Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

Das Ende der Geschichte

Jede Reise verdient ein Ende und einer Geschichte, die einen Anfang hat, gebührt auch ein ordentlicher Schluss. Ein Jahr ist eine lange Zeit, aber auch ein Jahr vergeht – mal langsamer, mal schneller, doch stets mit einer Unerbittlichkeit, die weder nach Hoffnungen fragt, noch den Träumen vom Glück Aufschub gewährt. Irgendwann ist es vorbei: Das ist die trivialste Erkenntnis des Lebens. Einzig die Geschwindigkeit verwundert, mit der die Zeit verrinnt. Man erwartet die Unendlichkeit und bekommt ein paar Augenblicke. Selbst ein ganzes Jahr schrumpft in der Erinnerung auf wenige bewegende Momente und ein paar Anekdoten zusammen.

Die Zeit ist schnell vergangen, aber meine Gedanken hinken hinterher. Das Leben in Berlin hat mich wieder eingefangen und Ecuador ist entrückt in eine fast mythische Ferne. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand fällt es mir immer schwerer, die Erinnerungen festzuhalten. Meine Lebenskreise beginnen sich von Neuem zu schließen und die tropischen Strände und die Berge unter dem blauen, blauen Himmel verblassen allmählich im Dunst des Vergessens. Doch ich möchte die Erinnerung nicht eher ins Dunkel treten lassen, als der Bericht von unserem Abenteuer seinen Abschluss gefunden hat. Ich war bemüht, alles festzuhalten, was wir in dieser Zeit erlebt haben. Doch jetzt ist die Reise beendet und unsere Geschichte braucht einen Schluss: Dies ist der letzte Artikel, der auf Odyssea americana erscheinen wird (kleinere Updates wird es aber auch in Zukunft geben).

Ich hätte noch von unserem Urlaub in Florida berichten können: Nach der Anspannung des letzten Jahres verlangte es uns verständlicherweise erst einmal nach Ruhe und Erholung und was könnte erholsamer sein, als ein Abstecher ins tropische Urlaubsparadies Florida! Ich hätte berichten können von unserem Ausflug auf die Keys und unserem Streifzug durch das Hemingway-Anwesen, unserem Besuch im Kennedy-Space-Center in Cape Canaveral, von unseren Touren durch Palm Beach und in die tropische Metropole Miami. Doch eigentlich gehört dieser Urlaub nicht mehr zu unserer Odyssee, denn der Rückflug nach Berlin war längst gebucht und unter dem heiteren Himmel von La Florida schmolzen die ecuadorianischen Sorgen dahin wie Andenschnee in der Tropensonne.

Rückkehr nach Hause

Jetzt, da wir uns wieder in unserem Berliner Heim eingerichtet haben und unser Leben in den gewohnten Bahnen verläuft, fühlt es sich an, als hätten wir bloß einen langen und oft turbulenten Urlaub in einem warmen exotischen Land verbracht. Der romantische Wunsch, eine zweite Heimat zu finden, hat sich nicht erfüllt, und das abenteuerliche Gefühl, einen Absprung zu wagen, ohne zu wissen, wo man landen wird, ist mittlerweile verflogen wie ein Traum, den man vergisst, sobald man erwacht. Vergleichbar ist dieses Gefühl nur mit einer neu gefundenen Liebe und mit der Sorge darum, ob sie Bestand haben wird. Die Gewissheit ihres Scheitern mag die Trauer darüber nicht lindern, aber sie verschlimmert sie auch nicht.

Ich kann meine Tage nun viel besser planen, denn das Leben ist vorhersehbarer geworden, aber auch ein wenig langweiliger ohne die überraschenden Wechselfälle des Alltags. Ich gestehe, nicht selten trieb uns dieses Land an den Rand der Verzweiflung (und gleichermaßen an den Rand des Wahnsinns, was das betrifft). Nachdem wir uns ein Jahr lang frei wie die Fische durch einen Ozean der Hoffnungen und Träume treiben ließen, haben uns nun die Netze der Gewohnheit eingefangen. Doch es fühlt sich gar nicht so schlecht an, wieder daheim zu sein. Ich habe fast den Eindruck, nach langer beschwerlicher Wanderung hätte ich endlich das bequeme Lager gefunden, nach dem ich mich die ganze Zeit sehnte.

Es ist nicht verwunderlich, dass wir jetzt wieder das Leben führen, von dem wir uns eine Auszeit zu nehmen hofften, denn wir sind ja auch wieder dort, wo unsere Reise begann: Zuhause. Diese Erkenntnis ist überraschend und vertraut zugleich. Ich empfinde es nicht als ein Scheitern, wieder dort anzukommen, von wo man einst aufgebrochen ist, denn schließlich muss jede Reise irgendwann einmal enden und welcher Ort wäre dafür geeigneter als das eigene Heim?

Ein Platz in der Welt

Mit dem gebührenden zeitlichen Abstand ließe sich fragen, ob sich die Zeit in Ecuador gelohnt hat. Wir hatten für länger geplant, aber das Leben schreibt bekanntlich seine eigenen Pläne oder wie John Lennon es ausdrückte: Leben ist das, was passiert, während du noch immer damit beschäftigt bist, Pläne zu machen. Aus mindestens zwei Jahren (mit Verlängerungsoption – als ob es im Leben eine Verlängerungsoption gäbe) wurde ein einziges kurzes Jahr. Und hat sich dieses eine Jahr gelohnt? Man muss anders fragen: Hätten wir die Chance, ein Jahr in Ecuador zu leben, lieber ausschlagen sollen? Ich denke: Nein. Bis zu unserem Lebensende hätte uns die Frage umgetrieben, ob diese Entscheidung richtig war. Heute wissen wir es.

Menschen müssen die Welt entdecken – nicht, damit sie anderswo finden, was sie dort zu finden hoffen, sondern damit sie sich selbst kennenlernen, damit sie erfahren, wer sie sind und wo in der Welt ihr Platz ist. Was habe ich herausgefunden? Ich habe entdeckt, wie wenig es bedarf, ein Leben in Unordnung zu bringen. Glück ist eine äußerst zerbrechliche Sache – es braucht nicht viel dazu, aber auch nicht weniger. Ich habe entdeckt, dass jeder Mensch einen Ort braucht, an dem er sich zuhause fühlt, aber ich habe erlebt, wie schwer es ist, diesen Ort zu finden. Manchmal reichen menschliche Anstrengungen nicht aus. Mir scheint, zuweilen ist es das Glück, das über ein Schicksal entscheidet.

Der Preis, den man zahlt

Ein Heim braucht Ruhe, Geborgenheit und auch Routine, etwas, das wir in einem Jahr Ecuador nie hatten. Auch deshalb erscheint mir diese Zeit als ein einziges turbulentes Abenteuer. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man solche Herausforderungen nur bestehen kann, wenn man Schutz und Geborgenheit bei den Menschen findet, die man liebt. Gerade dann braucht man die Sicherheit der Familie, wenn sich die Welt da draußen verschworen hat – gegen die eigenen Träume und gegen alle Hoffnungen. Man kann an sich selbst zweifeln, aber niemals an denen, die man liebt.

Das eine Jahr in Ecuador war für uns eine Prüfung. Es war eine Probe darauf, wie viel Wirklichkeit unsere Träume aushalten und ob unsere Familie daran zerbrechen würde. Wir haben diese Probe bestanden, doch es war ein bitterer Sieg, denn der Triumph hat uns Opfer abverlangt, die beinahe unsere Kräfte überstiegen hätten. Aber ist es nicht immer so, dass man für alles, was man im Leben bekommt, am Ende auch etwas geben muss? Es war ein großartiges Jahr – ohne den geringsten Zweifel und ohne Abstriche –, doch unsere Pläne haben sich nicht verwirklicht. Das ist unser Opfer. All die Enttäuschungen und Niederlagen haben uns ihre Haken ins Herz gebohrt, doch ich glaube, ich würde verbluten, wenn ich versuchte, sie mir herauszureißen.

Zu neuen Abenteuern?

Es bleibt die Frage, ob wir ein Abenteuer wie dieses noch einmal auf uns nehmen würden. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es mir nichts ausmacht, immer unterwegs zu sein, mich nirgends heimisch zu fühlen, jeden Ort als Durchgangsstation zu betrachten, jede Wohnung als Provisorium. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich jetzt schon wieder ein solches Wagnis eingehen könnte. Erst allmählich beginnen die Wunden zu verheilen, aber sie sind noch frisch genug, um zu schmerzen, wenn man an ihnen rührt.

Ich brauche Zeit, wir brauchen Zeit. Da trifft es sich gut, dass ich fürs Erste von dem Wahnsinn namens Fernweh geheilt bin. Aber wie man weiß, kehrt die Krankheit in Schüben zurück und niemand, der einmal von ihr befallen war, kann sich im Leben je wieder sicher wähnen, nicht von neuem heimgesucht zu werden. Ich lasse die Zukunft entscheiden, denn Pläne zu schmieden lohnt nicht …

Zum Meer

Ich muss oft an Bahía denken. Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, ist der einzige Ort, an dem ich mich zuhause fühle. Ich mag die Küste, die so ganz anders ist als die Berge. Der Ozean gibt dem Blick Weite und den Gedanken Raum und die Menschen an der Costa sind so viel offener und fröhlicher als die Leute in den Bergen. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit am Meer verbringen können, doch der Alltag rief uns ein ums andere Mal gebieterisch zurück nach Cumbayá.

Manchmal träume ich vom Meer: Vor mir liegt das weite graue Band des Pazifiks. Das Sonnenlicht glitzert auf den Wellen wie Diamantstaub. Rechter Hand, jenseits der braunen Wasser des Río Chone, die unermüdlich aus der Bucht treiben, liegt San Vicente. Weiter nach Norden verschwimmt die Küste im Dunst. Die sandfarbenen Klippen bei Canoa sehen aus wie die Tatze eines Löwen. Man gewahrt sie nur undeutlich durch den salzigen Atem des Meeres. Sie erscheinen wie ein Bollwerk gegen den Ozean. Linker Hand bohrt sich ein felsiges Kap ins Meer. Die Flut treibt mannshohe Wellenkämme Bataillon um Bataillon gegen die Küste. Die Menschen haben eine Mauer errichtet, die sie vor dem Zorn des Meeres schützen soll, aber es ist nicht schwer zu erraten, wie der Kampf ausgehen wird. Von seinem Himmelsthron sieht Sol dem Schauspiel in stiller Erhabenheit zu.

Wir werden nach Bahía zurückkehren. Da bin ich mir ganz sicher. Das ist keine Prophezeiung, für die man über hellseherische Fähigkeiten verfügen müsste, denn schließlich lebt dort die Familie meiner Frau und darüber hinaus ist Bahía ein Ort, an den man gern zurückkehrt. Das lässt sich beileibe nicht von allen Städten im Lande behaupten. Ich mag Bahía und die Menschen, die dort leben. Und ich liebe das Meer. In Berlin vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach dem Pazifik sehne.

Jetzt, da ich eine Cedula de identidad besitze, kann ich mich so lange im Land aufhalten, wie es mir beliebt. Wenn schon alle Pläne scheiterten, ist dies vielleicht ein Versprechen, das sich ausnahmsweise einmal einlösen lässt. Das Schicksal ist uns etwas schuldig, aber es ist auch launisch, fast so launisch wie das Glück. Doch ich habe ein gutes Gefühl. Und ein gutes Gefühl ist alles, worauf es ankommt.

* * *

Wir danken allen, die uns unterstützt haben – in Berlin, in Ecuador und in den Vereinigten Staaten. Wir danken den Familien, den Freunden, den Kollegen und den Bekannten für tatkräftige Hilfe und Zuspruch. Manchmal, wenn man glaubt, dass sich die Welt gegen einen verschworen hat, gibt einem der Gedanke Halt, dass da Menschen sind, auf die man zählen kann. Ohne euch hätten wir es nicht geschafft – Danke.

Selbstverständlich werde ich weiterhin für Anregungen, Fragen, Auskünfte aber auch für Kritik zur Verfügung stehen, denn das Thema Ecuador wird mich auch in Zukunft umtreiben, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Viele Informationen bietet der Blog, wer aber eine persönliche Auskunft haben möchte, kann mich gern kontaktieren. Ich freue mich über jede Nachricht.

Allen, die meinen Blog gelesen haben und in Zukunft lesen werden, wünsche ich Gesundheit, Glück und ein erfülltes Leben. …und bleibt neugierig!

Bahía por siempre y para siempre

Der Tag, an dem wir von Bahía Abschied nehmen, ist grau und trüb. Meer und Himmel verschmelzen miteinander, so dass das Auge zwischen den Elementen kaum zu unterscheiden vermag. Fast scheint es, die Welt wäre in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, da Himmel und Meer noch nicht voneinander geschieden und alles noch Eins war. Der Ozean brandet donnernd gegen die Küste und es fällt mir nicht leicht, das Gefühl der Melancholie zu bezwingen, das mich beim Gedanken an den Abschied so schmerzlich überkommt. Es ist das letzte Mal, dass wir den Pazifik sehen. Ein blinder Himmel hängt gleichgültig über der Stadt, die so leer wirkt, als hätten die Menschen ihr für immer den Rücken gekehrt.

Wir verlassen Bahía in dem Gefühl, dass es keine Rückkehr geben wird. Gefühle können bekanntlich täuschen – und ich hoffe sogar, dass ich mich irre –, aber der Morgen, an dem wir aus der Stadt fortgehen, lässt uns zurück mit der quälenden Gewissheit eines endgültigen Abschieds, eines Abschieds ohne Wiederkehr.

Unser Entschluss steht fest und die Entscheidung ist bereits vor langer Zeit gefallen: Wir werden Ecuador verlassen. Unsere innige Verbundenheit mit der Stadt und ihren Menschen, mit der Familie und den Freunden vermag nichts daran zu ändern – sie macht uns den Abschied nur schwerer. Selbst der noch so starke Wunsch, die unbeschwerte Zeit möge niemals enden, kann nicht verhindern, dass wir am Ende des Tages in Guayaquil sein werden und nur wenige Wochen später in Berlin. Die Zeit vergeht und irgendwann ist auch dieses Stück Leben, von dem man glaubte, es würde ewig dauern, einfach bloß vorbei.

Unsere Zeit in Ecuador mag fast abgelaufen sein, doch unser Abenteuer muss erst noch seinen würdigen Abschluss finden. Das letzte Kapitel unserer Reise wartet darauf, geschrieben zu werden. So viel in diesem Land harrt noch der Entdeckung, so viel muss noch mit eigenen Augen geschaut werden, in so viel Erleben muss noch geschwelgt werden. Ein ganzes Leben reichte dafür kaum aus, geschweige denn dieses eine, viel zu kurze Jahr, das uns für Erkundungen zur Verfügung stand, und das sich nun unerbittlich seinem Ende neigt.

Bevor wir zurückkehren auf die andere Seite der Welt, wollen wir ein letztes großes Unternehmen wagen, das der donnernde Schlussakkord unserer Odyssee sein soll. Es wird die letzte Reise sein, die wir in Ecuador unternehmen. Manche der Wege, auf denen wir das Land durchqueren werden, sind uns bereits vertraut, andere werden wir erkunden.

Von Bahía aus folgen wir der Küste in südlicher Richtung und nach einem kurzen Zwischenstopp in Montecristi, wo wir der Ciudad Alfaro einen neuerlichen Besuch abstatten, führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Guayaquil und 444 Stufen hinauf über die Stadt. Über die Pässe der Cordillere gelangen wir nach Cuenca, wo wir Orte besuchen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und kulinarischer Genüsse teilhaftig werden, die niemand hier vermutet hätte. Ingapirca wird eine vertraute Station auf unserem Weg sein, doch von hier an folgen wir der abenteuerlichen Route ins Unbekannte.

Riobamba liegt noch an der Panamericana. Von diesem verschlafenen Andenstädtchen nimmt auch der Weg seinen Ausgang, auf dem wir zum Chimborazo reisen, den höchsten Berg Ecuadors. Unser unwiderstehlicher Aufstieg wird uns bis in die eisigen Höhen der Tierra helada führen und weder die Elemente – Wind und frostige Temperaturen – noch unsere lachhaft dilettantische Ausrüstung werden den Gipfelsturm vereiteln. Ein übellauniger Parkranger wird uns stattdessen zur Umkehr anhalten.

Von den windigen Gletscherhöhen aus führt unser Weg geradewegs in den Urwald: Bei Ambato, das wieder an der Panamericana liegt, zu der wir zurückkehren, nachdem wir den Chimborazo um ein Haar bezwungen haben, vollführen wir einen Schwenk nach Osten ins Amazonas-Tiefland, vorbei am berühmten Baños. In Puyo umfängt uns zum ersten Mal der Regenwald in verschwenderischer Pracht und von hier aus geht es zu unserer nächsten Etappenstation nach Tena, das als das eigentliche Tor zum Oriente gilt. Durch dichten Wald führt die Reise weiter nach Norden und über Baeza finden wir schließlich glücklich zurück ins vertraute Cumbayá.

Wir sind viel gereist, wir haben viel gesehen und viele Orte in Ecuador besucht, aber mein Herz hängt an Bahía. Am liebsten hätte ich das ganze Jahr hier verbracht. Doch unsere Besuche konnten immer nur Stippvisiten bleiben, kaum länger als ein paar Tage, und dann kehrten wir schon wieder in den Alltag zurück.

Bahía ist eine Stadt, wie man keine zweite in Ecuador findet. Die ganz besondere Atmosphäre lässt sich nur schwer beschreiben und wer hier noch nie gewesen ist, kann nicht verstehen, worin die Faszination dieses Ortes liegt. Aber jemand, der in seinem Leben noch nie das Meer gesehen hat, vermag sich ja auch nicht vorzustellen, wie machtvoll der Ozean nach seiner Seele greift, bis er ihn dann mit eigenen Augen sieht. Bahía wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Bahía de Caráquez, du Schöne – wir werden dich vermissen.

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

Besuch aus der Zukunft

Am Neujahrstag fuhren wir von Bahía aus nach Cañaveral, einem Ort auf dem Troncal del Mar, einer sumpfigen Landzuge nördlich von Pedernales. Cañaveral ist für seine fast unberührten tropischen Palmenstrände berühmt, und wäre man Regisseur und suchte nach einem Drehort, an dem man die Landung der ersten Europäer vor fünfhundert Jahren glaubhaft nachstellen könnte, würde man an diesem paradiesischen Küstenstrich fündig.

Der Strand war nur spärlich mit Einheimischen bevölkert; Touristen – Ausländer wie Ecuadorianer gleichermaßen – sah man nirgendwo. Es gab auch keine parkenden Autos und es schien, wir wären die einzigen, die mit dem eigenen Wagen angereist waren. Unter diesen Umständen wollten wir das Auto nicht gern unbewacht stehen lassen, zumal uns seit unserer Ankunft ein Dutzend Einheimischer anstarrte, als wären wir die Superstars in irgendeiner der ständig durch den Äther dudelnden Telenovelas.

Doch wir waren an diesem Tag nicht die einzigen Exoten in der Nähe des Strandes und vor allem nicht die merkwürdigsten: Nur wenige Meter entfernt hatte das ecuadorianische Äquivalent einer Bikergang eine kurze Rast eingelegt. Die Biker sahen zwar so gefährlich aus wie ihre amerikanischen oder europäischen Vettern, von denen die Presse immer wieder Unangenehmes zu berichten weiß, aber ich glaube, dass es sich um gesetzte Leute handelte, denen es ein Bedürfnis ist, in der Freizeit den Easy Rider in sich zu entdecken.

Hierzulande können sich nicht viele eine Harley leisten – und vor allem muss man einen diebstahlsicheren Unterstellplatz haben, andernfalls hat man nicht lange Freude an der teuren Maschine – und deshalb liegt der Schluss nahe, dass es sich keineswegs um Outlaws, sondern ganz im Gegenteil um Angehörige der Oberschicht handelte (das ist das eine reiche Prozent oder sogar noch weniger, das die Geschicke dieses Landes und seiner Bewohner bestimmt).

Gerade so, als müsste man sich beweisen, dass man trotz dieses nicht unerheblichen Mankos ein echter Biker sei, hatte man es bei der Garderobe arg übertrieben. Das authentische Mitglied irgendeines Motorradklubs käme sicher niemals auf die Idee, sich in etwas anderem sehen zu lassen als in Lederjacke und Weste. Doch diese Leute waren ausstaffiert wie die Figuren in Mad Max, und zwar nicht wie die Mitglieder in Toecutters Gang, sondern eher wie die Gefolgsleute des Humungus: Überall sah man mit Stacheln und Nieten besetztes Leder. Manche der Kombis waren regelrecht mit Protektoren überladen, so dass man gern glauben wollte, ihre Träger beabsichtigten, an einem postapokalyptischen Death-Race teilzunehmen. Meist waren die Fahrer Männer und in nur allzu bekannter Macho-Manier ließen sie die überwiegend sexy gekleideten Mitfahrerinnen auf den Platz hinter sich schlüpfen. Doch eine Frau fuhr selber und ihr Outfit erinnerte mich wirklich an Aunty Entity.

Ich wusste nicht, ob ich mich nun fürchten oder ob ich in Lachen ausbrechen sollte. Selbst wenn ich diesen Leuten in einer so verrücken Stadt wie Berlin begegnet wäre, hätte ich mit mir ringen müssen, sie ernst zu nehmen. Aber in einem Land wie Ecuador waren sie schon fast mehr als ein bloßes Kuriosum. Sie kamen mir vor wie eine Anomalie, denn an dem einsamen pazifischen Palmenstrand wirkten sie wie Zeitreisende aus einer fernen apokalyptischen Zukunft: Ein Defekt an ihrer Zeitmaschine hatte sie in das falsche Jahrhundert katapultiert, wo sie nun auf ewig gestrandet waren zwischen Einheimischen, die sie nicht anders anstarrten als die Angehörigen eines Eingeborenenstammes im Amazonas-Urwald, die zum ersten Mal Besuchern aus der Welt der Weißen begegnen.

Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.

Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.