An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

Gipfel, Gletscher und Gefahren

Wenn man „Vulkan“ hört, gaukelt einem die Einbildungskraft vor, man hätte es mit einem feuerspeienden Bergriesen irgendwo im unzugänglichen Urwald oder auf einer Insel in den entferntesten Regionen des Ozeans zu tun. Doch dieser Berg liegt in Sichtweite der vielbefahrenen Panamericana und Straßen führen direkt bis an seinen Fuß. Und wenn man will, und wenn nicht gerade Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen ist, kann man der Straße auch noch ein ganzes Stück weit bergauf folgen, bis auf 4.600 Meter. Nur zweihundert Meter höher, knapp unterhalb der schroffen Eiszungen des Gipfelgletschers, liegt die alpine Schutzhütte „José Rivas“ wie ein roter Ziegelstein auf der schwarzen Felsflanke des Vulkans.

Doch an diesem Tag war die Straße, die zum Gletscher hinaufführt, leider gesperrt. Ein junger Parkranger bewachte den Abzweig, denn die Unvernunft ist in diesem Land so allgemein, dass man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen muss, einige der Parkbesucher würden die Schranke, die den Weg sperrte, geradezu als Aufforderung verstehen. Der Vulkan könne jederzeit ausbrechen, meinte der Parkranger, und wenn man sich zufällig dort oben aufhalte, sei man verloren. Wir überredeten ihn, ein Bild von uns zu machen, mit dem Vulkan im Hintergrund. Er schien nicht unglücklich über die Abwechslung, denn den ganzen Tag allein in der Landschaft herumzustehen und Posten zu schieben, um uneinsichtigen Möchtegern-Abenteurern die nur allzu offensichtlichen Gründe auseinanderzusetzen, warum sie nicht zur Schutzhütte hinauffahren dürften, gehört vielleicht nicht zu den Dingen, von denen man als Berufsanfänger immer geträumt hat.

Der Cotopaxi gilt unter Geologen als typischer Stratovulkan, also als Schichtvulkan, bei dem jeder neue Ausbruch eine weitere Decke Asche, Geröll und Lava über die Ablagerungen älterer Ausbrüche legt. Der Berg wird so mit jeder Eruption immer größer und seine regelmäßige Kegelform ist der Tatsache zu verdanken, dass Auswurfmaterial gleichmäßig auf die Hänge verteilt wird. Nach allgemeiner Vorstellung ist der Cotopaxi so etwas wie der Prototyp eines Vulkans und wenn man Kinder einen Feuerberg malen ließe, sähe das Ergebnis wahrscheinlich aus wie der Cotopaxi.

Der Vulkan erhebt sich fast unvermittelt aus der flachen Ebene, wodurch er noch viel beeindruckender wirkt als er ohnehin schon ist. Er hat keine Rivalen, mit denen er sich den Himmel teilen müsste, und so weit das Auge reicht, ist er der solitäre Herrscher dieser kalten stillen Welt. Seine Flanken steigen steil, aber fast gerade an und seine massive Silhouette verjüngt sich kegelförmig zur Spitze hin. Firnfelder und Gletscher krönen den Gipfel – ein wahrhaft majestätischer Anblick.

Und da standen wir also vor dem gewaltigen Vulkankegel und sahen – so gut wie nichts. Der Parkranger, der an der Kreuzung Wache hielt, erklärte uns, dass der Bergriese sich fast immer in Wolken hülle, die meiste Zeit des Jahres. Nur sehr selten klare es einmal auf und nur dann könne man den schneebedeckten Gipfel in seiner ganzen Pracht bewundern. Die Postkarten mit einem Cotopaxi vor strahlend blauem Himmel, die der Tourist gerne kauft, um sie in alle Welt zu versenden als Beweis, dass er tatsächlich den „gefahrvollen“ Aufstieg zum Vulkan gewagt hat, sind in diesen seltenen Augenblicken entstanden. Wahrscheinlich musste der Fotograf viele Tage warten, ehe ihm die Aufnahme glückte.

Parque Nacional Cotopaxi

Als wir in den USA lebten, haben wir einmal einen Naturpark besucht, das Wichita Mountains Wildlife Refuge im Süden von Oklahoma. Großartig an den US-Naturparks ist, dass es gut ausgebaute Straßen gibt, auf denen man den Park bequem mit dem Auto durchqueren kann. Die Idee dahinter ist, dass es auch den einfachen, hart arbeitenden Menschen – und nicht nur einer Handvoll Privilegierter oder einigen elitären Abenteurern – möglich sein soll, einen Einblick in die Vielfalt der Natur zu gewinnen und ihre Schönheit zu genießen. Die amerikanische Kultur betet die Mobilität an und das Auto ist fast schon Gegenstand der Verehrung. Da würde es verwundern, wenn es in diesem Land auch nur einen Ort gäbe, den man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen könnte, ganz gleich, wo auch immer sich dieser Ort befinden mag. Und so rollt man gemächlich durch die unberührten Weiten der Prärie und sieht den Bisons vom Auto aus dabei zu, wie sie friedlich grasen.

Die Gegend rund um den Cotopaxi ist mit Straßen so gut ausgebaut wie nur irgendein Naturpark in den USA. Weite Abschnitte sind sogar asphaltiert und lediglich direkt unterhalb des Vulkans und am Nordausgang muss man mit einer Schotterpiste vorliebnehmen, die umso holpriger wird je weiter man nach Norden kommt. Aber das Straßenbett ist immer noch gut genug, um auch Fahrzeugen, die nicht über Allradantrieb verfügen, eine leidlich sichere Fahrt zu ermöglichen.

Im Cotopaxi-Nationalpark findet man keine Bisons, sondern Wildpferde. Sie sind die Nachkommen der von den Spaniern eingeführten Andalusier. Sie dienten den Eroberern auf ihren Kriegszügen gegen die Azteken und gegen das Inka-Reich und oft erwiesen sich die Tiere in der Schlacht als kriegsentscheidende Waffe. Einigen gelang die Flucht in die Freiheit und auf den weiten Grasebenen unterhalb des Vulkans fanden sie offenbar so gute Lebensbedingungen vor, dass sie prächtig gediehen und sich vermehrten. Die Tiere zeigen keine Scheu vor dem Menschen. Wenn man sich ihnen nähert, beobachten sie einen nur aufmerksam, aber sie laufen nicht davon.

Wir näherten uns dem majestätischen Stratovulkan auf der Südroute. Es ging vorbei an tiefen Erdspalten und Klüften – ohne Zweifel Zeugnisse nicht weit zurückliegender tektonischer Aktivität. Viele der Hänge und Böschungen am Eingang des Parks sind zum Schutz gegen die Bodenerosion mit Pinien bepflanzt worden. In dem trüben Licht aus tiefhängenden Wolken, die an diesem Tag den Himmel verdunkelten, wirkten die Wälder fast schwarz. Leider hat man die Bäume viel zu dicht gesetzt, so dass das Unterholz in dem kühlen, feuchten Klima leicht zu faulen beginnt. An den Flanken der Berge sind die Bäume zudem oft starken Winden ausgesetzt und Windbruch kommt häufig vor. Die Stämme bleiben in dem dichten Bewuchs einfach liegen und verrotten mit der Zeit.

Wir rollten gemächlich auf der Straße dahin, die uns in sicherem Abstand an Klüften und Spalten vorbeiführte. Die geologischen Spuren wirkten wie Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Einige Wagen fuhren vor uns und vielleicht gab es auch ein paar Autos hinter uns, doch sie verloren sich in der Weite der Landschaft. Es waren an diesem Tag nur wenige Touristen im Park unterwegs. Einigen der Besucher ging es dann aber doch nicht schnell genug und sie überholten die langsam vor ihnen rollende Kolonne, als wäre dies ein Rennen und als gelte es, die Ziellinie am Vulkan unter allen Umständen als erste zu überqueren.

Wir hatten es nicht eilig. Wir hielten ein paarmal und machten Fotos – ich glaube nicht, dass wir noch einmal Gelegenheit haben werden, den Vulkan zu besuchen. Die Parkregeln verbieten es, die ausgeschilderten Wege zu verlassen. Das Ökosystem rund um den Berg reagiert sehr empfindlich auf Eingriffe des Menschen und angesichts des kalten Klimas braucht eine Regeneration viel Zeit. Aber man darf halten und den Wagen verlassen, um Fotos zu schießen. Bären, wie im Yellowstone, gibt es natürlich nicht und deshalb muss man auch nicht fürchten, zur „Mahlzeit auf Rädern“ zu werden.

Der Puma, von dem noch immer einige Exemplare durch die menschenleeren Ebenen rund um den Vulkan streifen sollen, ist eher scheu und man müsste schon unglaublich viel Glück haben, um eines der Tiere je zu Gesicht zu bekommen. Allerdings sollte man immer ein Auge auf die Straße haben, denn mancher Parkbesucher scheint es gar nicht abwarten zu können, endlich sein Ziel zu erreichen: Schon von Weitem sieht man die Staubfahne, die sein geländegängiger Wagen aufwirbelt, wenn er ihn mit hoher Drehzahl über die Schotterpiste treibt.

Freundliche Parkranger

Wir folgten der Panamericana einige Kilometer weiter nach Süden und die Ausschilderung ließ tatsächlich nichts zu wünschen übrig. Wir fanden die Zufahrt zum Cotopaxi-Nationalpark ohne Probleme und nach kurzer Fahrt auf der schön asphaltierten Straße gelangten wir zum Eingangstor. Der ecuadorianische Staat hat seine Naturparks in den letzten Jahren nach US-Vorbild erschlossen und unter Verwaltung genommen. Das imposante Eingangsportal macht jedem Besucher klar, dass er im Begriff steht, eine Grenze zu überschreiten. Wenn man sich dann dem Tor nähert und schließlich hindurchfährt, befällt einen freudige Erregung wie sonst nur im Kino, wenn die Lichter ausgehen und der Film beginnt.

Ausnahmslos jeder, der den Park zu betreten wünscht, muss sich zunächst registrieren lassen. Selbst die Pässe werden eingesehen und das Prozedere erinnert ein wenig an die Abfertigung an einer streng bewachten internationalen Grenze. Der Besucherverkehr war an diesem Tag nicht besonders stark und der große Parkplatz vor dem Eingangstor lag größtenteils verwaist. Die Mehrheit der Besucher schienen Ecuadorianer zu sein. Gringos oder zumindest Menschen, die so aussahen, als wären sie welche (was auf mich zutrifft), sah man nicht. Eigentlich schien ich weit und breit der einzige Nicht-Ecuadorianer zu sein und deshalb fiel ich dem Bodenpersonal der Parkverwaltung natürlich sofort auf. So ist es auch nicht verwunderlich, dass mich der erste Parkranger ansprach, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen war.

Während meine Frau uns für den Besuch anmeldete und die Tickets kaufte, unterhielt ich mich mit dem Mann. Wir stellten einander vor. Er sagte, er heiße Giovanni und sei Parkranger. Mich verwunderte ein wenig, dass man uns so leutselig begrüßte, denn eine solche Umgänglichkeit geht den Leuten aus der Sierra meist ganz ab. Man ist eher verschlossen und oft auch ein wenig reserviert, insbesondere gegenüber Fremden. Hier nun hatte man aber jemanden als eine Art Conferencier angestellt, dem es sichtlich Spaß machte, die Gäste des Parks zu begrüßen, zu informieren und mit ihnen zu plaudern. Wenn man so begrüßt wird, fühlt man sich wirklich willkommen.

Ich fragte Giovanni, ob es denn seine hauptsächliche Beschäftigung sei, Gäste zu begrüßen. Eigentlich schon, meinte er, und er fügte hinzu, dass er seinen Job leidenschaftlich liebe. Doch oft hätte er auch im Park selbst zu tun und Gäste zu empfangen, sei zwar ein wichtiger und auch ein sehr angenehmer Teil seiner Arbeit, aber eben nur ein Teil. Ich bemerkte, er hätte es kaum besser treffen können: Immer sei er in der Natur und zumeist hätte er es mit gutgelaunten Menschen zu tun. Er pflichtete mir ohne Einschränkung bei. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von uns beiden haben könnte. Por supuesto – selbstverständlich! Und so kam die Aufnahme in die Galerie – ich mit Parkranger Giovanni.

Neben dem Eingangstor liegt das Gebäude der Parkverwaltung; man findet dort auch das Besucherzentrum, den unvermeidlichen Souvenirshop und ein Café. In einer Auslage des Cafés entdeckten wir rein zufällig, wonach wir schon so lange gesucht hatten: Coca-Blätter. Zwar nutzen die Einheimischen Coca seit jeher, um die Auswirkungen der Höhenkrankheit zu lindern, aber dennoch ist es ein Rätsel, warum man Coca-Blätter nirgendwo kaufen kann. Hier nun wurden wir fündig und wir kauften zwei kleine Päckchen mit getrockneten Blättern für Tee und eine Salbe. Wem die Höhe zu schaffen macht und wer sich schon hier, am Eingang des Parks, ein wenig flau fühlt, kann sich auch gleich im Café seinen Coca-Tee zur Stärkung bestellen. Im Besucherzentrum des Parks hat der Reisende zudem zum letzten Mal Gelegenheit, eine zivilisierte Toilette aufzusuchen. Die Tour durch den Park dauert mehrere Stunden und man ist gut beraten, das sanitäre Angebot zu nutzen.

Auf Umwegen zum Cotopaxi

Es gibt zwei Eingänge zum Cotopaxi-Nationalpark: einen im Süden, den anderen im Norden. Der südliche Einlass ist, obwohl weiter von Quito entfernt, mit dem Auto sehr viel leichter zu erreichen als der nördliche und die weitaus meisten Besucher entscheiden sich daher für den Südeingang. Man reist bequem auf der Panamericana und hinter Machachi, der nächstgrößeren Stadt südlich von Quito, aber noch vor Latacunga, nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt. Die Straßen sind hervorragend ausgebaut und eigentlich muss man sich auch keine Sorgen machen, dass man sich verfährt, denn der Cotopaxi ist so etwas wie die bekannteste touristische Ikone in diesem an landschaftlichen Höhepunkten keineswegs armen Land.

Man würde denken, dass bei der Anreise von Quito aus nichts schiefgehen könnte, denn die Route, auf der man sich dem Berg nähert, ist hervorragend ausgebaut und – wie wir bald feststellen sollten – auch gut ausgeschildert. Doch wir trauten der Sache nicht so richtig und ich hatte die nicht ganz unbegründete Befürchtung, man müsse die Zufahrt zum Park erst mühsam in der Landschaft suchen. Wir waren überzeugt, nach guter alter Landessitte hätte man wieder einmal vorausgesetzt, dass ein jeder intuitiv wüsste, wie er zum Berg gelangt, und daher wäre es auch ganz unnötig, Wegweiser aufzustellen. In Ecuador macht man des Öfteren die Erfahrung, dass man wichtige touristische Orte erst findet, nachdem man zehn Leute auf der Straße nach dem Weg gefragt hat. Nicht selten fangen die Schwierigkeiten aber dann erst an, denn es kommt vor, dass sich die Antwort der einen Hälfte der Gefragten nicht mit jener der andere Hälfte deckt.

Hinter Machachi nahmen wir eine Ausfahrt, von der wir überzeugt waren, dass sie uns direkt zum Eingang des Parks führen würde. Wir fuhren zehn Minuten auf dem gewundenen Asphaltstreifen durch die Wildnis. Eigentlich hätte uns stutzig machen müssen, dass wir niemanden sonst begegneten. Dass der Abzweig nicht ausgeschildert war, erschien uns hingegen nicht als ein ungünstiges Zeichen – wir gingen davon aus, dass man wieder einmal auf die überflüssigen Wegweiser verzichtet hätte. Irgendwann aber war die Straße einfach zu Ende und wir standen vor einem Maschendrahtzaun und einem Tor. Als handelte es sich um einen versteckten Außenposten des SETI-Programms, reckte sich hinter dem Zaun eine gewaltige Antennenschüssel in den Himmel.

Ein Wächter kam gemächlich aus seinem Postenhaus spaziert und ein kleiner Hund bellte aufgeregt. Meine Frau erklärte dem Mann, dass wir den Eingang zum Cotopaxi-Nationalpark suchten und dass wir uns wohl verfahren hätten. Der Mann schaute etwas amüsiert, denn dass dies nicht der richtige Weg war, leuchtete natürlich ein. Er meinte, die Ausfahrt finde sich ein Stück weiter die Panamericana runter. Aber eigentlich könne man sie nicht übersehen, denn der Weg sei ausgeschildert. Uns begann allmählich zu dämmern, dass wir das ecuadorianische Planungstalent grob unterschätzt hatten – Ausschilderungen und dazu noch flächendeckend, das war etwas revolutionär Neues.

Wozu die enorme Satellitenschüssel von den Ausmaßen einer Kirchenkuppel, zu der uns der Zufall verschlagen hatte, eigentlich dient, vergaßen wir leider zu erfragen. Dass es sich um eine wichtige militärische Anlage handelt, etwa zur Satellitenverfolgung oder zum Abhören der elektronischen Kommunikation, kann man natürlich nicht ausschließen, aber man muss sich fragen, wie ein einzelner Wächter und sein kleiner Hund einen Trupp zu allem entschlossener Pazifisten abwehren sollte?

Der Hals des Mondes

Mit seinen fast 5.900 Metern ist der Cotopaxi nach dem Chimborazo der zweithöchste Berg Ecuadors und dazu noch einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Cotopaxi bedeutet auf Quechua „Hals des Mondes“ und wenn man den Berg bei Vollmond aus einer bestimmten Richtung sieht, wirkt er wie der Hals unter dem bleichen Antlitz des Erdtrabanten. Als wir den majestätischen Vulkankegel vor einigen Wochen besuchten, war Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen worden und sämtliche alpinistischen Aktivitäten mussten eingestellt werden – nicht dass wir vorgehabt hätten, den Gipfel zu erstürmen.

Der Berg selbst und der Nationalpark, in dessen Zentrum er wie sein Herrscher thront, befinden sich nicht einmal eine Autostunde südlich von Quito. Die gute Erreichbarkeit mag einer der Gründe sein, warum der Cotopaxi so oft wie kaum ein anderer Berg in Südamerika bestiegen wird – Alpinisten müssen nicht erst eine lange, beschwerliche Anreise in Kauf nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Vom Hotel aus fährt man mit dem Auto direkt bis zum Fuß des Berges, lädt die Ausrüstung aus und schon kann das Abenteuer beginnen.

Unser Aufstieg endete da, wo das Abenteuer des ambitionierten Bergtouristen gerade erst beginnt, nämlich am Fuße des Vulkans. Natürlich konnte unsere Tour nicht mit dem Schwierigkeitsgrad einer alpinistischen Unternehmung wie der Besteigung eines Vulkans mithalten, aber dafür führte unser Weg auch nicht ausschließlich über Felsklippen, Geröllfelder und Gletscherspalten. Kein geringerer als Humboldt sollte unser Reisegefährte sein und der Weg, dem wir folgten, trägt noch heute den Namen des berühmten Naturforschers und Humanisten: „Humboldtsche Straße der Vulkane“. Was für ein stolzer Name!

In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.

Auf der Panamericana

Von Ingapirca ging es zurück nach Quito. Es war bereits Nachmittag und uns wurde klar, dass wir die Hauptstadt nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Nachts in den Anden unterwegs zu sein, ist wahrlich kein Vergnügen, zumal, wenn man schon mehrere Stunden hinter dem Lenkrad verbracht hat. Doch es sollte noch besser kommen und manchmal bin ich nahe daran zu glauben, Murphys Gesetz gehört wie das Newtonsche Gravitationsgesetz, das Plancksche Wirkungsquantum oder die Zahl Pi zu jenen unabänderlichen Größen, die seit dem Beginn der Zeit eingewebt sind in den Stoff, aus dem der Kosmos gemacht ist. Es scheint, es musste alles so kommen, wie es nun einmal gekommen ist.

Nicht lange nachdem wir Ingapirca verlassen hatten, gerieten wir in einen Stau. Es war nicht zu erkennen, was ihn verursacht hatte und angesichts der Witterungsbedingungen wäre vieles denkbar gewesen: ein Erdrutsch, ein entwurzelter Baum, eine Überschwemmung, ein unterspülter Abschnitt der Straße. Während wir geduldig darauf warteten, dass sich der Stau auflöste, wurde uns wieder einmal ein Beweis geboten für die unschlagbare Fähigkeit der Ecuadorianer zur Improvisation und dafür, jede noch so kleine Chance wahrzunehmen, wenn es darum geht, ein Einkommen zu erzielen, unabhängig davon, wann und wo auch immer sich die Gelegenheit dazu bieten mag: Wir hatten uns gerade hinter das letzte Auto der Kolonne eingereiht, als auch schon der erste Händler auftauchte.

Es ist ein Phänomen, das seit jeher einer schlüssigen Erklärung harrt, aber wann immer sich an irgendeinem Abschnitt der Autopista ein Stau bildet, sind fliegende Händler zur Stelle, um die Reisenden mit Snacks, Getränken oder Eis zu versorgen. Dabei spielt es gar keine Rolle, wo der Stau auftritt – ob mitten in der Stadt oder irgendwo in den Anden an einem menschenleeren Abschnitt der Panamericana. Wenn mehr als drei Autos länger als ein paar Minuten auf einem Fleck stehen, kann man sicher sein, dass ein Händler nicht weit ist.

Das hat etwas von einem Mysterium, denn die Leute können unmöglich so schnell erfahren haben, wo der Verkehr stockt. Ich frage mich auch, wo sie eigentlich wohnen. Das gebirgige Terrain beiderseits der Straße wirkte wie ausgestorben. Nirgends sah man Häuser, geschweige denn Geschäfte oder einen Markt, doch die Händler waren zu Fuß unterwegs und es bleibt wahrscheinlich auf ewig ein Rätsel, wie sie zielsicher und vor allem so schnell die eine Stelle finden konnten, an der sich ihnen Möglichkeiten für ihr Business eröffneten.

Meine Frau kaufte Chifles, also Chips aus Kochbananen, und sie fragte den Händler bei dieser Gelegenheit, ob er wüsste, was den Stau ausgelöst hatte. Ein Lkw sei verunglückt, meinte er so gleichgültig, als erlebe er Ähnliches jeden Tag. Es hätte in den letzten Jahren immer wieder Unfälle auf diesem Abschnitt der Panamericana gegeben. Vor gar nicht langer Zeit sei ein Lastwagen von der Brücke gefallen, die ein Stück weiter die Straße hinunter den Fluss überspanne. Die Straße sei gefährlich, aber die Leute fahren wie die Verrückten.

Als sich der Stau dann nach einer Stunde auflöste, hatten wir Gelegenheit, die Unfallstelle näher zu betrachten: Ein großer Laster war von der regennassen Straße abgekommen, auf die Gegenfahrbahn geraten und hatte sich schließlich in die Böschung gefräst. Die Unfallstelle war in das rot-blaue Blitzlichtgewitter der Polizei getaucht. Ob der Fahrer verletzt war, konnte man nicht erkennen, aber die Fahrerkabine war noch intakt und so konnte man das Beste für ihn hoffen. Es hatte lange gedauert, bis es der Polizei und den Einsatzkräften gelang, die Unfallstelle zu räumen, doch nun war die Straße wieder frei und wir konnten die Reise fortsetzen.

Kurz vor Riobamba ließ uns das Navi im Stich – endgültig und unwiderruflich. Das launische Gerät hatte uns schon vorher hin und wieder auf Routen geschickt, die nur ihm bekannt zu sein schienen, von denen aber die altmodische Karte nichts wusste. Jetzt aber wollte uns die Maschine nicht einmal mehr in die Irre führen: Die App hatte den Betrieb eingestellt und außer einer nervigen Mitteilung, die den konsternierten Fahrer großspurig darüber in Kenntnis setzte, dass das Programm gerade geladen werde, erfuhr man nichts. Es sollte auch später nichts mehr passieren. Das Navi war tot.

Als wäre das Gerät von einem tödlichen Virus befallen, stellte das Radio nach und nach seine Funktionen ein. Am Ende machte der Computer nicht einmal mehr den Versuch hochzufahren. Man sah nur noch das Herstellerlogo und es war fast wie der Nachruf auf einen Toten – Exitus. Die Techniker unseres Vertragshändlers versuchten eine Stunde lang, die komatöse Maschine zu reanimieren, doch ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als das Radio auszubauen und an den Hersteller zu schicken. Das war vor einigen Wochen und wahrscheinlich werden wir auf die Auferstehung noch bis zum Jüngsten Tag warten müssen.

Man könnte einwenden, wozu braucht es auf der Panamericana ein Navi, da man doch immer nur geradeaus fahren muss. Das mag der Fall sein, solange es einen nicht in eine größere Stadt verschlägt. Denn zwar ist die Panamericana recht gut ausgebaut und man kommt daher in der Regel zügig voran, doch da es nur selten Umgehungsstraßen gibt, verliert sich die Autopista in den größeren Städten schnell im dichten Verkehr.

Nach mehreren Stunden anstrengender Autobahnfahrt ist eine solche Verzögerung mehr als bloß lästig und man verflucht die Verkehrsplaner, die zwar ein schönes Stück Autobahn in die Landschaft gesetzt haben, aber die Umgehungsstraßen vergaßen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausschilderung im besten Falle äußerst spärlich ist; meist sucht man Wegweiser ganz vergeblich. Und so fährt man größtenteils blind – wenn das Navi ausgefallen ist und wenn man zufällig keine Straßenkarte der Stadt zur Hand hat.

Das Schicksal ereilte uns zum ersten Mal in Riobamba. Nachdem wir dreimal abgebogen waren, hatten wir uns so hoffnungslos verirrt, dass wir fragen mussten, um aus dem fremden Straßen-Labyrinth wieder herauszufinden. Wir mussten sogar mehrmals fragen, denn dass man Straßen der leichteren Orientierung wegen ausschildern kann, davon scheint man noch nie gehört zu haben. Einmal glaubten wir schon, wieder auf dem richtigen Weg zu sein, als meine Frau die glorreiche Idee hatte, zum wiederholten Male die ecuadorianische Methode auszuprobieren und wieder einmal jemanden zu fragen, einfach zur Sicherheit.

Das war leichter gesagt als getan, denn die Gegend wirkte schon auf den ersten Blick wie der Alptraum jedes Reisenden – die Straßen lagen einsam in der Dunkelheit und das Viertel beiderseits der Bürgersteige zählte augenscheinlich nicht gerade zu den Renommieradressen der Stadt. Hier zu halten, war wirklich nicht die beste Idee, aber dazu hätte man überhaupt erst einmal jemanden finden müssen, den man fragen könnte.

Schließlich kamen wir doch an einem nächtlichen Spaziergänger vorbei. Die Straße war nur schummrig beleuchtet und hinter jeder Ecke hätte jemand stehen können, der es nicht unbedingt darauf abgesehen hat, verirrten Reisenden mit einem Rat hilfreich zur Seite zu stehen. Ich wunderte mich, was der junge Mann hier mutterseelenallein zu schaffen hatte, zu dieser Stunde. Meine Frau fragte ihn, ob die Straße zur Panamericana führt. Wir waren fast sicher, dass dies der Fall wäre, aber der Mann machte ein sehr besorgtes Gesicht und meinte, wir sollten unbedingt umdrehen. Wenn wir der Straße folgten, kämen wir in ein wirklich schlimmes Viertel und dort wolle man Nachts auf keinen Fall sein. Wir glaubten ihm aufs Wort und fuhren zurück.

Nach über zehn Stunden Fahrt hatte mich die Erschöpfung dann doch überwältigt und ich musste erst einmal eine Pause einlegen, um meine müden Augen zu entspannen und meine Nerven zu beruhigen. Irgendwo in der Stadt fanden wir ein gut besuchtes KFC-Restaurant und ich hoffte auf einen starken Kaffee, aber aus einem Grund, der mir wahrscheinlich auf ewig verschlossen bleiben wird, wurde hier kein Kaffee verkauft, obwohl es doch sonst in jeder Filiale der Fastfood-Kette Kaffee gibt, und zwar zu jeder Tageszeit. Ich nahm stattdessen einen Eisbecher, denn ich hoffte, dass der Zucker eine ähnliche Wirkung hätte wie das Koffein.

Während ich in aller Ruhe mein Eis genoss, konnte ich den Leuten dabei zusehen, wie sie an der Theke die fettigen Kalorienbomben orderten, für die der Colonel berühmt ist. Angesichts der Größe der Portionen muss man davon ausgehen, dass die zumeist übergewichtigen Konsumenten für die Bucket-Challenge trainierten.

Nach anderthalb Stunden erzwungenen Zwischenaufenthalts ging es endlich weiter. Ich hatte mich leidlich erholt und ich hoffte, dass der restliche Teil der Strecke mit weniger Herausforderungen aufwarten würde, als der Teil, der bereits hinter uns lag, doch kaum hatten wir das verregnete Ambato erreicht, da wiederholte sich die Geschichte: Unser Navi war ausgefallen und es gab nicht einen Wegweiser, der uns einen Anhaltspunkt geben konnte, wo die Panamericana zu finden sei.

Wir fragten einen Taxifahrer, der sein Auto zufällig am Straßenrand geparkt hatte, und der Mann schickte uns in eine Straße, die so verlassen wirkte, dass es leicht möglich gewesen wäre, die Autos, die am Tag auf ihr entlangfuhren, an einer Hand abzählen. Doch der Taxifahrer kannte sich natürlich bestens aus und so gelangten wir schließlich zu einer Brücke, welche die Schlucht überspannt, die Ambato in zwei Hälfen teilt. Wir fuhren hinüber und auf der anderen Seite fanden wir relativ problemlos zurück auf die Panamericana. Eine halbe Stunde hatte das Intermezzo in Ambato dennoch gedauert.

Es ging weiter auf der Panamericana. Seit dem frühen Vormittag hatte es fast ohne Unterbrechung geregnet und auch in der Nacht blieb uns der strömende Regen erhalten. Bei Dunkelheit durch die Anden zu fahren, ist leider überhaupt kein Vergnügen und wenn noch Regen und schlechte Sicht dazukommen, ist man als Autofahrer jede Sekunde zu einhundert Prozent gefordert. Und wieder einmal konnten wir uns davon überzeugen, dass so manche unschöne Landestradition wohl niemals aussterben wird: Wenn man in Ecuador mit dem Auto unterwegs ist und man plötzlich ein wichtiges Anliegen hat, ist es üblich, einfach am Straßenrand zu halten. Natürlich trägt der verantwortungsvolle Autofahrer für seine und für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer Sorge und deshalb schaltet er immer die Warnblinklichter ein.

Die Signallichter, die doch eigentlich nur für seltene Notfälle reserviert sein sollten, werden bei so ziemlich jeder Gelegenheit genutzt und man bedient sich ihrer viel öfter als etwa der Fahrtrichtungsanzeiger – im Grunde könnte man die Autos in Ecuador ohne Blinklichter an die Kunden ausliefern, denn niemand braucht sie. Man scheint zu glauben, jedermann würde instinktiv wissen, was man beabsichtigt und deshalb sei es auch ganz unnötig, ein Vorhaben, wie etwa eine Richtungsänderung, durch Blinken anzuzeigen.

Das Warnblinklicht wird aber sehr häufig genutzt und zwar für fast alles, was einem auf der Straße so passieren kann: etwa wenn man ein dringendes Telefonat zu führen hat (um die anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu behindern, rollt man manchmal im Schritttempo auf dem Standsteifen entlang, während man telefoniert), wenn man seine Notdurft am Wegesrand verrichtet oder wenn man sich die Beine vertritt.

Häufig kann man beobachten, dass die Leute einfach anhalten, wenn sie sich an irgendeinem Stand etwas zu Essen kaufen möchten. Das Auto wird derweil mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Warnblinklicht auf dem rechten Fahrstreifen geparkt. Wenn man nachts bei Regen und schlechter Sicht, dazu nach fast zwölf Stunden strapaziöser Fahrt Blinklichter am Straßenrand sieht, kann es vorkommen, dass man, magisch angezogen wie die Motte vom Licht, auf die Blinksignale zuhält als wäre man in Trance. Man ist gut beraten, die rechte Spur grundsätzlich zu meiden. Ohnehin wird man alle paar hundert Meter durch Leute, die irgendein wichtiges Geschäft zu erledigen haben, zum Ausweichen gezwungen.

Die Panamerica ist in Ecuador in der Regel gut ausgebaut und nirgends erwarten den Reisenden größere Schwierigkeiten, doch erst kurz vor Latacunga, der letzten größeren Stadt vor Quito, wird die schlichte Autopista zum Luxus-Highway: Der Asphalt ist so neu und glatt, dass der Wagen förmlich darüber zu schweben scheint. Die dreispurige Trasse wird durch ein Spalier von Bogenlampen großzügig erleuchtet und die Ausschilderung ist einfach nur superb. Zu dieser späten Stunden waren wir fast die einzigen auf der Straße und hätte mich die lange Fahrt nicht restlos erschöpft, wäre es das reinste Vergnügen gewesen, in die sanften Schwünge der schönen neuen Autopista zu preschen. Diesmal mussten wir uns auch nicht durch den Stadtverkehr quälen und mühsam nach der richtigen Route suchen, denn Latacunga verfügt über eine exzellent ausgebaute Umgehungsstraße. In wenigen Minuten ließen wir die Stadt hinter uns.

Am Stadtrand von Quito gerieten wir in eine Nebelbank, die so dicht war, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Nach vierzehnstündiger Fahrt war ich nun fast dem Zusammenbruch nahe, aber ich musste mich noch eine weitere halbe Stunde zusammennehmen, bis ich mich endlich ins Bett fallen lassen konnte. Der Nebel lag so dick über der Stadt, dass man beiderseits der Straße nicht einmal Umrisse erahnen konnte. Manchmal sah man blasse Schemen, die jedoch an nichts Bekanntes erinnerten. Wir rollten in ein graues, waberndes Nichts.

Plötzlich tauchten vor uns zwei Warnblinklichter auf und ich muss dem Fahrer des Wagens dankbar sein, dass er die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, denn in den undurchdringlichen Nebelschwaden hätte ich ihn glatt übersehen. Er fuhr nur mit Schrittgeschwindigkeit und ich war kaum schneller, und diesmal war ich wirklich froh, dass jemand das Warnblinklicht auf diese höchst sinnvolle Weise zu verwenden wusste.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir wieder nach Hause fanden. Zwischen den dichten Nebelschleiern konnte man Richtungsweiser eher erahnen, als dass es einem gelungen wäre, sie zu lesen. Ich kenne mich in Quito nicht sehr gut aus und ich glaube, es war reiner Zufall, dass wir in dieser Nacht keine einzige Ausfahrt verpassten. Schließlich, nach über vierzehn Stunden Fahrt durch die Anden, fanden wir den Weg zu unserer Urbanisation, ohne dass wir uns auch nur ein einziges Mal verirrten. Wir stellten den Wagen ab, erledigten das Nötigste und fielen so erschöpft ins Bett, als wären wir soeben glücklich von der gefahrvollen Expedition in die unerforschten Weiten dieses erst kürzlich entdeckten Kontinents zurückgekehrt.

Die Mauer des Inka

Wenn man von Cuenca aus der Panamericana nach Norden folgt, gelangt man über Azogues nach ca. einer Stunde zu einem Ort namens Ingapirca. Ingapirca liegt nicht direkt an der Panamericana, sondern etwas abseits. Kurz zuvor erklimmt die Autopisa noch einmal einen Pass und die Straße führt bis hinauf in die Tierra helada auf über 3.500 Metern Höhe. Danach, etwa auf der Höhe von Cañar, nimmt man den gut ausgeschilderten Abzweig, der einen in etwa einer Viertelstunde von der Hauptroute zur Ruinenstätte von Ingapirca führt.

Von Cuenca aus gibt es nur eine Route, auf der man direkt nach Quito gelangt, und das ist die Panamericana. Wie der Nervenstrang im Rückgrat durchzieht diese wichtige Verkehrsader den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland (Erst kürzlich musste ich mich belehren lassen, dass die berühmte Autopista eigentlich nur bis Puerto Montt in Chile reicht. Ganz im Süden des Kontinents macht die Straße einen Umweg über Argentinien. Am letzten Teilstück, der Carretera austral, wird seit den Zeiten des seligen Diktators Pinochet eifrig gebaut, aber es werden wohl noch einmal zwanzig, dreißig Jahre vergehen müssen, bis auch dieser Abschnitt fertiggestellt sein wird). In Südamerika folgt die Route der Panamericana über den größten Teil der Strecke dem Hochtal der Anden und deshalb muss der Reisende nur selten hohe Pässe überwinden oder sich durch gefährliche Serpentinen an steilen Bergflanken quälen. Die Straße führt auf einer Höhe zwischen zwei- und dreitausend Metern mit nur wenigen Umwegen immer geradeaus und wenn man in Ecuador auf der Nord-Süd-Achse reisen möchte, empfiehlt es sich, auf der in aller Regel gut ausgebauten Panamericana zu bleiben.

Wir veranschlagten für die Reise von Cuenca nach Quito etwa sechs Stunden und wahrscheinlich schafft man die Strecke auch in dieser Zeit, wenn man sich nicht verfährt, wenn es keinen Nebel gibt, wenn es einmal nicht sintflutartig zu regnen beginnt und für den Rest des Tages nicht mehr aufhört, wenn die Straße nicht wegen eines Unfalls gesperrt ist, wenn das Navi nicht plötzlich ausfällt, wenn, wenn, wenn … Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und eine kurze Strecke auf der Karte oder im Navi (sofern das Gerät die Güte hat, zu funktionieren) bedeutet in der Wirklichkeit nicht selten eine Prüfung für den Reisenden. Am Ende wurden aus geplanten sechs Stunden reiner Fahrtzeit über vierzehn Stunden, inklusive einer längeren Besichtigungstour der Ruinenstätte von Ingapirca.

Die Unannehmlichkeiten begannen, kaum dass wir Cuenca verlassen hatten. Wir waren eben aus der Stadt, da schickte uns das Navi auf eine alternative Route ins Nirgendwo. Unsere Absicht war es, auf der Panameriana zu bleiben, denn unser Ziel war Quito und die schnellste und beste Verbindung führt nun einmal über diese Straße. Doch am Ende fanden wir uns auf einem Abzweig wieder, der auf der Karte als dünner Faden von der Hauptroute ausläuft und welcher sich dann immer weiter nach Osten entfernt. Das Navi indes behauptete weiterhin steif und fest, dies sei die richtige Route, obwohl doch ein skeptischer Blick in die altmodische Straßenkarte genügte, um uns davon zu überzeugen, dass der Weg, auf dem wir uns befanden, schnurstracks in den Amazonas-Urwald führte.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu drehen und zurückzufahren. Die Kreuzung, von der aus das Verhängnis seinen Ausgang genommen hatte, war so schlecht ausgeschildert, dass man tatsächlich raten musste, welcher der richtige Weg wäre, denn das Navi war in dieser Situation keine Hilfe. Anhand der Karte überschlugen wir, welche die richtige Richtung wäre, aber eigentlich waren es eher Mutmaßungen, die uns schließlich wieder zurück auf die Panamericana führten. Anhand des Zustandes der Straße konnte man jedenfalls nicht erkennen, wo man sich gerade befand, denn die Straßen an diesem Abschnitt der Autopista befanden sich allesamt in gleich schlechtem Zustand. Aber wir hatten Glück und unsere Entscheidung erwies sich als richtig. Nun ging es nach Norden, nach Quito, und die Straße wurde jetzt auch wieder besser.

Die Route, auf die uns das Navi irrtümlich (oder böswillig) geschickt hatte, führte an einem Fluss vorbei. Die braunen Wasser des Stromes flossen träge in einer weiten Schleife. Die Ufer waren dicht mit Bäumen und Buschwerk bestanden und oft ragten die Kronen wie ein Dach über die milchkaffeebraune Wasseroberfläche. An der Uferseite, die zur Straße hin lag, einem schlammigen Sandstreifen, auf dem man den Wald gerodet hatte, stand ein Lkw und Leute schienen mit etwas beschäftigt, das mir verdächtig bekannt vorkam.

Wenn man regelmäßig die „Goldschürfer“ auf D-Max guckt, dann fällt es schwer, in einem Lkw mit einer Siebvorrichtung, einer Schwimmplattform und einem dicken Schlauch, der beide über eine starke Pumpe verbindet, bloß eine Anlage zur Gewinnung von Sand zu sehen. Das jedenfalls behaupteten die Leute, als wir sie fragten. Man muss wissen, dass früher in der Gegend wirklich Gold gefördert wurde, und vielleicht ist der alte Entdeckergeist der Konquistadoren noch nicht ganz verschwunden. Es kann gut sein, dass man auch heute noch die eine oder andere Unze des begehrten Edelmetalls in den Flüssen rund um Cuenca findet – wenn man nur weiß, wo man zu suchen hat. Vieles, was in der Gegend geschieht, ist sicher nicht immer ganz legal, und ich würde mir auch nicht gern in die Karten gucken lassen, wenn ich in zwielichtige Geschäfte verstrickt wäre. Es könnte natürlich möglich sein, ich täuschte mich und man pumpte wirklich nur Sand vom Grunde des Flusses herauf. Dann habe ich eindeutig zu viel Zeit auf D-Max verbracht.

Ingapirca, das auf Quechua soviel wie „die Mauer des Inka“ bedeutet, liegt auf fast 3.200 Metern Höhe. Als wir die Ruinenstätte erreichten, regnete es wieder einmal in Strömen. In den Anden muss man immer mit schlechtem Wetter rechnen und es empfiehlt sich daher, Termine für Ausflüge oder Besichtigungstouren unter freiem Himmel nicht allzu dick im Kalender einzutragen. Doch nun waren wir schon einmal hier und da Ingapirca viele Stunden Autobahnfahrt von Quito entfernt liegt, würden wir diesen Ort auch so bald nicht wieder besuchen. Wir wollten uns die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen – trotz des unaufhörlichen Regens und trotz der Kälte.

Ich hatte Ingapirca 1992 anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador kennengelernt. Damals hatten wir kein Auto und wir waren von Cuenca aus mit dem Taxi hinauf zu den Ruinen gefahren. Zwar gab es noch die Landeswährung, den Sucre, aber man konnte schon damals überall mit Dollars bezahlen. Wir mieteten ein Taxi für den ganzen Tag und mussten dafür gerade einmal fünfundsechzig Dollar aufwenden. In jenen Tagen war das eine Menge Geld, heute aber würde ein solcher Betrag nicht einmal für den bescheidensten Wocheneinkauf reichen.

Ich erinnere mich, dass die Straße durch einsame Berglandschaften führte. Sobald wir von der Panamericana abgezweigt waren, verloren sich auch die letzten Zeichen menschlicher Besiedlung in der Landschaft und in Ingapirca selbst gab es damals kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit, nur die majestätischen Inkaruinen. Ich hatte einige Tage zuvor an einer schweren Durchfallerkrankung gelitten – Montezumas Rache nennt man dieses Leiden manchmal – und obwohl ich mittlerweile wieder leidlich hergestellt war, fühlte ich mich noch immer recht schwach.

Ich bin beileibe kein Hypochonder, aber manche Krankheiten kann man unmöglich aussitzen (es sei denn, auf dem Klo) und will man weiterleben (ganz recht!), ist die Hilfe eines Arztes dringend geboten. Es ging mir so schlecht, dass ich sogar ins Krankenhaus musste. Das Schlimme bei Durchfall ist, dass man jegliche Würde verliert und am Ende ist einem einfach alles egal – ob man lebt oder ob man stirbt oder ob man die Hosen im wahrsten Sinne des Worte voll hat. Man will nur, dass es aufhört – wie, ist dabei völlig gleich. Doch die Krise war nun ausgestanden und ich fühlte mich wieder gut, weshalb es auch möglich war, dass wir diese Reise unternahmen.

Irgendwo in der einsamen Berglandschaft forderte dann aber Mutter Natur doch ihr Recht und ich war vor die Wahl gestellt, entweder schnell ein stilles Örtchen zu finden oder mir ein paar neue Hosen zu besorgen. Die Straße schlängelte sich wie einer der alten Inkapfade in immer größere Höhen und beiderseits des Weges begegnete einem nur die menschenleere Einöde aus stacheligem Páramo-Gras. Wo sollte es denn hier ein Örtchen geben! Genauso gut hätte man darauf hoffen können, im Mare Nubium auf dem Mond ein Dixi-Klo zu finden. Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und manchmal hat man es nicht einmal mit unangenehmen Überraschungen zu tun.

An einem abweisenden Berghang, dort, wo die Straße einen ihrer unzähligen Haken schlug, um sich weiter hinauf in die Wolken zu winden, tauchte wie eine Verheißung urplötzlich ein Lokus aus dem Nebel auf. Es war der Archetyp aller Scheißhäuser dieser Welt seit der Morgenröte der menschlichen Zivilisation: vier wackelige Bretterwände und ein Dach, ein Herzchen in der morschen Holztür. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, mitten in der Stille der Bergwelt dieses stille Örtchen aufzustellen. Jedenfalls muss es ein Mensch mit einem zu Herzen gehenden Verständnis für die menschlichen Nöte gewesen sein. Er hat mir an jenem denkwürdigen Tag vielleicht nicht das Leben gerettet, doch mit Sicherheit hat er mich vor einer Kette recht peinlicher Ereignisse bewahrt.

Die Ruinenstätte von Ingapirca hat sich seit 1992 nicht verändert – wie könnte sie auch! –, doch die Landschaft würde man nicht wiedererkennen. Vor vierundzwanzig Jahren gab es in der näheren Umgebung der Ruinenstätte kein einziges Haus und der Landstrich wirkte fast unberührt. Es gab kein Besucherzentrum, keine Tickets, keine Souvenir-Shops, keine Restaurants, keine Kantinen, keine Cafés, keine Schranken, keine Zäune, keine Parkplätze, keine Besucherpfade, keine Hinweis- und Verbotsschilder, keine Objektbewachung, keine Eingangsschleuse, keine Besucherführungen, keine Guides – es gab nicht einmal Touristen.

Wir und der Taxifahrer waren damals die einzigen Menschen auf dem Berg. Man hätte glauben können, wir seien die Überlebenden einer Katastrophe planetaren Ausmaßes und die alte mystische Kultstätte wäre die letzte Zuflucht. Dort, wo früher rein gar nichts war, sieht man heute Dutzende Häuser wie Fremdkörper in der Landschaft stehen. Die meisten Gebäude wirken neu und es ist nicht schwer, sich einen Reim darauf zu machen: Wahrscheinlich haben die Leute die Touristenschwemme, die mit den Jahren über den Ort gekommen ist, als Einkommensquelle entdeckt.

Während wir damals, 1992, unbehelligt von jeglicher denkmalpflegerischer Autorität, um die Mauern turnten, verschwand der Taxifahrer für eine Weile, so dass wir ganz allein waren. Ich habe Fotos, auf denen man mich auf den Mauern stehen sieht, und rings herum gibt es nichts außer der leeren Landschaft des Andenhochlandes. Heute darf man nicht mehr auf die Mauern steigen, doch vor vierundzwanzig Jahren hätte man sich mit Vorschlaghammer und Brecheisen an den Steinquadern zu schaffen machen können und niemand hätte einen daran gehindert. Man hätte ganze Anhängerladungen Steine mitnehmen können und kaum einer hätte es bemerkt und ich glaube auch nicht, dass es jemanden gestört hätte. Das Bewusstsein für den Wert kultureller Hinterlassenschaften der Vorfahren hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. Früher sah man in Ruinenstätten wie dieser bloß unnütze alte Steinhaufen.

Es regnete an diesem Tag wieder einmal, als wollte der Himmel sein Werk doch noch vollenden und die Menschheit in einer zweiten Sintflut untergehen lassen. Zum Glück gab es an einem der Souvenir-Stände Regenpelerinen zu kaufen und solcherart gegen die Wassermassen gewappnet, warteten wir an der Eingangsschleuse, von der aus man auf das Ruinengelände gelangt, bis die nächste Führung stattfinden würde. Ohne fachkundige Begleitung darf man das Gelände nicht mehr betreten, aber schon bald hatte sich ein Dutzend Interessierter zusammengefunden und die Führung konnte beginnen.

Unser geführter Rundgang über das Gelände dauerte anderthalb Stunden und wir waren an diesem Tag froh, dass er nicht noch länger dauerte, denn der unaufhörliche starke Regen zerrte an den Nerven. Obwohl ich das höchst kleidsame Regencape trug, war alles, was daraus hervorschaute, schon nach kurzer Zeit vollkommen durchgeweicht. Meine Schuhe quietschten vor Nässe und die Hosenbeine platschten bei jedem Schritt gegen die Waden wie die Flossen eines toten Fisches. Das war wirklich kein Tag, um einen Kulturtrip zu genießen.

Aber es gab andere Besucher, denen der Regen und die feuchte Kälte ganz offensichtlich nichts ausmachten. Am Sonnentempel, dem Höhepunkt der Tour, begegneten wir einer Gruppe Amerikanern. Viele strahlten unter ihren Regencapes als könnten sie sich gar kein schöneres Wetter als dieses für ihren Ausflug in die Vergangenheit der Andenwelt vorstellen. Einer grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd und ich weiß nicht, was ihn so froh machte. Ich war durchnässt und fror und ich hätte mich am liebsten in ein mollig warmes Café geflüchtet und mich an einem großen Mocaccino mit extra viel Schokoladensoße gewärmt. Doch diese Leute wirkten so glücklich, als hätten sie sich gerade kollektiv rosa Happy-Pillen eingeworfen. Ich muss annehmen, die Überdosis Kultur hat sie in ein seliges Nirwana versetzt.

In den letzten Jahren hat man für den Schutz der Relikte aus präkolumbianischer Zeit gesorgt. Man konnte sehen, dass die Konservatoren die Grundmauern jener Gebäude, die einmal Wohnhäuser gewesen sein mochten, zum Schutz vor der harschen Witterung mit Sand bedeckt hatten. Viele Bereiche des Archäologie-Parks sind dem Besucher nicht mehr zugänglich wie noch vor über zwanzig Jahren. Darüber hinaus ist man gehalten, sich stets auf den ausgeschilderten Pfaden zu bewegen. Man mag diesen Zustand bedauern, denn die Anlage verliert im Getriebe des Kulturtourismus viel von ihrer mystischen Ausstrahlung. Doch jeder vernünftige Mensch wird dagegen kaum etwas einwenden wollen, denn man muss einsehen, dass die Erhaltung solcher wertvollen historischen Denkmäler gewisse Schutzmaßnahmen erfordert, die dem Einzelnen zwar widerstreben mögen, die aber letztlich nur dazu dienen, zukünftigen Generationen diese einmaligen Kulturgüter zu erhalten.

Trotz des Regens machten wir viele Fotos. Ich fürchtete, die Kamera könnte Schaden nehmen, wenn ich sie dauernd dem strömenden Regen aussetzte, und daher hielt meine Frau immer fürsorglich den Schirm über mich, wenn ich eine Aufnahme machte. Die meiste Zeit versteckte ich den Apparat unter dem Regencape, doch meine Kleidung war mittlerweile klamm und eine ganz und gar trockene Stelle gab es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich sahen wir aus wie der Kunstfotograf und seine beflissene Assistentin – wirklich drollig. Die anderen Besucher zückten nur selten das Handy und dann schossen sie ein schnelles Foto aus der Hüfte. Um ein Motiv sorgsam einzufangen, war es viel zu nass.

Als wir am Sonnentempel angekommen waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass die Steinblöcke im Mauerwerk so dicht aneinandergefügt sind, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen Platz hätte. Darüber hört man in jeder einschlägigen Dokumentation, aber wenn man es mit eigenen Augen sieht, scheint es auf einmal viel wirklicher. Es muss eine Ewigkeit gedauert haben, solche perfekten Mauern zu errichten.

Aber nicht alles, was man auf dem Gelände sehen kann, stammt von den Inkas. Die Gegend war lange umkämpft zwischen ihnen und den Cañaris, den angestammten Bewohnern der Region. Trotz ihrer überlegenen Kriegsmacht ist es den Inkas nie gelungen, die Cañaris zu unterwerfen. Am Ende einigte man sich auf einen diplomatischen Kompromiss, der in einer Heiratsallianz gipfelte. Inkas und Einheimische teilten sich fortan in die Regierung und die Kultur der Cañaris blieb erhalten. Ihre Siedlung wurde nach und nach in die Anlage der Inkas integriert. Die charakteristischen Unterschiede zwischen beiden Kulturen kann man aber noch heute deutlich in den Monumenten erkennen.

Nach der Tour mussten wir uns erst einmal gründlich trocken frottieren – so gut man sich eben trocknen kann, wenn alles, was man zur Hand hat, ein klammes Badetuch ist und feuchte Kleidung. Schuhe und Stümpfe zog ich gleich ganz aus. Stattdessen nahm ich die Latschen, die ich immer am Strand von Bahía zu tragen pflege. Trotz der Kälte war dies immer noch angenehmer, als die nächsten Stunden in patschnassen Schuhen zu verbringen. Die Bewohner des Andenhochlandes trugen traditionell Sandalen und so hatte ich diesmal Gelegenheit auszuprobieren, wie es sich für einen antiken Andenbewohner angefühlt haben muss.

Es war mittlerweile schon Mittag und wir rechneten nicht mehr damit, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit Quito erreichen würden. Ich machte mich also auf eine lange anstrengende Nachtfahrt gefasst, aber dass wir erst nach Mitternacht zuhause eintreffen würden, damit rechnete niemand.

Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.