Noch einmal Canoa

An einem Nachmittag fahren wir nach Canoa. Ein letztes Mal wollen wir eintauchen in die Unbeschwertheit, in die Leichtigkeit der Strandkommune. Wir wollen den fröhlichen Ort besuchen, den ein partywütiges Völkchen dazu auserkoren hat, tagein, tagaus auf das Vergnüglichste seine Vermählung mit dem Meer zu feiern.

Das einstige Fischerdorf hat sich über die Jahre zu einem Hotspot für alle entwickelt, die neben präkolumbianischer Kunst und Architektur, kolonialer Pracht und hinreißenden wilden Landschaften auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen lassen wollen. In Canoa gibt es Surf- und Yogaschulen, man kann mit dem Motordrachen über den Strand gleiten oder auf dem Rücken eines Pferdes darübergaloppieren. Dutzende von Restaurants in unterschiedlichen Preisklassen und ebenso viele Pensionen und Hotels offerieren dem Besucher ihre unverzichtbaren Dienste. Zwar ist der Ort weit von den gefürchteten Exzessen so manches berühmt-berüchtigten Ferienortes entfernt, doch kann der vergnügungswillige Reisende auch hier feiern, als gäbe es kein Morgen.

Kristallisationspunkt für die Entwicklung vom verschlafenen Dorf an der Pazifikküste hin zur gefragten Urlauber-Destination ist das „Bambú“. Beim „Bambú“ handelt es sich um eine Hotelanlage mit angeschlossenem Restaurant. Wie der Name schon verrät, sind alle Gebäude, einschließlich des Restaurants, aus Bambus, dem haltbaren Naturbaustoff, gefertigt. Der Besitzer und Initiator ist ein Holländer, der sich Anfang der achtziger Jahre in den Ort verliebte. Als er damals sein Hotel zu bauen begann, gab es nur Strand und Fischerhütten.

Bambusarchitektur war damals etwas ganz Neues und auch heute noch ist sie in Ecuador weit davon entfernt, alltäglich zu sein. Über die Jahre hat das Projekt an Fahrt aufgenommen und immer mehr Menschen entdeckten Canoa als einen Ort, an dem Träume noch wirklich wahr werden können. Südlich des „Bambú“ und direkt in seiner Nachbarschaft entstanden bald weitere Hotels, Pensionen, Restaurants und Bars, zu denen sich binnen Kurzem Strand-Boutiquen, Surf- und Yogaschulen gesellten. Doch das „Bambú“ blieb einzigartig und das Original zieht heute wie damals Scharen von Gästen aus Nah und Fern an.

Wann immer wir in Bahía Urlaub machen, unternehmen wir einen Abstecher nach Canoa. Allein das Essen im „Bambú“ würde die Fahrt schon lohnen, doch das eigentliche und unübertroffene Glanzstück sind die herrlichen Strände – man wird schwerlich einen schöneren Platz auf diesem Planeten finden. Es hätte sich nicht „richtig“ angefühlt, wenn wir Bahía Lebewohl gesagt hätten, ohne wenigstens ein letztes Mal die Strandkommune besucht zu haben.

Die Atmosphäre ist einfach unbeschreiblich und man fühlt sich augenblicklich in eine Welt versetzt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr zu gelten scheinen. Dies mag aber vor allem an den vielen Joints liegen, mit denen sich hier – will man den Gerüchen glauben – jeder nur immerzu einen Trip in stratosphärische Höhen zu verschaffen sucht. Doch nicht immer braucht es Stimulanzien, um in Stimmung zu kommen: Wenn ich Sonne, Meer und Strand habe, möchte ich vor Glück geradezu bersten. An einem Nachmittag packten wir also die Sachen für den Strand und machten uns auf nach Canoa, das pazifische Eldorado für Erholungssuchende und Spaßsüchtige.

Manta: Am Pool

Nach einem langen Tag am Strand ist man rechtschaffen erschöpft. Man könnte tatsächlich glauben, man hätte ein bedeutendes Werk vollbracht, obwohl man doch gar nichts getan hat, außer sich in die Wellen zu werfen und in der Sonne zu baden. So ein Tag am Strand ist wie eine Lossprechung von aller Sündenschuld und man fühlt sich befreit, als wäre man von jeglichen Bürden des Lebens erlöst und hätte nur noch dessen Belohnungen zu erwarten. Und obwohl die Glieder ermattet sind vom Spiel mit den Kräften des Meeres, ist einem ganz leicht ums Herz, denn das reinigende Bad hat etwas von der Seele gewaschen, das schwer und drückend auf ihr lag wie der Goldstaub in der Legende von El Dorado.

Man sagt, der Ozean kenne keine Vergangenheit und er habe auch keine Erinnerung, und das ist die Wahrheit: Die Stimmen, die einem weismachen, dass man durchs Leben laufen müsse, so schnell einen die Füße tragen, sind im Donnern der Brandung kaum mehr als ein leises Wispern, das schließlich verstummt, lauscht man dem Klang der Wellen nur lange genug. Wenn man Abends am Meer sitzt und eine laue Brise wehrt heran und über einem spannt sich das bestirnte Firmament, bedeutet Zeit gar nichts, aber das Leben alles. Und nie fühlt man sich so lebendig wie in diesem kurzen Augenblick.

Im Haus von Maria Vicenta, der besten Freundin meiner Frau, geht es manchmal ein wenig drunter und drüber: Noch immer steht das Geschirr vom Mittagessen auf dem Tisch und in der Küche türmen sich neben der Spüle Berge von schmutzigen Tellern, Töpfen und Pfannen. Zwar gibt es wie in allen wohlhabenderen Häusern eine Haushälterin, doch es scheint, sie hat im Augenblick andere Sorgen, und auch ist das Haus nicht gerade so klein, dass sich alle anfallenden Arbeiten – angefangen vom Bettenmachen, Wäschewaschen, Bügeln über Staubsaugen, Wischen, Bohnern bis hin zu Putzen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen – im Handumdrehen erledigen ließen.

Meine Frau hat ein Herz aus Gold und niemals würde sie einem Bedürftigen ihre tatkräftige Hilfe versagen, und so lässt sie es sich nicht nehmen, selbst anzupacken, um diesen Augiasstall von einer Küche wieder auf Vordermann zu bringen. Während sie sich emsig wie eine Ameise durch Berge von schmutzigem Geschirr arbeitet, sieht man die Haushälterin fröhlich winkend das Haus verlassen. Solche Hausgäste wünscht man sich, die nach dem Essen auch noch aufräumen und abwaschen, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu nötigen muss.

Am Abend wollen die Jungs noch zum Pool der Wohnanlage. Wir haben zwar den ganzen Tag am Strand verbracht und die Sonne hat mich dermaßen ermattet, dass ich mein Hirn auf Leerlauf schalten und mich nur noch willenlos vor die Glotze schmeißen möchte, doch Kinder können ja bekanntlich immer dann unbändige Energien freisetzen, wenn Erwachsene an den Grenzen ihrer physischen und vor allem ihrer psychischen Leistungsfähigkeit angekommen sind. Maria Vicenta meint, die Wohnanlage sei sicher und es wäre überhaupt kein Problem, wenn die Kinder allein zum Pool gingen. Ich bin ganz ihrer Meinung.

Doch meine Frau fürchtet, mit der Dunkelheit sei die beste Zeit für das Verbrechen gekommen und daher müsse man besonders achtsam sein – als würden die einschlägigen Vertreter der Branche auf die Nacht warten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie ersucht mich dringend, die Kinder zu begleiten und auch am Pool zu bleiben, um aufzupassen. Bin ich der Bademeister? Aber diese dringlichen amtlichen Ersuchen haben so etwas Förmliches, dass man sich nur schwer widersetzen kann, gerade so, als bekäme man von einem Polizisten gesagt, dass man gefälligst woanders parken solle. Am Ende fahren wir mit dem Auto, obwohl sich der Pool nur eine kurze Strecke vom Hause Maria Vicentas entfernt befindet. Man könnte in wenigen Minuten bequem zu Fuß dorthin gelangen, aber mit dem Auto sei es eben sicherer.

An diesem Abend ist der Pool voll mit Kindern unterschiedlichen Alters. Die Nacht ist so warm, dass man auch nicht frieren würde, wenn man stundenlang im Wasser bliebe und die nasse Kleidung anschließend anbehielte, was die meisten der Kinder auch tun. Als wir am Pool eintreffen, mögen an die zwanzig Badenden das Wasser bevölkern. Erwachsene sieht man weit und breit nicht. Ich habe mir ein Buch mitgebracht und setze mich an den Beckenrand. Ich tue so, als hätte ich zufällig nichts anderes zu tun, dabei wartet doch im Haus unserer Gastgeberin der Fernseher auf mich und die Freuden des Pay-TV. Irgendwann kommt ein Wächter auf dem Motorrad vorbei, checkt kurz die Lage und dreht wieder ab.

Gleich neben dem Pool befindet sich ein kleiner Kiosk. Eigentlich ist der Laden direkt in den Pool integriert und nach zwei Seiten offen: Auf der dem Becken abgewandten Seite befindet sich ein ganz normaler Verkaufsstand für Eis, Schokolade, Snacks und Getränke. Auf der Seite, die zum Pool blickt, ragt eine Bar wie der Bug eines Schiffes in das Bassin hinein und die Badegäste können heranschwimmen und sich ganz mondän die Drinks gleich im Wasser servieren lassen. An diesem Abend sind aber nur Kinder im Pool, die nur wenig an Cocktails, dafür aber mehr an Wasserschlachten interessiert sind. Die Kiosk-Frau ist mit den Nerven am Ende und als sich wieder einmal ein Schwall Wasser von einer der zahlreichen Arschbomben über sie ergießt, kreischt sie hysterisch und schimpft mit den Kindern, die sich nicht benehmen können. Als wir dann später gehen, bestelle ich noch Eis für die Jungs. Die arme Frau ist so durchnässt, als hätte sie selbst an der Wasserschlacht teilgenommen.

Als ich so am Pool sitze und versuche, mich in meine Lektüre zu vertiefen, glaube ich plötzlich, jemanden Russisch sprechen zu hören. Tatsächlich unterhalten sich einige der Kinder miteinander auf Russisch. Ich bin neugierig und versuche zu überschlagen, wer noch alles Russisch spricht und ich komme darauf, dass es mindestens die Hälfte der Kinder ist. Gegen Ende kommen dann auch noch drei der russischen Mütter zum Pool, um sich ein wenig zu entspannen. Sie bringen eine Flasche Wein mit und Pappbecher und plaudern angeregt miteinander, während ihre Sprösslinge weiter den Kiosk unter Wasser setzen. Maria Vicenta erzählt uns später, dass mehr als die Hälfte der Bewohner der Urbanisation entweder Russen oder Kroaten seien. Viele von ihnen betrieben ihre eigenen Unternehmen, sie hätten zum Beispiel Hotels oder Yoga-Schulen. Einige von ihnen kenne sie sehr gut und mit manchen sei sie sogar befreundet. Warum sie nach Ecuador gekommen sind, darüber sagt Maria Vicenta aber nichts.

Manta ist eine sehr lebendige Stadt und eine Stadt, die sich in einer Phase dramatischen Wachstums befindet. An allen Ecken wird gebaut und überall sieht man (noch) leere Grundstücke, auf denen Werbetafeln großartige Bauprojekte ankündigen, die man schon sehr bald ins Werk zu setzen verspricht. Die Infrastruktur wird mit Hochdruck erneuert und die meisten Straßen in Manta und seiner Umgebung sind entweder in den letzten Jahren überhaupt erst ganz neu entstanden oder frisch asphaltiert worden. Maria Vicenta meint, viel Narko-Geld sei dabei im Spiel, und seit die Amerikaner im Jahre 2009 ihre Luftwaffenbasis räumen mussten, weil die Regierung es ablehnte, ihnen den Pachtvertrag zu verlängern, hätte die Geldwäsche geradezu epidemische Ausmaße angenommen.

Die Schattenwirtschaft bleibt für den normalen, gesetzestreuen Bürger größtenteils unsichtbar. Nur manchmal, so Maria Vicenta, tauche die Spitze des Eisbergs auf, wenn, wie erst kürzlich geschehen, eine der kriminellen Größen der Stadt eine Hochzeit für zehn Millionen Dollar ausrichtet. Die Leute können eben nicht aus ihrer Haut und statt stillzuhalten und sich des unredlich erworbenen Reichtums im privaten Rahmen zu erfreuen, gebärden sie sich wie die Barockfürsten und werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Dass das Gesetz ihnen schnell auf die Schliche kommt, ist angesichts solchen Leichtsinns sicher kein Zufall.

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.

Badefreuden

Im Meer zu baden, scheint hierzulande ein Vergnügen für junge Leute zu sein, denn selten sieht man jemanden über vierzig ins Wasser steigen. Wenn ich mit meinem Sohn im Meer bade, bin ich fast immer der einzige Ältere, was wirklich merkwürdig ist, da das Baden ja keine körperlich anstrengende Tätigkeit wie das Schwimmen ist. Die älteren Strandgäste begnügen sich damit, träge im Klappstuhl zu sitzen und auf die Wellen zu starren, oder sie gehen allenfalls bis zu den Knien ins Wasser. Gemächliche Strandspaziergänge oder stundenlanges In-der-Gegend-Herumstehen scheinen die altersgemäßen Beschäftigungen zu sein. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Ich liebe das Meer und mir macht das Baden großen Spaß. Und ich werde bestimmt nicht damit aufhören, auch wenn man mich zu alt dafür findet.

Eine gewisse Zurückhaltung der Älteren ist auch bei sportlichen Aktivitäten zu beobachten: Wenn ich das Fitness-Studio besuche, bin ich in der Regel der bei weitem Älteste unter den Gästen. Das Durchschnittsalter scheint um die zwanzig zu liegen. Ältere Einheimische sieht man eigentlich nie Sport treiben. Die Frauen machen da allerdings eine Ausnahme: Öfter sieht man Frauen im fortgeschrittenen Alter am Strand walken oder eifrig Gymnastik im Park treiben. Neulich fragte mich ein Cousin meines Sohnes, wie alt ich sei. Ich nannte ihm mein Alter. Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit anerkennendem Gesichtsausdruck, ich sehe aber jünger aus, gerade so, als hätte er erwartet, einen Greis vorzufinden. Da haben sich die Workouts also doch gelohnt! Wo ist das nächste Fitness-Studio?