Santo Domingo

Auf dem Weg nach Quito wollten wir einen Abstecher zu meinem Schwiegervater machen. Er wohnt in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Bahía und Quito, und er hatte uns eingeladen, ein paar Tage in seinem Haus zu verbringen. Am Ende blieben wir aber nur einen Tag und eine Nacht.

Der Busbahnhof von Bahía liegt etwas außerhalb der Stadt. Wir waren spät dran, denn es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, morgens um 7:00 Uhr ein Taxi in Bahía zu bekommen. Wir erreichten unseren Bus gerade noch rechtzeitig zum angezeigten Abfahrtstermin, nur um feststellen zu müssen, dass sich die Abfahrt verzögerte. So standen wir also mit unseren Koffern vor dem Bus und warteten, dass es endlich los ging. Zufällig fiel mein Blick auf einen der Reifen und mit einer gewissen Gleichgültigkeit stellte ich fest, dass von Profil keine Spur mehr zu sehen war. Sollte ich jetzt beunruhigt sein? Ich nahm es stoisch wie die Einheimischen.

Mit beträchtlicher Verzögerung fuhren wir von Bahía ab. Die Strecke führte in einem riesigen Bogen um die ganze Bucht herum und die Straßen in dieser Gegend waren in einem Zustand, wie ich ihn noch von damals, vor über zwanzig Jahren in Erinnerung habe: Weite Abschnitte waren ungepflastert und wenn doch, gab es mehr Löcher als Asphalt. Wir fuhren kaum schneller als dreißig und einige Stellen konnte der Fahrer nur im Schritttempo passieren, sonst hätte ihm der löchrige Untergrund womöglich die Achsen ruiniert. Unsere Route führte vorbei an Palmstrohhütten zwischen Bananen- und Mangobäumen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der kleinen, auf Stelzen errichteten Häuser elektrischen Strom hat oder über sauberes fließendes Wasser verfügt. Die Gegend wirkte, als wäre die Zeit vor über hundert Jahren einfach stehengeblieben.

Es dauerte nicht lange und wir kamen in Gegenden mit weit besser ausgebauter Infrastruktur. Die Straßen waren nun neu und in wirklich erstklassigem Zustand. Der Fahrer unseres Busses packte die Gelegenheit beim Schopfe und fuhr die Zeit, die er auf den schwer passierbaren Wegen verloren hatte, nun wieder herein. Wann immer möglich, kitzelte er das Letzte aus der Maschine heraus. Die Autopista schlängelte sich durch hügeliges Gelände und es schien für den Fahrer eine Frage der Ehre zu sein, die Kurven mit maximal möglicher Geschwidigkeit zu nehmen. Wie die Testdummies wurden wir in den Sitzen hin- und hergeschleudert. Ein paar Mal musste ich mich an der Lehne festhalten, damit ich nicht in den Gang fiel. Nach zwei Stunden rasanter Kurvenfahrt war mir schon ganz schwindelig und es war ein Wunder, dass sich niemand übergeben musste.

Während sich der Bus in die Kurven legte, lief das Ruhigstellungsprogramm für die Fahrgäste. Man zeigte „San Andreas“, einen Katastrophen-Blockbuster mit Dwayn „The Rock“ Johnson, der seine unglaublich muskulösen Arme gegen ein Erdbeben zum Einsatz bringt – oder wie auch immer. Der Film wurde nur kurz unterbrochen, als wir an einem Comedor stoppten, um zu Mittag zu essen. Es war dieselbe Kantine, bei der wir schon auf der Fahrt nach Bahía eine Rast eingelegt hatten. Nur die wenigsten der Fahrgäste bestellen etwas zu Essen. Die meisten saßen mit fahlen Gesichtern an den Tischen und nippten von ihren Getränken. Die Hochgeschwindigkeitsfahrt durch den Slalom-Parkour hatte ihnen den Appetit geraubt. Mein Sohn und ich gönnten uns ein Eiscreme-Sandwich und dann auch noch ein zweites, meine Frau aß ihren Lowfat-, Lowcarb-, Lowalles-Hähnchenschenkel mit viel, viel Salat. Nach kurzer Rast ging die Fahrt weiter.

Eine Stunde später trafen wir in Santo Domingo ein. Nur zwei Parteien verließen den Bus: wir (meine Frau, mein Sohn und ich) und ein junges Pärchen. Der Busfahrer setzte uns irgendwo mitten in der Stadt vor einer Tankstelle ab, stellte uns die Koffer vor die Füße, schwang sich in seinen Bus und sauste davon. Wir blieben etwas verwirrt zurück. Sollten wir nicht am Busbahnhof aussteigen? Es kann gefährlich werden, irgendwo längere Zeit mit Koffern herumzustehen. Meine Frau rief sogleich ihren Vater an und schilderte ihm die Misere. Schon wenige Minuten später holte er uns mit dem Auto ab und wir fuhren zu seinem Haus.

Mein Schwiegervater ist ein netter alter Mann. Viel haben wir nicht miteinander zu bereden, denn er spricht keine andere Sprache als Spanisch und meine Spanischkenntnisse sind so erbarmungswürdig gering, dass kein gescheites Gespräch zustande kommt. Meine Frau plaudert jedoch ununterbrochen und man hat den Eindruck, die zwei verstehen sich. Der Schwiegervater lädt uns zum Mittagessen ein und auch am Abend sind wir seine Gäste. Als weitgereister Mann hat er offenbar ein Faible für italienisches Essen. Zweimal müssen wir in Restaurants essen, die zwar teuer sind, deren authentische italienische Küche aber in Zweifel zu ziehen ist. Da man meinen Schwiegervater im Restaurant gut zu kennen schien, ging ich davon aus, dass er dort Stammgast ist. Ich lobte das gute Essen und beschränkte mich ansonsten aufs Biertrinken. Ich hielt mich an die einheimische Marke; das „Club“ ist sehr gut. Wein vertrage ich nicht so gut, obwohl es sich um eine Flasche guten chilenischen Weines handelte, den man uns an diesem Abend kredenzte.

Mein Schwiegervater wohnt irgendwo mitten in Santo Domingo. Ich hätte nicht sagen können, ob im Zentrum oder außerhalb, denn die Stadt sieht für meine Augen überall gleich aus. Es gibt keine Blickpunkte und keine Sehenswürdigkeiten. Noch vor fünfzig Jahren war Santo Domingo ein unbedeutender Flecken, kaum der Erwähnung wert, doch seither ist der Ort rasant gewachsen. Beim Bauen hat man mehr Wert auf Funktionalität denn auf Ästhetik gelegt – alles ist auf den rein praktischen Aspekt hin ausgelegt. In der Stadt gibt es keinen Ort, der das Auge erfreut oder der geeignet wäre, die Seele zu erquicken, um es einmal poetisch auszudrücken. Die Einwohner behaupten zwar steif und fest, ihre Stadt sei schön, doch der Durchreisende weiß es besser.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen. Seit die Kinder ausgezogen sind, wohnt mein Schwiegervater allein in seinem riesigen Haus. Eine Haushälterin sorgt mit nie nachlassender Energie dafür, dass die Zimmer so aufgeräumt und sauber sind wie die Intensivstation eines Krankenhauses. Unser Gastgeber hat zum Frühstück Bollos servieren lassen. Das ist ein mit Maní, also Erdnusspaste, versetzter Maismehlteig, der zusammen mit fettem Schweinefleisch in einem Bananenblatt gedämpft wird. Ich konnte nur so weit essen, bis mir das Fett glänzend und wabbelig wie Götterspeise entgegenkam. Die schlimmsten Erinnerungen meiner Kindheit kamen plötzlich wieder hoch. Der Appetit war mir augenblicklich vergangen. Ich entschuldigte mich damit, dass ich auf Reisen nie sonderlich Hunger hätte.

Von Santo Domingo aus fuhren wir mit einer Art Sammeltaxi zurück nach Cumbayá. Das ist zwar teurer als eine Reise im Bus, bietet aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man von Haustür zu Haustür gefahren wird. Zusammen mit dem Fahrer waren wir fünf, eine Frau aus Quito reiste mit uns zusammen. Als ich mich von meinem Schwiegervater verabschiedete, fragte er mich, wann wir wiederkommen würden. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht genau, wahrscheinlich in den Ferien. In diesem Augenblick war er nur ein einsamer alter Mann, der sich nach Gesellschaft sehnte.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Mal was Exotisches: Deutscher Kuchen

Meine Frau pries mich unter ihren Verwandten als den besten Bäcker. Sie hätte dies lieber nicht getan, denn zwar ist noch niemand an meinem Kuchen verreckt und ein gutes Weißbrot bekomme ich auch hin, mich aber als den besten Bäcker zu bezeichnen, ist doch gehörige Übertreibung. Noch ganz beschämt über so viel Ehre, entging mir, dass sie die Verwandtschaft sogleich zu einem Probebacken einlud, und die Leute waren natürlich erpicht darauf zu erfahren, wie man in Deutschland Kuchen bäckt. Alle freuten sich darauf und ich erst! Nicht, dass die hiesigen Hausfrauen mir Jahrzehnte an Erfahrung voraus hatten! Ich machte freundliche Miene und willigte schließlich ein. Jetzt war ich gefordert.

Selbst dann, wenn man schon Dutzende Male erfolgreich auf dasselbe Rezept zurückgegriffen hat, kann beim Backen immer etwas schiefgehen, zumal wenn man den Ofen und das Mehl nicht kennt. Und dies war nicht meine heimische Arena. Ich beschloss, etwas ganz Einfaches zu backen, einen Apfelkuchen mit einem simplen Rührteig. Schon beim Einkauf zeigte sich, dass es keine ganz einfache Aufgabe ist, das richtige Mehl zu finden, denn die meisten Mehle, die man im Supermark angeboten werden, sind zusätzlich mit Gluten gestärkt. Sie eignen sich zwar hervorragend zum Brotbacken, Kuchen werden aber schnell fest und bekommen eine gummiartige Konsistenz und niemand möchte Gummikuchen essen. Schließlich fanden wir dann eine Mehlsorte, die geeignet schien (es war auch zufällig die, welche die Hausfrauen für ihre Kuchen verwenden). Fehlten noch die Äpfel: Äpfel sind in Ecuador gewissermaßen etwas Exotisches. In Deutschland mag man Mango, Tomate de arbol oder Papaya als Exoten ansehen, in Ecuador ist es der Apfel. Bis vor ein paar Jahren gab es ausschließlich Importware aus Chile, die berühmten Manzanas chilenas. Mittlerweile findet man im Supermarkt aber auch Früchte aus einheimischer Produktion. Die Äpfel, die ich schließlich kaufte, waren relativ unansehnlich, aber anders als die Industrieäpfel aus Chile verströmten sie einen unverkennbaren Apfelduft – gesehen, gerochen, gekauft.

Besonders interessiert zeigte sich Ildara, die Frau des Onkels meiner Frau. Es war für sie eine Überraschung, dass ich Butter statt Margarine für den Teig verwendete. Ich finde, Butter schmeckt einfach besser und außerdem traue ich der Erfindung der Chemieindustrie nicht so ganz. Ich erwartete eigentlich nicht viel, denn ich kannte weder den Ofen, noch wusste ich, wie das Mehl reagieren würde. Deshalb war ich sehr gespannt, was am Ende herauskommen würde. Nach 45 Minuten holte ich den Kuchen aus dem Ofen – er sah spektakulär aus. Schnell noch mit passierter Marmelade bestreichen und etwas abkühlen lassen – da es zum Aprikotieren keine Aprikosenmarmelade gab, nahmen wir einfach Ananasmarmelade. Gespannt warteten wir, dass sich der Kuchen ein wenig abgekühlt hatte, um ihn zu probieren. Dann schien er endlich nicht mehr so heiß, dass man sich den Magen verdarb.

Was soll ich sagen – er schmeckte einfach phantastisch! Das hätte ich nicht erwartet. Die Äpfel waren pefekt: butterig weich und saftig, nicht zu süß, mit leichter Säure als Akzent. Der Teig war ein Traum, weich, locker und saftig mit unwiderstehlichem Butter-Vanille-Aroma. Ich war zufrieden und die anderen waren es auch. Der Kuchen erhielt viel Lob und war schneller aufgegessen, als man gucken konnte. Ein bisschen grummelte es in meinem Bauch, aber das war wohl zu erwarten, denn schließlich hätte niemand von uns genug Geduld aufgebracht, den Kuchen erst auskühlen zu lassen.

Straßenhunde

Die Hunde in Ecuador führen kein solch luxuriöses Leben wie ihre Vettern in Deutschland. In den Supermärkten gibt es kleine Abteilungen für Hundefutter, aber ich glaube nicht, dass es viele Leute hierzulande gibt, die bereit sind, so viel Geld für den besten Freund des Menschen auszugeben wie deutsche Frauchen und Herrchen. Im Supermarkt ist fast alles teuer; viele Produkte, die man aus dem Alltag kennt, kosten hier manchmal ein Vielfaches von dem, was man in Deutschland dafür berappen müsste. Da sind preiswerte Alternativen gefragt. Ich wundere mich, wie die Menschen bei solch horrenden Preisen überleben können. Da lernt man ganz schnell, sich einzuschränken – unsere Reisekasse leerte sich jedenfalls in Null-Komma-Nix.

Die Krone setzte dem aber die Erdnussbutter auf. Ich bin ein großer Fan der Erdnussbutter und wenn ich eine Zeitlang keine bekomme, werde ich wirklich traurig. Hier in Ecuador gibt es einige Gerichte, in denen Erdnüsse oder Maní (das ist der einheimische Name für Peanutbutter) Verwendung finden. Im Supermarkt suchte ich deshalb nach Erdnussbutter. Ich fand sie schließlich, aber der Preis zog mir fast die Schuhe aus – ein kleines Glas kostete an die sechs Dollar, dafür stand aber „Peanutbutter“ auf dem Etikett. Sechs Dollar für ein paar Erdnüsse? Die spinnen, die Ecuadorianer. Ich habe mir die leckere Creme dann später auf dem Markt gekauft. Ein Pfund hat nur einen Dollar und etwas gekostet. Der Händler hat sie mir mit dem Löffel in die Tüte abgefüllt. Aber ich schweife ab.

In Ecuador gibt es Straßenhunde, aber sie werden von den Menschen nicht etwa gejagt oder verscheucht, vielmehr lebt man in einer Art friedlicher Koexistenz. Niemand tut den Hunden hierzulande etwas zuleide, und sie fühlen sich so sicher, dass sie sich mitten auf der Straße zum Schlafen hinlegen. Niemand käme auf die Idee, sie aus dem Weg zu prügeln oder sie vom Platz zu jagen. Hundefänger sucht man vergeblich. Man lässt die Tiere einfach liegen; wenn es nötig ist, macht man einen Bogen. Dafür bellen und beißen die Hunde auch nicht – so lautet der Deal. Nur Hunde, die einen Besitzer haben, kläffen ununterbrochen, wie der Hund unserer Nachbarin in Cumbayá. Sie scheinen zu wissen, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen.

In Quito, mitten auf einem großen Platz vor einer Bank, sah ich einen Hund liegen. Erst dachte ich, er sei tot, denn ich konnte nicht erkennen, dass er atmete, und welcher Hund bei Verstand würde sich schon mitten auf einem belebten Platz zum Schlafen legen. Ich beobachtete ihn eine Weile und als ich absolut sicher war, dass er tot sei, ging ich hin. In diesem Moment hob er den Kopf, blickte dösig in die Runde, legte sich wieder hin und schlief einfach weiter. Niemand störte sich daran, dass der Hund ausgerechnet dort lag, wo Hunderte Menschen seinen Weg kreuzen mussten, und der Hund störte sich nicht an den vielen Menschen.

Direkt neben dem Haus in Bahía, in dem wir zeitweilig logieren, gibt es ein kleines Restaurant. Davor liegen immer zwei riesige zottelige Hunde. Der eine ist braun, der andere grau. Ich nahm zunächst an, die Hunde gehörten der Besitzerin, aber dann bekam ich mit, dass es sich um Straßenhunde handelte. Sie liegen den ganzen Tag auf dem Gehsteig, starren gelangweilt in der Gegend rum und sehen zu, dass sie irgendwo etwas Essbares ergattern können. Hundefutter aus dem Supermarkt haben sie wahrscheinlich noch nie zu fressen bekommen. Sie tun niemandem etwas – man kann wenige Zentimenter an ihnen vorbeigehen und sie nehmen keine Notiz davon. Man muss sie auch nicht wegscheuchen, wenn sie den Weg versperren, denn sie merken von allein, wann sie verschwinden sollen. Sie machen einfach Platz und trollen sich.

Einmal fuhr ein Pickup langsam an dem Restaurant vorüber. Der Fahrer hatte seinen riesigen schwarzen Hund auf die Ladefläche gesetzt. Sobald die beiden Lokalmatadoren den Eindringling bemerkt hatten, rasten sie wie wild auf ihn zu, versuchten, in den Pickup zu springen und den fremden Hund zu beißen. Der Pickup fuhr weiter, doch die beiden Platzhirsche verfolgten den Eindringling noch mehrere Blocks weit. Aus der Ferne konnte man sie noch lange Zeit belfern hören.

Mi Ranchito

Das Lieblingsrestaurant meines Sohnes ist das „Mi Ranchito“. Eigentlich handelt es ich dabei um gar kein richtiges Restaurant. Es ist eher ein Imbiss, den der Besitzer an einer Straßenecke eingerichtet hat: eine Hausecke wurde aufgefräst und in die entstandene Lücke hat man eine kleine Theke gebaut. Das „Mi Ranchito“ öffnet seine Pforten erst um 18:00 Uhr, aber von da an ist es immer so gut wie ausgebucht – zumindest in der Hochsaison, wenn die Erholungssüchtigen aus der Sierra nach Bahía strömen. Das Restaurant hat keinen Gastraum, Tische und Stühle werden jeden Abend direkt auf den Bürgersteig gestellt. Das beeinträchtigt das Geschäft nicht im Geringsten, denn in Bahía ist es immer so warm, dass man das ganze Jahr in Shorts und Flipflops herumlaufen kann. Die etwas strenge Kleiderordnung, wie man sie aus Quito kennt – lange Hose, geschlossene Schuhe, Hemd und Jacke – entfällt hier und selbst die Leute aus der Sierra, die als etwas steif gelten, entledigen sich gern ihrer Kleidung, um sie gegen das legere Freizeitoutfit einzutauschen.

Das „Mi Ranchito“ ist unschlagbar billig, aber die Leute würden nicht dort essen, wenn das Essen nicht auch gut wäre. Mein Sohn schwört auf die Tacos; sie sind satt gefüllt mit Fleisch und Guacamole und angesichts der Preise beschleichen einen schon Befürchtungen hinsichtlich der Herkunft des Fleisches. Der Taco kostet drei Dollar. Das ist nicht viel, aber dafür bekommt man eine wirklich gute Portion, so dass man gesättigt vondannen geht. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis hat nur noch die Hamburguesa, der Burger. Es gibt ihn in mehreren Variationen, den einfachen Burger bekommt man schon für schlappe 1,50 Dollar. Der Burger Mi Ranchito mit allem kostet 2,75 Dollar und dafür bekommt der hungrige Gast zwei Scheiben Fleisch, Gurken, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Ham, Käse und sogar noch ein Spiegelei obendrauf und das alles in einem wirklich leckeren Brötchen (keinem Industriebrot, wie bei den Burgerketten üblich). Und alles schmeckt wirklich frisch und knackig.

Das Spiegelei im Burger ist übrigens typisch ecuadorianisch, passt aber ganz hervorragend zu den anderen Zutaten. 1992 habe ich in Guayaquil, der quirrligen Hafenstadt am Pazifik, zum ersten Mal einen Burger mit Spiegelei genossen. Meine Frau hatte mir davon erzählt, aber ich konnte nicht glauben, dass man soetwas essen wolle. Ich erinnere mich, der Burger war so groß, dass ich ihn mit beiden Händen festhalten musste und dass ich ihn am Ende nur mit Mühe und Not geschafft habe, was aber an der Hitze gelegen haben mag. Und er war gut, richtig gut. Ich habe mir später in Berlin immer wieder Burger mit Spiegelei gebraten – nach einem harten Workout an den Eisen genau das, was der Körper braucht.

Die Hamburguesa im „Mi Ranchito“ hat etwa die Größe eines Doppelwhoppers, ist aber etwas höher und wird in einer kleinen Tüte serviert, so dass die Soße nicht auf die Finger kleckert. Der Hamburger schmeckt phantastisch, wie ein guter Burger eben schmecken soll: Das Fleisch ist saftig und der Käse zieht lange Fäden, wenn man hineinbeißt. Selten habe ich einen so guten Burger für so wenig Geld gegessen. Ginge es nach meinem Sohn, würden wir jeden Abend ins „Mi Ranchito“ gehen. Ich kann ihn gut verstehen.

Cocobongo

In Bahía gibt es ein Hostel mit Namen Cocobongo. Von außen wirkt es wie eine billige Hippie-Absteige, aber das Innere ist sehr gemütlich gestaltet und mit allem Traveller-Chic eingerichtet, den sich der Weltenbummler wünschen kann: Es gibt eine große Bar, Tische, Stühle, Hängematten und flauschige Sitzecken. Wie die Zimmer eingerichtet sind, kann ich nicht sagen, denn ich habe hier nie übernachtet. Das Cocobongo scheint einen gewissen Ruf unter Gringos und europäischen Reisenden zu besitzen, denn die Gäste des Hauses rekrutieren sich fast ausschließlich aus dieser Klientel. Es kann aber auch sein, dass die Reiseführer sich mangels geeigneter Scouts alle auf dieses eine Hostel als angemessene Unterkunft für den abenteuerlustigen Reisenden festgelegt haben.

Unter den Einheimischen genießt das Cocobongo den Ruf, dass sich hier bevorzugt Gringos tummeln. Vielleicht gibt es auch Ecuadorianer, die dort übernachten, aber ihre Zahl hält sich gewiss in Grenzen. Viele haben den Eindruck, dass die Gringos unter sich bleiben möchten, und den Kontakt zur Bevölkerung auf ein Minimum beschränken. Überhaupt, wenn man das Treiben eine Weile beobachtet, kommt man zu der Überzeugung, hier existiere eine Art Zweiklassengesellschaft: auf der einen Seite die oft wohlhabenden Gringos, die sich die Einheimischen möglichst vom Leib halten wollen (es sei denn, sie weisen die Attribute weiblich, jung, attraktiv auf) – auf der anderen Seite die Einheimischen, die mit einem Kopfschütteln kommentieren, was sich vor ihren Augen abspielt. Als ich eines Abend am Hostal vorbeiging, flätzten sich alte Männer an den Tischen vor der Bar und unterhielten sich auf Englisch.

Auf Mission

Seit Jahren unternehmen evangelikale Freikirchen große Anstrengungen, ihren Kongregationen neue Schäfchen zuzuführen. Dabei bedient man sich bevorzugt der guten alten Zeugen-Jehovas-Methode: Man geht von Haustür zu Haustür und versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Diese Art der Mission scheint sehr gut zu verfangen, denn die evangelikalen Kirchen haben in den letzten Jahren großen Zulauf aus allen Teilen der Bevölkerung erhalten. Man hat sogar einen eigenen Sender, in dem – genau wie in den USA mit ihrer weitläufigen evangelikalen Szene – pausenlos gepredigt und gebetet wird.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lästig diese Leute werden können. Hat man sie einmal in die gute Stube gelassen, wird man sie nicht mehr los. Als wir in Texas lebten, half man uns Möbel transportieren. Die kostenlose Tour entpuppte sich am Ende als gar nicht so kostenlos, denn zu den unmöglichsten Zeiten stand einer jener Glaubens-Emissäre vor meiner Tür. Ich konnte sie schlecht draußen stehen lassen, denn schließlich hatten sie mir sehr geholfen, aber kaum im Haus, startete schon die Gehirnwäsche. Ich wollte höflich sein, aber um sie wieder loszuwerden, musste ich sie am Ende mit der Tatsache konfrontieren, dass ich’s mit der Religion nicht so habe. Und als das auch nicht fruchtete, wirkte nur noch die Holzhammermethode: ich outete mich als Atheist. Von da an hatte ich meine Ruhe.

Ecuador ist ein katholisches Land. In kaum einem Land ist die katholische Kirche fester verwurzelt als hier, zumal die Trennung von Staat und Kirche sehr spät, erst Ende des 19. Jahrhunderts, erfolgte. Die Oma meiner Frau hielt seinerzeit den Papst für einen Heiligen, und nie wäre ihr auch nur ein böses Wort gegen die Kirche über die Lippen gekommen. Was der Heilige Vater sagt, wird von den Menschen hier sehr aufmerksam verfolgt und jetzt kann man ihn sogar verstehen, da er dieselbe Sprache spricht. Obwohl eine tief verwurzelte Frömmigkeit den Alltag der Menschen bestimmt, hält sie ihr Glaube keineswegs davon ab, die kleinen und manchmal auch großen Freuden des Lebens in vollen Zügen zu genießen – schließlich ist die Kirche eine Kirche der Sünder und nicht der Heiligen. Vom Sakrament der Beichte wird reger Gebrauch gemacht und zur Messe am Sonntag sind die Kirchen voll wie eh und je. Glaube und Vergnügen schließen sich nicht aus und das macht den Katholizismus schon wieder sympathisch: Wann hätten sich Katholiken je das Feiern verbieten lassen?

Apropos Spaßbremsen: Weil die Missionsbemühungen der Evanglikalen vielen Leuten in der Stadt gehörig auf den Wecker gehen, hat man einen Aufkleber ersonnen, mit dessen Hilfe man sich die lästigen Hausbesuche vom Hals zu halten hofft. Der Anstecker gleicht den Aufklebern, die man in Deutschland oft an Briefkästen findet: Keine Werbung! Hier sagen sie „Este hogar es católico“ – dieses Haus ist katholisch. Und weiter heißt es, man solle davon Abstand nehmen, weiter zu insistieren. Ich weiß nicht, ob die Aufkleber helfen, aber während unseres Aufenthaltes im Haus der Tante blieben unerwünschte Besuche aus.

Angeln im Pazifik

Wir sind am Strand und versuchen zu angeln. Eine Angel haben wir nicht, aber eine Schnur mit einem Haken daran und einer Schraubenmutter als Gewicht tun es auch. Wir versuchen es mit einem Shrimp als Köder. Tags zuvor haben wir den örtlichen Markt besucht und ein Pfund davon gekauft. Bahía ist eine kleine Stadt, aber der Markt bietet alles, was man zum Leben braucht. Die Auswahl an Obst und Gemüse ist riesig; vieles sieht zwar nicht so makellos aus wie die Produkte im deutschen oder ecuadorianischen Supermarkt, aber dafür kann man sicher sein, dass die Ware wirklich von lokalen Erzeugern stammt.

Eine Abteilung ist für Fleisch reserviert: Man sieht riesige Brocken Fleisch von Fleischerhaken hängen. Auf den blanken Fliesen liegen die unterschiedlichen Cuts: Kotelettes, Filets, Rippchen. In einer weiteren Abteilung wird verkauft, was auch immer sich in den Netzen der heimischen Fischer verfangen hat. Wir bestaunen einen riesigen Block Fleisch, der offenbar aus der Flanke eines Thuns geschnitten wurde und ich bekomme augenblicklich Appetit auf Thunfischsteaks vom Grill. Es gibt eine reiche Auswahl an verschiedenen Arten Fisch und auch die unvermeidlichen Shrimps finden sich in großen Mengen. Freilich muss man sich erst an den Anblick gewöhnen: Die Händlertische in den Hallen bestehen aus massivem Beton und sind weiß gefliest – ein Anblick wie man ihn auch aus alten Fleischereigeschäften in Berlin kennt. Die fang- bzw. schlachtfrische Ware wird schnörkellos auf den Fliesen ausgelegt. Blut und Säfte sammeln sich in den Ritzen und tropfen auf den Boden, wo sich klebrige Pfützen bilden; eine Melange aus Blut, Fisch und Innereien liegt schwer in der Luft. Ein bisschen kommt man sich vor wie auf einer Zeitreise, denn genau so hat es vermutlich auch in den Markthallen Berlins gerochen, bevor die Idee populär wurde, dass Lebensmittel wie Reiniger riechen sollten.


Wir wollten auf dem Markt einige Camarones (Shrimps) kaufen, die wir als Köder verwenden könnten. Uns war es aber peinlich, nur vier oder fünf zu kaufen, also nahmen wir gleich ein Pfund, für das uns der Händler zwei Dollar abverlangte – nicht viel, dachten wir. Meine Frau meinte später, das sei aber teuer und der Verkäufer hätte uns eindeutig zu viel berechnet. Ich weiß, dass es eine weit verbreitete Praxis ist, Gringos immer mehr abzuknöpfen. Schließlich, so denkt man, haben diese Leute Geld und die paar Dollar extra tun ihnen gewiss nicht weh. Wenn wir mit dem Taxi fahren wollen, muss meine Frau vorgehen und den Preis aushandeln; wir, mein Sohn und ich, müssen uns derweil verstecken oder so tun, als gehörten wir nicht dazu. Als Gringos werden häufig alle Personen gezählt, die nur so aussehen, wie zum Beispiel ich, denn eigentlich gilt nur der US-Amerikaner als Gringo. Zwei Dollar sind gewiss nicht viel Geld für ein Pfund frischer Krabben und es tut mir nicht leid, sie so leicht ausgegeben zu haben. Jedoch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil wir die Shrimp zum Fischen verwenden wollten, statt sie zu essen. Manch einer in der Stadt hätte sich bestimmt über ein Pfund Shrimps gefreut.

Wir fischen schon eine Stunde und haben nichts gefangen. Wir fangen an zu glauben, dass die Fische in der Bucht sich derart mit den Shrimps aus den Shrimp-Farmen vollgefressen haben, dass sie den Appetit auf unseren Köder verloren haben. Wir beschließen, an einem anderen Tag wiederzukommen und es mit einem anderen Köder zu versuchen. Vielleicht mögen sie Maiskörner oder Makrelenstücke – wir sind nicht sehr optimistisch. Als wir gerade enttäuscht unsere Sachen zusammenpacken, kommt ein alter Mann angeschlurft. Er trägt ein viel zu weites rotes Hemd, die Hosen sind auf Hochwasser gezogen, der Hosenbund sitzt unter den Achseln. Er kann kaum laufen und für ein paar Meter braucht er eine Ewigkeit. Ich denke erst, er sei einer jener unglücklichen armen alten Menschen, die weder Haus, noch eine Familie haben, die sie aufnehmen könnte und die daher gezwungen sind, auf der Straße zu leben. Dann aber bemerke ich, dass er nagelneue Adidas-Sneaker trägt. Plötzlich bleibt der alte Mann mitten auf dem Strand stehen. Es sieht fast so aus, als hätte ihn sein kleiner Spaziergang überanstrengt und er müsse eine Pause machen. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet er den Hosenschlitz und uriniert, den Blick selig in den Himmel gewandt, in den Sand. Er hat es nicht eilig – ohne jede Hast schüttelt er ab, zieht sich die Hose zu und schlürft weiter, als sei nichts geschehen. Sind wir die einzigen, die daran Anstoß nehmen?

Martialische Aufmärsche

Der 10. August ist in Ecuador ein Feiertag. In Bahía lassen es die Menschen eher ruhig angehen. Die Geschäfte haben jedoch geöffnet, denn es sich viele Touristen in der Stadt und die Geschäftsleute versprechen sich guten Umsatz. Man kann einkaufen oder Essen gehen wie an jedem anderen Tag des Jahres. Wir besuchten gerade eine Großtante meiner Frau (die Familien sind hier unglaublich weit verzweigt und alle Mitglieder wohnen im selben Ort), als die Truppen des örtlichen Armeekommandos direkt unter dem Balkon des Hauses der Tante vorbeiparadierten. Es mögen insgesamt um die fünfhundert Soldaten gewesen sein und alle waren in voller Kampfmontur angetreten. Sie waren ausgerüstet mit schwerem Marschgepäck und sie waren natürlich bewaffnet – was ist denn ein Soldat ohne seine Waffe! Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sie für eine Parade bis an die Zähne aufmunitioniert hatte – Schüsse, auch Salutschüsse, wurden jedenfalls nicht abgefeuert.

Die Hauptstraße des Ortes war zuvor für den Verkehr weiträumig gesperrt worden. Am Rande der Straße hatte man ein Zelt für die Honoratioren aufgebaut und davor befand sich eine kleine Rednertribüne. Natürlich war der Bürgermeister der Stadt anwesend nebst weiteren wichtigen Persönlichkeiten in Zivil. Darüber hinaus hatten sich noch höhere Chargen des Militärs eingefunden, darunter der Kommandeur jener Abteilung, die in den Straßen der Stadt angeteten war. Er hielt eine patriotische Rede, die – nach seiner Gestik zu urteilen – vor markigen Floskeln nur so strotzte. Unter dem Zeltdach saß auch ein Offizier in strahlendweißer Marineuniform. Bevor aber die an solchen Tagen üblichen Reden gehalten wurden, ließ man die Soldaten, die schon so unter der Hitze zu leiden hatten, noch Übungen abhalten, die wohl den stählernen Willen der Truppe manifestieren sollten: Da wurde das Bajonett aufgepflanzt, Kampfstellung eingenommen und gebrüllt, dass man meinte, die Truppe probe schon mal den Sturmangriff auf die Stadt. Die Tante meinte, soetwas hätte man noch nie in den Straßen Bahías gesehen.

Der martialische Aufmarsch könnte damit zusammenhängen, dass für den 13. August ein landesweiter Streik geplant ist. Eine Abordnung der indigenen Bevölkerung hat einen Marsch auf Quito unternommen, um der Regierung ihr Anliegen vorzutragen. Worum es genau geht, weiß ich nicht zu sagen, denn hier in Bahía lebt man wie auf einer der Inseln der Seligen; wichtige Nachrichten finden ihren Weg hierher erst mit Verspätung. Die Regierung fürchtet, die Situation könnte außer Kontrolle geraten und sie scheint es für geboten zu halten, der Bevölkerung klarzumachen, dass man dies nicht zulassen werde. In Ecuador können vermeintlich harmlose Anlässe zum Sturz ganzer Regierungen führen. In der Vergangenheit mussten schon Regierungen unter dem Druck der Straße zurücktreten oder wurden schlicht aus dem Amt gejagt – man stelle sich vor, soetwas wäre in Deutschland möglich. Gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten hat es in der Vergangenheit schon einen Putschversuch gegeben, der jedoch ziemlich lächerlich war und der letztendlich scheiterte, weil die Armee loyal blieb.

Der Aufmarsch der Armee dauerte vielleicht eine Stunde. Es herrschte eine unangenehme, drückende Hitze und mancher Soldat nutzte die Gelegenheit und schob seinen schwachen Kreislauf vor, um dem Spektakelt fernbleiben zu dürfen. Während die Kameraden in Habachtstellung und mit ernsten Gesichtern den Reden lauschten, sah man jene Schwänzer mit ihrer Marschausrüstung und ihrer Waffe in den kleinen Lokalen oder am Bürgersteig sitzen und Eis essen oder etwas trinken oder einen Snack vertilgen. Sie plauderten mit den Passanten und blickten auf die Vorgänge, die sich direkt vor ihren Augen abspielten, als gehörten sie gar nicht dazu. Dann, ganz plötzlich, war der Spuk vorbei; die Truppe rückte wieder ab, das Zelt wurde abgebaut, die Straßensperren entfernt und es war, als wäre nichts passiert.

Am Abend gehen meine Frau, mein Sohn und ich zusammen aus. Mit meiner Frau durch die Stadt zu flanieren, ist ein sehr zeitaufwändiges Vergnügen, denn alle paar Schritte begegnet ihr jemand, den sie kennt – und da die Stadt klein ist, kennt sie fast alle ihre Bewohner. Die Höflichkeit gebietet, dass man ein wenig Konversation betreibt, nach dem Befinden fragt, sich nach den Kindern erkundigt usw. Das ist alles sehr schön, doch am Ende kommt man nie dort an, wo man eigentlich hin will. Alles dauert ewig, denn es ist fast unmöglich, ohne solche erzwungenen Zwischenstopps zum Ziel zu gelangen. Die Leute haben Zeit, niemand hat es hier je eilig. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Wir haben kaum das Haus verlassen, da laufen wir an einem Restaurant vorbei und genau in diesem Moment tritt der Besitzer vor die Tür. Sein Name ist Miguelangel und natürlich kennt er meine Frau. Er ist etwa 1,90 Meter groß und etwa so angezogen, wie man sich einen New-Age-Sektenchef vorstellt. Als ich ihn so sah, musste ich sofort an Stromberg, den Bösewicht aus einem der Bond-Filme, denken. Seine Art ist nicht unangenehm, aber er ist Maitre eines Restaurants und man merkt, dass er den Umgang mit Gästen über Jahre eingeübt hat: Er ist überaus freundlich, leutselig und durch kleine Gesten erwirbt er sich schnell das Vertrauen seines Gegenübers. So klopft er jedem dauernd auf die Schulter, Frauen fasst er gern an der Hand, und auch sonst legt er eine auffallend patriarchalische und zugleich leutselige Attitüde an den Tag. Ich fühle mich irgendwie an den Großen Zampano erinnert. Für seine 73 Jahre hat er sich bemerkenswert gut gehalten. Er erfreut sich noch immer einer unglaublichen Haarpracht, in der gerade erst einige silberne Strähnchen schimmern. Sein Bruder ist übrigens Arzt und er hat schon mehrmals für das Bürgermeisteramt kandidiert. Der Bruder, obwohl älter, sieht sogar noch jünger aus. Beide stammen aus einer der besseren Familien der Stadt und beide sind stadtbekannt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir wieder wegkommen. Wir müssen versprechen, ihn irgendwann wieder zu besuchen.

Der Onkel meiner Frau betreibt einen kleinen Baustoffhandel in Leonidas Plaza. Das ist eine Art Vorstadt von Bahía de Caráquez, ein paar Kilometer landeinwärts. Innerhalb einer Woche wurde er zweimal überfallen. Die Diebe kamen mit gezogener Waffe und zwangen ihn, ihnen die Tageseinnahmen auszuhändigen. Die Polizei tut nichts. Viele im Ort mutmaßen, dass die Diebe mit den Gesetzeshütern unter einer Decke stecken. Natürlich ist das nur so ein Gerücht, das durch keinerlei Beweise erhärtet werden kann. Der Grund für die Überfälle sind meist Drogen und die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität. Das Problem ist nicht neu – als meine Frau noch zur Schule ging, hatte die Stadt bereits ein Drogenproblem und es waren und sind nicht nur die Angehörigen der ärmeren Schichten, die Drogen nehmen. Auch Kinder der reicheren Familien greifen zu verbotenen Substanzen und nicht wenige haben sich damit die Zukunft verbaut und letztlich ihr Leben zerstört.

Die Täter, so hört man, kommen aus Bahía. So viel scheint sicher; man weiß, wer sie sind, und dennoch unternimmt die Polizei nichts dagegen. Das ist für die Leute schwer zu verstehen. Vielleicht glaubt man deshalb, die Polizei würde auch noch an den Raubüberfällen verdienen. Vor einigen Tagen lief eine Cousine meiner Frau an der Standpormenade entlang. Sie hatte ihr Handy dabei und hielt es auch noch gut sichtbar in der Hand. Ein Motorrad brauste heran, der Fahrer entriss ihr blitzschnell das Handy und raste davon. Ich habe von dem Wunsch Abstand genommen, mit der Kamera durch die Stadt zu laufen und Bilder zu machen. Niemand trägt hier in der Öffentlichkeit Kameras oder Handys. Ich glaube, ich richte mich nach den Einheimischen. Der Onkel ist mit den Nerven übrigens ziemlich fertig und er erwägt ernsthaft, sein Geschäft an den Nagel zu hängen. Man kann es ihm nicht verdenken.

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.