Cuenca

Cuenca ist ein hübsches Städtchen und ein Kleinod, wie man es hierzulande nur selten findet. Die Stadt ist recht klein – man könnte sie zu Fuß von einem Ende zum anderen in gerade einer halben Stunde durchqueren –, aber dennoch gibt es eine Menge zu entdecken und der Besucher sieht seine Erwartungen nie enttäuscht. Zu seiner touristischen Anziehungskraft trägt nicht unwesentlich der Umstand bei, dass Cuenca sich seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, anders als viele andere Städte in Ecuador.

Wenn er aufmerksam durch die Stadt geht, kann der Besucher sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie sehr man in den letzten Jahren darum bemüht war, die historische Bausubstanz zu erhalten und Straßen und Plätze zu verschönern. Viele alte Häuser erstrahlen in neuem Glanz und außer der Hauptstadt Quito gibt es im Land wahrscheinlich keine zweite Stadt, die sich wie Cuenca um den Erhalt ihres historischen Erbes bemüht.

Viele Städte in Ecuador sind gesichtslose Orte ohne Vergangenheit. Das bedeutet nicht, dass sie keine Vergangenheit hätten, doch niemand interessiert sich dafür. Die Leute leben mit einer Ausschließlichkeit im Hier und Jetzt, dass man glauben könnte, für sie existiere die Vergangenheit einfach nicht. Man hat den Eindruck, nicht wenige wären sogar froh, wenn es ein Früher nie gegeben hätte, und wenn sie etwas anderes sein könnten, als das, wozu die Vergangenheit sie bestimmt hat. Doch was bedeutet schon Vergangenheit, wenn sie doch nur eine Last ist? Und welchen Wert hat Herkunft, wenn sie ein Erbe mit sich bringt, das man am liebsten gar nicht annehmen möchte?

In Europa wird jedes noch so kleine Überbleibsel der Vergangenheit liebevoll restauriert, als ein Zeugnis der eigenen Geschichte und um sich des Weges zu vergewissern, den man durch die Zeiten zurückgelegt hat. Jeder Stein, in dem man den Gestaltungswillen eines Menschen verewigt sieht, erfährt eine Würdigung und wird gehegt und gepflegt. Hier in Ecuador scheint es nicht viele Dinge zu geben, an die die Leute ihr Herz hängen würden, und manchmal beschleicht mich ein böser Gedanke: Wären eines Tages die unersetzlichen Zeugnisse vergangener Epochen vernichtet, würden die meisten den Verlust wohl nur mit einem Achselzucken quittieren. Wozu sollte man zerfallende Gemäuer mühevoll erhalten wollen? Für viele liegt darin keine Logik, zumal man etwas Neues mit viel weniger Aufwand errichten könnte.

Viele Orte im Lande lohnen kaum die Anstrengungen der langen Fahrt und wenn es einen dann doch einmal hierher verschlägt, fragt man sich nur immer ungläubig, warum man es eigentlich für eine gute Idee gehalten hat, hierher zu kommen. Es gibt Städte, die dem Reisenden nicht einmal die minimalen Annehmlichkeiten eines gewissen urbanen Komforts gestatten, der etwa in einem Café bestünde, in dem man ganz entspannt seinen Cappuccino genießen kann.

Wenn man zum Vergnügen reist, einfach um des Reisens willen, darf man ruhig ein wenig egoistisch sein. So wie man seinen Hunger kaum mit Wassersuppe zu stillen vermag, ist es unmöglich, die Reiselust durch einen Besuch in einer Stadt wie etwa Santo Domingo zu befriedigen – man geht so hungrig von dannen, wie man gekommen ist. Die meisten jener Orte ohne Geschichte hat man ohnehin vergessen, kaum dass man ihnen den Rücken kehrt. Und traurig ist man nur, dass man sie nicht schnell genug verlassen hat.

Cuenca ist anders. Cuenca ist eine Stadt mit Geschichte und mit Einwohnern, denen es ein ernstes Anliegen zu sein scheint, sich dieser Geschichte zu erinnern und ihre steinernen Zeugen der Nachwelt zu erhalten. Deshalb pflegt man die alten Gemäuer, restauriert die traditionsträchtigen Häuser, unterhält Museen und archäologische Parks. Doch die Heimatpflege hat ihren Preis und dass Cuenca so ganz anders ist als viele andere Städte in Ecuador, kommt nicht von ungefähr: In der Zeit der Krise verließen viele Menschen den Ort, um im Ausland ein besseres Leben zu finden. Man sagt, die Stadt sei wohlhabend, was man gern glauben möchte, wenn man die schön herausgeputzten Fassaden sieht und die ordentlichen und sauberen Bürgersteige. Viele der Auswanderer haben in der Fremde tatsächlich ein besseres Leben gefunden. Das Geld, das sie regelmäßig in ihre alte Heimat schicken, hat dabei geholfen, den Aufschwung zu befeuern, dessen Blüte man überall in der Stadt beobachten kann.