Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Manta: In Ostasien mit James Dean

Diesmal fuhren wir mit dem eigenen Auto und das Navi führte uns über die glänzend ausgebauten Straßen in nur anderthalb Stunden nach Manta. Eigentlich wollten wir einen kurzen Abstecher nach Rocafuerte machen, einer kleinen Stadt auf halbem Wege zwischen Bahía und Manta, aber obwohl ich den Namen der Stadt ins Navi eingab, führte uns das launische Gerät zielsicher daran vorbei. Manchmal bin ich nahe daran zu glauben, dieses Navi hat ein eigenes Bewusstsein, und Routen, die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagen (wer weiß schon, was in so einem elektronischen Hirn vorgeht), werden einfach ignoriert. In Rocafuerte wollten wir Süßigkeiten kaufen, denn die Stadt ist unter allen Süßmäulern berühmt für ihre Dulces, kleine süße Sünden, von einfachem Gebäck bis hin zu aufwändig verarbeitetem Konfekt. Doch das süße Leben musste bis zu unserer Rückreise warten.

Die Strecke zwischen Bahía und Manta ist sehr schön und die Fahrt hat etwas von einer Landpartie: Das Autofahren ist ein reines Vergnügen, denn die Straßen sind in hervorragendem Zustand. Meist ist auch nicht viel Verkehr unterwegs, so dass man von den üblichen Belästigungen durch andere Verkehrsteilnehmer weitgehend verschont bleibt. Man fährt durch ländliche Gebiete, die – so hat es den Anschein – von moderner Infrastruktur noch kaum berührt worden sind. Dennoch gibt es eine ganze Menge zu sehen, denn alle paar Kilometer wechselt die Landschaft und man hat den Eindruck, hinter jeder Wegbiegung ist der Ausblick noch schöner.

Einmal hielten wir in der Nähe Charapotós (das ist ein Ort auf der Stecke), um Fotos zu schießen: Reisfelder erstreckten sich bis zum Horizont und auf den schnurgeraden Rainen zwischen den Feldern, kleinen Wällen, die verhindern, dass das Wasser abfließt, wuchsen Palmen in den azurblauen Himmel. Auf den Feldern wateten die Bauern durch das knöcheltiefe, schlammige Wasser und pflanzten Stecklinge. Um sich vor der heißen Sonne zu schützen, hatten sie sich dick eingemummelt. Das Tagesgestirn schien mit einer Kraft, dass man innerhalb kürzester Zeit regelrecht verbrannt wäre, wenn man nicht jede noch so kleine Hautstelle mit Kleidung bedeckt hätte. Die Landschaft wirkte so ursprünglich und friedlich wie die bukolische Idylle aus der Feder nur irgendeines schwärmerischen Romantikers. Hätte man keine Ahnung, wo man sich befände, könnte man wegen der Reisfelder leicht der Vorstellung erliegen, man sei irgendwo in Südostasien. Ich war nie in Vietnam oder Kambodscha, aber Jahrzehnte ungezügelten Fernsehkonsums haben meinen Gehirnwindungen die Ikonografien des Medienzeitalters unauslöschlich eingeprägt: Einen Augenblick lang erwartete ich tatsächlich, einen Huey-Helikopter über die Wipfel der Palmen brausen zu sehen.

Eingedenk unserer Erfahrungen vor drei Jahren hatten wir damit gerechnet, dass wir gut drei Stunden benötigen würden, um Manta zu erreichen. Wir waren regelrecht verblüfft und zugleich freudig überrascht, als wir schon nach der Hälfte der Zeit an die Stadtgrenze gelangten. Dabei hatten wir uns nicht einmal sehr beeilt, sondern – ganz im Gegenteil – unterwegs noch Zeit gefunden, anzuhalten und die malerische Landschaft zu fotografieren.

Mit jedem Kilometer, mit dem wir uns der Stadt näherten, schien es wärmer zu werden. Die Einheimischen meinen, Manta sei eine der wärmsten Städte in Ecuador und tatsächlich, wenn man aus dem klimatisierten Auto steigt, hat man das Gefühl, man sei an die Ausläufer einer Wüste gelangt: Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Land nieder und der Wind war so heiß und trocken, dass man meinte, das Fleisch würde einem am Knochen gedörrt. Auch die Landschaft hatte sich verändert und den höheren Temperaturen und vor allem der Trockenheit angepasst: Kurz vor Manta hatte das Land ein fast wüstenartiges Gepräge angenommen und beiderseits der Autopista sah man nur noch karge, allenfalls mit Dornbüschen und Sukkulenten bewachsene Erdhügel. Die Klimaveränderung wird durch den Humboldtstrom verursacht, der ungefähr auf der geografischen Breite von Manta in den Pazifik abknickt.

Die Urbanisation Manta Beach, in der die Freundin meiner Frau lebt, ist nicht leicht zu finden. Wir halten an einer Tankstelle und fragen einen der Angestellten. Der junge Mann scheint zu glauben, er sei so eine Art James Dean in irgendeinem amerikanischen Roadmovie: Die Stirn unter den nachlässig zurückgekämmten Haarsträhnen ist beständig in rebellische Falten geworfen, die Kippe hängt lässig im Mundwinkel zwischen den aufgeworfenen Lippen. Mit einer Coolness, die er sich von seinem Vorbild abgeschaut haben könnte, holt er sein Handy hervor und erklärt uns auf Google Maps, wie wir zu der Urbanisation gelangen, die sich auf der anderen Seite der Stadt befindet: Wir sollten die Ausfallstraße nehmen, die um die Stadt herumführt, alles andere wäre zu dieser Tageszeit einfach nur Wahnsinn. Er zoomt in die Karte und erklärt ein-, zwei-, und ich weiß nicht mehr wie viele Male mit einer schieren Engelsgeduld, welche Abzweigungen wir nehmen müssten und worauf wir zu achten hätten. Nach einer so sorgfältigen, ja idiotensicheren Unterweisung scheint es fast unmöglich, dass wir uns verfahren. Als wir uns verabschieden, ist er gerade dabei, sich eine neue Kippe anzustecken (und er arbeitet an einer Tankstelle!). Wir bedanken uns, er aber nickt bloß und nimmt einen tiefen Zug. Als wir abfahren, hat er sich bereits des nächsten hilfsbedürftigen Reisenden angenommen.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)

Mein Schatz: Der Führerschein

Die Tante hatte meiner Frau erzählt, dass man in Bahía für zweihundert Dollar den Führerschein erwerben könne. Wie in fast jedem Land der Welt, ist das Führen eines Fahrzeuges auch in Ecuador nur mit einer gültigen Lizenz gestattet. Eine begrenzte Zeit darf man mit dem deutschen Führerschein ganz legal auf ecuadorianischen Straßen fahren, aber danach ist man gehalten, eine ecuadorianische Fahrerlaubnis vorzulegen, wenn man von den hiesigen Gesetzeshütern ersucht wird, sich als Führer eines Fahrzeugs auszuweisen. Da spielt es denn auch keine Rolle, dass man schon viele Jahre im Besitz eines europäischen Führerscheins ist. Gegen diese Regelung ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, wenn man denn den ecuadorianischen Führerschein erwerben könnte, ohne durch allzu große bürokratische Hürden daran gehindert zu werden.

Andere Länder, andere Führerscheinprüfungen

Wie einfach es anderswo sein kann, sieht man am Beispiel USA: Wir haben einige Zeit in Texas gelebt und ich habe dort auch den Führerschein gemacht. Ich möchte jedem, der die Staaten bereist – und sei es nur im Urlaub –, nahelegen, den Führerschein zu erwerben, denn nirgendwo auf der Welt bekommt man ihn so leicht und nur selten ist er so preiswert. In Texas ist der Erwerb der Lizenz eine ganz einfache Angelegenheit, die man etwa an einem beliebigen Nachmittag in nicht einmal einer Stunde erledigen kann: Man fährt mit dem eigenen Auto (oder dem Mietwagen) zu einem der zahlreichen Büros des Texas Department of Public Safety und legt dort zunächst die theoretische Prüfung ab. Dazu muss man am Computer dreißig Fragen zu den Verkehrsregeln beantworten; die Antworten sind als multiple choice vorgegeben. Achtzig Prozent davon (oder waren es nur siebzig?) müssen richtig beantwortet sein, damit die Prüfung als bestanden gelten kann. Doch keine Sorge, die Fragen sind leicht und man kann die Prüfung so oft wiederholen, wie man möchte. Wahrscheinlich hätte man schon eine gute Chance zu bestehen, wenn man einfach nur rät.

Viel lernen muss man eigentlich nicht, denn es gibt weit weniger Verkehrsregeln als in Deutschland und die Anzahl der Verkehrszeichen ist allzu überschaubar: Das Texas Drivers Handbook ist eine schmale Broschüre von vielleicht vierzig Seiten, von denen sich etwa die Hälfte allein schon mit der Fahrzeugsicherheit beschäftigen. Um die Prüfung ablegen zu können, muss man nicht einmal des Englischen mächtig sein, denn der Fragenkatalog steht in mindestens zehn Sprachen zur Verfügung.

In einer Viertelstunde hat man die Theorie geschafft und sogleich geht es auf die Strecke zur praktischen Prüfung: Mit dem eigenen Wagen fährt man fünf Minuten in Schrittgeschwindigkeit durch verwaiste Wohngebiete; auf den Straßen tut sich ungefähr so viel wie an einem Sonntagmorgen fünf Uhr in irgendeinem Flecken in Vorpommern. Einmal muss man vorwärts einparken und einmal rückwärts. Die Parklücke ist ist groß genug, dass man darin einen Laster bequem abstellen könnte. Ein weiteres Viertelstündchen muss man sich noch gedulden, dann ist man stolzer Besitzer einer Texas Drivers Licence und alles in allem hat man dafür gerade einmal 27 Dollar bezahlt (Preis von 2007). Ausnahmslos jeder kann den Führerschein erwerben, man muss nicht einmal im Besitz einer legalen Aufenthaltserlaubnis sein. Mit einem beliebigen amtlichen Dokument, mit dem man sich ausweisen kann, macht man die Beamten des Department of Public Safety schon glücklich.

Eine Enttäuschung und fünf Typen im Unterhemd

In Ecuador ist der Erwerb des Führerscheins nicht ganz so einfach, vor allem gibt es im Vorfeld jede Menge bürokratische Hürden zu überwinden. Aber die Tante hatte uns Mut gemacht und warum sollte nicht einmal irgendetwas einfach sein, wo doch alles andere immer so verdammt umständlich ist. Am 28. Dezember fuhren wir also in aller Frühe zusammen mit der Tante zur lokalen Führerscheinstelle in Leonidas Plaza (das ist die Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts).

Um 8:30 Uhr öffnet das Büro und wir waren pünktlich auf die Sekunde vor der Tür. Es erwies sich als etwas schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden, denn die Straßen waren förmlich zugeparkt mit den Autos der Anwohner und der Besucher der Führerscheinstelle. Wir fuhren in eine staubige Nebenstraße und stellten den Wagen dort ab. An einer Ecke lungerten fünf Typen in Unterhemden herum und glotzten uns an, als wären wir die Sensation in irgendeiner Freakshow. Es war morgens halb Neun und die Leute sahen nicht so aus, als kämen sie gerade aus der Nachtschicht oder als warteten sie auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Erst jetzt bemerkten wir, dass außer uns niemand sonst in der Straße parkte. Die Tante meinte, einer solle vorsichtshalber im Wagen zurückbleiben, während sie zum Büro ginge, um Erkundigungen einzuholen. Meine Frau blieb im Auto und ich begleitete die Tante zur Anmeldung des Führerscheinbüros.

Die Anmeldung des Führerscheinbüros erwies sich als ein Bretterverschlag auf dem Gehsteig, kaum größer als eine Telefonzelle. Der Verschlag stand direkt vor dem Eingang des Büros und ich wunderte mich, warum der Anmeldung nicht erlaubt sein sollte, im Gebäude selbst zu residieren. Gleich der Kartenverkäuferin auf einem Rummelplatz, thronte in dem winzigen Häuschen eine sorgfältig zurechtgemachte junge Frau. Sie war ziemlich stark geschminkt und hatte eine recht üppige Figur, so dass ihr Gesäß kaum in den engen Verschlag passte. Sie trug ein hautenges kurzes Kleid, das ihre Rundungen noch betonte (Schönheitsideale in den Tropen unterscheiden sich erheblich von denen in den gemäßigten Breiten). Ihre Nägel waren aufwendig manikürt wie bei den Vorzimmerdamen in einem exklusiven Spa. Mit einem geradezu betörenden Augenaufschlag gab sie uns zu verstehen, dass sie ganz Ohr sei.

Sie hörte sich geduldig und sehr aufmerksam das Anliegen der Tante an und die Tante legte ihr das Problem auch äußerst wortreich dar – die spanische Sprache ist sehr viel besser als das Deutsche geeignet, noch den einfachsten Sachverhalt in einer geradezu biblischen Wortflut zu ertränken. Die junge Frau nickte immer wieder, um uns zu verstehen zu geben, dass sie die ganze Tragweite des Problems erkannt hätte. Nachdem die Tante ihre Erklärung beendet hatte, meinte die Empfangsdame, dass man den Führerschein keinesfalls einfach so erwerben könne, nur weil man ihn haben wolle. Die lakonische Feststellung bremste unseren Enthusiasmus ganz erheblich. Man dürfe, so fuhr sie fort, die Prüfung, die übrigens dreihundert Dollar koste, nur ablegen, wenn man eine gültige Cedula de identidad vorweise, das ist eine ID-Card, das Äquivalent zum Personalausweis.

Damit konnten wir unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems erst einmal begraben, denn mein Antrag auf einen legalen Aufenthaltsstatus, welcher in der Erteilung eines Visums münden würde, war noch bei den Ämtern anhängig. Sämtliche Unterlagen befanden sich bei unserer Anwältin, die den Fall nach Kräften vorantrieb, wie sie nicht müde wurde zu behaupten. Erst nachdem das Visum erteilt worden wäre, könnte ich eine Cedula de identidad, also eine ID-Card, beantragen. Und hätte ich erst einmal die Cedula, wäre es mir möglich, die Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich den europäischen Führerschein schon seit vielen Jahren besaß.

Zumindest in der Theorie war der Weg vorgezeichnet und das Ziel schien in greifbarer Nähe. Es würde nur etwas mehr Zeit erfordern, dorthin zu gelangen, und ich ahnte, es würde mich noch jede Menge Nerven kosten, Nerven vor allem. Aber ich hatte nicht mit den Fallstricken des bürokratischen Apparates gerechnet, und dies wäre nicht Ecuador, wenn der Gesetzesdschungel, der kaum weniger dicht als der wirkliche Regenwald zu sein scheint, nicht noch eine tückische Fußangel für den willigen Führerscheinaspiranten bereitgehalten hätte.

Der Morgen war erst einmal gelaufen, aber mehr konnten wir in der Sache im Augenblick nicht tun. Als wir zum Auto zurückkehrten, hockten die fünf Typen im Unterhemd immer noch an der Ecke. Sie starrten ununterbrochen unseren Wagen an und es hatte den Anschein, als beredeten sie etwas konspirativ unter sich. Meine Frau, die die ganze Zeit über im Auto geblieben war, gruselte sich schon und sie war froh, als wir endlich wieder verschwinden konnten. Wir hatten jede Menge Zeit – in Bahía hat man immer mehr als genug davon – und so beschlossen wir, Fatima und Giovanni einen Besuch abzustatten.

Fatima und Giovanni: Shrimps und Bullies

Fatima und Giovanni sind alte Freunde. Meine Frau kennt sie natürlich sehr viel länger als ich und sie ist sogar die Patin ihrer Kinder. Ich traf die beiden zum ersten Mal im Jahre 1992. Damals versuchte Giovanni sein Glück als Shrimpzüchter. Er fuhr uns mit dem Boot hinaus in die Mangrove und zeigte uns die Shrimpfarm, die er verwaltete. Es war an diesem Tag brütend heiß und die Mosquitos machten förmlich Jagd auf jede ungeschützte Hautstelle. Wächter mit Shotguns patrouillierten um die Becken, damit des Nachts niemand heimlich die wertvollen Krebstierchen abfischte.

Im Schlamm unter einer Hütte, in der Arbeitsgeräte und Futter für die Shrimps deponiert waren, wimmelte es nur so von Krabben. Mit ihren Scheren stopften sich die kaffeebraunen Tierchen unaufhörlich Futterreste und Exkremente der Shrimps zwischen die Mandibeln und sie hatten sich schon so fett gefressen, dass die größten von ihnen die Ausmaße eines Handtellers erreichten. Giovanni fing ein Dutzend und kochte sie in einem rostigen Eimer. Meine Frau ließ sich den Panzer aufbrechen und pickte dann den Inhalt genüsslich heraus. Das Innere so einer Krabbe erinnert an ein aufgeschnittenes Herz: Man sieht Ligamente und feine Muskelstränge. Alles glänzt feucht wie der Kern einer frischen Mandel. Merkwürdigerweise hatte ich in diesem Augenblick so gar keinen Appetit mehr.

Die Shrimpindustrie hatte 1992 in Ecuador gerade seit einigen Jahre Fuß gefasst und der Boom, der während der nächsten Jahre über die gesamte Küstenregion wie eine Flutwelle schwappen sollte, war gerade erst im Aufwind begriffen. Viele, die zu jener Zeit ins Shrimp-Business einstiegen, machten ein Vermögen. Oft wurden die Becken für die Shrimpaufzucht ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen angelegt. Es kam häufig vor, dass nicht einmal eine amtliche Genehmigung vorlag und nicht wenige der Farmen waren schlicht illegal. Das Land zahlte einen hohen Preis im Tausch für den Wohlstand einiger Weniger: Fast an der gesamten Küste verschwanden die Mangrovenwälder und weite Bereiche der Küstenprovinzen sind noch heute mit Antibiotika und Exkrementen aus den Shrimp-Becken verseucht.

Wir treffen Giovanni vor dem Haus. Mit dem kurzgeschorenen Schädel, dem einprägsamen Profil und dem markanten Kinn erinnert er mich immer ein wenig an Mussolini, aber er ist ein ruhiger, freundlicher Zeitgenosse und hat so gar nichts Diktatorisches an sich. Sein Haus ist wie eine Festung mit meterhohen Maschendrahtzäunen gesichert und überall sieht man Stacheldraht. Das ist nicht gerade die beste Wohngegend und ein jeder, der hier lebt, versucht, sein Eigentum zu schützen, so gut es eben geht. Giovanni bittet uns ins Haus.

Im geräumigen Wohnzimmer treffen wir auch Fatima. Sie erzählt, dass die Kinder bald in Russland studieren werden. Sie haben ein Stipendium bekommen und zur Zeit seien sie eifrig damit beschäftigt, in Kolumbien Russisch zu lernen. Den Spracherwerb müssten sie aus eigener Tasche bezahlen und in Kolumbien kostet ein Intensivkurs viel weniger als anderswo.

Als Fatima hört, dass man schon einmal unsere Wohnung aufgebrochen und uns bestohlen hat, erzählt sie ihre Geschichte: Sie ist Lehrerin und die Gegend, in der sie und Giovanni leben, zählt nicht gerade zu den Stadtteilen, in denen man für einen ruhigen Abendspaziergang vor die Tür gehen würde. Eines Tages sei sie auf der Straße von einem ihrer ehemaligen Schüler ausgeraubt worden. Es gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit dazu, die eigene Lehrerin zu berauben. Haben diese Leute denn überhaupt keinen Anstand? Man könne dagegen gar nichts tun, meint Fatima, denn in der Gegend kennt natürlich jeder jeden und die Leute haben Angst, dass die Kriminellen ihnen noch weit schlimmere Dinge antun würden, als bloß die Geldbörse und das Handy zu rauben, wenn man sie auch noch bei der Polizei anzeigte.

Ein zweites Hindernis bei der Strafverfolgung ist eine eigenartige Gesetzeslage, welche die Beweislast ausschließlich dem Opfer auferlegt: Der Bestohlene bzw. der Beraubte muss beweisen, dass er Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist. Selbst wenn dies gelänge – es könnte ja Augenzeugen geben –, muss man, falls das Diebesgut sicherstellt wurde, darüber hinaus auch noch beweisen, dass die Sachen einem tatsächlich gehören. Bei einem Handy mag dies noch möglich sein, nicht aber bei Geld oder teurer Markenkleidung.

Die meisten Leute zeigen Diebstähle und Überfälle gar nicht mehr an, denn die Polizei tut ja ohnehin nichts. Das ist auch eine Art, die Statistik zu schönen. Viele sehen die Gesetzeshüter, die doch die Bürger verteidigen und vor Übergriffen schützen sollten, eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Fatima meint, damit man nicht ständig ausgeraubt werde, müsse man sich mit den Kriminellen gut stellen, sich mit ihnen anfreunden. Jeder kenne diese Leute, denn sie seien ja Nachbarn. Die Polizei müssen sie jedenfalls nicht fürchten und so können sie seelenruhig weiter die Leute in der Gegend terrorisieren.

Zum Abschied schenkt uns Giovanni noch eine ganze Tüte voll Mangos. Auf dem Nachbargrundstück, das seit einiger Zeit verlassen steht, wächst ein riesiger Mangobaum – ich hatte gar nicht gewusst, dass Mangobäume so groß werden können. In der ausladenden Krone hängen dicht an dicht die reifen Früchte. Hin und wieder sieht man eine Mango herunterfallen. Man muss sie nur noch vom Boden auflesen – und essen. Schon aus der Tüte duften die Mangos so verführerisch, dass einem die Sinne schwinden, und sie sollten auch nicht lange liegen bleiben, denn sie verderben sehr schnell und müssen deshalb bald gegessen werden. Es ist kaum Mittagszeit, da ist von den süßen Früchten schon nichts mehr übrig. Die wirklich guten Mangos bekommt man nur an der Küste und da wir hier nicht immer sein können und die Erntesaison ohnehin nur kurz ist, nutzen wir jede Gelegenheit, um die köstlichen Früchte zu genießen.

Noch eine Enttäuschung und weitere bürokratische Kabalen

Der Tante geht die Sache mit dem Führerschein nicht aus dem Kopf und so dirigiert sie uns noch zu einem Notar, um zu erfragen, ob man die Führerscheinprüfung ablegen könne, auch wenn man nur einen Reisepass besitze. Die Klimaanlage hat das Büro des Notars auf frostige Temperaturen heruntergekühlt. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin und erteilt Auskünfte oder wimmelt unliebsame Gäste ab; ansonsten scheint sie sich den ganzen Tag zu langweilen. Nein, erklärt die nette Vorzimmerdame, ein Reisepass reiche nicht aus. Um die Führerscheinprüfung abzulegen, müsse man unbedingt im Besitz einer Cedula de identidad, also einer ID-Card, sein.

Die Tante zeigt uns später ihre Cedula und erst bei dieser Gelegenheit fällt uns auf, dass Bürokratenhirne noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu der begehrten Lizenz ersonnen haben: Auf jeder Cedula sind die sogenannten „Credenciales“ vermerkt, die im Grunde nichts anderes bedeuten als eine Wertung des Bildungsstandes. „Superior“ heißt, dass man mindestens einen Schulabschluss vorweisen kann, „inferior“ steht für das genaue Gegenteil. Wenn man es milde sagen wollte, drückt letztere Kategorie aus, dass die so bezeichnete Person keine höhere Bildung besitzt, doch in Wahrheit steht „inferior“ als Synonym für Analphabetismus.

Nach Meinung der Behörden könne jemand, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, unmöglich eine Führerscheinprüfung ablegen. Der Gedanke, dass man dem Prüfling die Fragen auch vorlesen könnte, ist offenbar noch niemandem gekommen, und überhaupt will mir nicht recht einleuchten, warum ein Analphabet nicht fähig sein sollte, ein Fahrzeug zu führen. Aber das ist nun einmal die Realität: Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt in Ecuador keinen Führerschein. Und ob jemand als Analphabet zu gelten hat, entscheidet ein kleines Wörtchen auf der Cedula.

Nun könnte man einwenden, es sei doch ganz einfach herauszufinden, ob eine Person Analphabet ist oder nicht: Man lässt sie einen Text vorlesen oder etwas aufschreiben. Aber so leicht lassen sich Bürokraten nicht hinters Licht führen. Die Schriftprobe ist unzulässig und der Anwärter muss durch Originalzeugnisse bzw. Urkunden beweisen, dass er tatsächlich einen Schul- oder Universitätsabschluss hat und somit kein Analphabet ist, denn kann er es nicht, hat er automatisch als solcher zu gelten (Es soll ja schon Fälle gegeben haben, in denen Menschen trotz Schulabschluss Analphabeten blieben).

Nun trägt man nur in den seltensten Fällen seine Abschlusszeugnisse mit sich herum. In Deutschland braucht man sie eigentlich nur, wenn man sich für einen Job bewirbt. Dass man lesen und schreiben kann, wird hingegen überall als selbstverständlich vorausgesetzt. In Ecuador hat der bürokratische Irrsinn dafür gesorgt, dass es Menschen gibt, die seit Jahren ohne Führerschein Auto fahren, obwohl sie einen Schul- oder sogar einen Universitätsabschluss haben und obwohl sie seit Jahrzehnten im Besitz des Führerscheins eines anderen Landes sind (und als ob dies alles überhaupt eine Rolle beim Autofahren spielen würde!). Doch die enthemmte Bürokratie hat sie als Analphabeten eingestuft, weil sie nicht beweisen konnten, dass sie keine sind, und wer nicht lesen und schreiben kann, der darf auch kein Fahrzeug führen.

Gern treiben rachsüchtige Bürokraten dieses Spiel mit Gringos oder anderen Ausländern. Ich kann darin überhaupt keinen Sinn sehen, einzig den, dass man endlich einmal Gelegenheit hat, den vermeintlich Schuldigen die vielen Demütigungen heimzuzahlen, denen man als Inhaber eines ecuadorianischen Passes bei Sicherheits- und Zollkontrollen auf US-Flughäfen häufig ausgesetzt ist.

Wir machten uns natürlich berechtigte Sorgen und meine Frau rief sofort unsere Anwältin an. Diese beruhigte uns dann aber. Sie meinte, erst einmal dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich das Visum erhielte (ach so?), und dann könnte ich überhaupt erst die Cedula de identidad beantragen. Ich hätte also noch genug Zeit, irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich kein Analphabet sei.

Die Anwältin erinnerte uns bei dieser Gelegenheit daran, dass ich außerdem noch mein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen hätte, damit mein Visaantrag endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Ich habe das Führungszeugnis in Deutschland beantragt und mir teuer, weil gut versichert, nach Ecuador schicken lassen. Selbstverständlich muss das Original vorgelegt werden, denn ich könnte mir ja auch ein blütenreines Führungszeugnis gefälscht haben. Wenn man etwas nach Ecuador schickt, empfiehlt es sich, die Sendung gut zu versichern, andernfalls kann man sie auch gleich in den Müll werfen. Warum man unbedingt ein Führungszeugnis braucht? Ich glaube kaum, dass die paar Kriminellen aus dem Ausland die Verbrechensstatistik noch merklich nach oben treiben könnten.

Von all dem Ärger über so viel bürokratischen Schwachsinn müssen wir uns erst einmal am Strand erholen. Gegen drei Uhr läuft die Flut ein und als wir uns in die Wellen werfen, sind die Sorgen im Nu vergessen.

Partys und Invasionen

Den Nachmittag hätte ich am liebsten damit verbracht, im Bett zu liegen und meine narkotische Abhängigkeit vom Fernsehen durch stundenlangen Dauerkonsum noch weiter zu verstärken. Leider zwangen uns dringende gesellschaftliche Verpflichtungen, der Droge fürs Erste zu entsagen: Die Großtante meiner Frau, Tía Juanita, feierte ihren 88sten Geburtstag und alle Verwandten waren natürlich zur Party eingeladen und damit verpflichtet, sich sehen zu lassen. Insbesondere galt dies für meine Frau, die immer so tut, als würde sie von den eigenen Verwandten in einem Akt der Vendetta erschossen werden, wenn sie auch nur einer einzigen der zahlreichen Familienfeiern fernbliebe. Ich bin zwar nur angeheiratet, aber da ich im Urlaub war und im Grunde nichts zu tun hatte (außer fernzusehen), konnte ich schlecht anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Außerdem ist mein Gesicht zu bekannt, als dass ich mich einfach verstecken könnte, denn ich bin der einzige Gringo in der Familie (und eigentlich bin ich gar kein Gringo, sondern Alemán).

Mein Sohn maulte, er hätte keine Lust, auf diese Rentnerparty, und mit Schmollgesicht verkündete er, er werde auf keinen Fall gehen. Ich kann verstehen, dass sich alles in ihm sträubte, denn noch immer wirkte das Trauma nach, das er bei einem unserer Jahre zurückliegenden Ferienbesuche erlitten hatte: Meine Frau hatte ihn damals auf eine Veranstaltung des örtlichen Rentnerklubs mitgenommen. Ihre Großtante, die Tía Juanita, war zur „Königin der Rentner“ gewählt worden und aus diesem Anlass wurde eine Party gegeben. Die Rentner hierzulande haben eigene Klubs, in denen sie sich regelmäßig treffen, um ihren Exzessen zu frönen (Kaffee, Kola und Plätzchen sind die Drogen der Wahl und lateinamerikanische Schnulzen aus den Fünfzigern gestalten das musikalische Programm).

Auf besagter Seniorenparty hatte Julia Querola, die Stimmungskanone unter den Verwandten, unseren Sohn spontan auf die Tanzfläche gezogen. Natürlich hätte dies für jedes Kind ein Erlebnis mit traumatischen Folgen bedeutet. Mein Sohn war damals neun Jahre alt, aber er war gar nicht scheu, die Aufforderung anzunehmen, zumal er sich in diesem Augenblick, da aller Augen auf ihn gerichtet waren, schlecht verstecken konnte. Nachdem das Eis aber erst einmal gebrochen war, hatte er sich in seinem bunten Guayaquil-Shirt auf der Tanzfläche geschüttelt wie Señor Salsa höchstpersönlich. Immerhin fließt zur Hälfte lateinamerikanisches Blut in seinen Adern und im Gegensatz zu seinem Vater gehen ihm die Rhythmen mit einer Leichtigkeit in die Beine, dass man nur neidisch werden kann. Die Senioren waren natürlich entzückt, ja, regelrecht begeistert, so dass sie am Ende sogar Beifall spendeten. Seit dieser Tanzeinlage kennt ihn die ganze Stadt. Er selbst will natürlich nicht mehr auf die Episode angesprochen werden, aber die Alten in Bahía lieben ihn dafür.

Es bedurfte schlagkräftiger Argumente, um unseren Sohn zu erweichen, uns auf die Geburtstagsparty zu begleiten. Immerhin wurde an diesem Abend Lasagne serviert und wer außer Garfield und meinem Sohn konnte schon einer guten Lasagne widerstehen? Zwar hatte er schon zu Mittag eine Lasagne im „Bambú“ verputzt, aber das sei eben das Mittagessen gewesen und dies sei jetzt das Abendessen, wie er nicht müde wurde zu betonen – der anscheinend im Kopf meiner Frau eingebaute Kalorienrechner hatte den von unserem Sohn während des Tages konsumierten Brennwert überschlagen und Alarm ausgelöst. Doch letztlich zählten Kalorien wenig, wenn es um den 88sten Geburtstag der Tía ging. Widerwillig, und nur wegen des Essens, erklärte sich unser Sohn einverstanden, auf die Party mitzukommen, aber er wollte allenfalls so lange bleiben, bis serviert worden wäre. Danach müsse er zurück nach Hause, um Fernsehen zu gucken. Diesmal war ich ausnahmsweise einmal ganz seiner Meinung.

Die Party war schon eine Weile im Gange, als wir im Haus der Tía Juanita eintrafen. „Party“ ist vielleicht ein zu großer Euphemismus, denn als wir die Treppe hinaufstiegen und das Wohnzimmer betraten, empfing uns eine Versammlung recht betagter Damen; die meisten waren wohl schon selbst im Alter der Jubilarin. Stühle und Sessel waren wie bei einem Tanzvergnügen im Seniorenstift entlang der Wände platziert worden und obwohl das Wohnzimmer so geräumig ist wie ein Salon, war gerade noch Platz für das Buffet mit dem Geburtstagskuchen und den Dulces, also den Süßigkeiten, von denen es so reichlich gab, das man schon vom Anblick Diabetes bekam. Da wir viele der Gäste kannten – meine Frau kannte natürlich alle –, dauerte die Begrüßung wieder einmal ewig, und wir schritten das Spalier der Damen ab, als wären wir Gesandte auf einem offiziellen Empfang und müssten dem komplett versammelten diplomatischen Korps unsere Aufwartung machen. Wir schüttelten Hände, küssten staubige Wangen und lächelten dazu artig. Niemand sollte sich beleidigt fühlen, weil man ihn versehentlich übersehen hatte.

Im Haus der Tía Juanita waren wohl an die zweitausend Lebensjahre versammelt und unsere paar Jährchen fielen dabei gar nicht ins Gewicht, weil wir fast die Jüngsten waren. Ein paar Mädchen, wohl Großnichten oder sogar Urgroßnichten (?) der Tía, lümmelten gelangweilt in den Sesseln und vertrieben sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten zu posten („Ist so langweilig. Hoffe, ich kann bald wieder verschwinden.“). Man sah ihnen an, dass sie litten und sich nach dem Ende sehnten. Aber vorbei war es noch lange nicht, denn an die vierzig Gäste oder sogar noch mehr mochten sich zur Geburtstagsfeier eingefunden haben und alle mussten noch beköstigt und unterhalten werden. Obwohl der Salon einen Balkon hat, sämtliche Türen geöffnet waren und die Deckenventilatoren mit Höchstleistung liefen, war es heiß wie in einem Backofen und allein schon beim Sitzen rann einem der Schweiß in Sturzbächen vom Körper. Viele der Damen zückten nun ihre Fächer und fingen an zu wedeln. In der Küche wirbelten derweil die fleißigen Helferinnen und bereiteten das Essen für die Gäste.

Schon am Morgen, nachdem meine Frau angekündigt hatte, dass wir die Geburtstagsparty der Großtante besuchen wollten (Wollten? Wer hatte gesagt, dass ich will?), hatte ich sehr behutsam versucht, Einspruch dagegen ihre Pläne einzulegen. Doch meine Frau, mit ihrem leichten Hang zum Dramatischen, entkräftete meine äußerst stichhaltigen Argumente mit einer emotionalen Großoffensive und tat so, als müsste die Party tatsächlich ausfallen, wenn wir sie nicht dorthin begleiteten. Der letzte, der gewollt hätte, dass die Party ausfällt, wo sich doch alle so sehr darauf freuten, bin doch wohl ich! Am Ende zeigte sich, dass mein Sohn, ich und ihr Onkel die einzigen männlichen Gäste waren. Wir saßen wie Fremdkörper unter all den älteren Damen, von denen einige sich tatsächlich zu wundern schienen, ob wir uns verirrt hatten. Andere männliche Familienangehörige hatten es offenbar vorgezogen, irgendeine wichtige und gleichermaßen unaufschiebbare Verpflichtung vorzuschützen, um dem Grauen fernbleiben zu dürfen. Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.

Onkel Fausto (der Bruder meiner Schwiegermutter) machte von uns dreien noch die beste Figur. In seinen mit Bügelfalten versehenen Jeans, mit seinem blütenreinen, frisch gestärkten Hemd, dem akkurat gekämmten Haar und dem feschen Schnurrbart, der stets fachmännisch getrimmt ist, wirkt er immer wie der Gentleman vom Lande. Es ist bewundernswert, wie er angesichts der Folter Haltung bewahrte. Während mir der Schweiß übers Gesicht lief und ich mich gequält auf dem unbequemen Stuhl wand, saß er aufrecht wie ein ungekrönter König und er wirkte dabei zugleich vollkommen entspannt, gerade so, als könnte er sich nichts Angenehmeres vorstellen, als seine Zeit auf Geburtstagspartys älterer Damen zuzubringen. Mit legerer Würde unterhielt er sich mit seinen Sitznachbarn. Er spricht immer auf eine sehr bedächtige und kluge Art, dass es den Anschein hat, er beleuchte die Argumente seines Gegenüber zunächst von allen Seiten, bevor er antwortet. Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, nicht zu schwitzen, zumal in dieser Hitze, die durch den Dunst aus der Küche, die auf Hochbetrieb arbeitete, sogar noch verstärkt wurde. Man sah bei ihm nicht eine Schweißperle, wo doch die Gesichter aller anderen nur so glänzten. Ist das nun die schiere Coolness oder jahrelange Übung?

Schließlich wurde die Lasagne serviert. Wir hatten fast eine Stunde auf diesen Augenblick gewartet, aber ich fand es einfach zu heiß für ein so gehaltvolles Essen. Meinen Sohn hielt die Hitze jedoch nicht davon ab, seinen Teller in Windeseile leerzuessen – als wäre er durch tagelange Entbehrungen ausgehungert und Lasagne das einzige, durch das er wieder zu Kräften kommen könnte. Und er aß sogar noch die Portion meiner Frau, welche die Hitze und der Kalorienrechner im Kopf davon abhielten, mehr als nur den Salat anzurühren. Nachdem er aufgegessen hatte, machte er mir unauffällig Zeichen zu gehen. Gerade war Julia Querola dabei, das Geburtstagskind auf die Tanzfläche zu ziehen, und mit ihm ein kleines Geburtstagstänzchen anzustimmen, und mein Sohn fürchtete wohl, dass ihm das gleiche Unglück widerfahren könnte. Julia Querola ist von Beruf Sängerin und so etwas wie die Stimmungskanone der Familie. Oft singt sie zu den Liedern auf der Party und sie hat eine wirklich schöne Stimme. Wir aber hatten unsere Pflicht getan und schlichen uns unbemerkt davon. Als ich das Haus der Tía Juanita verließ, war ich schweißgebadet.

Eine Stunde später, mein Sohn und ich genossen gerade das abendliche Fernsehprogramm auf HBO, klingelte es an der Tür. Nichtsahnend öffnete ich – die Schwiegermutter war da und sie war nicht allein gekommen. Sie brachte fast ein Dutzend Leute mit, alles Familienmitglieder. Damit war es erst einmal vorbei mit dem gemütlichen Fernsehabend im tiefgekühlten Schlafzimmer. Invasionen dieser Art sind in Bahía so üblich, dass sie einen eigenen Namen haben: Man nennt solcherart Überfälle „Reunión“, also ein zwangloses Zusammensein mit der Familie oder mit Freunden. Als hätten sie sich verschworen, kommen dabei die Gäste häufig in Mannschaftsstärke und sie laden sich auch immer selbst ein. Die Etikette verlangt nicht, dass der Besucher sich anmelden muss; die Gastgeberpflicht des Besuchten gebietet jedoch, dass man die Gäste einlässt und ihnen die besten Plätze anbietet. Die Gäste erwarten keinesfalls, dass Essen serviert wird, noch dass man Getränke bereitstellt. Man ist gekommen, um zu plaudern. Mehr verlangt man nicht. Und so lümmelt man schließlich in den bequemen Sesseln und plaudert.

Unter den Gästen ist auch der Onkel; wir hatten ihn schon auf der Geburtstagsparty getroffen und offenbar hat auch er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, um die Feier zu verlassen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass der alte Charmeur es auf eine weit elegantere Art getan hat als wir, wo unser Abgang doch eher einer Flucht glich. Der Onkel hatte bis vor Kurzem einen Baustoffhandel betrieben, aber nun überlegt er, ob er das Geschäft aufgeben soll, denn erst vor ein paar Wochen ist er ausgeraubt worden. In seiner ruhigen Art erzählt er, dass einer der Kriminellen ihm eine Waffe an den Kopf gehalten habe, während der andere ihm ein Messer gegen die Rippen gedrückt hätte. Zweihundert Dollar erbeuteten die Diebe. Das ist nicht viel Geld und dafür das Leben zu riskieren, wäre die größte Torheit. Alle stimmen ihm zu. Ein Patentrezept, wie man die ausufernde Kriminalität in den Griff bekommen könnte, hat aber niemand. Man redet noch ein wenig über dies und jenes, und nach einer Stunde sind die Gäste so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Surfer und ungewöhnliche Jobs

27. Dezember: Weihnachten ist vorbei und das Leben folgt allmählich wieder seinem gewohnten Rhythmus – wenn es je davon abwich. Wir fahren nach Canoa. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwar ist es immer noch genauso warm wie an den vorangegangenen Tagen, aber der Himmel hat sich mit einer dicken Schicht aus grauen Wolken bedeckt und hin und wieder fallen ein paar Regentropfen. Es war mittlerweile fast Mittag geworden und unsere erste Station führte uns unweigerlich ins „Bambú“. Eigentlich wollten wir erst baden und dann essen, aber gegen ein so elementares körperliches Verlangen wie es Hunger nun einmal darstellt, lässt sich eben nicht ankommen. Außerdem war die Verführung einfach zu groß und das Lokal war um diese Zeit noch relativ leer, so dass wir einen guten Tisch ergattern konnten.

Mein Sohn bestellte für sich die ausgezeichnete Hühnchen-Lasagne, meine Frau nahm einen Salat und ich begnügte mich, da ich eigentlich gar keinen Hunger verspürte, mit einem geradezu göttlichen Batido de coco (einem dicken, süffigen Kokosshake). Wenn die Kokosnuss eine Bestimmung hat, dann doch wohl die, als Shake im „Bambú“ zu enden! Ein großes Kelchglas hätte sicherlich gereicht, um den Magen zu füllen, aber keineswegs um den Appetit zu stillen. Deshalb genoss ich noch ein zweites Glas. Danach fühlte ich mich dann allerdings wie eine Stopfgans und das reichhaltige Getränk sättigte mich für den ganzen Tag. Meine Frau, durch ihr Salätchen durchaus noch nicht gesättigt, bestellte sich dann aus Neugier auch noch einen Shake und auch sie war begeistert, wie unglaublich lecker er schmeckte. Als sie ihren Batido schlürfte, meinte sie, Coco sei eher eine Speise der Armen; Reiche würden die nahrhafte Nuss verschmähen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass jemand diesen unglaublichen Shake zurückweisen könnte.

Am Tisch neben uns hatte eine junge Familie Platz genommen. Der Vater sah aus wie ein Gangster-Rapper und benahm sich auch so: Er trug eine bunte Cap, eine schwarze Sonnenbrille verdunkelte seine Augen und er hatte die ganze Zeit Ohrstöpsel im Ohr – selbst ich konnte die Musik hören, obwohl er einige Meter entfernt saß. Dann kam das Essen, für ihn jedoch kein Grund, die Hörer aus den Ohren zu nehmen oder die Mütze abzunehmen, geschweige denn die Sonnenbrille. Während er aß, hatte er auch noch Zeit, die neuesten WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy zu checken und darauf zu antworten. Seine Frau und seine kleine Tochter saßen wie ein paar Fremde mit am Tisch. Wie peinlich muss man denn sein, ehe man es selber merkt?

Das Meer vor Canoa war so herrlich und schien so ursprünglich wie beim ersten Mal, da ich diesen Ort besucht hatte. Die Flut lief ein und türmte die Wassermassen zu zwei Meter hohen Wellen, auf deren Kämmen Schaumkronen glitzerten. Die Brecher rollten weit auf den Sand. Der Strand selbst war an diesem Tag nicht übermäßig mit Badegästen gefüllt. Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die Schulen hatten Ferien und wer es sich leisten kann, fuhr an die See, um unbeschwerte Tage am Strand zu genießen. Dennoch wirkte der Strandbetrieb eher beschaulich und ich wunderte mich darüber – was könnte einen denn daran hindern, diesen wundervollen Ort zu besuchen?

An diesem Tag sah man viele Surfer und im Gegensatz zu ihren Kollegen in Long Beach, New York, vermochten diese Leute die Wellen wirklich zu reiten. In Long Beach hatte man etwa neunzig Prozent des Strandes als Surfer-Beach deklariert und an den Abschnitten, die den Surfern vorbehalten waren, sorgte die Strandaufsicht dafür, dass man dem Wasser auch ja nicht zu nahe kam. Ein paar Wagemutige versuchten ihr Glück in den nicht sehr hohen Wellen, aber meist lagen sie eher unter dem Brett, als dass es ihnen gelungen wäre, länger als zwei Sekunden darauf zu stehen. Hier in Canoa scherte sich niemand darum, ob Surfer und Schwimmer sich vertrugen, und an manchen Abschnitten des Strandes, an denen man besonders viele Bretter sah, war es ratsam, stets auf der Hut zu sein, damit einem nicht der Kopf von so einem dahinjagenden Brett von den Schultern getrennt wurde. Aber die Surfer waren verträgliche Leute und machten gern Platz und suchten sich ein anderes Revier, wenn sie sahen, dass zu viele Schwimmer im Weg waren.

Manche der Wellenreiter waren echte Könner: Sie ruderten zweihundert Meter auf die See hinaus und wenn sie dort, wo das Meer sich wie ein Berg aufzutürmen begann, eine Welle erwischten, ließen sie sich von ihr mit einer Leichtigkeit, um die man sie nur beneiden kann, bis zum Strand tragen. Einen jungen Surflehrer erkannte ich wieder. Seine bevorzugte Klientel sind dralle und immer weißhäutige Touristinnen, die er bäuchlings aufs Brett legt und dann durch die Wellen schiebt, dass sie nur so kreischen. Das ist sicherlich ein Job, für den sich in keinem Job-Center der Welt eine aussagekräftige Beschreibung finden ließe.

Am Nachmittag zog der Himmel immer mehr zu und dann begann es zu regnen. Der Regen war wie eine warme Dusche und obwohl ich bald völlig durchnässt war, fror ich kein bisschen. Man behielt die nassen Sachen einfach an und irgendwann würde die Sonne sie wieder trocknen. Bei einem Strandspaziergang kamen uns Einheimische auf Pferden entgegen. Sie fragten uns, ob wir auch einmal über den Strand reiten wollten. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen und das war wohl eher ein handzahmes Pony, das auch bloß brav im Schritt ging. Ich lehnte ab. Ein Stück weiter kamen uns Jungs auf Crossmaschinen entgegengeknattert. Sie versuchten mit den Reifen Kreise in den Sand zu ziehen, aber scheiterten jedes Mal jämmerlich. Um ein Haar wäre der eine von ihnen sogar gestürzt. Überhaupt schienen sie die Maschinen nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben und wir hielten vorsichtshalber Abstand.

Die Flut türmte das Meer immer weiter auf. Wenn man im Sand saß und über den Strand zum Wasser blickte, hatte man den Eindruck, das Meer würde sich in einer gewaltigen Flut erheben und alles Land verschlingen. Unter dem grauen Himmel erschienen die Wassermassen wie ein schwarzer Berg, der sich mit ungezügelter Gewalt auf das Land warf. Der tiefhängende graue Himmel bewirkte, dass der Horizont tatsächlich höher zu liegen schien als das Land. Man fühlt förmlich, welch ungeheure Kraft dem Ozean innewohnt.

Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und höchste Zeit für den Aufbruch. Wir verabschiedeten uns von Canoa und fuhren zurück nach Bahía. Von der Brücke aus, die das weite Delta des Río Chone überspannt, warfen wir einen letzten Blick auf einen fast schwarzen Pazifik unter einem bleigrauen Himmel.

Der Schweiß der Rechtschaffenen

Ich gehe trainieren – eigentlich eine Wahnsinnsidee, denn in Bahía herrscht brütende Hitze. Doch hierzulande schert sich niemand um Temperaturen, es sei denn, es ist kalt, und zwar richtig kalt, und 16 Grad (plus, wohlgemerkt) gelten an der Küste schon als die Grenze unterhalb derer kein menschliches Leben mehr möglich ist. Die meisten haben in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen und ich glaube, sie können sich auch nicht recht vorstellen, wie es sich in der Eiseskälte lebt. An Wärme sind sie aber gewöhnt.

Das Studio befindet sich nur wenige Schritte vom Haus der Tante entfernt. Trotz der Hitze ist es erwartungsgemäß voll und die Jugend der Stadt stählt ihre Körper vorzugsweise mit schweren Hanteln. Ich habe das Studio kaum betreten, da fange ich auch schon an zu schwitzen als wäre ich in eine Sauna geraten. Alle Räumlichkeiten sind mit Lautsprechern gespickt, als wäre dies kein Sportstudio, sondern irgendein Tanzschuppen, und die Musik, die ständig aus den Boxen dröhnt, ist so laut, dass man ernstlich um sein Gehör fürchten muss. Eine Oase relativer Ruhe ist lediglich die Dachterrasse, aber auch hier ist der Lautstärkepegel noch hoch genug, dass man sich förmlich anbrüllen müsste, um sich verständlich zu machen. Einen positiven Effekt hat die ohrenbetäubende Lautstärke: Das Gedröhne macht aggressiv und bringt einen damit in genau die richtige Stimmung, die man für ein gutes Workout braucht.

Der Besitzer erkennt mich und grüßt freundlich. Er sieht etwas schläfrig und schlapp aus; wahrscheinlich hat ihn die Hitze schon weichgekocht. Ich gebe ihm die 1,50 Dollar für den Besuch des Studios und beginne damit, mich aufzuwärmen – eine Unternehmung, die mir angesichts der tropischen Temperaturen ein wenig sinnlos erscheint. Nach nur zehn Minuten bin ich in Schweiß gebadet und ich fühle mich so schwach, dass ich am liebsten nach Hause gehen und mich willenlos ins Bett schmeißen würde. Aber Training ist nun einmal Training und Ausreden zählen da bekanntlich nicht. Also bleibe ich und lasse es etwas langsamer angehen.

Allmählich komme ich dann doch in Fahrt und mein Kreislauf kommt mit den tropischen Temperaturen immer besser zurecht; wenn ich länger an einer Stelle verweile, bildet sich auf dem Boden sofort eine Schweißpfütze. Mein Shirt klebt mir wie ein nasser Waschlappen auf dem Leib. Mein Kreislauf ist noch nicht an die Hitze gewöhnt und ich habe mehrmals das Gefühl, mir würde schwarz vor Augen. Meine Lunge pfeift wie eine altertümliche Herzlungenmaschine. Ich muss längere Pausen als sonst einlegen, damit ich nicht zusammenbreche.

Während ich ausruhe, kann ich die anderen Trainierenden beobachten: Nur wenige scheinen wirklich zu wissen, was genau sie da eigentlich tun. Die Möchtegerns nehmen viel zu große Gewichte und wenn man ihnen dabei zuschaut, wie sie sie zu heben versuchen, hat man das ungute Gefühl, jeden Augenblick wäre man gefordert, Erste Hilfe zu leisten. Ein paarmal denke ich, gleich ist die Bandscheibe weg, aber am Ende passiert doch nichts. Glück gehabt – ein junger Körper verzeiht so manche Torheit. Für gewöhnlich greift der Besitzer ein, redet der sportelnden Jugend ins Gewissen und zeigt, wie es richtig geht. Aber heute hat er offenbar keine Lust, den bequemen Sessel zu verlassen, in dem er wie festgeklebt sitzt. Die mörderische Hitze lähmt auch den stärksten Willen.

Die lokale Fitnessqueen gibt sich wieder einmal die Ehre: hautenge Leggings im Tarnmuster und dazu das passende Stirnband, Sport-BH in Neonpink. Sie macht Crunches mit einer 20-Kilo-Platte und in der Tat ist ihr Sixpack so hart, dass eine Messerklinge daran zerbrechen würde. Anschließend pumpt sie immer wieder Sätze von mehreren Dutzend Liegestützen, ihre Zehenspitzen ruhen erhöht auf einer Bank und ihr Körper ist hart und gespannt wie eine Stahltrosse. Ich bin mir nicht sicher, ob einer der Typen im Studio es ihr gleichzutun könnte, trotz der dicken Arme, die man gern und oft zur Schau stellt. Mir scheint, sie hat die Vierzig schon überschritten, aber von Altersdegeneration hat dieser Körper noch nie etwas gehört.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Weihnachten mit Erol Sander

Von Santo Domingo aus ging es weiter nach Bahía. Es ist immer wieder ein Erlebnis, sich dem Meer zu nähern: Schon wenn man die salzige Seeluft riecht, hat man plötzlich den Eindruck, als wäre der Horizont viel weiter und der Himmel höher und die Luft wäre viel leichter zu atmen. Man mag sagen, das sei Einbildung, aber irgendwie gerät man augenblicklich in eine andere Stimmung. Das Leben fühlt sich so viel leichter an am Meer und die Leute scheinen viel weniger von den tristen Notwendigkeiten des Lebens getrieben als in den Bergen, wo alles schwer ist, als herrschte eine andere Schwerkraft, die unerbittlicher als anderswo am Gemüt der Menschen zerrt. Die Küste verspricht Leichtigkeit und der Ozean Vergessen. Man möchte den flüchtigsten Launen nachgeben und das Leben einfach treiben lassen, als wäre es ein Sandkorn in den Gezeiten.

Bei Pedernales stießen wir endlich auf die Küste und dann ging es eine Stunde auf der neuen Autopista nach Süden. Wir überquerten die Brücke, die Bahía bei San Vicente mit dem Festland verbindet, und fuhren in den goldenen pazifischen Sonnenuntergang. Die Tante wartete schon auf uns. Sie hatte eine ihrer Wohnungen, die sie über die Feiertage für gewöhnlich an zahlende Gäste vermietet, eigens für uns reserviert. Das Haus der Tante war übrigens eines von wenigen Häusern im Ort, die weihnachtlich dekoriert waren. Auch hier hatte man wie schon in Cumbayá den Eindruck, den Leuten liege nicht viel an Weihnachten. Jedoch geht man in die Kirche und feiert die Messe und für die Nacht an Heiligabend bereitet man ein großes Essen im Kreise der Familie, das dann genau Schlag Zwölf im Gedenken an die Geburt des Erlösers eingenommen wird.

Mein Sohn und ich warfen uns sofort aufs Bett, regelten die Klimaanlage, die im Haus der Tante nur selten benutzt wird, auf eisige Temperaturen herunter und zappten uns durch das Fernsehprogramm. Meine Frau hatte leider nicht so viel Glück an diesem Abend, denn als gute Katholikin war sie verpflichtet, die Tante und ihre Mutter zur abendlichen Messe zu begleiten. Was war ich froh, dass ich so ein Heide bin!

Im Fernsehen liefen die Avengers, aber in der Werbepause zappte ich ziellos durch das Programm und plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht. Wie um die Weihnachtszeit nahezu überall üblich, lief auch hier auf den meisten Sendern das unumgängliche „Familienprogramm“, also Herz-Schmerz-Filme der übelsten Sorte, Schmachtfetzen zum Davonlaufen oder zum Augenausweinen, je nach Seelenzustand. Es ist interessant zu sehen, dass viele Produktionen ganz offensichtlich auf einen internationalen Einheitsgeschmack abzielen, unabhängig davon, aus welchem Land sie stammen. Ein wenig verwunderte es mich dann aber schon, plötzlich das Gesicht Erol Sanders auf dem Bildschirm zu sehen. Ich schaltete sofort zu den Avengers zurück. Wir guckten dann noch bis in die Puppen. Viel später wiegte uns das Rauschen des Meeres endlich in den Schlaf (vielleicht war es auch nur das monotone Fauchen der Klimaanlage).