Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Über den Pass

Von Papallacta hatten wir gehört, dass es sich um die schönsten Thermalquellen des ganzen Landes handeln soll. Abgesehen davon, dass Superlative in mir immer eine gesunde Skepsis wachrufen, kann man über solch ein Urteil durchaus geteilter Meinung sein. Viele meinen, Baños sei unübertroffen, aber nach Baños sollten unsere Wege vielleicht nicht mehr führen. Einmal zumindest wollten wir eine echte Therme in diesem an Vulkanen reichen Lande besuchen – umso besser, wenn es sich da gleich um die angeblich schönste handelte.

Von Cumbayá aus benötigt man mit dem Auto gerade eine Stunde nach Papallacta. Mein Reiseführer, den ich mir vorsorglich aus Deutschland mitgenommen hatte, obwohl ich ja eigentlich kein Tourist bin, empfahl den Besuch ausdrücklich (Wenn man sich nur immer auf Reiseführer verlassen könnte!), merkte jedoch an, dass die Bäder fast immer überlaufen seien und empfahl deshalb den Besuch unter der Woche. Wenn wir auch keine großen Erwartungen hegten, hofften wir zumindest, dass die enthusiastischen Beschreibungen des Travel-Guides die Wirklichkeit nicht allzu zu sehr beschönigten. Kurzentschlossen fuhren wir also nach Papallacta.

Bis nach Papallacta ist es nicht weit und auf der Karte erscheint die Strecke als ein Katzensprung, kaum die Spanne eines Zolls, den man leicht mit Daumen und Zeigefinger abmessen kann. Ich hatte freilich die Höhenangabe auf halber Strecke übersehen und erst auf den zweiten Blick stach mir die vierstellige Ziffer ins Auge. Die Straße führt hinauf in die Ostkordillere und am Scheitelpunkt ist man auf fast 4.100 Meter aufgestiegen. Nur wenige Menschen gelangen in ihrem Leben in solche alpinen Höhen und dazu musste ich noch nicht einmal das Auto verlassen. So hoch war ich noch nie über dem Meeresspiegel und wie ein Skipper, der Kap Hoorn umrundet hat, sich stolz Kaphoornier nennen darf, wird man wahrscheinlich automatisch Mitglied irgendeines Stratosphärenvereins, wenn man diesen Pass überwindet. Ich warte immer noch auf die Einladung.

Die Straße führt geradewegs nach Osten. Von unserer Haustür in Miravalle aus fährt man immer geradeaus und über Cumbayá, Tumbaco und Pifo gelangt man schließlich zur Passhöhe. Man hat die Autopista erst kürzlich ganz neu ausgebaut und wir glitten förmlich über den Asphalt, der so glatt war, als hätte man eigens für uns einen Teppich ausgelegt. Hinter Pifo verliert die Landschaft allmählich alle Siedlungsspuren und das Gelände steigt immer steiler an. Manchmal hat man den Eindruck, die Erdoberfläche wäre gegen die Richtung der Gravitation gekippt und irgendwie wirkt alles „schief“.

Nach mehreren langen Steigungen schien die schwachbrüstige Maschine unseres Wagens an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen, doch dank des hervorragenden Zustandes der Straße gelangten wir dann doch relativ schnell zum Pass. Es gibt nur einen kurzen Streckenabschnitt, an dem noch gebaut wird. Dort führt die Autopista dicht unterhalb einer Felswand entlang. Immer wieder stürzen Felslawinen auf die Straße und Arbeiter sind mit schweren Maschinen zugange, um auch diesen Abschnitt alsbald wieder in einen perfekten Zustand zu versetzen. Am Scheitelpunkt der Strecke gönnten wir dem Motor, der zuletzt in der dünnen Luft wie ein Ertrinkender gejapst hatte, erst einmal eine Rast.

Immer wieder überholten wir Radfahrer, die sich schaukelnd die Steigung hinaufquälten. Auch sie schienen ihre Belastungsgrenze erreicht zu haben (und einige hatten sie wahrscheinlich schon überschritten), doch ausgerechnet auf der Passhöhe sieht man so viele Laienpedaleure wie sonst nirgendwo auf den Straßen. Nicht wenige zeigten eine solch erbarmungswürdige Leidensmiene, dass man schon glauben wollte, sie versuchten die Imitatio Christi. Es muss eine unbeschreibliche Plackerei sein, die unendliche Steigung auf fast viertausend Metern Höhe mit dem Rad zu bewältigen. Manch einer dieser Freizeitsportler hat sicher eine ausgeprägte pathologische Affinität zu allen Arten von Leiden. Aber man muss den Schmerz schon lieben, denn sonst würde man diese Folter wohl kaum freiwillig auf sich nehmen.

Am Scheitelpunkt der Strecke, direkt an der Straße, steht eine kleine Kapelle mit einer Statue der Madonna darin. Die meisten Reisenden machten hier Rast, um dem Auto und sich selbst eine Erholung vom anstrengenden Aufstieg zu gönnen. Nicht wenige statteten der Jungfrau einen Besuch ab, einfach, um sie zu sehen, oder um zu beten – es ist sicher kein Fehler, sich für die Fahrt auf gefährlichen Straßen himmlischen Schutzes zu versichern.

Am Straßenrand sah man Radfahrer in voller Profimontur ihre Maschinen checken. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, stand mancher der Hobbypedaleure kurz vor dem Zusammenbruch. Man wartete erst einmal ab, bis sich die Vitalwerte aus dem Bereich akuter Lebensgefahr wieder auf ein normales Niveau eingepegelt hatten. Ein schnelles Bittgebet kann da manchmal Wunder wirken, zumal die nächste Rettungsstelle mit Sicherheit weiter entfernt ist als die Hilfe der Mutter Gottes.

Wir vertraten uns ein wenig die Beine. Meine Frau und mein Sohn bewegten sich aber kaum einige Schritte vom Auto fort, denn schon bei der kleinsten Anstrengung bekam man Atemnot. Ein kalter Wind strich zudem beständig über den Pass und in der dünnen Luft begann man leicht zu frösteln. Auf der Suche nach Motiven lief ich ein Stück die Autopista entlang. Schon nach wenigen Sekunden fing mein Herz wie verrückt an zu pumpen und als ich ein Stück rannte, hatte ich einen Eindruck davon, wie man sich beim Waterboarding fühlen muss.

Am Pass befindet man sich tatsächlich an einem Scheitelpunkt, denn folgte man der Autopista von hier nach Osten, gelangte man irgendwann in den Amazonas-Urwald. Auf dem Grat der Kordillere verläuft zudem die Grenze zwischen den Provinzen Pichincha und Napo. Die Provinz jenseits der Anden ist natürlich nach dem Río Napo benannt und auch, wenn man hier noch ganz unter dem Eindruck des Gebirges steht, beschwört allein schon der Name „Napo“ vor Feuchtigkeit dampfenden Dschungel und träge braune Gewässer unter lichtundurchlässigem Blätterdach herauf.

Wir haben uns fest vorgenommen, den Konquistadoren, Forschern und Abenteurern zu folgen. Eine Tour in das Amazonastiefland gilt als beschlossene Sache und es wäre wirklich ein unverzeihliches Versäumnis, wenn wir Ecuador verlassen würden, ohne wenigstens einmal in das grüne Herz dieses Planeten hinabgestiegen zu sein. Unser Weg wird uns dann wieder hinauf zum Pass von Papallacta führen, doch das nächste Mal werden wir unserer Bestimmung folgen, bis sich die Straße im undurchdringlichen Dickicht des Waldes verliert (oder in Coca am Ufer des Río Napo endet).

Von der Passhöhe aus ließen wir uns von der Autopista durch die zerklüftete Landschaft des Hochgebirges hinab ins Tiefland führen. Freilich würden wir der Route nur bis zu den Thermen von Papallacta folgen, dem immer noch das Flair eines Andenstädtchens anhaftet, denn das einer Urwaldstadt. Eine Anhöhe gestattete den Blick über eine in Berge und Täler gefaltete Landschaft. Die Autopista lag wie ein dünner Lebensfaden am Fuße einer himmelwärts strebenden Felswand. Das schräg einfallende Sonnenlicht schnitt ein wild bewegtes Relief in das zerfurchte Gestein. Man sah Autos die dünne Linie der Straße entlangkriechen, winzig wie Blattläuse auf einem Grashalm.

Bahía – Ort der Sehnsucht

Wenn man es milde ausdrücken wollte, müsste man sagen, dass den Ecuadorianern eine gewisse Spontaneität nicht abzusprechen ist. Böse Zungen behaupten freilich, hier herrsche das totale Chaos und selbst auf heiligste Versprechen und beeidete Zusagen könne man sich nicht verlassen. Werden eben noch große Pläne für die Zukunft geschmiedet, sind sie manchmal schon am nächsten Tag vergessen oder verblassen im Lichte einer noch viel großartigeren Vision. Man weiß manchmal nicht, was man davon halten soll. Am besten ist es, man nimmt nicht alles so ganz wörtlich. Die Leute haben ein Talent zum Fabulieren und nur zu oft lassen sie sich vom eigenen Überschwang (und auch aus Freundlichkeit dem Gast gegenüber) zu Versprechungen hinreißen, an die sie sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern können. Geschwätzigkeit ist hierzulande keine schlechte Eigenschaft und je weiter man zur Küste vorstößt, um so redseliger sind die Menschen ohnehin. Man sollte also hoch geschraubte Erwartungen fahren lassen und sich entspannen. Man muss nur ein wenig Geduld aufbringen und am Ende regelt sich immer alles von selbst.

Mein Schwiegervater lud uns ein, die Zeit um den Día de los muertos, den Tag der Toten, mit ihm zu verbringen. Er wohnt allein in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Quito und Bahía de Caráquez. Er ist ein lebenslustiger Mensch und er ist in seinem Leben viel gereist, aber seit er alt ist und seit seine Kinder das Haus verlassen haben, lebt er ganz allein. Wer würde sich da nicht nach Gesellschaft und vor allem nach Abwechslung sehnen? Der Plan war folgender: Am Sonntag, dem 1. November, wollten der Schwiegervater und sein bester Freund Don Claudio zu uns nach Cumbayá kommen. Sie sollten bei uns übernachten und dann, am Montag, dem 2. November – das ist der Día de los muertos (der Tag der Toten) –, wollten wir alle zusammen in aller Frühe in unserem Auto nach Riobamba fahren. Don Claudio, der früher Lastwagen fuhr, hatte sich erboten, uns zu chauffieren. Soweit der Plan.

Mein Schwiegervater stammt aus Riobamba, einer Stadt südlich von Quito. Er hatte uns eingeladen, mit ihm zusammen den Friedhof zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit wollte er uns auch gleich die Stadt und die Orte seiner Vergangenheit zeigen. Für Sonntag Abend erwarteten wir ihn und seinen Freund Don Claudio bei uns in Cumbayá, doch am Samstag rief er uns an und teilte lapidar mit, dass er die Reise absagen müsse, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen sei und er fühle sich nun elend krank. Leider waren die Hotelzimmer in Riobamba schon gebucht und ich weiß nicht, ob es ihm gelang, so kurzfristig ohne größere Stornokosten abzusagen. Auch Baños, das nur eine kurze Wegstrecke von Riobamba entfernt liegt, würden wir nun nicht besuchen können. Es war geplant, dass wir am nächsten Tag alle zusammen einen Abstecher dorthin machen und die berühmten Thermen besuchen würden.

Baños ist zwar nur eine kleine Stadt, aber in jedem Reiseführer wird sie als der Ort angepriesen, den man unbedingt gesehen haben muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen zuhauf in den Straßen tummeln. Wie man hört, sind die Bäder fast immer brechend voll und das Badevergnügen hält sich in Grenzen. Manche Reiseführer empfehlen sogar, dass man, um den Massen zu entgehen, die Pools entweder vor Sonnenaufgang oder kurz nach 18:00 Uhr besucht, wenn sie gerade gereinigt worden sind, denn das seien die einzigen Zeitpunkte, zu denen man hoffen könne, nicht zwischen Hunderten badewilliger Gäste zerquetscht zu werden. Dass wir die Stadt mit ihren Thermen vorerst nicht besuchen würden, ist zwar schade, aber wir werden ganz sicher noch viele Gelegenheiten haben, dorthin zu reisen.

Vor uns lagen die Ferientage (die Schulen haben Herbstferien) und da wir aller Verpflichtungen enthoben waren, konnten wir tun und lassen, was immer wir wollten. Wir hätten zuhause bleiben können, DVDs gucken, Musik hören oder am Computer spielen können. Doch irgendwann hat man auch davon genug und man sehnt sich nach Abwechslung. Die Wohnsiedlung, in der wir leben, bietet kaum mehr Zerstreuung, denn sie ist keine richtige Stadt, sondern nur eine Ansammlung Häuser, in denen man sich allenfalls aufhält, um zu schlafen. Man kann nicht einmal vor die Tür gehen, denn alles ist zwar teuer und edel, aber auch so öde und langweilig, dass man schon nach einem kurzen Spaziergang Depressionen bekommt. Und jenseits der Mauern der Wohnanlage gibt es nur weitere solcher Siedlungen und Autopistas. Wo soll man da schon hingehen?

Wir wollten ein Stück vom wirklichen Leben und wir wollten uns erholen. Also entschlossen wir uns, am Sonntag nach Bahía de Caráquez zu fahren. So ein Entschluss will reiflich überlegt sein, denn die Reise nach Bahía dauert mit dem Bus nicht weniger als acht Stunden und selbst mit dem eigenen Auto ist man noch mindestens sechs Stunden unterwegs. Da ich der einzige bin, der fahren darf (und kann) – der Führerschein meiner Frau wurde gestohlen –, trage ich auch die ganze Verantwortung. Ich fahre nicht gern solch lange Strecken, zumal die Route nach Bahía berüchtigt ist. Manch einer fährt die Strecke nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Am Tage ist die Route schon eine ziemliche Herausforderung, aber nachts würde ich um nichts in der Welt in den Anden unterwegs sein wollen.

Die Straße windet sich in nicht enden wollenden Serpentinen durch die Berge; starke Gefälle und Steigungen wechseln fortwährend; alle paar Minuten fährt man in eine dichte Nebelwand und oft gehen von einer Sekunde auf die nächste heftige Regenschauer nieder. Hinzu kommt, dass man immer mit dem Unerwarteten rechnen muss: nach schweren Regenfällen gibt es manchmal Erdrutsche; Schlamm, Geröll oder Felstrümmer können die Straße in einen gefährlichen Slalomparkour verwandeln. Und als wäre das nicht genug, begegnet man auf den Straßen Mitreisenden, deren Trachten darauf abzielt, einem die Fahrt so unangenehm wie möglich zu machen. Rücksichtsloses Fahren wird hierzulande nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen – es ist der Normalzustand. Von gegenseitiger Rücksichtnahme haben die meisten noch nie gehört und nicht wenige scheinen wirklich zu glauben, die Straße gehöre ihnen. Man könnte ganze Romane darüber schreiben. Auf diesen schwierigen Strecken ist es ratsam, immer mit voller Konzentration zu fahren, denn schon der kleinste Fehler kann tödliche Folgen haben – die Kreuze an der Straße und in den Schluchten stehen als Warnung, niemals unaufmerksam zu sein.

Bevor es am Sonntag dann endlich losging, entspann sich wieder jenes unsägliche Drama, das zu jeder längeren Reise gehört wie die Amöbenruhr zum Dschungeltrip. Statt nur Zahnbürsten und Badehosen mitzunehmen, wie man es für drei oder vier Tage Strandurlaub erwarten würde, wurde für eine Weltreise gepackt. Ich glaube, es gab eigentlich kaum etwas, von dessen Unentbehrlichkeit man, je länger das Packen dauerte, nicht überzeugt war, und am Ende hatten wir so viel Gepäck, dass wir, gesetzt den Fall, wir wären auf einer einsamen Insel gestrandet, monatelang überleben könnten. Eigentlich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber das Packen hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es schließlich ein Uhr wurde. Ich warf meinen Rucksack ins Auto; um die Koffer, Taschen und Beutel der anderen Reisenden zu verstauen, bedurfte es geradezu genialer logistischer Fähigkeiten, denn der Stauraum des Wagens hatte schon bald seine Kapazitätsgrenze erreicht, und noch immer gab es Gepäck, das verstaut werden musste. Und auch unser Kühler musste noch mit, denn wer würde schon ohne kalte Getränke und vor allem ohne Grundnahrungsmittel eine Reise zum Strand antreten! Schließlich hatten wir es geschafft: Das Auto war bis unters Dach beladen, und die Reise konnte beginnen.

Wir nahmen die Route über Santo Domingo. Das ist zwar die anspruchsvollste, aber auch, wie wir noch herausfinden sollten, die schnellste Strecke. Da die Schulferien schon am Donnerstag begonnen hatten, war der große Schwung bereits vorbei. Die meisten waren bereits am Freitag an die Küste gefahren und die Straßen wirkten streckenweise wie verwaist. In den Anden erwarteten uns die üblichen Herausforderungen: Es regnete wie aus Gießkannen und wenn einmal nicht heftige Schauer niedergingen, hüllte uns der dichte Nebel wie ein nasses Bettlaken ein. Da das befürchtete Gedränge auf den Straßen ausblieb, blieben uns unangenehme Überraschungen erspart. Wir folgten immer der Route, die uns das Navi anzeigte, und für den größten Teil der Strecke fuhren wir gut damit.

Dann, es war bereits dunkel, aber uns trennten nur noch dreißig Kilometer von unserem Ziel, war die Asphaltierung plötzlich verschwunden und auf dem letzten Teilstück der Reise erwartete uns eine brachiale Schotterpiste. Das Navi konnte natürlich nicht wissen, dass gerade Straßenbauarbeiten im Gange waren. Die Straße war nicht gesperrt und auch Umleitungsschilder suchte man vergebens. Ich dachte, nach ein, zwei Kilometern würde es wie gewohnt weitergehen, doch das ganze letzte Teilstück nach Bahía führte über Schotter und erst in Bahía selbst hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen. Wenn ich schnell fuhr, zeigte das Tachometer vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde an. Oft musste ich aber die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, denn in Teilen der Strecke ging es über wahre Katarakte von Bodenwellen und wenn ich zu schnell fuhr, schaukelte sich die Bewegung derart auf, dass ich fast durchs Dach geschleudert wurde. Hier hätte ein Allradantrieb sicher gute Dienste geleistet – und ich hatte mich tatsächlich gefragt, wofür man hierzulande geländegängige Fahrzeuge braucht. Jetzt weiß ich es.

Nachdem wir die letzte Siedlung hinter uns gelassen hatten, herrschte tiefschwarze Nacht. Tatsächlich sahen wir nicht ein einziges Licht, weder nah noch fern, nirgendwo. Es war so dunkel, als wäre gerade ein globaler Stromausfall eingetreten. Eine dichte Wolkendecke verhinderte, dass man den Mond sah, der uns wenigsten den Weg hätte leuchten können, und es waren selbstredend auch keine Sterne zu sehen. Die Horizontlinie war nur vage zu erahnen. Einmal überholten wir ein anderes Fahrzeug, einen uralten Pickup mit Holzverschlag, ansonsten begegneten wir nicht einer Menschenseele. Wir sahen keine Häuser und bis auf die Schotterpiste fanden sich keinerlei Spuren menschlicher Tätigkeit.

Meine Frau zweifelte schon, dass wir unser Ziel jemals erreichen würden, und schlug allen Ernstes vor, wir sollten unverzüglich zurückfahren. Aber das wären noch einmal dreißig Kilometer in die Gegenrichtung gewesen und die Straße wurde dadurch auch nicht besser. Aber irgendwie hatte mich plötzlich die Abenteuerlust gepackt und schließlich musste diese verdammte Straße ja irgendwohin führen, und wenn schon nicht nach Bahía, dann wenigstens zu einem anderen Ort, an dem Menschen lebten. Dann stieg die Straße an und vom Höhenkamm öffnete sich urplötzlich der Blick auf die Bucht und voraus in der Ferne, vor dem schwarzen unendlichen Ozean, funkelten die Lichter der Stadt wie ein warmes Leuchtfeuer. Die Straße wand sich aus dem Küstengebirge hinab zur Landzunge. Nur wenige Minuten später tauchten wir in den Stadtverkehr.

Meine Schwiegermutter hat eine kleine Wohnung, die sie regelmäßig vermietet. Ihre eigene Wohnung befindet sich im selben Haus eine Etage höher. Ihr letzter Gast war gerade ausgezogen und sie bot uns an, die Wohnung während unseres Aufenthaltes in der Stadt als Unterkunft zu nutzen. Wir nahmen dankend an. Am Abend nach unserer Ankunft ging wir noch ins „Mi Ranchito“, um den Tag bei Burgern und Joghurt ausklingen zu lassen. Ein Problem ergab sich aus der Frage, wo wir das Auto über Nacht parken sollten. Bahía ist zwar eine verschlafene kleine Stadt, dennoch hat das Verbrechen seinen Weg hierher gefunden und zudem scheint es nie zu schlafen. Die Tante meinte, wir könnten das neue Auto nachts unmöglich draußen stehen lassen. Sie bot uns ihren Hof an, aber am Ende erwies es sich, dass der Abstellplatz zu eng war. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Leute, die in der Stadt unbebaute Grundstücke besitzen, bieten diese gegen ein kleines Entgelt als Parkplatz an. Die Tante kannte eine verlässliche Person und dort ließen wir den Wagen neben den Autos anderer ängstlicher Fahrzeugbesitzer auf einem ummauerten Hof. Die zwei riesigen Hunde des Besitzers streunten darin herum, und als wir ausstiegen, gebärdeten sie sich so wild, als wollten sie uns auffressen. Der Besitzer des Hofes musste sie mit Gewalt zurückhalten. In der Früh am nächsten Tag holten wir das Auto wieder ab und fuhren mit der Mutter meiner Frau und ihrer Tante zum Friedhof. Fürs Parken gaben wir dem Besitzer des Grundstücks vier Dollar.