Unser Cicerone war ein Mann aus der Gegend, der uns ebenso sicher wie kundig über das ausgedehnte Areal des archäologischen Parks von Cochasquí führte. Der Mann war eindeutig unterfordert, denn er schien über ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu gebieten, aber kaum einer der Teilnehmer der Führung stellte Fragen, die ihm Anlass gegeben hätten, zur Hochform aufzulaufen.
Dreißigtausend Menschen lebten einst auf dem Areal von Cochasquí und man wundert sich, dass dieser Landstrich so verwaist wirkt, als wäre er schon immer das leere Viertel gewesen, als das er sich heute präsentiert. So viele Menschen müssen ernährt werden und deshalb waren bereits damals die Fluren mit einem grünen Flickenteppich aus Feldern überzogen. Einmal entstand ein Augenblick der Irritation, als unser Guide die Gruppe fragte, welche Pflanze wohl die Nahrungsgrundlage für die Bewohner dieses Ortes darstellte. Langes Schweigen – entweder genierte man sich und man wollte sich vor den anderen nicht als Streber hervortun oder man wusste es wirklich nicht. Der Guide gab schließlich selber die Antwort: Mais (wer hätte es gedacht!). Außer mir waren alle in der Runde Ecuadorianer, doch sie schienen den Grundlagen ihrer Kultur ebenso weit entrückt wie ein Berliner Jugendlicher der Vorstellung, dass das Getreide des Donuts, den er sich einverleibt, während er sein letztes bisschen Verstand gerade an „Call of Duty“ verliert, tatsächlich von einem Acker stammen könnte.
Die Bewohner dieser Gegend waren die Quitu-Cara. Sie setzten den erobernd vorrückenden Inkas den energischen Widerstand eines freien Volkes entgegen, das sich gegen seine Versklavung wehrt. Die Quitu-Cara verstanden es auf meisterhafte Weise, das Gelände zu ihrem Vorteil zu nutzen: Von ihren Pyramiden aus, hoch über dem Tal, war es ihnen möglich, den Feind zu erspähen, lange bevor dieser seine Truppen in Stellung bringen konnte. Man unterhielt ein ausgeklügeltes Nachrichtensystem, das mit reflektierenden Scherben aus Vulkanglas, mit Rauchzeichen und mit dem Klang der Spondylusmuschel arbeitete. Irgendwann, zu einer Zeit, als die Spanier sich anschickten, diesen Erdteil zu erobern, oder kurz danach, verließen die Menschen urplötzlich ihre Pyramiden. Die Quitu-Cara begruben den Komplex unter einer dicken Bodenschicht, als sollte alles, was sie einst geschaffen hatten, wieder vom Angesicht der Erde verschwinden.
An der größten Plattform sieht man einen Durchstich, Spuren einer Probegrabung unter deutscher Leitung. Eine Kluft kerbt sich mitten durch den Pyramidenstumpf wie ein tektonischer Graben zwischen zwei Erdplatten. Offenbar hat man nicht viel gefunden, denn das kleine Museum auf dem Gelände der Ruinenstätte stellt nur ein paar Keramikfragmente aus. Auch einige vollständig erhaltene Tongefäße sind zu bewundern, doch man hat sie nicht auf dem Areal von Cochasquí entdeckt. Schwere Pflüge hinter PS-starken Zugmaschinen haben die Erde gründlich von allen zivilisatorischen Verunreinigungen gereinigt.
An einer Pyramide haben die Archäologen eine Flanke freigelegt, um die Struktur des Bauwerks sichtbar zu machen. Das ist ein wenig, als würde man das Fleisch von einem Leichnam schaben, damit man die Knochen sehen kann. Über die entblößte Stelle spannt sich ein Schutzdach, denn die Steine, die über Jahrhunderte geschützt unter der Erde lagen, sind nun den harschen Witterungsbedingungen der Hochanden ausgesetzt. Im Halbdunkel unter dem Dach sieht man die akkurat zusammengefügten Quader aus Cangahua, einem Vulkangestein.
Man erhält einen vagen Eindruck davon, wie das Ensemble aus gut einem Dutzend Pyramiden und einigen kleineren Grabhügeln vor langer Zeit auf den Betrachter gewirkt haben muss, doch das Bild verblasst zusehends angesichts einer Gegenwart, welche die Vergangenheit unter traurigen grünen Hügeln begraben hat. Alle Anstrengungen, die Vergangenheit lebendig zu erhalten, haben ihren größten Feind in dem Wissen, dass Gleichgültigkeit und Ignoranz mächtiger sind als der Wille zu bewahren. Man benötigt schon ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft, um den Ort so vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen, wie er zu seiner Glanzzeit ausgesehen haben mag. Es gibt nicht mehr viel, an dem sich der Funke der Imagination entzünden könnte. Die Landschaft wirkt einsam wie nach einem Exodus und man spürt eine eigenartige Wehmut, die sich dem Wissen verdankt, dass hier einmal Menschen lebten und dass sie nun fort sind.
Auf einer der Pyramiden hat man eine Kultplattform freigelegt. Die Ausgräber sind sich nicht darüber einig, welchem Zweck Cochasquí eigentlich diente. Einige meinen, dieser Ort sei das religiöse und zeremonielle Zentrum der Kultur der Quitu-Cara gewesen; andere sind überzeugt, dass es sich um einen administrativen Knotenpunkt gehandelt habe und dass sich hier außerdem der Wohnsitz einer adelsstolzen Elite befunden hätte. Die ausgegrabene Plattform bestätigt zumindest, dass auch Himmelsbeobachtungen vorgenommen wurden.
Der ovale Umriss der Plattform ist deutlich auszumachen und der mit Estrich bestrichene und sorgfältig geglättete Boden befindet sich dank der schützenden Erdschicht immer noch in gutem Zustand. Selbst Reste der roten Farbe, die einst den Boden bedeckte, finden sich hier und da. In der Mitte sind zwei Rinnen in den Grund eingelassen und man sieht einige kreisrunde Löcher. Unser Führer erklärte, dass es sich dabei um einen Sonnen- und um einen Mondkalender handele.
Wie die Schöpfer aller präkolumbianischen Kulturen waren auch die Bewohner der Pyramiden von Cochasquí aufmerksame Beobachter der Gestirne. Der Rhythmus der Himmelserscheinungen verkündete den Menschen den Zeitpunkt für wichtige Ereignisse in ihrem Leben, wie sie zum Beispiel die Aussaat oder die Ernte darstellen. Da das Überleben aller davon abhing, dass man die himmlischen Zeichen richtig deutete, nahm die Himmelsbeobachtung einen wichtigen Platz in dieser Kultur ein.
Von den ursprünglichen Behausungen der Menschen ist nichts erhalten geblieben (niemand außer Göttern wohnt wirklich auf einer Pyramide, und niemand wohnt darin, es sei denn, er ist tot). Die Häuser waren aus solchen vergänglichen Materialien wie Holz und Lehm errichtet und so verwundert es nicht, dass durch die Jahrhunderte kaum Spuren davon auf die Gegenwart gekommen sind. Doch die Archäologen haben Repliken angefertigt. Offenbar gab es zwei unterschiedliche Arten von Häusern: eines für die tieferen Regionen und ein anderes für die Hochlagen mit ihren häufigen starken Regenfällen.
Die Häuser, die man in der Höhe errichtete, sind im Gegensatz zu den Häusern in den Tieflagen etwas kleiner und rund. Ein lebender Baum diente als zentrale Stützachse. Das Dach ist mit dicken Lagen Gras gedeckt, so dass es den heftigen Regenfällen trotzt und die Bewohner trocken bleiben. „Gemütlich“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht das passende Attribut, aber diese einfachen Wohnstätten boten den Menschen alles, was sie brauchten: die Herdstelle mit dem wärmenden Feuer, Vorrats- und Aufenthaltsräume und vor allem ein Bett. Wenn einen das Ungeziefer nicht lebendigen Leibes auffraß, hat man sicher sehr bequem darin geschlafen. Ich nahm jedoch lieber davon Abstand, einmal zur Probe zu liegen.
Übrigens war es üblich, Meerschweinchen im warmen und trockenen Innern der Häuser zu halten. Als wir eine der Hütten besichtigten, nahm aber nur ein einziges der putzigen Nagetiere vor uns Reißaus. Vielleicht hatte man den Rest schon verspeist, denn auch heute noch landen die Tiere in vielen Gegenden der Anden so oft auf dem Teller wie in Berlin die berüchtigte Boulette. Von dem kleinen Tier, das verängstigt in seiner Ecke hockte, wäre eine Familie hungriger Hochlandbewohner aber wohl kaum satt geworden.