Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.

Das Auto

Unser“ Auto ist eigentlich nicht ganz richtig, denn technisch gesehen gehört der Wagen der Bank, über die wir den Kauf finanziert haben. In Deutschland ist der Kauf eines neuen Autos eine Routineangelegenheit, denn schließlich wollen die Autohersteller ihre Produkte unters Volk bringen und jeder, der noch ganz bei Trost ist, würde sich kaum auf ein Geschäft einlassen, bei dem er siebentausend Dollar Anzahlung und monatliche Raten von fast tausend Dollar zu leisten hätte. Aber hier sind das die gewöhnlichen Konditionen und die Leute kennen es auch gar nicht anders.

Autokauf

In Ecuador hat man keine Wahl, denn ein Gebrauchtwagen ist oft noch teurer als ein neues Auto. Zudem beschlich uns das Gefühl, dass der Händler, der inmitten seiner Autos saß wie eine Spinne im Netz, ganz entschieden versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Aber welcher Autohändler würde das nicht versuchen, wenn zwei arglose Fliegen – Pardon – Kunden in seinen Salon spaziert kämen.

Ein Neuwagen erschien uns immer noch als die beste Option. Kein Auto zu haben, wäre zwar auch möglich, aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir auch etwas vom Lande sehen. Um an manche der Ort zu gelangen, die wir besucht haben, hätte man schon fast ein Abenteurer sein müssen. Ich bin aber eher der Sofa-Abenteurer und eine Expedition ins Unbekannte stößt für mich dort an Grenzen, wo man zu beschwerlichen Busreisen und stundenlangen Fußmärschen gezwungen ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, so ein Abenteuertrip sollte immer in einem gemütlichen Café enden.

Es hatte Wochen gedauert, bis wir schließlich eine Bank fanden, die sich nach den üblichen inquisitorischen Erkundigungen, wie es um unsere Solvenz bestellt sei, bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Von den Konditionen muss man nicht reden – in Deutschland wäre man da lieber gleich Fußgänger geblieben oder hätte das Geldinstitut wegen sittenwidriger Kreditgeschäfte angezeigt, hier aber ist solcher Wucher die Norm und die Leute sind so abgestumpft, dass sie sich darüber auch gar nicht mehr aufregen.

Nach wochenlangem Bangen, nach zähen Verhandlungen und unzähligen gewonnenen Schlachten im Papierkrieg wurde uns die Finanzierung schließlich gewährt – wie gesagt, Wucher wäre eine angemessenere Bezeichnung. Nach allem, was wir an bürokratischem Ungemach hatten erdulden müssen, um den Wagen endlich zu bekommen, glaubten wir tatsächlich, es wäre ein Leichtes, ihn wieder zu verkaufen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, welch enormen Kraftakt es bedeuten würde, das Auto wieder loszuwerden.

Hindernisse beim Versuch, ein Auto zu verkaufen

Zuerst versuchten wir die traditionelle Methode: Man klebt einen Zettel an die Scheibe mit der Aufschrift „Se vende“ (zu verkaufen) mit einer Telefonnummer darunter. Mit ein wenig Glück hat man den Wagen in ein paar Tagen verkauft, so glaubten wir zumindest. Tatsächlich meldeten sich schon bald Interessenten, doch sobald sie hörten, dass das Auto eigentlich der Bank gehöre, wurden sie plötzlich merkwürdig still, verdächtig still. Die Floskel, mit der das Gespräch dann üblicherweise beendet wurde, lautete: „Ich melde mich wieder“. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde.

Als ein nicht unerhebliches Hindernis beim Versuch, das Auto zu verkaufen, stellte sich die Tatsache heraus, dass der Wagen über eine Automatik verfügt. Hierzulande fährt man in der Regel mit der traditionellen Schaltung und Automatik wird schon deshalb nicht gern angenommen, weil sie nur mit Aufpreis zu beziehen ist. Hinzu kommt, dass viele Leute nur unzureichend informiert sind: Nicht wenige glauben allen Ernstes, dass die Automatik, wie uns ein Interessent weiszumachen versuchte, dem Getriebe ernstlich schade. Viel eher sind da wohl Schäden durch unsachgemäßes Schalten zu befürchten. Wenn man den Leuten als Erwiderung eröffnet, dass man in den USA im Grunde nichts anderes als Automatik fahre, erntet man einen Blick, als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Nicht nur manchmal kommt man sich vor, als sei man hinter dem Mond gelandet.

Einmal unternahmen wir eine Reise – hin und wieder soll es dabei vorkommen, dass man die heimatlichen Gefilde weit hinter sich lässt. Man riet uns, die Verkaufsanzeige lieber vom Auto zu entfernen. Sie sei nur eine Einladung für Diebe. Denn am Nummernschild kann man erkennen, aus welcher Provinz ein Fahrzeug stammt. Ein „P“ steht für Pichincha; das ist die Provinz rund um Quito. Anderswo könnten gewisse Kreise ein Nummernschild aus einer weit entfernten Provinz als Einladung zu Geschäften ganz anderer Art verstehen. Wir waren keineswegs erpicht auf eine „unvergessliche“ Begegnung der besonderen Art und entfernten die Anzeige.

Ein Inserat wird aufgegeben

Wir mussten einsehen, so kamen wir nicht weiter. Wir beschlossen daher, es bei einem professionellen Portal mit einer Annonce zu versuchen. Aus irgendeinem Grund, der sich – wie so viele Gründe hier im Lande – auf mysteriöse Weise der Kenntnis selbst der klügsten Köpfe entzieht, war es nicht möglich, die Anzeige online aufzugeben. Das war wirklich bedauerlich, denn nun waren wir gezwungen, den weiten Weg nach Quito und durch Quito in Kauf zu nehmen. Ich fahre nicht gern in der Hauptstadt, denn zum einen kenne ich mich nicht aus und zum anderen sind die Straßen immer verstopft. Ständig steht man im Stau und nirgendwo findet man einen Parkplatz. Selbst eine Fahrt um den Block ist manchmal schon eine Tortur. Ich fahre eigentlich nur nach Quito, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und diesmal war dies der Fall.

Aber wir hatten Glück, denn wir fanden das Büro des Anzeigenportals fast auf Anhieb und in der Nähe gab es sogar noch freie Parkplätze. Obwohl es sich um eine Plattform für Gebrauchtwagen handelt, heißt das Portal merkwürdigerweise „Patio tuerca“ (Patio – Hof, Tuerca – Schraubenmutter). Selbstverständlich wurden wir an der Tür von einem Wachmann in Empfang genommen, der wie zum Kampfeinsatz an der Front gerüstet war. Die Mitglieder eines erprobten Antiterror-Kommandos hätten kaum martialischer aussehen können. Nachdem man unsere Personalien festgestellt hatte, wurden wir durch die Sicherheitsschleuse dirigiert. Im Gebäude erwartete uns ein kleiner Warteraum mit bequemen Sofas. Der Publikumsverkehr hielt sich in Grenzen und so dauerte es auch gar nicht lange, bis wir an einen freien Mitarbeiter verwiesen wurden.

Der Raum, den wir nun betraten, erinnerte an ein Callcenter: An etwa einem Dutzend Computertischen hockten überwiegend junge Männer mit Headset. Wie es schien, waren sie schwer beschäftigt – sie sprachen in ihre Headsets, tippten Daten ein, nahmen Recherchen vor, berieten und plauderten auch manchmal mit den Kunden am anderen Ende der Leitung. Wenn man gerade einmal nichts zu tun hatte – was jedoch nur selten vorkam –, schwätzte man mit den Kollegen. Dem Anschein nach waren die meisten kaum älter als Anfang Zwanzig. Es gab auch ein paar junge Frauen unter den Angestellten, doch die übergroße Mehrheit waren Männer und alle waren jung.

Jetzt wurde mir auch klar, warum man solch scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte: Dies war nicht der einzige Raum mit Computern darin, sondern das ganze Haus war vom Erdgeschoss bis unters Dach mit Technik vollgestopft. Die Rechner in diesem Raum wirkten nagelneu und sicher belief sich der Wert der elektronischen Ausstattung im ganzen Gebäude auf einige Hunderttausend Dollar. Nichts, was irgendeinen Wert hat – und sei er noch so gering –, darf man hierzulande unbeaufsichtigt lassen. Selbst die Klodeckel in den öffentlichen Toiletten werden abgeschraubt, denn findigen „Unternehmern“ versprechen sie ein gutes Geschäft. Was für ein Geschäft das allerdings sein soll, bleibt mir ein Rätsel.

Mir bleibt ebenfalls ein Rätsel, warum wir die Anzeige nicht online aufgeben konnten. Ich finde es ja schön, wenn ein Dienstleister den persönlichen Kontakt zu seinen Kunden sucht, aber in den Räumlichkeiten von „Patio tuerca“ durften wir uns davon überzeugen, dass man ein Inserat selbstverständlich online aufgeben kann. Warum sollte man sich die Mühe machen, ein Callcenter auf dem neuesten Stand der Technik zu unterhalten, wenn ein potentieller Inserent am Ende doch persönlich erscheinen muss?

Dieses Land steckt voller Rätsel und bei nicht wenigen davon scheint es sich um Mysterien zu handeln, die sich auf ewig einer vernünftigen Erklärung verschließen, genau wie die Trinität oder die Wiederauferstehung im Fleische oder die jungfräuliche Geburt. Der Geist der Aufklärung hat einen viel zu sehr daran gewöhnt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt – wenn schon nicht in der Realität, dann ganz sicher in der Theorie. Hier ist das nicht so und es gibt Fragen, die ohne Antwort bleiben, weil es keine Antwort gibt (manche Fragen stellt man darum lieber gar nicht erst). Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verläuft die Demarkationslinie zwischen Vernunft und Irrationalität. Was der Verstand aber nicht fassen kann, das muss man glauben. Vielleicht sind deshalb die Kirchen in diesem Land immer voll.

Der junge Mann, der unsere Anzeige aufnahm, war so überaus freundlich und zuvorkommend, dass es mir fast schon verdächtig vorkam. Aber vielleicht war es einfach nur seine Art, freundlich zu sein, während er uns durch den Fragenkatalog lotste, der so dick wie das Telefonbuch von Quito zu sein schien. Meist handelte es sich um technische Details zu Motor, Getriebe oder Fahrwerk. Ich musste fast immer passen – ich bin Autofahrer, kein Kfz-Meister. Doch den Mitarbeiter des Anzeigenportals bekümmerte dies keineswegs und wo wir versagten, da nahm er eben den Eintrag an unserer Statt vor. Geduldig führte er uns durch den Katalog.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die Anzeige aufzugeben und zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast davon überzeugt, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, persönlich vorbeizukommen. Ich glaube, angesichts so vieler Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, hätte ich Stunden vor dem Online-Formular gesessen und am Ende wäre meine Anfrage doch unbeantwortet geblieben, weil ich unverzichtbare Felder nicht hatte ausfüllen können.

Während ich so dasaß und meinen Blick über die Computertische und die Köpfe der vielbeschäftigten Mitarbeiter schweifen ließ, geriet plötzlich eine Wand mit dem Logo von „Patio tuerca“ in mein Blickfeld. Das Logo ist ein stilisiertes Lenkrad, welches an drei Stellen durchbrochen ist, als wäre es dort zerschnitten worden. Die Segmente sind durch geschweifte Bögen mit der Lenksäule verbunden. Das ganze erinnert an einen dreiflügeligen Propeller, dessen Blätter sich durch die Rotation verbogen haben als wären sie aus Gummi. In Comics werden Propeller immer so dargestellt.

Während ich verträumt auf die Wand starrte, wollte mir zunächst durchaus nicht klarwerden, dass es sich um das Logo des Anzeigenportals handelte. Für einen Augenblick hielt ich es tatsächlich für das Zeichen der Arischen Bruderschaft und tatsächlich rätselte es in meinem Hirn, was die Verfechter einer weißen Suprematie ausgerechnet in Ecuador zu suchen hätten. Dann aber las ich den Firmenschriftzug, doch es dauerte immer noch eine ganze Weile, bis mein in Tagträumen gefangener Verstand ihn mit dem Logo in Zusammenhang brachte.

Kaufinteressenten

Nachdem die Anzeige geschaltet war, meldete sich fast jeden Tag ein neuer Interessent, doch sobald wir ihm zu verstehen gaben, dass der Wagen der Bank gehöre, war der Deal geplatzt: Es sei viel zu kompliziert, den Vertrag umzuschreiben und außerdem dauere es viel zu lange. Die meisten wollten das Auto aber sofort mitnehmen. Einer ließ sich dann aber doch auf das Unternehmen ein und meine Frau fuhr mit ihm zur Bank.

Dort erhielt sie eine Abfuhr, die sich gewaschen hat: Die wichtigtuerische Mitarbeiterin des Kreditinstituts, die sich gebärdete, als sei sie die Kaiserin von Kontolandia, erging sich über die Angelegenheit im unerträglichsten Finanz-Fachchinesisch. Weder meiner Frau noch dem Interessenten gelang es herauszubekommen, was sie eigentlich zu sagen versuchte. Nur so viel war am Ende klar: Es würde etwa zwei Monate dauern, den Vertrag umzuschreiben. Es schien sich also keineswegs, wie wir bisher angenommen hatten, um einen simplen Finanzierungsvertrag zu handeln, sondern um ein umfängliches internationales Vertragswerk, zu dessen Änderung erst von höchster Stelle eine Expertenkommission einberufen werden musste. Man kann dem Interessenten nachfühlen, dass er alle Lust verlor, so lange auf sein Auto zu warten.

Leider erwartet man von der Menschheit immer das Höchste und also keineswegs klüger geworden durch eine Erfahrung, von der man wünscht, sie wäre einem erspart geblieben, wiederholte sich das ganze Spiel noch ein weiteres Mal: Wieder war es dieselbe Mitarbeiterin und wieder war der Interessent durch ihre hochherrschaftliche Attitüde derart eingeschüchtert, dass er schleunigst das Weite suchte. Es war sinnlos, auf ein Entgegenkommen des Geldinstituts zu hoffen, da dieses doch schon elementare Kundenfreundlichkeit vermissen ließ.

Wir trafen die Interessenten immer auf dem Parkplatz an der Tankstelle vor unserer Wohnanlage, denn schließlich möchte man die Ware gern in Augenschein nehmen, bevor man sie kauft. Einer gab uns den guten Tipp, wir sollten potentielle Interessenten auf keinen Fall zu einer Probefahrt einladen: Oft dient Kriminellen, die sich als Käufer ausgeben, die Spritztour nur dazu, herauszubekommen, wo der Verkäufer wohnt. Hat man dies in Erfahrung gebracht, kann man das Haus beobachten und so feststellen, wann sich ein Einbruch lohnt – man muss wirklich immer mit allem rechnen und vor allem darf man sich niemals zu sicher fühlen.

Ein anderer Interessent bemängelte, dass das Radio fehle. Wir mussten es ausbauen lassen, weil es seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt hatte. Derweil blieben wir wochenlang ohne Radio und – was auf Quitos Straßen viel schwerer ins Gewicht fällt – ohne Navi. Dabei fiel der Service unter die Garantieleistungen und es zeugt schon von einem ganz besonderen Verständnis, was Service ist, Kunden eine halbe Ewigkeit auf ein neues Gerät warten zu lassen (erst ein paar Tage, bevor wir das Auto endgültig abgeben sollten, installierte man das neue Radio).

Die Leute sind überaus misstrauisch und sie glauben einem nicht, selbst wenn man noch so sehr beteuert, dass das Auto tatsächlich über ein Navi verfüge, nur dass man es erst wieder einbauen lassen müsse. Der Mann versuchte den Preis zu drücken, indem er dreist behauptete, die Reparatur des Radios würde ihn zusätzliche achthundert Dollar kosten, dabei hatten wir das Gerät doch für gerade einmal zweihundert gekauft. Man hat den Eindruck, hierzulande versucht einen jeder für dumm zu verkaufen. Ständig fühlt man sich über den Tisch gezogen. Argwohn und Wachsamkeit sind einfach notwendig, will man nicht dauernd das Nachsehen haben. Das Misstrauen unter den Menschen ist so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie diese Gesellschaft überhaupt noch funktionieren kann.

Geldtransfer

Von der Bank war also keine Hilfe zu erwarten. Wir gewannen im Gegenteil den Eindruck, man lege uns so viele Steine wie nur möglich in den Weg. Ein anderes Verfahren musste deshalb zum Ziel führen: Der Käufer zahlte uns die Gesamtsumme und wir lösten den Vertrag bei der Bank ab. Die Idee klingt einfach, doch hierzulande kann es ein echtes Problem sein, eine größere Summe auf ein anderes Konto zu transferieren. Alle Geldbeträge über fünftausend Dollar fallen unter das Geldwäschegesetz und die Überweisung einer höheren als der genannten Summe muss zunächst von der Bank geprüft werden. Wird der Transfer für ordnungsgemäß befunden, stellt das Geldinstitut einen sogenannten Cheque certificado (einen zertifizierten Scheck) oder einen Cheque de gerencia (einen durch das Management autorisierten Scheck) aus und die Transaktion kann ihren Lauf nehmen.

Eine Interessentin wollte das Auto wirklich kaufen und tatsächlich brachte sie das Geld auf. Ihre Bank bestätigte die Summe durch einen Cheque certificado. Nun behielt sich aber unsere Bank vor, die Überweisung noch einmal selbst zu prüfen – sicher ist sicher. Diese zusätzliche Überprüfung hätte anderthalb Tage in Anspruch genommen. Die Interessentin war jedoch nicht bereit, diese Zeit abzuwarten. Sie wollte das Auto sofort mitnehmen.

Wir hätten ihrem Wunsch gern entsprochen, wenn sie uns nur eine notariell beglaubigte Erklärung unterschrieben hätte, in der sie bestätigte, dass sie den Wagen tatsächlich erhalten habe. Denn im Falle, dass der Scheck geplatzt wäre – etwa wenn durch die Prüfung Unregelmäßigkeiten offengelegt worden wären –, würde sie zwar das Auto erhalten haben, wir jedoch hätten nicht einen Cent gesehen. Und dann hätte sich ein Drama darum entwickelt, wie wir den Wagen wohl wiederbekommen sollen.

Um solche vermeidbaren Schwierigkeiten auszuschließen, muss man sich absichern. Doch die Frau wollte beides nicht – weder hatte sie vor, eine notarielle Erklärung zu unterschreiben, noch wollte sie die anderthalb Tage abwarten. Das Geschäft platzte. Wahrscheinlich brachte sie uns genauso viel Misstrauen entgegen wie wir ihr. Man kann es ihr nicht verübeln.

Abschied vom Auto

Am Ende gelang es uns dann doch noch, den Wagen zu verkaufen. Alle Hürden wurden erfolgreich genommen und der Käufer wartete sogar noch die anderthalb Tage ab, bis unsere Bank die Überweisung geprüft hatte (er vertraute offenbar darauf, dass wir in dieser Zeit nicht mit dem Auto und seinem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwanden). Wir waren froh, dass wir den Wagen endlich loswurden, aber als der Käufer dann in unsere Wohnanlage kam, um das Auto mitzunehmen, war mir schon ein wenig schwer ums Herz.

Ich empfinde dem Auto gegenüber nicht mehr Anhänglichkeit als gegenüber unserem Kühlschrank oder der Sofaecke. Ich bin da eher pragmatisch: Das Auto ist für mich eine Maschine, die es einem erlaubt, bequem von A nach B zu reisen. Und dennoch, wir haben so viele wundervolle Orte besucht und so viele schöne Dinge erlebt und vieles davon wäre nicht möglich gewesen ohne unseren Wagen. Viele Erinnerungen hängen an diesem Auto und nun, da es verkauft ist, habe ich den Eindruck, die Gegenwart wäre um ein Stück ärmer. Fast kommt es mir so vor, als ende ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben, und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es nur ein Auto ist, eine Maschine, die es einem erlaubt, von A nach B zu reisen.

Das Auto ist Teil der Geschichte unseres ecuadorianischen Abenteuers. Aber jede Geschichte muss notwendigerweise einmal zu einem Ende kommen, so wie unsere Zeit in Ecuador irgendwann einmal vorüber sein wird.