Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Höhlensucher

Die Cuevas de Jumandy befinden sich nur wenige Kilometer nördlich von Archidona. Wer nun glaubt, eine lückenlose Kette von Hinweisschildern und Wegmarkierungen müsste den Reisenden zu dieser berühmten Sehenswürdigkeit führen, beweist nur einmal mehr, dass ihm die Landessitten kaum geläufig sind. Wäre der Ort nicht als touristisches Ziel in meiner Karte markiert und würde der Reiseführer die Höhlen nicht in einem Nebensatz erwähnen, wüsste ich von ihrer Existenz ungefähr so viel wie von den unentdeckten Monden des Planeten Uranus.

Von Archidona aus fahren wir in der festen (und recht naiven) Überzeugung nach Norden, dass uns ein Wegweiser rechtzeitig auf unser Reiseziel aufmerksam machen würde. Wir halten Ausschau wie die Luchse, wie Luchse auf Amphetamin sogar, und acht Augen sehen bekanntlich sowieso mehr als zwei (zählt man den Hund noch dazu, sind es sogar zehn; der Hund aber bleibt still, so dass ich annehmen muss, er findet Höhlen doof). Doch entweder betört uns der Liebreiz der üppig grünen tropischen Landschaft so sehr, dass wir für nichts anderes mehr Augen haben, oder wir sind schlicht mit Blindheit geschlagen. Nirgends taucht ein Hinweisschild auf. Wir finden nur, die Strecke sei allzu lang, zumal es sich auf der Karte doch nur um wenige Kilometer zu handeln scheint. Wie Entfernungen doch täuschen können …

Uns beginnt zu dämmern, dass wir die Einfahrt wohl verpasst haben. Wir drehen. Ich entsinne mich dunkel, irgendwo eine Lücke im gleichförmigen Grün bemerkt zu haben, aber an ein Schild mit der Aufschrift „Cuevas de Jumandy“ kann ich mich nicht erinnern. Es ist reiner Zufall, dass wir die richtige Stelle fast auf Anhieb finden – die Chancen dafür können kaum günstiger als Eins zu Tausend stehen. Wir freuen uns des seltenen Glücks, doch angesichts seiner Flüchtigkeit trösten wir uns mit dem Gedanken, dass die launische Fortuna uns zumindest bis zur nächsten Katastrophe gewogen bleiben würde.

Wie Scouts in Feindesland tasten wir uns auf den Parkplatz vor, der uns verdächtig verwaist vorkommt. Wir rechnen mit einem Hinterhalt. Vielleicht erwartet uns aber nur die Nachricht, dass die Höhlen an diesem Tag geschlossen seien, wie der Wald in Tena. Da wir nicht wissen, ob es Umkleidemöglichkeiten gibt, zwingen wir uns schon einmal im Auto in die Badehosen. Wie die Strandtouristen betreten wir die Anlage, die sich – vollkommen überraschend, aber passend zu unserer Kleidung – als der Alptraum von einem Erlebnisbad entpuppt.

Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

Paradiesische Wildnis

Die letzte Nacht im Tiefland östlich der Anden verbringen wir nicht in Tena, sondern in Archidona. Da wir schon einmal in Tena sind, wäre es naheliegend, irgendwo in der Stadt ein Zimmer für die Nacht zu buchen. Wie Freier auf der verzweifelten Suche nach dem schnellen Abenteuer cruisen wir durch die abendliche tropische Stadt. In der Hoffnung auf ein Wunder fahren wir die Hauptstraße gleich mehrmals im Schritttempo ab, doch keines der Hostals erscheint uns annehmbar. Vielleicht sind wir verwöhnte Kinder der Wohlstandsgesellschaft, vielleicht aber möchten wir einfach nur in der Gewissheit einschlafen, dass zumindest die Laken, auf die wir uns betten, fleckenfrei sauber sind.

Eines der Hotels, das zumindest von außen einen recht passablen Eindruck macht, erweist sich als schmierige Absteige mit Zimmern, die so wirken, als würden darin jede Nacht Orgien gefeiert und als hätte man vergessen, die Bettwäsche zu wechseln und die verräterischen Flecken vom Teppich zu entfernen. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, wie wenn das Hotel bereits in Gärung übergegangen wäre. Vielleicht stammt der Odor vom Schimmel an den Wänden oder vom Teppich, der in der tropisch feuchten Luft langsam aber unwiderruflich in den Kreislauf der Natur einzugehen scheint.

Der Besitzer, ein alter Mann, dessen verschwitzter Kugelbauch wie die Glatze seines siamesischen Zwillings aus dem geöffneten Hemd schaut, ist in einer Art Delirium. Ich weiß nicht, ob es der Bluthochdruck ist, der Alkohol, die Hitze oder die Krampfadern, die seine Waden umschlingen wie Würgefeigen. Er scheint uns gerade noch als Halluzination am Rande seines Wachtraumes wahrzunehmen. Vielleicht hat er sich aber bloß eine Auszeit genommen von einer zunehmend surrealen Wirklichkeit, in der insektoide Aliens, die vorübergehend die Gestalt von harmlosen Gringos angenommen haben, ausgerechnet in sein Hotel einchecken möchten. Der Hoteljunge, vielleicht ein Enkel oder Urenkel, zeigt uns die Zimmer. Das Hotel ist leer, aber die Gäste bleiben nicht ohne Grund aus. Wir fahren weiter nach Archidona.

Ich wünschte, ich könnte über Archidona etwas Tröstlicheres berichten als über die übrigen Städte des Oriente. Der Name weckt die schönsten Hoffnungen; er lässt an stolze spanische Kolonialstädte denken, an Kirchen und Klöster und an paradiesische Patios unter geschnitzten Säulen. Obgleich Archidona schon 1560 gegründet wurde und der Ort damit zu den allerersten spanischen Siedlungen im Amazonas-Tiefland zählt, hat der heutige Besucher den Eindruck, es sei noch gar nicht lange her, dass die Stadt über die Einfriedung eines Goldgräbercamps mitten im unberührten Urwald hinausgewachsen ist. Prächtige Kirchen, beeindruckende Stadtpaläste oder alte Klöster findet man hier nicht. Eigentlich gibt es nichts, das einen daran erinnern könnte, dass die Stadt nicht erst zwanzig Jahre, sondern immerhin fast ein halbes Millennium alt ist. Mit Traurigkeit im Herzen fahren wir am nächsten Morgen zurück nach Tena.

In Tena gibt es eigentlich nur eine einzige Sehenswürdigkeit, die einen Besuch lohnt: den Parque Amazónico. Auch wenn der Wald um Puyo, Tena und Archidona den Anschein erweckt, er würde schon seit Tausenden von Jahren unbehelligt von der verderblichen Einflussnahme des Menschen die feuchte Erde des Amazonas-Tieflandes bedecken, handelt es sich in Wahrheit um Sekundärwald. Das ist das Biotop, das sich entwickelt, nachdem der ursprüngliche Wald – der Primärwald – der Axt zum Opfer gefallen ist.

Zwar gibt es im ecuadorianischen Oriente auch heute noch riesige Gebiete mit ursprünglicher Bewaldung, doch muss man dazu dem Lauf den Río Napo weit nach Osten, bis fast an die peruanische Grenze folgen. Die Natur, der man dort in geschützten Nationalparks begegnet, ist noch weitgehend frei vom zerstörerischen Einfluss des Menschen. Moderne Infrastruktur, wie Straßen und Brücken, gibt es nicht, und wer bis zu den letzten Refugien der ursprünglichen Natur dieses Planeten vordringen möchte, benötigt neben einem kundigen Führer und einem Kanu auch ein nicht eben geringes Maß an Abenteuerlust.

Der Parque Amazónico befindet sich mitten in der Stadt, direkt am Zusammenfluss von Río Tena und Río Pano. Auf dem Land, das als dreieckige Erdscholle zwischen den Flüssen liegt, ragen die letzten Urwald-Riesen in den Himmel. Es sind Mahnmale einer untergegangen Welt und es sind die letzten ihrer Art. Manchmal scheint mir, es ist nur eine Frage der Zeit, dass die verbliebenen Urwälder vom Angesicht der Erde verschwinden werden.

Der Park ist für uns die einzige und letzte Chance, uns wenigstens einen vagen Eindruck davon zu verschaffen, was man gemeinhin für die grüne Lunge unseres Planeten hält. Leider ist der Urwald an diesem und an vielen weiteren Tagen geschlossen, denn der Park unterliegt umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Überall, wo der Mensch sich einmischt, ist die Ordnung der Natur gestört und ein Gleichgewicht kann nur mit Mühe und nur durch ständige Hege aufrechterhalten werden: Flüsse müssen ausgebaggert werden, Ufer befestigt, Wälder aufgeforstet, Arten müssen geschützt oder ausgemerzt werden. Unter den wachenden Händen des Menschen scheint die Natur den Willen verloren zu haben, selbst für sich zu sorgen.

Von der Stadt aus führt eine Fußgängerbrücke über den Río Pano. Der Brückensteg hängt an Stahlseilen, die an einem kolossalen Aussichtsturm ankern. Die Taue durchschneiden den einheitlich grauen Himmel wie die Saiten einer Eierharfe. Der Turm, das mit Abstand höchste und hässlichste Bauwerk der Stadt, ist eine sperrige Stahlkonstruktion, die so fremd in der tropischen Landschaft steht wie ein stillgelegter Förderturm in einem der alten Kohlereviere.

Der Wachmann am Fuße des Turms hat die Aufgabe, allzu neugierige Touristen daran zu hindern, den Park zu betreten. Er ist recht gesprächig und er erzählt uns, fast drei Millionen Dollar seien für die Sanierungsarbeiten bewilligt worden. Das ist viel Geld in einem Land wie Ecuador. Doch die Investition ist natürlich nicht ganz selbstlos, denn die aufwendige Verschönerung verspricht mehr Touristen in die Stadt zu locken. Ihr Geld könnte dazu beitragen, der lokalen Wirtschaft aufzuhelfen, die dem Augenschein nach darniederliegt wie ein totes Faultier.

Wir besteigen den Turm und machen Fotos von der Stadt und der Flusslandschaft. Der Blick reicht bis zu den Bergen, die sich als dunkelblauer Schattenriss gegen das Wolkengrau des Himmels abheben. Eine Wolkenbank umhüllt den Fuß der Berge wie ein Haufen frische Schurwolle. Wir laufen am Ufer des Río Tena entlang. Auf der anderen Seite des Stromes versperren uns Stämme und dichtes Unterholz die Sicht. Der Wald erhebt sich in den Himmel wie ein grünes Bollwerk. Alles ist gesättigt von Grün, jede andere Farbe scheint ausgelöscht.

Wir ahnen, ein echtes Urwald-Abenteuer würde uns mehr abverlangen als wir an Komfort zu opfern bereit wären. Wie alle Kinder der Zivilisation verspüren wir eine romantische Sehnsucht nach der Wildnis. Als aufgeklärte Menschen wissen wir natürlich, dass wir Teil der Natur sind, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht mehr in der Natur leben. Aus der Darwinschen Hölle haben wir uns in jene Bequemlichkeit gerettet, die wir Zivilisation nennen. Der Wald erscheint uns als eine ferne Heimat und ein Teil von uns wünscht sich in das verlorene Paradies zurück. Doch die Zeit hat unser Erinnerungsvermögen getrübt. Was wir für ein Paradies halten, ist in Wirklichkeit eine Hölle, in der ein ständiger Überlebenskampf tobt: Auf uns allein gestellt, würden wir wohl kaum auch nur drei Tage durchhalten.