Eine kurze Zusammenfassung des Wichtigsten, die Quintessenz aus einem Jahr Ecuador (Ergänzungen vorbehalten):
AUTOFAHREN
Autofahren ist eine Kunst für sich. Wer kaum Erfahrung am Steuer hat, nun aber das unbändige Verlangen verspürt, sich auf Ecuadors Straßen zu wagen, erlebt so manche unangenehme Überraschung: Der Straßenverkehr ist brutal, von gegenseitiger Rücksichtnahme keine Spur. Ein jeder will die Straße für sich haben und die meisten gebärden sich, als gehörte sie ihnen bereits. Wenn man da zufällig in die Quere kommt, darf man nicht mit Nachsicht rechnen. Auf den Straßen herrscht Krieg. Will man nicht untergehen, muss man sich mit größter Ruppigkeit behaupten – wie alle anderen. Wer sagt, dass Autofahren Spaß macht?
Natürlich gibt es Regeln, doch muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen. So ist etwa die Vorfahrt ein Recht, das man sich nur dann anmaßen sollte, wenn man einen Wagen fährt, der sich eignet, dieses Recht auch durchzusetzen: Nur allzu oft hat derjenige mit dem größeren Auto Vorrang. Da ist es verständlich, dass man Kleinwagen überhaupt nicht sieht, monströsen Pick-ups mit Trittleiter begegnet man hingegen an jeder Ecke. Man muss die Augen überall haben, denn es ist geradezu lebensnotwendig, auch für die zu gucken, die mit Scheuklappen in ihren SUVs sitzen und alles niederwalzen, was ihren Weg kreuzt.
AUTO KAUFEN
Zwar ist es möglich, mit dem Bus bis in die letzten Winkel des Landes zu gelangen, allerdings spielt dabei der Zeitfaktor eine nicht unwesentliche Rolle. Mit dem Bus braucht man Zeit, viel Zeit. Ein Vorteil des Busses besteht darin, dass er unschlagbar billig ist. Innerstädtisch zahlt man gerade einmal einen Vierteldollar und Überlandfahrten schlagen mit kaum mehr als einer Handvoll Dollar zu Buche. Flexibler ist man mit dem eigenen Auto aber allemal und wenn man in einer Urbanisation lebt (siehe dort), die sich womöglich auch noch am Stadtrand befindet, ist ein Auto einfach unerlässlich.
Autos sind teuer und die Finanzierungsmodalitäten muss man schon als kriminell bezeichnen. Unserer Erfahrung nach macht man beim Erwerb eines Neuwagens das beste Geschäft, wenn man die gesamte Kaufsumme gleich bar auf den Tisch legt. Ein Gebrauchtwagen ist kaum günstiger, es sei denn, es handelt sich um Schrott. Gebrauchte sind, unabhängig von Alter und Zustand, oft genauso teuer wie Neuwagen und darüber hinaus ist man auch noch den Manipulationen des Händlers ausgesetzt, der in jedem arglosen Kunden das dicke Geschäft wittert. Wer in Ecuador längere Zeit zu leben beabsichtigt, sollte sich in jedem Fall ein Auto anschaffen – ohne ist man nur ein halber Mensch.
AUTO MIETEN
In Ecuador sind zwar fast alle großen internationalen Autovermietungen vertreten, doch wer nun hofft, in einer der Filialen einen Wagen zu einem anständigen Preis leihen zu dürfen, irrt wie man nur irren kann. Man muss die Tarife schon als den Geld gewordenen Wahnsinn ansehen, denn zum Preis eines großen Wagens könnte man sich eine luxuriöse Karibikkreuzfahrt leisten, einschließlich persönlicher Betreuung durch einen Stewart. Ich kann eigentlich nur davon abraten, ein Auto zu mieten, es sei denn, die Geldspeicher quellen wieder einmal über und die Situation verlangt nach einer schnellen Lösung. Ein Mietwagen ist der mit Abstand sicherste Weg, den überflüssigen Zaster loszuwerden.
Eine andere Möglichkeit bestünde darin, ein Auto privat zu mieten. Das ist um Dimensionen billiger, doch hat die private Übereinkunft so ihre Tücken. Am besten wäre, wenn man jemand Vertrauenswürdigen hätte, der einem den eigenen Wagen für die Zeit des Urlaubs zur Verfügung stellt. Leider findet man solch einen Samariter höchst selten.
DOLLAR
In Ecuador bezahlt man mit dem US-Dollar: Dead Presidents, Greenbacks, Bucks oder einfach Dollars. Als ich im Jahre 1992 das Land zum ersten Mal besuchte, gab es noch den Sucre, die traditionelle Landeswährung. Wollte man damals ein Geschäft abwickeln, etwa Einkäufe auf dem Markt, bedurfte es gleich einer ganzen Handvoll Scheine. Die Summen, die dabei den Besitzer wechselten, gingen in die Tausende und wenigstens einmal im Leben konnte man sich fast wie ein richtiger Millionär fühlen. Bevor die gräulichen bis popelgrünen Banknoten in die eigenen Hände gelangten, waren sie in der Regel durch die Hände vieler anderer gegangen. So ein Sucres-Schein war daher oft labberig wie ein benutztes Taschentuch und nicht selten fühlte er sich auch genauso klebrig an.
Zur Verbesserung der Haptik, vor allem aber um die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen, beschloss man im Jahre 2000, die traditionelle Landeswährung zugunsten des US-Dollars abzuschaffen. Seitdem emittiert die FED das Geld und US-Präsidenten – allesamt entrückt in den Präsidentenhimmel – zieren die Banknoten. Nur die Kleinmünzen erscheinen parallel dazu als eigene Prägungen mit Konterfeis der Heroen der Republik.
Das Jahr 2000 bedeutet einen Einschnitt, und zwar nicht nur in finanzpolitischer Hinsicht und nicht nur für den Ecuadorianer, sondern auch für den, der das Land bereisen möchte, für den Touristen. Seit damals haben sich die Preise für Waren und Dienstleistungen aller Art stetig, aber unaufhaltsam internationalem Niveau angeglichen. Das derzeitige Preisniveau unterscheidet sich kaum von dem Westeuropas. Hohe Einfuhrzölle auf unverzichtbare Konsumartikel machen das Leben noch teurer. In Quito und Umgebung haben knappes Bauland und die Bodenspekulation dazu geführt, dass sich sowohl die Preise für Wohneigentum als auch die Mieten auf rekordverdächtigem Niveau eingepegelt haben. Ein relativ bescheidener Lebensstandard nach westeuropäischem Vorbild (kleine sichere Mietwohnung, Auto, gute Schule für die Kinder) ist teuer – teurer jedenfalls als in einer europäischen Metropole wie Berlin.
Die Zeiten, da man als Ausländer von einer kleinen Pension oder von seinem mühsam Ersparten wie ein Krösus leben konnte, gehören definitiv der Vergangenheit an. Manchmal sieht man in den Supermärkten alte Amerikaner, Gringos, die sich von ihrer Rente ein schönes Leben am Äquator erhofften, inklusive aller Klischees, die man sich nur erträumen mag: Sonne, Strand und exotisch schöne Frauen und am Abend Cocktails bis zum Abwinken. Viele wirken heruntergekommen und ihre spärlichen Einkäufe lassen vermuten, dass sie sich kaum das Nötigste leisten können. Ihren Lebensabend haben sie sich gewiss anders vorgestellt, nun aber sind sie hier gestrandet.
Ecuador ist ein teures Land. Doch man muss es selbst erlebt haben, glauben kann man es jedenfalls nicht – „Ecuador“ und „teuer“ wollen genauso wenig zusammenpassen wie „Schweiz“ und „billig“. Selbst der Tourist, der nur kurz in die Realität dieses Landes eintaucht, bleibt von den Auswirkungen der Preissteigerungen nicht verschont: Hotels liegen preislich etwa auf demselben Niveau wie in Deutschland und ein Besuch im Restaurant kommt den Besucher tendenziell teurer zu stehen als in Europa.
Als Alternative bietet sich Streetfood an oder man kauft sich gleich etwas im Supermarkt. Allerdings gibt es in Ecuador keine Discounter, die Lebensmittel zu Aldi-Preisen offerieren und Waren des täglichen Bedarfs im Allgemeinen sind sehr, sehr teuer. Unsere Wocheneinkäufe versetzten mir immer einen regelrechten Schock und ich frage mich bis heute, wie es den einfachen Leuten da gelingt, auch nur einen Monat zu überleben. Alles ist irrsinnig teuer – auch dank des Dollars, der einem, wohin man auch geht, regelrecht aus den Taschen gesaugt wird. Aber was sollte man mit den übriggebliebenen Sucres nur anfangen? Ich kenne keine Wechselstube, die erfreut darüber wäre, sie zurückzutauschen (Ich habe das einmal mit kolumbianischen Pesos versucht: Der Mann hinter der kugelsicheren Scheibe sah mich an, als versuchte ich ihm ein Briefchen mit Koks anzudrehen.).
FOTOGRAFIEREN
Neben den unvergesslichen Eindrücken, allerlei Souvenirs für die Mottenkiste und einer womöglich nahtlosen Bräune sind die Fotos die eigentliche Trophäe, die man aus dem Urlaub mitbringt. Es ist fast, als hätte der Urlaub gar nicht stattgefunden, wenn es nicht Bilder gäbe, die das Gegenteil beweisen, und mit denen man übrigens auch noch Jahre später Verwandte, Freunde und Kollegen ins Koma langweilen kann. Bilder sind unserer Erinnerung Stütze und Anker und an manche Dinge erinnern wir uns nur, weil ein Bild davon erzählt.
Um in Ecuador zu fotografieren, bedarf es nicht wenig Fingerspitzengefühls. Dabei ist es noch leichter, mit dem Handy ein schnelles Foto zu schießen, als mit einer Kamera auf ein Motiv anzulegen. Oft ist die Sichtbarkeit der ausschlaggebende Punkt: Wenn man in einer Gegend, die man als „authentisch“ bezeichnen würde, eine Kamera mit Teleobjektiv hervorholt und sich im selben Augenblick mindestens zehn Augenpaare wie auf Kommando darauf richten, sollte man den diskreten und vor allem schnellen Abgang in Erwägung ziehen.
An den touristischen Hotspots ist das Fotografieren kein Problem, denn in der Regel sorgt hier eine nahezu lückenlose Kette von Ordnungshütern für Sicherheit. Doch wo immer es Menschenansammlungen gibt, findet man auch jene Elemente der Gesellschaft, die ihr Auskommen damit bestreiten, naiven Gringos das Fell über die Ohren zu ziehen. Und die Leute verstehen ihr Geschäft – davon sollte man ausgehen. Allein schon die Tatsache, anders auszusehen, bewirkt, dass man zur Projektionsfläche für Träume vom schnellen Geld wird, und dass man je mit einem Ecuadorianer verwechselt werden könnte, darf als wenig wahrscheinlich gelten. Es ist unverzeihliche Ignoranz, noch zusätzlich auf sich aufmerksam zu machen, indem man den Leuten mit einer teuren Kamera vor dem Gesicht herumfuchtelt.
Die Kamera sollte immer so verwahrt werden, dass sie vor unerwünschten Blicken sicher ist. Generell muss man strikt davon abraten, teure Ausrüstung – Kameras, Handys, Tablets – in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Ecuadorianer würde so etwas Dummes niemals tun. Nur in Ausnahmefällen ist es möglich, sich ganz ungezwungen dem Fotografieren hinzugeben: wenn man sich an einem gesicherten Ort aufhält; wenn man unter Freunden ist oder unter Menschen, denen man vertraut; wenn man ganz allein in der Natur ist (denn dann ist niemand da, der es auf die Kamera abgesehen haben könnte); am Strand von Bahía, wenn Hunderte Menschen Handys und Teleobjektive auf den Sonnenuntergang richten.
KRIMINALITÄT
Kriminalität ist ein Thema, dessen Bedeutung durch die Perspektive bestimmt wird, aus der man es betrachtet: Für einen Ecuadorianer gelten Zustände als normal, die einem Mitteleuropäer als einziger Exzess der Rechtlosigkeit und der Gewalt erscheinen müssen. Kriminalität und Gewalt sind auf eine Weise in den Alltag der Menschen eingedrungen, wie man es sich als Angehöriger einer halbwegs intakten Zivilgesellschaft kaum vorstellen kann, und dabei ist Ecuador noch nicht einmal das abschreckendste Beispiel auf der noch unten offenen Skala menschlicher Abgründe.
Ein tief verwurzeltes Gefühl der Unsicherheit durchzieht alle Gesellschaftsschichten: Jeder könnte jederzeit Opfer werden. Die Menschen sind darauf bedacht, ihre Familie, sich selbst und ihren kostbaren Besitz zu schützen: Man schließt sich von der Außenwelt ab und zieht sich zurück in die Sicherheit von Mauern. Viele Urbanisationen (siehe dort) gleichen Festungen. Kilometerlange Mauern zergliedern die Städte in eine Ansammlung sterbenslangweiliger Wohnghettos. Viel mehr als in der Alten Welt ist Sicherheit eine Frage des Geldes wie des sozialen Status.
In Deutschland bin ich noch nie Opfer eines Verbrechens geworden, doch fragt man die Leute hier in Ecuador, wird man schwerlich auch nur einen finden, dem eine solche Erfahrung erspart geblieben wäre. Nahezu jeder kann aus eigenem Erleben berichten und doch offenbaren die Geschichten, die man dann zu hören bekommt, nur den kleinsten Teil des Horrors. Die immer wiederkehrenden Alpträume, denen sich die Menschen schutzlos ausgeliefert sehen, sind so schrecklich, dass es schwerfällt, sie für wahr zu halten. Und doch sind sie Teil der Realität dieses Landes.
Da man so leicht Opfer werden kann, sind die Menschen extrem vorsichtig. Das Misstrauen ist so groß und so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie man überhaupt noch ein normales Leben führen kann, wenn man niemandem mehr trauen darf. Nach einem Jahr Ecuador war mir die allgemeine Paranoia schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass mir gar nicht mehr auffiel, wie sehr sich mein Verhalten verändert hatte.
Erst in Berlin wurde ich gewahr, dass ich jedes Mal, wenn ich beabsichtigte, die Wohnung zu verlassen, penibel die Taschen prüfte, Ausweise, Kreditkarte und Handy unerreichbar für Taschendiebe am Körper verwahrte, mich in wenig frequentierten Straßen versicherte, dass mir niemand folgte, Passanten daraufhin taxierte, ob sie mir gefährlich werden könnten, und für den Fall der Fälle eine Fluchtstrategie bereithielt. Wenn ich mit Fremden redete, kehrte das Misstrauen manchmal mit der Heftigkeit eines Flashbacks zurück und ein Teil meines Hirns quälte mich mit der bohrenden Frage, was mein Gegenüber in diesem Moment wohl im Schilde führe. Es ist schwer, von alten Gewohnheiten zu lassen. Wie schwer aber muss es sein, wenn man nie etwas anderes kennengelernt hat?
Das Niveau der Kriminalität in Ecuador ist um Größenordnungen mächtiger als in Deutschland, sowohl was die Wahrscheinlichkeit betrifft, Opfer zu werden, als auch im Hinblick auf die Schwere der Straftaten. Gewalt ist durchaus Bestandteil des Alltags und bis zu einem gewissen Grade wird sie sogar akzeptiert. Viele haben resigniert. Sie glauben nicht mehr an Veränderungen. Wie ein Lepra-Kranker hat sich die Gesellschaft damit abgefunden, dass der gefährliche Bazillus sie langsam auffrisst. Man überlässt die Welt sich selbst, während man die Pandemie wie Fürst Prospero hinter Mauern auszusitzen versucht.
Absolute Sicherheit gibt es natürlich nicht, kann es auch nicht geben, nirgendwo auf der Welt. Den besten Schutz bietet immer noch Unauffälligkeit. Im Zweifelsfall fragt man die um Rat, die es wissen müssen: die Ecuadorianer. Als Reisender sollte man nie zu stolz (oder zu ignorant) sein, sich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen. Schließlich ist man nicht zuhause und ein wenig Vorsicht, gepaart mit etwas Demut, kann den Unterschied zwischen einer unvergesslich schönen Reise und einem nicht minder unvergesslichen Horrortrip bedeuten.
REISEN
Wie kaum ein anderes Land in Lateinamerika bietet sich Ecuador geradezu für Individualreisen an. Mit der Küstenebene, den Anden und dem Urwald vereint die Nation unter der Äquatorsonne drei große Landschaftsformen, die unterschiedlicher kaum sein könnten (zählt man den Galapagos-Archipel noch hinzu, sind es sogar vier). Der Reisende kann an nur einem Tag in das tropische Flair der Costa eintauchen, sich von der majestätischen Pracht schneebedeckter Vulkanriesen verzaubern lassen und schließlich den geheimnisumwitterten Pfaden des Amazonas-Urwaldes folgen. Zugegeben, eine Tour wie diese wäre wohl mehr eine Strapaze denn ein Abenteuer, aber immerhin ist sie möglich und dazu müsste man noch nicht einmal in ein Flugzeug steigen.
Verglichen mit den meisten Destinationen in Europa, hat sich in Ecuador vielerorts der Charme des Ursprünglichen erhalten. Vom Massentourismus in all seinen unheilvollen Erscheinungsformen ist das Land glücklicherweise verschont geblieben. Doch Ungebundenheit und Freiheit zeigen ihr janusköpfiges Antlitz, wenn man einmal auf die vertrauten Sicherheiten der touristischen Infrastruktur angewiesen ist (und sei es, dass es einen nach einem guten Kaffee verlangt). Reist man allein, ist man auf sich selbst gestellt, und wenn etwas schief geht, ist es manchmal nicht einfach, Hilfe zu finden (oder guten Kaffee). Eine Gruppenreise unter der Leitung eines erfahrenen Fremdenführers kann da eine durchaus lohnende Alternative sein.
Auf eigene Faust reist man allemal abenteuerlicher, denn man erlebt mehr; Begegnungen sind spontan und unvorhersehbar und alles fühlt sich viel intensiver an, als wäre das Leben in einem Brennglas fokussiert: In den landschaftlichen Großräumen Costa, Sierra und Oriente zeigt sich nicht nur die reiche Natur Ecuadors – die Verschiedenartigkeit der Landesteile offenbart zugleich die große kulturelle Mannigfaltigkeit, für die das Land berühmt ist. Das wahre Abenteuer einer authentischen Begegnung beginnt meist aber erst dort, wo man auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen ist. Grundkenntnisse der spanischen Sprache sind dabei leider unerlässlich, denn auf Englisch, die Lingua franca des 21. Jahrhunderts, trifft man in manchen Gegenden mit Sicherheit seltener als auf das einheimische Quechua.
Dass man Ecuador so vorzüglich bereisen kann, liegt vor allem an dem hervorragend ausgebauten Straßennetz: Selbst noch zu den entferntesten Orten führen seit neuestem schön gebaute Asphaltpisten. Allerdings sollte man viel Zeit einplanen, denn obwohl die Fahrer der Bus-Kooperativen ihre Maschinen bei jeder Gelegenheit ans Limit treiben (und die Passagiere in Angstpsychosen), ist man mit dem eigenen Wagen natürlich schneller. Zudem garantiert das Auto eine ungleich größere Bewegungsfreiheit. Wer sich aber auf das Abenteuer einlassen möchte, einen Wagen zu mieten (siehe dort), sollte sich schon einmal auf saftige Tarife einstellen.
Sicherheit ist ein wichtiges Thema (siehe „Kriminalität“). Ecuador ist weit davon entfernt, einen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung fürchten zu müssen – im ganzen Land gelten nach wie vor Recht und Gesetz. Leider tun sich die Ordnungshüter manchmal schwer, ihnen flächendeckend Geltung zu verschaffen. Doch wenngleich die Verbrechensrate höher ist als etwa in einem Land Mitteleuropas, darf man Ecuador dennoch guten Gewissens als sicheres Reiseziel ansehen.
Vorsichtsmaßnahmen sind aber empfehlenswert: Man sollte sich ein gesundes Misstrauen bewahren – immer und überall. Vertrauen muss hierzulande erst verdient werden. Vertrauensseligkeit ist eine Torheit, vor welcher der Ecuadorianer natürlich gefeit ist, nicht zuletzt durch die bitteren Erfahrungen des Alltags, aber wer könnte hinter einem bezaubernden Lächeln schon etwas Böses vermuten? Den besten Schutz vor kriminellen Übergriffen bieten immer noch ein gesunder Menschenverstand, etwas Menschenkenntnis, Aufmerksamkeit und vor allem Unauffälligkeit.
Natürlich hindert einen niemand daran, über Quitos Plazas zu schreiten wie weiland Quatermain, der große weiße Jäger – gerade unter ausländischen Touristen erfreut sich der flamboyante Abenteurer-Look besonderer Beliebtheit. Man darf davon ausgehen, dass man sich so nicht nur vollkommen lächerlich macht, sondern auch die Aufmerksamkeit von Leuten auf sich zieht, denen man lieber nicht begegnen möchte. Ein klein wenig Bescheidenheit lässt einen vor den Einheimischen in einem besseren Licht dastehen und sorgt zugleich für mehr Sicherheit.
SPANISCH
Wenn stimmt, was man sagt, nämlich dass ein Mensch, der zwei Sprachen spricht, zwei Menschen wert ist, dann fühlt man sich in Augenblicken, in denen zwei Sprachen gefordert sind, man aber lediglich eine spricht, nicht selten nur als halber Mensch. Nicht anders ergeht es dem Reisenden, der ecuadorianischen Boden betritt: Ohne elementare Kenntnisse der spanischen Sprache gerät man hierzulande regelmäßig in Situationen, die einem vor Augen führen, dass Englisch zwar eine Weltsprache ist, aber eben nicht überall auf der Welt und schon gar nicht in Ecuador.
Mit Ausnahme Brasiliens und einiger kleinerer Länder an der Peripherie hat die spanische Sprache Süd- und Mittelamerika nachhaltiger durchdrungen, als sie es selbst in ihrer Herkunftsregion, der iberischen Halbinsel, vermochte, denn nach wie vor finden sich in Spanien zahlreiche Regionalsprachen. Im Gegensatz zum Deutschen oder gar zum Englischen liegen die regionalen Varietäten des Spanischen nicht allzu weit auseinander, so dass sich etwa ein Kubaner problemlos mit einem Argentinier, ein Mexikaner leicht mit einem Spanier verständigen kann, und wer einmal Spanisch spricht, findet sich überall in der hispanischen Welt zurecht.
Mit Englisch kommt man in Ecuador nicht weiter, und zwar nicht einmal auf Ämtern oder in den zahlreichen Shopping-Malls, die der Ecuadorianer so liebt. Wenn man das Land auf eigene Faust bereist, hat man oft genug Gelegenheit festzustellen, dass die Leute ausschließlich Spanisch sprechen, und wenn einem dann nur englische Vokabeln einfallen, steckt man in einer Sackgasse. Doch zu schweigen, ist auch keine Option. Der schweigsame, hochmütige Deutsche ist ein typisches Klischee hierzulande, und wenn man eines auf keinen Fall will, dann doch wohl, dass man solchen wenig schmeichelhaften Stereotypen entspricht.
In Ecuador ist es mehr als bloß ein Lapsus, kein Spanisch zu sprechen. Nicht wenige empfinden solches Unvermögen als grobe Nachlässigkeit und auch als unhöflich. Man meint, auch Fremde sollten ihr Anliegen in der Landessprache vorbringen. Wer sich jedoch der Mühe unterzieht, die Sprache zu erlernen, wird für seine Anstrengungen doppelt belohnt: Nicht nur wird die eigene Welt größer und man wird von seinem Gegenüber als Person mit eigenen Ansichten, Überzeugungen und Standpunkten wahrgenommen, die Leute honorieren auch das Bemühen und sie freuen sich, dass man ihre Sprache zu sprechen versucht.
Das Spanisch Ecuadors oder Castellano, wie man es hierzulande manchmal nennt, ist eingängig, denn die Aussprache ist sehr deutlich und vor allem sprechen die Leute langsam, viel langsamer jedenfalls als die Spanier, deren Sprache einem atemlosen Stakkato gleicht. Es gibt also keinen Grund, sich dem Spanischen zu verweigern, da man doch nur Vorteile hat, wenn man es zu sprechen versteht. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass der spanischen Sprache eine Bedeutung zukommt, die der deutschen verwehrt bleibt: Sie ist eine Weltsprache mit offiziellem Status bei den Vereinten Nationen. Da kann man nur sagen: ¡Aprendet Español!
URBANISATIONEN
Eine Urbanisation ist eine geschlossene Wohnanlage. Dabei handelt es sich um ein Dutzend bis hin zu mehreren Hundert Wohneinheiten, die von einer hohen Mauer umgeben sind. Der Festungsring wird in aller Regel von den bewaffneten Angehörigen einer Wachschutzfirma nach Art einer Staatsgrenze gesichert. Anderswo heißen solche Anlagen Guarded Communities, also bewachte Wohnanlagen, und Zutritt hat nur, wer hier wohnt oder wer hier arbeitet.
Urbanisationen sehen aus wie Satellitenstädte, sind aber keine, denn es gibt in ihnen keinen Platz, an dem städtisches Leben stattfinden könnte: Man findet keine Geschäfte, keine Restaurants, keine Kinos, keine Kindergärten, keine Schulen, nichts, was irgendwie an Leben erinnerte. Die meisten dieser Siedlungen sind so lebendig wie die Attrappen-Städte, die man in die Wüste New Mexicos gestellt hat, um etwas über die Auswirkungen von Atombombenexplosionen zu erfahren. Eigentlich bin ich darauf gefasst, dass mich jeden Moment eine thermonukleare Druckwelle von den Beinen reißt.
In einer Urbanisation gibt es nichts als Wohnhäuser und Straßen. Begegnet man Fußgängern, handelt es sich ausnahmslos um Bedienstete. Wer hier lebt, fährt standesgemäß mit dem eigenen Wagen vor, Fußgänger würdigt man keines Blickes. Zu Fuß zu gehen oder mit dem Bus zu fahren, erachten viele der Residenten als unter ihrer Würde, denn im Fußgänger erkennt man den Rangniederen auf der sozialen Leiter.
Nicht wenige der Bewohner kommen nur zum Schlafen; an den Wochenenden wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Es ist nicht wirklich schön, in solch einer Schlafstadt zu leben. In Berlin geht man vor die Tür und ist mitten im Leben, hier aber hat man den Eindruck, man hätte sich auf einen Friedhof verirrt. Doch irgendwo in der Stadt zu wohnen, ganz ohne Wachschutz, ist keine Alternative, nach der man sich wirklich sehnt, am allerwenigsten die Ecuadorianer.