Mindo: Stadt in den Bergen

Als wir so gemütlich am Tisch sitzen und unseren Kaffee genießen, während draußen der Regen auf die Stadt niederfällt, wird uns klar, dass Mindo doch eine recht künstliche Welt ist, die sich auf Gedeih und Verderb dem Tourismus verschrieben hat. Aber es gibt auch keine Alternative und gäbe es eine, hätten die Bewohner die Chance vielleicht auch ergriffen. Ich glaube allerdings, der Ort würde noch immer in seinem Dornröschenschlaf dahinschlummern, und er wäre auch nie daraus erwacht, wenn Scharen von lärmenden Touristen ihn nicht aus seinem Koma erlöst hätten. Für die Menschen kann man nur hoffen, dass der Traum von einem besseren Leben, der sich für sie erfüllt zu haben scheint, niemals ein Ende haben wird.

Die Berge versperren den Horizont, nirgendwo vermag man weiter zu blicken als bis zum nächsten Gipfel und nirgendwo in Mindo hat man den offenen Ausblick, den die Seele manchmal braucht, um sich frei zu fühlen. Die Berge erheben sich gleich unüberwindlichen Wächtern, die jeden daran hindern, diesen Ort je wieder zu verlassen. Oft ist der Himmel bedeckt und die Wolken hängen so tief wie die Bäuche nasser Bettlaken. Nicht selten liegt Nebel schwer wie eine alte Federdecke im Tal und dann verschwinden selbst die wachenden Berge in einem grauen Nirwana.

Verweilt man länger in Mindo, kann einen leicht das Gefühl beschleichen, man wäre eingesperrt; klaustrophobische Naturen könnten sogar zu Panikattacken neigen. Vielleicht aber empfinden die Bewohner die Enge der Berge und des Himmels als Geborgenheit – jedenfalls muss es einen Grund geben, der sie in ihrer Heimat hält. Ich kann nichts in Mindo entdecken, das mich zum Bleiben einlädt. Im Gegenteil, je länger ich hier verweile, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre von Mauern umstellt und diese Mauern rückten immer näher.

Schweizer Kaffee

Zurück von den Schmetterlingen suchen wir uns in Mindo ein ruhiges Plätzchen, an dem wir als verwöhnte Kinder der Zivilisation einen gepflegten Kaffee genießen und die Seele baumeln lassen können. Im erstbesten Café, an dem wir vorbeifahren, werden wir fündig. Die Betreiber sind offenbar Schweizer, wie man unschwer an der eidgenössischen Fahne am Eingang erkennen kann, und ich hege daher die Hoffnung, dass man einen guten Kaffee serviert. Ich werde nicht enttäuscht, denn der Kaffee ist wirklich gut. Später gehe ich zum Tresen und bestelle noch eine zweite Tasse. Ich spreche die Besitzerin auf Deutsch an und sie antwortet mit unverkennbar Schweizer Akzent.

Ich frage mich, warum es so viele Schweizer nach Ecuador zieht. Vielleicht sind es die Berge, denn die Hoffnung auf ein wohlgeordnetes Leben, das mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks abrollt, kann es wohl kaum sein. Aber man begehrt ja bekanntlich immer gerade das, was man nicht hat, und vielleicht ist es die tägliche Dosis Chaos, an der man Gefallen gefunden hat und von der man nun nicht mehr lassen kann.

Diese merkwürdigen Gringos

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Verkaufsstand des Kokosmannes, der uns den Weg zum Schmetterlingshaus gezeigt hatte. Wir nehmen einen Coco helado und genießen das erfrischende Getränk. Trotz des Regens, der am Nachtmittag zunächst als Nieselschauer einsetzt und sich dann zum Plattern verstärkt, ist es tropisch warm. Der Verkäufer posiert gern für ein Foto und ich stelle mich mit meiner Kokosnuss dazu. Die Aufnahme erhält mit Sicherheit einen bevorzugten Platz im Gringo-Reisealbum. Wir setzen uns mit unserem Coco ins Auto und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause – nicht, dass unser Trip nach Mindo bis hierher so abenteuerlich gewesen wäre, dass wir unbedingt eine Pause nötig gehabt hätten. Es ist nur manchmal schön innezuhalten und einfach nur zu beobachten.

Ein älteres Paar kommt des Weges, beide unverkennbar Gringos und beide in der komisch-grotesken Unisex-Uniform der Hobbyornithologen: khakifarbenes Tropen-Outfit, das direkt aus dem Fundus von „Hatari“ zu stammen scheint; der Hosenbund der Shorts bis unter die Achseln geschnallt, so dass zumindest der Mann wie eine schlankere Ausgabe von Higgins, dem Verwalter auf Robin Masters Anwesen in „Magnum“, wirkt. Die Wanderstiefel mit unverwüstlicher Profilsohle und die fein säuberlich gerollten Socken über den dünnen Waden vervollständigen das Bild. Vor der Brust baumeln Feldstecher und dazu noch Kameras. In Gürteltaschen sind weitere Extras verstaut, die sicher dazu dienen, das Überleben in Extremsituationen zu gewährleisten – vielleicht greift ja einmal ein Vogelschwarm an, durch den Anblick der Hobby-Vogelkundler bis aufs Blut gereizt. Mit Extremsituationen hat man es in diesem Land wahrhaftig täglich zu tun! Da ist es beruhigend, wenn man das entsprechende Abwehrmittel immer griffbereit hat. Ich glaube, so mancher Ecuadorianer würde sich bekreuzigen wie beim Anblick des Leibhaftigen, wenn er jenes Grauen im Doppelpack unversehens zu Gesicht bekäme.

Abenteuer auf dem Río Mindo

Nur einen Katzensprung vom Schmetterlingshaus entfernt, befindet sich die Rafting-Station. Ich musste mich belehren lassen, dass man nur dann vom Rafting sprechen kann, wenn die Wildwasser-Argonauten auch die Möglichkeit haben, das Gefährt, dem sie sich anvertrauen, selbst zu steuern. Sitzt man jedoch auf einem Traktorreifen, ist diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt vorhanden. Man nennt die Tätigkeit dann folglich auch nicht Rafting, weil man ja nicht auf einem Raft, einem Floß sitzt, sondern Tubing (Tube – Schlauch). Sechs solcher Reifen werden nach Art eines Kohlenstoffmoleküls zusammengeschnürt, der siebte Reifen kommt in die Mitte.

Am Río Mindo geht es zu wie am Riesenrad auf dem Rummelplatz, wenn die Vergnügungssüchtigen sich in die Gondeln drängen: Sobald ein Floß besetzt ist, wird es der Strömung anvertraut, aber schon folgt das nächste und so könnte es wahrscheinlich fort gehen bis in alle Unendlichkeit, wenn nicht irgendwann die Nacht hereinbrechen würde. Auf jedem der Gummiflöße klammert sich ein halbes Dutzend todesmutiger Tubonauten an die Reifen, doch es geht eher gemächlich den Fluss hinunter, von abenteuerlicher Wildwasserfahrt keine Spur. Irgendwo, ein paar Hundert Meter unterhalb der Einstiegsfurt, zieht man die kreischende Fahrtgemeinschaft wieder ans Ufer; die Flöße finden auf Pickups den Weg zurück zum Ausgangsort und mit der Rückfuhre wird gleich frisches menschliches Cargo zur Tubing-Station gebracht.

Als ich mich der Station nähere, um Fotos zu schießen, werde ich gleich ein paarmal von den „Bootsführern“ gefragt, ob ich mitfahren will. Man scheint es zu glauben, denn schließlich sehe ich aus wie ein Gringo und damit scheine ich geradezu prädestiniert für Abenteuer dieser Art. Nicht wenige sind sichtlich verstört, als ich dankend ablehne. Ich mache ein paar Fotos. Am Ufer drängen sich Leute in Schwimmwesten so dicht wie die Mähnenrobben auf den Felsklippen vor Feuerland.

Ein paar der Abenteuerwilligen haben sich Go-pros an den Kopf geschnallt, kleine Kameras, mit denen man festhalten kann, was man gerade sieht. Man kann sagen, was man will, aber mit so einer Linse an der Stirn sieht man einfach nur lächerlich aus. Im besten Falle würde man für einen Borg gehalten werden, aber ich glaube nicht, dass es hierzulande viele Trekkies gibt, die den Spaß auch verstehen könnten. Die meisten, die das Wagnis eingehen, sich den Fluss hinuntertragen zu lassen, scheinen Ecuadorianer zu sein. Überhaupt sieht man nur sehr wenige Touristen, die man für Ausländer halten könnte, und wenn, dann sind sie sofort als solche zu erkennen – als hätte man ihnen ein Mal auf die Stirn tätowiert.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.

Lustige Karnevalszeit

Die Menschen reisen aus ganz verschiedenen Gründen: Manche suchen das Abenteuer, das sie in ihrem Alltag vermissen; andere hoffen im Fremden das Gewohnte wiederzufinden; wieder andere möchten ihre Schaulust befriedigen. Für mich kann eine Reise ruhig beschwerlich sein (zumindest bis zu einem gewissen Grad), am Ziel aber – und mag es auch noch so weit entfernt sein – möchte ich doch nur immer wieder in einem schönen Café landen und bei Latte macchiato und Chocolate-Chip-Cookies einen magischen Sonnenuntergang über einem unberührten tropischen Paradies genießen … oder die majestätische Ruhe über einer menschenleeren Eiswüste … oder die donnernde Brandung an einem wilden ozeanischen Gestade.

Leider findet man so selten Cafés in Eiswüsten und an einsamen Küsten. Eigentlich möchte ich mich ein wenig wie die Besucher des Restaurants am Ende des Universums im „Hitchhikers Guide to the Galaxy“ fühlen: Man sitzt in angenehmer Begleitung gemütlich beim Essen und lässt sich von der grandiosen Show bezaubern – immerhin wird man Zeuge des Anfangs, und zwar des Anfangs von so ziemlich allem. So viel muss es aber gar nicht sein. Das einsame Meeresufer würde mir schon reichen. Ich glaube, man wird zum Snob, wenn man zu viele Reiseführer liest.

Es ist Karnevalszeit und auch Mindo gibt sich willig dem Schabernack hin. Die Hauptstraße ist dicht bevölkert und viele der Leute haben ihre Cariocas dabei – zur Karnevalszeit die Waffe der Wahl. Cariocas sind Sprayflaschen, die mit Schaum gefüllt sind. Anlässlich des Karnevals ist es üblich, dass vorbeikommende Passanten gnadenlos eingeseift werden, und wenn man selber keine Carioca zur Hand hat, mit der man Vergeltung üben könnte, ist man einfach nur das willkommene Opfer. Ich halte die Fenster geschlossen, denn die Kombattanten nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihre Opfer an dem Spaß teilhaben wollen oder nicht. Ein paarmal prallen die Attacken an der Scheibe ab und ich bin froh, dass ich im Auto sitze.

Vor uns fährt ein Truck und auf der Ladefläche sitzt ein Mädchen, nicht älter als vierzehn. Die Wagen rollen wie bei einem Autokorso im Schritttempo auf der Hauptstraße entlang und das Opfer sitzt wie auf dem Präsentierteller. Diese Gelegenheit lassen sich die bösen Jungs aus der Gegend natürlich nicht entgehen. Sie seifen das arme Ding so unerbittlich ein, dass das Mädchen am Ende wie ein Schneemann aussieht. Die Jungs aber haben ihren Spaß und lachen sich fast kaputt.

Wir halten kurz auf der Hauptstraße, denn meine Frau will Eintrittskarten für das Schmetterlingshaus und die Kolibri-Station besorgen. Mindo wird in diesen Tagen von Touristen geradezu überschwemmt, aber die Stadt scheint sich gut auf den Ansturm vorbereitet zu haben, denn es gibt kaum eine Straße, in der man einmal kein Hotel oder Hostal findet. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Einheimischen wohnen, denn die ganze Stadt scheint ausschließlich aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés zu bestehen.

Während wir so am Rande der Hauptstraße stehen, die Warnblinklichter vorsorglich eingeschaltet (so ist es hierzulande üblich, auch wenn man keinen Unfall hatte oder eine Reifenpanne), kommt der Dorfpolizist auf uns zu und macht uns mit strenger Miene darauf aufmerksam, dass das Parken auf der Hauptstraße, übrigens der einzigen im Ort, verboten sei. Er sieht unglücklich aus, wahrscheinlich schlägt ihm der ganze Trubel aufs Gemüt – daher auch die schlechte Laune. Wir fahren eine Straße weiter und warten auf meine Frau, die schon nach kurzer Zeit mit den Tickets auftaucht. Sie ist so fröhlich, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.

Mindo: Lockruf des Abenteuers

Mindo ist eine kleine Stadt auf halber Strecke zwischen Quito und San Miguel de los Bancos. Eigentlich wäre der Ort nicht weiter der Erwähnung wert, wenn sich in den letzten Jahren nicht ein beispielloser Öko- und Abenteuerrummel ausgehend von seinem Infektionsherd Mindo in der ganzen Gegend den Masern gleich ausgebreitet hätte. Wir haben schon so viel von Mindo gehört – die Leute erzählen sich geradezu Fabeldinge – und nun fuhren wir mit großen Erwartungen und nicht geringeren Befürchtungen dorthin, um mit eigenen Augen die Wunder zu schauen, von denen man uns berichtet hatte.

Ich bin dem Abenteuer in der Wildnis nicht sonderlich zugetan, aber es gibt ja kaum einen anderen Grund, der den wagemutigen Reisenden reizen könnte, einen Ort wie diesen zu besuchen. Ich frage mich dabei nur immer, warum es fünftausend Jahre Kultur gegeben hat, wenn man sich am Ende doch wieder mit nassen Hosen durchs Gestrüpp schlägt.

Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.

Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.