Todos los Santos

Am Abend schlendern wir ziellos durch die Straßen Cuencas. Auf der Suche nach der ganz großen Entdeckung und vielleicht auch in der Hoffnung, ein besonderes Schnäppchen zu machen, besuchen wir Kunstgewerbeläden und Boutiquen. An einem dieser Geschäfte vorbei führt ein schmaler Gang zum Hinterhaus. Auf dem Türsturz steht „Todos los Santos“, ansonsten kein Hinweis, was es mit diesem recht unscheinbaren Eingang auf sich hat. Der leere Gang dahinter ist wie eine Lockung und wir sind neugierig. Wir fragen den Besitzer des Ladens, ob man hineingehen dürfe und mit entlassender Geste gibt er uns zu verstehen, dass wir uns ruhig umsehen sollen. Wir treten ein.

Ein schmaler hoher Gang führt unter einer von altem Gebälk gestützten Decke in die Tiefe des Gebäudes. Kerzenlicht erhellt behaglich die Dunkelheit: Alle paar Schritte steht eine steinerne Schale auf dem Boden, aus der sich der Schaft einer Kerze wie ein sprießender Pflanzenstängel erhebt. Wasser im Gefäß reflektiert das Kerzenlicht und auf der Oberfläche schwimmen Rosenblätter. Der Gang ist ziemlich schmal und so schreiten wir ihn hintereinander ab wie die Teilnehmer einer mystischen Prozession.

Wir wissen noch immer nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich habe das unbestimmte Gefühl, am Ende wartet ein Mysterium auf uns oder eine Offenbarung. Doch dann nimmt alles einen viel profaneren Ausgang: Wir gelangen in einen großen Konferenzraum, in dem man gerade damit beschäftigt ist, Stühle für das Auditorium eines abendlichen Vortrags aufzustellen; nebenan befindet sich ein streng dekorierter Speisesaal und wenn man um ein paar Ecken geht, steht man plötzlich in einer modernen Restaurantküche. Später finden wir noch eine Bäckerei, in deren altertümlichen Holzregalen Brote und Kuchen angeboten werden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass es sich um Produkte der selten gewordenen Kunst der Handwerksbäckerei handelt.

Als wir weiter in das Innere dieses labyrinthischen Baus vordringen, gelangen wir in ein Restaurant und wir betreten einen kleinen Weinkeller, der sich anheimelnd unter einer tiefen Gewölbedecke aus Ziegeln duckt. Angestellte des Restaurants sind gerade eifrig damit beschäftigt, die Tische einzudecken und die Dekoration herzurichten. Wir sind die einzigen Besucher zu dieser Stunde, doch niemand nimmt von uns Notiz, denn wahrscheinlich sieht man uns auf den ersten Blick an, dass uns der Zufall hierher verschlagen hat, und dass wir nicht vorhaben, hier das Abendessen einzunehmen. Von den Plätzen des Restaurants aus hat man einen bezaubernden Blick auf die Ufer des Río Tomebamba, der die Stadt an ihren südlichen Ausläufern durchfließt.

Wir sind gerade im Begriff zu gehen, als wir von einer kleinen drahtigen Frau im Business-Kostüm angesprochen werden. Ich glaube erst, sie sei die Restaurant-Managerin und vielleicht denkt sie, wir wollen zu Abend essen, doch der Irrtum klärt sich schnell auf. Wir sagen ihr, dass uns lediglich der Zufall hierher geführt hätte und wir drücken unser Erstaunen darüber aus, welch einen wundervollen Ort wir hier vorgefunden haben. Als Europäer muss man seine Maßstäbe ganz neu justieren, denn der Erhalt von Kulturmonumenten steht auf der Agenda der hiesigen Politik nicht unbedingt an erster Stelle, und wenn man doch einmal alte Gebäude schön restauriert sieht, ist das die große Ausnahme, und man sollte daher das Ergebnis umso höher schätzen.

Die Frau aus dem Restaurant erklärt uns, dass die Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, zu einem Nonnenkloster gehören. Sie sei auch nicht die Managerin des Restaurants, das nur einen Teil davon ausmache, sondern die Verwalterin der Stiftung, der die Restaurierung, der Erhalt sowie der Betrieb der Einrichtungen des Klosters übertragen worden sei. Wir sehen sie staunend an, doch sie klärt uns auf: Früher einmal hätten alle Räumlichkeiten dem Kloster unterstanden und dort, wo wir uns gerade befänden, hätten Nonnen gelebt. Zu seinen Glanzzeiten beherbergte das Kloster 120 Insassinnen.

Doch die Welt hat sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit verändert und statt dass man den Töchtern lebenslange Versorgung garantiert, indem man sie das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten lässt, schickt man sie lieber zum Studium nach Übersee oder auf eine der heimischen Universitäten, damit sie Ärztinnen oder Anwältinnen werden. Das Kloster existiert zwar nach wie vor, doch gerade einmal drei ältliche Nonnen trotzten der Zeit und dem Lauf der Welt in Gebet und frommer Andacht.

Der Bereich, in dem die Nonnen leben, ist von den Teilen des Klosters, die für Besucher zugänglich sind, strikt getrennt. Wer den Schleier nimmt, ist für die Welt verloren. Wenn man früher ins Kloster ging, sagte man seinem Heim, seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und das Leben (wenn man es so nennen will), das man von nun an bis zum Lebensende zu führen hatte, muss sich ungefähr so anfühlen, als sei man lebendig begraben. Alles, was man liebt, ist einem genommen, und nur das Allerwenigste von dem, was man als lebenswert erachten würde, ist geblieben.

Die Nonnen verkehren mit der Außenwelt durch Drehtüren, so dass nicht einmal Blickkontakt möglich ist. Nahrungsmittel und alles, was die Insassinnen des Klosters zum Leben benötigen, findet durch diese Pforten zwischen den Welten ins Kloster hinein, nur weniges kommt jedoch hinaus. Es kommt nicht selten vor, dass man den Nonnen Zettelchen mit Nachrichten schickt, durch die man sie ersucht, für das Seelenheil einer Person zu beten oder Fürbitte zu leisten. Selber sprechen kann man sie nämlich nicht, denn die Nonnen verlassen niemals die Räumlichkeiten des Klosters und niemand bekommt sie je zu Gesicht.

Eines der wenigen Zeugnisse des handwerklichen Geschicks der Nonnen sind übrigens die Backwaren der hauseigenen Klosterbäckerei. Wenn man lange Zeit nur mit dem Industriebrot aus dem Supermarkt hat Vorlieb nehmen müssen, ist so ein frischer, von Hand geformter Laib geradezu eine Offenbarung für die Sinne. Wir kaufen mehrere Tüten mit Backwerk, die aber gerade einmal bis zum nächsten Morgen überstehen.

Die Säkularisierung und ein weites Spektrum an Bildungs- und Berufschancen für junge Frauen haben der Lebensperspektive Kloster viel von ihrer Attraktivität genommen. Der Personalbestand des Klosters ist über die Jahre ausgedünnt. Zuwendungen flossen spärlicher und notwendige Reparaturen konnten schon bald nicht mehr vorgenommen werden. Irgendwann war der ganze Gebäudekomplex in einem solch bemitleidenswerten Zustand, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das morsche Gebälk zusammenbrach und die letzten Insassinnen unter sich begrub. Doch wenn es eines gibt, das man in einem Kloster im Überfluss hat, dann ist es Zeit. Und so schrieben die Nonnen fleißig Briefe an Gott und die Welt – in diesem Fall wohl überwiegend an die Welt, wenn sie wohl auch so manches für den Allmächtigen bestimmte Gebet in ihre Bitten eingeschlossen haben mögen.

Die fleißige Schreibarbeit machte sich am Ende bezahlt: Gott und irgendeine „Heritage Foundation“ aus den USA erhörten das Flehen der schreibfreudigen Nonnen und man brachte tatsächlich die fünf Millionen Dollar auf, die es kostete, das Kloster von Grund auf zu sanieren. Und eine Wiederherstellung war auch dringend nötig, denn die brüchigen Mauern hätten wohl kein weiteres Jahrzehnt überstanden. Die Rettung hatte natürlich ihren Preis, denn ein beträchtlicher Teil des Klosters wurde seinem ursprünglichen weltabgewandten Zweck entfremdet und der (zahlenden) weltlichen Öffentlichkeit übergeben. Doch man kann den ursprünglichen Zweck der alten Gemäuer noch sehr gut erahnen, denn die Restaurierung erfolgte sehr behutsam und indem man so viel alte Bausubstanz wie nur möglich bewahrte, hat der Genius loci nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Vielfach ist es da nicht schwer, sich gedanklich in eine Zeit zu versetzen, in der die einzigen Bewohner jener Räumlichkeiten Nonnen waren.

Die Stiftungsverwalterin zeigt uns einen winzigen fensterlosen Raum, der vielleicht drei mal zwei Meter im Geviert misst. Die mit Holz vertäfelten Wände sind fast schwarz und die Decke ist so niedrig, dass ich den Kopf einziehen muss, wenn ich aufrecht stehe. Aber der Ecuadorianer ist in der Regel kleiner als der durchschnittliche Europäer und früher waren die Menschen ohnehin nicht so groß wie heute. Die Frau von der Stiftung erzählt uns, dass es sich um eine Gästekammer handele. Ich denke, nun gut, zu zweit kann man es hier wohl aushalten und wenn man schläft, braucht man ohnehin kein Licht. Aber sie sagt, dass man zu Zehnt in dieser winzigen Zelle zu nächtigen pflegte, und manchmal vielleicht auch zu Zwölft. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn da jemand Nachts auf die Toilette muss.

Da keine weiteren Gäste zugegen sind, lässt es sich die Verwalterin der Stiftung nicht nehmen, uns durch das ganze Haus zu führen. Besucherführungen dieser Art gehören wahrscheinlich nicht zum Programm, doch sie scheint sichtlich Spaß daran zu haben, uns einen Einblick in die fremde Welt des Klosters zu gewähren, und sie genießt es offenbar, wie wir staunen und wie sich uns manchmal ein wenig die Haare sträuben.

Irgendwann stehen wir in der Backstube. Im hinteren Teil thront der riesige Ofen, in dem das leckere Gebäck entsteht, mit dem die Regale des Bäckerladens bestückt werden. Sanfte Wärme strahlt von ihm aus und erfüllt die ganze Stube mit Behaglichkeit. Der Ofen ist riesig wie ein Atommeiler und sein Inneres so geräumig, dass es scheint, man könnte einen Fiat Uno darin parken, wenn er nur durch die Tür passte. Nebenan liegen die Brotschieber. Die größten bringen es sicher auf eine Länge von fast doppelter Mannshöhe und wenn sie mit mehreren Broten bestückt sind, braucht es die Arme eines Berserkers, um das Brot sicher bis in den hintersten Winkel des Ofens zu befördern.

Ich lege die Hand auf die Wandung des Ofens und ich spüre die Wärme. Die Verwalterin erklärt, der Ofen dürfe niemals auskühlen, denn es würde Tage dauern, ihn wieder auf Betriebstemperatur zu heizen. Die sparsamen Nonnen haben übrigens nie etwas verschwendet und so verwundert es nicht, dass sie, lange vor der Erfindung von Green Energy und Recycling, selbst noch die Abwärme der Bäckerei für etwas Nützliches zu verwenden wussten: Mit der entweichenden Wärme wurden die darüber liegenden Räume beheizt. Dort hielt man Cuyes, also Meerschweinchen. Bei molliger Wärme gedeihen die flauschigen Nager nämlich prächtig und in den Anden waren sie seit jeher eine begehrte Proteinquelle.

Ein Speisesaal ist vom eigentlichen Restaurant abgetrennt. Von einem Separee zu sprechen, verbietet sich aber deshalb, weil drei Tische mit jeweils zwei Stühlen darin stehen. Der Raum ist ganz schlicht gestaltet: Die Wände sind weiß getüncht, in Nischen hängen Bilder lokaler Künstler, Tische und Stühle stehen auf nacktem Steinfußboden. Obwohl ich diese Schlichtheit mag und den Willen zum Stil anerkennen muss, macht mir der Saal doch zu sehr den Eindruck eines Refektoriums, als dass ich einen entspannten Abend zu zweit darin verbringen könnte. Irgendwie erwartet man immer, dass jeden Augenblick der ehrwürdige Bruder Jorge aus „Der Name der Rose“ den Raum betritt und einem mit einem Vortrag über die Verwerflichkeit des Lachens den Abend verleidet. Ich ziehe die weniger streng wirkenden Räumlichkeiten des Restaurants vor.

Wir haben die Zeit der Frau von der Stiftung schon über Gebühr beansprucht und wir wollen gehen. Wir werfen einen letzten Blick ins Restaurant. Ich schaue kurz in die Speisekarte, um mich wieder einmal davon zu überzeugen, dass eine in stilvollem Ambiente genossene Mahlzeit auch ihren Preis hat – die Preise unterscheiden sich nur unwesentlich von dem, was man in Berlin in einem Lokal dieses Niveaus erwarten dürfte.

Man muss relativierend hinzufügen, dass der stilvolle Abend in Cuenca keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt wie dies bei einem Restaurantbesuch in Cumbayá der Fall wäre. Die Preise in Cuenca sind gut und gerechtfertigt, in Cumbayá jedoch hat man es mit den ekstatischen Übertreibungen einer durch die hiesige Schickeria entfesselten Lifestyle-Orgie zu tun. Hier ist einfach alles teuer und es ist fast nie seinen Preis wert. Nur schade, dass Cuenca so weit von Quito entfernt ist.

Neue Keramik und alte Töpferkunst

Man kann Cuenca gut zu Fuß erkunden, denn die Stadt ist recht klein. Meine Frau ist auf der Suche nach Keramik und wir laufen die Straßen ab in der Hoffnung, irgendwo einen Laden zu finden, in dem man die traditionelle bunte Töpferware kaufen kann. Noch 1992 bekam man die schöne einheimische Keramik fast überall in der Stadt. Meine Frau, die eine Art Fetisch für solche Dinge hat, erstand damals ein schönes Tee-Service. Sie hat es heute noch und wir benutzen es nur, wenn Gäste im Haus sind. Das ist ein bisschen wie früher, zu Ur-Omas Zeiten, da man das „gute Geschirr“ nur zu ganz besonderen Anlässen auftrug. Obwohl wir die halbe Stadt absuchen, finden wir nicht ein einziges Geschäft. Später erfahren wir, dass die einheimische Keramikherstellung praktisch ganz zum Erliegen gekommen ist. Billige Importware hat die traditionellen Handwerkserzeugnisse verdrängt.

Töpferwaren ganz anderer Art kann man in der Stadt aber immer noch finden: Am Nachmittag besuchen wir das Museum für indigene Kulturen. Es regnet in Strömen und wir sind die einzigen, die zu dieser Stunde Einlass begehren. Die Exponate bieten einen repräsentativen Querschnitt durch fast alle bedeutenden Kulturen Ecuadors, angefangen bei den ältesten Zivilisationen bis in die Epoche der Inkas. Manche der Stücke sind wirklich beeindruckend, etwa die polychromen Tonskulpturen aus der Jama-Kultur. Meine Frau ist so begeistert, dass sie später die Replik einer Plastik ersteht. Laut Auskunft der Museumsdirektorin stellt die Skulptur einen Schamanen oder einen Priester dar.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die in allen Museen Ecuadors versammelten Ausstellungsstücke kaum einen Bruchteil dessen ausmachen, was wahrscheinlich an Schätzen noch in der Erde schlummert. Man muss sich aber auch immer wieder bewusst machen, wie viele unersetzbare Zeugnisse der indigenen Kulturen mutwilliger Zerstörung anheimfielen, wie viele einmalige Werke infolge von Gleichgültigkeit und Ignoranz dem Verfall überlassen wurden, wie viele Kulturgüter allein um der Befriedigung materieller Gier willen vernichtet wurden. Ein nicht geringer Teil des kulturellen Reichtums der Indigenen wurde bereits bei der Eroberung des Kontinents ausgelöscht und die folgenden Jahrhunderte meinten es kaum besser mit den kulturellen Zeugnissen der einheimischen Völker.

Die schönsten Stücke aber verschwanden oft in Privatsammlungen. Früher gab es kein Gesetz, das die Aneignung von Kulturgütern unter Strafe stellte. Jeder, den es danach gelüstete, konnte einfach irgendwo graben und wenn man dann etwas fand, durfte man es auch behalten und in den eigenen vier Wänden ausstellen, um es dem staunenden Hausgast nach dem Essen bei Kaffee und Brandy zu präsentieren. Einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Sammler präkolumbianischer Kunst war Oswaldo Guayasamín. Obwohl er im Grunde nichts anderes als ein Raubgräber war – wenn auch aufgrund der Gesetzeslage kein Krimineller –, muss man ihm dankbar sein, denn ohne seine Sammelleidenschaft wären die meisten jener Stücke, die der kunstinteressierte Besucher in seinem Museum bewundern kann, heute wahrscheinlich verloren.

Vor Jahren schenkte mir ein Cousin meiner Frau ein kleines Tongefäß, auf dessen bauchigen Körper der Töpfer ein Gesicht modelliert hat. Ich glaube, es handelt sich um eine Arbeit der Bahía-Kultur. Der Künstler ist schon seit Jahrhunderten tot, aber sein Werk existiert immer noch und wahrscheinlich wird es auch noch da sein, wenn wir alle längst zu Staub zerfallen sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es echt ist. Die Leute sind in solchen Dingen ganz arglos und sie haben keinerlei Schuldbewusstsein. Was man zufällig irgendwo in der Erde findet, behält man eben und darin sieht man auch gar kein Unrecht. Und wem sollte man den Fund denn schon melden, da zu befürchten steht, dass dann ein anderer die Lorbeeren einheimst oder das große Geschäft macht. Ich weiß nicht, ob ich eine strafbare Handlung begangen habe, indem ich das Geschenk annahm, aber es zurückzuweisen, hätte eine Beleidigung des Schenkenden bedeutet. Nun steht das kleine hübsche Tongefäß gut sichtbar im Regal und ich kann es Besuchern zeigen.

Als wir das Museum verlassen, kommen wir am Souvenir-Shop zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um die Direktorin der Einrichtung handelt, doch am Ausgang laufen wir an einem kleinen Schaukasten vorbei, in dem Fotos ausgestellt sind. Auf einem der Bilder sehen wir die Frau zusammen mit Fidel Castro, auf einem anderen mit dem ecuadorianischen Vizepräsidenten. Auf vielen Bildern posiert sie mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ich muss annehmen, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handelt, aber keine der Personen ist mir bekannt, doch dieses Manko ist sicherlich nur meiner Ignoranz zuzuschreiben.

Meine Frau kauft noch eine kleine Figur aus der Jama-Kultur – wie gesagt, es handelt sich um eine Replik. Wir wissen natürlich nicht, dass die Figur ein Werk der Jama-Kultur ist, aber die vielfarbige Bemalung spricht uns an und macht die kleine Skulptur unter allen Ausstellungsstücken zu etwas ganz Besonderem (Jama, die Stadt, nach der diese Kultur benannt ist, liegt übrigens nur ca. dreißig Autominuten nördlich von Bahía). Als meine Frau Näheres über die Statuette erfahren möchte, blüht die Direktorin, die uns die Skulptur auch noch eigenhändig einpackt, förmlich auf. Offenbar hat sie nicht erwartet, dass jemand Fragen stellt, doch sie scheint geradezu glücklich darüber zu sein: Endlich einmal kann sie Besucher an ihrem enzyklopädischen Wissen über die präkolumbianischen Kulturen Ecuadors teilhaben lassen.

Man merkt sofort, wie engagiert sie ist, und das muss man als Leiterin eines Museums wohl auch sein in einem Land, in dem der Mehrheit der Bewohner alte Keramiken nicht so wichtig sind. Es wäre dem Museum zu wünschen, dass mehr Gelder zur Verfügung gestellt würden, damit die Ausstellung erweitert und damit vor allem die Löcher im Dach gestopft werden könnten, durch die es immer wieder in die Ausstellungsräume tröpfelt. Während wir uns im Museum aufhalten, regnet es ohne Unterlass und ich fühle mich fast wie ein Entdecker, der nach gefahrvoller Expedition durch die Wildnis die Schatzkammer einer untergegangenen Kultur entdeckt.

Da wir die einzigen Besucher sind, fragen wir die Direktorin, ob denn auch Ecuadorianer die Ausstellung besuchen würden. Die Dame meint, dass es vor allem Ausländer seien, die hierher kämen. Aber das ist verständlich, denn die Ecuadorianer kaufen sich keine Reiseführer, in denen der Besuch des kleinen Museums ausdrücklich empfohlen wird. Da man keine Museen besichtigen möchte, ist es nur allzu schade, dass es im alten Stadtkern von Cuenca keine Shopping-Malls gibt.

Cocoa y Canela

Wir verbringen zwei Tage in der Stadt. Bei einem Spaziergang stoßen wir nicht ganz zufällig auf das „Cocoa y Canela“, ein kleines Café, dessen Spezialität heiße Schokolade in allen nur denkbaren Variationen ist. Ich hatte am Morgen noch schnell den Reiseführer studiert und war dabei über die Adresse gestolpert. Das Café versprüht einen etwas dekadenten Charme und ich fühle mich auf anheimelnde Art an die Absinth-Höhlen des Fin de siècle erinnert. Das Interieur ist so betont altmodisch, dass man nicht zu entscheiden vermag, ob dieser Ort tatsächlich schon so lange existiert und eine Renovierung mangels Geld oder Interesse unterblieben ist, oder ob seine Betreiber ihn nicht absichtsvoll und gleichermaßen stilsicher in dieses Toulouse-Lautrecsche Schokoladen-Freudenhaus verwandelt haben.

Eine Wand ist über und über mit alten Geldscheinen tapeziert. Darunter findet sich auch eine Einhundert-Sucres-Note. Ecuador hat die Landeswährung im Jahre 2000 zugunsten des Dollars abgeschafft, aber 1992, als ich das Land zum ersten Mal bereiste, musste man noch ein ganzes Bündel der labbrigen Scheine mit sich herumschleppen, wenn man einen kleineren Einkauf auf dem Markt erledigen wollte.

Ich mache ein Foto von dem Geldschein, der an eine vergangene, fast vergessene Epoche erinnert, und ich frage mich, ob die junge Frau, die am Nebentisch sitzt, sich überhaupt an jene Zeit erinnern kann, da man in den Geschäften mit Sucres bezahlte und in der es die öffentliche Moral jungen Frauen untersagte, allein in Cafés zu sitzen und Bier zu trinken. Abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten, muss man es schon als eine grobe Stilwidrigkeit ansehen, an einem Ort, der für seine heiße Schokolade bekannt ist, Bier zu trinken, und dann auch noch aus der Flasche. Aber es ist mir egal und die Gründe für diese nur allzu offensichtliche Provokation interessieren mich herzlich wenig, denn im Augenblick genieße ich bloß meine Schokolade. Nachdem ich ausgetrunken habe, bestelle ich noch eine zweite Tasse, denn die schönen Dinge im Leben sind leider immer viel zu schnell vorbei.

Kost und Logis

Cuenca ist auf Besuch eingerichtet: Fast in jeder Straße findet der Reisende eine Pension, nahezu an jeder Ecke ein Hotel. Die meisten jener Etablissements sind in alten Bürgerhäusern untergebracht, die zum Teil aufwändig restauriert und dabei oft geschmackvoll und auch sehr behutsam umgestaltet worden sind, so dass der ursprüngliche Charakter des Ortes erhalten blieb. Die Übernachtung ist in der Regel nicht ganz billig, aber dafür logiert man auch in angenehmem Ambiente.

Die „Cuenca Suits“, in denen wir das Glück haben, zwei Nächte zu wohnen, sind zwar ein neues Hotel, doch der Bau fügt sich perfekt in die örtlichen Traditionen ein – auf den ersten Blick würde man nicht vermuten, dass das Haus nicht schon immer hier gestanden hat. Betrieben wird das Hotel von einem dänisch-ecuadorianischen Paar. Alles ist neu, hochwertig und schön. Das Innere wirkt weitläufig wie das Herrenhaus einer großen Hacienda. Wir wohnen in einem riesigen Studio mit eigener Küche, und obwohl wir zu dritt sind, fühlen wir uns nie beengt. Man merkt an der ganzen Anlage und der Ausgestaltung, dass die Hotelbesitzer die Welt gesehen haben: Die Ausstattung ist modern, funktional und entspricht gehobenem westlichen Standard. Ich möchte bezweifeln, dass man in einem gewöhnlichen Hotel in Berlin einen solchen fast schon luxuriösen Wohnkomfort erwarten darf. Fast sind wir ein wenig neidisch, denn solch eine schöne Wohnung hätten wir uns für Cumbayá gewünscht.

Cuenca bietet seinen Gästen aber nicht nur erstklassige Übernachtungsmöglichkeiten, selbstverständlich ist auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Die Restaurants in der Stadt bieten eine gute Auswahl an nationalen wie internationalen Spezialitäten. Einmal essen wir ein sehr leckeres Kebab und bei anderer Gelegenheit kehren wir im „Angelus“ ein. Das „Angelus“ ist eines jener typischen Restaurants wie man sie wohl in allen Universitätsstädten finden kann. Den Hauptteil des Umsatzes bestreiten ohne Zweifel die Studenten, die hier ihren Mocaccino trinken und Lemon pie, Cookies, Pizza und Sandwiches essen. Man sieht auch einige Touristen, die Hunger, Entdeckerlust oder ein zielloser abendlicher Stadtspaziergang hierhergeführt haben mögen.

Wahrscheinlich trägt das Restaurant seinen Namen, weil es an der Plaza gegenüber der Kirche liegt. Eigentlich ist Restaurant eine irreführende Bezeichnung, denn in Wirklichkeit haben die Besitzer mit dem Laden den Traum von einem American Deli verwirklicht. Das „Angelus“ ist recht nobel im Schatten einer Arkade untergebracht und es breitet sich über zwei Etagen aus. Im Erdgeschoss findet man den Verkaufstresen, der riesig wie eine Betonmole im Laden liegt. Eine Wahl trifft man nur unter größten Schwierigkeiten, denn das Angebot ist überwältigend und dazu sieht alles auch noch wirklich lecker aus.

Lange Autofahrten schlagen mir immer auf den Magen und ich habe dann nie sonderlich Appetit auf etwas Herzhaftes. Meist begnüge ich mich einem Dessert. An diesem Abend sind es vier Kugeln Eiscreme von „Nice Creme“. Doch bei den anderen scheint die lange Fahrt den Appetit erst so richtig angeregt zu haben und sie bestellen Gerichte, bei denen man sicher sein kann, dass sie so einen knurrenden Magen auch zuverlässig zur Raison bringen. Mein Sohn ordert eine so gesuchte Spezialität wie Pizza peperoni, den seltenen und gleichermaßen exotischen Gourmet-Klassiker der einheimischen Küche. Nichts ist so ecuadorianisch wie Pizza peperoni (in Berlin würde man dazu schlicht Pizza Salami sagen)!

Cuenca

Cuenca ist ein hübsches Städtchen und ein Kleinod, wie man es hierzulande nur selten findet. Die Stadt ist recht klein – man könnte sie zu Fuß von einem Ende zum anderen in gerade einer halben Stunde durchqueren –, aber dennoch gibt es eine Menge zu entdecken und der Besucher sieht seine Erwartungen nie enttäuscht. Zu seiner touristischen Anziehungskraft trägt nicht unwesentlich der Umstand bei, dass Cuenca sich seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, anders als viele andere Städte in Ecuador.

Wenn er aufmerksam durch die Stadt geht, kann der Besucher sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie sehr man in den letzten Jahren darum bemüht war, die historische Bausubstanz zu erhalten und Straßen und Plätze zu verschönern. Viele alte Häuser erstrahlen in neuem Glanz und außer der Hauptstadt Quito gibt es im Land wahrscheinlich keine zweite Stadt, die sich wie Cuenca um den Erhalt ihres historischen Erbes bemüht.

Viele Städte in Ecuador sind gesichtslose Orte ohne Vergangenheit. Das bedeutet nicht, dass sie keine Vergangenheit hätten, doch niemand interessiert sich dafür. Die Leute leben mit einer Ausschließlichkeit im Hier und Jetzt, dass man glauben könnte, für sie existiere die Vergangenheit einfach nicht. Man hat den Eindruck, nicht wenige wären sogar froh, wenn es ein Früher nie gegeben hätte, und wenn sie etwas anderes sein könnten, als das, wozu die Vergangenheit sie bestimmt hat. Doch was bedeutet schon Vergangenheit, wenn sie doch nur eine Last ist? Und welchen Wert hat Herkunft, wenn sie ein Erbe mit sich bringt, das man am liebsten gar nicht annehmen möchte?

In Europa wird jedes noch so kleine Überbleibsel der Vergangenheit liebevoll restauriert, als ein Zeugnis der eigenen Geschichte und um sich des Weges zu vergewissern, den man durch die Zeiten zurückgelegt hat. Jeder Stein, in dem man den Gestaltungswillen eines Menschen verewigt sieht, erfährt eine Würdigung und wird gehegt und gepflegt. Hier in Ecuador scheint es nicht viele Dinge zu geben, an die die Leute ihr Herz hängen würden, und manchmal beschleicht mich ein böser Gedanke: Wären eines Tages die unersetzlichen Zeugnisse vergangener Epochen vernichtet, würden die meisten den Verlust wohl nur mit einem Achselzucken quittieren. Wozu sollte man zerfallende Gemäuer mühevoll erhalten wollen? Für viele liegt darin keine Logik, zumal man etwas Neues mit viel weniger Aufwand errichten könnte.

Viele Orte im Lande lohnen kaum die Anstrengungen der langen Fahrt und wenn es einen dann doch einmal hierher verschlägt, fragt man sich nur immer ungläubig, warum man es eigentlich für eine gute Idee gehalten hat, hierher zu kommen. Es gibt Städte, die dem Reisenden nicht einmal die minimalen Annehmlichkeiten eines gewissen urbanen Komforts gestatten, der etwa in einem Café bestünde, in dem man ganz entspannt seinen Cappuccino genießen kann.

Wenn man zum Vergnügen reist, einfach um des Reisens willen, darf man ruhig ein wenig egoistisch sein. So wie man seinen Hunger kaum mit Wassersuppe zu stillen vermag, ist es unmöglich, die Reiselust durch einen Besuch in einer Stadt wie etwa Santo Domingo zu befriedigen – man geht so hungrig von dannen, wie man gekommen ist. Die meisten jener Orte ohne Geschichte hat man ohnehin vergessen, kaum dass man ihnen den Rücken kehrt. Und traurig ist man nur, dass man sie nicht schnell genug verlassen hat.

Cuenca ist anders. Cuenca ist eine Stadt mit Geschichte und mit Einwohnern, denen es ein ernstes Anliegen zu sein scheint, sich dieser Geschichte zu erinnern und ihre steinernen Zeugen der Nachwelt zu erhalten. Deshalb pflegt man die alten Gemäuer, restauriert die traditionsträchtigen Häuser, unterhält Museen und archäologische Parks. Doch die Heimatpflege hat ihren Preis und dass Cuenca so ganz anders ist als viele andere Städte in Ecuador, kommt nicht von ungefähr: In der Zeit der Krise verließen viele Menschen den Ort, um im Ausland ein besseres Leben zu finden. Man sagt, die Stadt sei wohlhabend, was man gern glauben möchte, wenn man die schön herausgeputzten Fassaden sieht und die ordentlichen und sauberen Bürgersteige. Viele der Auswanderer haben in der Fremde tatsächlich ein besseres Leben gefunden. Das Geld, das sie regelmäßig in ihre alte Heimat schicken, hat dabei geholfen, den Aufschwung zu befeuern, dessen Blüte man überall in der Stadt beobachten kann.

Durch die Tierra helada nach Cuenca

Von Guayaquil geht es weiter nach Cuenca. Wir hatten unsere Reise in Bahía de Caráquez begonnen und dann über Montecristi nach Guayaquil fortgesetzt. Jetzt verlassen wir die Hafenmetropole am Pazifik. Wir fahren auf dem mehrspurigen Highway über die Brücke, die uns von der Stadt im Delta des Río Guayas über Durán immer weiter nach Osten führt. Bei Boliche schwenken wir nach Süden und nun verläuft die Route entlang der Küste, parallel zum Delta des Río Guayas.

In Ecuador gabelt sich die Panamericana – ein Zweig folgt dem Hochtal der Anden zwischen Ost- und Westkordillere, der andere führt an der Küste entlang nach Süden. Wir fahren auf dem Küstenzweig jener Lebensader, die den ganzen Kontinent von Nord nach Süd verbindet. Würde man dieser Route immer weiter folgen, käme man irgendwann nach Machala, dem großen Ausfuhrhafen für eines der wichtigsten Exportgüter des Landes: Bananen. Da Ecuador der weltgrößte Bananenexporteur ist, könnte man die Stadt mit einigem Recht als die Welthauptstadt der Banane bezeichnen, aber außer den Frachtterminals und der alljährlich stattfindenden Miss-Wahl hat die Stadt dem Besucher kaum etwas zu bieten.

Die Autopista zieht sich schnurgerade durch die flache Schwemmlandebene östlich des Flusses. Das Land ist bis in den entferntesten Winkel von einem Meer aus Gras überzogen. Die unendlichen Weiden müssen der Traum jedes Großagrariers sein, denn Rinderherden könnten hier das ganze Jahr über grasen. Das Gras steht so saftig auf dem Halm, dass die Tiere wahrscheinlich nicht einmal zusätzliches Futter benötigten. Ich wundere mich, dass wir so wenige Herden sehen, doch die weite Ebene ist fast leer. Wie ein sattgrüner Ozean erstreckt sich das Grasland bis zum Horizont.

Bei Jesús María schlagen wir einen Bogen nach Osten, und die Route, auf der wir uns jetzt befinden, führt uns geradewegs nach Cuenca. Nur wenige Kilometer hinter der Küste überschreiten wir die Grenze zur Provinz Azuay. Von nun an geht es bis zur Passhöhe von Tres Cruces nur noch in eine Richtung, nämlich steil bergauf. Das Gebirge erhebt sich unvermittelt aus der Ebene und es steigt so schroff aus dem flachen Land wie die Bergketten von Mordor. Gleich einer schwarzen unüberwindlichen Mauer erstreckt sich der Gebirgszug von Horizont zu Horizont. In den Klüften hängen die Wolken wie weiße Federboas. Wer nach Cuenca will, muss dieses steinerne Bollwerk überwinden.

Beiderseits der Straße beginnt sich der Fels bedrohlich aufzutürmen. Die Berge rücken immer näher und dann ist die Straße plötzlich zwischen ihnen eingekeilt und der einzige Ausweg führt nach oben. Die Steigung nimmt weiter zu und bald windet sich die Autopista in immer irrwitzigeren Verrenkungen an der Flanke des Gebirges hinauf in Wolken und Nebel. Es scheint, wir haben die Pforten in eine andere Welt durchschritten, denn so schnell wir ins Gebirge eingetreten sind, so rasch wandelt sich der Charakter des Landes.

Immer wieder fahren wir durch Nebelschwaden, die so dicht sind, dass man entgegenkommende Fahrzeuge erst auf eine Distanz von zwanzig, dreißig Metern erkennt. Ungeachtet der Sichtverhältnisse befleißigen sich nicht wenige Verkehrsteilnehmer auch weiterhin einer recht sportlichen Fahrweise. Tapfer verzichten sie darauf, die Scheinwerfer einzuschalten, denn wie man weiß, liegt das Hauptaugenmerk im Straßenverkehr weniger auf der Sicherheit, sondern vielmehr darauf, die Autobatterie unter allen Umständen zu schonen. Mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Licht komme ich mir da fast schon wie ein Sonderling vor. Die Leute haben doch wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank und ich fürchte, ein freundschaftlicher Ratschlag würde nur dann fruchten, wenn man ihn mit dem Baseballschläger erteilte. Ich will mich vor diesen gemeingefährlichen Irren in Acht nehmen und fahre daher langsam und sehr, sehr aufmerksam.

Es ist nun merklich kühler geworden. Die tropisch heiße Küstenebene liegt hinter uns und auf dem Weg nach oben erreichen wir zuerst die Tierra templada mit ihren immergrünen regenfeuchten Wäldern. Die Gebirgslandschaft unterhalb der eisigen Höhen ist grün und üppig wie ein Garten Eden. Wolken streichen über die Flanken der Berge und der dichte Pelz der Vegetation kämmt die Feuchtigkeit aus der Luft. Blätter und Halme triefen vor Nässe. Die Stämme der Bäume glänzen feucht. Tauperlen glitzern auf Mooskissen. Die nebelfeuchte Luft fühlt sich an wie ein nasser Waschlappen.

An einer Raststation halten wir, um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Wir sind nun schon weit oberhalb der temperierten Zone und es ist unangenehm kühl geworden. Wenn man, so wie wir, nur mit Shorts und Sandalen bekleidet ist, kriecht einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Wir sind zu dieser Stunde die einzigen, die hier einen Zwischenstopp einlegen, und gäbe es keine Toiletten, bestünde auch gar kein Grund für eine Rast. Hinter dem Haus gibt die Landschaft den Blick auf das weite Bergpanorama frei: In der Perspektive scheint es, als würden sich die Bergketten übereinander türmen. Dabei werden sie immer blasser, bis sie schließlich der Dunst verschluckt. Weiße Wolkengirlanden hängen wie zerzupfte Wattebäusche zwischen den Graten.

Nach einem kurzen Zwischenstopp geht die Fahrt weiter, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Cuenca sein. Doch wir müssen immer weiter ins Gebirge hinaufsteigen: Ab einer Höhe von zweitausend Metern betreten wir die Tierra fría, das „kalte Land“. Bei über dreitausend Metern überschreiten wir abermals eine Grenze und vor unserem Auge breiten sich die leeren Fluren der Tierra helada aus, des „eisigen Landes“. Wolken hängen wie gefroren in den Hochtälern und eisige Winde streichen über das Páramo-Gras, das sich stachelig gegen die Kälte sträubt. Die typischen Bewohner dieser alpinen Region sind die Lamas, aber obwohl wir schon oft durch die Anden gereist sind, habe ich noch nie eines der Tiere zu Gesicht bekommen. Der Pass liegt auf über 4.100 Metern Höhe und nur ein paar Hundert Meter höher beginnt die Tierra nevada, das „schneebedeckte Land“, die grimmig kalte Welt des ewigen Eises. Von jetzt an geht es wieder hinab in grünere und vor allem in wärmere Gefilde.

Irgendwo auf einsamer Flur ereilt mich das Schicksal und mir drückt die Blase, dass ich kaum zu lachen wage, ohne fürchten zu müssen, ein peinliches Malheur zu provozieren. Aber irgendwann ist für jeden Reisenden einmal der Zeitpunkt gekommen, sich der Landessitte anzupassen. Ich mache es wie die Ecuadorianer: Man hält einfach irgendwo am Straßenrand und erledigt sein Geschäft, wie es sich eben ergibt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man sich gerade in menschenleerer Einöde befindet oder zufällig auf einer belebten Straße in einer großen Stadt. Die natürlichen Bedürfnisse gehen vor.

Glücklicherweise bin ich auf einer einsamen Landstraße, die sich durch eine gottverlassene Gegend in der Wildnis der Anden windet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine menschliche Siedlung gesehen habe – so lange liegt die Begegnung mit der Zivilisation zurück. Wir scheinen fast die einzigen zu sein, die auf dieser abgelegenen Verkehrsader durch die schroffe Bergwelt reisen. Man könnte am hellichten Tag einen Mord begehen und niemand würde es bemerken – es wäre nur schwer, in dieser menschenleeren Gegend ein Opfer zu finden. Ich rechne fest damit, dass mein Vorhaben unentdeckt bleibt.

Ich kann dem Druck nicht länger standhalten. Kurzentschlossen halte ich einfach irgendwo am Straßenrand. Ich verlasse den Wagen so eilig wie nur irgendjemand, den ein solch dringliches Vorhaben zu einem ungeplanten Stopp zwingt, und gehe ein Stück am Seitenstreifen entlang, bis ich genügend dichtes Buschwerk finde, das mir Deckung bietet. Der echte Ecuadorianer würde sich keineswegs um diese Art der Diskretion bemühen, denn für seine natürlichen Bedürfnisse muss man sich nicht schämen. Ich aber stelle mich hinter den Busch, denn ein echter Ecuadorianer bin ich noch lange nicht und ich fühle, dass es vollkommen sinnlos ist zu versuchen, einer zu werden.

Gleich neben der Straße senkt sich ein von üppigem Grün bewachsener Hang sanft zu einer Wiese hinab. Das Gras ist so grün wie die Almwiesen in der Milka-Werbung, und um das Bild zu vervollständigen, schneidet sich ein kristallklarer Bach durch die Flur. Ich höre das Wasser rauschen. Vögel zwitschern und der summende Flügelschlag von friedlichen Insekten liegt in der Luft. Wolkengebirge treiben majestätisch über ein Himmelsmeer aus Azur. Tiefe Stille liegt über diesem Bild und Frieden. Wer würde sich da nicht dem natürlichen Lauf der Dinge ergeben und einfach loslassen wollen.

Als die Geschäfte in diesem winzigen Teil des Universums im Begriff stehen, sich gemäß den ewigen kosmischen Gesetzen zu vollziehen, tauchen plötzlich zwei junge Frauen in der Tracht der Einheimischen auf. Sie erklimmen den Hang, der von der Wiese hinauf zur Straße führt. Ein verborgener Pfad leitet sie durch den dichten Bewuchs. Ich wundere mich, warum ich sie nicht eher gesehen habe, aber ich bemerke sie erst, als sie praktisch schon hinter mir stehen. Ich habe gerade noch Zeit, den Reißverschluss zuzuziehen und ich tue so, als wäre ich mit irgendetwas beschäftigt, nur nicht mit dem, wonach es auf den ersten Blick aussieht.

Sie grüßen freundlich – Buenas tardes, denn es ist ja schon später Nachmittag – und setzen dann ihren Weg fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, irgendwo in der Einsamkeit der Anden Gringos mit halb heruntergelassenen Hosen anzutreffen. Mein Problem harrt derweil noch immer einer Lösung und sobald der Überraschungsbesuch außer Sichtweite ist, folge ich dem Hang in ungezügelter Erwartung ein Stück weit nach unten. Hier nun, friedvoll verbogen unter schattigem Buschwerk, unter der Begleitmelodie von Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Baches, findet das Drama doch noch seine glückliche Auflösung. Was die beiden jungen Frauen in der idyllischen Einsamkeit der Berge eigentlich zu finden hofften, bleibt indes ein ungelöstes Rätsel.

Allmählich wird es dunkel und die Nacht senkt sich wie ein schwarzer Vorhang über die Anden. Kurz vor Cuenca, aber schon hinter der Passhöhe von Tres Cruces schneidet die Straße durch den Saum des Nationalparks von El Cajás. Die Landschaft ist anders als alles, was ich je gesehen habe. Sie wirkt so fremdartig, dass man gar nicht sagen könnte, ob man sie als schön oder als bedrohlich empfinden soll. Man könnte in der Tat glauben, man sei auf einem fremden Planeten gestrandet. Zwischen all dem Staunen fühle ich mich einen kurzen Augenblick an „The Long Rain“ erinnert, eine Kurzgeschichte aus der Feder Ray Bradburys. In der Filmadaption kämpft sich Rod Steiger unter immerwährendem Regen durch eine Landschaft voller bizarrer Gewächse. Zwar regnet es nicht, aber irgendwie habe ich den Eindruck, gäbe es eine alptraumhafte Version der Venus, müsste sie so aussehen wie die Landschaft in El Cajás. Leider ist es schon viel zu dunkel, um noch Fotos zu machen.

Die Straße führt nun gemächlich bergab und ich lasse den Wagen rollen. Auf den letzten paar Kilometern hängen wir uns an einen alten Transporter, dessen rechtes Hinterrad so bedenklich vor sich hin eiert, dass ich jeden Moment damit rechne, es könnte abfallen. Und tatsächlich, plötzlich wird das Eiern zu einem wilden Schlagen, das sich auf das ganze Auto überträgt. Und dann knickt das Rad zur Seite ein wie die Knöchel eines Schlittschuhläufers, der sich zum ersten Mal im Leben auf Kufen zu halten versucht. Der Wagen rutscht nur noch auf der Achse, doch dem Fahrer gelingt es, sein Gefährt ohne Schaden zum Stehen zu bringen.

Nicht weit entfernt befinden sich Häuser und in den Fenstern sieht man Licht. Der Fahrer des Transporters würde also Hilfe finden. Cuenca liegt ganz in der Nähe und im Notfall könnte er mit dem Taxi in die Stadt fahren und dort auch übernachten. Es ist ein Glück, dass der Schaden nicht im Nationalpark oder auf der Passhöhe eingetreten ist, denn einmal gestrandet, würde es wahrscheinlich eine Ewigkeit dauern, bis Hilfe einträfe.

Wir haben unser Ziel nun fast erreicht. Dass man nicht mehr weit von der Stadt entfernt ist, erkennt man an den adretten Häuschen, die einem am Wegesrand begegnen. Alles wirkt so sauber und aufgeräumt und müsste man einen (etwas schiefen) Vergleich bemühen, würde man sagen, Cuenca sei die Schweiz Ecuadors. Aber Cuenca gilt in der Tat nicht nur den Ecuadorianern als eine der schönsten und vor allem als eine der saubersten Städte des Landes. Das Leben ist ähnlich organisiert wie in einer historischen Kleinstadt in Europa mit ihren alten Gemäuern und den schönen Fassaden, und wenn man über die sauberen Bürgersteige flaniert, hat man nicht selten den Eindruck, man befände sich in einer Stadt auf dem alten Kontinent und nicht in Ecuador. Und wirklich gibt es in Spanien ebenfalls ein Cuenca, denn ganz ähnlich wie die Spanier bemüht waren, die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat in die überseeischen Kolonien ihres Weltreiches zu verpflanzen, überzogen sie den neuen Erdteil mit Kopien ihrer Städte.

Wir sind im Augenblick vor allem daran interessiert, unser Hotel zu finden, was trotz Navi keine leichte Aufgabe ist, denn in der Stadt wird gebaut und viele Straßen sind gesperrt – die Gleistrassen für die neue Straßenbahn werden gerade verlegt. Wir müssen im Hotel anrufen, um den Weg zu erfragen, doch mit ein wenig Glück finden wir die „Cuenca Suits“ dann doch. Nach einer langen anstrengenden Fahrt über die eisigen Passhöhen der Anden sind wir froh, uns endlich ein wenig ausruhen zu dürfen. Doch es ist noch nicht spät genug, als dass man den Abend guten Gewissens im Hotel ausklingen lassen könnte. Und wir haben Hunger. Und so machen wir uns alsbald wieder auf, um das abendliche Cuenca zu erkunden.

Ein Schiff und ein Versprechen

Wir steigen die 444 Stufen wieder hinab und bummeln über die Uferpromenade. Wie es die Vorsehung will, befindet sich die Tía Juanita in der Stadt und meine Frau ist so erpicht darauf, sie und ihre Cousine zu treffen, als hätte sie deren Gegenwart ein halbes Leben lang schmerzlich entbehren müssen. Es scheint, man unternimmt nur deshalb weite Reisen, um immer wieder dieselben Menschen zu treffen, nur eben an verschiedenen Orten. Die Begegnung hat etwas von einem hochoffiziellen Regierungstreffen an sich und erst nachdem den Formalitäten, nach denen ein solch offizielles Treffen verlangt, Genüge getan ist, dürfen wir unseren Weg fortsetzen.

Nicht weit entfernt liegt die „Guayas“ am Kai vertäut, das Segelschulschiff der ecuadorianischen Marine. Das trübe Wasser des Flusses bewegt sich träge um ihren Bug. Blätter, Zweige und manchmal ganze Stämme treiben langsam am schlanken Rumpf des majestätischen Schiffes vorbei. Die „Guayas“ ist ein schönes Schiff, aber vielleicht empfindet man es nur so, weil Segelschiffe wie kaum ein anderes von Menschenhand geschaffenes Vehikel zum Sinnbild für Abenteuer und Romantik geworden sind. Zwar gehören diese Dinge einer fast vergessenen Vergangenheit an, genauso wie die Blutrache und der Frauenraub, dennoch glaubt man sie in diesem stolzen Schiff aufs Schönste verkörpert zu sehen.

Hin und wieder gibt sich die Marine die Ehre und dann darf man das Schiff sogar betreten. Alle sind herzlich zur Besichtigung eingeladen, auch solche ausgewiesenen Landratten wie wir. Der Kapitän und seine Offiziere begrüßen die Besucher an der Gangway. In ihren weißen Galauniformen erwecken sie ein wenig den Eindruck, sie hätten sich soeben vom Set der Serie „Love-Boat“ davongestohlen. Während der Kapitän jeden Besucher militärisch knapp mit Ehrenbezeugung und die Damen sogar mit Handkuss begrüßt, passt die Mannschaft auf, dass sich keiner der Besucher unter Deck verirrt – wahrscheinlich ist man nicht mehr dazu gekommen, die Kajüten aufzuräumen. Und wer es doch wagen sollte, die geheiligten Gesetze der christlichen Seefahrt zu brechen, wird eben Kiel geholt.

Anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 bot sich uns die seltene Gelegenheit zu einem Rundgang auf der „Guayas“. Leider können wir das Schiff an diesem Tag nur vom Ufer aus bestaunen. Der Anblick ist wirklich beeindruckend. Wie erst muss es sein, wenn das Schiff unter vollen Segeln durch die Wellen gleitet!

Wir sind am Ende unserer Besichtigungstour und die Zeit drängt wieder einmal unerbittlich. Bis zum Abend wollen wir in Cuenca sein. Wir nehmen ein Taxi zurück zum Hotel, wo der Wagen auf einem sicheren Parkplatz schon startbereit auf uns wartet. Sich mit dem eigenen Auto durch den dichten Verkehr zu quälen, käme angesichts der zu erwartenden Strapazen einer Strafe gleich. Das Taxi kostet nicht einmal zwei Dollar und außerdem kennt der Fahrer den Weg (ich aber nicht).

Wir verstauen ein paar letzte Gepäckstücke im Wagen und dann rollen wir auch schon Richtung Cuenca, neuen Abenteuern entgegen. Doch als wir von Guayaquil Abschied nehmen, sind wir ein wenig traurig. Ich empfinde Wehmut, jener Stadt Lebewohl zu sagen, die ich doch eben erst zu entdecken begonnen habe, deren Duft und deren Klang ich gerade erst kennenlernen durfte. Es ist ein Abschied, der das Versprechen einer Rückkehr heraufbeschwört: Wir werden wiederkommen, irgendwann, und dann werden wir mehr Zeit haben, die große, verlockende und aufregende Stadt am Río Guayas zu entdecken.

Fürsten der Welt in Las Peñas

Wir haben nicht viel Zeit, aber wir wollen die Stadt nicht verlassen, ohne eines ihrer Glanzstücke besichtigt zu haben. Guayaquil hat viele Attraktionen zu bieten, doch das Viertel „Las Peñas“ kann mit Sicherheit als der Höhepunkt einer jeden Besichtigungstour betrachtet werden. Das berühmte Viertel befindet sich oberhalb der Uferpromenade am Río Guayas. Aber dem Besucher, der die phantastische Aussicht über die Stadt und das Delta des Flusses genießen will, wird auch einiges abverlangt, denn um bis auf den Gipfel des Berges zu gelangen, an dessen Flanken „Las Peñas“ emporwächst, muss man insgesamt 444 Stufen erklimmen. Jede einzelne Stufe ist nummeriert, so dass der sportliche Flaneur stets im Bilde ist, welches Quantum an Qual ihm noch bevorsteht.

Die Hitze ist an diesem Tag so unerträglich wie an allen Tagen. Sobald man die kühle Hotellobby verlassen hat, rinnt einem der Schweiß aus allen Poren, und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. In „Las Peñas“ begegnen uns zwei ältere Herren, beide offenbar Bewohner des Viertels und beide von der gesetzt würdevollen Art, wie sie für Senioren hierzulande als üblich und unerlässlich empfunden wird. Sie unterhalten sich angeregt, während sie Seit an Seit durch die schön renovierten Gassen schlendern. Ihre Hemden und sogar die Hosen sind vorn und hinten so vollständig durchgeschwitzt, dass man glauben könnte, sie hätten gerade an einer Wasserschlacht teilgenommen. Das tut ihrer Würde aber keinen Abbruch, denn ganz gleich, ob Hoch oder Niedrig – schwitzen muss hier jeder.

„Las Peñas“ ist einer der ältesten Stadtteile Guayaquils und man hat in den letzten Jahren weder Kosten noch Mühen gescheut, um die traditionelle Architektur wieder instand zu setzen, nachdem sie in jahrzehntelanger Dekadenz dahingedämmert war. Das Viertel wurde von Grund auf erneuert. Dabei hat man es jedoch glücklicherweise vermieden, den Stadtteil in ein Schaukästchen für Touristen zu verwandeln, und so leben in dem traditionsreichen Viertel bis heute die angestammten Bewohner.

Man wünschte, dass noch mehr Städte auf solch umsichtige Weise saniert würden, aber oft regiert der Pragmatismus klammer Kassen oder einfach nur Ignoranz und die historisch wertvolle Bausubstanz weicht gesichtsloser Zweckarchitektur. Das ist schade, aber leider nicht zu verhindern, solange die Menschen kein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ihre historischen Monumente einen Wert haben, der weit über das hinausgeht, was sich in Dollar und Cent bemessen lässt.

Wir klimmen mühsam die Stufen empor. Die Hitze macht uns den Aufstieg zur Qual, doch für die Mühen werden mit mit einem atemberaubenden Blick auf den Río Guayas und die Stadt an seinem Ufer belohnt. Etwa alle fünfzig Stufen gelangt man zu einer Plattform, auf der wir einen kurzen Moment lang verweilen, und während wir ruhen und die Schweißbäche einzudämmen versuchen, die uns unaufhörlich aus allen Poren brechen, genießen wir den Ausblick.

Wir begegnen an diesem Tag kaum einmal jemanden, der aussieht wie ein Tourist. Hin und wieder trifft man einen Bewohner des Stadtteils, doch die meisten scheinen es angesichts der Temperaturen vorzuziehen, im kühlen Innern ihrer Häuser zu verweilen. Alle fünfzig Meter grüßt uns ein Polizist. Ich weiß nicht, wie die Leute es den ganzen Tag lang in der prallen Sonne aushalten, noch dazu in dicker schwarzer Montur und mit kugelsicherer Weste. Die Gesetzeshüter wirken auch gar nicht wie der einfache Schutzmann von der Ecke, sondern erinnern eher an die Mitglieder einer Antiterroreinheit. Ich will hoffen, dass ich mich täusche.

Wir fühlen uns so sicher wie man sich nur fühlen kann: Es ist überhaupt kein Problem, die Kamera hervorzuholen und Bilder zu machen. Niemand beobachtet einen und vor allem ist da niemand, dem es ein ernstes Anliegen zu sein scheint, die Kamera immer schön im Auge zu behalten. Es gibt kaum Leute auf der Straße und wenn man doch einmal jemanden trifft, ist es nicht selten ein netter Polizist, der einem höflich den Weg weist. Wir sind uns bewusst, dass die Polizei ihre Leute nicht zum Spaß auf den Hügel beordert hat, und wir schätzen den Dienst, der es uns erlaubt, einen entspannten Vormittag in den Gassen von „Las Peñas“ zu verbringen.

Dann endlich haben wir auch die 444ste Stufe genommen und wir befinden uns an der höchsten Stelle des Viertels. Eine milde Brise empfängt uns auf dem Gipfelplateau und verschafft uns ein wenig Kühlung. Der Anblick, der sich uns bietet, ist einfach nur atemberaubend. Die Schlussszene eines James-Bond-Films oder einer Romanze könnte hier spielen. Der Blick streift bis zu den äußersten Rändern der Stadt, die wie eine Fata Morgana im Dunst des Flussdeltas verschwimmen. Stromaufwärts sieht man eine Insel, die wie ein Floß auf dem Wasser zu treiben scheint. Auf beiden Seiten wird sie von den mächtigen Armen des Río Guayas umflossen. Dort liegt Durán, eine Vorstadt der Hafenmetropole. Brücken spannen sich als filigrane Viadukte über die Wasser. Der Anblick ist so unwirklich, dass man an einen Traum glauben könnte, würde man nicht den sengenden Stachel der Hitze spüren und würde einem nicht unaufhörlich der Schweiß von der Stirn tropfen.

Auf dem Gipfel des Hügels gibt es einen Leuchtturm und eine kleine Kirche. Man findet die Überreste der Kasematten jener Festung, in der einst die Küstenbatterie untergebracht war. Von hier aus war es den Kanonieren möglich, das ganze Delta des Río Guayas unter Feuer zu nehmen und deshalb wurde die Festung immer wieder beharrlich gegen jeden Angreifer verteidigt. Der Märtyrer des Vaterlandes sind Legion.

In unmittelbarer Nähe steht der Leuchtturm. Wenn man die Aussichtsplattform unter dem Leuchtfeuer betritt, hat man den Eindruck, man stehe auf dem Gipfel der Welt und die Erde breite sich unter einem aus gleich einer Morgengabe, die nur darauf warte, dass man von ihr Besitz ergreife. Der Anblick ist so über alle Maßen schön, dass man leicht vergisst, wie viele Gefahren dem Reisenden begegnen in der Stadt am Fluss, die gleich einer betörenden Vision daliegt am Fuße jenes Hügels, der sich wie eine heilige Akropolis über die Köpfe der Menschen erhebt.

Frischer Wind am Río Guayas

Unser Hotel befindet sich in der Nähe der Avenida Quito. Das ist eine Straße, über die der Autoverkehr auf acht Spuren dahinfließt, und zwar auf acht Spuren in jede Richtung! Am Morgen sind die Straßen noch leer, doch ab Mittag kann man erleben, dass selbst sechzehn Spuren nicht ausreichen, den Verkehr der Stadt aufzunehmen. Man fragt sich verwundert, wie viele Autos nötig sind, damit all die Fahrspuren von einer einzigen kompakten Blechwalze verstopft werden können.

Man möchte dies für Wahnsinn halten, aber irgendwie scheint es symptomatisch für eine Stadt, die in allem das Extrem sucht. In Guayaquil fühlt man sich immer ein wenig an New York erinnert. Die Straßen sind nach dem gleichen regelmäßigen Muster wie in Manhattan angelegt und die quirlige Atmosphäre spiegelt wie in der Metropole am Hudson River den allgegenwärtigen Wunsch nach Veränderung wider.

Ich habe Guayaquil immer als einen heißen, brodelnden Moloch empfunden, nicht als eine Stadt, in der man gern leben möchte. Doch jetzt, da ich diesen Ort neuerlich besuche, fühle ich mich auf eigenartige Weise hingezogen zu der Stadt am Río Guayas. Ich fühle Sympathie für diesen außergewöhnlichen Ort, und ich weiß, dass ich die Stadt mag, und zwar gegen meinen Willen und wahrscheinlich auch gegen meine bessere Einsicht.

Guayaquil ist so ganz anders als das beschauliche Quito mit seinem architektonischen Erbe aus der Kolonialära und seinem steifen konservativen Vermächtnis. Eingezwängt zwischen Bergen, lässt die Hauptstadt die weite Perspektive des Geistes vermissen. Neue Ideen müssen sich langsam ihren Weg durch die Berge suchen und sie gelangen nur allmählich zu den Menschen, die lieber am Althergebrachten festhalten, als dass sie es zuließen, ihren Alltag durch neue Einsichten erschüttern zu lassen. Quito ist stockkonservativ und es hat ein schier unüberwindliches Beharrungsvermögen – so mancher Reformer und so mancher Revolutionär hat sich an der Stadt schon die Zähne ausgebissen.

Guayaquil ist eine Hafenstadt und wie bei allen großen Städten am Meer fühlt man den frischen Wind neuer Ideen und weltumstürzender Ansichten durch die Gassen wehen. Die Meeresbrise macht den Kopf frei und befruchtet das Denken. Denn der Ozean hat einen weiteren Horizont als die Berge und der Samen, der von jenseits des Meeres in die Stadt getragen wird, findet einen günstigeren Nährboden, um zu keimen und zu sprießen. Guayaquil war immer das Zentrum (und nicht Quito), von dem aus neue Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen fanden. Durch die Jahrhunderte war die Stadt ein Hort des Aufruhrs und der Revolution und ein wenig von diesem rebellischen Geist hat sich durch die Zeit gerettet. Ich bin gern in Guayaquil und ich bedauere, dass ich die Stadt so lange Zeit unterschätzt habe, denn Guayaquil ist ein großartiger Ort für Ideen.

Spaziergang mit Hund

Am nächsten Tag gehe ich schon am frühen Morgen mit dem Hund Gassi. Die Geschäfte sind noch geschlossen und die Straßen sind wie ausgestorben. Obwohl wir uns im Stadtzentrum befinden, begegnen mir keine Fußgänger. Ich fühle mich ein wenig verloren, denn ich bin ganz allein. Ich könnte nackt durch die Straßen laufen und niemand würde es bemerken. Der Autoverkehr fließt nur dünn auf den viel zu breiten Straßen dahin. Nach der langen anstrengenden Nacht braucht die Stadt Zeit, um wieder in ihren gewohnten Rhythmus zurückzufinden. Wo sind nur all die Nachtschwärmer geblieben? Wahrscheinlich liegen sie ohnmächtig in ihren Betten. Die Stadt fühlt noch immer die Nachwirkungen der nächtlichen Exzesse und erst allmählich erwacht sie aus ihrem Delirium.

Ich versuche einen Flecken Rasen zu finden, auf dem der Hund sein Geschäft verrichten kann, und ich laufe deshalb die Straßen rund um das Hotel ab. Doch meine Suche ist aussichtslos, denn alle Bürgersteige sind durchgehend gepflastert. Es gibt keine Blumenrabatten oder Straßenbäume, keine Rasenstreifen und keine Beete. Der Hund kann sein Geschäft nämlich nur auf Rasen verrichten und wenn Tiere genauso wie Menschen Marotten haben, dann hat dieser Hund ganz bestimmt einen Tick.

Wir laufen an die zwei Kilometer und der Hund markiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Revier, ganz so, als gehörte die Stadt ihm. Denn solange er auf einsamer Flur ist, gebärdet er sich, als sei er der Chef. Kommen aber Rivalen in Sicht, will er nur schnell auf den Arm genommen werden, ganz besonders dann, wenn die Artgenossen ihm körperlich überlegen sind. Am Ende finden wir doch noch eine winzige Erdscholle, kaum größer als ein Fußabtreter, und da endlich lässt der Hund sich herbei zu tun, weswegen wir den morgendlichen Spaziergang unternommen haben.