Durch die Tierra helada nach Cuenca

Von Guayaquil geht es weiter nach Cuenca. Wir hatten unsere Reise in Bahía de Caráquez begonnen und dann über Montecristi nach Guayaquil fortgesetzt. Jetzt verlassen wir die Hafenmetropole am Pazifik. Wir fahren auf dem mehrspurigen Highway über die Brücke, die uns von der Stadt im Delta des Río Guayas über Durán immer weiter nach Osten führt. Bei Boliche schwenken wir nach Süden und nun verläuft die Route entlang der Küste, parallel zum Delta des Río Guayas.

In Ecuador gabelt sich die Panamericana – ein Zweig folgt dem Hochtal der Anden zwischen Ost- und Westkordillere, der andere führt an der Küste entlang nach Süden. Wir fahren auf dem Küstenzweig jener Lebensader, die den ganzen Kontinent von Nord nach Süd verbindet. Würde man dieser Route immer weiter folgen, käme man irgendwann nach Machala, dem großen Ausfuhrhafen für eines der wichtigsten Exportgüter des Landes: Bananen. Da Ecuador der weltgrößte Bananenexporteur ist, könnte man die Stadt mit einigem Recht als die Welthauptstadt der Banane bezeichnen, aber außer den Frachtterminals und der alljährlich stattfindenden Miss-Wahl hat die Stadt dem Besucher kaum etwas zu bieten.

Die Autopista zieht sich schnurgerade durch die flache Schwemmlandebene östlich des Flusses. Das Land ist bis in den entferntesten Winkel von einem Meer aus Gras überzogen. Die unendlichen Weiden müssen der Traum jedes Großagrariers sein, denn Rinderherden könnten hier das ganze Jahr über grasen. Das Gras steht so saftig auf dem Halm, dass die Tiere wahrscheinlich nicht einmal zusätzliches Futter benötigten. Ich wundere mich, dass wir so wenige Herden sehen, doch die weite Ebene ist fast leer. Wie ein sattgrüner Ozean erstreckt sich das Grasland bis zum Horizont.

Bei Jesús María schlagen wir einen Bogen nach Osten, und die Route, auf der wir uns jetzt befinden, führt uns geradewegs nach Cuenca. Nur wenige Kilometer hinter der Küste überschreiten wir die Grenze zur Provinz Azuay. Von nun an geht es bis zur Passhöhe von Tres Cruces nur noch in eine Richtung, nämlich steil bergauf. Das Gebirge erhebt sich unvermittelt aus der Ebene und es steigt so schroff aus dem flachen Land wie die Bergketten von Mordor. Gleich einer schwarzen unüberwindlichen Mauer erstreckt sich der Gebirgszug von Horizont zu Horizont. In den Klüften hängen die Wolken wie weiße Federboas. Wer nach Cuenca will, muss dieses steinerne Bollwerk überwinden.

Beiderseits der Straße beginnt sich der Fels bedrohlich aufzutürmen. Die Berge rücken immer näher und dann ist die Straße plötzlich zwischen ihnen eingekeilt und der einzige Ausweg führt nach oben. Die Steigung nimmt weiter zu und bald windet sich die Autopista in immer irrwitzigeren Verrenkungen an der Flanke des Gebirges hinauf in Wolken und Nebel. Es scheint, wir haben die Pforten in eine andere Welt durchschritten, denn so schnell wir ins Gebirge eingetreten sind, so rasch wandelt sich der Charakter des Landes.

Immer wieder fahren wir durch Nebelschwaden, die so dicht sind, dass man entgegenkommende Fahrzeuge erst auf eine Distanz von zwanzig, dreißig Metern erkennt. Ungeachtet der Sichtverhältnisse befleißigen sich nicht wenige Verkehrsteilnehmer auch weiterhin einer recht sportlichen Fahrweise. Tapfer verzichten sie darauf, die Scheinwerfer einzuschalten, denn wie man weiß, liegt das Hauptaugenmerk im Straßenverkehr weniger auf der Sicherheit, sondern vielmehr darauf, die Autobatterie unter allen Umständen zu schonen. Mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Licht komme ich mir da fast schon wie ein Sonderling vor. Die Leute haben doch wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank und ich fürchte, ein freundschaftlicher Ratschlag würde nur dann fruchten, wenn man ihn mit dem Baseballschläger erteilte. Ich will mich vor diesen gemeingefährlichen Irren in Acht nehmen und fahre daher langsam und sehr, sehr aufmerksam.

Es ist nun merklich kühler geworden. Die tropisch heiße Küstenebene liegt hinter uns und auf dem Weg nach oben erreichen wir zuerst die Tierra templada mit ihren immergrünen regenfeuchten Wäldern. Die Gebirgslandschaft unterhalb der eisigen Höhen ist grün und üppig wie ein Garten Eden. Wolken streichen über die Flanken der Berge und der dichte Pelz der Vegetation kämmt die Feuchtigkeit aus der Luft. Blätter und Halme triefen vor Nässe. Die Stämme der Bäume glänzen feucht. Tauperlen glitzern auf Mooskissen. Die nebelfeuchte Luft fühlt sich an wie ein nasser Waschlappen.

An einer Raststation halten wir, um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Wir sind nun schon weit oberhalb der temperierten Zone und es ist unangenehm kühl geworden. Wenn man, so wie wir, nur mit Shorts und Sandalen bekleidet ist, kriecht einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Wir sind zu dieser Stunde die einzigen, die hier einen Zwischenstopp einlegen, und gäbe es keine Toiletten, bestünde auch gar kein Grund für eine Rast. Hinter dem Haus gibt die Landschaft den Blick auf das weite Bergpanorama frei: In der Perspektive scheint es, als würden sich die Bergketten übereinander türmen. Dabei werden sie immer blasser, bis sie schließlich der Dunst verschluckt. Weiße Wolkengirlanden hängen wie zerzupfte Wattebäusche zwischen den Graten.

Nach einem kurzen Zwischenstopp geht die Fahrt weiter, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Cuenca sein. Doch wir müssen immer weiter ins Gebirge hinaufsteigen: Ab einer Höhe von zweitausend Metern betreten wir die Tierra fría, das „kalte Land“. Bei über dreitausend Metern überschreiten wir abermals eine Grenze und vor unserem Auge breiten sich die leeren Fluren der Tierra helada aus, des „eisigen Landes“. Wolken hängen wie gefroren in den Hochtälern und eisige Winde streichen über das Páramo-Gras, das sich stachelig gegen die Kälte sträubt. Die typischen Bewohner dieser alpinen Region sind die Lamas, aber obwohl wir schon oft durch die Anden gereist sind, habe ich noch nie eines der Tiere zu Gesicht bekommen. Der Pass liegt auf über 4.100 Metern Höhe und nur ein paar Hundert Meter höher beginnt die Tierra nevada, das „schneebedeckte Land“, die grimmig kalte Welt des ewigen Eises. Von jetzt an geht es wieder hinab in grünere und vor allem in wärmere Gefilde.

Irgendwo auf einsamer Flur ereilt mich das Schicksal und mir drückt die Blase, dass ich kaum zu lachen wage, ohne fürchten zu müssen, ein peinliches Malheur zu provozieren. Aber irgendwann ist für jeden Reisenden einmal der Zeitpunkt gekommen, sich der Landessitte anzupassen. Ich mache es wie die Ecuadorianer: Man hält einfach irgendwo am Straßenrand und erledigt sein Geschäft, wie es sich eben ergibt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man sich gerade in menschenleerer Einöde befindet oder zufällig auf einer belebten Straße in einer großen Stadt. Die natürlichen Bedürfnisse gehen vor.

Glücklicherweise bin ich auf einer einsamen Landstraße, die sich durch eine gottverlassene Gegend in der Wildnis der Anden windet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine menschliche Siedlung gesehen habe – so lange liegt die Begegnung mit der Zivilisation zurück. Wir scheinen fast die einzigen zu sein, die auf dieser abgelegenen Verkehrsader durch die schroffe Bergwelt reisen. Man könnte am hellichten Tag einen Mord begehen und niemand würde es bemerken – es wäre nur schwer, in dieser menschenleeren Gegend ein Opfer zu finden. Ich rechne fest damit, dass mein Vorhaben unentdeckt bleibt.

Ich kann dem Druck nicht länger standhalten. Kurzentschlossen halte ich einfach irgendwo am Straßenrand. Ich verlasse den Wagen so eilig wie nur irgendjemand, den ein solch dringliches Vorhaben zu einem ungeplanten Stopp zwingt, und gehe ein Stück am Seitenstreifen entlang, bis ich genügend dichtes Buschwerk finde, das mir Deckung bietet. Der echte Ecuadorianer würde sich keineswegs um diese Art der Diskretion bemühen, denn für seine natürlichen Bedürfnisse muss man sich nicht schämen. Ich aber stelle mich hinter den Busch, denn ein echter Ecuadorianer bin ich noch lange nicht und ich fühle, dass es vollkommen sinnlos ist zu versuchen, einer zu werden.

Gleich neben der Straße senkt sich ein von üppigem Grün bewachsener Hang sanft zu einer Wiese hinab. Das Gras ist so grün wie die Almwiesen in der Milka-Werbung, und um das Bild zu vervollständigen, schneidet sich ein kristallklarer Bach durch die Flur. Ich höre das Wasser rauschen. Vögel zwitschern und der summende Flügelschlag von friedlichen Insekten liegt in der Luft. Wolkengebirge treiben majestätisch über ein Himmelsmeer aus Azur. Tiefe Stille liegt über diesem Bild und Frieden. Wer würde sich da nicht dem natürlichen Lauf der Dinge ergeben und einfach loslassen wollen.

Als die Geschäfte in diesem winzigen Teil des Universums im Begriff stehen, sich gemäß den ewigen kosmischen Gesetzen zu vollziehen, tauchen plötzlich zwei junge Frauen in der Tracht der Einheimischen auf. Sie erklimmen den Hang, der von der Wiese hinauf zur Straße führt. Ein verborgener Pfad leitet sie durch den dichten Bewuchs. Ich wundere mich, warum ich sie nicht eher gesehen habe, aber ich bemerke sie erst, als sie praktisch schon hinter mir stehen. Ich habe gerade noch Zeit, den Reißverschluss zuzuziehen und ich tue so, als wäre ich mit irgendetwas beschäftigt, nur nicht mit dem, wonach es auf den ersten Blick aussieht.

Sie grüßen freundlich – Buenas tardes, denn es ist ja schon später Nachmittag – und setzen dann ihren Weg fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, irgendwo in der Einsamkeit der Anden Gringos mit halb heruntergelassenen Hosen anzutreffen. Mein Problem harrt derweil noch immer einer Lösung und sobald der Überraschungsbesuch außer Sichtweite ist, folge ich dem Hang in ungezügelter Erwartung ein Stück weit nach unten. Hier nun, friedvoll verbogen unter schattigem Buschwerk, unter der Begleitmelodie von Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Baches, findet das Drama doch noch seine glückliche Auflösung. Was die beiden jungen Frauen in der idyllischen Einsamkeit der Berge eigentlich zu finden hofften, bleibt indes ein ungelöstes Rätsel.

Allmählich wird es dunkel und die Nacht senkt sich wie ein schwarzer Vorhang über die Anden. Kurz vor Cuenca, aber schon hinter der Passhöhe von Tres Cruces schneidet die Straße durch den Saum des Nationalparks von El Cajás. Die Landschaft ist anders als alles, was ich je gesehen habe. Sie wirkt so fremdartig, dass man gar nicht sagen könnte, ob man sie als schön oder als bedrohlich empfinden soll. Man könnte in der Tat glauben, man sei auf einem fremden Planeten gestrandet. Zwischen all dem Staunen fühle ich mich einen kurzen Augenblick an „The Long Rain“ erinnert, eine Kurzgeschichte aus der Feder Ray Bradburys. In der Filmadaption kämpft sich Rod Steiger unter immerwährendem Regen durch eine Landschaft voller bizarrer Gewächse. Zwar regnet es nicht, aber irgendwie habe ich den Eindruck, gäbe es eine alptraumhafte Version der Venus, müsste sie so aussehen wie die Landschaft in El Cajás. Leider ist es schon viel zu dunkel, um noch Fotos zu machen.

Die Straße führt nun gemächlich bergab und ich lasse den Wagen rollen. Auf den letzten paar Kilometern hängen wir uns an einen alten Transporter, dessen rechtes Hinterrad so bedenklich vor sich hin eiert, dass ich jeden Moment damit rechne, es könnte abfallen. Und tatsächlich, plötzlich wird das Eiern zu einem wilden Schlagen, das sich auf das ganze Auto überträgt. Und dann knickt das Rad zur Seite ein wie die Knöchel eines Schlittschuhläufers, der sich zum ersten Mal im Leben auf Kufen zu halten versucht. Der Wagen rutscht nur noch auf der Achse, doch dem Fahrer gelingt es, sein Gefährt ohne Schaden zum Stehen zu bringen.

Nicht weit entfernt befinden sich Häuser und in den Fenstern sieht man Licht. Der Fahrer des Transporters würde also Hilfe finden. Cuenca liegt ganz in der Nähe und im Notfall könnte er mit dem Taxi in die Stadt fahren und dort auch übernachten. Es ist ein Glück, dass der Schaden nicht im Nationalpark oder auf der Passhöhe eingetreten ist, denn einmal gestrandet, würde es wahrscheinlich eine Ewigkeit dauern, bis Hilfe einträfe.

Wir haben unser Ziel nun fast erreicht. Dass man nicht mehr weit von der Stadt entfernt ist, erkennt man an den adretten Häuschen, die einem am Wegesrand begegnen. Alles wirkt so sauber und aufgeräumt und müsste man einen (etwas schiefen) Vergleich bemühen, würde man sagen, Cuenca sei die Schweiz Ecuadors. Aber Cuenca gilt in der Tat nicht nur den Ecuadorianern als eine der schönsten und vor allem als eine der saubersten Städte des Landes. Das Leben ist ähnlich organisiert wie in einer historischen Kleinstadt in Europa mit ihren alten Gemäuern und den schönen Fassaden, und wenn man über die sauberen Bürgersteige flaniert, hat man nicht selten den Eindruck, man befände sich in einer Stadt auf dem alten Kontinent und nicht in Ecuador. Und wirklich gibt es in Spanien ebenfalls ein Cuenca, denn ganz ähnlich wie die Spanier bemüht waren, die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat in die überseeischen Kolonien ihres Weltreiches zu verpflanzen, überzogen sie den neuen Erdteil mit Kopien ihrer Städte.

Wir sind im Augenblick vor allem daran interessiert, unser Hotel zu finden, was trotz Navi keine leichte Aufgabe ist, denn in der Stadt wird gebaut und viele Straßen sind gesperrt – die Gleistrassen für die neue Straßenbahn werden gerade verlegt. Wir müssen im Hotel anrufen, um den Weg zu erfragen, doch mit ein wenig Glück finden wir die „Cuenca Suits“ dann doch. Nach einer langen anstrengenden Fahrt über die eisigen Passhöhen der Anden sind wir froh, uns endlich ein wenig ausruhen zu dürfen. Doch es ist noch nicht spät genug, als dass man den Abend guten Gewissens im Hotel ausklingen lassen könnte. Und wir haben Hunger. Und so machen wir uns alsbald wieder auf, um das abendliche Cuenca zu erkunden.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

Strand-Rallye

Das Leben in Bahía besteht natürlich nicht nur aus Sonne, Strand und Frohsinn. Meine Frau hat sich schon seit längerer Zeit mit dem Wunsch getragen, den Friedhof zu besuchen, und eines Morgens fahre ich sie mit dem Auto dorthin und begleite sie. Es ist zwar erst früher Vormittag, aber es ist heiß wie in einer Sauna und nachdem ich das klimatisierte Innere des Wagens verlassen habe, bin ich augenblicklich in Schweiß gebadet. Angezogen von dem verführerischen Schweißgeruch, stürzen sich Schwärme von Mosquitos sogleich angriffslustig auf jede freie Hautstelle.

Wir finden den Platz mit den Gräbern der Großeltern meiner Frau nicht sofort und irren wie zwei Touristen, die sich verlaufen haben, auf dem labyrinthischen Gottesacker umher – für die Mücken Zeit genug, erst einmal in aller Ruhe ein gehaltvolles Frühstück zu tanken. Meine Frau legt Blumen nieder und nach einer kurzen Andacht geht es schon wieder zurück. Länger hätte man es ohnehin nicht ausgehalten, wegen der Hitze und wegen der stechlustigen Plage. Als wir zum Auto zurückkehren, ist meine Haut von Schwellungen übersät und sieht aus wie eine Hügellandschaft; die Stiche wachsen sich zu eitrigen Beulen aus und jucken noch Tage später so höllisch, dass ich an die Decke gehen könnte.

Gegen Mittag fahren wir zu einer Landzunge nördlich von San Vicente. Ein breiter Sandstreifen ragt dort wie ein Dorn dreihundert Meter in die glitzernde Weite des Ozeans hinein. Bei Ebbe ist der Strand breit wie ein Fußballplatz und flach wie ein Teller. An einer Stelle gibt es eine Zufahrt und man kann mit dem Auto bis auf den Strand fahren und diesem sogar noch entlang der Küste folgen, wenn man will. In Deutschland wäre das natürlich strengstens verboten, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt, weil der Amtsschimmel schlicht an Langeweile eingehen würde, wenn er nicht alle Naselang Verbote aufstellen und deren Einhaltung überwachen könnte. Wie man weiß, sind Bußgelder ein substantieller Bestandteil des kommunalen Budgets.

Aber wir sind hier in Ecuador und die Polizei kümmert sich hierzulande lieber darum, mehr schlecht als recht den Verkehr zu regeln, oder man sieht sie irgendwo einfach nur gravitätisch und gleichermaßen nutzlos herumzustehen. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun: Die Gesetzeshüter könnten zum Beispiel versuchen, die vielen Wohnungseinbrüche aufzuklären; sie könnten die Leute davon abhalten, den Müll einfach aus dem Fenster ihres Autos zu werfen. Die illegale Müllentsorgung ist so weit verbreitet, dass man sie fast schon als gute alte Landessitte ansehen muss. Manches Teilstück der neuen Autopistas ist links und rechts des Asphalts bereits flächendeckend zugemüllt. An einigen Aussichtspunkten, die man nach US-Vorbild an landschaftlich besonders reizvollen Stellen angelegt hat, empfangen den Reisenden stinkende Halden aus Haus- und Sperrmüll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Ecuadorianer mögen ihr Land nicht sonderlich.

Da es allgemein üblich ist, mit dem Auto zum Strand zu fahren, müssen auch wir kein schlechtes Gewissen haben, zumal der Wagen fast neu ist und die Ölwanne dichthält. Wir sind an diesem Tag nicht die einzigen motorisierten Strandbesucher, denn mit uns kurvt ein halbes Dutzend weiterer Wagen fröhlich durch den Sand. Wir hatten lediglich beabsichtigt, ein paar hundert Meter den Strand hinauf zur Landspitze zu ziehen, aber als wir dort angekommen sind, sehen wir manchen der Strandbesucher weiter nach Norden fahren. Der Strand schlängelt sich flach und glatt wie eine Autobahn an der Küste entlang. Bei Ebbe gelangt man mit dem Wagen bis nach Briceño, einen kleinen Badeort kurz vor Canoa. Erst hinter Briceño wird der Strand dann immer schmaler und Felsen versperren den Weg gleich den Mauern eines Festungsgürtels.

Im Innern der Landzunge hatte die Flut einen riesigen Gezeitentümpel zurückgelassen. Das flache, spiegelglatte Gewässer hat die Ausmaße eines Sees; man könnte darauf sogar segeln oder Wasserski fahren. Am Ufer hat sich eine Fischerfamilie unter einem schattenspendenden Baldachin niedergelassen. Der Fischer wirft träge das Netz aus. Die Kinder spielen im flachen Wasser oder rennen quietschend und schreiend am Ufer entlang – halbnackte Wilde in ihrem Paradies. Später, nachdem die Hitze und das Toben sie ermattet haben, ruhen sie wie Könige unter ihrem roten Baldachin.

Es ist heiß wie in einem Backofen und die Sonne brennt aus einem schmerzhaft gleißenden Himmel erbarmungslos auf den Strand hernieder. Man hat den Eindruck, Nadeln würden sich einem in den Schädel bohren, so grell gleißt der Strand im hellen Sonnenlicht. Der Sand streut die Helligkeit in alle Richtungen, so dass das Auge nirgendwo Linderung findet. Ich war klug genug, mir eine Cap mitzubringen, denn ohne Schutz hätte mein Hirn zu kochen angefangen wie ein Blumenkohl im Schnellkochtopf. Nur selten streicht an diesem Tag eine kühlende Brise über den Strand und wenn sich doch einmal ein Lüftchen hierher verirrt, fühlt es sich glühend heiß an wie die Winde über der Atacama.

Mit dem Auto folgen wir dem Strand nach Norden. Es tut gut, den Schweiß für einen Augenblick im kühlen Luftstrahl der Klimaanlage trocknen zu lassen. Die Piste ist fast hundert Meter breit und die letzte Flut hat den Sand zu einer betonharten Schicht verfestigt. Besucher gibt es nicht und der Wagen rollt leicht dahin über den Strand, der so ausgedehnt erscheint wie das Rollfeld eines Flughafens. Die Autos vor uns sind längst im Dunst irgendwo weiter die Küste hinauf verschwunden und hinter uns ist ebenfalls niemand zu sehen. Der Strand wirkt verwaist wie am Tage nach der Schöpfung.

Ich lasse meinen Sohn das Steuer übernehmen – was soll schon passieren, schließlich hat der Wagen Automatik und Gefahr, dass jemand überfahren wird, besteht auch nicht. Cool wie ein professioneller Rallye-Pilot nimmt er im Fahrersitz Platz und dann treibt er den Wagen mit Sechzig über die sich scheinbar endlos hinziehende Sandpiste. Ich muss ihn immer wieder zügeln, aber die fast unendliche Weite des Strandes verlangsamt die Bewegung und man könnte noch viel schneller fahren und würde dennoch den Eindruck haben, man krieche langsam dahin wie eine Schnecke.

Wir fahren bis nach Briceño. Rauschende Palmenhaine und grüne Hügel ziehen an uns vorbei, Strandhäuser und Berge von Treibgut, die der Ozean mit der letzten Flut ans Land geworfen hat. Kurz vor der Stadt treffen wir auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Einheimischen, die damit beschäftigt sind, etwas im Sand zu suchen. Die Szene wirkt so archaisch, dass ich mich für einen kurzen Augenblick in eine ferne prähistorische Zeit zurückversetzt glaube. Die Leute knien auf dem Strand und zerreiben den feuchten Sand zwischen den Fingern. Wenn ihre akribische Suche etwas zutage gebracht hat, stecken sie es in ein winziges Eimerchen, das jeder von ihnen bei sich hat. Man kann nicht erkennen, was sie sammeln, denn es ist zu klein.

Wir halten und meine Frau fragt ein Mädchen von etwa zehn Jahren, was sie denn da im Sand suchten. Das Mädchen bringt ein paar kaum verständliche Sätze hervor und spricht, als hätte es überhaupt keine Ahnung, was es da eigentlich tue (unser Sohn wundert sich und fragt uns leise, ob das arme Ding nicht ganz richtig im Kopf sei). Trotz mehrfachen geduldigen Nachfragens ist aus ihm nicht herauszubringen, was es ist, wonach man so angestrengt sucht. Ein paar der Erwachsenen gucken schon, als wären wir Sittenstrolche auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Meine Frau stellt die Befragung frustriert ein und wir drehen bei. Wahrscheinlich hatte man dem Kind eingeschärft, niemandem zu verraten, was man da tue. Ich vermute, die Leute waren auf der Suche nach Muschelstücken und Korallen, aus denen man Schmuck herstellen kann. Vielleicht hat man in dieser Gegend ein Monopol, das man eifersüchtig zu hüten bestrebt ist, und da kann man natürlich niemandem trauen, selbst wenn es sich augenscheinlich nur um harmlose Touristen wie uns handelt.

Mein Sohn fährt uns auch wieder sicher zurück zur Landspitze und stolz überlässt er mir schließlich das Steuer – so einfach kann Autofahren sein! Am Ausgang des Strandes, nur wenige Schritte vom spiegelnden Asphalt der Straße entfernt, hat ein Kokosverkäufer seinen Stand aufgebaut. Wie ein mächtiger Kazike liegt er in seiner Hängematte und wartet darauf, dass ihm die Straße die durstige Kundschaft direkt in die Arme treibt. Auf dem Schild an seinem Verkaufsstand soll man lesen „Se vende coco helado“ (eisgekühlte Kokosnuss zu verkaufen), geschrieben steht aber „Seven de coco hela do“. Völlig perplex, sinne ich geraume Zeit darüber nach, welche mystische Bedeutung die Zahl Sieben wohl im Zusammenhang mit Kokosnüssen haben könnte, bis mir plötzlich aufgeht, dass es sich keinesfalls um ein pythagoräisches Zahlenrätsel handelt, sondern bloß um eine simple Anzeige. Wir kaufen ein paar Cocos, denn bei dieser Hitze gibt es nichts Besseres, als den Durst mit kaltem Agua de coco (Kokoswasser) zu stillen.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein Junge am Straßenrand. Er wartet augenscheinlich auf den Bus, der entweder jeden Augenblick wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Hitze auftaucht oder niemals kommt. Wir fragen, ob wir ihn mitnehmen können. Er nimmt unser Angebot an und wir fahren ihn zurück nach San Vicente, wo, wie er sagt, sein Onkel auf ihn warte. Meine Frau versucht ein wenig Konversation zu treiben, aber die ungewöhnliche Tatsache, dass ihn jemand Wildfremdes mit dem Auto mitgenommen hat, und der Umstand, dass das Auto auch noch vollgestopft ist mit neugierigen Gringos, scheinen ihn über alle Maßen zu beeindrucken. Er bringt kaum ein Wort heraus. Wir setzen ihn in San Vicente ab und fahren weiter zum „Pelícano“, denn so ein Strandausflug macht unglaublich hungrig.

Einsame Ladies und sonderbare Gestalten

Auf der Fahrt nach Montecristi hatten wir eine jener sonderbaren Begegnungen, wie man sie nur auf den Landstraßen Ecuadors haben kann: Die Straße führte durch eine einsame Landschaft. Man sah weder Häuser noch Menschen. Wahrscheinlich versteckten sich die wenigen Bewohner der Gegend vor der sengenden Sonne, die an diesem Tag mit erbarmungsloser Gewalt auf die tropische Landschaft niederbrannte. Das Land schien wie im Hitzeschock erstarrt und nur auf der Straße, der einzigen Lebensader in dieser Einöde, gab es Bewegung. Doch nur selten begegnete man anderen Reisenden – offenbar mied man die Hitze. Es war zwar erst Vormittag, doch ein zorniger Himmel sandte seine Strahlen zur Erde hinab, als wollte er die Menschheit verdorren lassen. Ich saß im kühlen Innern des Wagens in der sicheren Gewissheit, dass ich meinen Platz hinter dem Steuer an diesem Tag nicht würde verlassen müssen. Die Klimaanlage lief derweil auf Hochtouren.

In der flimmernden Hitze tauchte plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand auf. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Frau von etwa sechzig war, die hurtig wie ein Paradesoldat über den glühenden Asphalt marschierte. Sie trug ein Tanktop, khakifarbene Shorts und ihre Füße steckten in robusten Wanderstiefeln. Am Hals baumelte eine teure Kamera mit massivem Teleobjektiv. Rücken, Schultern und Gesicht waren gerötet, als wären sie im Abgasstrahl eines startenden Düsenjets geröstet worden.

Ich weiß nicht, was manche Gringos glauben, wo sie eigentlich sind. Der kriminelle Abschaum hierzulande macht nämlich nur selten einen Unterschied zwischen arglosen Naturfotografen und reichen Urlaubern. Und wer mit einer teuren Kamera durch eine gottverlassene Gegend stolziert, als handelte es sich um den Broadway, fordert das Gesindel ja geradezu heraus. Genauso gut könnte man einer hungrigen Hundemeute mit einem Beefjerky vor der Nase herumfuchteln; man muss sich dann nur nicht wundern, wenn man gebissen wird. Ich hoffe, die Lady blieb von unangenehmen Begegnungen verschont und erreichte irgendeinen Außenposten der Zivilisation, bevor die Sonne sie zu Beefjerky dörrte.

Da gerade die Rede von merkwürdigen Begegnungen ist, muss ich eine Begebenheit noch unbedingt erwähnen: Angelegentlich einer unserer länger zurückliegenden Reisen fuhren wir von Quito nach Bahía. Nicht weit westlich von Quito führt die Route über die Kordillere und die Straße schraubt sich in schier endlosen Serpentinen durch Steigungen und Gefälle. In den Bergen leben kaum Menschen und nur alle paar Dutzend Kilometer fährt man durch Dörfer, die in Tälern zwischen Felsmassiven eingeklemmt sind. Auf dem weitaus größten Teil der Strecke sieht man bloß von dichtem Grün überzogene Berge oder tiefe Täler, durch die Wildwasserbäche rauschen. Die Straße folgt den Flüssen und so hat man die Wahl zwischen einer Felswand auf einer Seite der Straße und einer Schlucht auf der anderen Seite. Da bleibt man am besten immer schön auf dem Asphalt.

Wir fuhren gerade mitten durch die Berge, auf dem einsamsten Teil der Strecke zwischen Quito und Santo Domingo. Weit und breit gab es keine menschliche Ansiedlung und wäre man irgendwo abseits der Straße gestrandet, hätte man wahrscheinlich Tage gebraucht, um wieder in die Zivilisation zurückzufinden. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer peitschten hektisch über die Frontscheibe und dennoch konnte man allenfalls Umrisse erkennen. Was für ein scheußliches Wetter! Man hätte keinen Hund vor die Tür jagen wollen. Titan, unser vierbeiniger Hausgenosse, fiepste nur immerzu mitleidig – wahrscheinlich erriet er meine finstersten Gedanken.

Ich tastete mich langsam durch den dichten Regen, als ich plötzlich eine Gestalt am rechten Straßenrand stehen sah. Als ich nahe genug war, erkannte ich, dass es ein Mann mit Hut war und er trug einen Anzug, als wäre er zu einer Geschäftsbesprechung verabredet: schwarzes, frisch gebügeltes Sakko, die Hose mit scharfen Bügelfalten, weißes Hemd, akkurat gebundene Krawatte, auf Hochglanz polierte Schuhe und natürlich der Hut. Er stand einsam im strömenden Regen und schaute mir direkt in die Augen.

Es gab im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern absolut nichts, wofür es notwendig gewesen wäre, einen Anzug zu tragen (in dieser Gegend hätten ausnahmsweise einmal Cargohose, Wanderstiefel und Buschmesser gepasst). Die Begegnung wirkte so unwirklich wie eine surreale Szene in einem David-Lynch-Film. Als ich das Erlebnis später mit den anderen teilte, beteuerten sie aber nur, sie hätten nichts bemerkt. Doch der Mann stand direkt am Straßenrand und ich fuhr auf Armeslänge an ihm vorbei, und da ich wegen des Regens nur langsam vorankam, konnte ich ihn ganz deutlich sehen. Vielleicht war er zu einem Geschäftstermin eingeladen und er wartete auf seine Partner. Um welche Art Business es sich handeln könnte, das in dieser Einöde Erfolg verspräche, bleibt allerdings rätselhaft. Merkwürdige Dinge geschehen in den Bergen …

[…]

P.S. Als meine Frau die Geschichte las, bezweifelte sie keineswegs, dass ich tatsächlich jemanden im Regen hatte stehen sehen, obwohl sie selbst sich nicht daran erinnern konnte, jemanden gesehen zu haben. Sie versuchte mir auch nicht weiszumachen, dass ich mich getäuscht hätte oder dass meine Beobachtung bloß eine Halluzination gewesen sei, die von einer Überdosis Erdnussschokolade verursacht worden wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte sie, dies sei ein Fantasma gewesen, ein Gespenst oder ein Geist. Sie schloss jede andere Erklärung kategorisch aus, denn was ich beobachtet hatte, sei zu absurd, als dass man es anders würde deuten können.

In der Tat, wenn man im Ausschlussverfahren all jene Ursachen eliminiert, die logisch nicht in Frage kommen können, muss zwangsläufig wahr sein, was am Ende übrigbleibt, auch wenn es vollkommen absurd erscheint. Dass der Mann zu einer Geschäftssitzung eingeladen war, wird man wohl aus naheliegenden Gründen ausschließen dürfen. Und sehr viel mehr andere Deutungen, die nicht ins Komische abrutschen, lässt die Situation kaum zu. Für viele Ecuadorianer wäre eine übernatürliche Erklärung ohnehin plausibler.

Aber wenn der Mann wirklich ein Geist war – um einmal die Logik ins Spiel zu bringen –, frage ich mich, warum er sich ausgerechnet diese (Achtung, Kalauer!) todlangweilige Gegend ausgesucht hatte, um herumzuspuken, noch dazu an einem Tag, an dem es ohne Unterlass regnete. Wäre ich ein Geist, würde ich viel lieber die Villen mit den Swimmingpools heimsuchen oder die schönen tropischen Strände, ja, selbst noch die Shopping-Malls. Tagein, tagaus an so einer zügigen Autopista zu stehen, muss wirklich kein Vergnügen sein – kein Wunder, dass die Toten im Film immer so schlecht gelaunt sind.

[…]

P.P.S. Mein Sohn konnte sich plötzlich wieder erinnern, den Mann ebenfalls gesehen zu haben, obwohl er zuerst das Gegenteil behauptet hatte. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass mehrere Personen Zeugen derselben Erscheinung wurden. Aber das würde dann wirklich die Grenzen der Logik sprengen.

Im Parkhaus

In allen großen Shopping-Malls stehen der motorisierten Kundschaft unterirdische Parkhäuser zur Verfügung. In einem engen Parkhaus kommt das korrekte Ein- und Ausparken jedoch oft einem Kunststück gleich und damit dennoch alles schnell und reibungslos vonstatten geht, gibt es Parkplatzeinweiser. Sie zeigen den Kunden freie Parkplätze und dirigieren die Fahrzeuge umsichtig selbst in noch so schmale Parklücken. So wird verhindert, dass man versehentlich das Auto eines anderen rammt oder Bekanntschaft mit einem Betonpfeiler macht. Für ihre oft unentbehrlichen Dienste bedankt man sich mit fünfzig Centavos oder einem Dollar.

Eine Kollegin erzählte meiner Frau eine bestürzende Geschichte: Eines Tages besuchte sie die Scala – das ist eine der großen Einkaufsmeilen in Cumbayá – und im dortigen Parkhaus wurde sie Zeugin eines Unfalls. Ein anderer Kunde fuhr seinen Wagen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die unterirdische Parkanlage. Erlaubt sind höchstens fünfzehn Kilometer pro Stunde, doch ich selbst habe schon erlebt, wie Fahrer ihre Wagen mit sechzig oder mehr durch die Gänge peitschten. Man hört Motoren aufheulen und Reifen quietschen und wenn man sich nicht rechtzeitig zwischen den parkenden Autos in Sicherheit bringt, ist es um einen geschehen. In vielen Parkhäusern hat man vorsorglich alle zwanzig, dreißig Meter Schwellen auf die Fahrbahn montiert, um die Raser auszubremsen. Dennoch lebt man als Fußgänger gefährlich und ich habe mir deshalb schon vor langer Zeit angewöhnt, immer ganz am Rande der Fahrbahn zu laufen.

Während also einer der Kunden des Einkaufszentrums damit beschäftigt war, die Leistungsgrenzen seiner Maschine zu testen, muss er einen der Einweiser übersehen haben. Zwar tragen die Leute Warnwesten, die sie aussehen lassen wie Feuermelder, und daher ist es eigentlich unmöglich, dass man sie übersieht – vorausgesetzt, man hält sich an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten –, doch wenn man mit Sechzig durch die unterirdischen Katakomben heizt und nicht unbedingt über das Reaktionsvermögen eines Jedi verfügt, kann es schon einmal vorkommen, dass man plötzlich eine neonfarbene Warnweste auf dem Kühlergrill hat.

Der Wagen erfasste den Einweiser und der Mann flog in hohem Bogen durch die Luft, wobei er sich wie ein Zirkusartist in mehreren Salti überschlug. Wie nicht anders zu erwarten, landete er höchst unsanft auf dem Beton. Die Canaille hinter dem Lenkrad erachtete den Vorfall als nicht einmal gravierend genug, um wenigstens zu halten und sich nach dem Befinden des Mannes zu erkundigen, im Gegenteil, man gab Gas, als wäre nichts geschehen, und im nächsten Augenblick war der Wagen verschwunden. Der Parkplatzeinweiser rappelte sie wieder auf, klopfte sich den Staub von der Uniform und versah seinen Dienst, als würde er jeden Tag solch einen Stunt vollführen. Ohne blaue Flecken wird er sicher nicht davongekommen sein, doch es war geradezu ein Wunder, dass er sich bei dieser Karambolage nicht sämtliche Knochen im Leib gebrochen hat.

Autofahrer, die keinerlei Rücksicht nehmen (es sei denn, aus Furcht um ihren teuren Wagen) und von denen weder Einsicht bei einem Fehlverhalten zu erwarten ist noch Bedauern im Falle, dass ein anderer zu Schaden kommt, begegnet man hierzulande leider weit häufiger als in Deutschland. Für einige der reicheren Kunden der Shopping-Malls sind Menschen wie die Einweiser lediglich Existenzen am äußersten Rand des eigenen Bedeutungshorizonts. Für manch einen sind sie im Grunde kaum existent, es sei denn, sie bieten sich als Hilfswillige an, als Dienstboten, deren Schicksal es ist, Leuten mit höherer Bestimmung, zu denen man sich natürlich selbst zählt, zu dienen. Man billigt ihnen den Status von Domestiken zu, doch als Individuen mit genau denselben Rechten, die man nur zu gern bei jeder Gelegenheit lautstark für sich in Anspruch nimmt, sieht man sie nicht.

Der Einweiser schien seinen Platz zu kennen, denn weder informierte er seine Vorgesetzten über den Vorfall, noch stellte er Strafanzeige. Er schwieg – ganz sicher auch, weil er fürchten musste, seinen Job zu verlieren, denn welcher Arbeitgeber beschäftigt schon gern Querulanten: Von nicht wenigen hierzulande wird es immer noch als ungehörig angesehen, wenn jemand von „ganz unten“ auf seine Rechte pocht.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Parkplatzeinweiser sogar noch glaubte, er sei selber schuld. Und selbst wenn er den Fahrer angezeigt hätte, dessen teurer Anwalt würde ihn wahrscheinlich als verantwortungslosen Menschen und Trinker dargestellt haben und darüber hinaus hätte er auch noch glaubhaft machen können, dass der Mann sich in voller Absicht vor das Auto seines unbescholtenen Klienten gestellt habe, nur um diesem zu schaden. Ich bin dieses dünkelhafte Gehabe so leid. Die Klassengegensätze in Berlin mögen nicht weniger ausgeprägt sein als hierzulande, doch zumindest erhalten Leute vom Schlage jenes Autofahrers manchmal die Antwort, die sie verdienen.

Einhundert Posts

Abenteuerliche Bergfahrten

Zu den Orten, die man in Quito unbedingt besucht haben sollte, zählt die Capilla del Hombre, ein Hauptwerk Oswaldo Guayasamíns. Sie auszulassen, wäre ungefähr so, als hätte der Berlinbesucher das Brandenburger Tor nicht gesehen oder versäumt, den berühmten Kunstschätzen der Museumsinsel seine Aufwartung zu machen. Die Capilla del Hombre ist nicht nur eines der beeindruckendsten Werke individuellen Schöpferwillens, seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 hat sie sich auch zu einem der bedeutendsten Orte der Kunst in der Hauptstadt des Andenlandes entwickelt.

Als echter ecuadorianischer Patriotin war es meiner Frau natürlich ein ganz besonderes Anliegen, diese dem Menschen geweihte Andachtsstätte zu besuchen. Zwar kannte sie die Kapelle schon von früheren Reisen, doch es ist immer wieder ein bewegender Moment, in die ganz eigene, fast schon sakrale Atmosphäre dieser „Kirche des Menschen“ einzutauchen. Wir beschlossen, einen ganzen Samstagvormittag der Kunst zu widmen.

Unser Ziel liegt im Stadtteil Bellavista alta. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um eines der höher gelegenen Stadtviertel Quitos, von denen aus man einen grandiosen Panoramablick über die Berge und die Stadt hat. Eine Straßenkarte kann hilfreich sein, doch man benötigt sie nicht in jedem Fall, denn die Kapelle wie auch die Casa Guayasamín, das Haus des Künstlers, befinden sich an der höchsten Stelle, und wenn man nur immer den Berg hinauffährt, gelangt man schließlich fast zwingend zum Ziel. Wir wollten uns natürlich nicht auf die Reise machen, ohne uns vorher versichert zu haben, dass wir entspannt und gutgelaunt ankommen, und deshalb gaben wir die Koordinaten ins Navi ein.

Das Haus des Künstlers und die Kapelle befinden sich auf dem Grat eines steilen Bergrückens und für den Liebhaber der Kunst gibt es zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen: Man kann an den relativ sanft auslaufenden Enden des Höhenrückens zum Gipfelgrat hinauffahren oder man kann sein Glück an den Flanken versuchen, an denen der Winkel der Steigung von respekteinflößend bis irrwitzig reicht. Man fragt sich, welches normal motorisierte Kraftfahrzeug imstande ist, solche Steigungen zu bewältigen, aber beiderseits der Straße wohnen Menschen – der Berg ist bis in die Höhe dicht bebaut – und es ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen hin und wieder mit dem eigenen Auto fahren. Das Navi, das von unüberwindlichen Steigungen noch nie gehört zu haben scheint, führte uns, wie zu erwarten, zuverlässig über die Straßen mit den extremsten Höhenunterschieden.

Wie ein gegen den Wind kreuzendes Segelschiff arbeiteten wir uns im Zickzackkurs gegen die Schwerkraft empor. Die Straßen waren an diesem Samstagvormittag wie ausgestorben; weder sah man Menschen noch sonst irgendein Lebewesen, das einem die Versicherung gab, dass Leben in dieser Höhe möglich sei. Es schien, die Bewohner dieses Stadtteils – und zwar Mensch wie Tier gleichermaßen – nutzten die Wochenenden, um sich von der anstrengenden Steigarbeit an den restlichen Tagen der Woche auszuruhen.

Langsam arbeiteten wir uns voran, doch wir kamen dem Ziel näher: Statt Häusern, die sich wie Legoburgen auftürmten, sahen wir über uns schon bald nur noch das ätherische Blau des Andenhimmels. Wattewölkchen schwammen darin gleich Marshmallows. Nur noch wenige Meter und der Aufstieg wäre geschafft. Doch dann, nach einer letzten Neunzig-Grad-Kurve, standen wir plötzlich vor der furchteinflößendsten Steigung, die ich je vom Fahrersitz eines Auto aus gesehen habe. Ich glaubte, vor einer Wand zu halten, denn die Straße schien wie eine Jakobsleiter geradewegs nach oben in den Himmel zu führen. Als jemand, der den Bilderwelten der Filmindustrie hoffnungslos wie ein Morphiumsüchtiger verfallen ist, dachte ich natürlich sofort an „Inception“ und zwar an den Augenblick, als sich die Realität des Traumes im Wortsinne aufzurollen beginnt wie ein Blatt Pergament.

Ich atmete kurz durch und gab Vollgas. Wir schossen die Steigung mit der Gewalt eines Raketenstarts hinauf. Der Motor röhrte, als würden sich die Zylinderkopfdichtungen jeden Augenblick wie Geschosse durch die Motorhaube bohren. Auf der Hälfte der Distanz wurde die Maschine merklich stiller. Das war fast so beunruhigend wie in einem Flugzeug zu sitzen und festzustellen, dass die Propeller aufhörten, sich zu drehen. Der Wagen hatte sich mittlerweile so bedrohlich aufgebäumt, dass ich mir in meinem Sitz vorkam wie ein Astronaut vor dem Start seiner Rakete. Auf den letzten Metern vor der rettenden Querstraße gluckste der Motor nur noch wie ein Ertrinkender und dann, als hätte unser Raumschiff die Zone der Schwerelosigkeit erreicht, wurde es mit einem Mal ganz still. Meine Frau und ich sahen einander an und es war wie ein letztes stummes Lebewohl, das wir uns über Raum und Zeit hinweg zusandten.

Doch der Wagen rollte noch immer, quälend langsam zwar, aber er rollte. Der Augenblick schien sich zur Unendlichkeit zu dehnen. Ich hörte das Geräusch der Reifen und ich hatte sogar noch Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich die Pneus beim nächsten Werkstatt-Check rotieren lassen wollte. Mit dem letzten Quäntchen Bewegungsenergie schafften wir es und der Wagen kam punktgenau auf dem Absatz zum Stehen. Erst jetzt sprang der Motor wieder an. Wie ein klinisch totes Herz, durch die Adrenalinspritze wiederbelebt, heulte die Maschine auf, als hätte sie ein Leben, an das sie sich klammern könnte. Hinter dem Heck des Wagens fiel die Straße in die Todesschlucht. Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Die Gegend, in die uns das Navi geführt hatte, schien kaum besucht und die Straßen wurden dem Anschein nach nur selten befahren. Eine nahe Aussichtsplattform bot einen grandiosen Blick über die Stadt. Leider war es etwas dunstig, so dass alle Fotos aussehen, als läge eine Kondensschicht auf der Kameralinse. Wir machten ein paar Aufnahmen von der Stadt, die an den Hängen beiderseits des Tals wie ein Moosteppich hinaufwächst. Gläserne Wohn- und Bürotürme schießen von den sonnenverwöhnten Berggipfeln Stalagmiten gleich in den Himmel. Zwar waren die Straßen fast menschenleer, dennoch fanden sich schon bald die üblichen neugierigen Beobachter ein, die uns mit großem Interesse dabei zusahen, wie wir mit unserer Lumix hantierten. Unter diesen Umständen schien es uns geraten, die Fahrt fortzusetzen.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Manta: In Ostasien mit James Dean

Diesmal fuhren wir mit dem eigenen Auto und das Navi führte uns über die glänzend ausgebauten Straßen in nur anderthalb Stunden nach Manta. Eigentlich wollten wir einen kurzen Abstecher nach Rocafuerte machen, einer kleinen Stadt auf halbem Wege zwischen Bahía und Manta, aber obwohl ich den Namen der Stadt ins Navi eingab, führte uns das launische Gerät zielsicher daran vorbei. Manchmal bin ich nahe daran zu glauben, dieses Navi hat ein eigenes Bewusstsein, und Routen, die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagen (wer weiß schon, was in so einem elektronischen Hirn vorgeht), werden einfach ignoriert. In Rocafuerte wollten wir Süßigkeiten kaufen, denn die Stadt ist unter allen Süßmäulern berühmt für ihre Dulces, kleine süße Sünden, von einfachem Gebäck bis hin zu aufwändig verarbeitetem Konfekt. Doch das süße Leben musste bis zu unserer Rückreise warten.

Die Strecke zwischen Bahía und Manta ist sehr schön und die Fahrt hat etwas von einer Landpartie: Das Autofahren ist ein reines Vergnügen, denn die Straßen sind in hervorragendem Zustand. Meist ist auch nicht viel Verkehr unterwegs, so dass man von den üblichen Belästigungen durch andere Verkehrsteilnehmer weitgehend verschont bleibt. Man fährt durch ländliche Gebiete, die – so hat es den Anschein – von moderner Infrastruktur noch kaum berührt worden sind. Dennoch gibt es eine ganze Menge zu sehen, denn alle paar Kilometer wechselt die Landschaft und man hat den Eindruck, hinter jeder Wegbiegung ist der Ausblick noch schöner.

Einmal hielten wir in der Nähe Charapotós (das ist ein Ort auf der Stecke), um Fotos zu schießen: Reisfelder erstreckten sich bis zum Horizont und auf den schnurgeraden Rainen zwischen den Feldern, kleinen Wällen, die verhindern, dass das Wasser abfließt, wuchsen Palmen in den azurblauen Himmel. Auf den Feldern wateten die Bauern durch das knöcheltiefe, schlammige Wasser und pflanzten Stecklinge. Um sich vor der heißen Sonne zu schützen, hatten sie sich dick eingemummelt. Das Tagesgestirn schien mit einer Kraft, dass man innerhalb kürzester Zeit regelrecht verbrannt wäre, wenn man nicht jede noch so kleine Hautstelle mit Kleidung bedeckt hätte. Die Landschaft wirkte so ursprünglich und friedlich wie die bukolische Idylle aus der Feder nur irgendeines schwärmerischen Romantikers. Hätte man keine Ahnung, wo man sich befände, könnte man wegen der Reisfelder leicht der Vorstellung erliegen, man sei irgendwo in Südostasien. Ich war nie in Vietnam oder Kambodscha, aber Jahrzehnte ungezügelten Fernsehkonsums haben meinen Gehirnwindungen die Ikonografien des Medienzeitalters unauslöschlich eingeprägt: Einen Augenblick lang erwartete ich tatsächlich, einen Huey-Helikopter über die Wipfel der Palmen brausen zu sehen.

Eingedenk unserer Erfahrungen vor drei Jahren hatten wir damit gerechnet, dass wir gut drei Stunden benötigen würden, um Manta zu erreichen. Wir waren regelrecht verblüfft und zugleich freudig überrascht, als wir schon nach der Hälfte der Zeit an die Stadtgrenze gelangten. Dabei hatten wir uns nicht einmal sehr beeilt, sondern – ganz im Gegenteil – unterwegs noch Zeit gefunden, anzuhalten und die malerische Landschaft zu fotografieren.

Mit jedem Kilometer, mit dem wir uns der Stadt näherten, schien es wärmer zu werden. Die Einheimischen meinen, Manta sei eine der wärmsten Städte in Ecuador und tatsächlich, wenn man aus dem klimatisierten Auto steigt, hat man das Gefühl, man sei an die Ausläufer einer Wüste gelangt: Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Land nieder und der Wind war so heiß und trocken, dass man meinte, das Fleisch würde einem am Knochen gedörrt. Auch die Landschaft hatte sich verändert und den höheren Temperaturen und vor allem der Trockenheit angepasst: Kurz vor Manta hatte das Land ein fast wüstenartiges Gepräge angenommen und beiderseits der Autopista sah man nur noch karge, allenfalls mit Dornbüschen und Sukkulenten bewachsene Erdhügel. Die Klimaveränderung wird durch den Humboldtstrom verursacht, der ungefähr auf der geografischen Breite von Manta in den Pazifik abknickt.

Die Urbanisation Manta Beach, in der die Freundin meiner Frau lebt, ist nicht leicht zu finden. Wir halten an einer Tankstelle und fragen einen der Angestellten. Der junge Mann scheint zu glauben, er sei so eine Art James Dean in irgendeinem amerikanischen Roadmovie: Die Stirn unter den nachlässig zurückgekämmten Haarsträhnen ist beständig in rebellische Falten geworfen, die Kippe hängt lässig im Mundwinkel zwischen den aufgeworfenen Lippen. Mit einer Coolness, die er sich von seinem Vorbild abgeschaut haben könnte, holt er sein Handy hervor und erklärt uns auf Google Maps, wie wir zu der Urbanisation gelangen, die sich auf der anderen Seite der Stadt befindet: Wir sollten die Ausfallstraße nehmen, die um die Stadt herumführt, alles andere wäre zu dieser Tageszeit einfach nur Wahnsinn. Er zoomt in die Karte und erklärt ein-, zwei-, und ich weiß nicht mehr wie viele Male mit einer schieren Engelsgeduld, welche Abzweigungen wir nehmen müssten und worauf wir zu achten hätten. Nach einer so sorgfältigen, ja idiotensicheren Unterweisung scheint es fast unmöglich, dass wir uns verfahren. Als wir uns verabschieden, ist er gerade dabei, sich eine neue Kippe anzustecken (und er arbeitet an einer Tankstelle!). Wir bedanken uns, er aber nickt bloß und nimmt einen tiefen Zug. Als wir abfahren, hat er sich bereits des nächsten hilfsbedürftigen Reisenden angenommen.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)