Ein Jahr haben wir in Ecuador gelebt, von August 2015 bis August 2016. Wir – das sind meine Frau, ich und unser vierzehnjähriger Sohn. Es war ein spannendes Jahr, ein turbulentes Jahr, angefüllt mit Abenteuern des Alltags und berstend vor Überraschungen. Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, mindestens zwei Jahre unter der Äquatorsonne auszuharren, doch sehr bald machte uns die Wirklichkeit klar, dass sich unsere Pläne nicht verwirklichen lassen würden.
Gute und schlechte Seiten
Man könnte meinen, ich wüsste nur von den negativen Seiten zu erzählen, nie aber hätte ich etwas Positives zu berichten. Doch wenn man mich fragt, worin ich die Gründe sehe, die letztlich verhinderten, dass wir in Ecuador Fuß fassten, würde ich wohl kaum von der Freundlichkeit der Menschen sprechen, von ihrer Fröhlichkeit und scheinbaren Sorglosigkeit, von der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die wir allerorten erfuhren, oder von den herrlichen Stränden, der bezaubernden Landschaft der Küste, aber auch von der Magie der Anden in all ihrer Ehrfurcht gebietenden Pracht. Die Medaille hat bekanntlich immer zwei Seiten, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand an einem Übermaß an Glück gescheitert wäre.
Wunsch und Wirklichkeit
Unsere Unternehmung war von dem durchaus romantischen Wunsch getrieben, vielleicht auch eine neue Heimat in den Tropen zu finden. Doch von Anfang an stand fest, dass wir den Sprung ans andere Ende der Welt nicht wagen wollten ohne zumindest das Minimum an Sicherheit, das man braucht, um in schwierigen Zeiten nicht jeglichen moralischen Halt zu verlieren. In ein Land auszuwandern, über das man im Grunde kaum etwas weiß, ist an und für sich schon ein Wagnis, aber sich in die Ungewissheit zu stürzen, ob man nach dem Absprung auch sicher landen würde, war mehr, als unser Nervenkostüm verkraftet hätte.
Wenn man es genau nimmt, verkürzen sich alle Träume von einem besseren Leben stets nur auf die eine, alles entscheidende Frage: Wie bezahlt man es, dieses neue Leben. Glücklicherweise bot die Deutsche Schule Quito meiner Frau einen Vertrag an. Meine Frau stammt aus Ecuador und sie ist zudem Lehrerin und so schien sich auf geradezu schicksalhafte Weise zu verbinden, was unweigerlich zusammengehört. Es war immer ihr Traum, an der Deutschen Schule zu arbeiten, und nun sollte dieser Traum endlich wahr werden.
Leider sind Traum und Wirklichkeit nie dasselbe, doch man würde sie auch nicht verwechseln – dafür sorgt der Alltag mit größter Zuverlässigkeit. Es ließen sich gleich mehrere Gründe anführen, die verhinderten, dass wir unseren Aufenthalt über das eine kurze Jahr hinaus verlängerten, zwei aber erwiesen sich als ausschlaggebend: Die Deutsche Schule genießt in Ecuador einen exzellenten Ruf, denn sie gilt als ein Hort der Bildung im besten Sinne des Wortes. Doch der äußere Glanz ist oft nur Schein und ein tieferer Einblick in den Schulalltag offenbart, dass man den eigenen hohen Ansprüchen nicht immer gerecht wird. Vor den drängendsten Problemen verschließt man gar oft in fahrlässiger Weise die Augen. Meine Frau war dem schillernden Ruf erlegen, welcher der Institution „Deutsche Schule“ vorauseilt, doch es war unausweichlich, dass ihre hohen Erwartungen früher oder später an der Realität zerbrachen.
Das zweite Hindernis bei dem Versuch, in Ecuador Fuß zu fassen, sind die exorbitant hohen Lebenshaltungskosten: Alles ist teuer, und zwar viel teurer als in Berlin. Man mag sich darüber nur wundern, doch die Einführung des Dollars, der seit dem Jahre 2000 Landeswährung ist, hat dazu geführt, dass sich die Preise für Artikel des täglichen Bedarfs mittlerweile in stratosphärischen Höhen bewegen. Ein sehr gutes Gehalt reicht in Quito kaum aus, um für einen dreiköpfigen Haushalt einen durchschnittlichen Lebensstandard nach mitteleuropäischem Vorbild zu gewährleisten. In Ecuador braucht es für eine solide Existenzgründung vor allem eines: Kapital und nicht zu wenig davon.
Sierra und Costa
Ecuador ist nicht nur ein Land, das wie kein zweites auf der Welt verschiedenste Landschaftsformen auf engstem Raum vereint, sondern innerhalb seiner Grenzen auch Kulturen zusammenschweißt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Küste und Berge bilden kulturelle Großräume, die – abgesehen natürlich von der Sprache – kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. Das Ecuador, das man in den Anden antrifft, ist ein gänzlich anderes als jenes der Costa. Meine Frau stammt zwar aus Ecuador, aber die Jahre im Ausland haben sie vergessen lassen, wie sehr sich die Mentalität der Menschen wirklich unterscheidet.
Als Costeña, also als jemand, der von der Küste stammt, empfindet meine Frau die Serranos (die Leute aus der Sierra, d.h. aus den Bergen) als verschlossen, wortkarg, humorlos und distanziert. Die Menschen sind nicht leicht zugänglich. Es ist sehr schwer, einen persönlichen Kontakt herzustellen und Freundschaften bleiben rar. Viele Angehörige der Oberschicht, mit denen man als Angestellte einer Elite-Schule tagtäglich Umgang pflegt, tragen zudem einen eingewurzelten Dünkel vor sich her, als wäre Bigotterie eine Art Auszeichnung, auf die man stolz zu sein hat.
Trotz seiner prächtigen kolonialen Altstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, ist Quito eng und provinziell. Seine Bewohner sind in der Mehrheit stockkonservativ. Die Stadt ist zwar schön anzusehen und lohnt deshalb in jedem Fall einen Besuch, aber jemandem, der Freiheiten gewohnt ist, wie sie etwa das liberale Berlin zu bieten hat, muss die ecuadorianische Hauptstadt wie ein katholisches Provinznest vorkommen. Lebt man längere Zeit in den Anden, hat man das Gefühl, die Berge würden einen allmählich erdrücken. Wir nutzten jede Gelegenheit, um der Enge zu entrinnen: In den Ferien flohen wir an die Küste. Ein weiteres Jahr in den Anden hätte uns unweigerlich in Depressionen gestürzt.
Urlaub und Alltag
Ob man in einem Land lebt oder dort Urlaub macht, sind ebenfalls zwei Seiten einer Medaille. Wenn man mich fragte, ob eine Reise nach Ecuador lohnt, würde ich ohne zu zögern mit „Ja“ antworten. Die Antwort auf die Frage, ob Ecuador ein guter Ort sei, um dort zu leben, fiele jedoch nicht so eindeutig aus. Dem Reisenden, der im Land Urlaub macht, sind die Sorgen und Probleme des Alltags fern. Er erfreut sich der Sonnenseiten, ohne jemals den Schatten kennenzulernen. Nach drei Wochen geht er wieder fort und er nimmt nur die allerschönsten Erinnerungen mit nach Hause.
Ecuador ist ein phantastisches Urlaubsland, denn es wurde noch nicht vom Massentourismus überrollt und der Reisende findet eine Ursprünglichkeit vor, die anderswo längst verloren ist. Ecuador ist gesegnet mit landschaftlicher und kultureller Vielfalt und da das Land im Vergleich mit anderen Staaten des südamerikanischen Kontinents recht klein ist, kann man auch viel sehen, ohne allzu weite Strecken zurücklegen zu müssen. Eine Erkundung selbst der entferntesten Winkel ist umso leichter möglich, da man das Straßennetz in den letzten zwei Jahrzehnten großzügig erneuert und ausgebaut hat. Wem der geplante und bis zum letzten I-Tüpfelchen durchorganisierte Ferienspaß ein Graus ist, wird sich dem Charme des manchmal Provinziellen, des Unfertigen, des Zufälligen und Improvisierten kaum entziehen können. Doch wer das Unverfälschte sucht, wird es hier, an diesem Fleckchen Erde am Ende der Welt verlässlich finden.
Rückkehr nach Ecuador
Wir werden nach Ecuador zurückkehren – soviel ist sicher. Ob wir dort auch irgendwann leben werden, bleibt – wie alles im Leben – abzuwarten. Wir haben das Land von Ost nach West bereist und von Nord nach Süd, aber es gibt immer noch viele Orte, die der Entdeckung harren, und Abenteuer, die erst noch erlebt werden wollen. Vor allem aber möchten wir Bahía wiedersehen. Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, war stets Ausgangs- und Endpunkt all unserer Unternehmungen. Wir waren immer traurig, wenn unsere Reisen einmal nicht dorthin führten. Besäßen wir einen Kompass der geheimen Wünsche, wäre seine Nadel stets auf diese Stadt gerichtet, und hätten wir eine Landkarte unserer Sehnsüchte, läge Bahía wie der Nabel der Welt in der Mitte, am Schnittpunkt aller Nulllinien.
Ich glaube, es würde sich gut anfühlen, wieder in Bahía zu sein. Allein schon dieser Wunsch lässt mich tiefe Sehnsucht empfinden. Ist das Leben denn etwas anderes als eine Reise? Auch diese Reise wird einmal enden und irgendwo auf der Welt gibt es einen Ort, zu dem der letzte aller Wege führt. Und so sehe ich mich schon mit schlohweißem Haar und faltig wie ein vor dem Mast gealterter Skipper auf der Standpromenade von Bahía – so erquickend die Tropensonne für die Seele ist, so erbarmungslos ist sie zur Haut.
Ich mache zwar stets einen Witz daraus, doch als wäre sie Kassandra prophezeit mir meine Frau, dass es genau so kommen wird. Natürlich widerspreche ich und tue so, als würde ich ihr nicht glauben, wie der echten Kassandra, der niemand glauben wollte, obwohl sie doch stets die Wahrheit verkündete. Aber eigentlich finde ich gar nichts Schlimmes an der Vorstellung, meine Tage am Pazifik zu beschließen, und welcher Ort könnte dafür geeigneter sein als Bahía, diese freundliche Stadt, die von den grenzenlosen Weiten des Ozeans umschlossen wird wie ein elysisches Eiland.
Bis dahin haben wir noch viel Zeit – eine gefühlte Ewigkeit muss erst noch vergehen. Mir scheint, eher würde die Welt untergehen, als dass unsere Tage zu einem Ende kommen. Und all die viele Zeit, die noch aussteht, will ja auch erst einmal ausgefüllt sein – mit Leben! Es gibt so viel zu tun. Ich freue mich schon darauf …
Wir kehren zurück. Bahía erwartet uns.