Badekultur

Papallacta ist ein kleines Städtchen, das verlassen im Talgrund zwischen hohen Bergen liegt. Es gibt nicht viel zu entdecken und kaum etwas zu sehen. Der Strom der Touristen fließt zuverlässig an diesem Ort vorbei, denn die eigentliche Attraktion sind die Thermen. Wir hielten kurz und ich kaufte mir eine Tüte Caña de azucar, geschnittenes Zuckerrohr. Man kann den süßen Saft auskauen und tatsächlich erinnert der Geschmack ein wenig an braunen Rohrzucker. Schade, dass man frisches Zuckerrohr nicht in Deutschland bekommt.

Die Thermen liegen etwas oberhalb der Stadt und wenn man dorthin gelangen möchte, muss man eine Ausfahrt nehmen. Die Hauptstraße kerbt sich durch den Ort wie ein Messer durch eine Torte und die Ausfahrt schwingt sich irgendwann unvermittelt als scharfe Rechtskurve in die Höhe. Nicht wenige verpassen sie und ist man erst einmal vorbeigefahren, kann man nicht wieder zurück. Vielmehr ist man gezwungen, einer schmalen Einbahnstraße zu folgen, einer Schotterpiste, die zunächst um die steile Flanke eines Berges herumführt und schließlich in einen Rundkurs mündet. Man braucht eine Viertelstunde, ehe man wieder am Ausgangspunkt angelangt ist. Doch eigentlich ist das kein Drama, weil die Strecke eine Vielzahl landschaftlicher Glanzpunkte bietet, und am Ende ist man sogar froh darüber, diesen idyllischen Abzweig gefunden zu haben.

Einige Besucher ignorierten freilich die Schilder, drehten und befuhren die Straße als Geisterfahrer. Ich weiß nicht, wie es ihnen überhaupt gelingen konnte zu wenden, denn die Straße war so schmal, dass man schon in die Büsche fahren musste, wenn man einem entgegenkommenden Fahrzeug nur ausweichen wollte. Zwar setzten sie sich der Gefahr aus, den steilen Hang herunterzustürzen (oder andere über die Klippen zu schieben), aber zumindest hatte man wieder unglaublich viel Zeit gespart. In den menschenleeren Anden kommt es nämlich auf jede Minute an. Que gente!

Als wir dann endlich auf dem Parkplatz der Thermen eintrafen, ahnten wir bereits, dass dies kein vergnüglicher Ausflug mit unbeschwertem Badespaß werden würde: Der Parkplatz war so dicht zugestellt wie die Parkfläche vor dem Olympiastadium während des Pokal-Endspiels. Ich kurbelte den Wagen durch die engen Gassen bis ich fast schon aufgeben wollte, als ich wundersamerweise doch noch einen freien Platz fand – offenbar der letzte weit und breit.

Wir spazierten ein wenig durch die Anlage. Die Thermen erweckten ganz den Eindruck eines touristischen Knotenpunktes. Das Gelände war so überlaufen wie die Stadtparks in Berlin zu Ostern, wenn die Leute zur Eiersuche ausschwärmen. Die weitaus meisten Besucher schienen Ecuadorianer zu sein, wenn man auch hin und wieder in der Menge die typischen Attribute des abenteuernden Auslandstouristen ausmachen konnte: Cargohosen, Trekkingstiefel und der große Wanderrucksack, vorzugsweise in Tarnfarben. Viel Vergnügen bereitet so ein Ausflug nicht, zumal man manchmal das Gefühl hat, wie ein Lachs zur Laichwanderung inmitten eines dichten Stroms aus Lachsen zu schwimmen.

Wir ließen uns mit der Menge treiben und irgendwann standen wir vor dem Eingang zu den Thermalbädern. Ich schickte meine Frau vor, weil ich keine Lust auf Kuscheln zwischen fremden Leibern hatte. Die Wartezeit betrug zwei bis drei Stunden. Mehrere Dutzend Besucher hatten sich vor uns angemeldet und zwei bis drei Stunden war natürlich nur eine Schätzung. Es hätte auch länger dauern können.

Von der überfüllten Lobby aus warfen wir einen Blick ins Innere, um abzuschätzen, ob sich die lange Warterei überhaupt lohnen würde: Man sah ein halbes Dutzend flacher Becken, in denen die Menschen erschlafft wie nach einer römischen Orgie lagen. Wahrscheinlich hatte sie das heiße Thermalwasser regelrecht paralysiert, denn sie trieben so bewegungslos in den Pools wie die Olive im Martini. Man sah überwiegend Ältere die arthritischen Leiber in diesen Quell der ewigen Jugend tauchten, wohl in der Hoffnung, dass das warme, mineralreiche Wasser ihren steifen Gliedern die Geschmeidigkeit der Jugend wiederzugeben vermöchte. Der Bäderbereich erinnerte an die Saunalandschaft irgendeiner großen Therme in Brandenburg, aber darüber hinaus gab es eigentlich nicht viel, dessentwegen ein Besuch gelohnt hätte. Ach ja, Handtuchservice gab es auch.

Wir entschieden uns dagegen zu warten. Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich noch ein zweites Bad, und diese Anlage erinnert eher an ein richtiges Schwimmbad. Hier können Kinder auch einmal toben, ohne den Unmut der älteren Badegäste zu erregen. Und man ist auch nicht gehalten, die ganze Zeit über im Wasser zu sitzen, als wäre man eine Kaulquappe. Wir warfen einen Blick hinein – normaler Badebetrieb; nichts, was man nicht schon Hunderte Male an Berlins Seen und in seinen Schwimmbädern erlebt hätte. Doch in Ecuador gibt es keine öffentlichen Badeanstalten und nur Verrückte oder Selbstmörder würden auf die Idee kommen, sich in die kalten Seen der Anden zu werfen. Eine Badekultur, wie man sie etwa aus Berlin mit seinen vielen Freibädern gewohnt ist, kennt man hier nicht, und wenn man doch einmal ins Wasser will, muss man schon an die Strände des Pazifiks fahren.

Ein großes Schwimmbecken ist für viele fast schon eine Sensation. Nicht für mich – im Sommer kann ich jeden Tag an den Orankesee fahren und im Winter könnte ich immer noch eines der zahlreichen Schwimmbäder in der Stadt besuchen. Papallacta liegt ziemlich hoch in den Bergen und deshalb kam es uns zuweilen recht kühl vor. Wenn man nicht frieren will, muss man eben doch dauernd im warmem Wasser sitzen, und nach einer Stunde hat man dann ohnehin genug. Mir war die Lust auf Freibad vergangen. Ihren Mienen konnte ich ablesen, dass meine Frau und mein Sohn nicht anders empfanden.

Wir suchten an diesem Tag noch ein Restaurant auf und spazierten noch ein wenig durch die Bäderanlage. Wirklich viel zu sehen gab es eigentlich nicht. Der Reiseführer hatte insofern die Wahrheit verkündet, als die ganze Anlage bis zur letzten Fliese internationalem Standard entspricht. Ein Tourist aus Europa oder aus den USA findet hier dasselbe angenehme Ambiente vor, wie er es für eine ähnliche Einrichtung zuhause erwarten könnte. Man war so sehr bemüht, die Bäderanlage internationalen Maßstäben anzugleichen, dass man sich fragt, was hier eigentlich noch ecuadorianisch sein soll. Man könnte Urlaub in irgendeinem Wellness-Hotel im Spreewald machen und würde kaum einen Unterschied feststellen (abgesehen natürlich von der Landschaft). Auch die Preise würden sich wahrscheinlich kaum unterscheiden, denn für eine Übernachtung in einem der kleinen Hotels zahlt man um die zweihundert Dollar. Dafür darf man dann aber auch die hauseigenen Pools nutzen, die jedoch oft so klein sind, dass sie eher großen Badewannen gleichen.

Über den Pass

Von Papallacta hatten wir gehört, dass es sich um die schönsten Thermalquellen des ganzen Landes handeln soll. Abgesehen davon, dass Superlative in mir immer eine gesunde Skepsis wachrufen, kann man über solch ein Urteil durchaus geteilter Meinung sein. Viele meinen, Baños sei unübertroffen, aber nach Baños sollten unsere Wege vielleicht nicht mehr führen. Einmal zumindest wollten wir eine echte Therme in diesem an Vulkanen reichen Lande besuchen – umso besser, wenn es sich da gleich um die angeblich schönste handelte.

Von Cumbayá aus benötigt man mit dem Auto gerade eine Stunde nach Papallacta. Mein Reiseführer, den ich mir vorsorglich aus Deutschland mitgenommen hatte, obwohl ich ja eigentlich kein Tourist bin, empfahl den Besuch ausdrücklich (Wenn man sich nur immer auf Reiseführer verlassen könnte!), merkte jedoch an, dass die Bäder fast immer überlaufen seien und empfahl deshalb den Besuch unter der Woche. Wenn wir auch keine großen Erwartungen hegten, hofften wir zumindest, dass die enthusiastischen Beschreibungen des Travel-Guides die Wirklichkeit nicht allzu zu sehr beschönigten. Kurzentschlossen fuhren wir also nach Papallacta.

Bis nach Papallacta ist es nicht weit und auf der Karte erscheint die Strecke als ein Katzensprung, kaum die Spanne eines Zolls, den man leicht mit Daumen und Zeigefinger abmessen kann. Ich hatte freilich die Höhenangabe auf halber Strecke übersehen und erst auf den zweiten Blick stach mir die vierstellige Ziffer ins Auge. Die Straße führt hinauf in die Ostkordillere und am Scheitelpunkt ist man auf fast 4.100 Meter aufgestiegen. Nur wenige Menschen gelangen in ihrem Leben in solche alpinen Höhen und dazu musste ich noch nicht einmal das Auto verlassen. So hoch war ich noch nie über dem Meeresspiegel und wie ein Skipper, der Kap Hoorn umrundet hat, sich stolz Kaphoornier nennen darf, wird man wahrscheinlich automatisch Mitglied irgendeines Stratosphärenvereins, wenn man diesen Pass überwindet. Ich warte immer noch auf die Einladung.

Die Straße führt geradewegs nach Osten. Von unserer Haustür in Miravalle aus fährt man immer geradeaus und über Cumbayá, Tumbaco und Pifo gelangt man schließlich zur Passhöhe. Man hat die Autopista erst kürzlich ganz neu ausgebaut und wir glitten förmlich über den Asphalt, der so glatt war, als hätte man eigens für uns einen Teppich ausgelegt. Hinter Pifo verliert die Landschaft allmählich alle Siedlungsspuren und das Gelände steigt immer steiler an. Manchmal hat man den Eindruck, die Erdoberfläche wäre gegen die Richtung der Gravitation gekippt und irgendwie wirkt alles „schief“.

Nach mehreren langen Steigungen schien die schwachbrüstige Maschine unseres Wagens an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen, doch dank des hervorragenden Zustandes der Straße gelangten wir dann doch relativ schnell zum Pass. Es gibt nur einen kurzen Streckenabschnitt, an dem noch gebaut wird. Dort führt die Autopista dicht unterhalb einer Felswand entlang. Immer wieder stürzen Felslawinen auf die Straße und Arbeiter sind mit schweren Maschinen zugange, um auch diesen Abschnitt alsbald wieder in einen perfekten Zustand zu versetzen. Am Scheitelpunkt der Strecke gönnten wir dem Motor, der zuletzt in der dünnen Luft wie ein Ertrinkender gejapst hatte, erst einmal eine Rast.

Immer wieder überholten wir Radfahrer, die sich schaukelnd die Steigung hinaufquälten. Auch sie schienen ihre Belastungsgrenze erreicht zu haben (und einige hatten sie wahrscheinlich schon überschritten), doch ausgerechnet auf der Passhöhe sieht man so viele Laienpedaleure wie sonst nirgendwo auf den Straßen. Nicht wenige zeigten eine solch erbarmungswürdige Leidensmiene, dass man schon glauben wollte, sie versuchten die Imitatio Christi. Es muss eine unbeschreibliche Plackerei sein, die unendliche Steigung auf fast viertausend Metern Höhe mit dem Rad zu bewältigen. Manch einer dieser Freizeitsportler hat sicher eine ausgeprägte pathologische Affinität zu allen Arten von Leiden. Aber man muss den Schmerz schon lieben, denn sonst würde man diese Folter wohl kaum freiwillig auf sich nehmen.

Am Scheitelpunkt der Strecke, direkt an der Straße, steht eine kleine Kapelle mit einer Statue der Madonna darin. Die meisten Reisenden machten hier Rast, um dem Auto und sich selbst eine Erholung vom anstrengenden Aufstieg zu gönnen. Nicht wenige statteten der Jungfrau einen Besuch ab, einfach, um sie zu sehen, oder um zu beten – es ist sicher kein Fehler, sich für die Fahrt auf gefährlichen Straßen himmlischen Schutzes zu versichern.

Am Straßenrand sah man Radfahrer in voller Profimontur ihre Maschinen checken. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, stand mancher der Hobbypedaleure kurz vor dem Zusammenbruch. Man wartete erst einmal ab, bis sich die Vitalwerte aus dem Bereich akuter Lebensgefahr wieder auf ein normales Niveau eingepegelt hatten. Ein schnelles Bittgebet kann da manchmal Wunder wirken, zumal die nächste Rettungsstelle mit Sicherheit weiter entfernt ist als die Hilfe der Mutter Gottes.

Wir vertraten uns ein wenig die Beine. Meine Frau und mein Sohn bewegten sich aber kaum einige Schritte vom Auto fort, denn schon bei der kleinsten Anstrengung bekam man Atemnot. Ein kalter Wind strich zudem beständig über den Pass und in der dünnen Luft begann man leicht zu frösteln. Auf der Suche nach Motiven lief ich ein Stück die Autopista entlang. Schon nach wenigen Sekunden fing mein Herz wie verrückt an zu pumpen und als ich ein Stück rannte, hatte ich einen Eindruck davon, wie man sich beim Waterboarding fühlen muss.

Am Pass befindet man sich tatsächlich an einem Scheitelpunkt, denn folgte man der Autopista von hier nach Osten, gelangte man irgendwann in den Amazonas-Urwald. Auf dem Grat der Kordillere verläuft zudem die Grenze zwischen den Provinzen Pichincha und Napo. Die Provinz jenseits der Anden ist natürlich nach dem Río Napo benannt und auch, wenn man hier noch ganz unter dem Eindruck des Gebirges steht, beschwört allein schon der Name „Napo“ vor Feuchtigkeit dampfenden Dschungel und träge braune Gewässer unter lichtundurchlässigem Blätterdach herauf.

Wir haben uns fest vorgenommen, den Konquistadoren, Forschern und Abenteurern zu folgen. Eine Tour in das Amazonastiefland gilt als beschlossene Sache und es wäre wirklich ein unverzeihliches Versäumnis, wenn wir Ecuador verlassen würden, ohne wenigstens einmal in das grüne Herz dieses Planeten hinabgestiegen zu sein. Unser Weg wird uns dann wieder hinauf zum Pass von Papallacta führen, doch das nächste Mal werden wir unserer Bestimmung folgen, bis sich die Straße im undurchdringlichen Dickicht des Waldes verliert (oder in Coca am Ufer des Río Napo endet).

Von der Passhöhe aus ließen wir uns von der Autopista durch die zerklüftete Landschaft des Hochgebirges hinab ins Tiefland führen. Freilich würden wir der Route nur bis zu den Thermen von Papallacta folgen, dem immer noch das Flair eines Andenstädtchens anhaftet, denn das einer Urwaldstadt. Eine Anhöhe gestattete den Blick über eine in Berge und Täler gefaltete Landschaft. Die Autopista lag wie ein dünner Lebensfaden am Fuße einer himmelwärts strebenden Felswand. Das schräg einfallende Sonnenlicht schnitt ein wild bewegtes Relief in das zerfurchte Gestein. Man sah Autos die dünne Linie der Straße entlangkriechen, winzig wie Blattläuse auf einem Grashalm.

Landesspezialitäten

Auf der Rückfahrt von Cochasquí kamen wir durch Guayllabamba. Das ist eine kleine Stadt nördlich von Quito, nur eine Katzensprung von der Panamericana entfernt. Die Hauptstraße des Ortes ist förmlich gepflastert mit Restaurants, Kantinen und Imbissständen und nicht wenige der Reisenden, die auf der Panamericana unterwegs sind, machen hier Station, um zu essen. Wir fuhren nicht bis in die Stadt hinein, sondern besuchten ein Restaurant kurz hinter der Abfahrt der Autopista, das „Guayllabambeñito“. Das Lokal breitet sich in einem riesigen Speisesaal aus, aber es war Mittagszeit und tatsächlich waren nahezu alle Tische besetzt.

Wir bestellten eine der Spezialitäten der Gegend: Fritada. Dazu gab es Chicha, das traditionelle Getränk der Anden, ein aus vergorenem Mais hergestelltes gelbliches Gebräu. Chicha schmeckt säuerlich-prickelnd und erinnert ein wenig an vergorenen Apfelsaft. Erfrischend und lecker – man darf nur nicht daran denken, dass die Gärung in alter Zeit eingeleitet wurde, indem man die Maische einmal ordentlich im Mund durchspülte und sie anschließend in ein großes Gefäß spuckte, in dem das Maisbier dann reifen musste, bis es sein volles Aroma entwickelt hatte. Heute ist die traditionelle Herstellung nicht mehr üblich und man ist ausnahmsweise einmal froh darüber, dass alte Traditionen gelegentlich aussterben. Darauf nahmen wir einen großen Schluck Chicha!

Sternkundige Pyramidenbauer

Unser Cicerone war ein Mann aus der Gegend, der uns ebenso sicher wie kundig über das ausgedehnte Areal des archäologischen Parks von Cochasquí führte. Der Mann war eindeutig unterfordert, denn er schien über ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu gebieten, aber kaum einer der Teilnehmer der Führung stellte Fragen, die ihm Anlass gegeben hätten, zur Hochform aufzulaufen.

Dreißigtausend Menschen lebten einst auf dem Areal von Cochasquí und man wundert sich, dass dieser Landstrich so verwaist wirkt, als wäre er schon immer das leere Viertel gewesen, als das er sich heute präsentiert. So viele Menschen müssen ernährt werden und deshalb waren bereits damals die Fluren mit einem grünen Flickenteppich aus Feldern überzogen. Einmal entstand ein Augenblick der Irritation, als unser Guide die Gruppe fragte, welche Pflanze wohl die Nahrungsgrundlage für die Bewohner dieses Ortes darstellte. Langes Schweigen – entweder genierte man sich und man wollte sich vor den anderen nicht als Streber hervortun oder man wusste es wirklich nicht. Der Guide gab schließlich selber die Antwort: Mais (wer hätte es gedacht!). Außer mir waren alle in der Runde Ecuadorianer, doch sie schienen den Grundlagen ihrer Kultur ebenso weit entrückt wie ein Berliner Jugendlicher der Vorstellung, dass das Getreide des Donuts, den er sich einverleibt, während er sein letztes bisschen Verstand gerade an „Call of Duty“ verliert, tatsächlich von einem Acker stammen könnte.

Die Bewohner dieser Gegend waren die Quitu-Cara. Sie setzten den erobernd vorrückenden Inkas den energischen Widerstand eines freien Volkes entgegen, das sich gegen seine Versklavung wehrt. Die Quitu-Cara verstanden es auf meisterhafte Weise, das Gelände zu ihrem Vorteil zu nutzen: Von ihren Pyramiden aus, hoch über dem Tal, war es ihnen möglich, den Feind zu erspähen, lange bevor dieser seine Truppen in Stellung bringen konnte. Man unterhielt ein ausgeklügeltes Nachrichtensystem, das mit reflektierenden Scherben aus Vulkanglas, mit Rauchzeichen und mit dem Klang der Spondylusmuschel arbeitete. Irgendwann, zu einer Zeit, als die Spanier sich anschickten, diesen Erdteil zu erobern, oder kurz danach, verließen die Menschen urplötzlich ihre Pyramiden. Die Quitu-Cara begruben den Komplex unter einer dicken Bodenschicht, als sollte alles, was sie einst geschaffen hatten, wieder vom Angesicht der Erde verschwinden.

An der größten Plattform sieht man einen Durchstich, Spuren einer Probegrabung unter deutscher Leitung. Eine Kluft kerbt sich mitten durch den Pyramidenstumpf wie ein tektonischer Graben zwischen zwei Erdplatten. Offenbar hat man nicht viel gefunden, denn das kleine Museum auf dem Gelände der Ruinenstätte stellt nur ein paar Keramikfragmente aus. Auch einige vollständig erhaltene Tongefäße sind zu bewundern, doch man hat sie nicht auf dem Areal von Cochasquí entdeckt. Schwere Pflüge hinter PS-starken Zugmaschinen haben die Erde gründlich von allen zivilisatorischen Verunreinigungen gereinigt.

An einer Pyramide haben die Archäologen eine Flanke freigelegt, um die Struktur des Bauwerks sichtbar zu machen. Das ist ein wenig, als würde man das Fleisch von einem Leichnam schaben, damit man die Knochen sehen kann. Über die entblößte Stelle spannt sich ein Schutzdach, denn die Steine, die über Jahrhunderte geschützt unter der Erde lagen, sind nun den harschen Witterungsbedingungen der Hochanden ausgesetzt. Im Halbdunkel unter dem Dach sieht man die akkurat zusammengefügten Quader aus Cangahua, einem Vulkangestein.

Man erhält einen vagen Eindruck davon, wie das Ensemble aus gut einem Dutzend Pyramiden und einigen kleineren Grabhügeln vor langer Zeit auf den Betrachter gewirkt haben muss, doch das Bild verblasst zusehends angesichts einer Gegenwart, welche die Vergangenheit unter traurigen grünen Hügeln begraben hat. Alle Anstrengungen, die Vergangenheit lebendig zu erhalten, haben ihren größten Feind in dem Wissen, dass Gleichgültigkeit und Ignoranz mächtiger sind als der Wille zu bewahren. Man benötigt schon ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft, um den Ort so vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen, wie er zu seiner Glanzzeit ausgesehen haben mag. Es gibt nicht mehr viel, an dem sich der Funke der Imagination entzünden könnte. Die Landschaft wirkt einsam wie nach einem Exodus und man spürt eine eigenartige Wehmut, die sich dem Wissen verdankt, dass hier einmal Menschen lebten und dass sie nun fort sind.

Auf einer der Pyramiden hat man eine Kultplattform freigelegt. Die Ausgräber sind sich nicht darüber einig, welchem Zweck Cochasquí eigentlich diente. Einige meinen, dieser Ort sei das religiöse und zeremonielle Zentrum der Kultur der Quitu-Cara gewesen; andere sind überzeugt, dass es sich um einen administrativen Knotenpunkt gehandelt habe und dass sich hier außerdem der Wohnsitz einer adelsstolzen Elite befunden hätte. Die ausgegrabene Plattform bestätigt zumindest, dass auch Himmelsbeobachtungen vorgenommen wurden.

Der ovale Umriss der Plattform ist deutlich auszumachen und der mit Estrich bestrichene und sorgfältig geglättete Boden befindet sich dank der schützenden Erdschicht immer noch in gutem Zustand. Selbst Reste der roten Farbe, die einst den Boden bedeckte, finden sich hier und da. In der Mitte sind zwei Rinnen in den Grund eingelassen und man sieht einige kreisrunde Löcher. Unser Führer erklärte, dass es sich dabei um einen Sonnen- und um einen Mondkalender handele.

Wie die Schöpfer aller präkolumbianischen Kulturen waren auch die Bewohner der Pyramiden von Cochasquí aufmerksame Beobachter der Gestirne. Der Rhythmus der Himmelserscheinungen verkündete den Menschen den Zeitpunkt für wichtige Ereignisse in ihrem Leben, wie sie zum Beispiel die Aussaat oder die Ernte darstellen. Da das Überleben aller davon abhing, dass man die himmlischen Zeichen richtig deutete, nahm die Himmelsbeobachtung einen wichtigen Platz in dieser Kultur ein.

Von den ursprünglichen Behausungen der Menschen ist nichts erhalten geblieben (niemand außer Göttern wohnt wirklich auf einer Pyramide, und niemand wohnt darin, es sei denn, er ist tot). Die Häuser waren aus solchen vergänglichen Materialien wie Holz und Lehm errichtet und so verwundert es nicht, dass durch die Jahrhunderte kaum Spuren davon auf die Gegenwart gekommen sind. Doch die Archäologen haben Repliken angefertigt. Offenbar gab es zwei unterschiedliche Arten von Häusern: eines für die tieferen Regionen und ein anderes für die Hochlagen mit ihren häufigen starken Regenfällen.

Die Häuser, die man in der Höhe errichtete, sind im Gegensatz zu den Häusern in den Tieflagen etwas kleiner und rund. Ein lebender Baum diente als zentrale Stützachse. Das Dach ist mit dicken Lagen Gras gedeckt, so dass es den heftigen Regenfällen trotzt und die Bewohner trocken bleiben. „Gemütlich“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht das passende Attribut, aber diese einfachen Wohnstätten boten den Menschen alles, was sie brauchten: die Herdstelle mit dem wärmenden Feuer, Vorrats- und Aufenthaltsräume und vor allem ein Bett. Wenn einen das Ungeziefer nicht lebendigen Leibes auffraß, hat man sicher sehr bequem darin geschlafen. Ich nahm jedoch lieber davon Abstand, einmal zur Probe zu liegen.

Übrigens war es üblich, Meerschweinchen im warmen und trockenen Innern der Häuser zu halten. Als wir eine der Hütten besichtigten, nahm aber nur ein einziges der putzigen Nagetiere vor uns Reißaus. Vielleicht hatte man den Rest schon verspeist, denn auch heute noch landen die Tiere in vielen Gegenden der Anden so oft auf dem Teller wie in Berlin die berüchtigte Boulette. Von dem kleinen Tier, das verängstigt in seiner Ecke hockte, wäre eine Familie hungriger Hochlandbewohner aber wohl kaum satt geworden.

Kulturvernichtung auf Ecuadorianisch

Der Archäologiepark von Cochasquí ist ein riesiges Areal, das auf den ersten Blick wie die Alm in einer „Heidi“-Verfilmung wirkt. Mehr als ein Dutzend Hügel erhebt sich aus der Landschaft als wären es die Glieder eines schlafenden Giganten unter einer grünen Decke. Man könnte diese Erhebungen für prähistorische Tumuli halten und wirklich erweckt die Gegend den Eindruck, die Natur wollte die Relikte dieser untergegangenen Kultur ins Leben zurückrufen, indem sie ein Meer von Gras darüber ausbreitete. Tatsächlich gibt es neben den Pyramiden auch noch einige Grabhügel. Gäbe es niemanden, der einem erklärte, dass es sich in Wahrheit um Bauwerke handelt, würde man die Erhebungen für gewöhnliche Erdhügel und nicht für menschliche Schöpfungen halten.

Die Pyramiden sitzen auf einer Hochfläche wie die Buckel auf der Nase eines Wals. Von hier aus bietet sich dem Besucher ein berauschender Blick auf die Berge und das Tal, das von einem Ring aus Bergketten umschlossen wird, als wären sie das Postament, auf dem der Himmel ruht. Das ganze Gelände hatte einst einer spanischen Familie gehört; es war ihr nach der Eroberung von den neuen Eigentümern des Kontinents als Besitz übertragen worden und jahrhundertelang führte man ein standesgemäßes Leben aus den Einkünften des Landes. Jahrhundertelang dämmerten die Pyramiden unter ihrem grünen Grabtuch dem Vergessen entgegen, während über ihren Köpfen das Leben weiterging.

Ganz wesentlich zu dem unauffälligen Erscheinungsbild des Geländes hat aber vor allem die Tatsache beigetragen, dass das Land in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an einen ausländischen Chemiekonzern verpachtet war. Unbehelligt von den Nachstellungen einer aufmerksamen Denkmalschutzbehörde ließ man die Flur mit schwerem Gerät beackern. Die Erde wurde aufgerissen und wieder und wieder umgepflügt. Der Boden wurde dabei so gründlich umgegraben, dass nichts darin an dem Platz blieb, an dem es sich für Jahrhunderte, wenn nicht für Jahrtausende befunden hatte. Auf den solcherart vorbereiteten Äckern über den schlafenden Pyramiden baute man giftige Pflanzen an. Das ganze Areal war auf viele Jahre hinaus verseucht.

Das tiefe Umpflügen des Geländes führte dazu, dass alle Bodenrelikte, die den Archäologen etwas über die Anlage und ihre Bewohner verraten könnten, zuverlässig vernichtet wurden. Nach Jahren intensiver Bewirtschaftung enthält die Erde über den Pyramiden ungefähr noch so viele Artefakte wie der Staub auf der Mondoberfläche. Und was sich noch in der Erde befindet, wurde von den Pflugscharen entweder zu Staub zermahlen oder unentwirrbar durcheinandergerührt. Die Wahrscheinlichkeit, jetzt – nach Vollendung des Vernichtungswerks – noch eine bedeutende archäologische Entdeckung zu machen, liegt nahe Null. Was man findet, sind lediglich die Scherben einer zerbrochenen Vergangenheit.

Wenn beim Umgraben einmal etwas von Wert zutage gefördert wurde und es unversehrt geblieben war, fand es seinen Weg häufig ins Ausland. In den sechziger Jahren gab es keine staatliche Stelle, welche die Ausfuhr unersetzlicher Kulturgüter zu unterbinden versuchte. Die Aneignung kultureller Artefakte stellte auch keinen Straftatbestand dar und man darf annehmen, so mancher skrupellose Sammler verhalf sich auf diese Weise zu einer Kollektion, die einige etablierte Museum vor Neid erblassen lassen würde.

Hochlandbewohner

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Lamas und Alpakas in freier Wildbahn gesehen. Wir sind viel gereist und oft waren wir in den Anden unterwegs, aber Lamas sind uns dabei nie begegnet, obwohl einem die folkloristisch angehauchten Klischees, die immer wieder in den Reisekatalogen bemüht werden, um Touristen ins Land zu locken, weiszumachen versuchen, über die Hochweiden würden ganze Herden der friedlichen Pflanzenfresser streifen.

Viele der Tiere, die wir hier im Archäologiepark von Cochasquí sahen, trugen Markierungen oder bunte Halsbänder, so dass man annehmen muss, sie seien nicht wirklich „Wildtiere“. Jedenfalls bewegten sie sich auf dem Gelände völlig frei. Nur mit den Pferden – eine invasive Art auf diesem Kontinent wie die Menschen – mussten sie sich ihren Weidegrund teilen. Während man den Lamas aber kaum noch in freier Natur begegnet, sieht man Pferde fast überall. Es scheint, die Eroberung des Kontinents bis an seine entferntesten Grenzen ist tatsächlich vollendet.

Meist standen die Lamas einfach nur auf der Blumenwiese, welche die gesamte Ruinenstätte gleich einem bunten Teppich bedeckt, und taten so, als würden sie die Menschen gar nicht bemerken. Unbeeindruckt gingen die Tiere ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie fraßen das saftige Gras und darüber hinaus schien sie nicht sehr viel mehr zu kümmern. Manchmal guckten sie (verwundert, wie es schien) und witterten, wenn sich ihnen wieder einmal eines jener merkwürdigen zweibeinigen Wesen zu nähern versuchte. Erst wenn man ihnen so nahe kam, dass man sie um ein Haar hätte berühren können, trabten sie mit aristokratischer Grazie davon – nur anschauen, streicheln verboten.

Wir ließen uns gern darüber belehren, dass die Tiere mit dem dickeren Fell Alpakas seien. Eigentlich wirkten sie eher wie zu groß geratene Schafe auf viel zu hohen Beinen und sie sahen ein wenig so aus, als hätte man es seit langem versäumt, ihnen das wollige Fell zu scheren. Ihre Vettern, die Lamas, unterscheiden sich von ihnen durch ein feineres, weicheres Fell und während die Alpakas oft weiß sind, ist das Fell der Lamas meist von kaffeebrauner Farbe. Lamas sind so ziemlich die friedlichsten Wesen, die man sich vorstellen kann, und die eigentümliche Unart, die man ihnen immer wieder nachsagt, das Spucken, ist wahrscheinlich nur ein Gerücht. Jedenfalls spuckte kein einziges der Tiere, obwohl die Touristen doch immer wieder versuchten, sie zu streicheln.

Traurige Pyramiden

Die Ruinenstätte von Cochasquí liegt ca. eine Autostunde nördlich von Quito. Von der Panamericana nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt und dann geht es über idyllische Landstraßen durch die bezaubernde Landschaft der Anden. Auf der krummen Straße mit ihrem Kopfsteinpflaster hat man nicht nur einmal den Eindruck, die Schwingen der Vorfreude trügen einen zum Meer, welches sich irgendwo am Golf von Nafplio gegen die Küste schmiegt, doch nur eine Wegbiegung weiter geben die Hügel den Blick auf das weite Andenpanorama frei und die Anmutung verfliegt ebenso schnell, wie sie gekommen ist.

An diesem Tag waren kaum Leute unterwegs, doch ich bezweifle, dass man auf der einsamen Straße überhaupt je Menschen begegnet. Die Gegend ist zu abgelegen und eigentlich gibt es in dem gepflegten und mit viel Engagement verwalteten archäologischen Park nicht mehr zu sehen, als der neugierige Besucher an einer Stätte wie dieser erwarten könnte – also kein Grund für einen Massenansturm.

Man kann jedoch eine Menge über die Geschichte und Kultur der Andenregion lernen, zumal die Tour-Guides oft ein profundes Wissen über die Gegend, die Leute und ihre Kultur besitzen. Wer aber spektakuläre Artefakte erwartet – goldene Totenmasken, überwältigend schöne Bildstelen oder steinerne Altäre, auf denen den Göttern einst blutige Opfer dargebracht wurden – wird enttäuscht.

Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

Kondore und Menhire

In der Nähe Otavalos gibt es eine Reihe lohnender Sehenswürdigkeiten. Nachdem wir den Lechero gesehen, seine Aura gespürt und uns durch Berührung einen Teil seiner kosmischen Energien einverleibt hatten (ich fühlte mich aufgeladen wie eine Duracell), war es höchste Zeit, einem anderen und weit berühmteren Mythos der Anden unsere Aufwartung zu machen – dem Kondor.

Die Menagerie mit den majestätischen Vögeln liegt ganz in der Nähe des Lechero und man kann sie mit dem Auto in ein paar Minuten erreichen. Obwohl die Straße gut ausgeschildert ist, so dass man erwarten könnte, Touristen würden leicht in den Kondorpark finden, hatte sich an diesem Tag nur ein kleines Häuflein Interessierter zu den Volieren verirrt. Der Parkplatz vor dem Eingang war leer und so hegten wir keine großen Erwartungen. Doch wieder einmal mussten wir uns belehren lassen, dass der Geschmack der Masse nie ein verlässlicher Gradmesser dafür ist, welche Orte es zu besuchen lohnt und welche nicht. Würden allein Besucherzahlen entscheiden, müsste man sämtliche Museen schließen und die Zahl der Shopping-Malls verzehnfachen.

Der Parque el Condor ist eine jener unscheinbaren Attraktionen, die ihr Geheimnis erst auf den zweiten Blick preisgeben. Wenn man die Anlage betritt, hat man zunächst den Eindruck, man befinde sich in einem botanischen Garten – überall leuchten einem Blüten in schwelgerischer Pracht aus den schön angelegten Beeten und Rabatten entgegen. Wege, die wie die alten Inkapfade mit unbehauenen Steinen gepflastert sind, führen den Besucher durch einen üppigen Paradiesgarten.

Es herrscht so wenig Besucherverkehr, dass die Pförtnerin für jeden Ankömmling einzeln aus ihrer Pförtnerloge herauskommt, das Eintrittsgeld entgegennimmt und die Gäste mahnt, die Parkordnung einzuhalten. Nachdem man das Eingangstor durchschritten hat, findet man sich in einer romantischen Idylle aus einsamen Wegfluchten und schattigem Grün. Aus dem allgegenwärtigen Blattwerk funkeln Blüten gleich seltenen Edelsteinen. Ein berückendes Panorama, eine Komposition aus dem Fels der Berge und dem Grün der Täler, umgibt den Park wie die Mauern, die einst das Paradies beschirmten. Man kann ganz in die Stille dieses Ortes eintauchen und sich an die Besinnlichkeit verlieren, die einen befällt, wenn man nur lange genug auf den einsamen Wegen wandelt. Fast immer ist man allein. Anderen Besuchern begegnet man selten.

Gleich hinter dem Eingang befindet sich ein Ausstellungsraum, der den Besucher über die Lebensgewohnheiten der Vögel, über die Arten, die man in Ecuador findet, und über Raubvögel bzw. Aasfresser im Besonderen informiert. In einer Vitrine kann man die Schwungfeder eines Kondors bestaunen: Vom Federkiel bis zur Spitze misst sie mindestens einen Meter. Wir konnten es kaum erwarten, den großen Vögeln in natura zu begegnen.

Nachdem wir eine Weile auf den labyrinthischen Wegen durch den Park spaziert waren, kamen wir an die ersten Volieren. Der Vogelpark hält ausschließlich Raubvögel oder Geier. Meist hocken die großen Vögel unbeweglich auf ihren Horsten oder krallen sich an Stangen oder Baumstämme. Von den Besuchern, die vor den Gittern vorbeiziehen und die manchmal versuchen, die Tiere durch Winken oder Zurufen aus der Reserve zu locken, nehmen sie in der Regel keine Notiz. Sicher erscheinen ihnen die Menschen als zu uninteressant, als dass sie ihre Aufmerksamkeit an sie verschwenden würden. Das Gefieder mancher der Tiere gibt ihnen so gute Deckung, dass man sie vor einem natürlichen Hintergrund kaum ausmachen kann. Es gibt ein kleines Freilufttheater, in dem Falkner Flugvorführungen veranstalten, so dass man die Vögel auch einmal in Aktion erlebt. Die nächste Vorführung sollte in drei Stunden stattfinden, doch so lange wollten wir dann doch nicht warten.

Dann standen wir vor dem Gehege der Kondore. Das Vogelhaus war ziemlich groß, aber für die gewaltigen Vögel kaum groß genug. Sie konnten von den Felsen im hinteren Teil abheben und mit Mühe ein paar Meter durch die Luft gleiten, ehe sie das Gitter auffing. Man hatte ein Pärchen zusammen in die Voliere gesperrt. Während das Männchen ununterbrochen vor seiner Partnerin balzte und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zeigte Madame ihm im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Sie war nicht im Mindesten an seinen Offerten interessiert. Wenn sie sich zu sehr bedrängt fühlte, ließ sie sich von den Felsen gleiten und landete dann auf dem Boden – so weit entfernt von ihm, wie es das enge Gehege nur zuließ.

Nur einmal sah ich das Männchen in seiner ganzen Pracht mit voll entfalteten Schwingen. Als es seiner Partnerin nachsetzte, hob es ab und landete mit ausgebreiteten Flügeln in den Gittern der Voliere. Das sind wahrhaft gewaltige Tiere. Mit ausgestreckten Schwingen wirkt so ein Kondor bedrohlich wie ein riesiger schwarzer Schatten und ein wenig ist man froh darüber, dass die Vögel sich ausschließlich an Aas nähren. Die Flügel sind wie ein Dach – ein Mensch könnte sich bequem unter eine Schwinge legen und wäre beschützt. Was für majestätische Vögel – kein Wunder, dass der Kondor im ecuadorianischen Staatswappen seinen Platz gefunden hat. Bemerkenswert ist einzig die Tatsache, dass man ihm diese Ehre zugesteht, obwohl er ein Aasfresser ist, wie man sie doch sonst nicht sonderlich schätzt.

Sitzend war das Männchen sicher so hoch wie ein fünfjähriges Kind. Mit angelegten Flügeln sah es ein bisschen so aus wie ein glatzköpfiger alter Mann in einem viel zu großen schwarzen Mantel. Doch ihre wahre Grazie zeigen die majestätischen Vögel erst in der Luft, wenn sie scheinbar schwerelos über den Andenhimmel gleiten. Leider sind sie in freier Wildbahn fast ausgestorben: In den Tälern finden sie kaum noch Aas, von dem sie sich nähren könnten, und Umweltgifte machen ihrer Brut zu schaffen. Außerdem wird ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt, denn die Bevölkerung in den Bergen nimmt zu. Immer neue Straßen führen selbst bis in die entlegensten Regionen und Menschen stören die Ruhe des einsamen Herrschers dieser kalten, schweigenden Welt.

Der Park ist keine solch spektakuläre Attraktion wie Ingapirca oder das einmalige koloniale Ensemble aus Kirchen und Klöstern in Quitos Altstadt. Doch man muss in Ecuador schon über jeden Ort der Schönheit froh sein und darf sich glücklich schätzen, dass es überhaupt Orte im Land gibt, die eigens dazu geschaffen wurden, die Sinne zu erfreuen. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre wohl keine Regierung auf die Idee gekommen, Geld für Projekte auszugeben, die keinen unmittelbaren praktischen Nutzen versprechen. Der Gedanke, einen Ort zu schaffen, an dessen Schönheit sich die einfachen Menschen erfreuen können, war den Eliten dieses Landes so fremd wie die Vorstellung, dass ihre Steuern dazu dienen könnten, öffentliche Ausgaben zu bestreiten (wenn man sich überhaupt dazu herbei ließ, Steuern zu zahlen). Wer nur wohlhabend genug war, schuf sich stattdessen sein eigenes kleines Paradies hinter den Mauern seines Anwesens. Der Gegensatz zwischen der Unansehnlichkeit der meisten Städte auf der einen und der Schönheit vieler teurer Privatresidenzen auf der anderen Seite könnte nicht größer sein.

Mitten im Park begegnet einem ein kreisrunder Platz. Der Bezirk ist mit Natursteinen gepflastert und die Himmelsrichtungen sind nach Art einer Kompassrose als schnurgerade Linien von helleren Steinen eingelegt. Der aufmerksame Beobachter findet nicht nur die Himmelsrichtungen, sondern auch die Punkte der Tagundnachtgleiche und der Sonnenwenden markiert. Im Zentrum aber steht hoch aufgerichtet wie ein Menhir ein massiver Monolith.

Obwohl dieser Platz sicher erst vor wenigen Jahren angelegt wurde, kann man sich durchaus nicht des Eindrucks erwehren, man befinde sich an einem Ort uralter heidnischer Frömmigkeit, wo bärtige Priester die Gestirne beobachten und Versammlungen heiliger Männer und Frauen die Zäsuren des Lebens verkünden. Und in dem Monolithen im Zentrum scheinen sich wie im Fokus eines kosmischen Brennglases die Schwingungen der Himmelssphären zu bündeln. An diesem Ort, der Mitte des Universums, heben sich die Sphärenklänge gegenseitig auf und wie im Auge eines Orkans herrscht vollkommene ätherische Stille. Die Schöpfer des Platzes kennzeichneten diesen Ort wie die Frommen vor Tausenden von Jahren: Sie richteten einen Monolithen auf, zum Zeichen, dass sich hier der Nabel der Welt befinde.

Nach dieser Überdosis romantischer Schwärmerei fühlte ich mich schon fast in andere Sphären entrückt. Mein kritischer Verstand war sicher stark in Mitleidenschaft gezogen, denn überraschenderweise erklärte ich mich einverstanden, an diesem Tag auch noch die Wasserfälle von Peguche zu besuchen. Ich kann nur hoffen, dass der esoterische Tieftauchversuch keine größeren Schäden an meinem rationalen Urteilsvermögen angerichtet hat. Ich glaube, nur schwere Trunksucht könnte die Synapsen noch stärker schädigen.

El Lechero

Wenn man der Panamericana von Quito aus nach Norden folgt, gelangt man in ca. neunzig Minuten nach Otavalo. Otavalo ist berühmt für seinen traditionellen Markt, der an jedem Wochenende in der Stadt abgehalten wird und auf dem man vor allem schöne Webarbeiten kaufen kann. Die meisten Touristen nutzen die Gelegenheit, um sich einen Poncho zuzulegen, denn im allgemeinen Bewusstsein gibt es kein Kleidungsstück, das typischer für die Andenregion wäre als der bunte Wollumhang (Typisch für die Küste ist der Hut aus Toquilla, der landläufig – jedoch fälschlicherweise – als Panamahut firmiert).

So ein Poncho ist wirklich ein schönes Kleidungsstück, aber ich bezweifle, dass man damit irgendwo in Europa Eindruck schinden könnte. Zwar würde man kaum Aufsehen erregen, wenn man, ausstaffiert wie ein Hochlandbewohner, in Berlin auf die Straße ginge, in einer Stadt, die an Merkwürdigkeiten jeglicher Art gewöhnt ist, aber so ganz passt man natürlich doch nicht ins Bild. Hier in Ecuador habe ich noch nie jemanden einen Poncho tragen sehen. Ich vermute, dieses traditionelle Kleidungsstück steht in der Vorstellung der meisten Menschen für Bäuerlichkeit, Rückständigkeit und Armut. In einem Land wie Ecuador mit einem so ausgeprägten Klassenbewusstsein und einem starken Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung möchte natürlich niemand für einen Campesino, einen Bauern, gehalten werden.

Wir haben uns trotzdem Ponchos gekauft, denn schließlich wird uns in Berlin kaum jemand für Landeier halten. In unserer Berliner Wohnung ist es im Winter oft unangenehm kalt und selbst wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht, wird es nie mollig warm. Mit so einem Poncho bleibt man warm, auch ohne dass man sich gleich durch exorbitante Heizkosten ruinieren müsste. Ich habe das Kleidungsstück einmal zur Probe getragen. Wenn ich den vorderen Saum über die Schulter werfe, sehe ich fast so lässig aus wie Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. Den Poncho zurückzuschlagen hat den Vorteil, dass man die Hände frei hat (im Falle Eastwoods die Schusshand). Der Poncho ist aus dicker Alpaka-Wolle gewebt und damit würde man selbst im kältesten Berliner Winter nicht frieren. Auch wenn ich mir in meinem neuen Poncho ziemlich cool vorkomme, sehe ich vielleicht doch lieber davon ab, ihn auf der Straße zu tragen.

Wir waren diesmal nicht nach Otavalo gekommen, um den Markt zu besuchen – Ponchos hatten wir ja schon –, sondern einer anderen Attraktion wegen: Wir wollten zum Lechero. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, was es damit auf sich hat. Der Lechero ist ein Baum, in der Vorstellung der Einheimischen sogar ein Wunderbaum. Welche Art Wunder der Besucher allerdings erwarten darf, bleibt ein Geheimnis. Gleichermaßen geheimnisumwittert ist, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat, denn „Leche“, von dem er offenbar abgeleitet ist, bedeutet „Milch“.

Die Geschichten, die man sich in den Tälern der Anden auch heute noch erzählt wie schon vor Jahrtausenden, sind tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner des andinen Raumes eingegraben. Traditionen reichen oft bis in eine mythische Zeit zurück. Niemand weiß, wo die Anfänge liegen – im Bewusstsein der Menschen waren die Mythen und die Geschichten, in denen von ihnen berichtet wird, schon immer da. Und auch heute noch spürt man die Macht des Numinosen und man huldigt ihr fast auf dieselbe Weise wie die Vorfahren.

Doch die Menschen haben vergessen, wie die Mächte, die sie ehren, in die Welt kamen, wo ihr Ursprung liegt und woher ihre Kraft stammt. Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, was ihr Name bedeutet, aber dennoch bezeugen sie ihnen Verehrung, ganz so, wie man die Kräfte der Natur beachten müsste, auch wenn man nicht wüsste, dass es sie gibt (ich kann freilich so tun, als gäbe es keine Gravitation, aber spätestens, wenn ich die Treppe herunterfalle, bin ich gezwungen anzuerkennen, dass Schwerkraft tatsächlich existiert). Man weiß, dass der Lechero ein besonderer Ort ist, doch Jahrhunderte brutaler Unterdrückung und christlichen Glaubenseifers haben die Menschen vergessen lassen, worin der Quell seiner Macht liegt.

Nicht weit unterhalb Otavalos liegt die Laguna San Pablo. Wenn man sich der Stadt auf der Panamericana von Süden nähert, sieht man im Osten plötzlich die Wasserfläche wie einen Spiegel aus poliertem Stahl zwischen den geschwungenen Flanken der Berge liegen. Häuser stehen am Ufer des ruhigen Sees gleich Streichholzschachteln. Wir haben die beschauliche Laguna de San Pablo schon einmal ganz umrundet – am jenseitigen Ufer gibt es nur schlechte Straßen und winzige Dörfer ohne jede touristische Infrastruktur. Wer dort ein Restaurant vermutet, von dem noch kein Reiseführer weiß, oder ein verstecktes Café, in dem er in authentischen Genüssen schwelgen kann, sucht vergeblich. Es gibt Cabañas (kleine Ferienbungalows) am Seeufer, aber die Ruhe, die man dort findet, ist wahrscheinlich so vollständig, dass man schon nach drei Tagen den Verstand verliert.

Am westlichen Ufer steht ein Restaurant, das in den See hineinwächst als würde es jeden Augenblick auf seinen Stelzen übers Wasser schreiten. An diesem Tag hatte das Lokal geöffnet und in einer Ecke des Parkplatzes drängten sich die Autos der Gäste wie Schafe, die versuchen, vor dem Hütehund Reißaus zu nehmen. Das Seeufer machte einen viel lebendigeren Eindruck als bei unserem ersten Besuch: Ausflugsboote legten von der Anlegestelle des Lokals ab und tuckerten gemächlich über den See. Touristen – alle ausnahmslos Ecuadorianer – spazierten am Ufer entlang und stellten sich für ein paar schnelle Fotos vor dem See in Position. Enten quakten aufgeregt, wenn die Boote sie vom Steg vertrieben. Die Sonne schien. Das Restaurant war gut besucht und als der Kellner mich sah, winkte er mich herein. Es war noch zu früh, um zu Mittag zu essen, und außerdem wollten wir zum Lechero.

Die Menschen haben ihr Leben in der Talniederung zwischen den Bergen eingerichtet. Wiesen und Felder liegen lieblich in der Sonne und der Flickenteppich menschlicher Tätigkeit strebt die Hänge hinauf, als wollte er selbst noch die Gipfel erobern. Der Landbau hört erst dort auf, wo das Terrain so steil ist, dass man selbst zu Fuß kaum noch vorwärtskäme.

Ein Feldweg windet sich durch die bestellte Flur und führt dann um einen Berg herum, dessen Kuppe sanft wie ein Hügelgrab gewölbt ist. Wir ließen den Wagen kurz hinter der Abzweigung stehen, die den Berg an seiner Flanke umläuft, denn die Straße war an dieser Stelle so schmal, dass es unmöglich war zu wenden, ohne den Hang hinunterzurollen. Das restliche Stück gingen wir zu Fuß.

Auf der flachen Kuppe wächst Rasen und ein lichter Hain bildet Spalier um den Gipfel gleich einer dünnen Tonsur. Die Wölbung des Berges ist so flach und ebenmäßig, dass man den Eindruck hat, man spaziere über eine Rasenkugel von den Dimensionen einer Welt wie im „Kleinen Prinzen“. Und dann hatten wir den Hügel fast erklommen und wir sahen den Lechero, der hinter dem gekrümmten Horizont der Bergkuppe wie eine Verheißung emporwuchs.

Atemlos vom Aufstieg verharrten wir am Gipfel. Auf der Spitze steht der Lechero, solitär und unangefochten wie ein lebendiges Kultbild. Ich könnte behaupten, dies wäre nur ein gewöhnlicher Hügel mit einem alten, knorrigen Baum darauf, und doch drängt sich einem der Eindruck auf, man befinde sich an einem sakralen Ort. Tatsächlich glaubt man so etwas wie eine Magie zu spüren oder die Aura des Genius loci.

Vielleicht zogen einst Prozessionen zu dieser Weihestätte, um den numinosen Mächten Verehrung zu erweisen und vielleicht auch, um ihnen Opfer darzubringen. Wurde einst Blut vergossen, um die geheimnisvollen Mächte dieses Ortes gnädig zu stimmen? Ich glaube nicht, aber meine Phantasie malt mir eine kultische Massenorgie mit Strömen von Blut aus. Der Lechero aber steht still und friedlich auf seinem Hügel und schweigt. Niemand wird das Geheimnis je lüften (Ich glaube, ich habe mir die Indiana-Jones-Reihe viel zu oft angeschaut).

Der Blick reicht weit: Felder und Weiden erstrecken sich bis in den letzten Winkel dieses Stücks Schöpfung und sinken dann hinter den Horizont. Die Welt liegt vor einem wie ein Schachbrett und mit der Hybris, die dieser euphorische Augenblick heraufbeschwört, ist es möglich zu glauben, wie die alten Götter könnte man jeden Zug der Menschen sehen, die winzig wie Mikroben in den Tälern wimmeln.

Im Vergleich zu den Bergen ringsherum ist der Berg, auf dem der Lechero steht, winzig. Man könnte ihn fast für einen Hügel halten, und dennoch scheint es, man blicke vom Gipfel eines Weltberges auf die Erde herab. Ströme kosmischer Energien kreuzen sich in den Wurzeln des Baumes und konzentrierten sich in den Säften unter der zernarbten Rinde. Wenn man die Hand auf die rissige Borke legt, fühlt man etwas auf sich übergehen, als würde man von einem leibhaftigen Heiligen berührt.

Besorgte Denkmalschützer haben die Kuppe des Hügels weiträumig mit einem Zaun abgesperrt, doch in guter alter anarchistischer Tradition hat man die Zaunpfähle einfach umgeworfen. Das Bedürfnis, den Baum anzufassen, ist so stark, dass man sich auch durch Zäune nicht davon abbringen lässt. Wahrscheinlich sind es archaische Traditionen, welche die Menschen glauben lassen, dass die Kraft des Lechero auf einen übergehe, wenn man ihn berührt. Freilich habe auch ich meine Hand auf den Stamm gelegt. Man kann noch so viele vernünftige Gründe dagegen anführen – selbst als durch und durch rationaler Mensch fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Es scheint, manch einer hat der wundersamen Kraftübertragung ein wenig nachgeholfen, indem er seine Initialen in die Rinde schnitzte.

Wir fragten Leute, welche Bewandtnis es mit dem Lechero habe, doch kein einziger konnte uns irgendetwas Nützliches dazu sagen, obwohl doch alle in der Gegend zu wohnen schienen. Einige machten Picknick auf der Wiese unterhalb des Baumes und gerade fand eine Rotkreuz-Übung mit hundert Teilnehmern statt. Warum man sich ausgerechnet diesen Ort dazu ausgesucht hatte, bleibt rätselhaft. Vielleicht hoffte man auf die reanimierende Wirkung, die von den Energiefeldern des Wunderbaumes ausgeht. Die Leute pflegen einen völlig ungezwungenen Umgang mit heiligen Orten und alten Traditionen. Für die meisten sind sie genauso Teil des Lebens wie die trivialsten Dinge des Alltags. Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, wären sie plötzlich verschwunden, würde man sie nicht sonderlich vermissen.