Auf der Panamericana

Von Ingapirca ging es zurück nach Quito. Es war bereits Nachmittag und uns wurde klar, dass wir die Hauptstadt nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Nachts in den Anden unterwegs zu sein, ist wahrlich kein Vergnügen, zumal, wenn man schon mehrere Stunden hinter dem Lenkrad verbracht hat. Doch es sollte noch besser kommen und manchmal bin ich nahe daran zu glauben, Murphys Gesetz gehört wie das Newtonsche Gravitationsgesetz, das Plancksche Wirkungsquantum oder die Zahl Pi zu jenen unabänderlichen Größen, die seit dem Beginn der Zeit eingewebt sind in den Stoff, aus dem der Kosmos gemacht ist. Es scheint, es musste alles so kommen, wie es nun einmal gekommen ist.

Nicht lange nachdem wir Ingapirca verlassen hatten, gerieten wir in einen Stau. Es war nicht zu erkennen, was ihn verursacht hatte und angesichts der Witterungsbedingungen wäre vieles denkbar gewesen: ein Erdrutsch, ein entwurzelter Baum, eine Überschwemmung, ein unterspülter Abschnitt der Straße. Während wir geduldig darauf warteten, dass sich der Stau auflöste, wurde uns wieder einmal ein Beweis geboten für die unschlagbare Fähigkeit der Ecuadorianer zur Improvisation und dafür, jede noch so kleine Chance wahrzunehmen, wenn es darum geht, ein Einkommen zu erzielen, unabhängig davon, wann und wo auch immer sich die Gelegenheit dazu bieten mag: Wir hatten uns gerade hinter das letzte Auto der Kolonne eingereiht, als auch schon der erste Händler auftauchte.

Es ist ein Phänomen, das seit jeher einer schlüssigen Erklärung harrt, aber wann immer sich an irgendeinem Abschnitt der Autopista ein Stau bildet, sind fliegende Händler zur Stelle, um die Reisenden mit Snacks, Getränken oder Eis zu versorgen. Dabei spielt es gar keine Rolle, wo der Stau auftritt – ob mitten in der Stadt oder irgendwo in den Anden an einem menschenleeren Abschnitt der Panamericana. Wenn mehr als drei Autos länger als ein paar Minuten auf einem Fleck stehen, kann man sicher sein, dass ein Händler nicht weit ist.

Das hat etwas von einem Mysterium, denn die Leute können unmöglich so schnell erfahren haben, wo der Verkehr stockt. Ich frage mich auch, wo sie eigentlich wohnen. Das gebirgige Terrain beiderseits der Straße wirkte wie ausgestorben. Nirgends sah man Häuser, geschweige denn Geschäfte oder einen Markt, doch die Händler waren zu Fuß unterwegs und es bleibt wahrscheinlich auf ewig ein Rätsel, wie sie zielsicher und vor allem so schnell die eine Stelle finden konnten, an der sich ihnen Möglichkeiten für ihr Business eröffneten.

Meine Frau kaufte Chifles, also Chips aus Kochbananen, und sie fragte den Händler bei dieser Gelegenheit, ob er wüsste, was den Stau ausgelöst hatte. Ein Lkw sei verunglückt, meinte er so gleichgültig, als erlebe er Ähnliches jeden Tag. Es hätte in den letzten Jahren immer wieder Unfälle auf diesem Abschnitt der Panamericana gegeben. Vor gar nicht langer Zeit sei ein Lastwagen von der Brücke gefallen, die ein Stück weiter die Straße hinunter den Fluss überspanne. Die Straße sei gefährlich, aber die Leute fahren wie die Verrückten.

Als sich der Stau dann nach einer Stunde auflöste, hatten wir Gelegenheit, die Unfallstelle näher zu betrachten: Ein großer Laster war von der regennassen Straße abgekommen, auf die Gegenfahrbahn geraten und hatte sich schließlich in die Böschung gefräst. Die Unfallstelle war in das rot-blaue Blitzlichtgewitter der Polizei getaucht. Ob der Fahrer verletzt war, konnte man nicht erkennen, aber die Fahrerkabine war noch intakt und so konnte man das Beste für ihn hoffen. Es hatte lange gedauert, bis es der Polizei und den Einsatzkräften gelang, die Unfallstelle zu räumen, doch nun war die Straße wieder frei und wir konnten die Reise fortsetzen.

Kurz vor Riobamba ließ uns das Navi im Stich – endgültig und unwiderruflich. Das launische Gerät hatte uns schon vorher hin und wieder auf Routen geschickt, die nur ihm bekannt zu sein schienen, von denen aber die altmodische Karte nichts wusste. Jetzt aber wollte uns die Maschine nicht einmal mehr in die Irre führen: Die App hatte den Betrieb eingestellt und außer einer nervigen Mitteilung, die den konsternierten Fahrer großspurig darüber in Kenntnis setzte, dass das Programm gerade geladen werde, erfuhr man nichts. Es sollte auch später nichts mehr passieren. Das Navi war tot.

Als wäre das Gerät von einem tödlichen Virus befallen, stellte das Radio nach und nach seine Funktionen ein. Am Ende machte der Computer nicht einmal mehr den Versuch hochzufahren. Man sah nur noch das Herstellerlogo und es war fast wie der Nachruf auf einen Toten – Exitus. Die Techniker unseres Vertragshändlers versuchten eine Stunde lang, die komatöse Maschine zu reanimieren, doch ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als das Radio auszubauen und an den Hersteller zu schicken. Das war vor einigen Wochen und wahrscheinlich werden wir auf die Auferstehung noch bis zum Jüngsten Tag warten müssen.

Man könnte einwenden, wozu braucht es auf der Panamericana ein Navi, da man doch immer nur geradeaus fahren muss. Das mag der Fall sein, solange es einen nicht in eine größere Stadt verschlägt. Denn zwar ist die Panamericana recht gut ausgebaut und man kommt daher in der Regel zügig voran, doch da es nur selten Umgehungsstraßen gibt, verliert sich die Autopista in den größeren Städten schnell im dichten Verkehr.

Nach mehreren Stunden anstrengender Autobahnfahrt ist eine solche Verzögerung mehr als bloß lästig und man verflucht die Verkehrsplaner, die zwar ein schönes Stück Autobahn in die Landschaft gesetzt haben, aber die Umgehungsstraßen vergaßen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausschilderung im besten Falle äußerst spärlich ist; meist sucht man Wegweiser ganz vergeblich. Und so fährt man größtenteils blind – wenn das Navi ausgefallen ist und wenn man zufällig keine Straßenkarte der Stadt zur Hand hat.

Das Schicksal ereilte uns zum ersten Mal in Riobamba. Nachdem wir dreimal abgebogen waren, hatten wir uns so hoffnungslos verirrt, dass wir fragen mussten, um aus dem fremden Straßen-Labyrinth wieder herauszufinden. Wir mussten sogar mehrmals fragen, denn dass man Straßen der leichteren Orientierung wegen ausschildern kann, davon scheint man noch nie gehört zu haben. Einmal glaubten wir schon, wieder auf dem richtigen Weg zu sein, als meine Frau die glorreiche Idee hatte, zum wiederholten Male die ecuadorianische Methode auszuprobieren und wieder einmal jemanden zu fragen, einfach zur Sicherheit.

Das war leichter gesagt als getan, denn die Gegend wirkte schon auf den ersten Blick wie der Alptraum jedes Reisenden – die Straßen lagen einsam in der Dunkelheit und das Viertel beiderseits der Bürgersteige zählte augenscheinlich nicht gerade zu den Renommieradressen der Stadt. Hier zu halten, war wirklich nicht die beste Idee, aber dazu hätte man überhaupt erst einmal jemanden finden müssen, den man fragen könnte.

Schließlich kamen wir doch an einem nächtlichen Spaziergänger vorbei. Die Straße war nur schummrig beleuchtet und hinter jeder Ecke hätte jemand stehen können, der es nicht unbedingt darauf abgesehen hat, verirrten Reisenden mit einem Rat hilfreich zur Seite zu stehen. Ich wunderte mich, was der junge Mann hier mutterseelenallein zu schaffen hatte, zu dieser Stunde. Meine Frau fragte ihn, ob die Straße zur Panamericana führt. Wir waren fast sicher, dass dies der Fall wäre, aber der Mann machte ein sehr besorgtes Gesicht und meinte, wir sollten unbedingt umdrehen. Wenn wir der Straße folgten, kämen wir in ein wirklich schlimmes Viertel und dort wolle man Nachts auf keinen Fall sein. Wir glaubten ihm aufs Wort und fuhren zurück.

Nach über zehn Stunden Fahrt hatte mich die Erschöpfung dann doch überwältigt und ich musste erst einmal eine Pause einlegen, um meine müden Augen zu entspannen und meine Nerven zu beruhigen. Irgendwo in der Stadt fanden wir ein gut besuchtes KFC-Restaurant und ich hoffte auf einen starken Kaffee, aber aus einem Grund, der mir wahrscheinlich auf ewig verschlossen bleiben wird, wurde hier kein Kaffee verkauft, obwohl es doch sonst in jeder Filiale der Fastfood-Kette Kaffee gibt, und zwar zu jeder Tageszeit. Ich nahm stattdessen einen Eisbecher, denn ich hoffte, dass der Zucker eine ähnliche Wirkung hätte wie das Koffein.

Während ich in aller Ruhe mein Eis genoss, konnte ich den Leuten dabei zusehen, wie sie an der Theke die fettigen Kalorienbomben orderten, für die der Colonel berühmt ist. Angesichts der Größe der Portionen muss man davon ausgehen, dass die zumeist übergewichtigen Konsumenten für die Bucket-Challenge trainierten.

Nach anderthalb Stunden erzwungenen Zwischenaufenthalts ging es endlich weiter. Ich hatte mich leidlich erholt und ich hoffte, dass der restliche Teil der Strecke mit weniger Herausforderungen aufwarten würde, als der Teil, der bereits hinter uns lag, doch kaum hatten wir das verregnete Ambato erreicht, da wiederholte sich die Geschichte: Unser Navi war ausgefallen und es gab nicht einen Wegweiser, der uns einen Anhaltspunkt geben konnte, wo die Panamericana zu finden sei.

Wir fragten einen Taxifahrer, der sein Auto zufällig am Straßenrand geparkt hatte, und der Mann schickte uns in eine Straße, die so verlassen wirkte, dass es leicht möglich gewesen wäre, die Autos, die am Tag auf ihr entlangfuhren, an einer Hand abzählen. Doch der Taxifahrer kannte sich natürlich bestens aus und so gelangten wir schließlich zu einer Brücke, welche die Schlucht überspannt, die Ambato in zwei Hälfen teilt. Wir fuhren hinüber und auf der anderen Seite fanden wir relativ problemlos zurück auf die Panamericana. Eine halbe Stunde hatte das Intermezzo in Ambato dennoch gedauert.

Es ging weiter auf der Panamericana. Seit dem frühen Vormittag hatte es fast ohne Unterbrechung geregnet und auch in der Nacht blieb uns der strömende Regen erhalten. Bei Dunkelheit durch die Anden zu fahren, ist leider überhaupt kein Vergnügen und wenn noch Regen und schlechte Sicht dazukommen, ist man als Autofahrer jede Sekunde zu einhundert Prozent gefordert. Und wieder einmal konnten wir uns davon überzeugen, dass so manche unschöne Landestradition wohl niemals aussterben wird: Wenn man in Ecuador mit dem Auto unterwegs ist und man plötzlich ein wichtiges Anliegen hat, ist es üblich, einfach am Straßenrand zu halten. Natürlich trägt der verantwortungsvolle Autofahrer für seine und für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer Sorge und deshalb schaltet er immer die Warnblinklichter ein.

Die Signallichter, die doch eigentlich nur für seltene Notfälle reserviert sein sollten, werden bei so ziemlich jeder Gelegenheit genutzt und man bedient sich ihrer viel öfter als etwa der Fahrtrichtungsanzeiger – im Grunde könnte man die Autos in Ecuador ohne Blinklichter an die Kunden ausliefern, denn niemand braucht sie. Man scheint zu glauben, jedermann würde instinktiv wissen, was man beabsichtigt und deshalb sei es auch ganz unnötig, ein Vorhaben, wie etwa eine Richtungsänderung, durch Blinken anzuzeigen.

Das Warnblinklicht wird aber sehr häufig genutzt und zwar für fast alles, was einem auf der Straße so passieren kann: etwa wenn man ein dringendes Telefonat zu führen hat (um die anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu behindern, rollt man manchmal im Schritttempo auf dem Standsteifen entlang, während man telefoniert), wenn man seine Notdurft am Wegesrand verrichtet oder wenn man sich die Beine vertritt.

Häufig kann man beobachten, dass die Leute einfach anhalten, wenn sie sich an irgendeinem Stand etwas zu Essen kaufen möchten. Das Auto wird derweil mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Warnblinklicht auf dem rechten Fahrstreifen geparkt. Wenn man nachts bei Regen und schlechter Sicht, dazu nach fast zwölf Stunden strapaziöser Fahrt Blinklichter am Straßenrand sieht, kann es vorkommen, dass man, magisch angezogen wie die Motte vom Licht, auf die Blinksignale zuhält als wäre man in Trance. Man ist gut beraten, die rechte Spur grundsätzlich zu meiden. Ohnehin wird man alle paar hundert Meter durch Leute, die irgendein wichtiges Geschäft zu erledigen haben, zum Ausweichen gezwungen.

Die Panamerica ist in Ecuador in der Regel gut ausgebaut und nirgends erwarten den Reisenden größere Schwierigkeiten, doch erst kurz vor Latacunga, der letzten größeren Stadt vor Quito, wird die schlichte Autopista zum Luxus-Highway: Der Asphalt ist so neu und glatt, dass der Wagen förmlich darüber zu schweben scheint. Die dreispurige Trasse wird durch ein Spalier von Bogenlampen großzügig erleuchtet und die Ausschilderung ist einfach nur superb. Zu dieser späten Stunden waren wir fast die einzigen auf der Straße und hätte mich die lange Fahrt nicht restlos erschöpft, wäre es das reinste Vergnügen gewesen, in die sanften Schwünge der schönen neuen Autopista zu preschen. Diesmal mussten wir uns auch nicht durch den Stadtverkehr quälen und mühsam nach der richtigen Route suchen, denn Latacunga verfügt über eine exzellent ausgebaute Umgehungsstraße. In wenigen Minuten ließen wir die Stadt hinter uns.

Am Stadtrand von Quito gerieten wir in eine Nebelbank, die so dicht war, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Nach vierzehnstündiger Fahrt war ich nun fast dem Zusammenbruch nahe, aber ich musste mich noch eine weitere halbe Stunde zusammennehmen, bis ich mich endlich ins Bett fallen lassen konnte. Der Nebel lag so dick über der Stadt, dass man beiderseits der Straße nicht einmal Umrisse erahnen konnte. Manchmal sah man blasse Schemen, die jedoch an nichts Bekanntes erinnerten. Wir rollten in ein graues, waberndes Nichts.

Plötzlich tauchten vor uns zwei Warnblinklichter auf und ich muss dem Fahrer des Wagens dankbar sein, dass er die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, denn in den undurchdringlichen Nebelschwaden hätte ich ihn glatt übersehen. Er fuhr nur mit Schrittgeschwindigkeit und ich war kaum schneller, und diesmal war ich wirklich froh, dass jemand das Warnblinklicht auf diese höchst sinnvolle Weise zu verwenden wusste.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir wieder nach Hause fanden. Zwischen den dichten Nebelschleiern konnte man Richtungsweiser eher erahnen, als dass es einem gelungen wäre, sie zu lesen. Ich kenne mich in Quito nicht sehr gut aus und ich glaube, es war reiner Zufall, dass wir in dieser Nacht keine einzige Ausfahrt verpassten. Schließlich, nach über vierzehn Stunden Fahrt durch die Anden, fanden wir den Weg zu unserer Urbanisation, ohne dass wir uns auch nur ein einziges Mal verirrten. Wir stellten den Wagen ab, erledigten das Nötigste und fielen so erschöpft ins Bett, als wären wir soeben glücklich von der gefahrvollen Expedition in die unerforschten Weiten dieses erst kürzlich entdeckten Kontinents zurückgekehrt.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.