Trucks auf Abwegen

Gegen halb Drei sind alle glücklich im Auto versammelt und wir können nach Cuenca aufbrechen, der nächsten Station unserer Reise. Google, der hilfreiche Internetmonopolist, führt uns sicher aus der Stadt und ins Gebirge, das sich schon wenige Kilometer hinter der Küstenebene drohend in den Himmel erhebt. Auf halber Strecke nach Cuenca, irgendwo auf der gewundenen Autopista, zwischen einem Wegschrein der Jungfrau und einer einsamen Raststätte oberhalb der malerischen Berglandschaft, zwingen uns die vorausfahrenden Wagen zu einem Stopp. Zunächst begreife ich nicht, was geschehen ist, doch dann sehe ich, dass sich am Ausgang einer Kurve auf der Gegenspur ein Unfall ereignet hat.

Ein weißer Truck hat sich überschlagen. Anhand der Unfallspuren lässt sich leicht auf den Hergang schließen: Wahrscheinlich hat der Fahrer die Kurve zu eng genommen, so dass das rechte Vorderrad in den Graben geriet. Der Wagen neigte sich immer stärker zur Seite; schon fräste sich der Kotflügel in die Böschung und dann kippte er über, rutschte noch ein Stück auf dem Dach und blieb liegen, die Räder hilflos in die Luft gestreckt. Der Unfall muss sich nur Sekunden zuvor ereignet haben, denn als wir eintreffen, drehen sich die Räder noch. Weitere Fahrzeuge halten und bald ist eine bunte Schar von Schaulustigen und Helfern am Unfallort versammelt.

Irgendwann versucht man, den Wagen mit vereinten Kräften wieder umzudrehen, doch das Unterfangen ist aussichtslos. Es gelingt den Hilfswilligen lediglich, den schweren Pickup ein wenig auf dem Dach zu drehen. Einer hilft besonders eifrig, aber erst spät erfahre ich, dass es sich um den Fahrer handelt. Offenbar ist ihm nichts passiert, doch seine übertriebene Agilität und seine fahrigen Bewegungen deuten darauf hin, dass er unter Schock steht. Niemand empfiehlt ihm Ruhe, niemand möchte bis zum Eintreffen der Polizei warten, und ich wette, wäre es gelungen, den Wagen wieder auf die Räder zu drehen, hätte unser Fahrer seinen Weg fortgesetzt, als wäre nichts geschehen. Die Ordnungshüter lassen derweil auf sich warten. In beiden Richtungen vom Unfallort aus gibt es auf viele Kilometer keine Siedlungen, nur Berge und Wolken und Einsamkeit.

Wir fahren weiter – helfen können wir ohnehin nicht. Die Sonne nähert sich allmählich der zerklüfteten Horizontlinie. Am liebsten möchten wir hinter jeder Wegbiegung anhalten, um das großartige Panorama in ein Foto zu bannen. Leider gibt es nirgends Haltebuchten oder Parkplätze und einfach irgendwo stehenzubleiben auf der Autopista, die über keinen Seitenstreifen verfügt, wäre geradezu lebensgefährlich. Ein Unfall an diesem Tag reicht uns und so haben wir nur zweimal Gelegenheit zu eindrucksvollen Fotos.

Wir treffen in Cuenca bei völliger Dunkelheit ein. Doch Google-Maps lässt uns nicht im Stich – wir finden die „Cuenca Suites“ so leicht, dass ich mich zu fragen beginne, warum wir in unserem alten Auto ein Navi haben mussten, das uns fast öfter in die Irre als zum Ziel führte. Die „Cuenca Suites“ gehören nicht eben zu den preiswertesten Etablissements in der Stadt (aber gewiss zu den angenehmsten). Wir buchen jedoch online und tatsächlich gelingt es uns, ein Sonderangebot zu ergattern.

Unsere erste Mahlzeit in der Stadt nehmen wir im „Angelus“ ein, einem American Deli gegenüber der Kirche. Wir sind seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen und für den nächsten Tag sind wieder welterschütternde Unternehmungen geplant. Ich zappe mich noch ein wenig durch das reichhaltige Fernsehangebot – die Freuden des Pay-TV sind inklusive – ehe mir die Fernbedienung vor Müdigkeit fast aus der Hand fällt. Cuenca erwartet uns.

Kost und Logis

Cuenca ist auf Besuch eingerichtet: Fast in jeder Straße findet der Reisende eine Pension, nahezu an jeder Ecke ein Hotel. Die meisten jener Etablissements sind in alten Bürgerhäusern untergebracht, die zum Teil aufwändig restauriert und dabei oft geschmackvoll und auch sehr behutsam umgestaltet worden sind, so dass der ursprüngliche Charakter des Ortes erhalten blieb. Die Übernachtung ist in der Regel nicht ganz billig, aber dafür logiert man auch in angenehmem Ambiente.

Die „Cuenca Suits“, in denen wir das Glück haben, zwei Nächte zu wohnen, sind zwar ein neues Hotel, doch der Bau fügt sich perfekt in die örtlichen Traditionen ein – auf den ersten Blick würde man nicht vermuten, dass das Haus nicht schon immer hier gestanden hat. Betrieben wird das Hotel von einem dänisch-ecuadorianischen Paar. Alles ist neu, hochwertig und schön. Das Innere wirkt weitläufig wie das Herrenhaus einer großen Hacienda. Wir wohnen in einem riesigen Studio mit eigener Küche, und obwohl wir zu dritt sind, fühlen wir uns nie beengt. Man merkt an der ganzen Anlage und der Ausgestaltung, dass die Hotelbesitzer die Welt gesehen haben: Die Ausstattung ist modern, funktional und entspricht gehobenem westlichen Standard. Ich möchte bezweifeln, dass man in einem gewöhnlichen Hotel in Berlin einen solchen fast schon luxuriösen Wohnkomfort erwarten darf. Fast sind wir ein wenig neidisch, denn solch eine schöne Wohnung hätten wir uns für Cumbayá gewünscht.

Cuenca bietet seinen Gästen aber nicht nur erstklassige Übernachtungsmöglichkeiten, selbstverständlich ist auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Die Restaurants in der Stadt bieten eine gute Auswahl an nationalen wie internationalen Spezialitäten. Einmal essen wir ein sehr leckeres Kebab und bei anderer Gelegenheit kehren wir im „Angelus“ ein. Das „Angelus“ ist eines jener typischen Restaurants wie man sie wohl in allen Universitätsstädten finden kann. Den Hauptteil des Umsatzes bestreiten ohne Zweifel die Studenten, die hier ihren Mocaccino trinken und Lemon pie, Cookies, Pizza und Sandwiches essen. Man sieht auch einige Touristen, die Hunger, Entdeckerlust oder ein zielloser abendlicher Stadtspaziergang hierhergeführt haben mögen.

Wahrscheinlich trägt das Restaurant seinen Namen, weil es an der Plaza gegenüber der Kirche liegt. Eigentlich ist Restaurant eine irreführende Bezeichnung, denn in Wirklichkeit haben die Besitzer mit dem Laden den Traum von einem American Deli verwirklicht. Das „Angelus“ ist recht nobel im Schatten einer Arkade untergebracht und es breitet sich über zwei Etagen aus. Im Erdgeschoss findet man den Verkaufstresen, der riesig wie eine Betonmole im Laden liegt. Eine Wahl trifft man nur unter größten Schwierigkeiten, denn das Angebot ist überwältigend und dazu sieht alles auch noch wirklich lecker aus.

Lange Autofahrten schlagen mir immer auf den Magen und ich habe dann nie sonderlich Appetit auf etwas Herzhaftes. Meist begnüge ich mich einem Dessert. An diesem Abend sind es vier Kugeln Eiscreme von „Nice Creme“. Doch bei den anderen scheint die lange Fahrt den Appetit erst so richtig angeregt zu haben und sie bestellen Gerichte, bei denen man sicher sein kann, dass sie so einen knurrenden Magen auch zuverlässig zur Raison bringen. Mein Sohn ordert eine so gesuchte Spezialität wie Pizza peperoni, den seltenen und gleichermaßen exotischen Gourmet-Klassiker der einheimischen Küche. Nichts ist so ecuadorianisch wie Pizza peperoni (in Berlin würde man dazu schlicht Pizza Salami sagen)!