In Ecuador gehen nicht nur die Uhren anders – hier ist einfach alles anders. Viele Dinge sind gut so wie sie sind; an manche Dinge muss man sich erst gewöhnen; an andere wird man sich nie gewöhnen (Siehe auch hier!).
Sehr gut gefällt mir der entspannte Lebensstil, den die Menschen hier pflegen. Ein Freund meines Schwagers (Jorge, genannt Jorgito) gab mir einmal einen Rat: In Ecuador funktioniere zwar nicht alles so reibungslos wie in Deutschland und auch könne man nicht erwarten, dass alles von Anfang bis Ende geregelt sei, aber dennoch kann man ein unbeschwertes Leben führen, wenn man die Dinge nur einfach auf sich zukommen lässt und abwartet. Man wird immer wieder Problemen begegnen, die einem zunächst unüberwindlich erscheinen. Aber man muss Ruhe bewahren, das ist das Allerwichtigste, und Geduld haben – am Ende regelt sich alles von selbst. Ganz falsch sei es zu versuchen, etwas zu erzwingen. Wenn man es schafft, Ruhe zu bewahren, kann man in Ecuador sehr gut und vor allem sehr entspannt leben, ohne Terminstress und ohne Alltagshektik.
Wie oft habe ich, wenn ich meinen Sohn morgens in Berlin zur Schule fuhr, Menschen hinter der Bahn her rennen sehen: Aktentasche unterm Arm und spurten, was das Zeug hält. Hier habe ich noch nie jemanden rennen sehen – weder nach dem Bus, noch zum Spaß. Selbst in Quito, der Hauptstadt, haben es die Leute nicht eilig. Eigentlich haben sie es niemals eilig, nirgendwo. Man nimmt sich für alles Zeit und vor allem braucht alles seine Zeit. Wenn man zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse ansteht, wundert man sich, wie lange es dauert, bis man endlich dran ist. Dabei sind 15 Kassen geöffnet und an allen stehen lange Schlangen. Die Ecuadorianer haben die sprichwörtliche Arschruhe, niemand würde sich darüber beschweren, dass es so lange dauert, und niemand regt sich darüber auf. Man hat Zeit.
Ich finde es ja schön, ohne Termine zu leben und ich genieße es, immer so viel Zeit zur Verfügung zu haben, wie ich eben brauche. Manch einer, der es von Deutschland her gewohnt ist, seinen Tag auf die Sekunde durchzutakten, hat da am Anfang Probleme. Man wird hierzulande kaum erleben, dass man Termine pünktlich wahrnimmt. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren doch einiges getan und die Leute sind nun in der Regel pünktlich, zumal wenn es sich um Geschäftstermine handelt. Im privaten Bereich nimmt man es mit der Zeit auch weiterhin nicht allzu genau. Auf Handwerker oder Möbellieferungen wartet man entweder bis zum Sanktnimmerleinstag oder aber ausgerechnet dann steht jemand vor der Tür, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnet. Und wenn die Leute tatsächlich einmal pünktlich kommen, ist man fast schon überrascht. Zeit ist in den Tropen ein viel dehnbarer Begriff als in Deutschland und man sollte sich beizeiten abgewöhnen, die Dinge zu streng zu sehen.
Was besonders ins Auge sticht, wenn man durch die Städte fährt, ist der Eindruck des Halbfertigen, des Provisorischen: Viele Gebäude sehen so aus, als seien sie nie fertig gebaut worden, als hätten die Bauleute einfach ihre Maschinen stehen lassen und wären von einem Tag auf den anderen abgezogen. So bleiben Häuser unverputzt, die oberen Etagen stehen auf Jahre hinaus als Bauruinen leer, aus den Dächern ragen die Stahlarmierungen, als hätte man vergessen, ein weiteres Stockwerk aufzuführen. Man weiß nicht, ob den Besitzern das Geld ausgegangen ist oder ob sie einfach keine Lust mehr haben weiterzubauen oder ob sie mit dem desolaten Zustand sogar zufrieden sind – wer weiß. Oft sieht es so aus, als störten sich die Bewohner gar nicht daran, dass ihr Heim wie eine Baustelle aussieht.
Dieselbe Einstellung kann man zuweilen auch in manchen Wohnungen beobachten. Alle meine Bekannten in Berlin haben stets Mühe und Sorgfalt darauf verwandt, die eigenen vier Wände möglichst wohnlich und gemütlich zu gestalten. Hierzulande kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Schlafzimmer nur mit Bett, Schrank, Stuhl und Leuchtstoffröhre an der Decke eingerichtet ist. Ich empfinde eine solch spartanische Einrichtung als nicht sehr gemütlich, aber das ist ja auch nur meine Meinung und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man muss vielleicht berücksichtigen, dass sich der Großteil des Lebens in der Öffentlichkeit abspielt und auch die Familie nimmt einen viel bedeutenderen Platz als in Deutschland ein. Demgegenüber treten solche trivialen Dinge wie eine schöne Wohnungseinrichtung in den Hintergrund. Außerdem gibt es hier keinen Winter, den man in einer mollig warmen und gemütlichen Wohnung zu überstehen hätte. Und manchmal ist eine schöne Wohnung auch eine Frage des Geldes: So mancher Gutbetuchte hierzulande gestaltet sein wie eine Festung gesichertes Anwesen mit exquisitem Interieur zu einem geschmackvollen und schönen Heim für seine Familie. Davon können Familien mit schmalerem Geldbeutel oft nur träumen.