Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.

Nächtliche Rochaden

Guayaquil empfängt uns mit tropischem Flair und überschießender Lebensfreude. Das ist nicht die Karibik, aber ein wenig fühlt man sich doch an die Havanna-Club-Werbung erinnert (ich hätte auch Bacardi schreiben können, aber ich mag Embargo-Lobbyisten nun einmal nicht). Vergessen ist der Trübsinn der Berge mit seinen dunklen Tälern und seinen schweigenden Menschen. Wir wissen, unser Weg wird schon bald wieder in die Anden führen, doch für den Augenblick genießen wir die tropische Stimmung in dieser sehr lebendigen Stadt. Guayaquil scheint voll von Sonne und guter Laune. Wem da nicht vor Freude das Herz aufgeht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Wir kommen im Intercontinental am Parque Centenal unter, direkt im Zentrum der Stadt. Der Parque Centenal ist der berühmte Park, in dem die Leguane frei über die Rasenflächen spazieren, auf die Palmen klettern und stoisch auf Denkmälern hocken, während sie den Rentnern beim Füttern der Tauben zuschauen. Ich hatte immer geglaubt, die grünen Kriechtiere lebten schon immer in der Grünanlage und wären sozusagen die natürlichen Bewohner, doch am Abend werden sie von Angestellten der Stadt eingesammelt wie der Müll. Im ersten Licht des Tages setzt man sie wieder aus, damit sie sich unter dem Reiterstandbild des Libertador in der Sonne wärmen können.

Da Tiere im Hotel nicht erlaubt sind, muss der Hund im Auto übernachten. Die Wagen der Hotelgäste stehen auf einem Hof, der von himmelhohen Mauern und Häuserwänden eingefasst wird. Die Stellfläche ist winzig, aber in einer schieren logistischen Meisterleistung gelingt es den Angestellten, die Autos so zu platzieren, dass nicht nur alle Wagen tatsächlich einen Parkplatz finden, sondern dass Gäste, die abreisen möchten, ihre Autos auch pünktlich auf die Minute in der Auffahrt in Empfang nehmen können.

Damit dieses Kunststück gelingt, vollführt der Parkservice die ganze Nacht Rochaden: Die Wagen müssen ständig umgeparkt werden – von ganz hinten schafft man die Autos nach vorn und von vorn nach hinten. Wir öffnen die Wagenfenster einen Spalt breit und die Angestellten des Parkplatzes kümmern sich sogar noch um den Hund, damit er sich im Auto nicht so allein fühlt. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und wahrscheinlich ist so eine Nachtschicht auf dem Hotelparkplatz auch nicht so aufregend, dass man sich nicht noch an einer Ablenkung erfreuen könnte. Ohnehin muss der Wagen mehrmals umgesetzt werden – für den Hund ist das alles sehr aufregend.

Wir beabsichtigen, nur eine Nacht in Guayaquil zu bleiben. Zwar verdiente diese großartige Stadt einen längeren Besuch, doch steht uns wieder einmal nur wenig Zeit zur Verfügung und wie immer gibt es mehr zu sehen, als wir in ein paar Tagen bewältigen könnten. Aber unsere Eile hat einen Grund: Wir sind nicht allein unterwegs. Wenn man Gäste hat, stellt man die eigenen Wünsche bekanntlich gern zurück und außerdem hat man auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber, denn schließlich soll er sich wohlfühlen und der Besuch soll ihm als einzigartig schönes Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben. So ist es unvermeidlich, dass Stadtausflüge ganz automatisch immer wieder zu denselben Attraktionen führen – dem Berlin-Besucher würde man ja auch viel lieber das Brandenburger Tor zeigen, statt den S-Bahnhof Marzahn.

Am Ende bleibt es also bei einer kurzen Besichtigungstour durch Las Peñas, dem nostalgischen Vorzeigeviertel der Stadt, bei einem Spaziergang entlang der imposanten Promenade am Río Guayas und bei einem ungeplanten Besuch im Wendy´s. Bis auf die kulinarische Entgleisung, ist uns die Stadttour keineswegs neu. Erst vor wenigen Monaten besuchten wir Las Peñas und die Promenade. Aber ich empfinde deshalb überhaupt kein Bedauern und ich freue mich fast wie ein Kind darauf, diese Ort noch einmal zu sehen.

Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

Das Auto

Unser“ Auto ist eigentlich nicht ganz richtig, denn technisch gesehen gehört der Wagen der Bank, über die wir den Kauf finanziert haben. In Deutschland ist der Kauf eines neuen Autos eine Routineangelegenheit, denn schließlich wollen die Autohersteller ihre Produkte unters Volk bringen und jeder, der noch ganz bei Trost ist, würde sich kaum auf ein Geschäft einlassen, bei dem er siebentausend Dollar Anzahlung und monatliche Raten von fast tausend Dollar zu leisten hätte. Aber hier sind das die gewöhnlichen Konditionen und die Leute kennen es auch gar nicht anders.

Autokauf

In Ecuador hat man keine Wahl, denn ein Gebrauchtwagen ist oft noch teurer als ein neues Auto. Zudem beschlich uns das Gefühl, dass der Händler, der inmitten seiner Autos saß wie eine Spinne im Netz, ganz entschieden versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Aber welcher Autohändler würde das nicht versuchen, wenn zwei arglose Fliegen – Pardon – Kunden in seinen Salon spaziert kämen.

Ein Neuwagen erschien uns immer noch als die beste Option. Kein Auto zu haben, wäre zwar auch möglich, aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir auch etwas vom Lande sehen. Um an manche der Ort zu gelangen, die wir besucht haben, hätte man schon fast ein Abenteurer sein müssen. Ich bin aber eher der Sofa-Abenteurer und eine Expedition ins Unbekannte stößt für mich dort an Grenzen, wo man zu beschwerlichen Busreisen und stundenlangen Fußmärschen gezwungen ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, so ein Abenteuertrip sollte immer in einem gemütlichen Café enden.

Es hatte Wochen gedauert, bis wir schließlich eine Bank fanden, die sich nach den üblichen inquisitorischen Erkundigungen, wie es um unsere Solvenz bestellt sei, bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Von den Konditionen muss man nicht reden – in Deutschland wäre man da lieber gleich Fußgänger geblieben oder hätte das Geldinstitut wegen sittenwidriger Kreditgeschäfte angezeigt, hier aber ist solcher Wucher die Norm und die Leute sind so abgestumpft, dass sie sich darüber auch gar nicht mehr aufregen.

Nach wochenlangem Bangen, nach zähen Verhandlungen und unzähligen gewonnenen Schlachten im Papierkrieg wurde uns die Finanzierung schließlich gewährt – wie gesagt, Wucher wäre eine angemessenere Bezeichnung. Nach allem, was wir an bürokratischem Ungemach hatten erdulden müssen, um den Wagen endlich zu bekommen, glaubten wir tatsächlich, es wäre ein Leichtes, ihn wieder zu verkaufen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, welch enormen Kraftakt es bedeuten würde, das Auto wieder loszuwerden.

Hindernisse beim Versuch, ein Auto zu verkaufen

Zuerst versuchten wir die traditionelle Methode: Man klebt einen Zettel an die Scheibe mit der Aufschrift „Se vende“ (zu verkaufen) mit einer Telefonnummer darunter. Mit ein wenig Glück hat man den Wagen in ein paar Tagen verkauft, so glaubten wir zumindest. Tatsächlich meldeten sich schon bald Interessenten, doch sobald sie hörten, dass das Auto eigentlich der Bank gehöre, wurden sie plötzlich merkwürdig still, verdächtig still. Die Floskel, mit der das Gespräch dann üblicherweise beendet wurde, lautete: „Ich melde mich wieder“. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde.

Als ein nicht unerhebliches Hindernis beim Versuch, das Auto zu verkaufen, stellte sich die Tatsache heraus, dass der Wagen über eine Automatik verfügt. Hierzulande fährt man in der Regel mit der traditionellen Schaltung und Automatik wird schon deshalb nicht gern angenommen, weil sie nur mit Aufpreis zu beziehen ist. Hinzu kommt, dass viele Leute nur unzureichend informiert sind: Nicht wenige glauben allen Ernstes, dass die Automatik, wie uns ein Interessent weiszumachen versuchte, dem Getriebe ernstlich schade. Viel eher sind da wohl Schäden durch unsachgemäßes Schalten zu befürchten. Wenn man den Leuten als Erwiderung eröffnet, dass man in den USA im Grunde nichts anderes als Automatik fahre, erntet man einen Blick, als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Nicht nur manchmal kommt man sich vor, als sei man hinter dem Mond gelandet.

Einmal unternahmen wir eine Reise – hin und wieder soll es dabei vorkommen, dass man die heimatlichen Gefilde weit hinter sich lässt. Man riet uns, die Verkaufsanzeige lieber vom Auto zu entfernen. Sie sei nur eine Einladung für Diebe. Denn am Nummernschild kann man erkennen, aus welcher Provinz ein Fahrzeug stammt. Ein „P“ steht für Pichincha; das ist die Provinz rund um Quito. Anderswo könnten gewisse Kreise ein Nummernschild aus einer weit entfernten Provinz als Einladung zu Geschäften ganz anderer Art verstehen. Wir waren keineswegs erpicht auf eine „unvergessliche“ Begegnung der besonderen Art und entfernten die Anzeige.

Ein Inserat wird aufgegeben

Wir mussten einsehen, so kamen wir nicht weiter. Wir beschlossen daher, es bei einem professionellen Portal mit einer Annonce zu versuchen. Aus irgendeinem Grund, der sich – wie so viele Gründe hier im Lande – auf mysteriöse Weise der Kenntnis selbst der klügsten Köpfe entzieht, war es nicht möglich, die Anzeige online aufzugeben. Das war wirklich bedauerlich, denn nun waren wir gezwungen, den weiten Weg nach Quito und durch Quito in Kauf zu nehmen. Ich fahre nicht gern in der Hauptstadt, denn zum einen kenne ich mich nicht aus und zum anderen sind die Straßen immer verstopft. Ständig steht man im Stau und nirgendwo findet man einen Parkplatz. Selbst eine Fahrt um den Block ist manchmal schon eine Tortur. Ich fahre eigentlich nur nach Quito, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und diesmal war dies der Fall.

Aber wir hatten Glück, denn wir fanden das Büro des Anzeigenportals fast auf Anhieb und in der Nähe gab es sogar noch freie Parkplätze. Obwohl es sich um eine Plattform für Gebrauchtwagen handelt, heißt das Portal merkwürdigerweise „Patio tuerca“ (Patio – Hof, Tuerca – Schraubenmutter). Selbstverständlich wurden wir an der Tür von einem Wachmann in Empfang genommen, der wie zum Kampfeinsatz an der Front gerüstet war. Die Mitglieder eines erprobten Antiterror-Kommandos hätten kaum martialischer aussehen können. Nachdem man unsere Personalien festgestellt hatte, wurden wir durch die Sicherheitsschleuse dirigiert. Im Gebäude erwartete uns ein kleiner Warteraum mit bequemen Sofas. Der Publikumsverkehr hielt sich in Grenzen und so dauerte es auch gar nicht lange, bis wir an einen freien Mitarbeiter verwiesen wurden.

Der Raum, den wir nun betraten, erinnerte an ein Callcenter: An etwa einem Dutzend Computertischen hockten überwiegend junge Männer mit Headset. Wie es schien, waren sie schwer beschäftigt – sie sprachen in ihre Headsets, tippten Daten ein, nahmen Recherchen vor, berieten und plauderten auch manchmal mit den Kunden am anderen Ende der Leitung. Wenn man gerade einmal nichts zu tun hatte – was jedoch nur selten vorkam –, schwätzte man mit den Kollegen. Dem Anschein nach waren die meisten kaum älter als Anfang Zwanzig. Es gab auch ein paar junge Frauen unter den Angestellten, doch die übergroße Mehrheit waren Männer und alle waren jung.

Jetzt wurde mir auch klar, warum man solch scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte: Dies war nicht der einzige Raum mit Computern darin, sondern das ganze Haus war vom Erdgeschoss bis unters Dach mit Technik vollgestopft. Die Rechner in diesem Raum wirkten nagelneu und sicher belief sich der Wert der elektronischen Ausstattung im ganzen Gebäude auf einige Hunderttausend Dollar. Nichts, was irgendeinen Wert hat – und sei er noch so gering –, darf man hierzulande unbeaufsichtigt lassen. Selbst die Klodeckel in den öffentlichen Toiletten werden abgeschraubt, denn findigen „Unternehmern“ versprechen sie ein gutes Geschäft. Was für ein Geschäft das allerdings sein soll, bleibt mir ein Rätsel.

Mir bleibt ebenfalls ein Rätsel, warum wir die Anzeige nicht online aufgeben konnten. Ich finde es ja schön, wenn ein Dienstleister den persönlichen Kontakt zu seinen Kunden sucht, aber in den Räumlichkeiten von „Patio tuerca“ durften wir uns davon überzeugen, dass man ein Inserat selbstverständlich online aufgeben kann. Warum sollte man sich die Mühe machen, ein Callcenter auf dem neuesten Stand der Technik zu unterhalten, wenn ein potentieller Inserent am Ende doch persönlich erscheinen muss?

Dieses Land steckt voller Rätsel und bei nicht wenigen davon scheint es sich um Mysterien zu handeln, die sich auf ewig einer vernünftigen Erklärung verschließen, genau wie die Trinität oder die Wiederauferstehung im Fleische oder die jungfräuliche Geburt. Der Geist der Aufklärung hat einen viel zu sehr daran gewöhnt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt – wenn schon nicht in der Realität, dann ganz sicher in der Theorie. Hier ist das nicht so und es gibt Fragen, die ohne Antwort bleiben, weil es keine Antwort gibt (manche Fragen stellt man darum lieber gar nicht erst). Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verläuft die Demarkationslinie zwischen Vernunft und Irrationalität. Was der Verstand aber nicht fassen kann, das muss man glauben. Vielleicht sind deshalb die Kirchen in diesem Land immer voll.

Der junge Mann, der unsere Anzeige aufnahm, war so überaus freundlich und zuvorkommend, dass es mir fast schon verdächtig vorkam. Aber vielleicht war es einfach nur seine Art, freundlich zu sein, während er uns durch den Fragenkatalog lotste, der so dick wie das Telefonbuch von Quito zu sein schien. Meist handelte es sich um technische Details zu Motor, Getriebe oder Fahrwerk. Ich musste fast immer passen – ich bin Autofahrer, kein Kfz-Meister. Doch den Mitarbeiter des Anzeigenportals bekümmerte dies keineswegs und wo wir versagten, da nahm er eben den Eintrag an unserer Statt vor. Geduldig führte er uns durch den Katalog.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die Anzeige aufzugeben und zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast davon überzeugt, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, persönlich vorbeizukommen. Ich glaube, angesichts so vieler Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, hätte ich Stunden vor dem Online-Formular gesessen und am Ende wäre meine Anfrage doch unbeantwortet geblieben, weil ich unverzichtbare Felder nicht hatte ausfüllen können.

Während ich so dasaß und meinen Blick über die Computertische und die Köpfe der vielbeschäftigten Mitarbeiter schweifen ließ, geriet plötzlich eine Wand mit dem Logo von „Patio tuerca“ in mein Blickfeld. Das Logo ist ein stilisiertes Lenkrad, welches an drei Stellen durchbrochen ist, als wäre es dort zerschnitten worden. Die Segmente sind durch geschweifte Bögen mit der Lenksäule verbunden. Das ganze erinnert an einen dreiflügeligen Propeller, dessen Blätter sich durch die Rotation verbogen haben als wären sie aus Gummi. In Comics werden Propeller immer so dargestellt.

Während ich verträumt auf die Wand starrte, wollte mir zunächst durchaus nicht klarwerden, dass es sich um das Logo des Anzeigenportals handelte. Für einen Augenblick hielt ich es tatsächlich für das Zeichen der Arischen Bruderschaft und tatsächlich rätselte es in meinem Hirn, was die Verfechter einer weißen Suprematie ausgerechnet in Ecuador zu suchen hätten. Dann aber las ich den Firmenschriftzug, doch es dauerte immer noch eine ganze Weile, bis mein in Tagträumen gefangener Verstand ihn mit dem Logo in Zusammenhang brachte.

Kaufinteressenten

Nachdem die Anzeige geschaltet war, meldete sich fast jeden Tag ein neuer Interessent, doch sobald wir ihm zu verstehen gaben, dass der Wagen der Bank gehöre, war der Deal geplatzt: Es sei viel zu kompliziert, den Vertrag umzuschreiben und außerdem dauere es viel zu lange. Die meisten wollten das Auto aber sofort mitnehmen. Einer ließ sich dann aber doch auf das Unternehmen ein und meine Frau fuhr mit ihm zur Bank.

Dort erhielt sie eine Abfuhr, die sich gewaschen hat: Die wichtigtuerische Mitarbeiterin des Kreditinstituts, die sich gebärdete, als sei sie die Kaiserin von Kontolandia, erging sich über die Angelegenheit im unerträglichsten Finanz-Fachchinesisch. Weder meiner Frau noch dem Interessenten gelang es herauszubekommen, was sie eigentlich zu sagen versuchte. Nur so viel war am Ende klar: Es würde etwa zwei Monate dauern, den Vertrag umzuschreiben. Es schien sich also keineswegs, wie wir bisher angenommen hatten, um einen simplen Finanzierungsvertrag zu handeln, sondern um ein umfängliches internationales Vertragswerk, zu dessen Änderung erst von höchster Stelle eine Expertenkommission einberufen werden musste. Man kann dem Interessenten nachfühlen, dass er alle Lust verlor, so lange auf sein Auto zu warten.

Leider erwartet man von der Menschheit immer das Höchste und also keineswegs klüger geworden durch eine Erfahrung, von der man wünscht, sie wäre einem erspart geblieben, wiederholte sich das ganze Spiel noch ein weiteres Mal: Wieder war es dieselbe Mitarbeiterin und wieder war der Interessent durch ihre hochherrschaftliche Attitüde derart eingeschüchtert, dass er schleunigst das Weite suchte. Es war sinnlos, auf ein Entgegenkommen des Geldinstituts zu hoffen, da dieses doch schon elementare Kundenfreundlichkeit vermissen ließ.

Wir trafen die Interessenten immer auf dem Parkplatz an der Tankstelle vor unserer Wohnanlage, denn schließlich möchte man die Ware gern in Augenschein nehmen, bevor man sie kauft. Einer gab uns den guten Tipp, wir sollten potentielle Interessenten auf keinen Fall zu einer Probefahrt einladen: Oft dient Kriminellen, die sich als Käufer ausgeben, die Spritztour nur dazu, herauszubekommen, wo der Verkäufer wohnt. Hat man dies in Erfahrung gebracht, kann man das Haus beobachten und so feststellen, wann sich ein Einbruch lohnt – man muss wirklich immer mit allem rechnen und vor allem darf man sich niemals zu sicher fühlen.

Ein anderer Interessent bemängelte, dass das Radio fehle. Wir mussten es ausbauen lassen, weil es seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt hatte. Derweil blieben wir wochenlang ohne Radio und – was auf Quitos Straßen viel schwerer ins Gewicht fällt – ohne Navi. Dabei fiel der Service unter die Garantieleistungen und es zeugt schon von einem ganz besonderen Verständnis, was Service ist, Kunden eine halbe Ewigkeit auf ein neues Gerät warten zu lassen (erst ein paar Tage, bevor wir das Auto endgültig abgeben sollten, installierte man das neue Radio).

Die Leute sind überaus misstrauisch und sie glauben einem nicht, selbst wenn man noch so sehr beteuert, dass das Auto tatsächlich über ein Navi verfüge, nur dass man es erst wieder einbauen lassen müsse. Der Mann versuchte den Preis zu drücken, indem er dreist behauptete, die Reparatur des Radios würde ihn zusätzliche achthundert Dollar kosten, dabei hatten wir das Gerät doch für gerade einmal zweihundert gekauft. Man hat den Eindruck, hierzulande versucht einen jeder für dumm zu verkaufen. Ständig fühlt man sich über den Tisch gezogen. Argwohn und Wachsamkeit sind einfach notwendig, will man nicht dauernd das Nachsehen haben. Das Misstrauen unter den Menschen ist so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie diese Gesellschaft überhaupt noch funktionieren kann.

Geldtransfer

Von der Bank war also keine Hilfe zu erwarten. Wir gewannen im Gegenteil den Eindruck, man lege uns so viele Steine wie nur möglich in den Weg. Ein anderes Verfahren musste deshalb zum Ziel führen: Der Käufer zahlte uns die Gesamtsumme und wir lösten den Vertrag bei der Bank ab. Die Idee klingt einfach, doch hierzulande kann es ein echtes Problem sein, eine größere Summe auf ein anderes Konto zu transferieren. Alle Geldbeträge über fünftausend Dollar fallen unter das Geldwäschegesetz und die Überweisung einer höheren als der genannten Summe muss zunächst von der Bank geprüft werden. Wird der Transfer für ordnungsgemäß befunden, stellt das Geldinstitut einen sogenannten Cheque certificado (einen zertifizierten Scheck) oder einen Cheque de gerencia (einen durch das Management autorisierten Scheck) aus und die Transaktion kann ihren Lauf nehmen.

Eine Interessentin wollte das Auto wirklich kaufen und tatsächlich brachte sie das Geld auf. Ihre Bank bestätigte die Summe durch einen Cheque certificado. Nun behielt sich aber unsere Bank vor, die Überweisung noch einmal selbst zu prüfen – sicher ist sicher. Diese zusätzliche Überprüfung hätte anderthalb Tage in Anspruch genommen. Die Interessentin war jedoch nicht bereit, diese Zeit abzuwarten. Sie wollte das Auto sofort mitnehmen.

Wir hätten ihrem Wunsch gern entsprochen, wenn sie uns nur eine notariell beglaubigte Erklärung unterschrieben hätte, in der sie bestätigte, dass sie den Wagen tatsächlich erhalten habe. Denn im Falle, dass der Scheck geplatzt wäre – etwa wenn durch die Prüfung Unregelmäßigkeiten offengelegt worden wären –, würde sie zwar das Auto erhalten haben, wir jedoch hätten nicht einen Cent gesehen. Und dann hätte sich ein Drama darum entwickelt, wie wir den Wagen wohl wiederbekommen sollen.

Um solche vermeidbaren Schwierigkeiten auszuschließen, muss man sich absichern. Doch die Frau wollte beides nicht – weder hatte sie vor, eine notarielle Erklärung zu unterschreiben, noch wollte sie die anderthalb Tage abwarten. Das Geschäft platzte. Wahrscheinlich brachte sie uns genauso viel Misstrauen entgegen wie wir ihr. Man kann es ihr nicht verübeln.

Abschied vom Auto

Am Ende gelang es uns dann doch noch, den Wagen zu verkaufen. Alle Hürden wurden erfolgreich genommen und der Käufer wartete sogar noch die anderthalb Tage ab, bis unsere Bank die Überweisung geprüft hatte (er vertraute offenbar darauf, dass wir in dieser Zeit nicht mit dem Auto und seinem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwanden). Wir waren froh, dass wir den Wagen endlich loswurden, aber als der Käufer dann in unsere Wohnanlage kam, um das Auto mitzunehmen, war mir schon ein wenig schwer ums Herz.

Ich empfinde dem Auto gegenüber nicht mehr Anhänglichkeit als gegenüber unserem Kühlschrank oder der Sofaecke. Ich bin da eher pragmatisch: Das Auto ist für mich eine Maschine, die es einem erlaubt, bequem von A nach B zu reisen. Und dennoch, wir haben so viele wundervolle Orte besucht und so viele schöne Dinge erlebt und vieles davon wäre nicht möglich gewesen ohne unseren Wagen. Viele Erinnerungen hängen an diesem Auto und nun, da es verkauft ist, habe ich den Eindruck, die Gegenwart wäre um ein Stück ärmer. Fast kommt es mir so vor, als ende ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben, und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es nur ein Auto ist, eine Maschine, die es einem erlaubt, von A nach B zu reisen.

Das Auto ist Teil der Geschichte unseres ecuadorianischen Abenteuers. Aber jede Geschichte muss notwendigerweise einmal zu einem Ende kommen, so wie unsere Zeit in Ecuador irgendwann einmal vorüber sein wird.

Parque Nacional Cotopaxi

Als wir in den USA lebten, haben wir einmal einen Naturpark besucht, das Wichita Mountains Wildlife Refuge im Süden von Oklahoma. Großartig an den US-Naturparks ist, dass es gut ausgebaute Straßen gibt, auf denen man den Park bequem mit dem Auto durchqueren kann. Die Idee dahinter ist, dass es auch den einfachen, hart arbeitenden Menschen – und nicht nur einer Handvoll Privilegierter oder einigen elitären Abenteurern – möglich sein soll, einen Einblick in die Vielfalt der Natur zu gewinnen und ihre Schönheit zu genießen. Die amerikanische Kultur betet die Mobilität an und das Auto ist fast schon Gegenstand der Verehrung. Da würde es verwundern, wenn es in diesem Land auch nur einen Ort gäbe, den man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen könnte, ganz gleich, wo auch immer sich dieser Ort befinden mag. Und so rollt man gemächlich durch die unberührten Weiten der Prärie und sieht den Bisons vom Auto aus dabei zu, wie sie friedlich grasen.

Die Gegend rund um den Cotopaxi ist mit Straßen so gut ausgebaut wie nur irgendein Naturpark in den USA. Weite Abschnitte sind sogar asphaltiert und lediglich direkt unterhalb des Vulkans und am Nordausgang muss man mit einer Schotterpiste vorliebnehmen, die umso holpriger wird je weiter man nach Norden kommt. Aber das Straßenbett ist immer noch gut genug, um auch Fahrzeugen, die nicht über Allradantrieb verfügen, eine leidlich sichere Fahrt zu ermöglichen.

Im Cotopaxi-Nationalpark findet man keine Bisons, sondern Wildpferde. Sie sind die Nachkommen der von den Spaniern eingeführten Andalusier. Sie dienten den Eroberern auf ihren Kriegszügen gegen die Azteken und gegen das Inka-Reich und oft erwiesen sich die Tiere in der Schlacht als kriegsentscheidende Waffe. Einigen gelang die Flucht in die Freiheit und auf den weiten Grasebenen unterhalb des Vulkans fanden sie offenbar so gute Lebensbedingungen vor, dass sie prächtig gediehen und sich vermehrten. Die Tiere zeigen keine Scheu vor dem Menschen. Wenn man sich ihnen nähert, beobachten sie einen nur aufmerksam, aber sie laufen nicht davon.

Wir näherten uns dem majestätischen Stratovulkan auf der Südroute. Es ging vorbei an tiefen Erdspalten und Klüften – ohne Zweifel Zeugnisse nicht weit zurückliegender tektonischer Aktivität. Viele der Hänge und Böschungen am Eingang des Parks sind zum Schutz gegen die Bodenerosion mit Pinien bepflanzt worden. In dem trüben Licht aus tiefhängenden Wolken, die an diesem Tag den Himmel verdunkelten, wirkten die Wälder fast schwarz. Leider hat man die Bäume viel zu dicht gesetzt, so dass das Unterholz in dem kühlen, feuchten Klima leicht zu faulen beginnt. An den Flanken der Berge sind die Bäume zudem oft starken Winden ausgesetzt und Windbruch kommt häufig vor. Die Stämme bleiben in dem dichten Bewuchs einfach liegen und verrotten mit der Zeit.

Wir rollten gemächlich auf der Straße dahin, die uns in sicherem Abstand an Klüften und Spalten vorbeiführte. Die geologischen Spuren wirkten wie Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Einige Wagen fuhren vor uns und vielleicht gab es auch ein paar Autos hinter uns, doch sie verloren sich in der Weite der Landschaft. Es waren an diesem Tag nur wenige Touristen im Park unterwegs. Einigen der Besucher ging es dann aber doch nicht schnell genug und sie überholten die langsam vor ihnen rollende Kolonne, als wäre dies ein Rennen und als gelte es, die Ziellinie am Vulkan unter allen Umständen als erste zu überqueren.

Wir hatten es nicht eilig. Wir hielten ein paarmal und machten Fotos – ich glaube nicht, dass wir noch einmal Gelegenheit haben werden, den Vulkan zu besuchen. Die Parkregeln verbieten es, die ausgeschilderten Wege zu verlassen. Das Ökosystem rund um den Berg reagiert sehr empfindlich auf Eingriffe des Menschen und angesichts des kalten Klimas braucht eine Regeneration viel Zeit. Aber man darf halten und den Wagen verlassen, um Fotos zu schießen. Bären, wie im Yellowstone, gibt es natürlich nicht und deshalb muss man auch nicht fürchten, zur „Mahlzeit auf Rädern“ zu werden.

Der Puma, von dem noch immer einige Exemplare durch die menschenleeren Ebenen rund um den Vulkan streifen sollen, ist eher scheu und man müsste schon unglaublich viel Glück haben, um eines der Tiere je zu Gesicht zu bekommen. Allerdings sollte man immer ein Auge auf die Straße haben, denn mancher Parkbesucher scheint es gar nicht abwarten zu können, endlich sein Ziel zu erreichen: Schon von Weitem sieht man die Staubfahne, die sein geländegängiger Wagen aufwirbelt, wenn er ihn mit hoher Drehzahl über die Schotterpiste treibt.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.