Bahía por siempre y para siempre

Der Tag, an dem wir von Bahía Abschied nehmen, ist grau und trüb. Meer und Himmel verschmelzen miteinander, so dass das Auge zwischen den Elementen kaum zu unterscheiden vermag. Fast scheint es, die Welt wäre in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, da Himmel und Meer noch nicht voneinander geschieden und alles noch Eins war. Der Ozean brandet donnernd gegen die Küste und es fällt mir nicht leicht, das Gefühl der Melancholie zu bezwingen, das mich beim Gedanken an den Abschied so schmerzlich überkommt. Es ist das letzte Mal, dass wir den Pazifik sehen. Ein blinder Himmel hängt gleichgültig über der Stadt, die so leer wirkt, als hätten die Menschen ihr für immer den Rücken gekehrt.

Wir verlassen Bahía in dem Gefühl, dass es keine Rückkehr geben wird. Gefühle können bekanntlich täuschen – und ich hoffe sogar, dass ich mich irre –, aber der Morgen, an dem wir aus der Stadt fortgehen, lässt uns zurück mit der quälenden Gewissheit eines endgültigen Abschieds, eines Abschieds ohne Wiederkehr.

Unser Entschluss steht fest und die Entscheidung ist bereits vor langer Zeit gefallen: Wir werden Ecuador verlassen. Unsere innige Verbundenheit mit der Stadt und ihren Menschen, mit der Familie und den Freunden vermag nichts daran zu ändern – sie macht uns den Abschied nur schwerer. Selbst der noch so starke Wunsch, die unbeschwerte Zeit möge niemals enden, kann nicht verhindern, dass wir am Ende des Tages in Guayaquil sein werden und nur wenige Wochen später in Berlin. Die Zeit vergeht und irgendwann ist auch dieses Stück Leben, von dem man glaubte, es würde ewig dauern, einfach bloß vorbei.

Unsere Zeit in Ecuador mag fast abgelaufen sein, doch unser Abenteuer muss erst noch seinen würdigen Abschluss finden. Das letzte Kapitel unserer Reise wartet darauf, geschrieben zu werden. So viel in diesem Land harrt noch der Entdeckung, so viel muss noch mit eigenen Augen geschaut werden, in so viel Erleben muss noch geschwelgt werden. Ein ganzes Leben reichte dafür kaum aus, geschweige denn dieses eine, viel zu kurze Jahr, das uns für Erkundungen zur Verfügung stand, und das sich nun unerbittlich seinem Ende neigt.

Bevor wir zurückkehren auf die andere Seite der Welt, wollen wir ein letztes großes Unternehmen wagen, das der donnernde Schlussakkord unserer Odyssee sein soll. Es wird die letzte Reise sein, die wir in Ecuador unternehmen. Manche der Wege, auf denen wir das Land durchqueren werden, sind uns bereits vertraut, andere werden wir erkunden.

Von Bahía aus folgen wir der Küste in südlicher Richtung und nach einem kurzen Zwischenstopp in Montecristi, wo wir der Ciudad Alfaro einen neuerlichen Besuch abstatten, führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Guayaquil und 444 Stufen hinauf über die Stadt. Über die Pässe der Cordillere gelangen wir nach Cuenca, wo wir Orte besuchen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und kulinarischer Genüsse teilhaftig werden, die niemand hier vermutet hätte. Ingapirca wird eine vertraute Station auf unserem Weg sein, doch von hier an folgen wir der abenteuerlichen Route ins Unbekannte.

Riobamba liegt noch an der Panamericana. Von diesem verschlafenen Andenstädtchen nimmt auch der Weg seinen Ausgang, auf dem wir zum Chimborazo reisen, den höchsten Berg Ecuadors. Unser unwiderstehlicher Aufstieg wird uns bis in die eisigen Höhen der Tierra helada führen und weder die Elemente – Wind und frostige Temperaturen – noch unsere lachhaft dilettantische Ausrüstung werden den Gipfelsturm vereiteln. Ein übellauniger Parkranger wird uns stattdessen zur Umkehr anhalten.

Von den windigen Gletscherhöhen aus führt unser Weg geradewegs in den Urwald: Bei Ambato, das wieder an der Panamericana liegt, zu der wir zurückkehren, nachdem wir den Chimborazo um ein Haar bezwungen haben, vollführen wir einen Schwenk nach Osten ins Amazonas-Tiefland, vorbei am berühmten Baños. In Puyo umfängt uns zum ersten Mal der Regenwald in verschwenderischer Pracht und von hier aus geht es zu unserer nächsten Etappenstation nach Tena, das als das eigentliche Tor zum Oriente gilt. Durch dichten Wald führt die Reise weiter nach Norden und über Baeza finden wir schließlich glücklich zurück ins vertraute Cumbayá.

Wir sind viel gereist, wir haben viel gesehen und viele Orte in Ecuador besucht, aber mein Herz hängt an Bahía. Am liebsten hätte ich das ganze Jahr hier verbracht. Doch unsere Besuche konnten immer nur Stippvisiten bleiben, kaum länger als ein paar Tage, und dann kehrten wir schon wieder in den Alltag zurück.

Bahía ist eine Stadt, wie man keine zweite in Ecuador findet. Die ganz besondere Atmosphäre lässt sich nur schwer beschreiben und wer hier noch nie gewesen ist, kann nicht verstehen, worin die Faszination dieses Ortes liegt. Aber jemand, der in seinem Leben noch nie das Meer gesehen hat, vermag sich ja auch nicht vorzustellen, wie machtvoll der Ozean nach seiner Seele greift, bis er ihn dann mit eigenen Augen sieht. Bahía wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Bahía de Caráquez, du Schöne – wir werden dich vermissen.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.