Unser Heim, unsere Möbel

Heute haben wir endlich den Vertrag für die Wohnung unterschrieben, die für die nächste Zeit der Mittelpunkt unseres Lebens sein wird. Das Haus hat drei Etagen. Es gab keinen Vormieter, alles ist nagelneu – an vielen Stellen sieht man noch die Bleistiftmarkierungen der Zimmerleute und Fliesenleger. Bis auf die Schränke und eine Spüle ist unser neues Heim so leer wie eine Ausnüchterungszelle der Nachtwache. Dadurch wirken die Räume noch größer als sie ohnehin schon sind. Es gibt einen Balkon, ein Gemeinschaftsgrundstück und eine Dachterrasse, die so riesig wie ein Tenniscourt ist. Ich habe gleich nachgefragt, ob man dort grillen dürfe – aber selbstverständlich, war die Antwort. Vorn blickt man auf einen Stadtteil von Cumbayá und die Berge. Ganz in der Nähe wird gerade ein neues Gebäude hochgezogen; die Maurer verputzen schon die Wände, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Baustelle vor unserer Haustür verschwunden ist. Hinter dem Haus gibt ein ein kleines Stückchen Land, auf dem eine Kuh friedlich grast.

Wir sind hier angekommen wie Flüchtlinge, wir besitzen nichts. Doch sind wir natürlich nicht wirklich mittellos, aber wir sind auch nicht so gut betucht, dass wir alle unsere Ausgaben aus der Portokasse bestreiten könnten. Und Ausgaben werden auf uns zukommen, so viel ist sicher. Alles ist unglaublich teuer, viel teurer als in Deutschland. Insbesondere die Anschaffung von Elektrogeräten bedeutet einen Schlag ins Kontor. Wer hier seit längerer Zeit lebt, konnte die Anschaffungen wenigstens nach und nach tätigen. Wir müssen alles auf einmal kaufen – Matratzen, Herd, Kühlschrank, Töpfe, Pfannen, Besteck, Tisch, Stühle und all die anderen Dinge, die man als zivilisierter Mensch braucht. Wir haben schon mal Matratzen gekauft, die dann im Laufe der Woche geliefert werden. Der Kauf selbst war eine Qual, denn meine Frau konnte sich nicht entscheiden, ob sie lieber die etwas härtere oder die etwas weichere Variante haben möchte. Dann versuchte uns der Verkäufer auch noch das teurere Modell anzudrehen. Schließlich aber war der Kauf perfekt und alle waren zwar erschöpft, doch glücklich. Wir besorgten noch Kissen und Decken, denn zwar liegt Cumbayá – so heißt der Ort, an dem wir wohnen werden – um einiges tiefer als Quito, dennoch sind die Nächte ziemlich kalt und eine kuschelige Decke braucht man auf jeden Fall.

Wir kamen nicht umhin, auf unserer Einkaufsodyssee das Quicentro, eine der größten Malls der Stadt, zu besuchen. Für mich sehen alle Malls gleich aus – man hätte sich auch in irgendeinem Shoppingzentrum in Dallas, New York, London oder Berlin befinden können. Meinem Gefühl nach ist das Quicentro deutlich größer als etwa das Alexa oder die Mall of Berlin, was aber einfach nur am Grad meiner geistigen und körperlichen Erschöpfung gelegen haben mag. Alle großen internationalen Marken sind vertreten – nichts Besonderes also. Der Aufenthalt in dieser Mall wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte ich nicht nach endlosen, schmerzhaft empfundenen Stunden der Suche nach dem Goldenen Vlies auf die Toilette gemusst – unglaublich, was man dort zu sehen bekommt: Die Türen der Toilettenkabinen bestehen aus Glas und sind halbdurchsichtig. Zwar kann man von draußen nicht hineinsehen (wer möchte schon wissen, was dort vor sich geht!), von innen kann man aber sehr wohl alles sehen, was sich vor der Tür abspielt. Es ist schon merkwürdig, auf dem Klo zu sitzen und das Gefühl zu haben, die Kloschüssel stünde mitten im Raum und alle laufen an einem vorbei, ohne Notiz zu nehmen.

Das ist aber noch nicht alles, was die Sanitäreinrichtungen der Mall an Attraktionen zu bieten haben! Auf der anderen Seite befinden sie die Batterien mit den Pissoirs, ungefähr zwölf in einer Reihe, und über jedem einzelnen hängt tatsächlich ein Bildschirm. Man sieht weiße Federwolken über einen azurblauen Himmel treiben. Das hat etwas sehr Beruhigendes; man fühlt sich augenblicklich entspannt und man wird von dem unwiderstehlichen Verlangen gepackt, es einfach ungehemmt fließen zu lassen. Jedem, der das sieht, wird augenblicklich klar: So viel Fortschritt braucht die Menschheit!

Zuvor statteten wir einem Möbelhaus, das uns empfohlen worden war, einen Überraschungsbesuch ab. Wir hatten keinen bestimmten Vorsatz, etwas zu kaufen, aber schon als wir durch die Tür kamen, stach uns ein Sofa förmlich ins Auge und der Entschluss war bereits gefasst, ohne dass wir darüber noch einmal nachdenken mussten. Unsere neue Wohnung ist noch vollkommen leer, aber sitzen möchte man ja schon dann und wann. Das Geschäft mit dem Namen Colineal ist in der besten Einkaufsstraße Quitos angesiedelte und bietet auf drei Etagen edle Möbel und Accessoirs für den Mann oder die Frau mit Stil. Das Colineal ist ein Möbelgeschäft ganz anderer Art als jenes, das wir einige Tage zuvor besucht hatten (Möbel bis zur Wellblechdecke, Träger hasten ameisenhaft durch die Klüfte zwischen den Möbelbergen). Was man sieht, ist teuer, aber dafür von höchster Qualität. Selbst die Dekorationen sind echt: Auf dem Tisch und im Regal der Ausstellung standen drei Flaschen Heineken. Als ich eine nahm, merkte ich, dass es echte Flaschen waren. Das Bier hätte man trinken können, wäre es nur nicht so warm gewesen.

Offenbar legt das Unternehmen großen Wert auf sein Image und so findet man unter den Angestellten, die mit dem Verkauf befasst sind, keine Männer, nur Frauen. Die meisten sehen sehr gut aus (muss wohl irgendeines der vielen Einstellungskriterien sein) und ihre Anziehungskraft wird noch gesteigert durch das sehr geschmackvolle und vor allem figurbetonende rote Kleid, das sie tragen – eine Art Firmenuniform. Ihr Arbeitsvertrag scheint ihnen ebenfalls das Tragen hoher Schuhe vorzuschreiben, denn ich sah keine, die nicht auf wenigstens fingerlangen Absätzen durch den Laden paradierte. Die Angestellten wirkten alles anderes als Verkäuferinnen, man hätte vielmehr meinen können, sie seien Hostessen einer edlen Hotelkette. Als ich dies sah, musste ich unwillkürlich an Ikea mit seinen Cargohosen und gelben T-Shirts denken. Ich hätte stundenlang in den Polstern sitzen und ihnen bei der Arbeit zusehen können.

Touristen

Es gibt fünf Merkmale, die den Touristen unzweifelhaft vom Ecuadorianer unterscheiden: Rucksack, Kleidung, blonde Haare, Frisur bzw. Bart, Tattoos.

Der Rucksack ist noch kein zwingendes Unterscheidungsmerkmal, denn auch Ecuadorianer tragen ihn. Man kann sagen, jeder Tourist trägt einen Rucksack, aber nicht jeder, der einen Rucksack trägt, ist ein Tourist.

Eindeutiger wird es schon bei der Kleidung. Quito liegt auf dreitausend Metern Höhe und die Nächte sind naturgemäß mitunter eisig, aber am Tage, besonders um die Mittagszeit, kann es brütend heiß werden. Da verwundert es auf den ersten Blick ein wenig, dass man niemanden je in kurzen Hosen herumlaufen sieht. Die knielange Cargohose, die das Straßenbild in vielen warmen Städten rund um den Erdball prägt, scheint in Quito regelrecht verpönt zu sein. Die Erklärung ist im Grunde ganz einfach: Ecuador ist ein katholisches Land und die Kleidung, die ein Mensch trägt, sagt viel über seinen gesellschaftlichen Status und das soziale Prestige aus, das er genießt. Niemand möchte in den Verdacht geraten, einer niedrigen sozialen Schicht anzugehören. Es ist mit der Würde einer Person schlichtweg unvereinbar, Kleidung zu tragen, die ihren sozialen Rang scheinbar negiert, wie das zum Beispiel bei kurzen Hosen der Fall ist (kurze Hosen und öffentliches Ansehen passen schlecht zusammen, es sei denn, man ist Brite). Wenn also ein erwachsener Mann in Quito Hosen trägt, deren Beine nicht bis zum Knöchel reichen, kann man mit fast absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Überhaupt muss man feststellen, dass die Geschlechtertrennung viel eindeutiger ausfällt als etwa in Deutschland, und auch die Frauen in Ecuador unterliegen gesellschaftlichen Zwängen, die in Deutschland, und insbesondere in Berlin, nicht so stark zu spüren sind wie hier. In Berlin kann es sich eine Frau leisten, in flachen Schuhen, mit unauffälliger Kleidung, nachlässig frisiert und ungeschminkt auf die Straße zu gehen und niemand nimmt daran Anstoß. In Ecuador wäre das absolut inakzeptabel. Eine Frau muss wie eine Frau aussehen und das bedeutet, dass sie sich täglich schminkt, sich frisiert und dass sie Kleidung trägt, welche die weiblichen Attribute betont. Frauen, die im Büro arbeiten, tragen selbstverständlich hohe Schuhe und Business-Kostüm – etwas, das man in Berlin nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Man fragt sich unwillkürlich, wie sie es den ganzen Tag lang auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen aushalten. Die deutsche Frau erkennt man im Straßenbild für gewöhlich am Schlabberlook, an den flachen Schuhen und daran, dass sie sich niemals schminkt, als wollte sie die Kosmetikindustrie durch Totalboykott in die Knie zwingen. Hier in Quito kommt solch eine Attitüde gar nicht gut an und die Ecuadorianer schütteln nur verständnislos den Kopf.

Die Haare sind ebenfalls ein ziemlich eindeutiges Unterscheidungsmerkmal. In Quito begegnet man kaum blonden Menschen, es sei denn, es handelt sich um Touristen. Dort, wo sie vermehrt auftreten, so zum Beispiel im Mercado artesanal, dem Kunstgewerbemarkt, muss man davon ausgehen, dass es sich um Ausländer handelt. Die Sprache, die man demzufolge dort nach Spanisch am häufigsten hört, ist Englisch. Den blonden Ecuadorianer muss man jedoch lange suchen. Neulich im Restaurant saß eine junge blonde Frau am Nebentisch. Ihre blonde Mähne – ich glaube, sie hatte etwas nachgeholfen – zog die Aufmerksamkeit meines Schwagers (und nicht nur seine!) auf sich. Er verwickelte sie in ein gar nicht so unverfängliches Gespräch und brachte sie schließlich dazu, sich mit ihm fotografieren zu lassen, was sie aber offenbar gern tat. Man sieht, blond zu sein und Ecuadorianer schließt sich zwar nicht aus, ist aber offenbar etwas so Seltenes, dass es der besonderen Würdigung wert ist. Oft sind die Blonden die direkten Nachkommen europäischer oder nordamerikanischer Einwanderer und allein schon anhand ihrer Familiennamen kann man manchmal erraten, woher die Familie ursprünglich stammt. Das ist in der Regel nicht Quito, Guayaquil oder Cuenca.

Die Frisur bzw. der Bart ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die Frisuren der ecuadorianischen Männer sind relativ uniform: man trägt das Haar kurz, gescheitelt oder nicht, nach hinten gegelt oder natürlich fallend. Da gibt es kaum Variationen. Männer mit langem Haar sieht man so gut wie gar nicht und wenn doch, scheinen sie eher aus der Sparte Künstlertum zu stammen. Am ehesten noch begegnet man dem schulterlangen Haar auf den Köpfen von Jüngeren, allerdings auch hier ziemlich selten. Wer seine indigenen Wurzeln betonen möchte, trägt das Haar lang und flicht es zu einem dicken Zopf. Noch eindeutiger aber als das Haupthaar dient der Bart als Mittel der Unterscheidung: Der ecuadorianische Mann ist in der Regel glatt rasiert. Die im Westen in den letzten Jahren neu aufflammende Bartmode hat sich noch nicht durchgesetzt. Vor allem jüngere Männer tragen Bärte, zwar in unterschiedlichen Formen, aber meist doch relativ kurz gestutzt. Die Älteren sind bis auf Ausnahmen stets gut rasiert. Ein voller Rauschebart deutet also mit ziemlicher Sicherheit darauf hin, dass sein Träger ein Tourist ist.

Schließlich wären da noch die Tatoos. Zwar sieht man in Ecuador hin und wieder einmal ein Tatoo-Studio, etwas, dass es vor zehn Jahren noch nicht gab, dennoch hat sich die westliche Unsitte, die Haut mit geschmacklosen Bildern zu überziehen, noch nicht durchgesetzt. Ich habe bisher noch keinen Ecuadorianer mit einem Tattoo gesehen. Das mag aber daran liegen, dass die meisten sich von Kopf bis Fuß mit Kleidung bedecken. Der Anteil der Tätowierten ist aber ganz gewiss deutlich geringer als in einer beliebigen europäischen oder nordarmerikanischen Stadt. Wenn also jemand Tatoos offen an Stellen trägt, die von jedermann eingesehen werden können, darf man mit ziemlicher Sicherheit davan ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es sich auf keinen Fall um einen Ecuadorianer handeln kann, wenn folgende Einzelmerkmale feststellbar sind: die Person trägt einen Rücksack und sie hat Cargoshorts an (wenn die Person ein Mann ist) bzw. sie trägt flache Schuhe, bequeme Kleidung und ist ungeschminkt (wenn die Person eine Frau ist); die Person ist blond; die Person hat einen Bart, insbesondere einen Vollbart (Mann) bzw. ist nachlässig oder unkonventionell frisiert (Frau); die Person hat Tattoos an Stellen, die jeder sehen kann. Rein theoretisch könnte es zwar sein, dass eine gründliche landesweite Suche ein Individuum zutage fördert, das all diese Merkmale aufweist und das zugleich auch die ecuadorianische Staatsangehörigkeit besitzt, allerdings halte ich dies für sehr, sehr unwahrscheinlich.

Apropos Touristen: Bloß als eine Anmerkung möchte ich festgehalten wissen, dass Touristenführer (und damit meine ich das Buch) dem Auswanderer überhaupt nichts nützen. Vor drei Jahren haben ich mir einen Travel-Guide Ecuador gekauft. Nachdem ich ihn zunächst begeistert und guter Hoffnung zur Hand nahm, legte ich ihn ganz schnell wieder weg. Der Tourist sucht immer nach dem Besonderen, dem Anderen, dem Exotischen, während der Auswanderer das sucht, was er von zu Hause kennt: Komfort, Bequemlichkeit, Ruhe. Der Tourist will etwas erleben, von dem er dann berichten kann, wenn er wieder in sein normales Leben zurückgekehrt ist. Der Auswanderer will das normale Leben. Ein Tourist-Guide bietet das Außergewöhnliche, Dinge, nach denen kein Einheimischer je suchen würde, und der Auswanderer, der sich auf Dauer einzurichten versucht, schon gar nicht. Travel-Guides sind für den Auswanderer etwa so nützlich wie ein Kreuzfahrtkatalog für den Bootsflüchtling.

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.

Auf Wohnungssuche in Cumbayá

Schon am Tag nach unserer Ankunft begeben wir uns auf Wohnungssuche. Meine Frau hat Termine mit den örtlichen Maklern vereinbart, denn wir wollen uns gern einmal anschauen, wo man vielleicht wohnen könnte. Vor allem aber brennen wir natürlich darauf zu erfahren, wie viel der Spaß denn kostet. Die Maklerin hat ihre zwei Kinder (etwa fünf und neun Jahre) mitgebracht. Sie ist überaus freundlich und charmant und spricht meine Frau, wie es hierzulande üblich scheint, gleich mit dem Vornamen an. Mein Spanisch ist zu schlecht, um mitreden zu können. Ich höre nur zu, schaue mich um und denke mir meinen Teil. Man kann ja auch eine Meinung haben, ohne sie andauernd kundzutun.

Die erste Wohnung, die sie uns die Maklerin präsentiert, ist ein Traum: drei große helle Zimmer, zwei Bäder, Dachterrasse, Parkplatz im Erdgeschoss im eigenen Haus. Alles sieht nagelneu aus, wahrscheinlich sind wir die ersten, die sich das Objekt überhaupt anschauen dürfen. Mit uns zusammen besichtigen einige junge Leute aus Quitos Oberschicht das Objekt. Sie sehen sich gelangweilt um, beeindruckt scheinen sie nicht – wir aber sind es dafür umso mehr.

Die Wohnumgebung wirkt wie eine mediterrane Feriensiedlung gehobenen Standards – rundherum schöne neue Häuser in strahlendem Weiß; aus den Vorgärten wachsen Palmen, die Straßen sind ordentlich, die schicken neuen Autos adrett am Bordstein geparkt. Der Ausblick vom Wohnzimmer aus ist herrlich. Das Haus ist in einen Hang gebaut und so hat man freie Sicht. Der Bick geht über die anderen Häuser hinweg in ein grünes Tal, in dem sich die Siedlung allmählich verliert, Hohe Berge, an deren Flanken das Grün in die Höhe wächst, schließen die Talsenke ein. An den Hängen treiben Wolken gemächlich vorrüber.

Solch ein Traum hat natürlich auch seinen Preis – achthundert Dollar will die Maklerin dafür pro Monat. Wir wollen es uns überlegen. Sie merkt, dass wir zögern und bietet uns darum noch eine zweite Wohnung eine Etage tiefer an. Die Wohnung ist ebenso schön und neu wie die erste, nur deutlich kleiner. Dafür würde sie auch etwas weniger kosten. Die Wohnung gefällt uns sehr, doch sie hat einen gravierenden, ganz entscheidenden Makel: jeder Ausblick ist durch Betonwände verstellt. Nirgendwo hat man freie Sicht – sei es, dass ein Haus direkt davor steht, sei es, dass man in den nur schmalen Innenhof schaut. Schon nach kurzer Zeit kommt man sich vor wie in einem Gefängnis. Wir glauben, die Wohnung werde nur deshalb so preiswert angeboten, weil sie keiner haben will. Wir geben der Maklerin unsere Nummer. Wir wollen unbedingt in Kontakt bleiben, aber wir müssen uns die Sache erst einmal überlegen, denn schließlich geht der übliche Mietvertrag über einen Zeitraum von einem Jahr und die Kaution in Höhe von zwei Monatsmieten wird einbehalten, wenn man den Vertrag früher löst. Die Maklerin hat Verständnis für unsere Bedenken.

Am selben Tag haben wir noch einen zweiten Termin. Die Wohnung ist relativ klein und durchaus erschwinglich, aber der Grundriss behagt uns gar nicht. Eigentlich handelt es sich nur um einen langen, schmalen Gang, von dem ausschließlich auf einer Seite sämtliche Zimmer, die Küche und das Bad abgehen. Man kommt sich vor wie in einem Zellentrakt. Wir verwerfen das Angebot augenblicklich.

Die Wohnungen, die wir uns anschauen, befinden sich alle in Cumbayá. Cumbayá ist eigentlich nur eine östliche Vorstadt von Quito und bis vor ein paar Jahren wäre wahrscheinlich auch niemand auf die Idee gekommen, sich dort anzusiedeln. Doch Quito liegt in einem Tal und wird von allen Seiten von Bergen umschlossen. So gibt es wenig Platz zum Wachsen. In den letzten Jahren hat sich die Mittel- und Oberschicht nach neuen Möglichkeiten umgesehen, Grundbesitz zu erwerben. In Cumbayá ist sie fündig geworden, denn die kleine Siedlung hat alles, was es braucht: Sie liegt nur wenige Kilometer außerhalb Quitos und man kann hier relativ ruhig und geschützt wohnen und doch jeden Tag zur Arbeit nach Quito pendeln. Mittlerweile gibt es moderne Straßen, die es erlauben, in kürzester Zeit nach Quito und wieder zurück zu fahren.

Die Grundstückspreise waren anfangs noch niedrig, aber dann gab es einen regelrechten Run, so dass die Bodenpreise bald förmlich durch die Decke schossen. Reiche Ausländer heizten den Boom noch zusätzlich an. Heute hat Cumbayá eine Infrastruktur, die der Quitos in nichts nachsteht. Es gibt einfach alles. Wer aber dort leben und all diese Annehmlichkeiten genießen möchte, muss auch dass nötige Kleingeld mitbringen, denn die Preise haben teilweise astronomische Dimensionen erreicht, und nicht nur mir kommt es so vor, als kostete hier vieles sogar mehr als etwa in Europa oder in den USA.

Wir wissen noch nicht, ob wir eine der Wohnungen nehmen werden. Klug wäre es, noch weitere Angebote einzuholen. Wir möchten schon in Cumbayá leben, weil unser Sohn die Deutsche Schule besuchen wird, die sich ebenfalls dort befindet. Bei einer Anreise aus Quito muss man am Morgen unter Umständen lange Anfahrtzeiten in Kauf nehmen.

In Quito

Quito empfing uns nicht wie üblich mit azurblauem Himmel und Schäfchenwolken, sondern Grau in Grau. Der ecuatoriansche Zoll – der strengste der Welt – ließ uns dafür aber merkwürdigerweise ungeschoren davonkommen (nicht, dass wir etwas zu verbergen gehabt hätten). Aber in der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass wir aus Gründen, die uns verborgen blieben, lange Wartezeiten und Kofferinspektionen über uns ergehen lassen mussten. Vor ein paar Jahren führte ich versehentlich vier Äpfel im Handgepäck ein; ich hatte sie als Verpflegung mitgenommen. Diese unbedachte Handlung zog einen längeren Aufenthalt in einem Büro des Zolls nach sich, wo ich ein fünfseitiges eng bedrucktes Protokoll auszufüllen hatte. Anschließend wurden die Äpfel konfisziert. Ich hoffe, sie haben geschmeckt.

Diesmal verfuhr der Zoll ausgesprochen milde mit uns: wir wurden recht gelangweilt durchgewinkt. Die Durchsuchung der Koffer hatte schon Homeland-Security vorgenommen. Dabei war natürlich das Kofferschloss geknackt worden. Ein Zettel im Innern des Koffers informierte mich darüber, dass rechtliche Schritte gegen diesen Eingriff in meine Privatsphäre ausgeschlossen seien. Zugleich dankte man mir für meine Kooperation (Thank you for your cooperation). You are welcome!

Auf dem Flughafen empfing uns mein Schwager, der Bruder meiner Frau. Die erste Schwierigkeit bestand darin, ein geeignetes Taxi zu finden, denn die Taxigesellschaft, die für den Flughafen arbeitet, verfügt merkwürdigerweise nur über kleine Autos. Man sah nur Kleinwagen, keine Vans oder Kleinbusse – ich muss annehmen, der übliche Fluggast reist mit leichtem Gepäck. Unsere fünf Koffer und die zahlreichen Handgepäckstücke hätten niemals in eines dieser Taxis gepasst. Man schlug uns vor, doch stattdessen einfach zwei Taxis zu nehmen. Das hätte dann auch den doppelten Preis bedeutet. Doch meine Frau, in diesen Dingen viel versierter als ich, ist ein echter Profi-Pfennigfuchser und hat sofort Abzocke gewittert. Mein Schwager kam uns zu Hilfe: Er hat einen Bekannten, der selber Taxi fährt, und er sollte uns zusammen mit den Koffern nach Quito schaffen.

Das Auto, das wir zu sehen bekamen, war eine Enttäuschung: Es war kaum größer als eines der Flughafentaxis und hatte den Zenit seiner Haltbarkeit schon lange überschritten. Ich zweifelte, dass wir überhaupt nur die Hälfte der Gepäckstücke würden darin verstauen können. Doch der Mann entpuppte sich als ein wahres Pack-Genie. Es gelang ihm tatsächlich, den Kofferraum so zu füllen, dass nirgendwo auch nur eine flache Hand zwischen Koffer und Fahrzeugwand passte. Einige Stücke des Handgepäcks nahmen wir auf den Schoß und dann ging es auch schon los Richtung Quito.

Vielleicht hatte der Fahrer seinem altersschwachen Gefährt ein wenig zu viel zugemutet; Die Federn waren vollständig zusammengedrückt, so dass man jede Bodenwelle spürte, und selbst leichte Steigungen ließen sich nur mit dem zweiten Gang und mit Vollgas bewältigen. Aber wir schafften es dann doch, auch dank der vorzüglich ausgebauten Straßen, die europäischem Standard in nichts nachstehen. Die derzeitige Regierung hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Wichtige Verkehrswege wurden großzügig ausgebaut, nachdem die Vorgänger das ganze Land förmlich verrotten ließen. Als ich 1992 Ecuador bereiste, fand ich nur hundsmiserable Schlaglochpisten vor. Diese Zustände gehören nun der Vergangenheit an.

Der Fahrer erzählte, dass er früher ebenfalls für die Taxigesellschaft des Flughafens gearbeitet hätte, aber nicht genug verdient habe. Eine Schicht dauerte 24 Stunden, danach hätten die Fahrer 24 Stunden am Stück frei. In einer Schicht verdiente man 50 Dollar. Jetzt arbeitet er selbständig als sein eigener Taxiunternehmer, kann arbeiten, wann er will, und verdient pro Schicht so um die 80 Dollar.

In Quito setzte das völlig überladene Taxi mehrfach auf und wir spürten einen Ruck durch den Unterboden in unsere Beine, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer von unten dagegen geschlagen. Einmal blieben wir sogar hängen und wir kamen erst wieder frei, als mein Schwager und ich (die beiden Schwersten im Auto) ausstiegen und schieben halfen. Auch als wir an eine kleine Anhöhe kamen, mussten wir wieder aussteigen, weil der Motor einfach zu schwach war, das Taxi samt seiner schweren Ladung hinaufzubefördern.

Dann kamen wir endlich ans Ziel, einen Stadtteil, den Touristen für gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Eine Freundin meiner Frau hatte die eigene Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie lebt seit vielen Jahren schon in Europa und reist nur selten nach Quito. Die Wohnung nutzt sie mehr oder weniger als Abstellkammer, manchmal übernachtet sie dort auch für eine kurze Zeit. Die Einrichtung verströmt den Charme der 70er Jahre. Es gibt auch Fernseher, die man aber getrost als vorsintflutlich bezeichnen darf. Auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gab eine Zeit, da nannte man solche Geräte ehrfürchtig Kofferfernseher. Angesichts der geradezu explodierenden Preise für Hotels und Wohnungen sind wir froh und dankbar, dass wir kostenlos übernachten dürfen.