigen Ort konzentriert, lassen selbst wenig empfindsame Naturen mit sehr verstörenden Gefühlen zurück.

Als wir dann später das Haus des Künstlers besuchten, fragte einer der Anwesenden die Führung, ob denn Guayasamíns Kunst ausschließlich von solchen düsteren Themen bestimmt gewesen sei. Habe er denn nicht auch einmal Blumen, Stillleben, Akte oder Landschaften gemalt? Kunst, so die Antwort, sei für ihn stets eine Art des Protests gegen den Zustand der Welt gewesen. Mit lieblichen Landschaften und Akten werden wohl die meisten von uns einverstanden sein, nicht aber mit Unterdrückung, Terror, Folter und Mord. Die einzigen Landschaftsbilder, die Guayasamín malte, sind Ansichten von Quito, die sich in großer Zahl in seinem Nachlass finden. Dabei kam es vor, dass er, getreu seiner expressionistischen Grundhaltung, den Himmel je nach Stimmung einmal in Schwarz, bei anderer Gelegenheit jedoch in Rot ausführte. Sein Hauptaugenmerk lag jedoch immer auf dem Menschen, der unverrückbar im Zentrum seiner Kunst steht.

Da sich die Gelegenheit anbot, besuchten wir auch noch das Wohnhaus des Künstlers. Wenn man versuchte sich vorzustellen, wie das Haus eines berühmten Malers auszusehen hätte, würde man mit Sicherheit die Wohn- und Arbeitsstätte Guayasamíns als Beispiel zitieren. Die Architektur nimmt Anleihen beim spanischen Kolonialstil, doch in einer beeindruckenden Synthese aus Tradition und Moderne ist etwas ganz Neues entstanden.

Das Anwesen ist buchstäblich bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgestopft mit Kunst. Wenn man die Räumlichkeiten betritt, ist man praktisch von allen Seiten von Kunst umgeben, man taucht förmlich darin ein. Alles ist sehr geschmackvoll zu einem großen Ganzen arrangiert, so dass sich einem trotz der ungeheuren Anzahl der Exponate und trotz der unterschiedlichen Herkunft und der sehr verschiedenen Stile nirgends der Eindruck des Überladenen aufdrängt. Viele Künstler, Freunde des Hausherrn, spendeten eigene Werke. So findet man zum Beispiel an einer der Wände Marc Chagall mit leichter Hand verewigt. Darüber hinaus war Guayasamín Zeit seines Lebens ein eifriger wie kenntnisreicher Sammler präkolumbianischer Kunst. Die Kollektion umfasst Tausende von oft sehr eindrucksvollen Stücken aus den verschiedenen Kulturepochen des amerikanischen Kontinents. Abgesehen von der hohen Qualität der Exponate würde eine Sammlung dieses Umfangs jedem kunsthistorischen Museum zur Ehre gereichen.

Noch viel beeindruckender als die Privatgemächer mit ihren Kunstschätzen, ja, selbst noch als die Capilla del Hombre in ihrer Monumentalität des Leidens ist das Atelier des Künstlers. Guayasamín war ein Workoholic; dem Vernehmen nach arbeitete er vierzehn Stunden am Tag, und zwar jeden Tag. Das Atelier war sein eigentlicher Lebensmittelpunkt, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er dort. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, er hätte zwar viele Frauen geliebt, aber die einzig wahre und unvergängliche Liebe in seinem Leben sei die Liebe zur Kunst.

Der Raum ist riesig wie ein Salon und in der Tat befindet sich im hinteren Teil eine Bibliothek mit bequemen Klubsesseln, die dem Ambiente ein wenig großbürgerliches Flair verleihen. Wären nicht die Staffeleien und die langen Tische mit den Farben, Pinseln, Spachteln, Tiegeln und Paletten, würde man meinen, man befände sich in den Räumlichkeiten eines exquisiten Gentleman-Clubs. Guayasamín war ein Mensch, der sich gern mit schönen Dingen umgab, und schön ist einfach alles in diesem Haus, selbst noch der Ort, an dem er seine Werke schuf.

Als wir das Atelier betraten, empfing uns Bach so schön und herzerwärmend, dass ich zuerst dachte, die künstlerische Leitung der Stiftung wäre der Marotte verfallen, die Besichtigungstouren mit musikalischer Begleitung zu versehen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Wann immer der Künstler in seinem Atelier arbeitete, pflegte er Bach zu hören, und da man ihn auch jetzt spielte, war es fast, als würde Guayasamín jeden Augenblick durch die Tür treten und die Besucher in seiner Künstlerwerkstatt begrüßen. Der Mann hat wahrhaftig in seinem eigenen Paradies gelebt.

Auf einer der Staffeleien stand ein großformatiges Porträt Fidel Castros, eines guten Freundes des Künstlers. Der kubanische Staatschef hielt übrigens die Rede zur Einweihung der Capilla del Hombre. Guayasamín hat den Máximo Líder insgesamt dreimal gemalt. Auf diesem Bild erinnert er mich sehr an die streng blickenden spanischen Adligen in den Werken El Grecos. Mit seiner willensstarken Stirn, der kräftigen gebogenen Nase und dem schwarzen Bart könnte man den kubanischen Revolutionär glatt für einen Konquistador halten.

Am Ende waren wir Oswaldo Guayasamín noch eine Pflicht schuldig: Im Garten des Hauses befindet sich seine letzte Ruhestätte. Es war sein Wunsch, dass seine Asche an dem Ort verbleibe, den er sich selbst ausgesucht hatte: Von hier aus könnte er sowohl seine Kapelle des Menschen als auch sein Haus sehen, sowie die Stadt, die er so sehr liebte – Quito. Über dem Grab steht eine Pinie – er hat sie eigenhändig gepflanzt. Es heißt, dies sei ein Lebensbaum, ein Symbol des ewigen Lebens. An seinen Ästen flattern bunte Bänder und hängen Amulette. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, der Geist des Künstlers durchwehe diesen Ort und verwandle alles in etwas Wunderbares. Und so kann es geschehen, dass ein Haus der Kunst zu einer sakralen Weihestätte des Menschen wird und eine gewöhnliche Pinie zu einem heiligen Baum des Lebens.

Es ist kein trauriger Ort und doch macht es einen betroffen, wenn man an der Stelle steht, die das letzte Refugium auf dieser Welt sein soll für einen Menschen, dessen außergewöhnliche Odyssee des Geistes andauerte, so lange er lebte. Aber es wäre möglich, seine Prophezeiung erfüllt sich und er kehrt eines Tages zurück. Vielleicht hat er aber nie die Welt der Lebenden verlassen, wenn wahr ist, was man über große Geister sagt: nämlich dass sie unsterblich sind.

Als wir die Anlage verließen, drangen plötzlich Worte in einer bekannten Sprache an mein Ohr: Zwei ältere Damen spazierten Arm in Arm zum Ausgang und parlierten dabei im gewählten akademischen Deutsch der Vor-Achtundsechziger über die Welt im Allgemeinen und über die Kunst Guayasamíns im Speziellen. Vielleicht waren es pensionierte Kunstprofessorinnen oder bloß Laien, die sich leidenschaftlich für die Kunst interessieren. Ich glaube, Oswaldo Guayasamín hätte bei diesem Anblick seinen Spaß gehabt, und ich habe das Gefühl, dass man noch sehr lange Zeit über seine Kunst sprechen wird. Denn die Welt, die er durch sein Schaffen zu einem besseren Ort zu machen versuchte, ändert sich nun doch nicht so schnell, wie alle Menschen guten Willens glauben möchten. Jedoch, schön wäre es.

Der Bombero vom Berg

Einige Tage später sollten wir noch einmal zurückkehren – wegen der schönen Aussicht. Zu Füßen der „Fundación Guayasamín“ erstreckt sich das Viertel Bellavista alta. Das ist kein Stadtteil, in dem der Gutbetuchte gern Quartier nehmen würde, denn die Häuser in diesem Viertel sind nur einfache Zwei- oder Dreigeschosser – nichts, was dem übersteigerten Repräsentationsbedürfnis der geltungssüchtigen Mittelklasse genügen könnte. Man sieht Wäsche auf Balkonen und Dachterrassen hängen. Telefon- und Stromleitungen schweben wie ein Gewirr aus Spinnweben frei über den Dächern. Die Gegend sieht nicht reich aus, doch sie versprüht einen gewissen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Neben dem Stiftungsgelände befindet sich eine Feuerwache. Der Bau wirkt wie eine Ferienlodge und wird idyllisch überschattet von einem Eukalyptuswäldchen. An diesem Tag treffen wir nur einen einzigen Bombero mit seinem Hund an (Bomberos sind die Feuerwehrmänner). Meine Frau fragt ihn ein wenig über die Gegend aus und der Mann ist so gesprächig, als wäre er auf seinem einsamen Posten seit Wochen keiner Menschenseele begegnet. Und in der Tat wirkt die Gegend an diesem Tag so ausgestorben, als hätten die Menschen die Erde in einem Exodus verlassen. Vor dem Eingang der Wache warten achträdrige Amphibienfahrzeuge auf ihren Einsatz. Sie sehen fast so aus wie zu kurz geratene Hundertfüßer, aber ich frage mich, wozu man auf einem Berggipfel, noch dazu auf über dreitausend Metern Höhe, ein Amphibienfahrzeug braucht?

Von der Wache aus zieht sich eine Schotterstraße um die Bergflanke herum. Wir fragen, wohin sie führt, und der Bombero erklärt uns, dass es sich um eine Privatstraße handele, die niemand außer den Grundstücksbesitzern befahren dürfe. Als wir ihr später ein Stück zu Fuß folgen, sehen wir Häuser wie Schwalbennester am Hang kleben. Sie sind umgeben von dichten Eukalyptuswäldern, die man vor vielen Jahren angelegt hat, um die Erosion zu stoppen. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf Guápulo mit seinem Franziskanerkonvent und der Kirche darin. Ich war erstaunt zu erfahren, dass der ecuadorianische Zweig der Franziskaner sogar eine eigene Website betreibt. Aber eigentlich ist dies nicht weiter verwunderlich, war doch der Heilige Franz von Assisi den weltlichen Dingen gegenüber stets aufgeschlossen. Guápulo ist außerdem als Künstlerviertel bekannt. Der Anblick ist so eindrucksvoll, dass wir uns fest vornehmen, die Gegend alsbald zu besuchen.

Abenteuerliche Bergfahrten

Zu den Orten, die man in Quito unbedingt besucht haben sollte, zählt die Capilla del Hombre, ein Hauptwerk Oswaldo Guayasamíns. Sie auszulassen, wäre ungefähr so, als hätte der Berlinbesucher das Brandenburger Tor nicht gesehen oder versäumt, den berühmten Kunstschätzen der Museumsinsel seine Aufwartung zu machen. Die Capilla del Hombre ist nicht nur eines der beeindruckendsten Werke individuellen Schöpferwillens, seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 hat sie sich auch zu einem der bedeutendsten Orte der Kunst in der Hauptstadt des Andenlandes entwickelt.

Als echter ecuadorianischer Patriotin war es meiner Frau natürlich ein ganz besonderes Anliegen, diese dem Menschen geweihte Andachtsstätte zu besuchen. Zwar kannte sie die Kapelle schon von früheren Reisen, doch es ist immer wieder ein bewegender Moment, in die ganz eigene, fast schon sakrale Atmosphäre dieser „Kirche des Menschen“ einzutauchen. Wir beschlossen, einen ganzen Samstagvormittag der Kunst zu widmen.

Unser Ziel liegt im Stadtteil Bellavista alta. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um eines der höher gelegenen Stadtviertel Quitos, von denen aus man einen grandiosen Panoramablick über die Berge und die Stadt hat. Eine Straßenkarte kann hilfreich sein, doch man benötigt sie nicht in jedem Fall, denn die Kapelle wie auch die Casa Guayasamín, das Haus des Künstlers, befinden sich an der höchsten Stelle, und wenn man nur immer den Berg hinauffährt, gelangt man schließlich fast zwingend zum Ziel. Wir wollten uns natürlich nicht auf die Reise machen, ohne uns vorher versichert zu haben, dass wir entspannt und gutgelaunt ankommen, und deshalb gaben wir die Koordinaten ins Navi ein.

Das Haus des Künstlers und die Kapelle befinden sich auf dem Grat eines steilen Bergrückens und für den Liebhaber der Kunst gibt es zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen: Man kann an den relativ sanft auslaufenden Enden des Höhenrückens zum Gipfelgrat hinauffahren oder man kann sein Glück an den Flanken versuchen, an denen der Winkel der Steigung von respekteinflößend bis irrwitzig reicht. Man fragt sich, welches normal motorisierte Kraftfahrzeug imstande ist, solche Steigungen zu bewältigen, aber beiderseits der Straße wohnen Menschen – der Berg ist bis in die Höhe dicht bebaut – und es ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen hin und wieder mit dem eigenen Auto fahren. Das Navi, das von unüberwindlichen Steigungen noch nie gehört zu haben scheint, führte uns, wie zu erwarten, zuverlässig über die Straßen mit den extremsten Höhenunterschieden.

Wie ein gegen den Wind kreuzendes Segelschiff arbeiteten wir uns im Zickzackkurs gegen die Schwerkraft empor. Die Straßen waren an diesem Samstagvormittag wie ausgestorben; weder sah man Menschen noch sonst irgendein Lebewesen, das einem die Versicherung gab, dass Leben in dieser Höhe möglich sei. Es schien, die Bewohner dieses Stadtteils – und zwar Mensch wie Tier gleichermaßen – nutzten die Wochenenden, um sich von der anstrengenden Steigarbeit an den restlichen Tagen der Woche auszuruhen.

Langsam arbeiteten wir uns voran, doch wir kamen dem Ziel näher: Statt Häusern, die sich wie Legoburgen auftürmten, sahen wir über uns schon bald nur noch das ätherische Blau des Andenhimmels. Wattewölkchen schwammen darin gleich Marshmallows. Nur noch wenige Meter und der Aufstieg wäre geschafft. Doch dann, nach einer letzten Neunzig-Grad-Kurve, standen wir plötzlich vor der furchteinflößendsten Steigung, die ich je vom Fahrersitz eines Auto aus gesehen habe. Ich glaubte, vor einer Wand zu halten, denn die Straße schien wie eine Jakobsleiter geradewegs nach oben in den Himmel zu führen. Als jemand, der den Bilderwelten der Filmindustrie hoffnungslos wie ein Morphiumsüchtiger verfallen ist, dachte ich natürlich sofort an „Inception“ und zwar an den Augenblick, als sich die Realität des Traumes im Wortsinne aufzurollen beginnt wie ein Blatt Pergament.

Ich atmete kurz durch und gab Vollgas. Wir schossen die Steigung mit der Gewalt eines Raketenstarts hinauf. Der Motor röhrte, als würden sich die Zylinderkopfdichtungen jeden Augenblick wie Geschosse durch die Motorhaube bohren. Auf der Hälfte der Distanz wurde die Maschine merklich stiller. Das war fast so beunruhigend wie in einem Flugzeug zu sitzen und festzustellen, dass die Propeller aufhörten, sich zu drehen. Der Wagen hatte sich mittlerweile so bedrohlich aufgebäumt, dass ich mir in meinem Sitz vorkam wie ein Astronaut vor dem Start seiner Rakete. Auf den letzten Metern vor der rettenden Querstraße gluckste der Motor nur noch wie ein Ertrinkender und dann, als hätte unser Raumschiff die Zone der Schwerelosigkeit erreicht, wurde es mit einem Mal ganz still. Meine Frau und ich sahen einander an und es war wie ein letztes stummes Lebewohl, das wir uns über Raum und Zeit hinweg zusandten.

Doch der Wagen rollte noch immer, quälend langsam zwar, aber er rollte. Der Augenblick schien sich zur Unendlichkeit zu dehnen. Ich hörte das Geräusch der Reifen und ich hatte sogar noch Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich die Pneus beim nächsten Werkstatt-Check rotieren lassen wollte. Mit dem letzten Quäntchen Bewegungsenergie schafften wir es und der Wagen kam punktgenau auf dem Absatz zum Stehen. Erst jetzt sprang der Motor wieder an. Wie ein klinisch totes Herz, durch die Adrenalinspritze wiederbelebt, heulte die Maschine auf, als hätte sie ein Leben, an das sie sich klammern könnte. Hinter dem Heck des Wagens fiel die Straße in die Todesschlucht. Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Die Gegend, in die uns das Navi geführt hatte, schien kaum besucht und die Straßen wurden dem Anschein nach nur selten befahren. Eine nahe Aussichtsplattform bot einen grandiosen Blick über die Stadt. Leider war es etwas dunstig, so dass alle Fotos aussehen, als läge eine Kondensschicht auf der Kameralinse. Wir machten ein paar Aufnahmen von der Stadt, die an den Hängen beiderseits des Tals wie ein Moosteppich hinaufwächst. Gläserne Wohn- und Bürotürme schießen von den sonnenverwöhnten Berggipfeln Stalagmiten gleich in den Himmel. Zwar waren die Straßen fast menschenleer, dennoch fanden sich schon bald die üblichen neugierigen Beobachter ein, die uns mit großem Interesse dabei zusahen, wie wir mit unserer Lumix hantierten. Unter diesen Umständen schien es uns geraten, die Fahrt fortzusetzen.

Markttag in El Quinche

El Quinche ist eine kleine Stadt nordwestlich von Quito. Von Quito aus gelangt man mit dem Auto dorthin, indem man der Ausschilderung zum Flughafen folgt, dann aber, statt weiter geradeaus auf der Route zum Airport zu bleiben, nach Osten Richtung Cayambe abbiegt.

Eigentlich gibt es keinen besonderen Grund, nach El Quinche zu fahren, es sei denn, ein starkes religiöses Bedürfnis zieht einen dorthin oder man möchte den berühmten Markt besuchen, der immer Sonntags abgehalten wird. Wir wollten auf den Markt, wenn auch das religiöse Spektakel, das alljährlich in der zweiten Novemberwoche zu Ehren der Virgen de El Quinche veranstaltet wird und das über achthunderttausend Pilger in die Stadt zieht, ein Ereignis ist, das einmal mit eigenen Augen zu schauen, ein ganz besonderes Erlebnis sein muss. Aber dies war nur ein normaler Sonntag und außer der sonntäglichen Messe ist es vor allem der Wochenmarkt, der die Leute in Scharen in die Stadt zieht.

Der Grund, der uns veranlasste, den Markt zu besuchen, ist ganz prosaisch: Seit unserer Ankunft in Quito leidet meine Frau an der Höhe und wir suchten nach einem Mittel, das Abhilfe schafft. Zwar ist sie Ecuadorianerin, aber sie stammt von der Küste, und die Leute der Costa sind ein ganz anderer Menschenschlag als die an die dünne Luft und die eisige Kälte gewöhnten Hochlandbewohner. Es kommt nicht selten vor, dass sie an hohem Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und Herzrasen leiden, obwohl sie doch, solange sie im Tiefland lebten, völlig gesund waren.

Streng medizinisch betrachtet, habe ich keine Probleme mit der Höhe, dennoch macht mir die dünne Luft manchmal zu schaffen: Wenn ich trainiere, muss ich viel längere Pausen einlegen als in Berlin, denn nach einer anstrengenden Übung bekomme ich manchmal einfach keine Luft mehr und mein Atem geht dann keuchend wie der eines asthmatischen Kettenrauchers beim Reha-Sport. Besonders schlimm ist es, wenn wir nach Quito fahren, das noch einmal achthundert bis tausend Meter höher liegt als Cumbayá.

Auf dreitausend Metern Höhe kann es einem sehr wohl passieren, dass plötzlich die Luft weg ist, wenn man nur ein paar Treppen steigt. Manchmal reicht es schon, einen langen Satz zu sagen, und in der Mitte merkt man auf einmal, dass einem die Luft ausgeht. Dann unterbricht man japsend und wie ein neunzigjähriger Zigarren-Connoisseur muss man erst einmal gierig Sauerstoff in die Lungen saugen, um weitersprechen zu können. Wenn ich mich mehrere Stunden in Quito aufhalte, beginnen meine Augen in der trockenen Höhenluft manchmal so furchtbar zu brennen, dass ich sie kaum noch offen halten kann. Vorsichtshalber nehme ich mir immer ein Fläschchen künstliche Tränen mit, aus dem ich mir hin und wieder etwas in die Augen träufele. Die Einheimischen, die Quiteños, haben mit diesen Problemen natürlich nicht zu kämpfen. Nur dem Zugereisten macht die Höhe zu schaffen.

Zwar kann sich der Organismus den neuen Bedingungen anpassen, doch gelingt ihm dies nur unvollkommen und auch nur vorübergehend. Um den niedrigeren Sauerstoffgehalt der Höhenluft effizienter nutzen zu können, vermehren sich genau wie bei einem Topathleten im Höhentrainingslager die roten Blutkörperchen, wenn man sich eine gewisse Zeit in der Höhe aufhält. Dieser Vorgang ist aber leider reversibel und sobald man wieder ins Flachland zurückkehrt, geht die Anpassung verloren. Um den menschlichen Organismus dauerhaft an das Leben in der Höhe zu gewöhnen, bedarf es des ununterbrochenen Aufenthalts in dünner Luft während dreier Generationen. Ich bezweifle aber, dass mein Sohn und seine Kinder für immer im Andenhochland leben wollen.

Meine Frau hat in der großen Höhe nicht nur mit Luftnot, sondern oft auch mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern auch eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität, denn nicht selten fühlt man sich regelrecht krank. Um solchen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenzutreten, greift man in Ecuador weit häufiger als in Deutschland auf bewährte Naturheilmittel zurück: Kräutermischungen, Tinkturen, Pasten, Pulver, Salben finden bei gesundheitlichen Beschwerden mindestens genauso häufig Anwendung wie die Produkte der Pharmaindustrie. Die meisten Ecuadorianer sind arm und viele können sich die teuren Medikamente aus der Apotheke nicht leisten. Wer schon einmal gezwungen war, einen größeren Posten in den hiesigen Apotheken zu kaufen, wird nie wieder über die gierige deutsche Apothekerzunft schimpfen.

Viele Menschen in den ärmeren Gegenden und gerade auf dem Lande verlassen sich noch immer auf Heilmittel, welche eine freigiebige Natur ihnen in großer Fülle zur Verfügung stellt. Sie schöpfen dabei aus einem reichen Schatz überlieferten pharmakologischen Wissens, das seine Ursprünge in den indigenen Kulturen des Hochlandes hat. Als meine Frau einige ihrer Bekannten fragte, ob es denn nicht ein natürliches Mittel gäbe, von dem zuverlässig Abhilfe bei Höhenkrankheit zu erwarten sei, antworteten sie unisono: Cocablätter.

Die Blätter des Cocastrauches werden im Andenhochland seit Jahrtausenden konsumiert. Der Genuss hat überhaupt nichts Anrüchiges an sich, wie mancher Europäer oder Gringo vermutet, sobald er nur das Wort „Coca“ hört. Coca half der indigenen Bevölkerung seit jeher, eisige Höhen und schwerste körperliche Strapazen zu ertragen. Man wird die Blätter, die man kaut, oder aus denen man Tee brüht, auch wohl kaum mit dem kristallinen Pulver gleichsetzen dürfen, das sich so mancher Berliner Partygast zum Auftakt des Abends auf der Toilette seines Lieblingsklubs durch die Nase zieht.

Man kann ein gepflegtes Bier trinken oder man kann eine Flasche Wodka auf Ex kippen. Beides ist Alkohol, eine erwiesenermaßen gefährliche Droge mit hohem Suchtpotential, jedoch wird sie gesellschaftlich akzeptiert, weil ihr Konsum Teil der kulturellen Tradition ist. Dennoch besteht zwischen dem gepflegten Pils und der Flasche Wodka auf Ex ein Unterschied und wer schon einmal einen Abend im Kreise von Leuten verbracht hat, die sich gern und willig dem Suff ergeben, weiß auch, worin er besteht.

Coca war schon immer Alltagsdroge und Volksmedizin, nicht anders als das Bier in Bayern oder der Schoppen Wein im Rheinland, und daher sollte man eigentlich annehmen, dass im Andenland Ecuador niemand am Konsum Anstoß nimmt. Man wundert sich nur, warum es so schwer ist, überhaupt irgendwo an Cocablätter zu kommen. Ich vermute, die Globalisierung und der übermächtige Einfluss westlicher Wertvorstellungen, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Drogen erlaubt sein sollen, hat die Cocapflanze mit einem Bann belegt, der sich gegen die Interessen der Andenländer und vor allem gegen ihre kulturellen Traditionen richtet. Aber Bekannte hatten uns einen Tipp gegeben: Man könne Cocablätter auf dem sonntäglichen Markt in El Quinche kaufen. Bei der ersten Gelegenheit machten wir uns auf nach El Quinche.

Wer mit dem Wunsch nach Ecuador kommt, etwas Authentisches zu erleben, etwas, das sich dem verfälschenden Einfluss des internationalen Tourismusbetriebs bis heute entzogen hat, der sollte die einheimischen Märkte wie etwa jenen in El Quinche besuchen. Vom Standpunkt eines an den Warenüberfluss der westlichen Welt gewöhnten Konsumenten hat der Markt in El Quinche kaum etwas zu bieten, das dem Reisenden nicht auch von zuhause bekannt wäre. Abgesehen von weißlichen fetten Käferlarven, die man zu medizinischen Zwecken konsumieren soll, gibt es nicht viel, das man nicht auch auf dem Wochenmarkt einer beliebigen Großstadt in Europa finden könnte (das Interesse an den Käferlarven hielt sich sehr in Grenzen und solange wir uns auf dem Markt aufhielten, war der Stand leer). Die Leute gehen nach El Quinche, um Waren des täglichen Bedarfs zu kaufen, und da hier alles um Welten billiger ist als in den modernen Shopping-Malls nach westlichem Standard, hat man es mit einem Andrang zu tun wie bei einer Völkerwanderung.

Faszinierend für den Besucher aus dem säkularen Mitteleuropa ist die symbiotische Verbindung aus religiösem Ereignis und geschäftlicher Aktivität, die sich aus einer fernen vormodernen Zeit bis in die Gegenwart gerettet zu haben scheint: Viele Menschen kommen in die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen oder um der Virgen Ehre zu erweisen oder schlicht, um ihr ein Anliegen vorzutragen, für das man die Hilfe oder den Segen der Heiligen zu gewinnen hofft. Da man aber schon einmal den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen hat – nur die wenigsten scheinen mit dem eigenen Auto angereist zu sein –, kann man die Gelegenheit auch gleich nutzen, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.

Niemand findet etwas dabei, dass der Markt, der sich wie ein feindliches Heerlager fast in der ganzen Stadt ausgebreitet hat, in Sichtweite der Kirche abgehalten wird, in die es die Gläubigen an diesem Sonntag in dichten Scharen zum Gottesdienst zieht. Vor der Kirche haben die Devotionalienhändler ihre Stände aufgebaut: Man kann Heiligenfiguren, die Jungfrau von El Quinche, das Jesuskind oder unheilabwehrende Anhänger für das Auto oder die Wohnung kaufen.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn den Platz vor der Kirche haben wenigstens ein Dutzend Händler für sich in Beschlag genommen und alle bieten dasselbe Warensortiment. Doch fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen, müssen die Händler nicht – oft begegnet man in der Menge Besuchern des Gottesdienstes, die Christusfiguren, welche sie gerade erstanden haben, oder Figuren der Heiligen im Arm halten, als wären es ihre eigenen Kinder.

Während im Innern der Kirche der Gottesdienst stattfindet, nimmt an einem Seitenportal eine Ordensschwester die Weihwasserspende vor: Sie taucht einen Strauß Blumen in das Gefäß mit dem geweihten Wasser und verteilt es dann über die Menge als wollte sie auf die Köpfe einschlagen. Die Menschen empfangen den Regen im uralten Gestus der Anbetung, mit verzückten Gesichtern und erhobenen Armen.

Wir schlendern ziellos auf dem Markt und dem Kirchplatz umher, denn eigentlich haben wir kein dringliches Anliegen, dessentwegen wir nach El Quinche gekommen wären. Die Gelegenheit scheint günstig und so mache ich immer wieder Fotos. Allerdings ist es kein wirklich angenehmes und vor allem kein sicheres Unterfangen, in der Masse der Marktteilnehmer eine teure Kamera zu zücken. Sobald ich den Apparat heraushole, richten sich mindestens zehn Augenpaare darauf – neugierig, fragend, voller Verwunderung oft, nicht selten misstrauisch. Ich genieße sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit, als hätte ich in einem aufsehenerregenden Akt der Zurschaustellung damit begonnen, mich splitterfasernackt auszuziehen. Kaum einmal gelingt es mir, unentdeckt zu bleiben – nicht dass die Leute Anstoß daran nehmen würden, dass man sie fotografiert, es scheint nur noch nie vorgekommen zu sein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, denn man weiß nie, ob sich hinter diesem Interesse allein schiere Neugier verbirgt oder etwas anderes. Ich habe keine Lust, es herauszufinden und lasse die Kamera alsbald wieder in der Tasche verschwinden. Erst jetzt fällt mir auf, dass kein einziger der Markt- oder Kirchbesucher eine Kamera oder ein Handy oder sonst irgendetwas, das man für wertvoll erachten könnte, für jedermann sichtbar mit sich führt. Ich lasse mich durch den Augenschein überzeugen, dass es einen gewichtigen Grund dafür geben muss, und für den Rest des Tages bleibt die Kamera in der Tasche.

Wir erinnern uns daran, dass wir auf den Markt gekommen sind, um Cocablätter zu kaufen. Meine Frau fragt aufs Geratewohl eine der Obstverkäuferinnen in der Markthalle, die sich doch eigentlich auskennen müssten. Die Frau sagt, sie wisse nicht, wo man so etwas kaufen könne, und guckt uns dabei an, als hätten wir ihr soeben ein unsittliches Angebot gemacht. Auch beim nächsten, den wir mit unserer Frage behelligen, haben wir kein Glück, aber immerhin gibt man uns den Tipp, es doch einmal beim Naturista (eine Art Laden für Naturprodukte) eine Straße weiter zu versuchen. Aber selbst dort erleben wir eine Enttäuschung und wir fangen allmählich an zu glauben, wir seien einer Ente aufgesessen, als man uns sagte, dass man die begehrten Blätter in El Quinche kaufen könne.

Aber mir ist noch ein anderer Gedanke gekommen: Es könnte auch sein, dass man uns einfach nichts verkaufen wollte. Es kommt immer wieder vor, dass Reisende, die es nach exotischen Abenteuern hungert, sich mit Hilfe der lokalen Flora eine Reise ins psychedelische Orbit zu verschaffen suchen. Da ich unzweifelhaft wie ein Gringo aussehe und nach Meinung der Leute wie ein Hippie dazu, ist der Schluss natürlich unausweichlich, ich wäre allein deshalb nach Ecuador gekommen sei, um mir einen Trip zu verpassen, dass es nur so raucht im Oberstübchen.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da wurde man entweder für einen Hippie, für einen Headbanger oder einfach nur für schwul gehalten, wenn man als Mann das Haar schulterlang trug. Noch 1992, also zu einer Zeit, da die Inquisition seit Menschengedenken abgeschafft und die Hexenverbrennung eingestellt war, musste ich mir am Flughafen von einem Polizisten sagen lassen, ich solle mir das Haar kürzen. Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest ein wenig, und wenn man heutzutage lange Haare hat, sehen die Leute in einem nur mehr jemanden, der halt gerne kifft.

Die Leute sahen uns so misstrauisch an, als wären wir zwei Hippies, die sich mit Cocablättern einen Trip ins Nirwana verschaffen wollen. Vielleicht hätte ich außer Sicht bleiben und meine Frau den Einkauf allein erledigen lassen sollen, denn mit mir im Schlepptau konnte man glauben, ich schicke sie als Strohmann vor, damit sie mir die begehrten Drogen verschaffe. Die Menschen, durch alle nur vorstellbaren kriminellen Umtriebe sensibilisiert, stellen sich die verrücktesten Dinge vor, und wenn sie jemanden sehen, der auf den ersten Blick schon verrät, dass er nicht hierher gehört, fällt es wahrscheinlich leicht zu glauben, diese Person habe es auf Drogen abgesehen.

An diesem Sonntag war ich übrigens der einzige Besucher des Marktes weit und breit, der nicht wie ein Einheimischer aussah. Die Stadt war einheitlich mit Ecuadorianern bevölkert und da fällt man natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. El Quinche ist eben nicht Berlin, wo man als Batman verkleidet herumlaufen könnte, und die Leute würden einfach so tun, als hätten sie es nicht bemerkt.

Damit die Reise nicht ganz umsonst wäre, kauften wir noch ein paar nützliche Dinge ein, bevor wir die Rückfahrt antraten: ein neues Schneidebrett, Obst und etwas Kuchen. Das Schneidebrett kostete fünf Dollar und liegt so schwer in der Hand wie ein Kricket-Schläger. Zwar kann ich die Qualität nicht beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um gute Ware handelt. Doch getreu der ecuadorianischen Tradition versuchte meine Frau zu handeln, um so den Preis noch ein wenig zu drücken. Aber sie war an diesem Tag nicht recht bei der Sache und hatte offenbar auch keine Lust, sich auf das mühselige Feilschen einzulassen, und deshalb blieb es am Ende bei fünf Dollar. Ich fand, wir hätten einen guten Kauf gemacht, doch meine Frau meinte, fünf Dollar seien immer noch viel zu viel. Ich bin sicher, meine Schwiegermutter hätte der armen Verkäuferin das Brett für drei Dollar abgeschwatzt.

El Quinche war zwar eine Enttäuschung – zumindest in Hinsicht auf die Hoffnung, dort Cocablätter zu finden –, aber eine Woche später sollten wir doch noch Glück haben: Wir besuchten den Cotopaxi-Nationalpark – ein überwältigendes Erlebnis, von dem noch zu berichten sein wird. Am Eingang legten wir einen kurzen Stopp ein. Es war weniger laues Interesse, das uns ins dortige Besucher-Zentrum zog, als vielmehr die drängende Notwendigkeit, präventiv die letzte zivilisierte Toilette für wie weiß wie lange Zeit aufzusuchen, bevor wir uns in die wilde Vulkanlandschaft hinauswagten.

Wir schauten uns ein wenig an den Ständen um und völlig unerwartet entdeckten wir dort Produkte aus Coca. Die englische Sprache hat für solche freudigen Entdeckungen aus heiterem Himmel das Wort Serendipity erfunden – pleasant surprise. Und das war es in der Tat: eine freudige Überraschung. Wir kauften zwei Päckchen getrockneter Blätter und eine mit Cocaextrakt angereicherte Salbe, die natürlich nur zu äußeren Anwendung bestimmt ist. Glaubt man der Beschreibung auf der Dose, lassen sich mit dem Wunderelixier alle Beschwerden von Muskelkater bis Liebeskummer zuverlässig behandeln.

Einige Tage später ließ mich mein niedriger Blutdruck ein wenig schwächeln und ich sah die Gelegenheit gekommen, das Hausmittel der alten Andenvölker auszuprobieren: Wer nun erwartet, er würde nach dem Genuss einiger Cocablätter wie ein abgeschossenes Moorhuhn mit Kreuzen in den Augen auf dem Sofa liegen und rosa Elefanten würden um seinen Kopf flattern, der irrt. Mein Herz schlug ein wenig schneller, mein Kopf fühlte sich ein wenig leichter an und mir war ein wenig wohler zumute; irgendwie fühlte ich mich vitaler.

Da würde jeder echte Pothead bloß abfällig lachen und der mondäne Berliner Partygast würde darüber sowieso nur das weiß gepuderte Näschen rümpfen. Eine große Tasse schwarzer Kaffee ist vielleicht sogar noch potenter, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es nicht allein der belebenden Wärme des Getränks zu verdanken ist, dass ich eine tonisierende Wirkung verspürte. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um Cocatee handelt, würde ich meinen Lebtag lang geglaubt haben, ich hätte Salbeitee getrunken.

Auf dem Tütchen mit den Cocablättern sieht man übrigens Evo Morales, den Präsidenten Boliviens, ein Cocablatt ganz leger in die Kamera halten. Man stelle sich den Skandal vor, ein ranghoher europäischer Politiker ließe sich so ablichten! Zwar weiß jeder um die zerstörerische Wirkung von Alkohol, dennoch muss man die Politprominenz nicht zweimal bitten, wenn es darum geht, sich auf dem Oktoberfest publikumswirksam in Szene zu setzen. Sag mir, welche Drogen du nimmst, und ich sage dir, woher du kommst. Drogen sind eben auch Teil der Kultur, und wie der Alkohol in Deutschland, so erhält hierzulande Coca das präsidiale Gütesiegel. Denn als erster indigener Präsident ist Evo Morales zugleich auch ein Förderer der indigenen Landeskultur. Und Coca gehört seit Jahrtausenden zu dieser Kultur – trotz des Banns, den der Westen der uralten Kulturpflanze auferlegt hat.

Die Mitte der Welt

Von Quito aus fuhren wir auf der Panamericana Norte zunächst Richtung San Antonio de Quito, einem Vorort der Hauptstadt am äußersten nördlichen Ende. Es ist verblüffend, wie schnell sich die Landschaft verändert: Die Gegend um Cumbayá ist grün und ganze Landstriche wirken geradezu lieblich, fast schon mediterran, doch hier, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, sieht man allein kahle Berge, an deren Flanken sich schwärzliche Reste von Vegetation klammern gleich den verkohlten Hautresten an einem gerösteten Meerschweinchen. Das Land sieht aus, als wäre erst kürzlich eine verheerende Feuersbrunst darüber hinweggerollt und von dem üppigen Garten Eden, den der Besucher unter dem Tropenhimmel zu finden erwartet, blieben nur Ruß und Staub. Das einzige Lebendige in dieser toten Landschaft ist der sich ständig verändernde Himmel mit seinen Dramen aus Wolken und Licht. Doch ich habe Fotos von 1992, als ich Ecuador zum ersten Mal besuchte, und schon damals erschien die Gegend genauso karg und wüst wie heute.

In Quito ist billiges Bauland knapp und hier wie auch in anderen Vororten der Stadt ziehen sich die Wohnviertel mehrere hundert Meter an den Flanken der Berge hinauf; manchmal sieht es so aus, als wären die Häuser bloß Schwemmgut, von einer Tsunami-Welle auf die Hänge geworfen. Man hat es ausnahmslos mit einfachen Betonkästen zu tun, zwei Fenster und eine Tür sind wie Augen und Mund die Öffnungen nach draußen. Die Behausungen haben alle dieselben Proportionen und ihre Besitzer fanden es angezeigt, dem tristen Beton durch einen Anstrich in bunten Pastelltönen einen fröhlicheren Anschein zu geben.

Die Bebauung ist nicht sehr dicht und die Front der Häuser zeigt immer zur Talseite, so dass durch schieren Zufall ein geordnetes Muster entsteht. So hat man manchmal den Eindruck, jemand hätte versucht, ein abstraktes Kunstwerk zu schaffen, indem er bunte Schuhkartons in der Einöde verstreute. Manche der Häuser stehen in schwindelerregender Höhe und der Ausblick von dort muss atemberaubend sein. Allerdings habe ich keine Straßen gesehen, die dorthin führen, so dass ihre Bewohner sich wahrscheinlich jeden Tag die steilen Hänge hinaufschleppen müssen. In der dünnen Höhenluft Quitos komme ich manchmal schon außer Atem, wenn ich nur ein paar Treppen steige. Die Leute, die auf den Hängen wohnen, müssen unglaublich fit sein.

Die Straße nach Mindo führt direkt am Monument „Mitad del Mundo“ vorbei, der „Mitte der Welt“. Gleich gegenüber befindet sich das futuristische Hauptquartier der Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), der Union der südamerikanischen Nationen. Man hätte kaum eine passendere Stelle zum Versammlungsort der Länder eines ganzen Kontinents bestimmen können als diesen Punkt direkt auf dem Äquator. Tatsächlich bedeutet Quito, der Name der Hauptstadt, in der Sprache des Volkes der Quitu-Cara, das die Gegend bis zur Ankunft der Spanier bewohnte, „Mitte der Welt“.

Tropische Weihnachten

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Bald ist Weihnachten, aber die rechte Stimmung will einfach nicht aufkommen. Am Tag ist es oft so warm wie in Berlin an einem heißen Julitag. Um die Mittagszeit scheint die Sonne mit einer Kraft, dass man glaubt, die Haut würde einem geröstet. Im Freien hält man es nicht lange aus und nur zu gern flüchtet man in das kühle Innere der Einkaufszentren. Die Parkplatzeinweiser vor dem Supermarkt müssen sich dick mit Sonnencreme, Sonnenschutzfaktor fünfzig, einschmieren, damit sie nicht verbrennen. Manchmal regnet es am Nachmittag – das ist für diese Jahreszeit durchaus nicht ungewöhnlich –, aber nach einer halben Stunde ist alles schon wieder vorbei. Erst gegen Abend, nach Sonnenuntergang, sinken dann die Temperaturen wegen der Höhe merklich ab und man ist froh darüber.

Die Malls und die Geschäfte sind nun weihnachtlich dekoriert und man hat den Eindruck, die Leute stürzten hier nicht anders als andernorts in einen wütenden Kaufrausch, um all die teuren Geschenke für Menschen zu besorgen, die sie nicht leiden können. Der Weihnachtstrubel wartet auch hier mit den üblichen Exzessen auf: Als Besucher der Malls wird man bis an die Grenze des Wahnsinns (und manchmal darüber hinaus) mit Weihnachtsevergreens beschallt und es ist wahrlich die Hölle.

Neulich habe ich meine Frau nach Quito gefahren, weil sie im „Quicentro“ (das ist die größte Mall in der Stadt) einige wichtige Besorgungen machen wollte. Natürlich dauerte alles wieder eine gefühlte Ewigkeit und ich hätte am Ende nicht sagen können, ob ich drei Stunden oder drei Jahre in dem labyrinthischen Einkaufszentrum verbrachte. Die Leute kauften ein, als gelte es, vor dem Jüngsten Gericht schnell noch die letzten Besorgungen für die Ewigkeit zu machen. Dabei ergoss sich unablässig der süßliche Brei aus Weihnachtssongs in mein Ohr und richtete nicht wiedergutzumachende Schäden an meinen Synapsen an. Es würde mich nicht wundern, wenn man die bedauernswerten Insassen von Guantanamo mit „Jingle Bells“ folterte. Nach nur drei Stunden war ich bereit, alles zu gestehen, nur es sollte endlich aufhören!

Cumbayá ist ein kleiner Ort und der Weihnachtswahnsinn erreicht bei weitem nicht die Ausmaße wie in Berlin, wo man sich angesichts der wilden Konsumorgie fast schon schuldig fühlt, wenn man nichts verschenkt. Aber obwohl die Stadt so klein ist, gibt es drei Shopping-Malls. Vielleicht ist das der Grund, warum das panische Gedränge ausbleibt: in den riesigen Einkaufspassagen verlaufen sich die Massen und es geht eher gemächlich zu.

Außerhalb der Malls würde man kaum bemerken, dass Weihnachten vor der Tür steht. Sporadisch sieht man Lichterketten oder auch einmal die Lichter-Silhouette eines Weihnachtsbaumes hinter einem Wohnzimmerfenster; mancher festlich gestimmte Autofahrer montiert sich gern Rentiergeweihe aus Plüsch an seinen Wagen (das ist das Äquivalent zur roten Weihnachtsmannmütze, mit der Weihnachtsenthusiasten sich in Berlin während der Festtage zu schmücken pflegen). Doch das ist fast schon alles. Gäbe es keine Kalender, könnte man Weihnachten glatt verschlafen. Sicherlich würde man sich angesichts der lustigen Plüschgeweihe an den Autos ein wenig wundern und vielleicht würde man um den geistigen Zustand der Fahrer fürchten (wenn ihre Fahrweise nicht schon dafür sorgte), doch darüber hinaus hätte man kaum Anhaltspunkte, anhand derer man erkennen könnte, dass die festliche Zeit begonnen hat.

Wenn man sich in unserer Wohnanlage umschaut, möchte man glauben, die Leute unternehmen ihr Möglichstes, um das Weihnachtsfest zu verhindern: In der Lobby unseres Wohnhauses hat man einfach ein paar Lichter in den Ficus neben der Eingangstür gehängt und voilà – schon fühlt es sich ganz weihnachtlich an! Kaum einmal sieht man festliche Dekorationen, von geschmackvollen Festtags-Arrangements ganz zu schweigen, und wenn doch, dann sind es allenfalls die üblichen bunten Lichterketten, die man lieblos ans Vordach hängt. Weihnachten in einem Atom-U-Boot unter dem Packeis des Polarmeeres könnte kaum trister sein.

Echte Weihnachtsbäume habe ich noch nirgends gesehen, aber etwas anderes wäre auch eine Überraschung in einem tropischen Land, in dem es keine Nadelwälder gibt, aus denen man die Bäume holen könnte. Manchmal sieht man stattdessen künstliche Weihnachtsbäume, aber der Weihnachtsschmuck aus Plastik ist sehr teuer und ich bezweifle, dass es viele gibt, die einen Christbaum in ihrer Wohnung stehen haben. Der Weihnachtsbaum hat hier keine Tradition und der Brauch ist erst unter dem Einfluss der Vorbilder aus dem Norden hierher gelangt. Angesichts der sommerlichen Temperaturen wirkt der festlich geschmückte Nadelbaum für meinen Geschmack ohnehin fehl am Platze, gerade so wie die Palme an der winterlichen Strandbar in Berlin.

Hier, nahe dem Äquator, fühlt man sich, als sei man im Sommerurlaub, als mache man Ferien auf einem tropischen Eiland und als würden diese Ferien niemals enden – nicht, dass ich die Kälte und das schlechte Wetter vermisse, aber über ein wenig besinnliche Stimmung würde ich mich dennoch freuen. Ich fürchte aber, die weiße Weihnacht meiner Kindheit bleibt nur eine schöne Erinnerung. Wir werden nach Bahía an den Stand fahren – wenn es denn schon Sommer sein soll, dann richtig: mit Sonne, Sand und Meer und Piña coladas bis zum Alkoholkoma (bei mir wären das dann genau drei). Besinnungslos statt besinnlich, möchte man da sagen.

Weihnachtsgruß

Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.