Carcrash

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Als wir durch Newark (New Jersey) fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht. Was sollte also schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“ meint er achselzuckend.

Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er eine Cap wie es Gangsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen.

Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: Keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch einmal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Ich habe diesen Artikel schon einmal gepostet (zum originalen Blogpost geht’s hier). Als ich aber kürzlich meine Notizen durchsah, stellte ich fest, dass ich damals vieles ausgelassen hatte – aus Zeitgründen, aus Gründen der Bequemlichkeit oder weil ich meine verstreuten Notizen nicht für wichtig genug erachtete. Dass etwas fehlte, wurde mir jedoch erst klar, nachdem ich den Artikel wieder gelesen hatte – merkwürdig, dass man sich selbst belügen kann, obwohl man sich doch jederzeit völlig durchschaut.

Ich habe nun den ursprünglichen Artikel um die fehlenden Teile ergänzt. Hier und da habe ich ihn vorsichtig aufgefrischt, denn man kann sich noch so viel Mühe geben – die eigenen Texte bleiben eine ewige Baustelle. Gern hätte ich ein paar Fotos eingestellt, doch leider hat man letztes Jahr in unsere Wohnung in Santa Inés eingebrochen. Unsere Laptops und die Kamera wurden gestohlen und alle Bilder, die wir bis zu diesem Zeitpunkt aufgenommen hatten, sind verloren. Denn dass alle Geräte auf einmal abhanden kommen sollten, damit rechnet man nun doch nicht. Und glauben kann man es ohnehin nicht, auch wenn es dann tatsächlich passiert (erhalten haben sich nur die Bilder, die ich schon auf die Website geladen hatte – es sind leider viel zu wenig).

Hier nun lege ich noch einmal den Bericht von unserer amerikanischen Odyssee vor, einer Odyssee wohlgemerkt, die keinen so versöhnlichen Ausgang finden sollte wie die Irrfahrt des berühmten Griechen. Zum Glück mussten wir keine gefräßigen Zyklopen täuschen und auch nicht die tödlichen Sirenenfelsen umschiffen. Ich hatte es nur mit der Autovermietung zu tun, doch am Ende war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob der Zyklop nicht doch der angenehmere Zeitgenosse wäre.

Ich habe den ursprünglichen Artikel nun auf mehrere Posts verteilt, denn mit den Ergänzungen wäre der Text viel zu lang geworden. Jetzt kann man sich zwischendurch auch einmal eine Pause gönnen und außerdem ist jeder einzelne der überarbeiteten Artikel thematisch gestrafft, was die Lesbarkeit erleichtern dürfte. Viel Spaß beim Lesen!

The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Cuy asado mit Promis

Am Nachmittag verlassen wir Mindo. Nach den Feiertagen möchte alles nur schnell nach Hause und der Verkehr auf den gut ausgebauten Straßen spült uns zurück nach Quito. Als ich, meinen Gedanken nachhängend, so dahinfahre, gewahre ich plötzlich aus den Augenwinkeln ein bekanntes Gesicht. Ich stoppe fünfzig Meter weiter auf einem staubigen Parkplatz und meine Frau nimmt die Kamera, um ein paar Fotos zu schießen. Ich bleibe lieber im Auto, denn die Gegend macht ganz den Eindruck, als könnte man damit rechnen, zwei gefüllte Geldbörsen vorzufinden statt einer, wenn man zum Wagen zurückkehrt.

Tatsächlich grinst Andrew Zimmern von der Plakatwand herab und in der Hand hält er etwas, wofür seine Show „Der Alles-Esser“ berühmt ist: exotic food. Wir sind in Ecuador und natürlich muss es ein Cuy sein, ein Meerschweinchen – das sind die süßen quiekenden Flauschbällchen, bei deren Anblick Kinderaugen ganz feucht werden und die man in Deutschland in jeder Zoohandlung kaufen kann. Er hätte auch im Urwald fette Käferlarven essen können, aber das gibt es schon genug und die Leute verlangen nach immer neuen Sensationen. Hier nun steckt das Cuy am Spieß und ich kann mich nicht dafür verbürgen, dass Zimmern es nicht schon wie einen Lolly abgeleckt hat, bevor die Aufnahme gemacht wurde. Jedenfalls guckt er ganz so, als würde er die Requisite gleich nach dem Shooting verspeisen wollen.

Ich habe später gegoogelt, um mehr herauszufinden, nicht über das Meerschweinchen, über Zimmern. Ich dachte immer, er sei nur so ein lustiger dicker Mann, der komische Dinge isst und es damit auch zu einiger Popularität gebracht hat, aber in Wahrheit scheint er der Besitzer und CEO seines eigenen Food-Imperiums zu sein. Und sein Unternehmen ist keineswegs klein: Zimmern ist einfach omnipräsent und mindestens die Hälfte des Internets ist mit seinen Shows sowie seinen zahlreichen Geschäftsaktivitäten ausgelastet (den restlichen Platz brauchen die Bilder, auf denen man ihn sehen kann).

Aber die Amerikaner lieben nun einmal Food-Shows, obwohl in diesem Land kaum noch jemand selber kocht, und der Verzehr einer Spezialität wie etwa Cuy mag vielen fast schon so exotisch vorkommen wie die Münchener Weißwurst. Man gruselt sich nur zu gern, wenn man dabei im eigenen Heim gemütlich vor dem Fernseher sitzen kann. Solange die Pizza von der freundlichen Fastfoodkette um die Ecke pünktlich geliefert wird, ist die Welt in Ordnung. Den Rest sollen ruhig die anderen essen – und natürlich Zimmern.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]

In Quito

Quito empfing uns nicht wie üblich mit azurblauem Himmel und Schäfchenwolken, sondern Grau in Grau. Der ecuatoriansche Zoll – der strengste der Welt – ließ uns dafür aber merkwürdigerweise ungeschoren davonkommen (nicht, dass wir etwas zu verbergen gehabt hätten). Aber in der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass wir aus Gründen, die uns verborgen blieben, lange Wartezeiten und Kofferinspektionen über uns ergehen lassen mussten. Vor ein paar Jahren führte ich versehentlich vier Äpfel im Handgepäck ein; ich hatte sie als Verpflegung mitgenommen. Diese unbedachte Handlung zog einen längeren Aufenthalt in einem Büro des Zolls nach sich, wo ich ein fünfseitiges eng bedrucktes Protokoll auszufüllen hatte. Anschließend wurden die Äpfel konfisziert. Ich hoffe, sie haben geschmeckt.

Diesmal verfuhr der Zoll ausgesprochen milde mit uns: wir wurden recht gelangweilt durchgewinkt. Die Durchsuchung der Koffer hatte schon Homeland-Security vorgenommen. Dabei war natürlich das Kofferschloss geknackt worden. Ein Zettel im Innern des Koffers informierte mich darüber, dass rechtliche Schritte gegen diesen Eingriff in meine Privatsphäre ausgeschlossen seien. Zugleich dankte man mir für meine Kooperation (Thank you for your cooperation). You are welcome!

Auf dem Flughafen empfing uns mein Schwager, der Bruder meiner Frau. Die erste Schwierigkeit bestand darin, ein geeignetes Taxi zu finden, denn die Taxigesellschaft, die für den Flughafen arbeitet, verfügt merkwürdigerweise nur über kleine Autos. Man sah nur Kleinwagen, keine Vans oder Kleinbusse – ich muss annehmen, der übliche Fluggast reist mit leichtem Gepäck. Unsere fünf Koffer und die zahlreichen Handgepäckstücke hätten niemals in eines dieser Taxis gepasst. Man schlug uns vor, doch stattdessen einfach zwei Taxis zu nehmen. Das hätte dann auch den doppelten Preis bedeutet. Doch meine Frau, in diesen Dingen viel versierter als ich, ist ein echter Profi-Pfennigfuchser und hat sofort Abzocke gewittert. Mein Schwager kam uns zu Hilfe: Er hat einen Bekannten, der selber Taxi fährt, und er sollte uns zusammen mit den Koffern nach Quito schaffen.

Das Auto, das wir zu sehen bekamen, war eine Enttäuschung: Es war kaum größer als eines der Flughafentaxis und hatte den Zenit seiner Haltbarkeit schon lange überschritten. Ich zweifelte, dass wir überhaupt nur die Hälfte der Gepäckstücke würden darin verstauen können. Doch der Mann entpuppte sich als ein wahres Pack-Genie. Es gelang ihm tatsächlich, den Kofferraum so zu füllen, dass nirgendwo auch nur eine flache Hand zwischen Koffer und Fahrzeugwand passte. Einige Stücke des Handgepäcks nahmen wir auf den Schoß und dann ging es auch schon los Richtung Quito.

Vielleicht hatte der Fahrer seinem altersschwachen Gefährt ein wenig zu viel zugemutet; Die Federn waren vollständig zusammengedrückt, so dass man jede Bodenwelle spürte, und selbst leichte Steigungen ließen sich nur mit dem zweiten Gang und mit Vollgas bewältigen. Aber wir schafften es dann doch, auch dank der vorzüglich ausgebauten Straßen, die europäischem Standard in nichts nachstehen. Die derzeitige Regierung hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Wichtige Verkehrswege wurden großzügig ausgebaut, nachdem die Vorgänger das ganze Land förmlich verrotten ließen. Als ich 1992 Ecuador bereiste, fand ich nur hundsmiserable Schlaglochpisten vor. Diese Zustände gehören nun der Vergangenheit an.

Der Fahrer erzählte, dass er früher ebenfalls für die Taxigesellschaft des Flughafens gearbeitet hätte, aber nicht genug verdient habe. Eine Schicht dauerte 24 Stunden, danach hätten die Fahrer 24 Stunden am Stück frei. In einer Schicht verdiente man 50 Dollar. Jetzt arbeitet er selbständig als sein eigener Taxiunternehmer, kann arbeiten, wann er will, und verdient pro Schicht so um die 80 Dollar.

In Quito setzte das völlig überladene Taxi mehrfach auf und wir spürten einen Ruck durch den Unterboden in unsere Beine, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer von unten dagegen geschlagen. Einmal blieben wir sogar hängen und wir kamen erst wieder frei, als mein Schwager und ich (die beiden Schwersten im Auto) ausstiegen und schieben halfen. Auch als wir an eine kleine Anhöhe kamen, mussten wir wieder aussteigen, weil der Motor einfach zu schwach war, das Taxi samt seiner schweren Ladung hinaufzubefördern.

Dann kamen wir endlich ans Ziel, einen Stadtteil, den Touristen für gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Eine Freundin meiner Frau hatte die eigene Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie lebt seit vielen Jahren schon in Europa und reist nur selten nach Quito. Die Wohnung nutzt sie mehr oder weniger als Abstellkammer, manchmal übernachtet sie dort auch für eine kurze Zeit. Die Einrichtung verströmt den Charme der 70er Jahre. Es gibt auch Fernseher, die man aber getrost als vorsintflutlich bezeichnen darf. Auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gab eine Zeit, da nannte man solche Geräte ehrfürchtig Kofferfernseher. Angesichts der geradezu explodierenden Preise für Hotels und Wohnungen sind wir froh und dankbar, dass wir kostenlos übernachten dürfen.